Auf einsamen Pfaden in der Dammakette

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Aus dem Nachlass von Felix TharinZürich )

Im Juni 1933 hatten Freunde aus Zug, mit Sommerski ausgerüstet, das Eggjoch in teilweise schwerer Kletterei direkt vom Kehlengletscher aus bestiegen. Als ich davon erfuhr, kam ich auf den Gedanken, dort hinauf einen Weg zu suchen, der unter möglichst grosser Skihilfe die direkte Ver- bindung zwischen der Kehlenalphütte und dem Dammastock erleichtern würde. Weil wir uns daher möglichst auf dem Schnee hielten und jede Felskletterei vermieden und wegen der Ungangbarkeit des Gratstückes südlich vom Punkt 3357 im Schnee und mit Ski als Hindernis gelang es uns nicht, das Eggjoch zu erreichen. Denn der Grat ist dort nicht mehr wie am Dammastock oder gar noch am Eggstock auf der Westseite mit Firn bekleidet. Im Gegenteil wird er nordwärts vom Eggjoch zackig und scharf, ganz besonders das Stück zwischen dem Eggjoch und dem Punkt 3357. Wegen der Schönheit des Aufstieges und der Schwierigkeiten, die auf dem Grat einsetzen, darf man diesen Übergang zu den erstklassigen Urner Fahrten einreihen.

Am 9. Juni 1935 erwachen Trachsel und ich in der Göschener Alp. Für heute haben wir uns keine allzugrosse Aufgabe gestellt: ein Einlauf führt uns den wunderschönen Firnhang zum leichten Lochberg hinauf und über flotten Fels zum Feldschyn. Die fabelhafte Abfahrt nach der Göschener Alp füllt den angenehmen Tag aus.

Leider ist gegen Abend das Wetter nicht mehr so einladend, und als wir auf der mit Krokus über und über besäten Göschener Alp dem Dörflein zuwandern, hege ich trübe, schwere Heimfahrtsgedanken. Trachsel hingegen kann es nicht fassen, dass die Bergfahrt schon zu Ende sei. Ihm zuliebe und auch um einen neuen schönen Tag nicht zu verpassen, werde ich doch in die Kehlenalp gehen.

Und so verlassen wir um 17 Uhr das heimelige Krokuseiland und wandern gemächlich ins Kehlenalptal hinein. Auch die Sonne kommt wieder, und das Wetter sieht gar nicht mehr so schlimm aus, als wir die schöne Kehlenalphütte der Aarauer erreichen. Viele Skifahrer sind schon da, die heute Sustenhorn und Gwächtenhorn begangen haben, und morgen werden sie zweifellos Gwächtenhorn und Sustenhorn mit Parsenngedanken wieder besteigen. Obwohl ich es noch nie so weit gebracht habe, lockt mich ein ganz anderes Ziel.

Der mächtige Grat, der die Fortsetzung der Dammakette am Eggstock übernimmt, zeigt hier seine prächtige rauhe Flanke. Wie können unsere Zuger Freunde überhaupt daran gedacht haben, die Ski über so steile Wände hinaufzutragen! Und ist es überhaupt möglich, sie im Aufstieg irgendwo zu benützen?

Zwischen den Nebelschwaden können wir die Route sehen, die ich auf einer Photographie schon ausstudiert hatte: die Gletscherzunge, die vom Eggjoch herabzieht, wird bis zur Mitte benutzt; dann werden wir nach rechts einen vielleicht sehr zerrissenen Seitenarm anpacken, der uns in eine flachere Mulde führt; es folgt eine steile Schnee- oder gar Eiswand, die zweifellos zu Fuss genommen werden muss, dann wiederum ein flacherer Rücken, der am Fusse der letzten Felswände in eine Mulde ausläuft; dort, nochmals nach rechts, leitet ein feiner Schneegrat zum Hauptgrat. Es geht, es muss ganz bestimmt gehen, und dazu noch alles auf Schnee, aber wir müssen erst... schönes Wetter haben.

Einen guten Ratschlag Ludwig Purtschellers befolgend, essen wir uns so satt, als es unsere Vorräte erlauben, denn morgen werden wir dazu kaum Zeit haben. Bald legen wir uns in die Decken und erfreuen uns, von den geschwätzigen Sustenhörnlern absolut ungestört, eines prächtigen Schlafes.

Um halb 2 Uhr weckt uns der freundliche Hüttenwart Gamma, und Punkt 2 Uhr verlassen wir, die Ski auf den Schultern, die stille Hütte. Ein bequemes Schneecouloir führt in 10 Minuten mühelos zum Kehlengletscher hinunter. Dort werden die Ski angelegt und in weitem Bogen erreichen wir bei Mondschein auf spaltenlosem Firn die gegenüber einmündende Gletscherzunge. Langsam steigen wir in grossen Kehren, kaum behindert von einigen Lawinen-blöcken, und gewinnen bald die Höhe der Klubhütte gegenüber. Der Nordostgrat des Eggstockes hält den Mondschein ab, aber die Nacht ist klar, die Laterne glücklicherweise überflüssig. So viel sehen wir schon, dass wir unsere Lage genau feststellen können.

Nach einigen steileren Stücken kommen wir in eine Mulde, die den Lawinen jedenfalls als Sammelpunkt dient, denn es herrscht hier ein solches Chaos von Gräben und Firnblöcken, dass wir kaum durchkommen. Auch ist es Zeit, nach rechts abzubiegen, und wir finden eine Schneezunge, die uns den Zugang zum zweiten Teil der Besteigung erlaubt.

Hier haben wir bald den unangenehmen Eindruck, auf einem furchtbaren Spaltenlabyrinth zu wandern. Für einen kurzen, heiklen Moment müssen wir uns anseilen, unsere Nerven sind auf diesem Sieb aufs höchste gespannt. Die sondierenden Stöcke stossen überall durch, wir zum Glück nirgends. Voll Angstschweiss nähern wir uns der steilen Wand und atmen dann erleichtert auf.

Denn wir haben es jetzt nicht mehr mit einem feindlichen, unheilvollen Firn zu tun, der seine Absichten nicht zeigen will, sondern mit einer Firnwand, echtem Schnee und Eis, kompakt und ehrlich, mit dem man ohne Zögern etwas anfangen kann. Und tatenfroh greifen wir auch ein wenig ausgesprochenes Schneegrätchen an, wo die Schuhe vorerst die nötigen Stufen schlagen können. Weiter oben wird der Schnee hart und das feine Grätchen bis zum Eise ausgeblasen. Da muss der Pickel eingreifen.

Der Schneegrat verliert sich bald in einen steilen Hang und der Hang in ein Firnfeld, wo man die Ski wieder anlegen kann. Der Firn ist aber sehr steil, und das ist wohl das Äusserste, was man mit Ski besteigen kann. Der Schnee ist nicht allzuhart und lässt die Kanten leicht eingreifen, die Harscheisen sind uns hier sehr nützlich.

Indessen ist es Tag geworden. Uns gegenüber ziehen in langen Kolonnen die Sustenhörnler der Sustenlimmi zu, einige haben sie schon erreicht.

Wir dürfen noch nicht rasten. Erst muss die letzte Mulde erreicht werden und die Sonne da sein. Unser Aufstieg wird immer sanfter, und bald haben wir das gewünschte Plätzchen ausgesucht, wo wir eine grossartige Aussicht gemessen, einige Früchte essen und den Weiterweg auskundschaften können.

Mächtig steht neben uns der Eggstock. Seinen Nordostgrat sehen wir jetzt schön im Profil, und er scheint gar nicht mehr so bös wie damals im Sommer, wo wir das brüchige Gerippe vier lange Stunden im Abstieg nur zu voll auskosten durften. Heute erscheint er uns wie aus dem Puderkasten gezogen, wohl steil, aber nicht so unmöglich, und doch kann ich ihn nicht und nie in angenehmer Erinnerung haben. Wir bestaunen besonders die wundervollen Gwächten, die Eggstock und Eggjoch krönen. Die Sonne beleuchtet jetzt die Wand, und alles kommt uns frisch und rein vor. Auch wir sind in vorzüglicher Verfassung und werden das Schneegrätchen da oben mit Freude angreifen.

Zuerst in der Flanke und über einige Schründe können wir die Ski noch benützen. Dann wird es zu steil. Wir verfolgen eine Eisrinne, wo wir tüchtig hacken müssen, und queren dann zum Grätlein hinüber. Es sieht jetzt ganz hochtourenmässig aus auf unserer feinen Schneescheide. Die Ski haben wir auf dem Rucksack aufgeschnallt, die Beine stecken bis an die Knie im Schnee, der Pickel verschwindet nur so ins Bodenlose. Der letzte Teil wird gefährlich, denn der Grat läuft in die Wand aus, wo die Sonne schon arg aufgeweicht hat. Aber wir sind auf dem Grat.

Das ersehnte Ziel ist schon erreicht, und es ist erst 7 Uhr, allerdings die knappste Zeit, die ich angenommen hatte. Das können wir kaum fassen und geben unserer Freude lebhaften Ausdruck. Mein Gefährte ist von unseren Urner Alpen entzückt. Er hat wohl schon eine Anzahl Skitouren hinter sich, aber so etwas Rassiges ist ihm noch nie begegnet. Ja, lieber Freund, es sind eben keine Heerstrassen, das sind Touren, die vom Bergsteiger, dem die Berge lieber sind als die Bretter, etwas verlangen, die aber etwas bieten, was ihm die Heerstrassen niemals bieten werden, nämlich das Gefühl der Freiheit, der Selbständigkeit. Was kümmert uns jetzt die Welt! Es ist erst 7 Uhr, wir haben unser eigentliches Ziel verfehlt, wissen auch nicht, wie wir auf diesem zackigen Grat weiterkommen werden, aber wir sind frei, wir haben uns in fünf Stunden über Schnee und Eis emporgearbeitet, die Sonne lacht, die Luft ist klar, und wir dürfen unseren Kräften vertrauen.

Aber mag der Tag noch lang sein, wir dürfen uns hier mitten in Gletscher und Fels durch nichts überraschen lassen und müssen erstmals einen Ausgang suchen. Ich hätte gerne das Eggjoch erreicht, doch sind die Ski über die eingeschneiten Gendarmen und den scharfen Grat ein zu grosses Hindernis. Da unten liegt wohl die Mulde « Im Sack », aber sie ist um diese Jahreszeit bei den verschneiten und vereisten, schroffen Wänden nicht erreichbar. Wir wollen also den Grat nördlich verfolgen und hoffen eine Rinne zu finden, die ohne Abbruch zum Gletscher hinunterreicht.

Wir überschreiten viele Zacken, umgehen im Westen den Punkt 3357 sowie mehrere Erhebungen in sehr schwieriger Flankenquerung. Trachsel muss wahre Kunststücke leisten mit seinen langen Ski. Um 9 Uhr sind wir am südlichen Maasplankjoch, wo wir das erste brauchbare Couloir finden. Vorerst statten wir, um nicht ohne Gipfel abzuziehen, dem Maasplankstock, 3403 m, einen kurzen Besuch ab.

Die vereiste Kehle am Ende des Couloirs zwingt uns, abzuseilen. Dann kommt Schnee, wo sich eine gute Spur stampfen lässt. Bald zieht auch Trachsel seine Bretter an. Ein wenig zu früh, denn er muss seine Eile mit einer etwas unsanften Landung in hartgefrorenen Lawinenresten und einigen Beulen bezahlen. Bald haben wir den wunderschönen Hang, der vom nördlichen Maasplankjoch kommt, und über harten Firn flitzen wir davon bis zur Spur, die von der Trifthütte zum Dammastock führt ( 10 Uhr ).

Wir könnten jetzt direkt nach der Furka, doch wollen wir uns die schöne Abfahrt und die einzige Aussicht vom Dammastock nicht entgehen lassen. Also schuften wir wieder aufwärts am Weissen Nollen vorbei zum Eggstock. Nachdem wir am Joch die prächtigen Gwächten bewundert und unsern Aufstieg ein letztesmal angeschaut haben, wandern wir dem Grat entlang, an den Eggstöcken und am Schneestock vorbei zum Dammastock, 3633 m ( 13 Uhr ). Leider können wir die berühmte Aussicht nicht bewundern, denn allenthalben sind Nachmittagsnebel aufgetaucht. Doch geniessen wir dort oben eine volle Ruhestunde, sehen bald den Galenstock, bald die Feldschyn-gruppe, dann und wann das Finsteraarhorn und seine Nachbarn, auch einzelne Gipfel der schönen Walliser Alpen.

Die Abfahrt im steileren Stück ist genussreich und der Schnee ausgezeichnet, aber im Boden unten wird der Schnee pappig und die Hitze fürchterlich. Wir wollten ursprünglich über den Tiefensattel nach Realp, doch beim Anblick der grossen Steigung verlassen uns Mut und Wille. Nach den zwei grossen heutigen Aufstiegen — im ganzen etwa 2400 m — wäre es unmöglich, in so knapper Zeit noch Realp auf diesem Wege zu erreichen.

Es bleibt uns nur noch die unendliche Pilgerfahrt auf flachem Gletscher nach dem Belvédère. Beim geschlossenen Hotel guckt eine Tafel kaum zum Schnee heraus. Dort können wir von weitem lesen: Andermatt 25 km.

Ich will den Weiterweg nicht erzählen. Die endlosen Strecken, schon nur bis zur Passhöhe, der abscheuliche Schnee von dort weg bis Tiefengletscher, das hoffnungslose Rennen auf der zum Teil eröffneten Strecke der Furkabahn und der quälende Gedanke « 8 Uhr letzter Zug ab Göschenen », es ist nicht zu sagenIm Laufschritt haben wir ihn erreicht; er hatte eben Verspätung.

Glück, nur Glück haben wir auf dieser schönen Pfingstwanderung gehabt!

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