Bei den Walsern im Sesiatal

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Von Emil Balmer.

Es ist ein schöner Sommertag. Die Vegeltini tien fläcku ( fliegen ) in der Luft — auf den Feldern blühen die Tschant-Tschohans-Bliemme ( Johannis-blumen ) und Peterschlussia ( eine Art Schlüsselblumen ), und über die blumigen Wiesen segeln selten schöne Pfyfuntrillja ( Pfyfolter = Schmetterling ). Das Bartuli ( Barbara ), eine verheiratete Schwester der drei Muehmeni von San Nicloosch, kommt vom Dorf herauf, um auf ihrem Feld das Ommad zu mähen. Eine flotte Frau ist das Bartuli, und prächtig steht ihr die Alagnertracht. Blitzblank leuchtet das weisse, gestickte Hemp aus dem schwarzen Rockje heraus — über das bunte Bugiardi ( Mieder ) legt sich das rote Muggierel ( Seidentuch ), und um die schwarzen Zöpfe glänzt der silberne Räif, der von fünf grossen Spinge ( Stecknadeln ) gekrönt ist und von welchem lustig die farbigen Stringeni ( Bänder ) flattern. « Wie habt ihr doch eine schöne Tracht! » rufe ich begeistert. « Und ist sie auch praktisch zu tragen? » — « 0 jo, ditz Chläid isch gtalls z'troge! ( tall = bequem, untall = unbequem ). Ma chimm, Schwyzer, nu gange wer meje! » Tief hinten im Talgrund, aber schön an der Sonnseite gelegen, ist die Wiese des Bartuli, die es vom väterlichen Erbe zugeteilt erhalten hat. Das Bartuli wetzt die Sense ( tuet fedme d'Saageschu ) und reicht sie mir dar. Es will alles gelernt sein auf dieser Welt, das erfahre ich auch hier bei der ungewohnten Arbeit. Das Bartuli schaut mir von der Seite zu und lacht auf den Stockzähnen. « Du chasch nid schette woul meje », lacht es jetzt, « du hesch d'sche z'fascht glupfti, d'Saageschu, du tuesch nu bruuche der Spitz. » Ich will es besser machen und fahre mit der Sense in einen Stein. « Oh du miete — nu hesch gbisst d'Saageschu by ne Stäi! » — Das Bartuli greift nun selber an, mäht in kurzer Zeit das schöne Mättelein und ist nachher gerne bereit, mir über den Ackerbau und über die Feldarbeiten Auskunft zu geben. Über den Wechsel in der Bebauung berichtet es mir: « Äis Johr tue'mu schuflu ( umgraben ) der Acher, nosch tue'mu schetze Artuffule ( Kartoffeln ). Im Herbscht tue'mu obschloh ( abschneiden ) ds Chrut und putze der Acher. Nusch scheie ( säet ) mu ds Choure u tuet usgrobe d' Artuffule. Ds nocher ( nächste ) Johr tue'mu obschloh ds Choure — nosch tue'mu scheie Roofe ( Rüben ). Ebe ( bevor ) cheme der Schnei ( Schnee ), tue'mu würze ( ausziehen ) d'Roofe. » Das Gras bleibt meistens kurz, ist aber dicht und würzig. Der erste Schnitt gibt, wie bei uns, Grünfutter, dann kommt ds Häi, nachher ds Ommad und auf gutem Boden langt es sogar zur Terzula ( dritter Schnitt ), « und nosch tuet mu hiete d'Chie! » Mit dem « mogra Häi » wird das Wildheu bezeichnet. Das Bartuli wird nicht böse, wenn ich mein Notizbuch hervornehme und alles aufschreibe. « Zähle mir einmal die Haustiere auf », bitte ich. « Nu, dos will i der schege: d'Chue, d'Chie, d' Augge ( Gans ), der Eischi ( Esel ), d'Gäiss, ds Schof, d' Hennje, der Hohnu, d'Milja ( Maulesel ), ds Phard ( Pferd ), ds Hoschje ( Kaninchen ), ds Schwy, d'Schwylja ( Mutterschwein ) und nusch isch glifrut ( fertig ), das schind alljel » Das Korn gedeiht und reift im allgemeinen noch gut im « Land ». « Und wenn es auf dem Feld nicht voll ausreift, so wird es zum Austrocknen auf die Latten im Schopf getan, nicht wahr, Bartuli? » — « Jo, wenn ds Chuore isch rips ( reif ), so tue'mu's obschloh, nosch läit mu 's vum Schopf z'dörri. Wenns isch dirrs, tue'mu's usbitze ( ausschütteln ). Nider läi'mu es Chouretuech ( auf den Boden legt man ein Korntuch ), fir ufzfassu d'Chörrelini. Derno tue'mu's dresche. Choure schäge mu, bis nid isch usgschloges und dreschut, derno schäge wer mu Strouw. Vam leere Strouw machu mu Goufe ( Garben ). Speiter gi'mu ds Strouw z'asse de Chie, ma dervor tue'mu's trommu ( zerschneiden ). Ds Choure tue'mu zersch schibu ( sieben ) u derno wannu. Derno läi'mu's in e Schack und nosch trei'mu's zer Mihli fir mohle. Su's isch gmohle, gange wer gei ds Mehlu und troges zum Huusch. Im Wintermonut mache wer dermit ds Broud! » — Ja wirklich, einmal nur wird im Winter im « Land » gebacken, aber wenn auch das flache schwarze Brot steinhart wird mit der Zeit, schmackhaft und nahrhaft ist es doch, besonders wenn man es vorher in der Milch oder in der Bangadu aufweicht.

Hanf wird noch viel gepflanzt, und das Hanffeld ist der Stolz der Alagnerin, wie früher der Flachsacker der Stolz unserer Bäuerin war. Alle Leib-und Bettwäsche ist « Eigenprodukt ». Als heilige Arbeit wird heute noch droben am Monte Rosa das Hanfsäen betrachtet. Oder ist es nicht schön und rührend zugleich, wenn die Alagnerin am Pfingstsamstag die Hanfsaat hoch in die Luft wirft und dazu ruft: « So hoch, so lang sollst du werden! », wenn sie dazu das « Credo » betet und nach getaner Arbeit mit der verwerkten Hand in einer Ecke des Ackers ein Kreuz zeichnet! Das Bartuli hat mir das so schön erzählt: « Der Hampf tue'mu scheie em Viretog ( Vortag ) zum Pfingscht-tog. Ds Scheie isch wie-n-es häiligs Wärch. Scho d' olte Wyber scheie der Hampf, schlehndsch d' Hampfschoot heie in d'Luft und brilljen: Schettine heie, schettine lenge! Schi glauben, doss cheme der Hampf schettine heie, wie de'sch mus hend zeichud ( gezeigt ). Indem scheien, tiendsch schege der Glaube ( Credo ). Schie schege: i tuen scheie und Gott tie'mersch gschegnu. Wenn der Acher isch gschoote ( angesäet ), so tue'mu mache mit der Hand ds Chrytz in es Egge vom Acher! » — « Erzähl weiter, Bartuli, vom Hanf — was geschieht dann ?»«Nosch loht mu ne cheme en Bitz lenge und nosch gei'mu fimmelu ( die weiblichen Pflanzen ausziehen ). Z'usgend em Augschtu tue'mu fimmelu. Van de Fimmelu mache mu Schäili ( Seile ). In en Tamper-tog ( katholischer Feiertag, italienisch: giorno di tempore ) im Herbschmonut tue-mu würze ds Mandje ( die männlichen Pflanzen ). Mu lei'ne en Bitz in Schunnu ( Sonne ) fir z'derre. Nosch tue'mu usbitze ( ausschütteln ) der Schoomu ( Samen ) oder der Hampfschoot. Nosch tue'mu binde d' Aretjeni ( Büschel ) und nosch lei'mu ne in d'Roussu ( Wassertümpel, mit Steinen eingefasst ). Mu läit druff schwer Stäine fir schwoore ( beschweren ). No zwenzg Toge gei'mu ne ussergei ( herausnehmen ). Nosch lei'mu ne z'trochne. Derno tue mu ne räite ( brechen ). Die Tinghie, die füllend ob und der Hampf het mu in Fingre. Nusch gei'mu zer Bischtu... » — « Was ist das, die Bischtu? », unter- breche ich. « Dos isch e grousse Stäi. Ds Wasser spreit embrin vum e Rod und nosch tuet 's umzegen der Stäi — wäisch, der Stäi, der gäit um und um vum Wasser. Dos tue'ne fläcku ( pressen ). In der Bischtu chinnt der Hampf linde. Derno tue'mu ne häiche ( aufhängen ) und schäidu ( ausscheiden ) und derno spinne fir mache Tuech. Mit dem groube oder der Lindtu mache mu Brätschule ( Riemen für Hutten und Körbe ) oder Aschertuech ( Aschentuch, wie es früher bei der Wäsche verwendet wurde ) und mit der Ryschte machu mu Fode und Tuech. » « Wie spinnt ihr hier in Alagna? » « Ma der isch fascht gwundrige », lacht das Bartuli! « Spinne tue'mu mit em Rod oder der Trätta ( Spinnrad ). Wenn ds Gore ( Garn ) isch gspunne, tue'mus drufflegge vum Haspul — nosch tue'mu umergeh vum Haspul ds Gore, verstäisch? » — « Ja, ja, aufwinden sagen wir bei uns. Du, Bartuli, das hast du mir schön erzählt, nun weiss ich, was es braucht vom Säen des Hanfsamens bis zum fertigen Gewand — aber, weil du so gut aufgelegt bist, so sage mir noch schnell, was es eigentlich für eine Bewandtnis hat mit dem Wintergetreide! » — « Nu, dos isch ds Choure, wo mu tuet scheie im Herbscht. Schummerrogge schei'mu im Ustog, ma der tuet nid peirend ( überall ) ganz rypfe! » « Ober », und jetzt steht das Bartuli plötzlich auf — « nu muess i jutze dem Wärchwyb ( Taglöhnerin ), wir miesse z'Abendu! » ( zu Abend essen ). Verem-bisse ( vor dem Essen ) heisst Morgenessen, Umbisse ( Imbis oder berndeutsch Zimmis ) hat die Bedeutung von Mittagessen, dann kommt z'Abendu und z'Nachtu.

Hoch oben am Fusse des mächtigen Tagliaferro liegt die Alp der Familie Prato. Die Eleonora, die Tochter vom Brieder Hans, hat diesen Sommer auf dem Camp ( Name der Alp ) gehirtet. Als ich im Herbst nach Alagna ging, hatte ich das Glück, einer Kästeilung zuzusehen. Am Vorabend hatten sie den Käse vom ganzen Sommer ins Tal geschafft und im Schopf zu San Nicloosch aufgestapelt. Etwa sechzig schöne fette Käslein mögen es sein. « Hit chinnt der Taljermo! » meint die Eleonora wichtig und betrachtet wohlgefällig und mit berechtigtem Stolz die Arbeit des vergangenen Sommers. « Waisch, was dos isch ?»—«Nein, aber sage es mir », bitte ich. « Der Taljermo, der tuet schummu ( summen = berechnen ) fir talje der Cheisch! » — Also der Taljermo oder Käseteiler ist ein unparteiischer ehrbarer Mann vom Dorf. Der wird im Herbst gerufen, um den Käse unter die verschiedenen Besitzer der Kühe gerecht zu verteilen. Die verschiedenen Prato-Familien leben zwar im denkbar besten Einvernehmen, aber es ist nun einmal ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Käse von einem « Fremden » verteilt werden muss. « Aber, höre Eleonora, » wage ich einzuwenden, « es geben doch nicht alle Kühe gleich viel Milch und man kann den Käse doch nicht einfach nur im Verhältnis zu der Anzahl der Kühe teilen, oder? » « Nu lousch, nu lousch! », sagt die junge Masseire und setzt sich zu mir. « Z'Sant Jokub ( Jakobstag ) im Häimonut tue'mu wege d'Milch uf der Alpu, fir doss der Taljermo chenne schummu die Taljeni im Herbscht. D'Masseire geid ( erhält ) ds dritt Talje vam Cheisch fir ihri Mieh. Der Taljermo, der tuet auch schummu und talje d'Choschte fir ds Scholz ( Salz ), ds Grüsch ( Kleie ) und ds Choschlob ( Käslab ).

Wir häin finf Chie vum Camp, der Ettru Jousi vieri und myni Muehmeni häindru zweinu. Nu häi wer uminder ( hinab ) gtroge der Cheisch, und hit chinnt der Taljermo, der Taljermo! » Und vor Freude tanzt die Eleonora auf der Laube herum! Sie hat Grund dazu, lustig zu sein, denn der Sommer war günstig, und der Alpkäse von Alagna ist ein gesuchter Artikel drunten auf dem Markt von Vrool ( Varallo ). Der Taljermo kam dann wirklich am selben Nachmittag mit einer ungeheuren, altertümlichen Waage, und ich durfte ihm sogar Handlangerdienste leisten und war ausserdem « Chundschaft » ( Zeuge ) einer höchst genauen und gerechten Kästeilung. Für den Alpaufzug und die Alpabfahrt richten sich die Alagner, wie übrigens alle Bergler, nach den verschiedenen Mondzeichen. « Wir miesse usloh d'Chie im Chrabs ( Krebs ) oder im Fischje », meint die Eleonora mit Sachkenntnis, « wenn wir schi usloh im Scarpiu oder im Widder, no schinds enandru gremmu » ( sind böse aufeinander ).

« Aber höre mal, Eleonora, was macht denn die Sennerin den ganzen Tag oben auf der Alp — hat sie denn immer etwas zu tun? » — Die Eleonora ist fast beleidigt. « Oh, d'Masseire het fasch vil z'wärchu! Die tuet mälche d'Chie, berote ( besorgen ) ds Schwy, tröge d'Bräntu ( den Mist vertragen ), hiete, usloh ds Vei, imbtue ds Vei, tue der Milch ( die Milch ins Kessi schütten ), machu der Cheisch, machu ds Molchi, lismu! » Ausser dem Tag der Kästeilung gibt es noch einen grossen Tag im Alpsommer der Sennerin. Am Samstag vor der Alpabfahrt feiern sie auf allen Alpen von Alagna das Freudenfeuer-Fest, das « Fräidfyr ». Das Cacali hätte uns so gerne dabei gehabt, und es bedauert, dass wir vorher abreisen müssen. Die Tochter der Cacljena schildert mir aber das einfache Fest so lebhaft, dass ich es deutlich vor mir sehe. « Nu lousch — acht Toge derfir ( vorher ), d'Masseire tiend obschloh ds Holz fir machu Fräidfyr und d' Hirrtjeni ( Hüterbuben ) tiend zueschleipfe ds Holz. Nosch am Abend tiendsch reschte ds Fräidfyr. Vam Land gohnd embruf vil jung Lit... » — « Aha, viele junge Leute — also auch dein Schatz, nicht wahr? » — Das Cacali errötet ein wenig, « Naa, » wehrt es ab — « i hon käi Holmo ( holder Mann = Geliebter ), ma nu lousch: Uber Weg ( unterwegs ) die junge Lit tiend huru de Masseire und d'Masseire tiend unchede. Schu'sch g'arrivurnid ( so sie angekommen ), tiendsch griesse d'Masseire. Nosch tiendsch umbrenne ( anzünden ) ds Fräidfyr und tien um und um em Fyr huru und schinge. D' Hirtjeni gehnd läid Beschme ( nehmen alte Besen ) vam Gode van der Kaascheru und leggendsch im Fyr. Nosch schu schind woul entbrand ( wenn sie gut brennen ), nosch schwingintsch'es um und um em Fräidfyr. So ds Fyr isch erlascht 's, gohndsch in d'Kaascheru und fyru d'Banidschu ( ein Gericht aus Milch, Rahm und Reis ). Scho'sch isch gschottni, nosch leggendsch drin e Schüssjetu zwäinu ( 1—2 Schüssel voll ) Nidlu und Ankje. Nosch trei'mu ds Chessi in Mittsch in d'Kaascheru und tuet asse. Nosch tiendsch um und um tanzu und schinge bis i Morge! Und nu wäisch, wos dos isch, ds Fräidfyr! » Ja, nun wusste ich es. « Puja puja — ds Fräidfyr! », sagt das achtzigjährige Papi ( Bäbi ), das in der Ecke Schafwolle spinnt —, « puja, ds Jungtum ( Jugend ) chinnt nimmeh. » — Das Papi ist die einzige Alagnerin, die kein « wältsches » Wort versteht. Sooft ich auf Boudema war, traf ich das Papi beim Spinnen. Von morgens früh bis zur Abenddämmerung sitzt es an seinem Rad und dreht die Wolle oder den Hanf durch seine blaugeäderten, verknorpelten Hände. Es will noch dem Cacali seine ganze Aussteuer spinnen und arbeitet fieberhaft, denn man kann nicht wissen, wann ihm die schon jetzt halberloschenen Augen plötzlich den Dienst gänzlich versagen und es tiefe ewige Nacht wird um ihns herum. Früher, da ist es auch lustig gewesen und hat lieber getanzt als gesponnen. Es trällert jetzt noch hie und da wie traumverloren das alte Liedlein vor sich hin:

« Spinne mahn i nimmeh, Der Finger tuet mer wei, Ghorti tenne ( tönen ) ds Gygi,Tanzu mechti mei! » Früher, als die Männer noch im Tal ihr Auskommen fanden und das ganze Jahr im Land blieben, da war das Jagen und Wildern hoch im Schwung. Manch einer mag in die wild zerklüfteten Felsen des Tagliaferro und des Moudhorns gestiegen sein, um der gefahrvollen Leidenschaft zu frönen, während daheim im Gode Weib und Kinder um sein Leben zitterten. Das beweist folgende kleine Geschichte, die die Alagnerinnen noch heute auswendig wissen:

« Äine het gscheid vor olte Zyte: Hit isch der häilig Tog ( Tag vor Weihnacht ), d'Gemtsch isch im Fod ( in der Runse ), i gohn! Schys Wyb und d'Chindje häind mu gscheid: Hit gei'mu nid joge! Der Mo het gscheid: Uf oder ob ( komme es wie es, wolle ), i gohnNusch isch er gange joge und isch niemer mei erwunde ( zurückgekehrt )! » Die deutschen Liedjeni sind am Aussterben. Die italienischen « Schlager » finden ihren Weg bis zu oberst ins Land, und die Jugend zieht die süssen einschmeichelnden Melodien dem alten deutschen Moll-Lied vor. Aus dem zahnlosen Mund einer fast neunzigjährigen Greisin vernahm ich noch viele alte Weisen, und ich war überrascht, als sie mir verschiedene schweizerische Volkslieder, wie das « Im Aargäu sind zwei Liebi » vorsang. Wann und wie mag wohl dieses Lied den Weg gefunden haben ins Sesiatal?

Das folgende kurze Liedchen stammt aus Alagna selbst. Es wird gesungen, wenn der erste Schnee fällt:

Liebi Techtre ,'s chinnt der Schnei, Standet uf wägu, standet uf, wägu ( Weg bahnen ) ,'s chinnt schi no mei Hir mei der veri ( berndeutsch: hüür meh weder färn )!

Traurig klingt das andere kleine Liedchen:

Mei Schatzeli geit über dure Mit schynem Troppeli Vei ( Vieh ) ,'s chinnt nid zue mer ine's het mi zletschtmol gsei — Joheis het mi zletschtmol gsei!

Auch das folgende Wiegenliedchen habe ich noch gehört droben auf Boudema, als die Martha, die ältere Tochter der Cacljena, die einen « Wältschen » van der Riifu ( von Riva ) geheiratet hat, ihren Stammhalter im Schoss wiegte:

« Kucker, Kucker ( Kuckuck ), Eidilmo ( Edelmann ), Setz dich vun a dirren Ascht, Hob dich fast — trig mer nid ( hebe dich fest — betrüge mich nicht ) Wie mängs Johr willt mer loh? » Als ich das letzte Mal nach Alagna ging, da war der Empfang nicht mehr so freudig. Nicht dass sie mein Kommen nicht gefreut hätte, aber der Tod hatte seither Einkehr gehalten im grossen, braunen Haus von San Nicloosch — die herzensgute Erminia wurde von einer tückischen Krankheit dahingerafft. Das treue Muehmi Anni holt mich auf dem Dorfplatz ab — aber es nimmt den « Schurz » vor die Augen und weint. « Ich cheme vam Fritthof », schluchzt es — « i bin gschy by myner Wäte. » — Und auf dem Heimweg erzählt es mir vom Sterben seiner Schwester. « Wäisch, die isch gschy gueti wie en Engel. Schi het fascht glitte in ihre Schiechtog ( Krankheit ), wa die isch gschy fascht gedultigi und fräiderychi ( frohen Mutes ). Die het gschei cheme der Toud, wa dere het nid gfircht z'sterbe. Schi het gscheid: Tiet nid gryne, i tuen gere sterbe, i goh finde d' Aiu und der Attu in Himmil 1 En Tog eb es sterbe, het schi-n-is gscheid: Ganget i d'Cardainziu ( Schrank ) gei die grouss Drucki, und die bringet er mer hie! Und nosch hets geh allje die do schind gschy vom Husvolk ( Angehörige ) um scheie um e Schänkum ( Geschenk ). Schi het gschinnut an allje, allje, an d'Nieze und d'Wäte und d'Brieder und auch an der Frind van der Schwyz. Nosch isch cheme der Heir ( Pfarrer ), fir schi bychtu und verschorgi und ds häilig Eele ( Sterbesakramente ). Eischmols het schi-n-is gscheid: I gschien nimmei luter und i ghere nimmei! Dervor hets gscheid: Hobet Schorg dem Thildi und standet allje woul im Fride, und mir hets gscheid: tue nimmei schette wärchu! Nosch der Brieder Hans het sehe g'eicht in d' Orme und het sche gläit vum andre Bett — und nosch isch gstourbe — nu'sch woul, nu garreschts ( nun ist es ihr wohl — nun ruht sie aus ). Ober fir allje isch gschy es grouss Läid. Der Toud van Erminia loht en grousse Stapfe ( Lücke ) fir em ganze Gschwüsterget ( die Geschwister ). » Das Anni schweigt und schluchzt nur noch leise. Wortlos gehen wir weiter. In San Nicloosch angekommen, überreicht mir das Thildi ein Paket, die « Schänkum » der Erminia. So hat die liebe Walserin selbst auf dem Todbett meiner gedacht — und als ich das selbstgesponnene und mit schönen Stickereien verzierte weisse Linnen, der letzte Gruss der scheilgen ( seligen ) Erminia, in Empfang nahm, da war ich tief gerührt. Das Geschenk bleibt für mich eine teure, wertvolle, aber auch wehmütige Erinnerung an eine liebe, gute Seele — an die Walser überhaupt —, an die ennetbirgischen Brüder, deren Sprache und Kultur wohl bald verschwinden wird wie die letzte morsche Arve droben am Olenpass.

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