Blutende Felsen

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VON KARL ALFONS MEYER, KILCHBERG ZH

Jetzt, an schönen Oktobertagen, « bluten » sie. Doch der Leser schaudere nicht. Diese Felsen mögen ihn nicht erschrecken, sondern anziehen. Wer in der mild leuchtenden Sonne spätester Herbsttage von Brig her das Rhonetal hinabfährt, versäume ja nicht, rechts hinauszuschauen. Nach Raron, gegenüber dem kleinen Bahnhof von Turtmann, jenseits des Rotten ( so heisst ja die Rhone im Oberwallis; sie trug diesen Namen schon im Nibelungenlied ), wird ihn ein wundersamer Anblick fesseln. Über den paar Häuschen von Getwing, das von Gampel oder Leuk her auf lockendem Fusspfad zu erwandern ist, steigen steile Felsplatten empor zum nicht sichtbaren Dörfchen Erschmatt. Von diesen weissen Felsen herab scheint sich ein Blutstrom zu ergiessen. Unwillkürlich denkt der Kenner der Walliser Geschichte an die wilden Kämpfe, die einst in dieser Gegend wüteten, und fragt sich fast, ob wirkliches Blut immer noch ströme. Doch die Färbung rührt nur von den jetzt welkenden Blättern des Sumachs oder Perücken-strauchs her ( Rhus Cotinus ), der dort einen der seltenen schweizerischen Standorte einnimmt, und zwar den auffallendsten. Denn weder im Unterwallis bei Martigny noch am San Salvatore tritt er so üppig in fast reinen Wäldchen auf wie hier an den ewig von ihren nahen heimatlichen Gletschern murmelnden grauen Wellen der Rhone. Nirgends sonst ist die Kontrastwirkung so stark wie an den blendend hellen Getwinger Kalkfelsen, an die sich die rote Glut schmiegt, einzig unterbrochen von wenigen schwarzgrünen Kletterföhrchen und von kleinen zypressenähnlichen Wacholdern. Wollte ein Maler wagen, diese leuchtenden Felsen wiederzugeben - man würde ihm nicht glauben. Oder, seltsames Problem, man würde der Natur vorwerfen, sie schaffe künstlich-sentimentale Effekte. Sollte es eine unnatürliche Natur geben können, wie unmenschliche Menschen?

Die Felsen in dieser Gegend haben schon geblutet und für die Schweiz beispiellos grausame Kriegführung sehen müssen. Niemand würde es für möglich halten, wie hier in Menschen wilde Tiere erwachen konnten. Nicht im finstern Mittelalter geschah es, nicht um einen Marterpfahl johlende Huronen waren es. Am l.Juni 1799 wurde der nahe Ort Varen völlig verwüstet; sogar der Wald oberhalb des Dorfes brannte mehrere Stunden weit während zweier Wochen und hinterliess nacktes Ödland, das keine Bäume mehr zu tragen vermag, höchstens stachligen Wacholder, krüp-pelige Föhren, Sauerdorn und - blutroten Sumach. Ob die Eindringlinge zuerst mit Greueln begannen, von der französischen Revolution berauscht, ob die Einheimischen, die ihren Glauben und ihre Habe verteidigten - es sei dahingestellt. Erwähnt sei nur, dass der eidgenössische Abgeordnete Wild damals berichtete: « Das unglückliche Wallis, das anfangs Juli nichts als Leichname, abgebrannte Dörfer, Schutt und Trümmer darbot, ist noch immer ein Bild der Greuel und der Verwüstung. Alles ist geraubt, alles ist zerstört. Seit mehr als vierzehn Tagen sind die unglücklichen Bewohner dieser Gegend genötigt, sich mit Holunderbeeren zu ernähren » - So lautet die amtliche Darstellung. Ein Pestalozzi, wie in Stans, fehlte jener Gegend.

Wer dort wandert und an solche nur zu wahre Berichte denkt, für den werden die Getwinger Felsen zu blutenden Wundmalen, die daran mahnen, wie nahe Schönes und Schauerliches liegen können. Es ist im Leben notwendig, im Glück an Leid zu denken; so wird dann wohl anderseits mit Leid ein wenig Trost verbunden sein.

Oft hatten wir das Glück, die blutenden Felsen zu sehen. Dankbar gedenken wir des verstorbenen ausgezeichneten Kenners des Wallis, des einstigen Besitzers des Rilke-Schlosses Muzot, Dr. Werner Reinhart von Winterthur, der uns zuerst auf sie aufmerksam gemacht hatte. Mehrmals standen wir vor dem einsamen Denkmal im Pfynwald, das an jene Kämpfe von 1799 erinnert. Natürlich besucht man auch den nahen Felshügel von Raron und sucht den Sinn der seltsamen Grabschrift Rilkes zu erraten: « Rose, o reiner Widerspruch! Lust, niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern ». Viel Nüchterneres wäre von der kurzstämmigen Föhrenrasse mit grauer Rinde im Pfynwald zu berichten; sie ist auch ein rätselhafter Widerspruch, zu den hohen, roten Föhren auf den benachbarten Anhöhen. Meine Frau und ich holten einst mitten im Pfynwald abends ein bitter weinendes Büblein ein. Wir brachten heraus, dass es am frühen Morgen einem Nachbar mit Geissen auf den Viehmarkt in Sitten gefolgt war. Dort verlor es ihn im Gedränge, konnte ihn nicht mehr finden, hungerte und lief schliesslich heim... Das war aber sehr weit; schon war es viele Stunden gegangen und erkannte die Gegend von zuhause nicht mehr. Es stellte sich heraus, dass es zwischen Erschmatt und Getwing, ob den blutenden Felsen, wohnte. Wir konnten ihm in der Ferne das hohe Rathaus von Leuk-Stadt zeigen, wo es dann weiterfragen solle. Als wir ihm unsern Rest Brot und Schokolade und ein paar Batzen gaben, beruhigte sich das arme Kerlchen und lief weiter... Ob sich der Nachbar nach ihm erkundigt hat?

Bei uns ist der Sumach, den die Einheimischen dort Bresilienholz nennen, sehr selten. Aber südlich der Alpen ist er von Spanien bis zur Krim ziemlich verbreitet, im Südtirol gar so häufig, dass seinerzeit jährlich bis vierzigtausend Zentner Laub als Färbe- und Gerbmittel ausgeführt wurden. Möge der Getwinger Sumach nie solchen Zwecken dienen! Möge die an ihm vorbeiströmende Rhone zwischen Leuk und Siders nie zum öden Kanal umgewandelt werden! Auch das Sanddorn-Dickicht im Rottensand möchten wir nicht vermissen.

Was die Felsen von Getwing so einzigartig schön erscheinen lässt, freilich nur während kurzer Spätherbstwochen, ist das Überfluten des weissen Gesteins mit dem blutroten Laub. Rötliche Felsen gäbe es ja auch anderswo. Die Rote Fluh am Grossen Mythen ist weitbekannt, der Jura besitzt bei Solothurn seine Röthi, die Dolomiten sind ihrer gelbroten Färbungen wegen berühmt; bei bestimmter Beleuchtung glaubt man ja geradezu, in den mythischen Rosengarten König Laurins hineinzusehen. Es gibt bei uns Abende mit Alpenglühen, die an der Jungfrau im Berner Oberland das Schweizer Kreuz sichtbar werden lassen, im Kontrast roten Firns, dunkler Felsen und weisser Eiswand. Als Wunder gelten die farbigen Felsen im Colorado-Canon.

Früher gab es Aufführungen des « Rings », die einen von Feuer umloderten Felsen Brünnhildens zeigten, der an den Getwinger in Oktoberglut erinnern konnte. Dieser blutete noch nicht, als Wagner im Juli 1854 nach Sitten fuhr, wo er am eidgenössischen Musikfest eine Symphonie Beethovens hätte dirigieren sollen. Da er ein ihm ganz ungenügendes Orchester vorfand, verzichtete er auf die Leitung und reiste sofort ab; er sandte an das Festkomitee einen nicht mehr auffindbaren Entschuldigungsbrief; sogar der Walliser Staatsarchivar Donnet hat sich vergeblich um seine Entdeckung bemüht. Wagner musste plötzlich durch einen Dirigenten aus Bern ersetzt werden. Seltsamer Widerspruch, dass der Dramatiker Wagner die « heroische » Walliser Landschaft verliess, während der Lyriker Rilke in ihr begraben sein wollte.

Wer jetzt Zeit und Geld und Gesundheit besässe, könnte nur jener Felsen wegen ins Wallis fahren. Wer verzichten muss, dem helfe ein Rat Goethes, den wir als einen seiner weisesten erfahren haben: « Sehnsucht ins Ferne, Künftige zu beschwichtigen, übe dich heut'und hier im Tüchtigen! » Arbeite, statt dich zu sehnen! Dann wird unvermerkt Erfüllung auch heut'und hier möglich sein. Schönheit und Glück, sei es auch noch so klein, ist überall zu finden. Lernen wir uns bescheiden. Beobachten wir! Fallen jetzt Sonnenstrahlen durch eine Blutbuche oder durch die zarten Zweige des Purpurahorns, kann dies wundervoller wirken als sogar blühende Rosen. Einen Abglanz der Getwinger Felsen strahlt uns jetzt, wenn wir nur sehen wollen, mancher Garten entgegen. Ein purpurner Glanz blendete mich gestern, als die Sonne zu Golde ging, an einer Kirchhofmauer. Es war märchenhaft. Als ich hinging, erwies sich das Wunder als gewöhnliche Jungfernrebe. Ihre Blätter leuchteten wie Blut. Und dicht daneben fielen leise die herzförmigen Blätter der Linde, goldgelb, in schönster Wechselwirkung zu den dunkelgrünen, jetzt mit roten ScheinDeeren übersäten Taxus-bäumchen.

Doch die Blätter werden fallen. Bald naht die trübe Zeit der « Loubryse », wie man früher mancherorts das Fortreisen des Laubes hiess. Die Zahl der Blättchen einer einzigen mittelgrossen Birke, die nun bald Garten und Matten füllen werden, schätzen wir auf mindestens 180 000. Eine grosse Lärche, die ja als einziges Nadelholz bei uns auch alljährlich ihr Kleid wechselt, mag etwa 50 Millionen Nadeln besitzen. Ein Beobachter namens Grupe hat gezählt, dass von einem Bergahorn innert einer halben Stunde 16 518 Blätter zu Boden sanken. Wer zählt die Rosskastanien, die jetzt von den Bäumen plumpsen?

Für die jetzt allmählich sterbende Generation stimmt etwas so wehmütig wie der Blattfall: das Verstummen einst gewohnter Herbstgeräusche. Wohl hört man frühmorgens sogar noch in den Vororten unserer Städte Herdengeläute; aber verhallt ist das rhythmische Dreschen, dessen Takte einst in allen Dörfern ertönten, verklungen für immer ist längst das eigentümliche Klappern des Hanfschiagens. Nie werden wir diese Klänge aus ferner Jugendzeit, ohne die sich unsere Eltern keinen Spätherbst vorstellen konnten, nochmals hören. Nicht, dass die Zeit stiller geworden wäre, o nein! aber Dreschen, Dengeln, Klappern, Sägen, Spalten, Huf beschlagen - fast alles ist im Mo-torenrattern untergegangen; alle eigentümlichen Handwerks- und landwirtschaftlichen Geräusche sind von Maschinen der Grossbetriebe aufgesaugt und überlärmt. Rudolf Kassner, der in der Gegend der blutenden Felsen fruchtbare Jahre verbrachte und in Siders starb, meinte, der Motor sei zur Seele des modernen Menschen geworden. Nur wehmütige Volkslieder, von Jazz längst verhöhnt, kennen noch etwa ein Mühlrad in tiefem Grunde. Was braucht man noch Wanderlieder, da alles Auto fährt! Einst riefen die Hirtenbuben im Erzgebirge, wenn der Altweibersommer seine Schleier über die Höhen wob, einander von Hügel zu Hügel ihr uraltes « Horei !» zu. Was bedeutete das Wort? Nur verhallenden Spätherbstklang. Ihn fühlte auch Rilke: « Wenn ein Kind sacht singt beim Kartoffeljäten, klingt Dir sein Lied im späten Traum noch der Nacht. Magst Du auch sein weit über Land gefahren, fällt es Dir doch nach Jahren stets wieder ein. » Und mir ist es, als ob in den Wochen vor Allerseelen mir stets abgebrochene Töne eines Liedleins von Tieck nachhallten, die mir die Mutter in fernster Jugend vorgesungen hat: « Der Sommergast, die Schwalbe zieht, weit, weit, weit mit der Zeit... » Jenes Singen bei rauchenden Motthaufen hatte Rilke in längst entschwundener österreichischer Heimat erfahren. Wäre es ihm nach Jahren vielleicht nochmals eingefallen und von Ferne eiklun-gen, wenn er in ganz anderer Landschaft, alt und krank geworden, Winzerrufe hörte, und bei Raron die Felsen bluteten?

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