Badile

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

VON WILLY VAN LAER, BURGDORF

Mit 1 Kohlezeichnung Bondasca...

Es gibt Namen, die etwas Märchenhaftes, etwas Sehnsuchtvolles in sich haben, die uns durch ihren Wohlklang bezaubern. Sie erwecken in viel stärkerem Masse unsere Einbildungskraft, als es ein gewöhnlicher Name zu tun vermag.

So erging es mir mit dem Namen des südlichsten Bergeller Seitentales, als ich ihn zum erstenmal las.

Eines Tages stand ich dann auf der Zinne des Ago di Sciora und blickte hinab auf den jähen, zerrissenen Bondascagletscher und auf die phantastischen, wie in fahlem Mondlicht schimmernden Gipfelgestalten seiner Umrahmung. Mein Blick wurde gebannt von der Badile-Kante, einmalig vielleicht in ihrer architektonischen Stilreinheit, ein Strebepfeiler aus eisenhartem Granit, der aus massigem Sockel achthundert Meter emporschiesst zur Zackenkrone des Gipfelgrates, scheinbar glatt und fugenlos.

Langumkämpft blieb der « Spigolo » - auch Christian Klucker, der Erstbesteiger so vieler Bergeller Spitzen, hatte sich an ihm vergeblich versucht -, bis er 1924 von den Kletterkünstlern Walter Risch und Alfred Zürcher bestiegen wurde.

Zürchers Schilderung in den « Alpen » ( 1925 ) erweckte mir ebenso viel gespannte Neugier wie Bewunderung, und ts wurde mir zum Wunschtraum, beinahe zur fixen Idee, einmal diesen Höhenweg beschreiten zu dürfen.

Dass ich aber noch als alternder Mann dazu kommen sollte, hätte ich nie zu hoffen gewagt! Ich verdanke die Erfüllung dieses langgehegten Wunsches vier jungen SAC-Kameraden, erlesenen Kletterern, mit denen ich mich auf einer Dolomiten-Kletterwoche ausgezeichnet verstanden hatte. Nicht ohne schwere Bedenken willigte ich in ihren Vorschlag ein und machte mich unverzüglich an ein systematisches Training.

Aber der regennasse Sommer 1965 zeigte sich keineswegs vielverheissend. Der Führer jedoch war bestellt, und der Optimismus siegte. Trotz ganz unsicherer Wetterlage fuhren wir in der Sams-tagfrühe Mitte August im Personenwagen auf gut Glück ins Engadin und über den Malojapass ins Bergell hinunter.

Nach kurzem Verpflegungshalt in Promontogno folgten wir im Wagen noch ein gutes Stück dem Gemeindesträsschen, das auf den ersten Alpboden des Bondascatals hinauf leitet; so konnten wir fast zwei Stunden Weg einsparen.

Auf steilem, oft bachbettartigem Pfad durch regennasses Unterholz und durch Alpenrosen- und Wacholderstauden, dann, oberhalb der Baumgrenze, über Trümmerhänge, erreichen wir nach zwei Stunden rüstigen Marsches die Sciorahütte auf 2150 m Höhe. Tiefe Wolkenbänke verhüllen ringsum die Gipfel; der Himmel ist trübe, unsere Stimmung desgleichen. Bei einem Jass blicken wir immer wieder in den Nebel hinaus, der allmählich auch die nächste Umgebung einhüllt.

Vor dem Einnachten kommt unser Führer, Gottlieb Zryd aus St. Moritz, ein kraftvoller Berner, der sogleich unser Vertrauen gewinnt. Er belebt unsere Lebensgeister mit der Äusserung: « Ich glaube, das Wetter wird gut! » Bei prasselndem Regen verkriechen wir uns bald auf unsere Schlafplätze.

Und das Wunder geschieht! In der Frühe wölbt sich ein reingefegter Sternenhimmel über allen Gipfeln.

In freudiger Spannung beschleunigen wir unsere Vorbereitungen und brechen um 4% Uhr, kurz vor Anbruch der Dämmerung, zu unserer Bergfahrt auf.

Über Moränen steigen wir vorerst etwa 200 Meter in den Trichter ab, wo noch vor wenigen Jahrzehnten Cengalo- und Bondascagletscher zusammenflössen; heute breiten sich hier nur noch Lawinenreste aus. Vor uns erhebt sich das wuchtige Bollwerk, aus welchem sich unsere Kante emporschwingt.

Ein Pfad, das Viale, übrigens die einzige Wegspur des ganzen Tages - führt uns über ein Felsband hinauf, das noch üppig begrünt ist und bunte Flora aufweist.

Nun stehen wir auf dem mächtigen Felshöcker des Sasc Furä, an dessen Fusse wir die primitive Unterkunftshütte erblicken; die Sektion Bregaglia schickt sich an, sie zum bequemen Stützpunkt auszubauen.

Bergwärts breitet sich eine glattplattige Senke wie der Widerrist eines Pferdes, dessen beide Flanken in schöner Rundung immer jäher zum Cengalo- und zum Trubinascagletscher abstürzen; dann steigt der Grat wie die Mähne eines Schiachtrosses immer steiler empor und verengt sich mehr und mehr zur scharfen Kante.

Wir sind am Einstieg und seilen uns an, je zwei Mann an die Enden dreier Seile von 30 Meter Länge.

Als Ältester und Schwächster geniesse ich den Vorzug, am Führerseil zu gehen.

Die Morgensonne ist hinter dem Cacciabellagrat aufgestiegen, trocknet und wärmt angenehm den wundervollen, hellen Granit, der wie ein Mosaik von riesigen, bis 6 cm langen Feldspatkristallen durchsetzt ist; in spärlichen Humusritzen leuchten da und dort die entzückend blauen Äuglein des Himmelsherolds.

Es ist eine Lust, diesen rauhen Fels anzupacken, der uns während 5% Stunden in Atem halten wird. Der Führer klettert jeweils eine volle Seillänge voraus; er kennt seinen Berg genau und weiss um jede Sicherungsmöglichkeit. Gewöhnlich ist er nach einigen Metern entschwunden; für den Nachfolgenden ist es reizvoll, mit den Augen zu erkunden, wo der beste Durchgang ist. Meist finden sich auch fast unmerkliche Spuren am Gestein, das durch die Vibramsohlen allmählich etwas gequetscht wird. Wir bleiben so viel als möglich dicht an der Kante; zweimal werden Überhänge in der Westflanke umgangen. Der Tiefblick in die Nordostwand, wo eine der extremsten Kletterrouten hinaufführt, ist beklemmend; noch glatter und nahezu lotrecht fällt die Westwand zum Trubinascagletscher ab. Unsere Kante bietet mehr Abwechslung, als sie, aus der Ferne gesehen, verspricht: es gibt Türmchen, Kamine, Rinnen, auch mal eine Verschneidung. Immer bleibt sie aber solid und griffig, kaum jemals wackelt ein Stein, den man angreift; der Ausdruck « Genusskletterei » ( Pause ) ist durchaus gerechtfertigt, zumal die Schwierigkeit den vierten Grad nie überschreitet. Die Erstbesteiger müssen vielerorts bedeutend schwierigere Passagen gemeistert haben als die heute übliche Route. An steilen Platten finden sich einige Male zwei bis drei Haken, in die sich der Seilführer einklinken kann. Dort, wo das « Zürcherband » eine Umgehung in der Nordostwand einleitet, überholen wir eine rastende Gruppe von Altdorfer Clubkameraden, die auf Sasc Furä genächtigt haben; bald darauf erreichen wir den Vorgipfel und nach Überschreiten des leichten Verbindungsgrates um die Mittagszeit den Gipfel des Piz Badile ( 3308 m ). In tiefer Bewegung drücke ich dem Führer und meinen Freunden die Hände. Bald rücken auch die Urner an, und männiglich beglückwünscht sich zur flotten Kletterfahrt. Ein Mailänder kommt mit seinem Büblein über die leichtere Südroute, und es stellt sich heraus, dass den Jungen und mich Alten just sechs Jahrzehnte trennen, worauf das ungleiche Paar eifrig geknipst wird.

Ich fühle mich ordentlich müde, doch keineswegs abgekämpft. Nach kurzer Stärkung vermag ich die grossartige Rundsicht zu geniessen, bevor aufsteigende Nebelschwaden sie verhüllen. Hinter den zum Greifen nahen, wilden Zacken der Scioragruppe im Osten zeigen sich die Schneehäupter der Albigna: Cima del Cantun und Cima di Castello; weiter südlich ragt die harmonische Gestalt der Disgrazia, und in der Ferne leuchten Ortler und Adamello. Im Norden breitet sich das Gipfelmeer der Bündner Alpen, und weit im Westen schimmert der Kranz der Walliser und Berner Zinnen Im Süden entschwinden in bläulichem Dunst, wie Theaterkulissen gestaffelt, Kette um Kette der uns ganz unbekannten Bergamasker Berge.

Gegen 13 Uhr machen wir uns an den Abstieg nach Süden, längs des « Canalone », einer engen Rinne, die sich zuweilen schluchtartig erweitert. Ganz im Gegensatz zur Nordseite liegt hier viel loses Gestein, und bald sausen auch einzelne Brocken auf uns herab, zum Glück ohne Schaden anzurichten. Wir vermeiden aber tunlichst den Grund der Rinne, um dem Steinschlag auszuweichen. Das Abklettern bietet wenig Schwierigkeiten, und nach zwei Stunden sind wir am Fusse der Felsen, auf Schneezungen und im Geröll und laben unsere durstigen Kehlen an Rinnsalen.

Etwa eine halbe Stunde weiter unten liegt das italienische Rifugio Gianetti ( 2536 m ). Mein heimlicher Plan war: Sollte ich übermüdet und meinen Kameraden ein Hindernis sein, so könnte ich dort übernachten und anderntags ins Masinotal absteigen.

Doch nach der Rast fühle ich mich wieder frisch. Vom Seil befreit queren wir stundenlang über blockübersäte Hänge ostwärts, unter den Südausläufern von Badile, Cengalo und der Gemelli durch. Das unaufhörliche Springen von Block zu Block ist für meine nicht mehr intakten Fussgelenke äusserst beschwerlich, und ich gerate ins Hintertreffen. Erst auf der Firnzunge, die zwischen Gemelli und Cima della Bondasca hinabfliesst, kann ich mich im gemächlichen, rhythmischen Aufstieg wieder ausruhen. Ganze 500 m gilt es wieder anzusteigen bis zu einer Scharte im felsigen Kamm, dem Passo di Bondo ( 3169 m ), wo sich eine Biwakschachtel befindet. Wir stehen wieder auf dem Grenzkamm, im hintersten Winkel des Bondascagletschers, der da wie ein urweltliches Raubtier mit hundert gierigen Spaltenmäulern auf uns zu lauern scheint.

Ohne Verzug - denn der Abend naht - durchsteigen wir die niedrige Felsmauer, die uns vom Bergschrund trennt, überspringen diesen und schnallen die Steigeisen an. Zum guten Glück hat unser Führer vor wenigen Tagen im Abstieg von den Gemelli eine Spur durch das Labyrinth des Gletschers gelegt, die wir nur zu verfolgen brauchen. Kreuz und quer führt sie uns über schmale Spalten und solche, die einen tüchtigen Sprung erfordern. Zweimal müssen wir über einen Serak-Abbruch abseilen ( wie froh sind wir über den bereits aus dem Eis gehackten Abseilpilz !). Glücklich erreichen wir die Gletscherzunge, bevor das letzte Tageslicht erlischt, und nach einer weitern, mühseligen Stunde bei Laternenschein durch das Blockgewirr halten wir um 21 Uhr 30 in der gastlichen Sciorahütte wieder frohen Einzug.

Und in der Nacht singt uns der Regen sein Schlummerlied...

Feedback