Ausflüge vom Bernina-Hospiz

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Prof. K. Heumann ( Section Uto ).

Ausflüge vom Bernina-Hospiz Von Müde und hungrig war ich vor einigen Jahren über den Viola-Pass bei hereinbrechender Nacht im Bernina-Hospiz eingetroffen. Die Dunkelheit gestattete keinen Blick auf die mir noch ganz unbekannte Umgebung, und um so grösser war daher meine Ueberraschung, als der Sonnenglanz des nächsten Morgens mir ein grossartiges Hochgebirgsbild enthüllte. In der That dürfte kaum ein anderes Standquartier solche Vorzüge der Lage: unmittelbare Nähe der Gletscher, schimmernde Seen und schöngeformte Berge in ähnlicher Weise vereinigen, wie es bei dem Bernina-Hospiz der Fall ist. Nur ungern verliess ich diese schöne Stätte, aber mit dem Vorsatz, bei erster Gelegenheit einen längeren Aufenthalt daselbst zu nehmen.

Der August des Jahres 1879 führte mich schnurstracks zum Hospiz. Der so spät eingetretene Sommer hatte noch lange nicht vermocht, allen Schnee aus der Umgebung des Hauses wegzuschmelzen, und die ganze Landschaft zeigte einen viel ernsteren, winterlicheren Charakter als sonst um diese Jahreszeit. Die von St. Moritz und Pontresina allmittäglich caravanenweise heranfahrenden Fremden waren voll Erstaunen und erzählten später mit sichtlicher Genugthuung über ihre Heldenthat, dass auf dem Weg zur Alp Grüin so und so viele Schneefelder hätten passirt werden müssen.

Alp Grüm scheint fast das einzige Ausflugsziel zu sein, welchem die Besucher des Hospiz zustreben; kaum einer von den oft über hundert zählenden Gästen wandelt andere Wege, obwohl die Umgebung für einigermassen rüstige Berggänger weit dankbarere Ausflüge bietet. Ueberhaupt scheint mir die Qualification des Hospiz als ausgezeichnetes Standquartier für eine ganze Reihe kleinerer oder grösserer Excursionen noch lange nicht so bekannt zu sein, als seine reizende Lage inmitten des Hochgebirges verdient.

Sassal Masone oder östlicher Piz Corale.3039-. ) Jenseits des Lago Bianco, gerade dem Hospiz gegenüber, ragt eine schön aufgebaute Felspyramide aus demDie Nomenclatur ist, so\rçeit sie nicht vom Blatt Poschiavo der topograph. Karte ( 1:50000 ) geboten wurde, der Ziegler'schen Karte entnommen.Anm. d. Ked.

5 K. Heuniann.

Firn empor. Sie bildet den am weitesten nach Südosten vorgeschobenen Gipfel der Bergkette, welche das Thal gegen Westen begrenzt. So auffallend und zur Ersteigung herausfordernd die Form des Berges auch ist, so wenig bekannt schien er den Bewohnern des Hospiz. Die Dufour-Karte ( Blatt Poschiavo 522 ) und die neue Ziegler'sche Karte nennen ihn übereinstimmend Sassal Masone und geben die Höhe zu 3039 m an. Der 3039 m.

Hemnann del.

Sassal Masone.

zunächst gegen Westen hin sich anreihende höhere, ganz überfirnte Gipfel wird als Piz Carrai oder Carale ( 3429 m ) bezeichnet und scheint offenbar mit dem im Excursionsverzeichniss der Pontresiner Führer erwähnten Piz Carrai identisch zu sein. Bezüglich des Sassal Masone wusste Niemand im Hospiz anzugeben, ob er schon bestiegen sei — jedenfalls ein Zeichen, dass der Gipfel zum mindesten selten besucht worden ist.

Diess schien mir um so merkwürdiger, als meiner Ansicht nach dieser Berg seiner weit vorgeschobenen Lage wegen eine ganz besonders schöne Aussicht haben musste, die höchstens gegen Westen hin durch Palü und Cambrena beschränkt sein dürfte, wofür aber der Anblik dieser firngepanzerten Bergriesen vollen Ersatz bieten würde. Ich beschloss also, sofort die Besteigung zu versuchen.Die fortwährende Communication zwischen dem Hospiz und Pontresina hätte es mir leicht gemacht, von dort einen mit dem Hochgebirg vertrauten Führer zu erhalten, aber da es mir besonderes VergnügenMehrere Wochen später, mit der Abfassung dieses Berichtes beschäftigt, fiel mir auf, dass der auf den Karten Sassal Masone genannte Gipfel auf dem Langnard-Panorama in Tschudi's Tourist den Namen Piz Carrai führt, und um aus dieser Verwirrung in 's Klare zu kommen, ersuchte ich brieflich Herrn Enderlin in Pontresina um Auskunft. Derselbe erwiderte, der von mir bestiegene Gipfel sei unzweifelhaft der Carrai, und nur die am Südabhang dieses Berges gelegene Alpwirthschaft heisse Sassal Masone; die dem Cambrena näher gelegene, höhere Spitze ( welche Ziegler Carrai, das Blatt Poschiavo Carale nennt ) trüge, so viel er wisse, keinen besonderen Namen. Indess hat Ziegler's Nomenclatur bereits in der alpinen Literatur Anwendung gefunden ( s. z.B. voriges Jahrbuch pag. 75 ) und auch die eidgen. topographische Karte im Maassstab der Originalaufnahmen schliesst sich derselben an. Um eine Verwechslung der beiden Gipfel zu vermeiden, schlage ich daher vor, die von mir bestiegene Spitze Piz di Sassal Masone oder östlichen Piz Carale zu nennen, zum Unterschied von dem schneebedeckten, 390 m höheren westlichen Piz Carale.

Anm. d. Verf.

gewährt, bei leichteren Touren selbst die Führerrolle zu übernehmen, so zog ich es vor, einen in der Nähe des Hospiz wohnenden intelligenten italienischen Wegarbeiter, Namens Tobias Giacomelli, als Begleiter mitzunehmen, welcher zwar noch nie einen höheren Berg bestiegen hatte, seine Functionen aber zu meiner vollsten Zufriedenheit erfüllte. Ein Militär-Tornister, ein kurzer Strick von höchst zweifelhafter Stärke als sog. Gletscherseil und eine gewaltige Holzaxt bildeten ausser dem Alpstock seine Equipirung.

Am Morgen des 12. August kurz vor 4 Uhr verliessen wir das Hospiz, umgingen den Lago Bianco nach der linken Seite und überschritten die zwischen ihm und dem Lago della Scala befindlichen Brücken. Somit war der Fuss des Berges erreicht. Hinsichtlich des einzuschlagenden Weges hatte ich mich schon am Tage zuvor vom Hospiz aus orientirt. Auf den ersten Blick fordert der von der Spitze nach dem Lago Bianco zu abfallende Grat heraus, ihn zum Pfade zu wählen, und die Schneelage, welche denselben fast ununterbrochen bedeckte, liess vermuthen, dass der Abfall nicht gerade sehr steil sein werde; doch zeigten sich durch das Fernrohr einige Stellen, an welchen der Schneegrat durch dunkle Felswände unterbrochen war, und es liess sich nicht erkennen, ob der Aufstieg hier kein Hinderniss finden würde. Ein zweiter, etwas weniger direct zum Ziel führender Plan bestand darin, nach Ueberschreitung des Firns das sich an der linken Seite der Felspyramide hinaufziehende Schneefeld zu gewinnen und über dasselbe bis auf den oberen Theil des nach Südosten abfallenden Gipfelgrats zu gelangen.

Erst am Fusse der Felspyramide hatten wir uns zu entscheiden.

Vom Seeufer stiegen wir über Geröll und Schnee- flecken ziemlich direct hinan und umgingen oder überkletterten die sich entgegenstellenden steilen Felsbänder an passender Stelle. Ein heftiger, fast stürmischer Nordwestwind hatte uns bisher unfreundlich angeblasen, und als nun die Sonne aufging und sich gleichzeitig an dem zuvor klaren Himmel Wolken auf Wolken thürmten, schien es nicht unwahrscheinlich, dass unsere Bergfahrt zur Wasserpartie werden könnte.

10 Minuten nach 5 Uhr erreichten wir den Rand der Schneemulde etwa in gleicher Höhe mit der grossen aus dem Firn hervorragenden Felseninsel und verfolgten nun die Richtung schräg nach rechts aufwärts an den Fuss des zur Spitze hinaufziehenden Schneegrates. Die Neigung des hartgefrorenen Schnee's betrug 33-35° ( mit einem selbstverfertigten, höchst einfachen Clinometer gemessen ) und erweckte die angenehme Aussicht auf eine den Heimweg verschönernde Rutschpartie.

Am Fuss der Felspyramide angekommen hielten wir Rast und Umschau, denn hinter unserem Rücken hatte sich bereits eine prächtige Fernsicht auf die Campo -Spitzen und das Poschiavo-Thal entwickelt und mit Freuden begrüsste ich die im Südosten auftauchende Adamellogruppe.

Die steigende Sonne und der heftige Wind hatten die Wolken zerstreut, immer klarer wurde der Himmel, doch immer ärger der Wind. Bot der Schneegrat nur irgend schwierige Stellen, so hätte ein solcher Wind, dem wir dort schutzlos preigegeben waren, sehr beschwerlich werden können. Also war die linke, windgeschützte Bergflanke unter allen Umständen zu benutzen.

Ueber Felsen und kleinere Schneeflecken kamen wir bald an den Fuss des sich vom Gipfel herabziehenden Schneefeldes, doch erwies sich dieses wegen seiner Steilheit so wenig einladend, dass wir vorzogen, so lange als möglich in den Felsen zu bleiben; aber bald wurden diese ungangbar, und es blieb jetzt nichts übrig, als auf das Schneefeld hinauszutreten, welches eine durchschnittliche Neigung von 49° zeigte. Wir überschritten dasselbe schräg nach links, seinem oberen Ende zu ansteigend. Glücklicherweise war der Schnee vortrefflich und bei festem Eintreten kein Abgleiten zu befürchten, was freilich eine gewaltige Rutschpartie zur Folge gehabt haben würde, denn jäh Schoss das Schneefeld unter uns in die Tiefe.

Am jenseitigen Ufer angelangt, erreichten wir nach kurzem Klettern den Grat, welcher sich vom Gipfel gegen die Alp Grüm hin herabzieht. Der letzte Schritt, mit welchem wir die Grathöhe betreten, enthüllt in einem Augenblick ein prächtiges Bild. In unmittelbarer Nähe steigt der gewaltige Palü vor uns auf, tief unten liegt Alp Grüm und die von dort aus so viel betrachtete Zunge des Palü-Gletschers, und hinaus in 's Poschiavo-Thal und bis zum Adamello schweift ungehindert der Blick.

Doch wir sind noch nicht oben. Der Grat besteht aus grossen, breiten Felsblöcken und ist leicht zu begehen; selbstverständlich darf der Wanderer nicht an Schwindel leiden, denn mit einem Blick übersehen wir beide Abgründe sammt dem sie trennenden Grat. Nach Ueberschreitung eines kleinen Felskopfes zeigte der Grat unerwarteter Weise einen Einschnitt, von welchem sich links zum Palü-Gletscher eine schmale Schneekehle jäh hinabzieht, während nach rechts der oberste Ausläufer des früher passirten Schneefeldes kaum minder steil in die Tiefe führt. Ehe wir jedoch zu der durch diese beiden Schneezüge gebildeten Firnschneide gelangen, versperrt uns ein nach rechts zu umgehender Felsblock den Weg. Jenseits der nur wenige Schritte langen Firnschneide ( die bei schneeärmerer Zeit vielleicht einem leicht gangbaren Felsgrat Platz macht ), auf dem obersten Theil des Gipfelaufbau's angekommen, ist das Ziel so gut wie erreicht. Die Neigung schien uns geringer, die Felsen leichter gangbar — oder war es nur die Nähe des Ziels, welche uns anfeuerte? Kurz, in wenigen Minuten war der Gipfel erstürmt.

Es war 8 Uhr; die häufigen Rasten eingerechnet und trotz langsamen Gehens hatten wir nur 4 Stunden bis zur Spitze gebraucht; doch glaube ich, bei einer abermaligen Besteigung kaum 31/a Stunden nöthig zu haben.

Wir befanden uns auf dem mit einer dicken Schneehaube gekrönten, dem Hospiz zugewandten Vorgipfel, welcher den höchsten Punkt des öfter erwähnten grossen Schneegrates bildet, der aus der Tiefe zum Gipfel emporführt und sich von hier aus ziemlich steil und luftig ausnimmt. Wenige Schritte westlicher liegt die andere, etwa einen Meter höhere Spitze; sie besteht aus schneefreien Felstrümmern und ist mit Leichtigkeit zu erreichen.

Die Aussicht hatte meine hochgespannten Erwartungen noch weit übertroffen und wir konnten uns ihrem Genuss ungestört hingeben, denn wolkenlos spannte sich der tiefblaue Himmel über Berg und'. Thal, so weit das Auge reichte; und der Wind, der früh Morgens so wüthend dahersauste, vermag nur noch die Fahne, welche Tobias aus einem rothen. Taschentuch und dem Alpstock improvisirte, zu munterem Flattern zu bringen. Nun wurde Karte und Compass zur Orientirung in der umfassenden Fernsicht zu Rathe gezogen, doch hatte ich weder Lust, die-Gipfel zu zählen, noch die Fähigkeit, mich ohne weitreichende Karten über die entfernteren Spitzen zu* unterrichten. Nur die hervortretendsten Partien der Aussicht seien desshalb hier erwähnt.

Gegen Südwest bildet der blendend weisse Palü ein prächtiges Bild. Die drei Spitzen mit den überhängenden Schneegewächten liegen unmittelbar vor uns, und bis in die kleinsten Falten des riesigen Firnmantels reicht der Blick. Links vom Palü zeigt sich das zum Piz Verona ( dessen Spitze selbst nicht sichtbar ist ) hinaufreichende grosse Firnfeld; gegen Südost lässt sich das Poschiavothal mit seinem See völlig übersehen, doch deckte ein leichter Dunstschleier seinen südlichsten Theil. Weiter nach links beginnt der aus Sassalbo, Pizzo di Sena und Pizzo del Teo u.a., gebildete, an kühn aufstrebenden Spitzen reiche Felskamm, hinter welchem in glänzendem Firngewand die Adamelloberge in voller Pracht abmarschiren. Dann folgen die selten besuchten Berge des Val Viola ( Cima di Saoseo, Cima di Lago Spalmo u.a. ) und weiter nach links dominirt in breiter Majestät mein alter Freund Ortler seine Gefährten Cristallo und Königsspitze. Die klare Luft lässt uns die Tyrolerberge in überraschender Nähe erscheinen. Mehr im Vordergrund starrt der düstere Felsobelisk Corno di Campo ( 3234 m ) zum Himmel empor, begleitet von der schneebedeckten Punta di Campo3305 m ), und am Horizont erhebt sich eine ganze Reihe bedeutender Hochgipfel, jedenfalls die Oetzthaler Berge. Ich glaube Similaun, Wildspitze, lauter alte Bekannte, sowie die massivere Weisskugel zu erkennen.

Nach Nordost zu folgt eine ganze Menge weniger auffallender Gipfel, deren Namen ich nicht weiss. Den Vordergrund bilden Piz Lagalb, Alv, Albris, Languard, dann das Pontresiner und Samadener Thal mit den Genossen des Piz Ot. Nach Westen hin schliessen Munt Pers, Piz Cambrena und der unserem Standpunkt benachbarte westliche Piz Carale die Rundsicht.

Vom schneebedeckten Vorgipfel aus ist der Berninapass mit seinen freundlich heraufblinkenden Seen und dem Hospiz völlig zu übersehen; auf der anderen Spitze dagegen ruht der abwärts gerichtete Blick auf dem wild abstürzenden Cambrenagletscher und dem sanft gewölbten, zum Sassal Masone gehörigen Firn, welcher durch einen ununterbrochenen Felskamm von jenem Gletscher getrennt ist. Vor nicht gar langer Zeit mag das Eis über jenes Riff hinweg zusammenAuf dem Blatt Poschiavo trägt die Spitze 3305 den Namen Corno di Campo, der Punkt 3234 ist unbenannt.

Anm. d. Red.

gehangen haben, heute besteht jeder Gletscher für sich allein.

Auf der höheren Spitze unseres Berges war das Geröll an einer Stelle zusammengehäuft — offenbar die Ueberreste eines zerfallenen Steinmannes. Wenn uns auch nicht das Verdienst zukommt, diesen Gipfel zuerst bestiegen zu haben, so gebührt meinem Begleiter Tobias doch unbestreitbar die Ehre, auf jeder der beiden Spitzen einen gewaltigen, vom Hospiz aus sichtbaren Steinmann erbaut zu haben. Glasscherben oder sonstige Spuren öfterer Besteigung fanden sich nicht vor.

Um 10iíz Uhr, also nach 2 V2 stündigem Aufenthalt, wurde der Rückweg angetreten, und zwar verfolgten wir den Grat, der uns zur Spitze gebracht hatte, diessmal so lange, als es nur anging, um das steile Schneefeld zu vermeiden, bogen dann links und stiegen zu dem unteren Theil des Schneefelds hinab, wo dasselbe eine geringere Neigung besass.

Nun begann die Schlittenfahrt, erst vorsichtig und langsam, dann immer couragirter. Tobias, dem die Sache noch etwas neu war, hatte sich bald eingewöhnt. Von Feld zu Feld ging es, oft um die Wette, sausend bergab. War ein Schneefeld abgefahren, so fand sich nach wenigen Schritten wieder ein neues; oft fuhren wir, ohne aufzustehen, aus einem Feld in ein anderes, das mit jenem zusammenhing. So ging die tolle Fahrt bis fast zum See hinab.

Ich kenne keinen anderen Berg, bei welchem das Absteigen in solchem Grade sitzend abgemacht werden kann, wie hier; freilich reichten in diesem August die Schneefelder bis in den See hinein.

Punkt I2V2 Uhr betraten wir wieder das Hospiz und hatten somit zum ganzen Abstieg gerade zwei Stunden gebraucht, wovon aU Stunden zum Umgehen des See's in Anspruch genommen wurden. Um den Weg noch mehr abzukürzen, kann man nach Verabredung mit dem Fischer dessen Boot zur Ueberfahrt benutzen und somit den Ausflug durch eine wenigstens bei der Rückkehr zur Mittagszeit höchst anziehende Seefahrt auf dem Lago Bianco würdig beschliessen.

Die ganze Excursion lässt sich also in ausserordentlich kurzer Zeit ausführen, bietet gar keine Gefahr und erfordert nur ein wenig Schwindelfreiheit und einige Geschicklichkeit im Klettern. Der Weg zeigt nirgends durch ihre Einförmigkeit ermüdende Strecken, wie solche bei ähnlichen Touren die Geduld und die Laune des Reisenden oft hart auf die Probe stellen, sondern bietet in mannigfachem Wechsel sowohl Felskletterei wie Firnübergang, steiles Schneefeld und stolze Gratwanderung und schliesslich statt des Abstiegs eine prächtige Schlitten- ( und See- ) fahrt — lauter Freuden einer in der Regel nur durch vielstündige, mühselige Märsche bezwingbaren Hochgebirgstour. Die Aussicht, welche die Spitze bietet, besitzt einen besonderen Reiz durch den Gegensatz zwischen der in unmittelbarer Nähe aufragenden, starren Eiswelt des Palü und Cambrena einerseits und der fast unbeschränkten Fernsicht auf unzählige Spitzen andererseits, während der gesenkte Blick über die Firnmasse, welche unsere Felspyramide umlagert, hinabgleitet zu den schimmernden Seen des Berninasattels und den grünen Fluren Italiens.

Die Besteigung des Sassal Masone oder östlichen Piz Carale kann demnach als ein höchst dankbares Unternehmen jedem rüstigen Bergsteiger empfohlen, werden. Weniger Geübten würde ich rathen, den von uns boim Hinabsteigen benutzten Weg auch aufwärts zu verfolgen, um so das steile Schneefeld, auf welchem ein Ausgleiten verhängnissvoll werden könnte, zu vermeiden. Man hätte folglich den unteren, weniger steilen Theil des erwähnten zur Spitze hinaufziehenden Schneefeldes links aufwärts zu überschreiten und dann den linken Gipfelgrat zu gewinnen.

Als Begleiter kann ich Tobias Giacomelli bestens empfehlen, doch möchte ich nicht unterlassen, den Wunsch auszusprechen, dass der Hotelwirth im Bernina-Hospiz doch darauf bedacht sein möge, für solche oder ähnliche Ausflüge ein ordentliches Gletscherseil und einen Eispickel den Fremden zur Verfügung stellen zu können. Für Gebirgstouren höheren Eanges, sowie für Gletscherwanderungen im Palü- und Cambrenagebiet müssen selbstverständlich erprobte Führer von Pontresina herbeigezogen werden.

Wenn sich vorstehende Zeilen auch nicht auf einen jungfräulichen Gipfel oder auf eine neue Errungenschaft im Clubgebiet beziehen, so hielt ich sie doch der Mittheilung werth, da dem Zweck des S.A.C. gewiss auch dadurch gedient ist, wenn ein vernachlässigter Gipfel, welcher in hohem Grade verdient, ein häutiges Ziel der Touristen zu sein, in sein Recht eingesetzt wird.

lieber Cima di Carton zum Merapass.

Von der Erwartung ausgehend, dass die östlich der Berninastrasse liegenden Höhen der Cima di Cartèn, des Corno oder des Pizzo di Campo einen schönen Blick auf den östlichen Theil des Berninagebirges bieten dürften, unternahm ich mit Tobias Giacomelli am 10. August eine Recognoscirung nach jenen Gipfeln zu, mit der allerdings nicht zur Ausführung gelangten Idee im Hintergrunde, bei ausreichender Zeit vielleicht einer der Campospitzen einen Besuch abzustatten.

Als wir um 3 Va ühr früh das Hospiz verliessen, überraschte uns eine bezaubernde Mondscheinlandschaft. See und Gletscher lagen in hellster Beleuchtung, und durch die dunkeln Schattenpartien gehoben strahlten die Schneefelder und der Gipfelgrat des Sassal Masone weit hinaus in die Nacht. Bei Ueberschreitung der wenige Minuten vom Hospiz entfernten Passhöhe tauchte vor uns über dem langen Rücken der Cima di Cartèn, düster sich vom hellen Himmel abhebend, der Riesenobelisk des Corno di Campo auf, um nach wenigen Augenblicken wieder hinter dem Cartènkamm zu versinken. Rasch erreichten wir, die Strassen-windungen abkürzend, das Val Lagone und die Hütten La Motta, überschritten das Thal und stiegen jenseits die steilen Weidhänge der Cima di Cartèn hinan. Es galt nun, den schon von der Berninapasshöhe aus in 's Auge gefassten tiefsten Uebergangspunkt über den langen, von einer Wellenlinie begrenzten Bergrücken ohne Umweg zu finden, was auch vollkommen gelang, indem wir anfangs längs einem munter herabrauschenden Bach aufstiegen und uns dann ein wenig nach rechts zogen.

Stufe auf Stufe wurde so in langsamem Schritt zurückgelegt und schliesslich hielten wir, ungeduldig geworden, jede vor uns auftauchende Anhöhe für den Gipfelgrat. Glückliche Täuschung, ohne welche so mancher Bergsteiger sein Ziel nicht erreicht hätte! Unterdessen war das Mondlicht bleicher, der Himmel heller geworden und hinter uns entwickelte sich eine mit jedem Schritt prächtiger werdende Aussicht.

Die kaum aufgegangene Sonne beleuchtete blendend die Firnfelder des Palü, der Bellavista, des Cambrena und seiner östlichen Nachbarn und zeigte uns den vom Firn bis zum Absturz frei daliegenden Cambrenagletscher. Rechts vom Cambrena erhebt Piz Morteratsch sein abgerundetes weisses Haupt und zwischen beiden steigt ein riesiger firnbedeckter Coloss, Piz Bernina, auf, leider seine Spitze in Wolken verhüllend. Von Nordwest her streckt Piz Languard seine neugierige Felsnase herüber, den Vordergrund bildet Val Lagone mit der Passhöhe der Berninastrasse und ihren Winkenden Seen, und in südlicher Richtung begrenzen Piz Verona ( dem von Nord gesehenen Uri-Rothstock ähnlich ) und die das grüne Poschiavothal einschliessenden Berge das farbenreiche Bild.

Ueber ein Schneefeld ansteigend gelangten wir endlich zum Grat, und wie mit einem Zauberschlag öffnete sich hier ein zwar begrenzter, aber gerade dadurch um so gewaltiger wirkender Ausblick. Aus dem tief unter uns liegenden, engen Merathal steigt wohl 1000™ hoch, jäh und unvermittelt, die colossale, unersteiglich scheinende Felspyramide des Corno di Campo auf. Links von ihr, hoch über dem theilweise mit Schnee und Eis überwölbten, azurblauen Merasee, hängt eine steile Gletscherzunge herab, deren oberes Firnfeld sich bis nahe zum Gipfel der schöngeformten dachartigen Punta di Campo ( 3305 m* ) hinaufzieht. Nach Süden zu folgt der Blick dem mit Geröll und Schnee erfüllten, vegetationslosen Merathal hinab in 's grüne Val di Campo, an dessen gegenüberliegender Seite die theilweise überhängende Cima di Saoseo im Begriff scheint, sich kopfüber in 's Thal zu stürzen. Ein ernster, durch die unmittelbare Nähe des übermächtigen Corno di Campo etwas niederdrückender Anblick. Es war bereits V29 Uhr geworden, als wir nach einer längeren Rast den Kamm der Cima di Cartèn verliessen und zu dem am jenseitigen Rand des oberen Thalcircus liegenden Merajoch hinüberwanderten. Zunächst mussten breite Schneefelder überschritten werden, dann suchten wir uns soviel als möglich auf der Höhe zu erhalten. Schliesslich wurde jedoch der Bergabhang, den wir gegen Norden zu umgingen, immer schroffer und schroffer, und es schien unmöglich, hier weiter zu kommen. Ein Blick nach rückwärts zeigte, mit welch grossem Zeitverlust ein Umkehren verbunden wäre, und so versuchten wir die eingeschlagene Richtung dennoch zu forciren und gelangten glücklich — wenn auch mit Aufbietung aller disponibeln Kletterkünste — um den mit Schieferplatten gepanzertenSiehe Anm. pag. 73.

Berg herum. Fingerbreite Kanten steil stehender Felsplatten waren mitunter der einzige Halt für Hände und Füsse, und da das Nachgeben eines solchen Halt-punktes uns unfehlbar rasch zu den Schutthalden des Merathals befördert hätte, so war sorgfältige Prüfung jedes Stützpunktes eine Lebensaufgabe. Endlich nahm auch diese Strecke ihr ersehntes Ende, und als ich später von der jenseitigen Thalwand aus die Richtung verfolgte, in welcher wir die jäh abfallende Schieferwand etwa in der Mitte ihrer Höhe passirt hatten, und sah, dass durch etwas tieferes Hinabsteigen in 's Thal und Umgehen der Felsen in einer halben Stunde dasselbe bequem erreicht worden wäre, was wir durch anderthalbstündiges Klettern endlich erzwungen hatten, musste ich mir gestehen, dass das Ersteigen selbst bedeutender Hochgipfel an der Hand wegkundiger, erfahrener Führer oft leichter ist, als der selbstgesuchte Uebergang über einen unscheinbaren Bergkamm.

Für künftige Fälle rathe ich unbedingt, vom Cartèn-grat nach Ueberschreitung der grossen Schneemulde ziemlich weit bis zu dem Fuss jenes an seiner nordöstlichen Seite die erwähnte schroffe Schieferwand zeigenden Bergabhanges hinabzugehen und dann unter demselben durch ( noch immer ziemlich hoch über dem Thalboden ) über Geröllhalden und Schneezüge schräg aufwärts zum Passo di Val Mera hinüber zu steigen.

Auf der Passhöhe ( 2675 m ) öffnet sich nach Norden « in freundlicher Blick in das mit kleinen Seen geschmückte Nera- und hinaus in 's grüne Livignothal. Die den Hintergrund desselben bildende Bergkette liess sich der Nebel wegen nur undeutlich erkennen.

War uns die Sonne seither nur vorübergehend durch Wolken entzogen worden, so hatte sich in der letzten Stunde der Himmel immer mehr umdüstert, leichte Nebel umstrichen uns und ein feiner Regen liess nicht lange auf sich warten. Wetter und späte " Stunde ( es war bereits 11 Uhr Mittags ) mahnten, den Heimweg anzutreten, doch wollte ich wenigstens noch -den Gletscher in der Nähe gesehen haben. Wir bestiegen daher die hohe Moräne und betraten den Gletscher, welcher bis nahe zur steil herabhängenden Zunge überfirnt ist, viele grosse und kleine Spalten :zeigt, aber im Ganzen leicht zu begehen ist.

Einmal so weit von der Passhöhe entfernt, mochte ich nicht wieder zu derselben zurückkehren, und wir nahmen desshalb den Abstieg in 's Merathal dem rechten Ufer der Gletscherzunge entlang, da ich mich erinnerte, vom Cartèngrat aus einen Grasabhang gesehen zu haben,welcher zwischen den Felsabstürzen, die das untere Gletscherende umgeben, in 's Thal hinabführt. Bald kamen wir jedoch auf abschüssige, glatt abgeschliffene und kaum einen Halt bietende grosse Felsplatten, wie -sie sich immer an Gletscherzungen finden, und waren froh, endlich einen, wie wir glaubten, zum Thal führenden Grashang erreicht zu haben. Doch hörte letzterer plötzlich auf und überall führten senkrechte oder überhängende Felsmauern in die Tiefe. Da war guter Rath theuer! Aber nach langem Hin- und Hersuchen fand ich endlich ein Kamin, eine enge, den Fels spaltende Kluft, deren Boden zwar äusserst steil abwärts führte, deren Seitenwände aber den auseinandef-gestemmten Armen Halt boten. Aus einer Nische der 6 Kluft schimmerten der gebleichte Schädel und sonstige Knochen einer wohl hier herabgestürzten Ziege.

Rasch kamen wir hinunter zu dem Boden des grösstentheils noch mit Schnee bedeckten oberen Mera-thals und hatten nun keinerlei Schwierigkeiten mehr zu erwarten. Einer Wasserleitung folgend gelangten wir bald hinaus in 's Val di Campo, hielten uns dann möglichst rechts auf der Höhe und fanden beim Umbiegen in 's Val Lagone einen hübschen, durch Nadelwald hoch über der Thalsohle hin führenden Pfadr welcher häufig prächtige Ausblicke bot. Erst bei La. Rosa betraten wir die Strasse und erreichten eine Stunde später das Hospiz.

Der Uebergang über den Kamm der Cima d Cartèn zur Merapasshöhe und der Rückweg durch das enge, düstere Mera- und das liebliche Campothal zum Hospiz dürfte als kleine Tagestour wohl zu empfehlen sein. Die Entfernungen kann ich unserer Kreuz- und Querzüge wegen nicht genau angeben. Vom Hospiz zur Kammhöhe des Cartèn dürften wohl vier Stunden zu rechnen sein; hinüber zur Merapasshöhe eine weitere Stunde und für den Heimweg ebenfalls etwa vier Stunden. Räthlicher, als dem von uns. eingeschlagenen Hinabweg längs der Gletscherzunge zix folgen, wäre es, von der Merahöhe direct zum tiefblauen See hinabzusteigen und anfangs dem rechten, später dem linken Ufer des Baches entlang zu gehen.

Der Blick auf das Berninagebirge und seine südlichen Ausläufer, das überraschende Bild, welches auf der Höhe des Cartènkammes das Merathal mit Corn » und Punta di Campo bietet, sowie die freundliche Aussicht von der Merapasshöhe belohnen reichlich für die geringe Mühe, welche der vorgeschlagene, keinerlei Kletterkünste beanspruchende Passweg verursacht.

Pizzo di Dosdè.

Einen Glanzpunkt des vom Bernina-Hospiz nach Bormio führenden Violapasswegs bildet der jenseits der Passhöhe gebotene Einblick in das sich nach Süden abzweigende Val di Dosdè, dessen Hintergrund von dem schimmernden Dosdègletscher, der Felsspitze des Pizzo di Dosdè und den gewaltigen Schneehäuptern des Sasso del Piano und der Cima di Lago Spalmo gebildet wird.

Diese abgelegene, fast ganz auf italienischem Boden liegende Berggruppe ist sowohl vom Bernina-Hospiz als auch vom Bormio erst nach vielstündigen Märschen zu erreichen und wurde desshalb auch nur selten bisher besucht. Ueber Pizzo di Dosdè ( nicht mit dem am Eingang des Thales stehenden Corno di Dosdè zu verwechseln ) fand ich ausser der lakonischen Bemerkung Tschudi's: « schwierig » in der Literatur keinerlei Auskunft, und da auf keiner Karte die Höhe des Gipfels angegeben ist, so schien es wahrscheinlich, dass Piz Dosdè überhaupt noch nicht bestiegen war.

Mein Aufenthalt im Bernina-Hospiz gab mir Gelegenheit, von hier aus die Besteigung zu versuchen.

Am 14. August 1879, Nachmittags 4 Uhr, verliess ich das Hospiz, begleitet von einem Bruder meines früheren Gefährten, Louis Giacomelli, der zwar ebenfalls noch keinerlei Hochgebirgstouren gemacht hatte, dessen Gewandtheit und Unerschrockenheit aber alles Lob verdient.

Wegen einbrechender Nacht gelangten wir nur bis zu den letzten Sennhütten diesseits der Passhöhe; statt —-wie ich beabsichtigt hatte — zu den am Eingang des Dosdèthals gelegenen Hütten, und verschliefen uns auch noch am andern Morgen unglücklicher Weise, so dass erst um 43,4 Uhr abmarschirt und um 7 Uhr das Dosdèthal erreicht werden konnte.

Piz Dosdè erscheint, von hier aus gesehen, als ein aus grossem Gletscher über einer hohen und steilen Firnwand aufragender zweigipfliger Fels. Zwischen beiden Gipfeln zieht sich ein sehr steiles Schneefeld weit hinauf und bietet sich gewissermassen als Weg an. Ueber Rasenhänge, Felsbänder und Schneefelder au der östlichen Thalseite aufsteigend, erreichten wir gegen 9 Uhr den oberen flachen Theil des Gletschers, überschritten denselben und gelangten zum Fuss der grossen Firnwand, die glücklicher Weise noch völlig im Schatten lag und sehr hart gefroren war. Hier band ich uns an das Seil, das genügende Länge besass und dessen Qualität wenigstens diejenige jenes erbärmlichen Strickes weit übertraf, welcher mich bei früheren Touren mit Louis'Bruder zum Schein verbunden hatte.

Obwohl Stufen geschlagen werden mussten, so kamen wir doch bei der anfangs nicht allzu bedeutenden Steigung ziemlich rasch vorwärts, bald aber er- reichten wir eine schon vom Dosdèthal aus erkennbare, durch grosse Schrunde bezeichnete Stelle, wo der von den Felsen herabziehende Schneehang plötzlich weit steiler wird, und gerade unter dem nun zu erklimmenden, jähen Schneezug fanden sich einige zwar nicht tiefe, aber fast zwei Meter breite und mit den prächtigsten Eiszapfen geschmückte Schrunde. Glitten wir also auf dem äusserst steilen Schneezug ab, so wurden wir hier mit offenen Armen empfangen. Diese Situation wollte mir gar nicht behagen, besonders wenn ich daran dachte, dass der Rückweg möglicher Weise ebenfalls über diesen, dann erweichten Schneehang genommen werden müsse; doch die rechts und links der Gasse sich fast senkrecht aufthürmenden glatten Felswände spotteten des Versuchs, über sie den Gipfel zu erreichen, und so blieb der Firnhang der einzige Weg.

Hatte mein Begleiter seither schon Stufen in den fast eisharten Firn schlagen müssen, so fing die Hackarbeit mit der gewaltigen Holzaxt nun erst recht an, da die jähe Steigung grosse und tiefe Stufen erforderte. Langsam, sehr langsam rückten wir vorwärts und gelangten endlich zur Sattelhöhe, wo sich eine prächtige Aussicht nach Süden öffnete, doch gebot die Vorsicht, einige Schritte unterhalb der Schneide zu bleiben, da sie möglicher Weise überhängen konnte. In der That sah ich später von oben, dass hier unmittelbar eine senkrechte Felswand in die Tiefe des Vervathals hinabführt.

Nach Zurücklassung allen Gepäcks und der Stöcke begannen wir den letzten Theil unserer Aufgabe, die Erkletterung der zum westlichen, höchsten Gipfel führenden schroffen Felswand. Es war ein ziemlich schwieriges und der jäh unter uns gähnenden Abgründe wegen nicht ganz ungefährliches Unternehmen.

Kurz vor 12 Uhr erreichten wir den gratartigen, aus grossen Gneissblöcken gebildeten Gipfel. Derselbe fällt nach allen Seiten sehr steil ab und bietet eine zwar grossartige, doch nicht so umfassende Aussicht, wie ich erwartet hatte, da Piz Dosdè niedriger ist als seine Nachbarn, die ebenso wie er noch nicht gemessen zu sein scheinen. Gegen Südwesten bietet der gewaltige, an den Palü erinnernde, dreigipflige Sasso del Piano und die ebenfalls mit gewaltiger Schneelast beladene Cima di Lago Spalmo ein prächtiges Bild, doch verdeckt die langgezogene schiefe Pyramide der Cima Saoseo den grössten Theil der Berninakette. Frei schweift der Blick durch das Dosdèthal hinaus in 's Val Viola und über die jenseitigen Berge; tief unter uns blinken die grünen Seen des Col di Verva ( 2406 m ), doch die jenseits des Vervathals sich erhebende Cima di Piazzi ( 3500 m ?) überragt unseren Standpunkt und verdeckt gerade den Ortler, dagegen bleibt die Königsspitze sichtbar; ebenso zeigt sich die Adamellogruppe in voller Pracht.

Auf dem Gipfel unseres Piz Dosdè fanden sich keinerlei Spuren einer früheren Besteigung. Wir bauten einen vom Dosdèthal aus sichtbaren Steinmann, in welchem meine Schnapsflasche nebst Visitenkarte zum Zeichen unseres Besuches zurückgelassen wurde. Die Höhe des Berges kann ich, da mir kein Messinstrument zu Gebote stand, nicht angeben; meiner Schätzung nach dürfte sie 3000 m wohl etwas überschreiten.

Punkt 1 Uhr wurde der Abstieg angetreten. Das Hinabklettern über die schroffe Felswand zum jähen Schneefeld ging langsam aber gut von statten, doch hier hatte die Mittagssonne die heute Morgen durch einen kräftigen Stoss des Fusses kaum verletzbare Schneewand in leichten Schaum verwandelt, in welchem die Stöcke mit Leichtigkeit ganz untergetaucht werden konnten. Jetzt rächte es sich bitter, dass wir am Morgen so lange geschlafen hatten. Wenn irgend möglich, wollte ich das Hinabsteigen über die steile Schneewand vermeiden, aber mein Plan, über den jenseits derselben sich erhebenden kleineren Felsgipfel unseres Berges zu einer allmäligen Firnabdachung zu gelangen, scheiterte an der glatten, fast senkrechten Felswand, welche vom Schneesattel zum Felsgipfel führte. Also musste doch der jähe Schneehang als Rückweg dienen, es blieb keine andere Wahl.

Gleich bei dem ersten Schritt glitt ich aus und fuhr dem unmittelbar unter mir stehenden Giacomelli in die Beine. Ganz besondere Vorsicht war hierdurch angezeigt. Durch sorgfältigstes Feststampfen der nach Art der Leitern rückwärts zu begehenden Stufen, durch tiefes Eingraben der linken Hand und des Alpstockes, verbunden mit der üblichen Vorsicht, dass immer nur Einer sich in Bewegung befand, kamen wir glücklich zu den vergeblich lauernden Schrunden hinab und zwischen diesen durch auf den weniger steilen Theil der Schneewand und hinab zum flachen Gletscherfirn. Rasch wurde dieser überschritten und um Vs4 Uhr sein jenseitiges Felsenufer erreicht. Fast zwei Stunden hatten wir also auf der jähen Schneewand zugebracht. Leider habe ich ihren Neigungswinkel nicht gemessen,. da mir diese Operation, während wir uns auf der Wand befanden, zu gefährlich schien und sich später kein, geeigneter Standpunkt finden liess.

Den Hinabweg nahmen wir, von der Aufstiegsrichtung abweichend, längs dem rechten Gletscherufer und gelangten ohne weitere Schwierigkeiten in 's Thal. Es-war 6 Uhr Abends, als wir die Dosdehütten erreichten,, und hier schickte ich meinen Begleiter voraus, um meine auf dem Hospiz befindliche Frau über unser langes Ausbleiben zu beruhigen. Giacomelli kam auch richtig um 2 Uhr Nachts zum Hospiz und entledigte sich seines Auftrages. Ich skizzirte noch unsern Piz Dosdè und ging dann allein über den Violapass. Der vorher ziemlich klare Himmel hatte sich rasch mit Wolken überzogen, und mit Riesenschritten brach di& Nacht herein. Als ich etwa um 8 Uhr Abends die Passhöhe überschritten hatte, überfiel mich die Dunkelheit plötzlich in solchem Grade, dass ich über Steine-stolperte und in 's Wasser trat, dass es eine Lust war.. Sofort hatte ich den auch bei Tage nicht allzu deutlichen Pfad verloren, rutschte an einem in absolute Finsterniss hinabführenden Abhang ein Stück hinunter und hielt es schliesslich für das Beste, da das Erreichen der Violahütten oder das Aufsuchen eines sonstigen Obdaches unmöglich war, im Freien zu über- nachten. Bei Tagesgrauen nahm ich den wenige Schritte entfernten Pfad wieder auf und erreichte nach mehreren Rasten gegen 10 Uhr das Bernina-Hospiz.

Im Gegensatz zu der Besteigung des Sassal Masone kann ich diejenige des Pizzo di Dosdè nicht als eine dankbare bezeichnen, insofern ähnliche Aussichten andern Ortes mit weniger Mühe erlangt werden können, doch würden sich die Schwierigkeiten der Besteigung erheblich vermindern, wenn man von dem näher gelegenen Bad Bormio ausgeht, in den Dosdehütten übernachtet und frühzeitig aufbricht.

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