Aus den Dolomiten

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Mit 6 Bildern.Von Hans Bracher.

Dolomitenfahrten — welche Fülle von Erlebnissen und Eindrücken! Wenn ich im Schatze meiner Erinnerungen schöpfe, so stehen vor mir kühne, zum Himmel emporragende Türme, Wände und Kanten, grüne Matten, Blumen und Wälder, darüber blauer Himmel. Welcher Kletterer hätte nicht schon einmal von den Dolomiten geträumt? Beim einen weckt der Name kühne Hoffnungen, dem andern waren sie Erfüllung höchster Kletterwünsche. In meinen ersten Bergsteigerjahren las ich begeistert alle Berichte über Dolomitenfahrten, deren ich habhaft werden konnte. Die stolzen Namen der Vajolett, Fermeda, Marmolata, Cima della Madonna, Pala di San Martino, Fünffingerspitze und viele andere prägten sich meinem Gedächtnis unauslöschlich ein. Die Namen eines Grohmann, Winkler, Zsigmondy, Delago, Pichl, Dibona, Innerkofler, Piaz, Zagonel waren mir wohlvertraut. Ich machte mir über die Felstürme meine eigenen Vorstellungen, konnte mich in ihre Bilder vertiefen, durfte aber selbst in meinen kühnsten Träumen nie hoffen, meinen Fuss je auf eine dieser unnahbaren Felsgestalten zu setzen. Später erst reifte der Entschluss zu einer Dolomitenfahrt heran, der Entschluss wurde zur Tat, und eines schönen Morgens fuhren wir zu Dritt in froher Ferienstimmung und mit gespannten Erwartungen im vollbepackten Auto den Dolomiten zu.

Über den Arlberg ging die Reise nach Innsbruck, wo wir im alten Gasthof zum « Goldenen Adler » mit seinen Fürstenzimmern und Goethe- und Hoferstuben einkehrten, dann weiter über den Brenner, an der alten österreichischen Festung Franzensfeste vorbei und hinunter ins Etschtal bis nach Ponte al Isarco, wo wir ins Grödnertal abbogen und auf steilem, schmalem Strässchen über Ortisei nach Santa Cristina gelangten. Hier hatten wir uns mit dem Führer Giovanni Demetz verabredet. Er traf gegen Abend ein, begrüsste uns mit freundlichem Lachen, und sein frohes, offenherziges Wesen gewann uns sofort. Er war nicht nur ein ganz vorzüglicher Kletterer, sondern wurde uns auch zum lieben Kameraden. Seine Muttersprache ist ladinisch, ein im Grödnertal gesprochener, für uns unverständlicher Dialekt. Mit uns redete er ein Kauderwelsch von einem Hochdeutsch, und daneben sprach er italienisch. Leider stand er für einige Tage noch im Dienste des Kronprinzen Leopold, des späteren Königs der Belgier, mit dem er grosseFahrten unternahm.

Unser erstes Dolomitenerlebnis war der Grosse Fermedaturm. Ich erinnere mich des wundervollen, taufrischen Morgens, da wir in das Cisles-tälchen hinaufbummelten, durch prächtige Wälder, über grüne, sanft gewellte Matten, einem munter sprudelnden, hellklaren Bächlein entlang, und im Hintergrund standen die aus dem Grünen steil emporragenden Spitzen der Geislergruppe. Es war ein traumhaftes Bild, der eigenartige, mächtige Zauber der Dolomiten hatte uns gepackt. Nachmittags nach glücklich durchgeführter Überschreitung der Fermeda, auf der Rückkehr nach S. Cristina blieben wir oft Die Alpen — 1940 — Les Alpes.28 stehen, schauten zurück nach der steilen Abstiegswand und waren uns darüber einig, dass die Maßstäbe für Ausgesetztheit und Steilheit in den Dolomiten ganz andere waren als in unsern heimischen Kletterbergen.

Wir waren zum Glück an kein festes Programm gebunden, wir wollten einfach die Dolomiten kreuz und quer durchstreifen und an Gipfeln mitnehmen, was sich bot, dazwischen aber auch zur Ausspannung von Geist und Körper ausgiebig der Ruhe pflegen. Nach diesem Rezept führte uns dann etwa einmal der gute Zufall unverhofft an landschaftlich so wunderbare Erdenflecke, dass wir die Weiterreise einfach unterbrachen und uns ganz dem Zauber der Stunde hingaben.

Am Tage nach der Fermedabesteigung standen wir auf dem Sellapass und waren hingerissen vom Anblick des Dreigestirns Grohmannspitze, Fünffingerspitze und Langkofel. Der Sellapass ist dann für uns so etwas wie ein Hauptquartier geworden, immer wieder kehrten wir, auch auf unsern spätem Dolomitenfahrten, dorthin zurück. Und Demetz mag wohl recht gehabt haben, wenn er sagte, vom Sellapass aus könne man immer etwas unternehmen, auch bei zweifelhaftem Wetter. Im Sellapasshaus ( C.A.I. Milano ) fühlten wir uns zu Hause, Portier Mussner begrüsste uns jedesmal freudig, wenn wir wieder anrückten, und quartierte uns im « Staatszimmer » ein, sofern es frei war. Oft lagen wir stundenlang auf den Weiden des Sellapasses herum und schauten hinauf zu den Felsriffen, schmiedeten Pläne und suchten die uns bekannten Kletterpfade oder verfolgten im Fernrohr die Partien im Schmittkamin oder Kienerriss.

Die Fünffingerspitze auf dem Daumenschartenweg war unsere zweite Fahrt. Die Schwierigkeiten sind nirgends übermässig, aber es ist von unten bis oben eine genussvolle Kletterei in prächtigem Fels, die ich jederzeit gerne wiederholen würde. Wir blickten die Westwand hinab, die Christian Klucker im Jahre 1891 mit Norman-Neruda vom Langkofelkar aus erstmals erstiegen hatte. Zehn Minuten vor ihm langte Jeanne Immink mit den Führern Antonio Dimai und Giuseppe Zechini auf dem Gipfel an, ohne dass die Partien etwas voneinander gewusst hätten. Jeanne Immink hatte die Route der Erstbesteiger Schmitt und Santner gewählt, die im Vorjahre den Gipfel erstmals durch den Schmittkamin erreicht hatten. Klucker hat im Jahre 1897 mit W. E. Davidson an der Fünffingerspitze zwei weitere Neuaufstiege gemacht, vom Grohmanngletscher direkt zur Daumenscharte und vom Langkofeljoch ebenfalls zur Daumenscharte. Diese Taten Kluckers machten mir den Berg besonders wert.

Kreuz und quer ( Cinque Torri, Kleine Zinne ).

Nach diesem vielversprechenden Anfang erschien eine Ortsveränderung willkommen. Wir packten zusammen und fuhren zum Pordoijoch hinüber, wo sich mit einem Schlage eine neue Welt auftat. Wir legten keinen Wert auf grosse Geschwindigkeit und Kilometerfresserei, sondern nahmen uns alle Musse, erfreuten uns an Wald und Flur und betrachteten die malerischen Dörfchen an dem Berghängen. Verschiedene dieser Ortschaften wiesen noch Spuren des Krieges auf, Arabba war vollständig zerstört worden bis auf die Kirche. Überall erinnerten Kriegerfriedhöfe an die hartnäckigen Kämpfe in den Dolomiten.

Gegen Abend langten wir am Alleghesee an, und es gefiel uns dort so gut, dass wir zu bleiben beschlossen. Wir verlebten an diesem Bergsee herrliche Tage, badeten und ruderten und kochten im Freien ab. Hoch über Alleghe erhebt sich gewaltig und düster die Nordwestwand der Civetta. Wir wussten damals nicht viel mehr von der Civetta, als dass Solleder und Lettenbauer 1925 durch diese Riesenwand in schwerer Kletterei einen Weg zur höchsten Spitze gefunden hatten. Der Eindruck, den wir eines Abends bei Sonnenuntergang von dieser Wand erhielten, als sie in ihrer ganzen gewaltigen Grosse und in wunderbarer Beleuchtung vor uns stand, wird uns unvergesslich bleiben. Ihre unglaubliche Steilheit aber kam uns erst so recht zum Bewusstsein, als wir eines Tages am Fusse der 1100 m hohen Felsmauer standen und immer und immer wieder hinauf schauten und nach Durchstiegs-möglichkeiten suchten, bis uns der Nacken steif wurde. Ich habe nachher begriffen, warum Rudatis und seine Kameraden die mauerglatten Steilwände der Civettagruppe zum Schauplatz ihrer Taten wählten, und die neuen Kletterwege eines Tissi, Andrich, Faè und anderer nötigten mir Bewunderung ab.

Auch uns hatte die Kletterlust wieder mächtig gepackt. Eines Morgens besteigen wir unsern schwer bepackten Wagen und fahren über Caprile und Andraz auf den Falzaregopass. Wir befinden uns hier inmitten des einstigen Kriegsgebietes. Am Col di Lana, am Castelletto, am Lagazuoi, an der Fontana-Negra-Scharte, in den Tofanen ist heiss gekämpft worden. Schuttkegel am Fusse der Wände zeugen heute noch von den gewaltigen Sprengungen, die ganze Gipfel wegrissen. Auf dem Falzaregopass steht ein grosses Kriegerdenkmal.

Wir planen einen Abstecher nach den Cinque Torri. Auf alten Kriegs-wegen und an zum Teil noch gut erhaltenen Feldbefestigungen vorbei ( die Italiener hatten bei den Cinque Torri ihre schwere Artillerie in Stellung ) nähern wir uns den Türmen. Unmittelbar aus grünen Matten streben sie empor, der massive Hauptturm, neben ihm klein und schlank der Torre Inglese und die andern. Es geht schon gegen Abend, wir wollen noch schnell den Einstieg zum Hauptturm erkunden. Als wir aber die Einstiegsplatte hinter uns haben, sind wir nicht mehr zu halten. Schnell steigen wir höher und gelangen rasch auf die Schulter. Der weitere Aufstieg viellzieht sich sozusagen im Innern des Berges, schluchtartig öffnet er sich, ein schöner Stemmkamin wird überwunden, ein prächtiges Wändchen erklettert, und dann stehen wir auf dem ausgedehnten Gipfelplateau. Eben kommen wir recht, die Sonne versinkt am Horizont und vergoldet mit ihren letzten Strahlen Gipfel und Wände. Wir erleben tief die Weihestunde, stumm und ergriffen sind wir Zeugen, wie der Tag in Schönheit zur Neige geht.

In der Cinque-Torri-Hütte finden wir gute Unterkunft. Die Lage der Hütte ist einzigartig schön. Nachts liegt im Tale ein mächtiges Nebelmeer, vom Mondschein silbrig Übergossen. Hinten tauchen aus den wallenden Nebeln die Zacken und Wände der Croda da Lago auf, ein Bild von phantastischer Schönheit.

In der Morgenfrühe des nächsten Tages stiegen wir nochmals zum Gipfel hinauf und kehrten dann zurück zum Falzaregopass.

Ein paar Eindrücke aus dem Zinnengebiet: Cortina d' Ampezzo enttäuschte mich eigentlich, ich hatte mehr davon erwartet. Ich vermisste die Ausblicke auf kühne Felsgestalten, wie sie beispielsweise der Sellapass bietet. Dankbarer war dann wiederum die Fahrt über den Tre Crocipass mit Ausblicken auf Cristallo- und Sorapissgruppe. Entzückt aber waren wir vom tiefblauen Misurinasee, der zu längerm Verweilen einlud.

Im Rifugio Principe Umberto am Fusse der Drei Zinnen trafen wir verabredungsgemäss mit Demetz zusammen, den wir seit acht Tagen nicht mehr gesehen hatten. Er war zuverlässig und pünktlich wie immer, wir trafen, leider muss ich es gestehen, mit der üblichen Verspätung ein. Von der Kleinen Zinne sind mir drei Dinge besonders haften geblieben: das schmale, ausgesetzte Einstiegsband, das sich lange durch die Wand zieht, der Zsygmondikamin hoch oben in der Gipfelwand mit seinem Überhang und der Tiefblick vom Gipfel über die Nordwand hinab. Dieser Blick scheinbar ins Bodenlose machte mir damals einen solchen Eindruck, dass ich für Demetz'Lobgesang über diesen Aufstieg nicht das mindeste Verständnis zeigte. Und heute gehört diese Nordwand doch zu meinen geheimen Kletterwünschen.

Schlechtwetterfahrten ( Croda da Lago, Sellakante, Tschierspitze-Adangkamin ).

Spät abends langten wir im Rifugio am Fusse der Croda da Lago an. Die Croda stand auf unserm Wunschzettel. Demetz hatte gegen diese Tour eine ausgesprochene Abneigung, der Anstieg sei zu lang, die Kletterei zu kurz und zu leicht, er bot seine ganze Beredsamkeit auf, uns von unserm Plane abzubringen. Doch es half nichts, die Croda musste her! Mit Demetz war in diesen Dingen nichts anzufangen; für schwere, ausgesuchte Klettereien war ihm zwar nichts zuviel und keine Schwierigkeit schreckte ihn ab, jedoch lange Anstiege zu mittelschweren Aufstiegen schätzte er nicht. Am nächsten Morgen regnete es. Demetz machte ein langes Gesicht und fluchte. Wir brachen trotzdem auf, um oben am Nordgrat in strömendem Regen schweren Herzens doch verzichten zu müssen.

Nach diesem Misserfolg entschlossen wir uns, nach dem Sellapass zurückzukehren. In anhaltendem Regen stiegen wir nach Pocol ab und fuhren über Falzarego und Pordoi dem Sellapass zu. Es war kalt und unfreundlich. Kurz vor dem Sella hätte uns bald das Geschick ereilt. Unser Wagenlenker muss einen Moment eingenickt sein, sei es infolge Übermüdung, sei es wegen etwas zu reichlichen Glühweingenusses ( gegen Erkältung !), kurz, der Wagen machte plötzlich einen scharfen Schwenker nach links, und nur ein Sandhaufen rettete uns vor dem sichern Sturz in den Abgrund.

Auf dem Sellapass stehen die drei Sellatürme. Sie bieten mannigfache Klettermöglichkeiten, vom Leichten bis zum Schwersten. Man ist vom Sellapass im Handumdrehen an den Einstiegen und geniesst unbeschwert von allem Ballast die schönsten Klettereien. Demetz hatte uns viel erzählt von der Kante am 1. Sellaturm. Diese Kante müssten wir begehen, sie sei ein Prüfstein für vollständige Schwindelfreiheit. Das schlechte Wetter verhinderte längere Unternehmungen, wir wollten aber doch nicht untätig bleiben und beschlossen, uns die Kante einmal näher anzusehen. Nach Überschreitung eines Spaltes führte eine Verschneidung auf einen Felskopf. Es folgte ein steiler Felskamin, worauf ein schmales Band nach rechts in die Wand hinausführte zu einem Sicherungshaken. Die folgende sehr steile Wandstufe mit leichtem Überhang brachte uns so recht ins Feuer, und plötzlich standen wir am Fusse der mit Spannung erwarteten Kante. Was sich da aufbäumte, sah allerdings böse genug aus. Eine senkrechte, glatte Mauer, rechts begrenzt von der Kante, überall lotrechte Abstürze. Demetz verschwand gewandt um die Ecke, dann sahen wir lange nichts mehr von ihm, hörten ihn aber ab und zu fluchen. Endlich tauchte sein Gesicht viele Meter senkrecht über uns auf, die Reihe war an uns.

Über ein glattes Wändchen wird die rechterhand liegende Kante erreicht, wo es sich auf einem kleinen Stand aufzurichten gilt. Demetz hat nicht übertrieben, die Ausgesetztheit lässt wirklich nichts zu wünschen übrig und die Abstürze sind eindrucksvoll. Jetzt sieht man in die senkrechte, mauerglatte Südwand des Berges und, um da an schmalen Felsleisten hinüber zu hangeln, muss man schon sein bisschen Mut gehörig zusammennehmen. Dann steht man unter einem glatten, grifflosen Wulst, und mit grösster Anstrengung unter allen möglichen Verdrehungen und Windungen schwindelt man sich hinauf. Dann sind die Schwierigkeiten zu Ende und der Gipfel des 1. Sellaturmes ist bald erreicht. Es beginnt zu regnen, wir nehmen noch schnell den 2. Sellaturm mit und müssen dann des Wetters wegen leider abbrechen. Schade, die Bergerroute am Turm 3 an steiler Wand sieht vielversprechend aus!

Als wir unten am Fusse der Türme gegen den Sellapass zurückkehren und gerade unter der Kante stehen, ist eben eine italienische Seilschaft an der bösesten Stelle. Der Erste ist schon oben, plötzlich fällt der Zweite ins Seil. Steine poltern die Wand hinab, und wir können uns eben noch rechtzeitig in Deckung bringen.

Am Nachmittag regnet es andauernd. Mussner heizt tüchtig ein, und wir machen es uns in Liegestühlen rings um den Ofen herum gemütlich.

Eines Morgens fuhren wir hinüber zum Grödnerjoch. Unten im Tale lag eine dicke Nebeldecke, hier oben war das Wetter leidlich. Nördlich des Grödnerjoches erhebt sich die Gruppe der Tschierspitzen, in ihrer Mitte die Grosse Tschierspitze, deren Südwand von unten bis oben ein schwarzer Schlund durchreisst, der berühmte Adangkamin. Als wir über grüne Almen dem Einstiege zuwanderten, flösste mir der unheimliche Riesenspalt nicht das mindeste Vertrauen ein, es war föhnig schwül, und heute hätte ich die Tschierspitze samt ihrem Kamin billig gegeben. Schon gleich zu Beginn fing die Schinderei an, alles war glatt ausgewaschen, ich fand weder Tritte noch Griffe und lästerte über den Fels und meine Kameraden, die mir von oben schadenfroh zusahen und zweifellos die Sache viel gescheiter anpackten als ich. Es kam dann ein kurzer Quergang nach links, worauf ein steiles Wändchen wieder in den Kamin zurückführte. Etwas Ähnliches wiederholte sich weiter oben. Der Quergang in die Wand hinaus war recht exponiert, und ein steiler Anstieg führte auf ein Band, das zu einem den Kamin versperrenden Übergang leitete. Mein Kamerad postierte sich, an einem Haken ge- gesichert, unter dem Überhang, Demetz stieg ihm mit katzenartiger Gewandtheit auf die Schultern, und ich photographierte die ganze Szene, schnitt aber leider in der Aufregung Demetz den Kopf ab. Als die Beiden verschwunden waren, stand ich da wie der Ochs am Berg und überlegte, wie ich diese unmögliche Stelle mit einiger Eleganz überwinden könnte, da schwebte ich schon wie ein zappelnder Fisch in der Luft. Demetz machte kurzen Prozess und hisste mich einfach über den Überhang, wo ich bäuchlings und ausser Atem ankam. Nun ging 's leicht bis zu der Stelle, wo sich der Kamin zum Riss verengt und steil aufschwingt. Hier fand Dimai einen äusserst schweren, direkten Weiterweg. Wir wählten die Route von Adang, querten nach rechts in die Wand hinaus, erstiegen diese in schöner Kletterei, bis der Kamin wieder gewonnen werden konnte, der sich zuletzt durch einen glatten, sehr mühsamen Spalt hartnäckig verteidigt. Nach nicht ganz zwei Stunden standen wir auf dem Gipfel. Das Wetter verschlechterte sich, ich hatte kein frohes Gefühl, das sonst nach geglückter Besteigung und geruhsamer Gipfelrast sich einstellt. Meine Meinung von der Tschierspitze aber war endgültig gemacht, als wir auf dem Weglein des gewöhnlichen Aufstieges zu Tal trotteten.

Zwei Südwände ( Grohmannspitze- und Marmolata-Südwand ).

Die Grohmannspitze stand eigentlich nicht auf unserem Programm. Demetz sprach aber wiederholt von der Grohmann-Südwand. Wir lasen im Führer nach und fanden da häufig die Bezeichnungen « sehr schwierig » und « äusserst schwierig », wir konnten uns nicht so recht begeistern. Aber Demetz liess uns keine Ruhe. Eines Morgens kam er mit seinem Motorrad von Santa Cristina angebraust, er hatte sein gewinnendstes Lächeln aufgesetzt, und voll Tatendrang zeigte er nach der Grohmannspitze. Jetzt gab es für uns kein Entrinnen mehr.

Der Einstieg ist bald erreicht. In Kletterschuhen geht es erst leicht, dann steiler auf schlecht geschichteten Felsen in der weit ins Fassatal abstürzenden Südwand empor. Eine wasserüberronnene Stelle ist unangenehm. Wir erreichen ein Band, das nach rechts verfolgt wird, an dessen Ende finden wir einen Sicher ungshaken. Jetzt wird es ernst. Die Wand bäumt sich steil auf, die Kletterei ist exponiert und schwer. Bei einem guten Stand mit Hakensicherung setzt ein langer Kamin an, dessen oberes Ende, eng und glatt, Mühe bereitet. Und jetzt stehen wir an der ersten klassischen Stelle der Grohmann-Südwand, der sog. Handtraverse. An abschüssiger Wand hangelt man sich an schmalen Leisten nach rechts hinüber, der Körper hängt in die Luft hinaus, mit den Beinen stemmt man ab. In einem ausgewaschenen Felsbecken findet sich ein Standort, hier setzt die zweite berühmte Stelle ein, die Fusstraverse. Sie ist etwas ganz Apartes. Ist die Hangeltraverse eine Sache für starke Arme, so ist die Fusstraverse eine richtige Gleich-gewichtsprobe. In der senkrechten, völlig glatten Felswand führt eine schmale abschüssige 10 m lange Felsleiste nach links zur Fortsetzung des Kamins zurück. Mit peinlichster Gewichtsverteilung schleicht man wie eine Katze, einen Fuss vorsichtig vor den andern setzend, der Wand entlang. Die kleinste Ungeschicklichkeit hätte unfehlbar den Sturz zur Folge.

Nach diesem pikanten Stück hat man gewonnenes Spiel. Noch folgen einige anregende Kletterstellen, dann erreichen wir das Gipfeldach und den Steinmann. Fast drei Stunden hat uns der Anstieg in Atem gehalten.

Auf dem Gipfel erwartet uns die grosse Überraschung, in der Nordflanke liegt tiefer Neuschnee. Nebel wallen um den Berg, durch die entstehenden Nebellöcher tauchen gespensterhaft die wilden Türme rings um das Langkofelkar auf.

Für den Abstieg wählen wir den Enzensbergerweg. Wir starren in dichten Nebel hinab, die ganze Flanke sieht winterlich aus. Das kann ja nett werden! Wir seilen öfters ab, spreizen Kamine hinab, passieren den Enzensberger-kamin, der im Aufstieg respektable Schwierigkeiten bieten muss, und erreichen unter grösster Vorsicht wegen der verschneiten Felsen die Grohmannscharte und von dort den Sellapass, wo wir kurz nach 15 Uhr eintreffen.

Es ist eine nicht zu verachtende Annehmlichkeit, wenn man nach strenger Tour in einem gemütlichen Zimmer in aller Ruhe und Ungestörtheit sich erholen und in einem guten Bett ein Nachmittagsschläfchen leisten kann.

Die M annoiata-Südwand ist öfters beschrieben worden. Ich will nicht Bekanntes wiederholen, die eindrucksvollste Schilderung dieser Riesenwand hat wohl Guido Rey in seinen Kletterfahrten geschrieben. Ich habe diese Beschreibung mehrmals gelesen, vor und nach unserer Besteigung, Reys tief empfundene und meisterhafte Gestaltung charakterisiert diese Kletterei unübertrefflich. Inzwischen hat ja die neuzeitliche Technik schwierigere und an der Grenze des Möglichen liegende Anstiege in dieser Wand erzwungen. Ich erinnere nur an das Ringen des an der Weissen Frau verunglückten Walter Stösser um den Südwestpfeiler.

Nächtlicher Aufbruch vom Contrinhaus und Aufstieg nach dem Om-brettapass. Vor uns steht die berühmte Wand. Wir sehen hinauf zur ersten Terrasse, es scheint ein Sprung zu sein. Doch bietet gerade dieses Stück die grössten Schwierigkeiten. Wir queren hinüber zu einem Felskopf, hier setzt die Kaminreihe an. Es ist noch früh am Morgen, und die Felsen sind kalt. Nach einer Bergfahrt bleibt mir im allgemeinen ein zusammenhängendes Bild über den eingeschlagenen Weg sehr gut haften und ich kann mich noch nach Jahren an Einzelheiten erinnern. Jedoch von der Marmolata-Südwand fehlt mir ein solches Bild, wenigstens bis zur ersten Terrasse. Der ganze Aufstieg vollzieht sich in Kaminen, sie sind steil und glatt und erfordern, wenn man sie technisch nicht richtig anpackt, sehr viel Kraft. Wenn man so einem Spalt glücklich entronnen zu sein scheint, folgt meist noch ein Überhang. Immer aber findet man Stand- und Sicherungsmöglichkeiten. So geht es weiter, stundenlang, man ist verwachsen mit dieser scheinbar endlosen Felsmauer, die Aussenwelt existiert nicht mehr, all unser Sinnen und Denken konzentriert sich auf die Überwindung der sich immer wieder einstellenden Schwierigkeiten. Die Sonne brennt nun in die Wandflucht und dörrt unsere Kehlen aus. Wir haben keine Zeit zum Rasten, Trinkbares haben wir nichts mitgenommen.

Eine grosse, überhängende Platte hält uns länger auf, später verlassen wir die Kaminreihe nach links in die zum Einstieg abfallende Wand, um die Kamine erst weiter oben wieder zu betreten. Ich stehe als Letzter am Seil auf einem eingeklemmten Block und sehe von meinen Kameraden nichts. Plötzlich höre ich über mir ein Gepolter, im nächsten Moment saust ein Stein herab und gleichzeitig sehe ich meinen Vordermann fallen. Doch der Führer hält den Sturz auf, ein Meisterstück unseres lieben Giovanni Demetz. Ein loser Stein ist ausgebrochen und meinem Kameraden zum Verhängnis geworden, als er sich daran festhalten wollte. Das Intermezzo ist glimpflich abgelaufen, hinterlässt uns aber einen nachhaltigen Eindruck. Weiter geht 's durch lange Kaminreihen, bis wir endlich auf schmalen sandigen Felsleisten nach links zur ersten Terrasse hinüber queren können. Steine pfeifen ständig vom Gipfel herab, und ohne Rast steigen wir weiter.

Das Mittelstück zur zweiten Terrasse ist etwas leichter, weist aber auch verschiedene schwere Stellen auf. Ich erinnere mich an glatte Platten und mühsame Kamine, endlos und verworren scheint der Weg durch diese Felswildnis. Wir sind schon etwas müde. Demetz treibt zur Eile, der Weg ist noch weit. Um die Mittagszeit stehen wir auf der zweiten Terrasse. Hier finden wir Patronenhülsen aus dem Kriege. An einem Biwakplatz vorbei gelangen wir zu Wasser, wir rasten kurz und nehmen etwas Nahrung ein.

Auch die letzte Etappe enthält noch einige harte Nüsse; man ist jetzt schon weit droben in der Wand, die umliegenden Gipfel sinken zurück, und man hat nur noch den einen Wunsch, endlich aus dieser Wand herauszukommen. Da legen sich die Felsen zurück, wir betreten den Gipfelgrat und erreichen über ihn leicht die Spitze der Marmolata 3364 m.

Vom Gipfel des höchsten Berges der Dolomiten schauen wir nordwärts über seine Gletscher hinab — welch ein Gegensatz zu der rein felsigen Südwand! Ringsum reiht sich Berg an Berg, und manch bekannter Gipfel grüsst zu uns herüber. Diese Rast auf der Marmolata gehört zu unsern Höhepunkten in den Dolomiten.

Über den Westgrat steigen wir an den vielen Eisenstiften und Leitern nach der Marniolatascharte ab, überall finden wir Spuren des Krieges, zerfallene Baracken, Stacheldraht. Spät abends langen wir in Alba an und versinken im kleinen Albergo Miramonti sofort in tiefen Schlaf.

Bozen.

Auf unsern Streifereien in den Dolomiten kamen wir verschiedene Male nach Bozen. Ich erinnere mich an die engen, gemütlichen Gassen mit den Laubenbogen, an den Früchtemarkt, wo wir jeweils Trauben, Birnen, Melonen und andere Herrlichkeiten in grossen Mengen verzehrten. Ich denke auch an eine Kopfwunde, die mir an der Cima della Madonna ein fallender Stein schlug und die ich in Bozen von einem alten österreichischen Arzt behandeln liess. Wir wohnten meist im Hotel Luna mit dem schönen Garten und fühlten uns dort zu Hause. In Bozen lernte ich auch Günther Langes kennen, bekannt durch seine prächtigen Erstbesteigungen in der Palagruppe. Ein Erlebnis in Bozen bleibt mir unvergessen. Es war im Jahre 1935, zur Zeit der grossen italienischen Manöver im Südtirol. Wir trafen eines Tages gegen Mittag, von Meran kommend, in Bozen ein. Viel Volk drängte sich auf den Strassen, und wir erfuhren, dass hoher Besuch erwartet wurde. Auch brauchten wir nicht lange zu warten, da sahen wir König Viktor Emanuel und Italiens mächtigsten Mann, Mussolini, langsam vorüberfahren.

Abstecher in die Pala- und Brenta-Dolomiten.

Um es vorweg zu nehmen, in der Palagruppe hatten wir kein Glück, ich kann von keinen grossen Fahrten berichten. Wir bestiegen die Cima della Madonna auf dem gewöhnlichen Wege und überschritten die Cima di Canali. Von San Martino aus erreichten wir auf dem « Baron-Lesser-Weg » den Passo di Ball, von wo sich die Canali imposant präsentiert, und stiegen hinab zur Pradidalihütte. Mit dem « Baron-Lesser-Weg » hat es nach dem Berichte von Langes seine eigene Bewandtnis. Der Baron war ein regelmässiger Besucher von San Martino und beauftragte einen Unternehmer mit dem Bau eines Weges. Die Entschädigung war nach der Länge des Weges vereinbart. Der Unternehmer machte sich dies zunutze und legte bei geringster Steigung so viele Kehren ein, dass er sicher auf seine Bechnung gekommen ist.

Wir standen am Einstieg zur Schleierkante und zum Gran Pilastro auf die Pala di San Martino. Beide Male vereitelte ein Missgeschick den Aufstieg. Sehnsüchtig denke ich an diese beiden herrlichen Kletterwege zurück, wir werden später bestimmt wiederkommen. Hier lernten wir auch die beiden Zagonel kennen, Söhne des berühmten Bartolo Zagonel.

Der Rollepass war für uns ein Erlebnis. Plötzlich steht der Cimone della Pala da in seiner ganzen Grossartigkeit, ein kleines Matterhorn. Drüben streckt der Val di Boda-Kamm seine Spitzen in die Luft, und ganz im Süden am Horizont zeichnen sich die feinen Linien der Cima della Madonna und des Sass Maor am blauen Himmel ab. Einmal sassen wir im Rifugio Sass Maor auf dem Rollepass drei Tage in trostlosem Regenwetter fest und mussten unverrichteter Dinge abziehen. Nach der Marmolata-Südwand versuchten wir unser Glück nomals in der Pala. Die Cima della Madonna war unser Ziel, sie war uns sehr ungnädig gesinnt. Dafür verlebten wir am Rollepass einen romantischen Abend. Wir zündeten ein mächtiges Lagerfeuer an, bereiteten das Nachtessen und sassen lange um das warme Feuer herum. Die Nacht war prächtig klar, die Sterne leuchteten hell, die Konturen der Berge hoben sich scharf am nächtlichen Himmel ab. Drei arme Burschen klagten uns ihr Leid, wir beschenkten sie zum Abschied, und sie liessen zum Dank die freie Schweiz hochleben.

Fern im Süden steht ein sagenhafter Turm inmitten der wilden Brentagruppe, Guglia di Brenta von den Deutschen, Campanile Basso von den Italienern genannt. Dieser Felsturm war das Ziel unserer Wünsche. Wir hatten uns mit dem Führer in Molveno verabredet. Von Bozen fuhren wir nach der Mendola und genossen einen prächtigen Ausblick nach dem Etschtal und ins Rebengebiet des Kalterers. Dann ging 's auf staubigen Strassen durch Val di Non an armseligen Dörfchen vorbei. Gegen Molveno zu wurde die Landschaft lieblich, grüne Matten und viele Blumen säumten den Weg. Kurz vor unserm Ziel ging das Benzin aus, und mit erheblicher Verspätung trafen wir in Molveno ein, wo uns Demetz ungeduldig erwartete. Unser Standquartier war das Rifugio Tosa.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.29 Von der Cima Brenta Alta sehen wir direkt hinab auf den Gipfel der Guglia, ganz unmöglich scheint der Aufstieg an diesem senkrechten Turm. Am Tage nach der Besteigung der Guglia stehen wir auf der Cima Tosa. Lange schauen wir zur schlanken Nadel hinüber, wir lassen im Geiste den ganzen Aufstieg nochmals an uns vorüberziehen. Da ist der Anstieg an der steilen Einstiegswand, dann bringt uns die anstrengende Stemmarbeit durch den Kamin auf den « Stradone Provinciale », ein an diesem Berge mit seinen allseitig senkrechten Wänden ganz unerwartet breites Felsband, wo wir gemütlich zur Schulter hinüber spazieren. Ein langer Kamin führt hinauf zum Albergo al Sole, wo wir an warmer Sonne rasten. Wir sehen die Garbarikanzel, wo die Ersteigungsversuche von Garbari seinerzeit scheiterten. Hier scheint allerdings ein Weiterkommen in den glatten Wänden und Abstürzen unmöglich. Da kamen vor 40 Jahren die beiden jungen Innsbrucker Ampferer und Berger und erkämpften sich in zweitägigem Ringen in einem unglaublich verwegenen Quergang einen Weiterweg zur Gipfelwand, und über diese erreichten sie in herrlich steiler und äusserst exponierter Kletterei den Gipfel.

Die Guglia bietet dem Kletterer auch heute im Zeitalter sportlicher Höchstleistungen einen ganz einzigartigen Genuss. Ohne jede künstliche Hilfsmittel wird sie in freier Kletterei erstiegen, die wenigen Haken dienen lediglich zur Sicherung. Stehen wir dann nach Stunden schwerer Felsarbeit auf dem Gipfel, so erfüllt uns hrfhe Genugtuung, und mit Stolz trägt man die soundsovielte Besteigung ins Gipfelbuch ein. Als wir zu Tale steigen, drehen wir uns oftmals um nach der Guglia, und beim Rifugio Solvata grüsst uns der Gipfelkopf zum letzten Male.

Abschluss.

Noch vieles wäre zu berichten über die Dolomiten. Einmal waren wir im Vajolett. Die drei stolzen und berühmten Türme machten uns einen unvergleichlichen Eindruck. Der Pichlriss sah vom Stabeierturm ganz unmöglich aus. Als wir dann auf dem Delagoturm standen, da war wieder ein grosser Wunsch in Erfüllung gegangen. Nur die Berge können solch restlose Befriedigung schenken. Doch das Auge findet neue Gipfel — neue Ziele, neue Sehnsucht.

Demetz war uns zum lieben, bescheidenen Kameraden geworden. Manch ernste Erinnerung verknüpft uns mit ihm, aber auch viele frohe Stunden verlebten wir zusammen. Wie freute er sich wie ein Kind, als wir in Riva am Gardasee badeten. Er konnte natürlich nicht schwimmen und war nur schwer zu bewegen, ins Wasser zu gehen. Aber als er einmal drin war, tollte er übermütig herum, und wir hatten die grösste Mühe, ihn in sicherer Landnähe zu halten. Abends besuchten wir im Kino einen Wildwestfilm, und der gute Demetz ereiferte sich an der üblichen Rauferei derart, dass wir uns an ihm mehr unterhielten als am Film.

Dreimal fuhr ich in die Dolomiten, vieles habe ich gesehen und erlebt; ich hoffe bestimmt, einmal wieder in dieses wunderschöne Bergland zurückkehren zu können.

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