Aus den Wänden des Wilden Kaisers

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Von Frilz Schmidt.

Ist es nicht Vermessenheit, heute im Zeitalter des Sturmes auf die Gipfel der Erde von schlichten, grauen Wänden zu erzählen? Während die Besten aller Länder ihre Pickel und ihr Können am Eis der Riesen Asiens und Südamerikas erproben, nachdem die Felskletterei ihren Höhepunkt erreicht, vielleicht schon überschritten hat.

Wilder Kaiser! Eine kleine Gruppe von prächtigen Bergen! Nicht Grösse und Höhe hat die Kunde von diesen Gipfeln in alle Weiten getragen, wo Bergsteiger sind, sondern Schönheit der Formen, erlesene Schwierigkeiten und hervorragender Fels. Wenn ich von Dolomitentürmen heimkehrte oder vom Granit der Westalpen, immer wieder schenkten mir diese Silberplattenwände Erleben und Befriedigung.

Kaisertal! Zarter Liebreiz ist gepaart mit dem Ernst grauer Felsmauern. Das Gebälk alter Bergbauernhöfe leuchtet goldbraun in der Sonne, und auf den Altanen blühen knallrot Geranien und Nelken. Am schönsten ist es im Frühling. Wenn die Lawinen bellen und der Bach tief unten orgelt, wenn der Schnee sich in Schluchten und Klüfte verkriecht und auf den gelben, abwärts gekämmten Wiesen erste Soldanellen klingeln, dann schüttelt der F. Schmitt.

Antoniuskapelle im Kaisertal.

Föhn jauchzend die Kirschbäume und streut die weissen Blüten übermütig auf die Erde.

Auf der Südseite träumt der klare, blaugrüne Spiegel des Hintersteinersees in halber Höhe zwischen dem weiten Tal mit den saubern Dörflein und kahlen Berghäuptern. Schon oft hat dieses Kleinod immer wieder die Blicke gefesselt, wenn ich auf schmalen Graten luftige Wege ging.

Ganz anders ist die Landschaft im Ostkaiser. Weite, öde Schuttkare, von zersägten Bergkränzen umsäumt. Unwegsames Bergland, still und ver- lassen. Über allem aber ragen mit stolzen, eigenwilligem Profilen und fast 1000 m hohen Steilflanken die Gipfel empor, jeder eine Persönlichkeit: das Riesenhorn der Kleinen Halt, die stumpfe Felssäule des Totenkirchls und die edle Gestalt des Predigtstuhls.

Nun will ich aus dem Mosaik meiner Kaisererinnerungen einige Steine nehmen. Manche leuchten grün und rätseltief wie ein Bergsee, andere funkeln hell wie Kristall, und einige sind schwarz wie Achat.

Fleischbank-Ostwand.

Sie ist wohl die berühmteste unter den plattenblanken Kaiserwänden. Mit Recht, denn jede Seillänge im edlen Kalk dieser Mauer bietet Erlesenes an Schönheit und Eigenart.

Zehn Sommer sind vergangen, seit ich als junger Bergstürmer um die Fleischbank-Ostwand warb und sie mir das erste tiefe Erlebnis im Fels schenkte. Ein blitzblanker Sonntagmorgen! Das fast weisse Gestein flimmerte im Sonnenglast, dass die Augen schmerzten. Leichtfüssig von Block zu Block springend, näherten wir uns dem schwach ausgeprägten Wulst, der waagrecht vom Geröll in die Wand hinauszieht bis zu einem kleinen Pfeiler. Hier begann der Ernst der Fahrt. Einige Schritte um eine Ecke, dann forderte ein dünner Riss die ersten Schweisstropfen. Er leitete uns zu einer überdachten Nische, der « Steigbaumhöhle ». Höher oben, nach einem anstrengenden Riss, mussten wir bei einigen Grasschöpfen warten. Fast allzu lange! Über eine Stunde hingen wir zu zweien an einem Mauerhaken und traten von einem Fuss auf den anderen, wie dies Marktweiber an kalten Wintertagen zu tun pflegen. Dabei war die Hitze fast tropisch. Wie ein gut durchheizter Kachelofen strahlte der Berg die Wärme zurück. Ich pfiff eine Melodie vor mich hin, die mich schon den ganzen Tag verfolgte, und schaute den Gefährten zu, die hoch oben beim ersten Quergang ihre Kletterkunst zeigten.

Da sah ich, wie Sepp rücklings in die Luft fiel und mit ihm ein zentnerschwerer Felsblock. Furchtbarer Schreck fuhr mir durch die Glieder. Der Pendelschlag meines Herzens stockte. Brummend und surrend sauste der Felsblock gerade auf uns zu. Scheinbar langsam, mit Zeitlupengeschwindig-keit! Völlig ungeschützt, die Körper an den Fels gepresst, starrten wir mit weit aufgerissenen Augen in die Höhe. Ein Schrei erstickte in meiner Kehle; ich schloss die Lider. Furchtbares Krachen, ein Ruck an den Schultern — und alles war vorüber. Tief unten im Schutt zerbarsten klirrend die letzten Splitter. Schwefelgestank! Feiner Staub wie Mehl trübte die Luft. Meine Jacke war am Rücken zerfetzt, so knapp war der Tod vorbeigeschwebt. Die Angst vor fallenden Steinen begleitete uns den ganzen Tag. Bis zum ersten Quergang ging alles gut, aber angesichts der griffarmen Platten wurden lebhafte Zweifel an unserem Können laut. Dazu kam noch, dass ich zum letzten Mann der Partie erkoren wurde und ich also das Geländerseil nicht benützen konnte. Entschlossen querte ich links hinüber. Die offenen Hände auf flachen Wülsten, die Sohlen an den Knick gepresst, mit dem die Platten abbrechen ins Bodenlose. Das Herz klopfte hörbar. Fünfzehn Meter ging es so dahin bis zu rauhem Fels. Bei einem kleinen Geröllfleck trafen wir wieder alle zusammen. Jeder war ausgedörrt, die Lippen aufgesprungen und im Mund ein bitterer Geschmack. Die Sonne trieb uns weiter. Einem riesigen Dach ausweichend, kamen wir zum zweiten Quergang. In die helle Platte ist ein üppiggrüner Grasstreifen eingelassen, und nur Anfang und Ende bieten Schwierigkeiten. Im seichten Kamin neben einem 50 m hohen Pfeiler stemmten »wir höher, und der letzte Rest Feuchtigkeit tropfte von Stirn und Nasenspitze. Einmal fanden wir im höhlenartigen Hintergrund eines Kamins köstlichen Schatten und einen Eisklotz. Lange blieben wir hocken, bis blaue Dämmerung die Steinerne Rinne heraufkroch und an den Predigtstuhlwänden höher stieg. Die kleingriffige « 25-m-Wand » und die überhängenden Ausstiegsrisse machten uns noch schwer zu schaffen. Oberhalb legte sich die Wand zurück, wir seilten uns los und stürmten dem Gipfel zu.

Totenkirchl-Westwand.

Das Totenkirchl bricht nach Westen zum « Hohen Winkel » mit lotrechter, gelbgefleckter Mauer ab. Den nördlichen Teil derselben durchreissen einige Kamine, während die südliche Hälfte eine blanke Riesenplatte ist.

Diese Wand ist die schöne Zwillingsschwester der Fleischbank-Ostwand. Nur noch etwas unnahbarer, und jeder Felsgeher, der im Wilden Kaiser Bescheid wissen will, muss sie auf dem « Dülferweg » durchstiegen haben. Die Schlüsselstelle ist der « grosse Seilquergang ». Etwa 15 m links drüben ist im hellen Plattenschild eine kleine Kerbe. Das Hinüberkommen ist Zirkus-akrobatik einige hundert Meter über dem Boden.

Am doppelten Seil, den Körper weit zurückgelehnt, schiebt man sich zollweise in die senkrechte, haltlose Wand hinaus. Die Kletterschuhe müssen Saugnäpfe ersetzen. Der Zug des Seiles, die Reibung der Filzsohlen und peinlichste Wahrung des Gleichgewichtes sind das ganze Geheimnis. Und Schneid gehört dazu! Das anschliessende Wandstück fordert Einsatz vollen Könnens. Ausserdem der « Schluchtquergang » und die Ausstiegsrisse! Es ist ein herrlicher, kühner Weg.

Fast hat man darüber den « Piazweg » durch die Westwand vergessen, obwohl er dank seiner historischen Bedeutung und seiner prächtigen Kletterstellen das Gegenteil verdient. Im Sommer 1908 hat Tita Piaz, damals der König der Felsgeher, dieses Problem, eines der umworbensten der nördlichen Kalkalpen, gelöst.

Der tollkühne Südtiroler war es, der nach verschiedenen Versuchen im Auf- und Abstieg aufs Ganze ging und jene eigenartige Stelle bezwang, die heute « Piazwand » heisst.

Über sehr steilen, aber mässig schweren Fels gelangt man auf ein Grasband, das die exponierte Wand durchzieht, immer schmäler werdend bis zu einer Nische. Darüber baut sich senkrechter Fels auf. Haltlos bricht die Wand zum « Hohen Winkel » ab. Als wir die Wand durchstiegen, lag noch Schnee im Kar; es war eine unserer ersten Fahrten im Frühsommer.

« Piazwand »! An Untergriffen hängend, mit stark abgewinkeltem Körper schob ich mich in raschem Wechsel höher. Eine halbe Seillänge bis zu einem dürftigen Standplatz. Die folgende 25 m hohe Steilrinne verlangt fast noch mehr ausgeglichenes Können, besonders, wenn man sie links in der Wand erklettert.

Von einem Geröllplatz stiegen wir gegen ein langes Grasband empor, das uns zum « Südlichen Kamin » brachte. Eine Seillänge Kaminstemmerei, und wieder bietet die Wand eine delikate Stelle, den « Schietzold-Quergang ». Er ist der Verbindungsweg zum benachbarten « Nördlichen Kamin ». Unter Überhängen klomm ich hinauf, bis der Fels zur Querung zwang. Zweimaliges schräges Abseilen — verklemmte Seile waren dabei äusserst bösartig —, einige Schritte an glatter Wand, und ich war geborgen im Kamin. Was heisst aber geborgen in einem 120 m hohen « Musterkamin », der alle Arten von Überhängen, Klemmblöcken und glatten Rissen bietet. Noch dazu bei Nässe und Vereisung! Froh waren wir damals alle drei, als wir aus dem kalten Schlund in die warme Sonne tauchten und unsere reichlich feuchten Kleider etwas trocknen konnten.

Still war es noch im Kaiser, die Gipfel verödet, die Nordwände noch, in winterlichen Fesseln. Durch jähe Schneerinnen und Kamine stiegen wir vorsichtig ab zum Stripsenjoch und wanderten das Kaisertal hinaus. Durch blumenprangende Frühlingswiesen und zartbelaubte Wälder, Bergglück im Herzen!

Mitterkaiser-Nordgipfel-Nordwestwand.

Wie Fürsten, Könige fühlten wir uns. Unser Reich war der Ostkaiser, unser Sitz die Griesener Alm. Üppige Almgründe, mit scheckigem, bimmelndem Weidevieh, der raunende, glasklare Kaiserbach, harte, bergverwachsene Menschen und über allem Berge, die wie silberne Gralsburgen in den lichttrunkenen Raum ragten. Das war unsere Umgebung!

Diese Wochen waren voll unbändiger Freiheit, und der Drang nach Kampf und Erleben trieb uns ruhelos in die jähsten Wände.

Bei Schnee und Kälte hatten wir schon einen Versuch auf die Mitterkaiser-Nordwestwand gemacht. Zu früh war es gewesen! Durch die leichtere Nordwand waren wir damals zum stillen Gipfel emporgestiegen. Heute war einer jener glutheissen Sommertage, an denen man Äpfel rotbackig werden sieht. Herber Geruch stieg von den Latschenfeldern auf, durch die wir uns zum Fuss der Wand hinauf rauften. 600 m ragt sie aus dem groben Blockwerk auf. Unten mit triefend nassen Platten ein Steilabbruch, der Spitze zu weniger steil, da und dort gangbarer Fels. Wir waren überrascht! Das breite, teilweise begrünte Band, das rechts durch die Wand hinaufzieht, hatten wir nicht erhofft. Es war gut gangbar, und schnell erreichten wir sein Ende bei einem kleinen Gesträuch. Über uns eine gelbe, steile Wand, von einem Felswulst überdacht! Kleingriffige, schwere Kletterei brachte mich schräg links höher, bis es mir mittels einer schmalen, angebauten Rampe gelang, das Hindernis zu überlisten. Ein zweites Band beschritten wir, dann bauten wir auf einem kleinen Geröllplatz den ersten Steinmann. Eine 150 m hohe Steilstufe mit Pfeilern wie riesige Orgelpfeifen trennte uns vom ersten Wandabsatz. Glatte Rinnen — kurze Quergänge! Den besten Weg suchend, klommen wir stetig höher. Zuletzt an rotem Gestein durch ein Schartel zu einem geräumigen Absatz.B.leigrau wölbte sich der Himmel über die Berge. Gewitterschwüle lastete ermattend auf uns. Kein Luftzug brachte Kühlung. Schwitzend strebten wir dem auffallenden langen Kamin zu, der durch den zweiten Wandgürtel leitet. Die weite nasse Kluft meidend, stiegen wir an ihrer plattengepanzerten rechten Rippe empor. Erst hoch oben wurden wir in den Spalt gedrängt. In Stemmarbeit kamen wir unter einen weit vorklaffenden Überhang und rechts auskneifend auf leichteres Gelände. Das Rennen mit dem Wetter begann. Mit hochroten Köpfen, Seilschlingen umgehängt und gleichzeitig gehend, eilten wir höher. Der Gipfel war noch fern, hoch über uns. Die Luft wurde drückender, fast dämmerte es. Eine Gratrippe schien endlos zu sein. Einmal stürzte ein ungeheurer Block donnernd in den Karboden hinab, dass der Berg bebte. Schliesslich spreizte ich eine Rinne aufwärts, einige Schritte, und ich stand am Steinmann. Wir hatten gewonnen. Lächelnd reichten wir uns die Hände. Seit unserem Frühjahrs-besuch war kein Mensch hier gewesen; der Mitterkaiser-Nordgipfel ist eben ein Stiefkind unter den Kaiserzinnen! Aber er braucht deshalb nicht unglücklich sein und neidvoll hinüberschielen zum berühmten Vetter Totenkirchl!

Wir hielten keine Rast. Während der Kamerad das Gipfelbuch im Steinmann verwahrte, hastete ich schon südwärts in einer Rinne tiefer. Kaum hatten wir die Scharte zwischen beiden Spitzen betreten, entlud sich auch schon das Gewitter mit aller Macht und Pracht. Durch dicken gelben Wolken-brodem tasteten wir weiter, bis wir in einer Nische notdürftig Schutz vor dem losbrechenden Hagel fanden. Als es kleiner Wasserfälle wegen begann ungemütlich zu werden, liess das Wetter nach. Bei feinem Regen schritten wir auf schmalem Grat hoch über den Schuttgründen des Griesener Kars dahin. Aus den Kaminen der Predigtstuhl-Ostwände flatterten Nebelfahnen. Später wölbte sich glasklarer Abendhimmel über die dunkelgestriemten Felsbauten. Durch die schwarze Schlucht in der Mitterkaiser-Nordwand tosten Wasserfälle. Immer leiser werdend, wurden sie uns zum Schlummerlied.

Predigtstuhl-Nordgipfel-Ostwand.

Beim ersten Frühlicht waren wir unterwegs ins Griesener Kar. Die prächtige Plattenflucht, mit welcher der Predigtstuhl-Nordgipfel ostwärts abbricht, hatten wir als Ziel erkoren.

Erst mussten wir einen 400 m hohen begrünten Vorbau ersteigen. In einer geräumigen Höhle liessen wir unsere groben Schuhe zurück und stiegen leichtfüssig durch jähe grasige Rinnen und Latschengestrüpp höher. Einzelne Regentropfen fielen vom verschleierten Himmel.

Von der Spitze des Vorbaus strebten wir über steiler aufsteigenden Fels einer Kamin- und Rissreihe zu, die lotrecht unter dem Gipfelblock die glatte Mauer furcht. Etwa 30 m unter dem ersten Kamin verbanden wir uns mit dem Seil und hängten einige Mauerhaken an die Brustschlinge. Urplötzlich jagte der Wind dicke Wolkenballen über die Nordkante herüber. Schlechtwetter? Erst dachte ich an Umkehr, jedoch der Trotz trieb mich aufwärts. In griffarmer Plattenverschneidung mühte ich mich höher, bis zum Kamin. Eigentlich ein weiter, seichter Schacht in senkrechter Wand. Eine Seillänge stemmte ich empor. Arme und Füsse ermüdeten. Stossweise F. Schmitt.

Predigtstuhl vom Stripsenjoch.

atmend, hob sich die Brust. Enge Risse folgten, oft überhängend, aber immer reibeisenrauher, treuer Fels. Einmal schlossen uns bläuliche Platten allseits ein. Nur rechts drüben schien gangbares Gelände zu sein. Also hinüber. Mit Seilzug, katzenhaft schleichend, querte ich in die Platte hinaus, landete auf einem kleinen Pfeiler. Damit war die letzte Brücke hinter uns abgebrochen. An schweren Wandstufen, durch überhängende Steilrinnen hetzten wir weiter. Es war Mittag. Im Zahmen Kaiser begann das Gewitter mit Blitz und Donner, aber auch das grüne Land war weit hinaus von dunklen Wolken beschattet.

Einige Seillängen stürmten wir über weniger steile Plattenlagen zum Grat. Der Weg zum Gipfel war frei, die Wand gefallen. Die Sonne sengte wie durch ein Brennglas. Knapp über mir schmetterte der erste Blitz in den Gipfel. Steintrümmer surrten durch die Luft, einige trafen das Seil, das mich mit dem Freund verband. Es waren bange Minuten, bis wir im Botzongkamin jenseits des Gipfels steckten. Grelle Feuerschlangen, Wasserstürze, Sturmgeheul und Donnerknattern waren das wilde Finale dieser Fahrt.

Abgekämpft, mit steifen Seilen erreichten wir den Schuttboden der Steinernen Rinne. Wind zerriss den Nebel, peitschte graue Fetzen um die triefend nassen Wände. Uns gegenüber bäumte sich eine Wand in dämonischer Unnahbarkeit auf. Mit schwarzpolierten, heraushängenden Plattentafeln, wie aus Stahl geformt, im unteren Teil weit vorgewölbt, ein einziger Riesenüberhang. Ein fürchterlicher Riss! Das war die Ostwand des Christa-turms!

Vergessen war, was uns den ganzen Tag beschäftigt hatte, das Ringen mit dem Fels, die Stunden in Wettertoben und Steinschlag. So sind wir jungen Bergsteiger, der Weg gilt uns mehr als das Ziel. Vor uns sahen wir einen Weg, den noch kein Mensch gegangen, eine Wand, die spröde alle Bewerber abgewiesen hatte.

Erneuter Donner mahnte zum Aufbruch. In grossen Sätzen sprangen wir talwärts, und hinter uns versank die Wand in grauen Wogen.

Christaturm-Ostwand.

Wortkarg stiegen wir hintereinander bergan, den Kehren des Steiges folgend. Über die Kulisse des Predigtstuhls flutete das Licht der Morgensonne und übergoss die Ostwand der Fleischbank mit Farbe und Glanz. Wie dunkle Schwingen huschten Wolkenschatten manchmal über die leuchtenden Bergflanken.

Unsere Sinne waren aufs äusserste gespannt, wir waren entschlossen, unser Letztes und Bestes in die Waagschale zu werfen. Als wir im Schuttkessel unter unserer Wand standen, verhüllte engmaschiger Nebel den Berg bis herab zu den grossen Überhängen. Wie bei allen Fahrten an der Grenze des Menschenmöglichen hilft auch hier langes Erwägen und Schauen nichts, sondern lähmt eher die Entschlusskraft. Da heisst es, mit eisernen Fingern zugreifen, und der Erfolg hängt viel vom Glück, vielleicht von einer Mauer-hakenritze oder nur einem Gedankenblitz ab.

In der schmutzstarrenden Randkluft wechselten wir die Schuhe und rüsteten zum Sturm. Gewaltig blähte sich der Rucksack auf, als wir Reserveseil, Schlafsack, Kletterschuhe usw. darin verstauten.

Über leichte Platten gelangten wir zu dem waagrechten Absatz, über dem das erste Drittel der Wand in fürchterlichen Wülsten heraushängt. An griffarmer Mauer ging es weiter, bis wir nach links zum Beginn des Risses gedrängt wurden. Ein kurzer Quergang, und wir duckten uns unter dem ersten grossen Überhang. Gelbsplitteriger, fast griffloser Fels wölbte sich weit vor. Ein rostiger Sicherungshaken, von früheren Versuchen herrührend, war uns willkommen. Mit langer Schlaufe hängte sich der Gefährte an. Menschlicher Steigbaum! Mit Seilzug von unten stieg ich auf seine Schultern und schliesslich auf seinen Kopf. Mühsam das Gleichgewicht wahrend, den Oberkörper weit zurückgebogen, suchte ich vergebens nach Rauhigkeiten. Endlich verbiss sich ein winziges Häkchen hinter einer Felsschuppe. Seilschlinge eingehängt! Sie sollte mir fehlende Tritte ersetzen und mich einen halben Meter höher bringen. Der schwache Stift hielt meinem Gewicht nicht stand. Ich fühlte, wie er langsam nachgab. Etwas wie Leidenschaft war über mich gekommen. Mit rasenden Schlägen jagte ich einen Ringhaken in den Fels. Nur mit der Spitze drang er in den Spalt, dann krümmte er sich. Karabiner und Seil eingehängt — und schon pendelte ich in die Luft. Klirrend sprang der andere Eisenstift bis zum Geröll hinab. Die Finger an kleinsten Splittern verkrallt, rang ich mich hartnäckig höher. Die Unterarme waren hart geworden, die Sehnen gespannt wie Stahlseile. Mit letzter Kraft zwang ich den Überhang unter mich.

Ich stand am Reginn eines handbreiten Risses, der die senkrechte Riesenplatte spaltet wie ein Sprung eine Fensterscheibe. Als nächster schwebte der Rucksack am Seil herauf, dann folgte der Freund. Auch er hatte harte Arbeit zu leisten. Ein Stück kletterte ich noch höher, dann liess ich den Kameraden weitergehen bis zu einer Standmöglichkeit, um meine Kräfte für den zweiten Überhang zu schonen. Mit den Füssen spreizend, die Hände an den stumpfen Risskanten, stieg er aufwärts. Erst zieht der Riss in seichter Verschneidung empor, nach 20 m wird er fingerdünn, und am Ende schliesst er sich ganz, an mehr als lotrechter Wand. Wie eine graue Spinne klebte der Gefährte nur mit Fuss- und Fingerspitzen an der Mauer und arbeitete sich unendlich langsam aber zäh höher. Das Seil war ausgegeben, aber kein Stand kam. Es blieb nur ein Ausweg, ich musste ein Stück nachkommen. Ohne Sicherung, er brauchte ja beide Hände, sich festzuhalten, klomm ich an dem überaus schweren Riss mit dem Rucksack empor. Nach etwa 15 m erreichte ich einen Tritt, so gross wie eine Handfläche. Mit dem linken Fuss konnte ich nur stehen, nirgends liess sich Eisen zur Sicherung eintreiben. Es begann ein Hasardspiel ums Leben. Wenn man sein Letztes gibt, greift man oft zu Mitteln, die man später nicht mehr verstehen und verantworten kann. Manchmal rief ich bang hinauf: Wie geht 's? Aber der kämpfende Kamerad blieb stumm, ich sah nur, wie seine Glieder leicht zitterten. Er durfte nicht stürzen, jetzt nicht! Tausendmal lieber wäre ich an seiner Stelle dort oben gewesen, statt hier tatenlos auf die Entscheidung zu warten.

Endlich erreichte er eine kleine Nische, und sein Zuruf brachte mir Erlösung. Ich konnte nachkommen. Dieses Stück Weg verlangte wirklich das Äusserste. Die mehr als senkrechte Wand bietet eben nur das Notwendigste an Haltepunkten. Einmal staunte ich über ein winziges weisses Blümlein, das einsam im kahlen Fels blühte, ein kleines Wunder in dieser starren Welt.

Ausgepumpt, mit bleischweren Armen, gelangte ich in die Nische, die uns nur knapp Platz zum Sitzen gewährte. Oberhalb sprang ein riesiger Erker vor, ein weiterer 12 bis 15 m hoher Überhang. Noch ein grosses Fragezeichen! Wir waren vorläufig zufrieden, dass wir Hände und Füsse entlasten konnten und brüllten fast übermütig unser Kampflied, dass es lange zwischen den Wänden hallte.

Das Höhlendach spaltet ein handbreiter griffloser Riss. Keuchend arbeitete ich mich einige Meter hoch, dann war Schluss! Fast pendelnd folgten Schritte nach rechts in die unheimlich ausgesetzte Wand und wieder stummes Ringen mit schwerstem Fels. Endlich standen wir jubelnd auf kleinem Geröllplatz am Beginn der oft 30 m tiefen Kamine, die in senkrechter Folge im Bergleib klaffen. Nun hatten wir gewonnen! Im Dämmerlicht des Kamin-hintergrundes stemmten wir überhängende, grünverschlickte Spalte empor, überspreizten Klemmblöcke fast spielend und in bester Stimmung. Manchmal zerriss der Nebelvorhang, und wir sahen weit draussen zwischen den Wänden sturzdrohend einen Felsblock verkeilt, oder der Predigtstuhl grüsste herüber. Daran sahen wir, dass der Gipfel noch fern sein musste. Die andauernd schwerste Felsarbeit bis zum Kaminanfang hatte viel Zeit beansprucht. Schliesslich gingen auch die Kamine zu Ende. Links haltend fanden wir einen Pfeiler aus bläulichem, eisenhartem Fels. Die Kletterei war prächtig, nicht mehr von der aufreibenden Schwierigkeit des unteren Teiles. Ein Felswulst hielt uns noch abwehrend seine steinerne Faust entgegen, eine halbe Seillänge — und ich stand auf dem Gipfel.

Zum letztenmal lief das treue Hanfgeflecht über meine Schultern, und wir drückten uns glücklich die Hände. Gelungen war uns also, was wir vor Stunden nicht zu hoffen gewagt hatten.

Es war Abend. Leichter Wind setzte ein, liess die trüben Wogen um Felsriffe branden und fegte schliesslich Berge und Täler rein. Feierlich wie Gratulanten standen die vertrauten Kaiserrecken um uns, unter dem Purpur-baldachin des Abendhimmels. Hinter lila Bergprofilen verglutete die Sonne. Schmale Wolkenschiffe glitten mit goldgesäumten Segeln träge am Horizont dahin. Wir gönnten uns nur Minuten der seligen Rast, den Kopf auf die leicht zitternden, rauhen Hände gestützt, denn die Nacht drängte zum Abstieg.

Abseilend und im trügerischen Zwielicht hinabtastend erreichten wir das Geröll. Nach langen, harten Stunden standen wir wieder vor unserer Wand. Düster ragte sie in den sternhellen Raum. Unseren Weg verbarg die Dunkelheit, aber jede Seillänge, jeder Felsmeter stand lebendig vor mir, und das Herz war voll Freude. Lässig tappten wir den schmalen Steig talwärts, und vor uns her sprang matter Laternenschein. So endete ein Tag, der zu den wertvollsten meines Lebens zählt.

Eine Woche blieben wir noch im Wilden Kaiser, dann zogen wir südwärts, stolzeren Zielen entgegen.

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