Blitz in die Seilpartie

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Mit 2 Zeichnungen von Marthe Keller-Kiefer.Von Hans Carol.

Es war eine stürmische Pfingsten. Unser Ziel galt den Kreuzbergen im Säntisgebiet. Grelles Sonnenlicht strahlte aus zerfetzten Wolken. Es erfüllte unsere Herzen mit Hoffnung auf besseres Wetter und lockte uns, die vorgesehene Kletterei durchzuführen.

Den leichtesten der acht Kreuzberge, den dritten, hatten wir erstiegen und befanden uns nun im Sattel zwischen diesem und dem vierten. Ein Kamerad unserer Partie seilte sich los und bat mich um meinen Pickel. Er wollte absteigen und in der Hütte auf uns warten, denn er fühlte sich nicht ganz wohl. « Ich komme auch ohne Pickel hinunter », rief ich ihm zu.

Wir drei schnürten das nasse Seil zurecht und begannen wortlos, voll innerer Spannung, den Aufstieg. Hagelschauer um Hagelschauer peitschte der Wind gegen uns. Lärmend prallte er an den aufgesetzten Kapuzen ab. Wehe, wenn diese Geschosse uns ins Gesicht trafen! Wohl fauchte der Sturm durch die Felsenklüfte, wohl hetzte er uns Nebelgespenster auf die Fersen, was tat'sWas tat 's, dass unsere Hände kalt und steif waren, wenn in uns ein warmes Herz schlug, das gewillt war, den Kampf mit den Naturgewalten auszufechten, ihn siegreich zu bestehen? Man sah uns die Freude über unsere Kraft und Geschicklichkeit an, mit der wir dem fussbreiten, mit tiefem Riesel bedeckten Felsbändchen folgten, katzenhaft eng an die steile Felswand geschmiegt! Ha, so rittlings sich die scharfen Gräte hinauf zu stemmen, den nassen, abweisenden Fels an den Schenkeln zu spüren und seiner zu spotten! Die Begeisterung von innen war stärker als die Kälte von aussen. Die rotblauen Hände griffen wacker zu und halfen uns in flottem Tempo nach oben. Ist solches Streben nicht Sinnbild des menschlichen Lebens? Nach oben, immer nach oben! Ich lispelte es mechanisch im Takte der Bewegungen des willig ausführenden Körpers. Mein Bewusstsein beschränkte sich nur noch auf die Tätigkeit der scharf spähenden Augen, der Muskeln, die jeden Befehl sofort ausführten, geleitet durch den einzigen Gedanken: nach oben, immer nach oben.

Und wir kamen nach oben! Wir erreichten den Gipfel trotz stürmischem Wind, eisigem Hagel und tückisch glitschigem Fels! Ein gegenseitiger Händedruck, ein verstehender Blick. Drei Menschen, geeint durch gemeinsame Anstrengung, am Ziele.

Vornübergebeugt schützte ich das Gipfelbuch vor der Nässe und schrieb meinen Namen hinein. Die Kameraden hockten auf einem Stein, hart am Abgrund, und waren dem schlechten Wetter zum Trotz guter Dinge. Sie assen ihren Apfel und unterhielten sich über die Schwierigkeiten des fünften Kreuzberges. Da, was ist los? Ein wuchtiger Schlag auf den Kopf, ein flammendes Licht um mich — päng — ein unheimlicher Knall. Ein Blitz? Ein BlitzWarum bin ich denn nicht — nicht verletzt, nicht tot? Ich BLITZ IN DIE SEILPARTIE.

Der erste Kreuzberg.

lebe! Aber wo ist mein Kamerad? « Fred », schreie ich, « Fred! » Da, da fällt er, rücklings, die Beine hoch in der Luft, im nächsten Augenblick stürzt er dem Abgrund entgegen. Eine Schlinge des Seils um den Gipfelstein, ein harter Ruck — es hält! Bleich im Gesicht, sucht Fred mit den Füssen Halt. Erst jetzt schreit Kari: « Ein Blitz, Rucksack auf, fort! » Mit einer raschen Bewegung schleudert er die Blechschachtel fürs Gipfelbuch in den Abgrund. « Hat's dir etwas gemacht? » stottert jeder zum andern. « Nein! gut, los. » BLITZ IN DIE SEILPARTIE.

Über das erste Gratstück rennen wir mehr als wir gehen. Nur hinunter, weg von dieser exponierten Stelle.

Zu spät! Der Dämon da oben holt erneut zu gewaltigem Schlage aus. Alle drei will er uns erledigen. Als letzter sehe ich deutlich zwei mächtige Lichter über den Köpfen der Kameraden. Im gleichen Augenblick kracht 's, wir zucken erneut zusammen, Fred fällt, steht auf — und weiter geht die Hatz. Gedanken schiessen durch den Kopf. Der Berggeist treibt seinen Spass mit uns! Ja, die Griechen, jetzt begreife ich sie, begreife, warum sie die Naturkräfte als Personen darstellten. Dass mir das hier einfallen muss! Ich würde gescheiter auf die Tritte schauen. Ein Blitz hat mich getroffen, zweimal sogar, und ich bin nicht gelähmt, nicht verbrannt, nicht tot? Seltsam —. Plötzlich wird alles hell in mir wie Sonnenschein auf Frühlingswiesen: Leben, du meinst es gut mit mirEndlich ging auch dieser Abstieg zu Ende, dank grösster Vorsicht auf den schlüpfrigen, weissberieselten Bändern und nassen, glatten Felsen. In der noch tiefverschneiten Alphütte erwartete uns ein wärmendes, trocknendes Feuer, das unser Kamerad vorsorglich entfacht hatte. Wie dem Tode Ent-ronnene wurden wir von ihm empfangen, mit Fragen überschüttet. « Hat niemand Schaden gelitten? » — « Nicht wichtig, glaub'ich, aber will doch einmal nachsehen », gestand Fred und löste seine Hosen. Und siehe: auf dem Hintern eine fünflibergrosse Brandwunde! Der Blitz hatte in seinen reichlich mit Metall gefüllten Geldbeutel geschlagen und von da auf das Bein, welches reflexartig gezuckt und ihn zu Fall gebracht hatte. Dieser Sturz war die Ursache einer leichten Quetschung am Knie. Kari spürte weiter nichts als ein heftiges Brummen im Kopfe, und ich, der am meisten Gefährdete, musste nur meiner Verwunderung Ausdruck geben, dass das Erlebnis so glimpflich abgelaufen war. Mir war, als sei mir das Leben neu geschenkt worden. Freude und Dankbarkeit erfüllten mich. Diesen Gefühlen konnte die spätere Erkenntnis keinen Abbruch tun: Wir waren alle drei durch unsere tropfnassen Kleider, die wie Blitzableiter wirkten, vor Schlimmerem bewahrt worden. Am stärksten hatte Fred die Ladung verspürt, da er keine Kapuze trug, weshalb ein Teil der oberflächlich abgeleiteten Elektrizität durch seinen Körper zuckte.

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