Begegnungen mit Alpenpflanzen

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VON KARL-WILHELM SPECHT, MÜLHEIM D. RUHR

Mit 5 Bildern ( 15-19 ) La Chaux-de-Fonds, die Uhrenstadt im schweizerischen Jura, lag hinter uns. Die schweisstreibende Auffahrt zum Pass der Vue des Alpes würden wir auch bald geschafft haben. Da stoppte Kamerad Erhard plötzlich sein Fahrrad und deutete nach rechts auf den buschigen Abhang: « Ich glaube, da steht Türkenbund! » Wir arbeiteten uns aufgeregt den Hang hinauf und hielten dann schweigend inne. Dort stand Türkenbund, fast halbmeterhoch, kaum zu entdecken im Strauchwerk, mit Blüten von malerischer Schönheit. « Ich wäre glatt vorbeigefahren », bemerkte ich und blickte auf die zahllosen Autofahrer, die noch ahnungsloser vorüberflitzten.

Wir brauchten fast eine Stunde für unsere « Arbeit »: Vorsichtig drückten wir die Sträucher auseinander, rupften hohe Kräuter und Gräser im Umkreis der kostbaren Lilien aus, stampften uns Fundamente in den Boden, auf die wir die Kamerastative stellen konnten. Nach sorgfältigem, fast feierlichem Photozeremoniell wurden die botanischen Schätze wieder behutsam verblendet und gegen allzu neugierige Blicke abgeschirmt. Wir aber trugen im Photoapparat etwas nach Hause, was mein besonderes Interesse an der alpinen Flora geweckt hatte. Erhard war mit seinen Kenntnissen und seinem Spürsinn ein hervorragender Lehrmeister. Und so gibt es nach etlichen Urlaubswochen in der Schweiz nicht mehr viele Raritäten, die mir nicht begegnet sind.

Die begehrteste Blume war seinerzeit - wie könnte es anders seindas Edelweiss. Auf zahlreichen Streifzügen durch die deutschen und österreichischen, vor allem aber durch die Schweizer Alpen war die Suche danach vergeblich geblieben. Zum sechsten Male war ich im geliebten Grindelwald. Das Tal und auch die umgebenden Höhen mit den botanisch schier unübertrefflichen Regionen um Alpiglen und First konnten mir nichts Neues mehr bieten. Doch wie stand es mit Edelweiss? Eines Tages fand ich eine Ansichtskarte, auf der die ersehnte Blume abgebildet war. Sie wuchs vor dem Hintergrund der Jungfrau, die sich dem Betrachter von Norden zeigt, auf der östlichen Flanke eines Vorberges, der auch zu identifizieren war, dessen Name aber hier nicht verraten sei. Ich frohlockte; denn das Bild sprach eine eindeutige Sprache. Und sollte ich den ganzen Berg « auf den Kopf stellen » müssen. « Ich werde dort Edelweiss finden », sagte ich mir. Zusätzliche Erkundigungen bei Einheimischen brachten verständlicherweise nur zurückhaltende und ungenaue Auskünfte. So machte ich mich mit meinen etwas naiven Ortskenntnissen auf den Weg. Ein brütend heisser Tag war nicht dazu geeignet, « einen ganzen Berg auf den Kopf zu stellen »; aber heute hatte ich einen besonders dicken Schädel.

Der Nordgrat meines Berges, eine Ansammlung von Geröll und Schutt, lag vor mir. Kolkraben krächzten über turmhohen Blöcken und lenkten mich eine Zeitlang ab. Dann begann die Suche. Systematisch tastete ich mit den Augen den Fuss der Felsflanken ab, selbst da, wo nach menschlichem Ermessen kein so edles Pflänzchen zu gedeihen vermochte, ganz abgesehen von der Nähe eines Pfades. Aber man konnte ja nie wissen! Die höheren Regionen wurden Meter für Meter mit dem Fernglas abgesucht, lieber einmal zuviel als zuwenig. Scharten und Klüfte musste ich natürlich einzeln durchklettern, um meine Suchobjekte aufzuspüren. So verging eine Viertelstunde nach der andern, und das anstrengende Schauen liess bereits leichte Kopfschmerzen aufkommen. Nach einer Stunde sah ich, dass ich in der Luftlinie vielleicht zweihundert Meter vorwärtsgekommen war; doch hatte ich die Gewissheit, auch nicht die kleinste Stelle ausgelassen zu haben.

Eine weitere halbe Stunde verging. Wie eine Halbinsel war ein Felsrücken dem Berg vorgelagert. Zunächst stieg ich an der Rückseite umher, nahm jedes aus der Ferne weiss leuchtende Kräutchen genau in Augenschein, liess mich oft täuschen von hellen Blüten, die im Gegenlicht einen Strahlenkranz erhielten. Dann nahm ich die Vorderseite « unter die Lupe ». Stück für Stück wanderte das Glas über jeden Vorsprung, auf jedes Fleckchen, wo sich pflanzliches Leben zeigte. Die Hände zitterten vom langen Hochhalten des Feldstechers.Und dann hielt ich plötzlich inne. War es wieder eine Täuschung? Noch einmal ein starres Fixieren: Ja, ja, da stand ein Edelweiss! Und dort noch eines! Ein drittes und ein viertes, alle einzeln und weit voneinander entfernt. Erst einmal tief Luft holen, eine Zigarette... Ich war glücklich. Nach einer kurzen Kletterpartie bestätigte sich ganz eindeutig die Entdeckung. Und als ich die schweren Photogeräte auf einem bequemeren Umweg nachholte, da blieb ich wieder stumm stehen: Hier gab es drei Exemplare, die ich vorher nicht gesehen hatte, so schön, als wären sie eigens für mich geschaffen worden.

Meine Kameras hatten Festtag. Sicher eine Stunde dauerte das Aufnehmen, farbig und schwarz-weiss, von oben, von der Seite... Dann gönnte ich mir eine lange Pause, die nur dem Betrachten diente. Nein, gepflückt habe ich keine der seltenen Blüten, aber noch heute, mehrere Jahre danach, könnte ich genau die Stelle finden, an der ich sie zum erstenmal sah.

Bei Alpiglen war es auch, wo ich wieder einmal das Staunen lernte. Etwas abseits des Weges, den so viele Touristen alpenrosenbehängt passieren, fand ich mich plötzlich in einem ganzen Wald von Orchideen! Ich konnte es kaum glauben, dass sie hier so zahlreich wuchsen wie bei mir zu Hause die Gänseblümchen auf den Wiesen. Stellenweise konnte ich kaum einen Schritt tun, ohne eines der kostbaren Gewächse zu zertreten. Es waren vorwiegend Knabenkraut-Arten ( Orchis ), aber auch die Händelwurz ( Gymnadenia ) und die Hundswurz ( Anacamptis ) konnte ich mehrfach bestimmen. Fast halbmeterhoch, mit einem zwanzig Zentimeter hohen Blütenstand, ragten die grössten Exemplare aus dem Gras. Dazu kam eine Farbenpracht, die vom Weissrosa bis zum Purpurrot reichte. Die weisse Bergkuckucksblume ( Platanthera ) und das Kohlröschen ( Nigritella ) ergänzten am First meine Sammlung.

Auch wenn ich manche dieser Raritäten anderen Ortes wiederfand, immer musste ich doch an die Tage der ersten Begegnung denken.

Mit meinem Kameraden Erhard hatte ich bald die Flora unterhalb der Eigernordwand und am Eigergletscher photographisch durchforscht. Ich glaube kaum, dass uns etwas Besonderes entgangen ist. Wir fanden das Wintergrün, den Seidelbast, drei oder vier verschiedene Enziane, den Gletscher-Hahnenfuss, und als ich später mit meiner Frau erneut dieses Blumenparadies durchstreifte, stiessen wir auf zwei entzückende weisse Glockenblumen, von denen mir keine mehr begegnet sind.

Wohl standen wir einmal hoch über Zermatt auf einer abgelegenen Bergwiese, die nur aus Türkenbund zu bestehen schien, einer schöner als der andere. Auch sahen wir das Edelweiss wieder: am Höhenweg des Schafberges über Pontresina. Keine fünf Meter unterhalb dieses einzigartigen Pan-oramaweges wuchs es, und die vielen Spaziergänger wunderten sich, weil wir emsig im regennassen Gras herumkrochen. Am Schaf berg, der unverständlicherweise noch nicht zum Pflanzenschutzgebiet erklärt worden ist, trafen wir auch nach eifriger Suche auf die gelbe Hauswurz ( Sempervivum Wulfenii ), die ab und zu einen schönen Kontrast zu den zahlreichen roten Vettern bildete.

Enttäuschend verlief dagegen zunächst ein Streifzug durch das vielgerühmte Val dal Fain. Zwar freuten wir uns über die orangegelbe Pracht der Arnika und des Gemswurz-Kreuzkrautes. Doch die Spezialität des Gebietes, der gelbe rätische Alpenmohn ( Papaver rhaeticum ), war nirgends zu entdecken. So gaben wir die Suche auf, begeisterten uns an Murmeltieren, Gemsen und Steinböcken und vor allem an der faszinierenden Aussicht auf die Bernina. Als wir schweissgebadet den letzten Schritt zur Fuorcla Pischa ( 2770 m ) taten, entfuhr mir unwillkürlich ein Ausruf: « Da ist er !» - « Er » war es tatsächlich. Mitten im Schutt, fast von flachen Gesteinsplatten erdrückt, leuchteten mehrere Mohnpflänzchen sonnengelb zu uns herauf. « Das sind Botaniker », hörte ich eine Frau in der Nähe erklären, als wir mit Stativen, Kameras, Vorsatzlinsen und Zwischenringen am Boden operierten. Postwendend liess ich halblaut einige lateinische Brocken fallen, die ich auch gerade erst im Bestim-mungsbuch nachgelesen hatte.

Nein, Botaniker braucht man nicht zu sein, wenn man sich mit den herrlichen Alpenpflanzen befasst. Wären wir solche Spezialisten, dann wäre uns auch das Missgeschick am Märjelensee nicht passiert. Erhard betrachtete dort andächtig ein ziemlich unscheinbares Pflanzengebilde und meinte: « Wenn ich nur wüsste, wie das heisst !» - « Unkraut », gab ich zur Antwort, wie immer, wenn wir uns im unklaren waren. Später, als wir die klugen Bücher wälzten, stellte sich heraus, dass das Unkraut « Edelraute » heisst!

Nur einige meiner botanischen Episoden am Rande grosser Touren habe ich erwähnt. Doch gehört praktisch zu jeder Bergfahrt die Begegnung mit der alpinen Flora. Und wer sich mit den kleinen Dingen nicht befasst, der weiss doch um die erhabene Grösse der Arven- und Lärchenwälder, durch die der Blick hinaufschweift zum ewigen Eis der Gipfel. Die Wälder sind die Bindeglieder zwischen den kargen Regionen der Drei- und Viertausender und dem reichhaltigen Leben zu ihren Füssen. Wer dazu die rechte Beziehung finden will, der sollte einmal den Aletschwald oder den Stazer Wald bei St. Moritz, den Biberg bei Kandersteg oder die uralten Baumgestalten der Hannigalp über Saas Fee aufsuchen. Die mächtigen Bäume des Bergwaldes sind gute Wegweiser in das Reich der Alpenflora, in das es mich nach harter Fels- und Eisarbeit immer wieder zurückzieht.

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