Ausflug zum Longs Peak (Rocky Mountains von Colorado)

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R.H. Lombard, Gif/Yvette, Frankreich

Ostwand des Longs Peak bei Tagesanbruch Die Flatirons, gewaltige Granitschieferplat-ten in Form aufgerichteter Bügeleisen - östliche Schutzwache der Rocky Mountains, an die sich die Stadt Boulder ( Colorado ) lehnt -, erleben eine friedliche Nacht. Kaum Lichter, undeutliche Geräusche, halb zwei Uhr morgens. Ich wälze mich pausenlos auf meinem Lager, beschliesse dann, dass es reicht, ziehe Aline an den Fussen, kitzle Guillaume auf dem Bauch und wecke dann Marie-Noëlle mit dem Ruf ( der Kaffee ist bereit ), der keiner Antwort gewürdigt wird.

Das Morgenessen geht im Telex-Tempo vor sich; wir haben die Szene zwei Wochen vorher geübt. Ein Schnitt mit dem Messer für das Morgenbrot, ein Schluck Bardolino. Die Kinder stöhnen über vorfabriziertem Porridge. Nichts vergessen: Sonnenbrillen, Wander-hüte, Anoraks, Pullover und vor allem die Verpflegung für etwa zehn Tage - und gute Zähne.

Der Wagen brummt. Eilig nach Norden. Zum Canyon und zur Landstrasse, die bei jeder Wendung zögert, ob sie den Fluss überqueren oder ihm folgen soll. Ward, die fast gespenstische einstige Bergbausiedlung, ein Loch, an dem der Wagen in die Geleisespuren rutscht, ehe er den Highway erreicht.

Unterwegs zum Longs Peak Longs Peak Ranger Station. Es sind bereits viele Leute da, aber auf dem Parkplatz herrscht kein grosses Durcheinander. Mein Angebot von Sandwichs und Birchermüsli wird eher unfreundlich aufgenommen. Es ist frisch, und niemand ist böse, den Pullover mitgenommen zu haben. Wir machen uns mit grösster Sorgfalt bereit, den grossen Rucksack nehme ich auf den Rücken; nachdem wir uns im Register ordnungsgemäss eingetragen und das Gebet des fröhlichen Alpinisten gesprochen haben - und nach einigen echten Jodlern -, machen wir uns vergnügt auf den Kriegspfad zum Longs Peak. Es ist halb fünf Uhr morgens.

Anmerkung: Der Longs Peak ist mit seinen 4345 m der höchste Gipfel des Rocky Mountains National Park, der im Norden des amerikanischen Bundesstaates Colorado liegt. Von der kleinen Ranger Station bis zu dem hübschen Täfelchen, das den Gipfel ankündigt, sind es 12,8 km, der Höhenunterschied beträgt rund 1476 m.

Schon von Beginn des Weges an wird uns bewusst, dass unsere Expeditionsausrüstung nicht auf der Höhe ist. Tom hat uns sehr liebenswürdig eine hervorragende Taschenlampe geliehen, die wir selig von allen Seiten bewundert haben, deren Batterien zu prüfen uns aber nicht in den Sinn gekommen ist. Ihr Lichtstrahl ist minimal, und längere Ohnmächten unterbrechen sein schwaches Leuchten.

Der Pfad ist breit, also leicht auszumachen, was für uns aber reicht, über Abfallkübel zu fallen und einen Kehrichthaufen zu ersteigen. Der Schaden ist schnell behoben, und wieder tappen wir im Finstern auf dem rechten Weg. Der Anfang ist fast flach oder doch so wenig steil, dass wir uns fragen, ob es wirklich der rechte Weg ist. Palaver und Überlegungen an einer kritischen Weggabelung. Die Lampe ist keine Hilfe. Bleiben Gedächtnis und Intuition.

Glück! Der Weg wird steiler, wir steigen. Ohne gerade tintenschwarz zu sein, wird die Nacht doch weder von Mond- noch Sternenschein erhellt. Wir tasten uns weiter, folgen einem von verschiedenartigen Bäumen gesäumten Weg. Bei manchen Kurven braust der Fluss heftig und donnernd, ein schwerer Tadel voller Anspielungen auf unsere fragwürdige Vorbereitung.

Nach einer Dreiviertelstunde holt uns eine Laterne ein. Sie hängt an einem Arm der geschwenkt wird, durchdringt die Dunkelheit und gibt uns Sicherheit, dass unsere Vermutung über den einzuschlagenden Weg richtig war - bis zu dem Augenblick, in dem wir erfahren, dass der gute Mann, der sich uns nähert, uns in der Meinung folgt, wir kennten das Gebiet.

Grauer Himmel, aber flinke Beine In der Morgendämmerung kommen wir aus dem Wald, beim Überschreiten der Waldgrenze auf 3250 m geht die Sonne auf, die uns eine wenig angenehme Überraschung bereitet: Der Himmel ist milchig weiss. Ein schlechtes Vorzeichen in einer Gegend, in der nur zu oft gleich nach der Mittagszeit Gewitter den Wanderer zu plagen pflegen. Wir steigen ohne Unterbrechung in einem vielversprechenden Rhythmus. Andere Gruppen sind in verschiedener Höhe gestaffelt zu sehen. Der Longs Peak geniesst einen bedeutenden Ruf, und wenn er auch Gewitter anzieht, so wimmelt er doch von Pilgern ohne sportlichen Ehrgeiz.

Vor den letzten, durch Schilder angekündigten Latrinen herrscht gewaltiger Andrang. Es fehlen nur noch numerierte Platzkarten für das Schlangestehen und ein wenig Musik.

Der Pfad entlang eines breiten Moränenrückens fällt steil ab und verläuft in fast gerader Linie zur Ostwand des begehrten Gipfels. In der Morgendämmerung noch unbestimmt und goldkäferfarben, gewinnt er im Aufstieg an Macht, tauscht seine zarte Vergoldung gegen ein dunkles Blau mit ebenholzschwarzen Einlagen. Gegen 7 Uhr erreichen wir einen kleinen Sattel, auf dem wir uns entscheiden müssen. Links senkt sich der Weg zum Chams Lake am Fuss jener herrlichen, im Morgenlicht strahlenden Wand. Rechts liegt der Granite Pass, dort geht es weiter aufwärts. Wir haben Vorsprung auf unsern Zeitplan. Guillaume galoppiert. Bei dieser Gangart werden wir alle Rekorde brechen.

An diesem Punkt begehen wir einen grossen Fehler in der Einschätzung der Situation. Es wäre vernünftig gewesen, auf halbem Weg eine etwas längere Pause zu machen und sich ordentlich zu verpflegen. Eine Wildschwein-keule, ein Schluck Schnaps hätten unsere Beine in Schwung gebracht. Doch leider führen das Gefühl, prächtig in Form zu sein, und die lästige Ungewissheit, weil der Himmel nicht klar wird, dazu, die Essenshalte zu überschlagen.

Wir überholen einige Konkurrenten. Die Natur zeigt uns ihre schönsten Seiten: Murmeltiere, Schneehühner, majestätische Hirsche und eine immer reichere Landschaft.

Nach dem Granite Pass, der uns nach Norden vom Gipfel weggeführt hat, wendet sich der Pfad brüsk nach Südwesten, führt im Zickzack über einen von tausend kleinen Bächen durchzogenen Hang. Während wir entlang der Bergflanke zum Granite Pass gingen, war uns der Longs Peak durch den Mount Lady Washington verborgen, nun wird er nach und nach sichtbar wie der Nacken eines Stieres, den man vom Hinterteil des Tiers her entdeckt, nah und mächtig, auf seiner Nordseite von einem gewaltigen Geröllzug bedeckt. Die einstige Normalroute führte über dieses Geschiebe, einige fixe Drahtseile erleichterten das Vorankommen auf diesen heiklen Wegstücken. Die Kabel wurden beseitigt, um dem Gebirge seine ursprüngliche Wildheit zurückzugeben, und der jetzige Weg führt westlich und nördlich um den Gipfel.

Boulder Field, 3700 m bis 3900 m. Der Hang wird sanfter, der Weg verliert sich auf einem Gelände mit mehr oder weniger monstruösen Blöcken, man durchquert es in Richtung auf einen Einschnitt im Nordwestgrat, das Key- Photo: R -H. Lombard Aussicht vom Gipfelplateau des Longs Peak auf die wellenartig sich erhebenden Gebirgsketten des Colorado. Bereits beginnt sich der Himmel von Westen her zunehmend zu verdüstern.

hole.Von diesem Zeitpunkt an beginnen all jene, die in Tennisschuhen oder mit hohen Absätzen aufgestiegen sind, sich nach den gesunden Schnürstiefeln unserer Grossmütter zu sehnen. Allgemeiner Halt bei den ehemaligen Latrinen. Aus einem rein wissenschaftlichen Grund - aus dem Klärsystem strömte Cyanwasserstoff ( Blausäure ) oder irgendein anderer fragwürdiger Stoff aus - sahen sich die Rangers gezwungen, die Bude für den Sommer zu schliessen. Die Menge verteilt sich hinter den natürlichen Schutzwänden, und die Gesichter, die für einen Augenblick verschwinden, lassen keinen Zweifel, dass sich die meisten mit der Düngung der Tundra beschäftigen werden. Man versichert mir, dass es sauberer als am Matterhorn zugeht.

Je höher und reiner, desto schöner und härter Ein Schädel, der unter Druck steht wie ein Schnellkochtopf, Übelkeit wie bei einem Säugling, Beine, die beginnen, den schnellen Aufstieg zu spüren, das ist unser Schicksal. Rosinen und , am Granite Pass verteilt, wollen kaum rutschen. Der rituelle Schluck Tee verbessert die physische Kondition auch nicht. Man müsste etwas Nahrhaf-tes essen, Sellerie mit Remoulade, Erbsbrei, aber der Appetit fehlt. Auch die Moral. Und ohne Marie-Noëlle, die uns zu verstehen gibt, dass sie nicht so früh aufgestanden ist, um Gänseblümchen zu zählen...

Das Gewicht meines Rucksacks wird mir unbehaglich, und der Gedanke an die 30 kg Sandwich, die ich für nichts und wieder nichts mitschleppe, lässt mir die Galle hochkommen. Ich befördere die Last auf Alines Schultern. Es bleiben nur noch reichlich 500 m und der Beginn einer Kolik.

Das Gelände wird wieder steiler, über einige leichte Platten erreichen wir das Keyhole, von dem aus man auf eine lange Traverse der Westwand gelangt. Halt in der Sonne auf den Felsen. Hin- und Herreden. Dieser Spass lässt uns die Kehle eng werden, und die Beinmuskeln spannen sich. Den Rucksack lassen wir im Schutz eines Überhangs.

Keine Rede mehr von einem Mahl bei der Ankunft. Doch die ersten Schritte in der Westwand machen wieder munter. Es handelt sich kaum um Kletterei, aber es ist nicht mehr der Pfad. Der grässliche Anmarsch ist zu Ende. Der Gipfel wird uns nicht mehr entgehen. Für jene, die unter Schwindel leiden - und wir sind zwei -, ist es ein Leidensweg. Nicht, dass der Hang besonders aufregend wäre, aber die angestaute Müdigkeit vermindert das Selbstvertrauen und verstärkt Angstgefühle.

Die Westwand liegt vollständig im Schatten, obgleich es bereits fast 10 Uhr ist. Das Land lässt sich bis zum Arapaho Peak und anderen Viertausendern mit indianischem Namen überblicken.

Plötzlich ist die Traverse zu Ende, der Weg geht wieder aufwärts und folgt über einen Höhenunterschied von 150 bis 200 m einem Couloir mit einer durchschnittlichen Neigung von 45°. Nichts Ausserordentliches, aber die Beine spüren den ihnen seit dem Morgengrauen aufgezwungenen Rhythmus. Nachdem Aline dieses Couloir, das eine längere Anstrengung erfordert, geprüft hat, macht sie hier halt.

Der umliegende Fels ist prächtig. Tausend Routen zeichnen sich ab und locken. Grüner und rosenroter Granit, über den da und dort Wasser läuft, das von irgendwoher kommt und grossartige Fontänen aufsprudeln lässt.

Das Couloir endet an einer Art Pass, der in die Südwand führt. Guillaume gibt auf. So nah er auch dem Gipfel ist ( ungefähr 50 m Höhenunterschied ), hat er doch genug und kehrt um. Er steigt in Gesellschaft einer Gruppe von Veteranen ab und will uns zusammen mit Aline am Keyhole erwarten. Übrigens verdunkelt sich der Himmel noch weiter, und in unbestimmter Ferne ruft ein Donnerschlag zur Ordnung. Keine Zeit mehr zum Herumbummeln.

Traversierung in der Südflanke oberhalb einer 800 m hohen Wand, dann der Schluss über leichte Wege. Für auf Schwierigkeitsbewertungen begierige Fachleute sei präzisiert, dass der Longs Peak über die Normalroute für jeden normalen Wanderer erreichbar ist. Die einzigen Schwierigkeiten liegen in der Höhe, den fast täglichen Nachmittagsgewittern und der Länge der Tour.

Der Gipfel ähnelt einem ausgedehnten, kie-selbedeckten Fussballfeld. Der Blick kann kilometerweit in die Runde über die Rocky Mountains mit ihren sanften, geglätteten Formen schweifen.

Photos, Rosinen. Ein zweiter Donnerschlag veranlasst uns, schleunigst zu verschwinden.

Gewitter, Mühsal und Poreyrette Der Abstieg verlangt einige Aufmerksamkeit. Wir grüssen Gruppen Begeisterter, die schnaufend dem Gipfel zustreben. Der Donner grollt in immer kürzeren Abständen.

Die Kinder erwarten uns in einem Rest Sonne, der bald verschwindet. Kein Gedanke an eine Essenspause, unser einziges Heil liegt in einem beschleunigten Rückzug.

Sobald wir wieder in der Tundra und auf dem Pfad sind, ziehen wir unsere Anoraks über. Rundherum herrscht ein allgemeines Durcheinander. Die Menge flutet in wirren Gruppen, jeweils zu sechst oder siebt, zurück zu den Tälern. Gerade als wir über dem Gra- nite Pass sind, peitscht uns der Hagel, als seien wir durchgehende Pferde, die eine Lehre nötig haben. Der Himmel speit Feuer und Flammen, die schwere Artillerie läutet dazu die grosse Glocke. In kurzer Zeit sind wir von Wasserstürzen durchweicht und haben keinen trockenen Faden mehr am Leib. Stellenweise verwandelt sich der Weg in einen Bach.

Tatsächlich sind wir eher glücklich dran, denn der Kern des Gewitters zieht vor uns her. Trotzdem haben wir bei jedem neuen Blitz Angst. Kein einziger natürlicher Schutz: Die Rocky Mountains bestehen aus rundlichen, fast flachen Bergen, nicht zu vergleichen mit den Dents du Midi, die von Fort-de-l'Ecluse bis Badile den Blitz anziehen. Unser Mitgefühl gilt den Armen, die jetzt im Gebiet des Gipfels sind und sich einer ( bevorzugten Bedienung ) erfreuen.

Hinunter, hinunter, hinunter die Baumgrenze erreichen. Fast laufen wir, denn wir frieren. Unsere Kinder erleben ihre grosse Taufe. Sicher, sie sind keine Neulinge mehr, wir haben da und dort in den Alpen oder Vogesen auch schon kitzlige Situationen erlebt. Aber hier ist es anders. Die Brutalität des Anschlags, diese eisige Dusche, die zu unserer Müdigkeit hinzu kommt, der Ungewisse Eindruck von Gefahr und jener Instinkt, der uns treibt, trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, all das drückt dem Ganzen das Siegel des Abenteuers auf.

Der Weg ist lang, entsetzlich lang, das wird uns sehr deutlich bewusst, während der Aufstieg uns doch fast belanglos erschienen war. Nach ungefähr zwei Stunden hört der Regen auf, die Sonne kommt wieder hervor, zunächst noch zögernd; nach und nach wird sie kräftiger und wärmer. Als wir die ersten Bäume erreichen, ist es schön. Der vom Gewitter angeschwollene und wilde Fluss macht Sprünge wie eine Herde Gazellen.

Es ist 16.30 Uhr, als ich im Register unterschreibe. Wir können unsere Hemden, Hosen und Socken auswringen, die Schuhe wechseln.

Wir fahren ab. Die Kinder ruhen sich im Wagen aus und singen sich in den Schlaf:

Aus dem französischsprachigen Teil, übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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