Auf der Rückseite des Titlis

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Vorbemerkung des Verfassers. Da die Aufmerksamkeit neuerdings auf die Gebirgsgruppe um den Stein und Sustfnpaß gelenkt worden ist, hat doch das Alpine Journal im Jahre 1900 über diese Berge und speciell über die Fünffinger-stöeke nicht weniger als drei größere Artikel mit fünf Illustrationen und einer Karte gebracht, so wird man es dem Unterzeichneten wohl nicht übel nehmen, wenn er hier als Beitrag zur Ersteigungsgeschichte der Fünfflngerstöcke und des Titlis einen bisher nicht gedruckten Vortrag reproduziert, den er im Wintersemester 1871/72 vor der Sektion Bern des S.A.C. gehalten hat. Absichtlich wurde die vielleicht etwas veraltete Darstellungsform beibehalten und vom heutigen Standpunkt nötige, namentlich topographische Erklärungen als Anmerkung beigegeben. Meine frühem Angaben über unsere Besteigung der Fünffingerstöcke im Jahrbuch S.A.C. XI, pag. 538, und XXVIII, pag. 316, sind durch die eingehenden Studien im Alpine Journal hinfällig geworden. Schon darum ist ein Wiedereintreten auf die Frage geboten. Die Siegfriedkarte ist in dieser Gegend merkwürdig falsch und hat alle Beschreiber jahrelang genarrt.

Es war einer jener sonnigen Septembertage, wie sie die ausgehende Bergsaison des letzten Jahresverklärten, als Freund Ernst Müller, cand. theol.2 ), und ich 8 ) auf einem der stolzen Salondampfer Brienz zustrebten. Wir hatten gehofft, auf demselben einen alten Studienfreund, Rätzer, zu begegnen, der im einsamen Gadmen als Seelenhirt haust, und sich laut unserer Verabredung auf der Rückreise von Bern nach seiner Einsiedelei befinden sollte. Nun schien es ihm aber im Tiefland einstweilen besser zu behagen, als bei seinen biederen Bergbewohnern, denn er fehlte an unserem Sammelpunkt. Nichtsdestoweniger wurde beschlossen, auch in seiner Abwesenheit seine Junggesellenwohnung als Hauptquartier zu belegen und ihn dort abzuwarten. Ein leichtes Wägelchen brachte uns rasch nach Meiringen, nachmittags wurde der imposante Kirchet überschritten, und nach flüchtigem Besuch beim Pfarrer zu Innertkirchen, der seinen Kollegen nicht hatte passieren sehen, der Fuß auf die unterste Stufe des dreiteiligen Gadmenthals gesetzt. Es trieb uns eilig vorwärts, ging es doch den langentbehrten Bergen entgegen. Besonders in mir drängte es nach der Höhe; ich hatte ja den ganzen Sommer hindurch keine Gelegenheit gehabt, meinen im deutschen Flachland angesammelten Hochgebirgsdurst zu stillen, und mein Gefährte schritt nicht minder aus. Kaum nahmen wir uns Zeit, in Mühlestalden eine Flasche eines roten Säuerlings zu uns zu zwingen und dem Eingang zum Triftgebiet im Vorbeigehen einen warmen Blick und die Versicherung zu gönnen: „ Da kommen wir auch noch hin. " Es sollte uns nicht so gut werden, aber ohne Ahnung des kommenden Unheils stürmten wir mutig den letzten Thalriegel und sahen das langgestreckte Hauptdorf des Thaies „ Im Bühl " vor uns, an dessen anderem Ende das ersehnte Pfarrhaus liegt. Bis wir dort ankamen, war es denn doch spät und finster geworden. Um so entschiedener klopften wir an: „ Pfarrherr, du kühler, öffne dein Thor !" Aber keine Antwort erscholl aus dem verschlossenen Paradies; M d.h. 1871.

2 ) Jetzt Pfarrer in Langnau.

3> Dr. H. Dübi.

die Magd, der es da wohl zu einsam vorkam, war zu ihren Eltern ins Dorf gegangen, und jeder Versuch, auf den landesüblichen Wegen durch Thtlr oder Fenster den Eingang zu erzwingen, scheiterte. Was nun thun?

Das einzige Wirtshaus genügt auch bescheidenen Anforderungen kaum, und wo der dienende Geist der Pfarre gegenwärtig wohnt, wissen wir nicht. Da taucht meinem Begleiter die Erinnerung an den gleichen Fall im nämlichen Hause auf; er rekognosziert sorgfältig und ein jubelndes „ Hurra, wir sind gerettet !" verkündigt das Resultat seiner Forschungen. Eine niedrige Thür im Erdgeschoß, die zu einer Art Kellerraum führt, ist nicht verschlossen, und, „ durch diese hohle Gasse muß es gehen ". Beim Schein eines Zündhölzchens zeigt er mir an der Decke eine Fallthür, die, heruntergelassen, uns den Zutritt ins erste Stockwerk öffnet. Wir steigen hinauf, schließen hinter uns ab und sind im Besitz des Terrains. Nun wird requiriert. Eine Weingeistmaschine und Licht findet sich in der Küche, ebendaselbst einige Speisevorräte und das nötige Geräte, einige Tafeln Chocolade führen wir mit, und die nächste Viertelstunde findet uns in den Vorbereitungen zum Souper. Die Arbeit war im schönsten Gang, als, angelockt durch den Lichtschein, die Magd heimkehrte. Sie zeigte keine sonderliche Überraschung über unser etwas ungeniertes Betragen, wunderte sich nur, wie wir hereingekommen seien, was ihr mein Freund unter Berufung auf sein früheres Erlebnis erklärte, und vervollständigte mit großer Bereitwilligkeit und kundiger Hand unser Abendessen. Bald darauf bezogen wir unter fröhlichem Lachen über diesen vielversprechenden Anfang unserer Fahrten die Lagerstätte.

Der folgende Tag wurde, da zu größeren Thaten augenblicklich kein Führer aufzutreiben war, einem Bummel auf die Steinalp und die Höhe des Sustenpasses gewidmet. Abends heimgekehrt trafen wir den Pfarrherrn wieder nicht, wohl aber den Führer Mohr, mit dem wir abmachten, am nächsten Morgen die Uratstöcke zu ersteigen. Dieselben galten für unerstiegen, aber unschwierig, boten jedenfalls Einblick in die in Aussicht genommenen Gebiete der Trift und des Titlis und füllten den Tag aus, im Verlauf dessen unser Freund wohl zu seiner verlassenen Herde zurückkehren mußte.

Beim ersten Morgengrauen schritten wir drei auf der Sustenstraße unserem Tagewerk entgegen. Der Bergzug der Uratstöcke l ) trennt das Thal der Gadmeraa vom Wendengletscher und -wasser und kann auch von der Steinalp aus in Angriff genommen werden, doch schien uns der Weg von der Rückseite praktikabler. Erst in ziemlicher Höhe schwenkten wir links von der Straße ab, den Höhen zu, um unter dem tiefsten Felskopf des Bergzugs herum unsere Operationsbasis zu erreichen. Steil und langweilig war der Marsch vornhinauf über die Grashalden, aber kaum anmutiger das Traversieren auf der Rückseite des Bergzugs 2 ), die l ) Die Dufourkarte, Blatt XIII, zeigt nur den Namen uratstöcke. Das Blatt Wassen S. A. war damals ( 1871 ) noch nicht publiziert.

9; Er trägt auf dem Blatt " Wassen in seinem oberen Teil den Namen „ Vorbettlihorn ", im unteren die Bezeichnung „ Grätli " ( 2067 m ).

mit Blöcken und Gufergeröll bedeckt ist und steil abfällt gegen das Wendenwasser. Gewaltig stiegen uns gegenüber die Felswände des Titlis aus dem Wendengletscher empor, doch schien mir eine Untersuchung mit dem Fernrohr die Möglichkeit eines direkten Aufsteigens gegen den Punkt 3031, den Vordem Nollen, zu sichern. „ Ja, es ginge schon, aber es ist Kalk ", meinte Mohr, dem ich diese Beobachtung anvertraute. Wer Lust hat an etwas Besonderem, mag einmal diesen, jedenfalls als Kletterübung und Schwindelprobe interessanten Weg einschlagen i ).

ilerzlich verstimmt durch das Stolpern über den „ Urat ", wie unser Führer diese Trümmerhalde mit etymologisch vielleicht gewagter Anspielung auf den Namen der Stöcke über uns bezeichnete, betraten wir schief gegenüber dem kleinen Uratstock 2671 der Karte 2 ) den Gletscher 3 ), als plötzlich ein schriller Gemspfiff uns stutzig machte.

Beim Aufblicken sahen wir den Herrn der Gegend, den unserm Gadmer wohlbekannten „ Uratbock ", uns gegenüber. Kurze Zeit noch beobachteten wir uns gegenseitig, dann machte er Kehrt und verschwand über die Spitze seiner unwirtlichen Klippe. Im Weitersteigen hatten wir Muße genug, die rührende Geschichte dieses armen Geschöpfes zu vernehmen. Einst hauste er als unbestrittener Pascha in diesem ganzen Gebiet, geliebt und gefürchtet von einem zahlreichen Hofstaate. Da kam ein jüngerer, kräftigerer Rivale auf abenteuernder Fahrt aus dem Triftgebiet herüber, bestand ihn im erbitterten Hörnerkampf und alle Geißen mit ihren Jungen fielen von dem Besiegten ab. Daher haust er jetzt als scheuer, finsterer „ Strohwitwer " in den Uratstöcken. Seitdem hat vielleicht eine Kugel seiner verfehlten Existenz ein Ende gemacht, denn die Gadmer führen, wenn auch selten Jagdpatente, doch die Büchse gerne und stellen dem schlauen Einsiedler schon lange nach. Aufwärts ging 's in dem zum Glück noch beschatteten Eiskessel, ohne Schwierigkeit, aber auch ohne Reiz. Auf der Scheide angekommen, wo der Firn ostwärts wieder abfällt 4 ), wandte sich unser Führer zu unserem Erstaunen links, und wir erstiegen den zwischen Urat- und Wendengletscher liegenden Hintern Uratstock, ein wüstes Gewirr durch Verwitterung zerfallener Blöcke und Brocken. Oben angekommen, erklärte Mohr das Ziel für erreicht. Das wollte uns nicht einleuchten, denn südwärts überragten uns zackige Kämme. Karte heraus! Leider lag aber dies nützliche Instrument drunten im Pfarrhaus, und nun waren wir nicht im stände, unserem hartnäckigen Führer zu beweisen, daß wir noch keineswegs alles gethan hätten, was wir uns vorgenommen hatten. Die uns gegenüberstehenden,Ich glaube nicht, daß diese Richtung auf den Titlis je eingeschlagen worden ist.

2 ) d.h. Blatt XIII Dufour.

3; Gemeint ist der unbenannte Gletscher, der zwischen Vorder- und Hinter-Uratstock herunterkommt und sich mit den untersten Ausläufern des Wendengletschers an dessen linkem Ufer vereinigt.

nur durch ein schmales Plateau von uns getrennten Zacken nannte er die ^Fünffingeriera und wollte weder glauben, daß sie höher seien als unser Standpunkt, noch daß sie zum Urat mitgehören. „ Immerhin nehmen wir sie mit, " lautete aber unser Entscheid, „ hinüber müssen wir ja auf jeden Fall, wenn wir zum Steinwirtshaus hinab wollen. " So geschah es denn auch. Zwei dieser Finger oder Zähne 1 ) wurden erklettert, ein dritter noch wenige Meter höherer, vielleicht der Gipfel, wurde nicht probiert. Er bestand aus Ubereinandergeschichteten, wackligen und bröckligen Kalkplatten, und versprach für die Mühe, die er sicher erforderte, wenig Gewinn. Uns verdeckte er den Ausblick nach Gadmen hinunter, den wir schon vom hintern Gipfel 2 ) genossen. So ließen wir uns denn dabei genügen 8 ).

Ich muß gestehen, daß ich durch die spannungslose Bummelei in ein Gefühl vollkommener „ Wurstigkeit " gekommen war, und mich durchaus nicht nach der Ehre sehnte, im Schweiß meines Angesichts auf diesen Fluhkopf zu klimmen, um oben vielleicht die Entdeckung zu machen, daß ein noch höherer dahinter stehe. Mehr lockte mich die Nähe des Wendenhorns 4 ) ( 3036 m ), von dieser Seite aus unschwer ersteigbar, aber ein Versuch, meine Gefährten dafür zu begeistern, fiel auf wenig empfänglichen Boden, und da es jedenfalls Zeit und Kraft in Anspruch nahm, welch letztere wir auf den nächsten Tag für den Titlis zu sparen wünschten, so bestand ich auch nicht darauf. Heute bereue ich diese Schlaffheit; damals merkte ich körperlich und geistig, daß ich zu lange die Bergwanderungen ausgesetzt hatte. Die Aussicht ist beschränkt und unbedeutend, doch machen die Tierberge, der Titlis und das Triftgebiet einen guten Eindruck. Neben dem Titlis wurden am eingehendsten und liebevollsten die schwarzen Felsrippen der Spannörter untersucht mit Hintergedanken, die leider nicht zur Ausführung kommen sollten. Nach dieser Umschau, die ein schneidiger Wind abzukürzen zwang, stiegen wir auf den Oberthalgletscher 5 ) hinunter.

In einer Balm an der Ostseite des Stockes ( 2831 der Dufourkarte ) wurde abgekocht und Mittag gehalten, dann über den Gletscher und den Henberg zum Stein hinuntergeeilt, und nachdem wir dort unsern mit Kaffee, Käse und Brot nicht gesättigten Leibern etwas Stärkendes gegönnt, abends ziemlich früh das Pfarrhaus in Gadmen wieder erreicht, wo wir nun endlich auch den Pfarrherrn fanden. Berufspflichten, es war schon Freitag, hinderten ihn, den folgenden Tag uns zu begleiten. Dagegen sollte Sonntags nach der Predigt der Abmarsch nach der Clubhütte am Thältistock unter seiner Führung stattfinden.

Der folgende Tag führte uns auf den Titlis. Der von Gadmen aus seit einigen Jahren mehrmals begangene, schwierigere und mühsamere Weg hat vor den Zugängen der Nordseite den Keiz größerer Abwechslung und tieferen Einblicks in die Bergwelt voraus. Er führt an dem rechten Ufer des Wendenwassers hinauf über die Wendenalp und den Hängen der Gadmerflühe entlang an den steilen Felsabsturz, welcher den sog. „ Kleinen Gletscherzwischen Reißend Nollen und Titlis vom Wendengletscher trennt. Diese Barrière bietet das erste Hindernis und ihre Überkletterung erfordert einige Arbeit, weil die ganz abgewaschenen, glatten Kalkfelsen Hand und Fuß wenig Stützpunkte bieten. Einmal die Höhe erreicht, geht es über den sanft ansteigenden Gletscher leicht und rasch aufwärts, bis zu einer den Hintergrund desselben in zwei Arme teilenden, auf der Karte nicht angegebenen Felsmasse. In derselben liegt die sog. Gemskapelle, eine natürliche Höhle mit Tropfsteinbildungen. Der tiefe Stand des Firnes und der drohende Umschlag des Wetters, der zur Eile mahnte, ließ es uns nicht zu, in dieselbe einzudringen. Die gleichen Umstände hielten uns auch ab, den Versuch einer Abkürzung der gewöhnlichen Route dadurch zu machen, daß wir vom linken Ufer des Gletscherchens aus direkt die Wände des Titlis hinaufkletterten. ( Man würde das Joch dann etwa bei Ziffer 4 des Punktes 2714 der Karte 2 ) betreten. ) Früher im Jahr und in schneereicheren Sommern würde ich unbedingt dort hinaufstreben, um 1k—1 Stunde zu gewinnen und den lästigen Kamin zu umgehen, der jetzt den einzigen Zugang zum Joch zwischen Titlis und Reißend Nollen bildet. Wir fürchteten den Bergschrund, der den Übergang vom Gletscher auf den Fels im Spätherbst immer mißlich macht, und hatten keine Zeit zu langen Manövern. Einmal im Fels, hätte sich der Rest leicht gemacht. Und da ich einmal im Vorschlagen bin, so will ich auf die Gefahr hin, schulmeisterlich zu erscheinen, noch einen andern Gedanken vorlegen, der vielleicht noch abenteuerlicher erscheinen mag als das Gesagte, aber dennoch meine ernste Überzeugung ist, nämlich, daß für gewandte Berggänger, die freilich Schwindel nur vom Hörensagen kennen dürften, eine Ersteigung des Reißend Nollen von der Ostseite, d.h. vom vorgenannten „ Kleinen Gletscher " aus, nicht z.u den Unmöglichkeiten gehören möchte, obschon der erste Blick auf diese von wenigen, aber eben zusammenhängenden Bändern durchzogenen Fluhsätze diese Meinung nicht zu begünstigen scheint. Sport bliebe diese Kletterei jedenfalls, und bequemer kann man das gleiche Ziel von der Höhe des Titlisjoches der Kantonsgrenze folgend erreichen 3 ).

Doch kehren wir wieder zu unserem Ausgangspunkte zurück. Wir folgten also dem gewöhnlichen Wege hart an den Wänden des ReißendKlein Gletscherli des Blatt Wassen.Auf Blatt Wassen mit 2730 kotiert.

s ) Ich glaube nicht, daß dieser Vorschlag seitdem zu einem Besteigungsversuch geführt habe.

Nollen, da, wo zwischen diesem und den oben erwähnten Felsen des Titlis eine schmale, mit Schnee gefüllte Kehle in ungewöhnlicher Steile gegen das Joch sich hinaufzieht. Unter der schmelzenden oberen Schicht war alles festgefroren und spiegelglatt, was das Vorrücken nicht erleichterte, und ein im Sonnenschein glänzender, überhängender Gletschersturz ob unsern Häuptern machte die enge Passage, wo an ein Ausweichen nicht zu denken war, noch weniger gemütlich. Die Schlucht wird gekrönt von einem regelrechten Kamin, den man nur in gespreiztester Stellung ersteigen kann, besonders in einem Jahr, wo der Schnee tief von den Felsen zurückgesunken ist. Doch alles wurde überwunden, und tief aufatmend standen wir endlich auf dem Joch, um uns mit einem Blick zu überzeugen, daß ein schweres Wetter sich von Norden heranwälze. Mit hoffnungslosem Trotz wurde rechts geschwenkt und durch den tiefen Schnee nach den beiden Gipfeln gewandert. Am Signal angekommen, waren wir in den dichtesten Nebel gehüllt, der auch keine Spur von Aussicht zuließ, und dazu wütete ein „ Gux ", wie ich ihn an der Berrà nicht schöner erlebt hatte 1 ). Mit klappernden Zähnen wurden hastig einige Bissen geschluckt und durch Wein die innere Wärme herzustellen gesucht, dann schrieben wir uns mit froststarrenden Fingern ins Gipfelbuch, wohl die letzten Gäste des Jahres, wünschten demselben in seiner Blechbüchse im Steinmannli einen ruhigen Winterschlaf und taumelten, halb geblendet von den Eisnadeln, bergab. Bald verzog sich der Sturm ein wenig, wir konnten am Roteneck die verhängnisvolle Stelle, wo Imfanger seiner Zeit verunglückte, und die Ursache des Unfalls nach der Darstellung von Mohr, der bei der Aufsuchung mithalf, studieren. Hier wie fast immer war eine Unvorsichtigkeit die Quelle des traurigen Ereignisses. Imfanger war nach vergeblichem Versuch, direkt über den Gletscher gegen den großen Bergschrund hinaufzusteigen, auf dem Rückweg und ließ sich, um abzukürzen, verleiten, abwärts den steilen und schlüpfrigen Gletscher zu traversieren, um bei den Felsen des Rotenecks in den gewöhnlichen Weg einzulenken. Der Reisende, der hinter und über ihm stand, schoß, ausgleitend, deswegen am Seil in weitem Bogen um ihn herum und mußte, wie er in der Sehne gerade unter dem Führer ankam, durch den plötzlichen furchtbaren Ruck den riesig starken Mann notwendig nachschnellen 2 ). So rächte sich das Versäumen einer Vorsicht, die man zu zweien doppelt nötjg hat.

Unser Absteigen ging dagegen ohne Unfall von statten. Auf der Höhe des Jochpasses überfiel uns ein nachdrücklicher Regen, und bis zum Wirtshaus auf Engstlenalp waren wir schon so naß, daß wir beschlossen, nach kurzer Stärkung trotz alledem noch am gleichen Abend über Mühlestalden um die Gadmerflühe herum das gastliche Pfarrhaus zu erjagen, wo wir, naß bis auf die Haut, aber sonst wohlbehalten, ankamen.

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