Bergsteiger zwischen Meer und Inlandeis in Grönland

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VON SIGI ANGERER, LUZERN

ZUR SCHWEIZERISCH-DEUTSCHEN GRÖNLANDEXPEDITION 1963 Mit 9 Bildern ( 60-68 ) Zu Beginn der Vorbereitungen standen die Worte aus einem mir nicht mehr bekannten Bergbuch: « Wer an einer Expedition teilnehmen will, der organisiere am besten selber eine. Denn die Wahrscheinlichkeit, dazu eingeladen zu werden, ist sehr gering. » - In der Tat, wer wird schon als Durchschnittsbergsteiger zu einer Expedition angehalten! Es bedarf dazu wohl einiger Glücksfälle. Da ich aber nicht auf Glücksfälle vertraue, suchte ich gleichgesinnte Kameraden und begann mit ihnen die Vorbereitungen. Wir machten bereits die ersten Anschaffungen für unsere Ausrüstung, noch bevor wir die Erlaubnis zum Bergsteigen in Grönland erhalten hatten; und als wir diese besassen, da suchten wir vergeblich nach einer Fahrgelegenheit. Aber nach langem Hin und Her wurden alle Klippen überwunden und wir konnten unser Gepäck endlich absenden.

Über unser Ziel war uns nicht allzuviel bekannt, ist doch die bergsteigerische Geschichte Grönlands verhältnismässig jung. Die Berge, die wir aufsuchen wollten, waren erst 1912 von der glaziologischen Expedition Alfred de Quervain entdeckt und « Schweizerland » genannt worden. Aus den vorhandenen Informationsquellen konnten wir jedoch entnehmen, dass wir vorausplanen und auch den Ort für unser Basislager bestimmen konnten.

Zwei Wochen früher als wir, reisten Gusti Muntwyler und Heiner Hagenbuch mit dem Gepäck per Schiff von Kopenhagen nach Grönland ab. Noch ehe wir starteten traf ihr Telegramm ein, das die gut verlaufene Fahrt durch den Eisgürtel und ihre Ankunft meldete. Froh über diese Nachricht folgten wir, Max Gubser, Heinz Palme, Heiri Troxler und ich einige Tage später im Flugzeug nach.

Enggedrängt sitzen wir im Flugzeug und schwitzen, als wären wir in Afrika. Denn wir hatten, da unser Gepäck nicht über 20 kg wiegen durfte, möglichst alle schweren Kleider und die Bergschuhe angezogen, um so eine « Hauptlast » auf uns selber zu tragen. Rasend ist die Fahrt! Schon liegen unter uns die letzten Inseln von Island, und immer spannender wird für uns der Flug. Wir fragen nach dem Wetter, nach dem Landen. Auf dem Meer tauchen die ersten Treibeis-Schollen auf, die Vorläufer des Packeises, welches während 9 Monaten jeden Schiffsverkehr nach der Ostküste Grönlands unterbindet. Es wird dichter. Vereinzelt zeigen sich bereits Eisberge. Und immer deutlicher zeichnen sich am Horizont Berge ab, noch klein, aber zusehends grösser werdend. Und schon suchen wir Gipfel in unserem Gebiet ausfindig zu machen. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Einige Stösse, eine Staubwolke. Es hält an, und wir können aussteigen! Ein kalter Wind bläst uns um die Ohren. Neben dem Flugplatz liegen noch grosse Flecken Altschnees, und der schmale Fjord ist, im Juli, mit einer festen Eisschicht bedeckt. Wir warten auf die Pass- und Gepäckkontrolle. Doch niemand kümmert sich um uns. So folgen wir schliesslich den anderen Flugpassagieren, meist dänischen Arbeitern, ins nächste Dorf. Etwa eine halbe Stunde gehen wir, ohne eine Spur von Weg, in der mutmasslichen Richtung. Kahle, flechtenüberzogene Felsen wechseln mit niederem Gestrüpp ab. Wir steuern auf einen Hügel zu, um einen besseren Überblick zu haben. Prächtig ist die Aussicht, rundherum Berge, Berge wie geschaffen zum Skifahren. Und zu Füssen liegt die kleine Siedlung Kulusuk mit den wenigen rotgetünchten Holzhäusern, die sich um die kleine Kirche scharen. Zu unserer Überraschung stehen dazwischen verhältnismässig zahlreiche Erdhütten. Schon von weitem fallen uns die vielen Hunde vor den Behausungen auf. Zu unserer Erleichterung sind diese Grön-länderhunde aber nicht bösartig, sondern eher scheu. Obwohl sie im Winter die treuesten Begleiter der Grönländer als Schlittenhunde sind, werden sie den Sommer über, während dem man sie nicht benötigt, sehr nachlässig behandelt; ja es ist nicht einmal üblich, ihnen jeden Tag Futter zu geben.

Von Kulusuk müssen wir nun mit dem Schiff nach Angmagssalik, das mit 800 Einwohnern die grösste Siedlung an der Ostküste Grönlands ist, weiterfahren. Auf diesen 20 km Seeweg erleben wir das Treibeis. Mit Leichtigkeit bahnte sich der Eisbrecher « Nella Dan » seinen Weg durch die Schollen. Das ganze Schiff kommt ins Zittern, trifft der Bug auf Eis. Langsam aber schiebt sich die Spitze des Schiffes aufs Eis hinauf, bis dasselbe unterm Gewicht des schweren Schiffsleibes berstet oder zur Seite weicht. Dieses fesselnde Treiben hält uns unentwegt auf dem Deck fest, trotz der vorgerückten Stunde, denn es geht bereits auf Mitternacht zu, aber von der Nacht ist hier in der Nähe des Polarkreises nicht viel zu spüren; nur die Temperatur sinkt bis unter 0° C ab.

Nach vierstündiger Fahrt laufen wir am frühen Morgen im Naturhafen von Angmagssalik ein. Am Quai stehen unsere beiden Kameraden Gusti und Heiner, um uns freudig zu empfangen. Ihre Gesichter ziert bereits ein 14tägiger Bartwuchs, und noch ehe wir uns schlafen legen, teilen sie uns mit, dass für die Weiterfahrt bereits alles organisiert sei. Aber kurz, sehr kurz ist unser Schlaf, denn noch gibt es viel zu erledigen, vor allem auch die letzte Post abzusenden, die letzte für 8 Wochen! So sind die wenigen Stunden bis zur Abfahrt ein einziges Hasten. Und zufrieden sind wir, als dann unser Kutter friedlich durch das ruhige Fjordwasser fährt. Ab und zu fahren wir an einem kleinen Eisberg vorüber, sonst aber sind nur kahle Felsrücken zu beiden Seiten des Fjordes zu sehen. Mit Singen und Tagebuchschreiben vertreiben wir uns die Zeit, bis wir nach einigen Stunden beim kleinen aber sauberen Eskimodorf Kungmiut anlegen. Als sich unser Kutter dem Orte nähert, läuft jung und alt am Hafen zusammen, um zu sehen, wer da kommt. Für die Weiterfahrt bis zum Platz des Basisufers suchen wir ein Boot zu mieten, um im Ernstfall selbständig Rückfahrt halten zu können. Die Miete ist bald perfekt, so dass uns noch Zeit zu einem Rundgang durch den Ort bleibt. Auffallend sind die schmucken Holzhäuser in den leuchtendsten Farben. Vereinzelt finden wir aber auch noch Kajaks, Boote, die zum Schütze vor den alles zernagenden Hunden auf hohe Gestelle gesetzt sind. Es ist eine Freude, diese handwerklichen Kunstwerke zu betrachten.

Schon nach kurzer Fahrt blicken wir auf die ersten Berge des « Schweizerland », die Trillingerne. Wie eine Festung stehen sie hinter dem Tasissarsik Fjord. So schön sie sind, machen wir uns doch Sorgen, wie wir mit unseren Lasten da durchkommen sollen. Doch bleibt keine Zeit, darüber nachzusinnen, denn schon fährt das Schiff nur noch mit halber Kraft. Langsam, lotend, nähern wir uns dem Ufer. Das letzte Stück ist jedoch zu seicht, so dass wir mit eigener Kraft zum Ufer hinrudern müssen. Die Uhr zeigt noch nicht ganz Mitternacht, wie wir es erreichen. Ausladen. Das Schiff kehrt zurück. Ein Abschiedswinken. Zwei Salutschüsse. Wir ziehen das kleine Boot an Land. Wir sind nun allein und ganz auf uns selber angewiesen.

Bald ist der Lagerplatz ausgewählt. Einige regelmässig gesetzte Steine zeigen an, dass hier Eskimos ihre Sommerzelte aufgeschlagen hatten. Bald stehen auch unsere Zelte, und wir verschwinden todmüde darin.

Zunehmende Wärme weckt uns. Aber die umherschwirrenden Mücken lassen uns der Sonne nicht recht froh werden. Glücklicherweise kommt ein Wind auf, der die Plagegeister vertreibt. Wir halten Kriegsrat und beschliessen zunächst die Verlegung unseres Lagers in den hintersten Fjordanfang. Während Max, Heiner, Gusti und ich dies bewerkstelligen, sollen Heinz und Heiri eine günstige Aufstiegsmöglichkeit zur Gletscherhochfläche erkunden. Nachdem wir zur Flutzeit all unser Material nach hinten gerudert haben, mache ich mit Heiner einen Ausflug zur Gletscherzunge. Der Eindruck, den wir erhalten, ist nicht gerade erhebend: zahlreiche Bäche, Moränen und Spalten stehen uns im Wege. Wir hoffen, dass unsere beiden Kameraden einen Durchgang finden. Spät erst kehren sie zurück. Gespannt lauschen wir ihren Ausführungen. Es bleibt uns der Marsch durch die kalten Gletscherbäche nicht erspart, dafür aber können wir das Spaltenlabyrint durch ein steiles Couloir, am Rande des Gletschers, umgehen.

Ein grosses Packen beginnt. Alles muss in Traglasten aufgeteilt werden. Über 30 Lasten werden dann in eintönigem Pendelverkehr zum ersten Schnee geschleppt. Da die Temperatur tagsüber bis über 20 Grad Celsius steigt, verlegen wir das Lastentragen auf die kühlen, aber hellen Nachtstunden. Um diese Zeit haben wir auch vor den lästigen Mücken Ruhe. Nach zwei arbeitsreichen Nächten brechen wir unser Basislager ab, um das nächste Lager auf der Höhe des Gletscherplateaus aufzuschlagen. In strenger Arbeit transportieren wir mit dem Schlitten unser ganzes Gepäck bis unter 8 Die Alpen - 1964 - Les Alpes113 das von Heinz und Heiri entdeckte Couloir. Es wird Mitternacht, bis alles Material dort liegt und eine Rastzeit eingeschaltet werden muss. Hungrig schlürfen wir die heisse Suppe, knabbern Knäckebrot dazu und diskutieren dabei eifrig die Möglichkeiten des weiteren Transportes. Wir einigen uns auf den Bau einer Seilbahn, haben wir für solche Fälle doch eine 300 m lange Reepschnur mitgebracht. Mit Max ziehe ich das eine Ende des Seiles bis in eine Engstelle des Couloirs, wir verankern hier beidseitig ein 40-m-Seil und hängen in die Mitte eine Seilrolle. Durch diese führen wir das Ende der Reepschnur und befestigen dieses an einem Schlitten, wie am talseitigen Ende der zweite Schlitten eingehängt wird. Während auf den unteren Schlitten ein Gepäckstück gebunden wird, füllen wir als Gegengewicht Steine ein. « Alles fertig », ertönt der Ruf, und schon gleitet der mit Steinen beladene Schlitten talwärts und bringt dafür unser Gepäck nach oben. Wir freuen uns über unsere Seilbahn! Aber nach etwa zwei Dritteln der Strecke bleibt die Bahn stehen. Wir versuchen mit Ziehen nachzuhelfen, was aber sehr mühsam ist. Die ungleiche Steilheit des Couloirs trägt die Schuld. Schliesslich kommt Heiri auf die Idee, an der Stelle, wo die Bahn stehen bleibt, der fehlenden Steigung durch eine Zugabe von Steinen nachzuhelfen. Und - unsere Bahn läuft weiter. Alle sechs Mann sind voll beschäftigt. Vier beim Ein- und Ausladen sowie Ballastherbeischleppen, und zwei Mann, um die beiden Schlitten in der Mitte gut aneinander vorbeizuführen. Last um Last wandert so in die Höhe. Doch sind wir erst in der Mitte der Rinne, als schon die Sonne herein scheint, denn erst jetzt können wir die Bahn eine Stufe höher verlegen. Trotz Überstunden bringen wir nur noch das Nötigste hinauf, gerade soviel, dass wir kochen und schlafen können. Der Rest folgt dann in der nächsten Nachtetappe. Nach diesen 15 Stunden strenger Arbeit schlafen wir den Nachmittag und die ganze folgende Nacht hindurch, ohne Unterbruch!

Ein strahlender Morgen weckt uns zu neuer Arbeit. In wenigen Stunden ist alles Material in unserem vorgeschobenen Basislager « Bellahoj ». Ein herrlicher Platz, dieses Lager: auf der einen Seite das tiefe Tal mit dem Fjord, auf der anderen Seite ein breiter Gletscher, hinter dem prächtige, unbestiegene Berge emporwachsen. Der Weiterweg scheint ohne viel Schwierigkeiten offenzu-liegen. Unsere kleinen farbigen Zelte stehen im weichen Sand eines ausgetrockneten Schmelzwasser-seeleins. Der Rest des angebrochenen Tages dient der Erholung. Vor sechs Tagen kamen wir nach Grönland. Innert dieser kurzen Zeit ist es uns gelungen, unser vorgeschobenes Basislager auf 700 m Höhe zu errichten. So sind wir zufrieden mit der Leistung. Aber dennoch drängt es uns weiter, denn begierig sind wir, hinter den nächsten Pass zu sehen, um in das Unbekannte Einsicht nehmen zu können. So gibt es erneut eine längere Packerei, bis geordnet ist, was hierbleibt und was mitkommt. Endlich steht der erste Schlitten hochbepackt bereit. Wir spannen uns vor die Schlitten und ziehen an. Es geht bergauf, die Schlitten sind stark überladen, so dass sie sich erst nach gemeinsamem « Ho-Ruck » in Bewegung setzen. Mühsam ziehen wir sie auf den ersten Pass, wo wir diese Fuhre aufgeben müssen, denn die Schlitten sind zu schwer. Es bleibt nichts anderes übrig, als einen Teil der Last abzuladen und zu deponieren. Mit halbem Ballast setzen wir die Fahrt fort. Je drei Mann mühen sich an einem Schlitten. Eintönig ist die Zieherei. Gleichmässig gräbt der noch immer schwere Schlitten eine breite Spur in den weichen Schnee. Während wir uns so auf den nächsten Pass hinaufmühen, fragen wir uns wieder, ob wir nicht besser Hundeschlitten hätten mitnehmen sollen. Könnten wir jetzt noch entscheiden, wir würden wechseln. Aber wir bedenken, wie es einigen Expeditionen vor uns mit den Hundeschlitten erging: ein schneller Start, zwei, drei Tage lang ging alles gut, doch dann wurde es den grönländischen Hundeführern in der fremden unwirtlichen Gletscherwelt zu unheimlich, das Heimweh plagte sie, und über kurz oder lang kehrten sie um. Dieser Situation wollten wir vorbeugen, weshalb wir die Mühen des Schlittenziehens auf uns nahmen. Bis zum Morgen haben wir rund 17 km zurückgelegt. Ein Gletscherabbruch gebietet Halt.

An seinem Fuss schlagen wir die Zelte auf und ruhen uns aus für den nächsten Marsch. Aber wir müssen das zurückgelassene Material nachnehmen und nochmals dieselbe Strecke zurück und wieder hierher gehen.

Unser erster Zeltplatz auf dem Schnee gefällt uns nicht, da einmal kein Wasser vorhanden ist und wir laufend Schnee schmelzen müssen. Auch ist der Verlauf der Spalten ganz ungewiss, so dass wir so schnell als möglich weiter zu gehen wünschen, was aber leichter gedacht als getan ist, denn der steile Eishang, über den allein ein Weiterweg möglich ist, wird von breiten Spalten zerrissen. Um der Gefahr des Einbrechens vorzubeugen, verwenden wir auch hier wieder unsere Schlitten-Seilbahn für den Materialtransport, wobei wir sie schräg durch den Hang legen, um den grössten Schrunden auszuweichen. Zwei Etappen sind notwendig. Heiner und ich erstellen die Verankerung für die erste Etappe, was des brüchigen Gesteins wegen recht schwierig ist, so dass es lange dauert, bis die Transportanlage wieder funktioniert. Unten Gepäck einladen, oben Steine als Gegengewicht verwenden, und schon holpern die beiden Schlitten über den harten Schnee. Das Spiel beginnt von neuem. Doch, oh Schreck! Plötzlich löst sich die Verankerung der Seilrolle. Ich lenkte gerade den mit Material gefüllten Schlitten, der in immer rascherer Fahrt aufwärtsgleitet, so dass ich ihm nicht mehr folgen kann. Ich stürze - und da kommt der Schlitten wieder zurück, mir entgegen. Es gelingt mir, ihn querzustellen und anzuhalten. Da sehe ich, wie der Gegenschlitten mit dem Steingewicht heransaust und begreife, was los ist. Es ist nicht möglich, etwas vorzukehren. Nur zur Seite springen und entsetzt zusehen, wie er garade auf einen einzelnen Felsblock im Hang zusteuert. Ein Krachen! Der Schlitten ist in Trümmer. Doch wie wir alle beim Unfallort stehen, können wir sehen, dass noch die Hälfte des Schlittens mit etwelchen handwerklichen Künsten fahrtüchtig gemacht werden kann. Wir sind ja Handwerker! Gusti und Heiner entfalten eine rege Tätigkeit, sägen und nieten und sind zufrieden, genügend Werkzeug mit zu haben. Wir andern setzen den Gepäcktransport fort, wobei wir allerdings die Steinlast ersetzen und selber am Seil ziehen müssen. Es geht mühsam, aber es geht, und die Hauptsache ist, dass wir höherkommen und aus dem Spaltenfeld hinaus. Trotz Überstundeneinsatz bringen wir nur das Nötigste über den Steilhang hinauf und finden bei der Suche nach geeigneten Zeltplätzen in den Felsen zwei gut hergerichtete Plätze, die von Vorgängern angelegt wurden, vermutlich 1959 von den Österreichern. Rasch erweitern wir die Plätze so weit, dass alle unsere Zelte darauf aufgestellt werden können. Vogelnestern gleich schmiegen sich unsere Behausungen in die kahlen Felsen des « Col de Poulies », wie A. Roch diesen Pass 1938 taufte. In der folgenden Nacht bringen wir auch noch das restliche Material herauf. Nach diesen vier strengen Tagen schalten wir einen dringend benötigten Ruhetag ein. Am Nachmittag des folgenden Tages besteigen Max und Heiri einen kühnen Felsgipfel, der direkt über unserem Lager steht. Nach kurzer, luftiger Kletterei bestimmen sie dessen Höhe mit 1700 m.

Um den Weiterweg zu erkunden, besteigen Heinz und ich einen leichten, doch markanten Berg. Von ihm aus können wir für einen ganzen Tagesmarsch den Weg überblicken und festlegen und kehren befriedigt ins Lager zurück.

Der Weiterweg zeichnet sich durch geringe Höhenunterschiede aus. Dafür müssen wir einmal ein Stück weit über apere Felsen, was bedeutet: Abladen, Hinübertragen und wieder Festbinden der Lasten. Nach einem Marsch von etwa 10 km errichten wir auf einer kleinen Felsinsel ein Depot. Diese Felsinsel weist eine einzigartige Lage auf: rundherum dehnen sich flache, endlose Gletscher. So geniessen wir von hier eine Aussicht, wie sie uns sonst nur hohe Gipfel vermitteln. Völlig überrascht finden wir hier eine verhältnismässig reiche Flora vor: Steinbrech, Mohn sind uns vertraute Arten, dazu spriessen verschiedene Gräser, und fremde Blüten zeigen ihre Pracht. Wir taufen dieses Eiland: Blumeninsel!

Auf dem Rückweg ins Lager wollen Heiner und Gusti einen Gipfel besteigen. Merkwürdige Zeichnungen, schwarze Adern, heben diesen Berg aus den anderen hervor. Die beiden Unermüdlichen finden einen Aufstieg, der es ihnen ermöglicht, die Ski bis zum Gipfel zu benützen. Unnahbar sieht dieser Grat von unten aus, kaum zu glauben, dass er mit Ski fahrbar sein soll. Nach den schwarzen Felsbändern benennen wir diese Erhebung « Schlange ».

Am nächsten Tag brechen wir unser Lager ab und stellen es etwa 14 km weiter inmitten einer faszinierenden Berglandschaft wieder auf. Unser Start ist wie üblich am Abend. Wir ziehen unseren jetzt noch mehr überladenen Schlitten auf eine kleine Anhöhe, als eben die Sonne untergeht. Ihre roten Strahlen verwandeln alles um uns in ein Märchenland. Nach und nach verlöschen die niederen Berge, nur noch einer streckt seine beiden Gipfel wie zwei Hörner der Sonne entgegen. Wie eine Höllenglut läuft es über seine Flanken, bis auch ihn die geisterhaften Strahlen verlassen. Aber gerade dieser Berg lockt uns, denn er ist einzigartig in seiner Form und Wildheit. Es ist der Tupideck, was so viel wie « Teufel » heisst.

Unser neues Lager, Camp III, steht am westlichsten Ausläufer des Tupidek-Massives, auf einer schmalen Felsterrasse, hoch über dem Gletscher. Von hier aus wollen wir die Berge rund um uns besteigen. Gusti und Heiner unternehmen eine Erkundungstour, während wir übrigen in der Zwischenzeit das restliche Material vom Depot herholen. Von ihrer Erkundungstour zurück, berichten sie uns von brüchigem Gestein, steilen Eiswänden und zerrissenen Eisabbrüchen. Wir schalten einen Ruhe- und Wäschetag ein. Bei den Transporten wurde allerhand Wäsche verschmutzt und wartet auf Reinigung, von uns selber ganz zu schweigen. Während des Nachmittags läuft dicht neben dem Lager vorbei ein Schmelzwasserbächlein. Dieses fangen wir mit einer kunstgerechten Rohrleitung, hergestellt aus der Führungsstange des Schlittens, ein und leiten es in ein leeres Proviantfass. So gewinnen wir genügend Wasser zum Waschen und Kochen.

Noch immer wölbt sich über uns der strahlende Himmel, die Sonne verwöhnt uns geradezu mit ihrer Wärme. Wir nützen das gute Wetter endlich einmal zu einer grossen Tour. Um in den Eisabbrüchen sicher zu sein, wählen wir für den Anstieg die Nachtstunden und brechen um 10 Uhr abends auf. Wir gehen in drei Seilschaften, jede mit einem anderen Berg als Ziel. Ich gehe mit Gusti am Seil. Rund eineinhalb Stunden führt unser Weg über den leicht ansteigenden Gletscher, bis wir vor dem Eisabbruch stehen. Die Ski lassen wir hier zurück und steigen um Mitternacht, bei nur leichter Dämmerung, in den Gletscherabbruch ein. Er sieht schlecht aus, doch an der rechten Seite scheint sich eine passierbare Stelle zu zeigen, in der wir durchzukommen hoffen. Anfänglich geht es gut über aperes Eis; weiter oben treten immer mehr unsichere Schneebrücken auf, die ein besonders sorgfältiges Gehen verlangen. Immer grössere Umwege müssen wir um die zum Teil weit klaffenden Spalten einlegen. Wie weltverloren gehen wir durch diese Eiswüste, im Ungewissen, was noch alles kommen wird. Der Weg durch den Abbruch mündet in einer sanften Gletscherwanne, aber der Ausstieg aus dieser führt nur über eine äusserst steile Firnwand. Zum Glück treffen wir gute Schneeverhältnisse und können mit den Steigeisen darüber hinaussteigen. Eindrucksvoll ist der Gang zwischen den nun wieder auftretenden Riesenspalten. Wir sind noch nicht auf dem Grat, als uns 2 Uhr morgens schon wieder die ersten Sonnenstrahlen erreichen. Scharf und wild wölbt sich über uns der zum Gipfel führende Felsgrat. Die Schwierigkeiten des Eises sind hinter uns, wir lassen unsere Steigeisen zurück, gleichzeitig stärken wir uns mit dem Wenigen, das wir mitgenommen haben. Es ist erstaunlich, wie wenig Tourenproviant wir benötigen. Unser ganzes Essen besteht heute aus 100 g Knäckebrot, 100 g Speck, 100 g Schokolade, etwas Würfel- und Traubenzucker, 100 g Dörrobst sowie 50 g Sanddornsaft zum Verdünnen, als Vitamingetränk. Als ständige Reserve führen wir eine Militär-Notportion mit. Trotz des wenigen Essens sind unsere Rucksäcke doch nicht leicht. Da wir nie wissen, was uns erwartet, führen wir stets Material zur Sicherung in Fels und Eis mit, ebenso Biwakmaterial und, was besonders gewichtig ist, die Photoausrüstung.

Von unserem kleinen Rastplatz aus haben wir einen imposanten Ausblick auf den Tupidek. Schön sieht er aus, steil von allen Seiten, besonders die Nordwand mit ihrem 1000 m hohen Absturz. Von dieser Seite dürfte eine Besteigung kaum Erfolg haben. Es ist zum Klettern kalt; wir tragen beide noch die Handschuhe. Der Grat wird zusehends steiler. Leider ist das Gestein sehr brüchig, es rinnt eigentlich unter den Schuhen weg. Wir taufen diesen Felsen spasseshalber « Sandstein-granit ». Wäre der Fels fest, hätte man eine Prachtskletterei, so aber fordert er ein Höchstmass an Vorsicht und Sicherung. Der Fels geht in einen scharfen Firngrat über, so dass wir froh sind, unsere Pickel mitzuhaben. Der Gipfel rückt näher. Ein kleines Schneeplateau bedeutet das Ende unserer Mühen. Einmalig ist der Ausblick. Zwischen den Berggruppen im Westen sehen wir Teile des Spaltenwirrwarrs des riesigen Midgaardgletschers. Fast unvorstellbar sind für uns die Eismassen dieses mächtigen Eisstromes, der ebenfalls stark im Rückgang begriffen ist. Gegenüber dem Kartenbild stellen wir einen Rückgang von ca. 13 km fest. In vollen Zügen geniessen wir das Erlebnis der arktischen Bergwelt. Aber die wärmende Sonne mahnt uns, dass wir uns eilen müssen, wenn wir den Eisabbruch noch bei günstigen Verhältnissen antreffen wollen. So errichten wir rasch einen Steinmann, etwas unterhalb des Gipfels, denn dieser trägt eine Schneehaube, und verstauen darin eine kleine Büchse mit den Daten der Besteigung.

Der Abstieg geht gut vor sich, nur im Gletscherkessel ist der Schnee bereits im Aufweichen; stellenweise trägt der Hartschnee, dann bricht man plötzlich wieder durch. Welch ein Gefühl dieses plötzliche Durchbrechen inmitten zahlreicher Spalten verursacht, kann sich jeder Leser wohl vorstellen! Endlich erreichen wir unser Skidepot und fahren im Schuss über den weiten Gletscher zum Lager zurück, in welchem wir als die Ersten eintreffen, die andern sind alle noch unterwegs. Stolz blicken wir auf den erstiegenen Berg zurück, auf dem wir mit dem Feldstecher sogar den Steinmann erkennen können. Bald treffen auch die anderen beiden Seilschaften ein. Alle sind begeistert von ihrer heutigen Tour. Der nächste Tag soll Ruhetag sein.

Nach einigen schönen Touren und einem Abstecher zur Mündung des Midgaardgletschers verlegen wir unser Lager zum Depot auf der Blumeninsel zurück, fassen neue Vorräte und errichten dann ein Lager V inmitten eines grossen Gletscherbeckens, dicht bei einem kleinen Eisseelein. Bis jetzt stand die Sonne Tag für Tag am Himmel. Jetzt aber scheint sich das Wetter zu verschlechtern, die Gipfel stecken in Wolken, leichter Regen wechselt mit Neuschnee. Wir liegen im Zelt und üben Knotenknüpfen. Am nächsten Tag bietet sich das gleiche Bild. Um die Langeweile zu meistern, bauen Gusti und ich einen kleinen Iglu. Er gelingt prächtig. Die Kameraden bewundern unser Kunstwerk innen und aussen. Das Wetter schaut immer noch nicht nach Besserwerden aus. Da wir nur für einige Tage Esswaren bei uns haben, teilen wir diese neu ein und kürzen die Tagesrationen, damit wir etwas länger ausharren können. Dies trägt unserem Lager bald darauf den Namen « Hungerlager » ein!

« Schön Wetter » weckt uns morgens um 2 Uhr ein Ruf. Es ist kaum zu glauben: ohne verschlafenes Brummen steht jeder auf, zu frischem Tun entflammt. Mit Heinz nehme ich für heute den höchsten Berg im näheren Bereich zum Ziel. Als einzige Platte, ohne Gliederung und Bänder, wächst er aus dem Gletscher empor. Es wird an Schwierigkeiten nicht fehlen. Morgens um 3 Uhr brechen wir auf. Die Ski klappern auf dem hartgefrorenen Schnee, während wir langsam mit unsern schweren Rucksäcken aufsteigen. Aber bald verliert der Gletscher sein harmloses Aussehen, Spalten zwingen uns zu immer grösseren Umwegen. Im oberen Teil des Aufstiegs liegt von den letzten Tagen her Neuschnee, der sich hartnäckig in Klumpen an unsere Felle hängt. Mühsam wird jeder Schritt.

Nach vier Stunden Aufstieg können wir die Ski in den Schnee stecken und zu Fuss weiter. Doch von Gehen kann keine Rede sein, gleich nach den ersten Metern heisst es Stufen hacken, um weiter zu kommen. Die Randkluft und eine kurze Eiswand halten uns etwas auf. Aber schon nach einer Seillänge stehen wir in der Scharte unterhalb des plattigen Grates. Hier lassen wir unsere Steigeisen und Pickel zurück, dafür behängen wir uns mit den verschiedenen Kletterutensilien. Doch, oh Schreck, wo sind die Kletterhämmer? Keiner von uns hat einen Hammer eingepackt. Was nützen uns da unsere schönen Haken? Fast abweisend steht über uns der glatte und lange Grat. Doch er soll uns nicht einschüchtern, es soll auch ohne Haken gehen. Aber schon die erste Seillänge erfordert alles Können. Neuschnee klebt in allen Ritzen, und auf dem kalten Fels werden die Finger gefühllos. Glücklicherweise wird es später etwas gängiger, und die Sonne beginnt den Fels zu wärmen. Aber die Freude ist von kurzer Dauer. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Links führen grosse Platten in einem Fall bis auf den Gletscher hinab, rechts bietet sich ein gleicher Blick ins Bodenlose. Dazwischen führt der Grat glatt und ohne Griffe weiter. Wir suchen nach einem Ausweg. Vergeblich. Entweder wir kommen über die glatte, exponierte Platte hinweg, oder wir müssen zurück. Dabei lockt nur wenige Seillängen über uns der Gipfel! Sollen wir wirklich auf ihn verzichten? Das wäre doch zu schade! So wage ich einen Versuch, weiterzukommen Vorsichtshalber stecke ich mir einige Knotenschlingen zu. Der rötliche Gneis ist kompakt, wie selten hier, ritzenlos. Ich versuche, die kleinsten Unebenheiten ausnützend, auf Reibung zu klettern. Es geht einen Meter weit. Die Schuhe rutschen leicht zurück. Jetzt muss man handeln, denn umkehren kann ich kaum noch. Hastig suche ich nach einem besseren Halt. Da, eine kleine Felswarze, sie stützt den Schuh, bevor er ganz abgleitet. Dann ein Riss, ein Griff. Ich bin durchgekommen Noch zitternd vor Anstrengung kann ich eine Knotenschlinge legen und Heinz daran zum Nachkommen sichern. Ein faustdicker Riss hilft uns über die nächste Seillänge hinauf. Dann geht es in abwechslungsreicher Kletterei gut zum Gipfel. Nach 4 Stunden stehen wir beide auf dem Gipfel. Müde setzen wir uns auf unsere Rucksäcke und lassen die prächtige Aussicht auf uns einwirken. Ungehemmt kann unser Blick über die vielen Gipfel bis zum fernen, glitzernden Streifen des Inlandeises schweifen. Alle diese Berge locken durch ihre mannigfachen Formen zu einem Besuch. Aber unsere Zeit ist zu kurz, um auch nur die schönsten davon zu besteigen. Nur einen wollen wir noch versuchen, einen, der mit seinen steilen Flanken jeden Versuch zum voraus ablehnen will, den Tupidek. Rund um sein Massiv führten uns bisher unsere Touren, ob wir ihn von Süden, Westen oder Osten betrachteten, er lockte uns immer mehr! -Weiter wandert unser Blick, bis er im Osten auf das blaue Fjordwasser fällt, in welchem mächtige weisse Eisberge schwimmen.

Auf dem gegenüberliegenden Gipfel erblicken wir unsere Kameraden, wie sie gerade einen Steinmann errichten. Als Zeichen der Besteigung soll er dort oben stehen. Noch wenige Gipfel hier tragen dieses Zeichen, die meisten sind noch unbestiegen. Wie lange noch?

Auch wir tragen die wenigen losen Steine zusammen zu einem Steinsignal. Dann zurück von diesem schwer errungenen Gipfel. Mühelos gleiten wir am Seil über die beim Aufstieg so schwierigen Stellen hinweg, und bald stehen wir bei unserm Skidepot, am Beginn einer langen Abfahrt, die des schlechten Schnees wegen in uns wenig Freude aufkommen lässt. Abgekämpft erreichen wir nach 16stündiger Abwesenheit unser Lager.

Jeden Abend müssen die im Schnee stehenden Zelte frisch aufgestellt werden. Zwei Tage später brechen wir die Zelte ab und packen zusammen, um bis zum Abend unser Lager wieder auf der Blumeninsel aufzustellen. Blumeninsel, das bedeutet für uns wieder auf trockenem Felsen lagern, sich an Blumen erfreuen dürfen und, was wir besonders schätzen, nach frischen Vorräten greifen. So lässt sich bei solchen Gedanken leicht von diesem Schneelager Abschied nehmen. Und schwit- zend erreichen wir am Abend unser Blumeninsellager. Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen. Nach diesem Motto setzt Max, unser Koch, die Benzinkocher in Brand, so dass wir bald heissen Tee schlürfen und uns an einem schmackhaften Essen gütlich tun können. Wir schätzen dieses abwechslungsreiche und gut zubereitete Essen. Es trägt bestimmt viel zu unserer guten Laune und Verfassung bei. Da Sonntag ist, gönnen wir uns wieder einmal einen Ruhetag. Doch nur noch 6 Tage können wir hier bleiben, dann heisst es endgültig Abschied nehmen von diesen uns schon vertraut gewordenen Bergen! Warm scheint die Sonne ins Lager. Gemütlich liegen wir auf unseren Luftmatratzen und geniessen die Ruhe. Die Tagebücher werden nachgeschrieben, Blumen photographiert und gesammelt. Keiner empfindet Langeweile. Gespannt suchen wir im kleinen Kurzwellenempfänger nach Klängen aus der fernen Heimat. Ein Orgelspiel vertieft das Erlebnis des Sonntags erst richtig. Was bedeuten uns dagegen schon die Nachrichten aus dem grossen Weltgeschehen? Wir haben ganz andere Sorgen, denn morgen wollen wir zu viert den Tupidek versuchen. Und doch beschleicht einen ein seltsames Gefühl beim Anblick dieses Berges.

Der Mond leuchtet hell, als wir am Morgen um 2 Uhr aufbrechen. Schwer sind die Rucksäcke, denn wir rechnen mit einem Biwak in luftiger Höhe. Alle unsere Fels- und Eishaken haben wir für diese Tour eingepackt. Mit den Ski bewältigen wir nur den Anmarsch über den breiten « 16.September-Gletscher », dann heisst es in einen überaus steilen Gletscherabbruch einzusteigen. Die Steigeisen beissen sich gut in das körnige Gletschereis ein, so dass wir trotz der Steilheit alle zusammen gehen können. Der Abbruch führt uns an den Fuss eines Felsriegels, bei dem wir die Steigeisen abnehmen und zwei Seillängen weit über den abgeschliffenen Fels klettern. Dann stehen wir am Rande eines mächtigen, von unten nicht sichtbaren Gletscherkessels. In dünnem Pulverschnee queren wir ihn bis zum Beginn eines steilen Eiscouloirs. Teils mit den Frontzacken der Steigeisen, teils in natürlichen kleinen Stufen steigen wir in diesem hinauf. Gegen 7 Uhr morgens erreichen wir den Grat des Vorgipfels. Bis jetzt sind wir sehr gut vorwärts gekommen; das Eiscouloir hat uns einen überraschend guten Zugang zum Grat geöffnet. Vom Lager aus hatten wir diesen Zugang für fraglich gehalten, da die Eisrinne selbst durch einen davorstehenden Zacken verdeckt war. Der Weiterweg ergibt sich in der abschüssigen Nordflanke. Ich versuche mit der Kamera, die sich bietenden prächtigen Bilder festzuhalten. Aber eine Unachtsamkeit - und der Photoapparat rollt mir davon, über Absätze hinweg und entschwindet den Blicken. Ob ich ihn wieder finden werde -und wie?... Gut gesichert suche ich seiner Bahn zu folgen. Rund 70 m tiefer finde ich ihn arg zerbeult und unbrauchbar geworden. Der Weiterweg ist schwer zu finden. Aufwärts zum Vorgipfel führt eine heikle Kletterei; in Richtung Hauptgipfel müssten zwei steile Eisfelder gequert werden. Auf beide Passagen würden wir gerne verzichten; doch wir müssen uns entscheiden und wählen die direktere, die quer über die etwa 45-50 Grad steilen Eishänge führt. Das Eis ist glashart und mit einer dünnen Pulverschneeschicht bedeckt. Wir versuchen mit den allerdings nur wenig greifenden Frontzacken der Steigeisen zu gehen. Gut gesichert geht es, doch die Fussgelenke schmerzen dabei. Der von Neuschnee überzogene Felsen wechselt bald wieder in Eis über, das wir nicht ohne Stufenschlagen begehen können. Kalt ist es hier auf der Nordseite. Besonders beim Warten, bis eine Seillänge Stufen gehackt ist. Endlich sehen wir zum Hauptgipfel hin. Doch was wir sehen, ist eine kühne Felsnadel, die zu erklimmen sehr schwer scheint. Nackte Felsplatten, über die der überhängende Zahn kaum gewonnen werden kann. Wir beraten hin und her. Einen Versuch wollen wir wagen. Wir seilen in die Scharte zwischen Vor- und Hauptgipfel ab und lassen hier alles entbehrliche Material zurück.

Kurze Mittagsrast, bei der man an die schwierige Kletterei denkt und den Imbiss nicht recht kostet. Wir sind wie aufgeregt. Dann beginnen wir den letzten Aufstieg, die Brust dicht mit den verschiedensten Haken behängt. Wir kommen gut vorwärts. Feste Tritte und Griffe leiten uns auf dem Grat höher, und schon stehen wir unter dem zuvor als unbesteigbar scheinenden Überhang. An untergriffigen Schuppen klettere ich empor. Es geht gut, bis die Schuppen hohl werden und abzubrechen drohen. Es wird zu gefährlich. Ich klettere langsam wieder zurück. Wir suchen nach besseren Anstiegsmöglichkeiten. An der Nordseite führt ein überhängender glatter Kamin nach oben, kaumbegehbar, zum mindesten sehr kraftraubend. « Die Südseite? »Gut gesichert klettere ich auf eine kleine Scharte in der Gratkante hinauf. Das Seil kommt zögernd nach. Durch einen schmalen Spalt kann ich in die Südwand blicken. Es verschlägt mir fast den Atem: senkrecht bricht der Fels gerade unter mir ab, rund 400 m tief. Unbeschreiblich ist auch der Blick in die Ferne, Eis und Felsen ohne Ende. « Was ist los ?» tönt es herauf. Ich fasse mich wieder und suche nach einem eventuellen Weiterweg. Ein abdrängendes Band umgeht den überhängenden Aufschwung. Wenn man hier durchkäme? « Nachkommen », rufe ich. Statt dem Ruf Folge zu leisten, kommt die Frage: « Ja, geht es? ». « Ich weiss es noch nicht, probieren! » Während ich den Kameraden sichere und nachnehme, suche ich nach dem Weiterweg. Einen Sicherungshaken anbringen geht kaum. Es ist alles sehr exponiert. Schwer atmend kommt Heiner mit dem Rucksack nach. « Wo willst du da weiter? » « Hier um den Zacken, sichere gut! » Ich beginne zu klettern. « Sei vorsichtig », ruft er mir noch nach, als ich über das abdrängende Band gehe. Ich sehe zwischen den Beinen hindurch ins Nichts. Sparsam sind die Griffe, doch sie reichen aus, um durchzukommen. Ein kleiner Jauchzer meldet meinem Kameraden, dass die Stelle überwunden ist. Er kommt nach. Der spitze Gipfelzahn steht noch vor uns. Kurzes Abseilen bringt uns an seinen Fuss. Überhängend steht der kompakte Felsklotz nun da. Nur einige kreisrunde Windlöcher unterbrechen die Fläche. Ein Aufsteigen hier ist nicht möglich. Unter einem breiten Überhang, in der ins Nichts abfallenden Nordwand, taste ich mich um den Zahn herum und komme höher. Da klemmt gerade in dieser extremen Lage das Seil. Mühsam, es zu lösen. Aber dann kann ich die letzten Meter bis zum Gipfel klettern. Die Spannung weicht! Freudig richte ich mich auf und winke den unter mir stehenden Kameraden zu. Klein ist der Platz, wir werden kaum zu viert Platz finden. Nicht einmal lose Steine für einen Steinmann sind vorhanden. « Bringt Steine mit », rufe ich hinunter. Und jeder schleppt noch als zusätzlichen Ballast einen oder zwei Steine herauf. Wir stehen auf dem höchsten Punkt und reichen uns glückstrahlend die Hände. Der Tupidek ( 2264 m ) ist bestiegen! Eine Weile ist jeder still in sich gekehrt. Ein Gebet des Dankes. Es ist nahezu windstill. Wir lassen uns nieder, um etwas zu essen, und schichten dann die wenigen Steine behutsam als « Gipfelsignal » aufeinander. Und es folgt der Abstieg. Zum Glück haben wir genügend Seile, ein 80-Meter-Seil und eine 100-Meter-Reepschnur, so dass wir bis zur Scharte abseilen können. Abends 7 Uhr erreichen wir die Scharte zwischen Haupt- und Vorgipfel, finden einen schönen Platz. Schmelzwasser hat sich dicht daneben in einem kleinen See gesammelt. Vor Einbruch der Kälte verkriechen wir uns in die Biwaksäcke.

Aber Windböen wecken uns frühzeitig; es ist kalt und erst 3 Uhr morgens. Der Mond verblasst im anbrechenden Tag. Ohne viel zu reden packen wir zusammen, um einen windgeschützten Ort zu finden. Über die Abseilstelle von gestern hangeln wir am Seil hinauf. In der Südflanke finden wir einen etwas geschützten Platz, schmelzen etwas Schnee und bereiten uns einen kräftigenden Haferbrei, das letzte Essen, das wir bei uns haben. Weiter! Um die uns vom Vortag in unangenehmer Erinnerung stehenden Eisfelder zu umgehen, versuchen wir über den Vorgipfel zu kommen Noch immer bläst der kalte Wind über die Gratkante. Frierend erreichen wir den Gipfel. Welch eine Überraschung: wir finden einen versteckten Steinmann und eine leere Dose Ölsardinen. Zeichen, welche auf die von den Österreichern 1959 durchgeführte Besteigung hinweisen. Warum bestiegen sie nicht noch den Hauptgipfel? Waren sie zeitlich zu knapp oder kippte das Wetter um?

Wir steigen weiter ab. Direkt unter dem ersten Eisfeld treffen wir wieder auf unsere gestrige Aufstiegsspur und gelangen ohne weitere Schwierigkeiten in ihr hinunter ins Lager, das wir gegen 3 Uhr nachmittags erreichen, die Blumeninsel! Unsere beiden zurückgebliebenen Kameraden sind begeistert, sie konnten unser Abseilmanöver mit dem Feldstecher wie eine Gratsilhouette beobachten.

Da unsere Vorräte aufgezehrt sind, heisst es zurückkehren zum Basislager. Ungern. Denn wir möchten länger hier verweilen. Und ob wir je wiederkehren können?...

Unsere Schlitten holpern über die tiefen Schneewellen. Besonders der halbe geflickte Schlitten macht jetzt Schwierigkeiten. Ständig kippt er um oder rammt sich mit der Spitze in einer Welle fest. Am Col de Poulies legen wir einen Rast- und Ruhetag ein. Dann geht es weiter bis zu einem alten Lagerplatz der Österreicher von 1959, von dem aus wir in einem Zug unser vorgeschobenes Basislager Bellahoj erreichen.

Da treffen wir wieder auf Menschen. Eine gleichzeitig mit uns im « Schweizerland » weilende schottische Expedition ist ebenfalls auf dem Rückweg. Wir verabreden gemeinsam eine Bergfahrt und in gemischten Seilschaften, je einer aus der schottischen Expedition und einer von uns, bilden wir Zweierseilschaften. Auf zwei verschiedenen Wegen steigen wir den Berg an und erreichen am Nachmittag über die zum Teil schwierigen Führen den Gipfel. Neue, frohe Kameradschaften werden auf dieser Tour geschlossen. Wie rasch verstehen sich doch Bergsteiger, trotz ungleicher Sprache und Nationalität. Als eine der schönsten Touren, die wir für uns als die 40. Erstbesteigung notieren, bildet diese Bergfahrt für beide Expeditionen die letzte Fahrt im « Schweizerland ».

Darauf folgen wieder strenge Tage, bis das Material zum Fjord hinunter getragen ist. Dann aber beginnt ein Schwelgen in den reichen Vorräten des Basislagers! Zwei von uns können in einem Fischerboot weiterfahren zur nächsten Siedlung Kungmiut, um von dort den Kutter für die Heimfahrt zu bestellen. Die andern verbringen unterdessen friedliche Tage am Fjord, ausgefüllt mit Fischefangen und Essen. Und allzurasch entführt dann der Kutter uns alle aus dieser ruhigen Abgeschiedenheit, aus diesem fröhlichen, gemütlichen, aber harten Leben und Treiben der Grönländer, das wir noch während einiger Tage beobachten können. Dann verlassen wir im Flugzeug endgültig dieses einzigartige Bergsteigerparadies.Überarbeitung d.Red. )

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