Bergsteigererinnerungen: Glück und Unglück in den Bergen

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Glück und Unglück in den Bergen.Von August Walker

( Muralto-Locarno ).

Wer Jahre und Jahrzehnte in den Bergen als Bergsteiger tätig war, hat wohl auch Situationen erlebt, bei denen er sich sagen musste: Da hat dich nur ein gütiges Geschick oder eine höhere Hand vor dem Tode bewahrt, nicht deine Fertigkeit in Eis und Fels, dein bergsteigerisches Können, deine Kenntnisse der Gefahren und Tücken des Gebirges. Von solchen Anlässen, die auch mir, einem nur mittelmässigen Alpinisten, der seine Leistungen nicht mit denen eines Whymper, eines Kugy, eines Simon und noch vieler anderer vergleichen darf, zugestossen sind, möchte ich einiges berichten.

In den zwanziger Jahren meines Lebens machte ich mit einem Lokalführer aus Innichen ( San Candido ) eine Besteigung des Haunolds, eines Gipfels von ca. 3000 m in den Dolomiten, über dessen Nordwand. Im obern Teile dieses ziemlich steilen und aus brüchigem, leicht verwitterndem Dolomit bestehenden Berges erforderten einige Kletterstellen vorsichtiges Steigen.

BERGSTEIGERERINNERUNGEN.

Es durfte nur einer sich bewegen, der andere musste sichern. Ich stand auf einer schmalen Leiste exponiert an steiler Wand, mit der linken Hand das Seil über einen Felsvorsprung ob mir andrückend, als mir aus der rechten Hand der Pickel entglitt. Ich erwischte ihn noch durch eine leichte Beugung des Körpers, als er noch nicht bis zu den Füssen gefallen war. Diese Beugung, bei welcher der Schwerpunkt des Körpers nach aussen verlegt wurde, geschah ohne Überlegung, gleichsam instinktiv, und nur durch Blitzesschnelligkeit beim Wiederaufrichten konnte ich den Sturz verhüten. Eine Überlegung hätte mir sagen müssen, dass ich meine Stellung hätte festhalten und lieber den Pickel seinem Schicksal überlassen sollen. Etwas Herzklopfen musste ich bei diesem Anlass wohl oder übel in Kauf nehmen. Mein Sturz hätte natürlich den kletternden Führer auch aus der Stellung gerissen, und den genauen Hergang hätte niemand erfahren. Der weitere Aufstieg vollzog sich glatt.

Ein zweites Ereignis, das vielleicht noch mehr auf einem zufälligen Glücksfall beruhte, war das folgende: Ich lief allein auf dem Wege von Tanay über den Col de Vernaz nach Châtel im Savoyischen. Als ich auf horizontalem Pfad, in Gedanken versunken, einer steilen Rasenhalde entlang ging, hörte ich einen dumpfen Ton, und fast im gleichen Augenblick flog ein kindskopf-grosser Stein gerade in Gesichtshöhe direkt an mir vorbei und in gewaltigen Sätzen bergab. Er war unsichtbar und unhörbar von oben heruntergestürzt. Wäre er einen Bruchteil einer Sekunde später gefallen oder wäre ich eine Handbreite weiter vorwärts gewesen, er hätte mir den Kopf zerschmettert. Tod durch Steinfall würde dann die Notiz in der alpinen Unglückschronik gelautet haben.

Das dritte Ereignis spielte sich im Jahre 1916 am Beichpass ( 3196 m ) ab. Ich wollte meine Frau und einen bergbegeisterten 17jährigen Jungen führerlos vom Hotel Riederalp nach dem Lötschental bringen. Vom Pass wusste ich, dass er keine besondern Schwierigkeiten biete. Bei meinen Erfahrungen in den Bergen durfte ich wohl eine führerlose Überschreitung wagen ( aber nicht mit zwei des Bergsteigens in den Hochalpen nicht erfahrenen Personen !). Im Hotel riet mir deshalb alles von dem projektierten Unternehmen ab, besonders da das Wetter auch etwas bedrohlich aussah. Auch meine Frau hätte den Umweg, die Heimreise per Bahn durch das Wallis, vorgezogen. Es war schon Nacht, als wir, meine Frau und ich und der Junge, stolz darüber, das bei einem Führer entlehnte Seil und einen Pickel tragen zu dürfen, bei der Oberaletschhütte ankamen. Die letzte halbe Stunde auf dem Kamm der grossen Moräne vor der Hütte, wo ein Pfad fehlte, oder den wir wohl in der Dämmerung übersahen, war mühsam. In der Hütte, wo wir allein waren, verbrachten wir eine leidliche Nacht. Am andern Morgen sah das Wetter schlecht aus. Wir brachen trotzdem gegen 7 Uhr zum Passe auf und machten, nach fast 2 Stunden Wegs ., noch auf dem ebenen Gletscher einen fast einstündigen Halt, hofften auf besseres Wetter und berieten, ob Rückkehr oder Fortsetzung. Mehrheitlich wurde Fortsetzung der Wanderung beschlossen. 1% Stunden später, um 11% Uhr, befanden wir uns auf der Passhöhe, waren aber bald vom Nebel umringt, und ein starker Wind setzte ein.

Umkehren wäre auch jetzt noch das klügste gewesen! Nur während einiger Augenblicke war noch einige Sicht nordwärts möglich, dann aber fehlte jede Möglichkeit zur Orientierung. Eine Spur im Schnee, die schon beim Aufstieg ab und zu uns geleitet hatte, schien nach rechts zu weisen. Wir folgten ihr und bemerkten erst später, als sie auf dem steilen Firn allmählich direkt abwärts wies, dass es die Spur eines abgerollten Eisstückes war. Ich ging voran, um die beste Route ausfindig zu machen, der Junge am Seilende, meine Frau in der Mitte. Ein Unwetter brach los. Der Donner rollte. Blitze zuckten. Es hagelte und regnete schliesslich in Strömen. Da geschah das Unheil. Der Junge rutschte aus und glitt rasch auf dem harten, steilen Firn ab, riss meine Frau aus den von mir getretenen Stufen, und schliesslich vermochte auch ich trotz Entgegenstemmen dem Gewicht der beiden Körper nicht zu widerstehen und wurde mitgerissen. Das Bremsen mit der Pickelhaue war nutzlos. Mit zunehmender Steilheit wurde das Tempo des Gleitens rascher, ich sah unsern Untergang voraus, da wir uns am obern Ende eines Couloirs befanden und solche Couloirs ja gewöhnlich bis an den Fuss des Hanges reichen, ja oft noch in Felsabstürzen enden. Der Moment, wo mir der bremsende Pickel aus den Händen gerissen wurde, war da. Da plötzlich wurde die Todesfahrt unterbrochen. Ich blieb still. Was war geschehen? Eine kleine Steilstufe im obern Teil des Couloirs endete auf einer kleinen Plattform. Dort lagen der Junge und meine Frau auf einem Haufen. Diesem glücklichen Umstand hatten wir unsere Rettung zu verdanken.

Wir wir später auf dem eingeschlagenen Wege, durch die auf der Karte mit dem Namen « Beichflühe » bezeichneten Felspartien, im Nebel und bei fortdauernd strömendem Regen hinuntergekommen sind, weiss ich nicht mehr genau; aber weiteres Unheil stiess uns nicht mehr zu. Um 3 Uhr erreichten wir den Talboden und, bis auf die Haut durchnässt, 1 y2 Stunden später die Fafleralp. Der kleinen Stufe, die unsern Sturz aufhielt, hatten wir unsere Rettung zu verdanken! Wäre sie nicht gewesen, so hätte die Unfallchronik einen neuen Fall mit drei Opfern vermelden können, verschuldet durch den Leichtsinn eines sonst geübten Alpinisten, der mit zwei bergunerfahrenen Leuten und bei schlechtem Wetter einen Gletscherpass führerlos forcieren wollte. Unfreiwillig hatten wir allerdings einen neuen Abstieg vom Beichpass durch die Beichflühe zur Fafleralp gefunden, der aber meines Wissens von niemand anderem seither mehr begangen worden ist, weder im Auf- noch im Abstieg.

Ein weiteres Ereignis, bei welchem der Umstand, dass wir nicht angeseilt waren, unsere Rettung wurde, datiert aus dem Jahre 1906 und geschah anlässlich einer Besteigung des Mont Blanc. Unsere Sektion Weissenstein des S.A.C. besass damals das Zentralkomitee des Klubs. Der altern Klubisten noch wohlbekannte Wilhelm Forster war Vizepräsident und meine Wenigkeit Sekretär. Mit Forster brach ich zur Besteigung des Mont Blanc auf. Wir hatten den Führer Ciaret Tournier und zwei junge Leute als Träger mit und genossen als Mitglieder des Zentralkomitees das Privilegium, im Privatpavillon von Dr. Vallot bei der Cabane de l' Aiguille du Goûter Nachtquartier beziehen zu können. Die Mitnahme Tourniers als Führer war allerdings mit diesem Privileg verbunden. Auf der Rückkehr vom Gipfel bei der Aiguille du Goûter angelangt, liess uns der Führer das Seil abnehmen, weil es für den Abstieg nach Tête Rousse nicht notwendig sei. Es war Forster und mir recht, wir kletterten wenn immer möglich doch lieber ohne Seil. Nach 10 Minuten Abstieg auf steilem Terrain ( der Führer ging voran, gefolgt von Forster und mir, zuletzt kamen die beiden Träger ), wo jeder äusserste Vorsicht beobachten musste, sah ich den Führer, der eben eine kleine Felsnase überquert hatte, abstürzen. Lautlos und ohne einen Versuch, sich zu halten, fiel er mit dem Rücken auf ein kleines schmales Terrassenband, etwa 3 m unter mir, und von da weiter, bald rollend, bald in weiten Sätzen bergab. Etwa 300 m weiter unten blieb er leblos auf dem Glacier de Bionnassay français liegen. Ihn zu halten, war von Anfang an keine Möglichkeit. Zweifellos hatte er eine Herzlähmung oder einen Schlaganfall erlitten, und ebenso zweifellos hätte sein lautloser, unerwarteter Sturz uns alle, die wir kletterten, mit sich in die Tiefe gerissen, wenn das Seil uns verbunden hätte. Das Ereignis machte selbstverständlich einen tiefen Eindruck auf uns, die beiden Träger brachen in lautes Wehklagen aus und waren erst nach geraumer Zeit zu bewegen, den Abstieg fortzusetzen, um die Nachricht nach Chamonix zu bringen. In 3 Stunden 20 Minuten legten dann Forster und ich die fast 3000 m betragende Höhendifferenz bis nach Les Houches im Tale von Chamonix zurück, um dort das Weitere zu veranlassen. Ich erinnere mich nicht, jemals einen gleich schnellen Abstieg gemacht zu haben, besonders da bis Tête Rousse Vorsicht nötig war.

Ich schliesse damit meine Glücks- und Unglückschronik, denn über zwei weitere Ereignisse, wie die Zutageförderung eines Führers und Touristen aus einer tiefen Gletscherspalte am Dom und eine Schulterausrenkung unseres alleinigen Führers bei einer Monte-Rosa-Besteigung vom Grenzgletscher aus, die drei Gefährten mit mir ausführten, sind keine Besonderheiten zu berichten. Für mich, der ich im 80sten Lebensjahre stehe, sind Hochtouren in Zukunft leider ausgeschlossen und so auch damit verbundene Glücks- und Unglücksfälle. Mögen die erstem bei den Mitgliedern des S.A.C. stets das Hauptkontingent bilden!

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