Berg und Mensch

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Kleine Andacht.

Von Ernst Jenny.

Der Mensch erobert die Natur nicht. Die Natur ist das unendlich grössere Subjekt als der Mensch, die Natur ergreift vielmehr den Menschen.

Der Augenblick, der einem Menschen diese Tatsache zum Bewusstsein bringt, hat die Schönheit einer Offenbarung. Der Schmerz, nicht Subjekt, sondern Objekt der Natur zu sein, stellt sich ein. Es liegt ohne Zweifel eine gewisse Tragik darin, zu erkennen, dass man nicht Eroberer ist, sondern Eroberter mit Eroberungsgefühlen. Allein je mehr der Mensch im Umgang mit der Natur aufgeht, desto tiefer fühlt er sich von ihr umfangen. Der Schmerz der Tragik verblasst, nicht weil er sich daran gewöhnt, sondern weil der Mensch erkennt, dass Natur in der Natur und durch sie zu sein keine Erniedrigung bedeutet. Im Gegenteil, er fühlt sich glücklich, zu wissen, dass er als Atom im Verhältnis zum Weltall fähig ist, dieses ungeheure Weltall in sich stärker widerstrahlen zu können als irgendein anderes ihm bekanntes Wesen in der Natur. Als Mikrokosmos nimmt er den Makrokosmos in sich auf, schafft sich davon ein Bild, eine Vorstellung, ein Gleichnis, eine Religion, die ihn überwältigt und zugleich beglückt.

Es ist wohl unrichtig, zu sagen, der Mensch habe die Alpen « erobert ». Vielmehr haben sie ihn erobert. Nur der primitive Bergsteiger redet von einem Sieg über den Berg und von den Empfindungen, die dieses Sieges-bewusstsein in ihm aufsprudeln lässt. So lange er mit der Firnwand kämpft und im Steilkamin turnt unter Einsatz aller körperlichen Energie, ja des Lebens, um den Gipfel zu erreichen, solange hat er keine Gelegenheit, in den Zustand der Offenbarung zu gelangen. Er darf dies auch gar nicht, sonst kommt er nicht hinauf. Hat er den Gipfel gewonnen und bleibt ihm nicht mehr viel anderes zu empfinden und zu denken übrig als das Siegesbewusst-sein und vollführt er in diesem Zustand auch den Abstieg, dann hat er den primitiven Bergsteiger nicht abstreifen können und geht heim im Glauben, ein Sieger zu sein, ein Eroberer, und redet und schreibt dann auch in diesem Sinne. Besitzt er aber die köstliche Gabe, auch nach stärkstem Aufwande von körperlicher Energie in den Zustand der Offenbarung einzutreten, dann fühlt er sich nicht mehr als Sieger über den Berg, sondern als vom Berg beschenktes und beglücktes Wesen. Der Berg ist der Gebende und er der Nehmende, Empfangende.

« Da haben wir es ja, der Sieger nimmt, empfängt, und der Besiegte gibt! » Wiederum der Jubel des primitiven Denkers, der nicht weiss, dass der Gebende immer stärker ist als der Nehmende. Nun kommt aber die Frage: Besteht überhaupt zwischen Berg und Mensch eine solche Beziehung? Der Berg hat doch keine Seele, kann also auch nicht Geber sein, nur der Mensch hat eine, und die drängt ihn auf den Berg. Dem Berg ist es völlig egal, ob überhaupt ein Mensch auf ihm herumkrabbelt oder nicht, er ist ein empfindungsloser Riese ohne irgendeinen Gedanken, er ist unorganische, tote Materie. Darum erschrecken wir auch gelegentlich an seiner kalten Brust.

Andreas Fischer sagte: « Es ist keine Anmut daran und keine Seele darin », als wir im Schneegestöber auf schmalem Felsgesimse am Faulberg oben, angesichts einer düstern, drohenden Landschaft, über dieses Thema sprachen.

Ich stemmte mich gegen ihn: « Es ist nicht so, es scheint bloss so. » « Du irrst, mein Freund! Du beseelst den Berg, die Erde, die Sonne, das Weltall. Du legst deine Seele hinein und liesest dann in beglückendem Betrug eine Seele heraus; es ist aber nur deine eigene Seele, der du wieder begegnest. » « Verzeih. Da ich nur ein winziges Teilchen des grossen Ganzen bin, mich aber beseelt fühle, so drängt es meinen Verstand, zu folgern: grössere Wesen als ich, nicht nur Pflanzen und Tiere, müssen erst recht beseelt sein. Ich wandere in den Bergen, die Erde wandert um die Sonne, die Sonne wandert mit anderen Sonnen im Weltall. Alles wandert, und jedes mit einer Seele. Mein Seelchen ist wohl anders als die Seele der Erden, der Sonnen. Ich bin nur ein schwingendes Teilchen grösserer Seelen. Aber wenn ich diese auch nicht erfasse, so sind sie deswegen nicht abzustreiten. Ich glaube an sie, ich muss daran glauben, und dieser Glaube beglückt mich. » « Also Religion, Bergsteigerreligion? » « Nenn es ruhig so, mein Lieber! Ich fühle diesen innersten Zusammenhang nie stärker als hier oben. Die grössten Erschütterungen, das stärkste Lebensgefühl des Leibes wie der Seele hat mir das Gebirge gegeben, und das auch dann, wenn ich den Berg als Feind meines Lebens empfand, indem er mich grob behandelte. Das Gebirge hat mich den Umklammerungen der Logik, der kritischen Vernunft, der Verödung der Welt, der Entgottung und Entteufelung entrissen. » Er sah mich seltsam an, seine Seele litt. Und sprach: « Es schneit stärker, komm, wir müssen hinunter! »... Schneesturm umbrüllte uns am Tage darauf und in furchtbarer Wetternacht am Aletschhorn oben. Wir kauerten im Schneeloch. Und was wir sprachen, war Mut, und was wir verschwiegen, war Liebe, Sorge. « Wo ist die Seele deiner Berge? Sie verschlingt dich und mich. » Ich zitterte, ich fühlte den eisigen Hauch des Bergtodes. Dann erstarb das Wort, der Schlaf umfing einen nach dem andern. Noch hörte ich die Sturmorgel, den Donnerhall, aber ganz fern und gütig. « Komm, süsser Bergtod, ich zerfliesse... » Der Berg wollte es nicht, er rüttelte an uns. Wir krochen erstarrt, vereist aus der eisigen Gruft. Es tagte. Drei Stunden später stürzten wir ab. Fischers Leib wurde gebrochen. Aber seine Seele lebt weiter in anderen Seelen. Sie ist immer um mich, am Tag und im Traum der Nacht. Sie kann ja nicht anders. Mit Schmerz und Lust fühle ich das. Auch der Berg lebt, die Erde lebt, die Sonne lebt. Es gibt keinen Tod. Überall ist Seele, im Gebet wie im Fluch, in lieblicher Mainacht wie im Wettersturm, im Atem des Meeres wie im Erdbeben, in der Verdunkelung der Sonne wie in ihrem Strahlenglanz. Und diesen Glauben verdanke ich euch, ihr Berge, eurem Funkeln und Finstern, eurem Schweigen und Toben, eurem Locken und Drohen, eurem Tag und eurer Nacht.

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