Caca-Aca oder Huayna Potosi.

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Drei Eisenbahnlinien führen von der Küste des Stillen Ozeans nach La Paz ( 3650 m ), der Hauptstadt Boliviens, hinauf.

Von welchem der Häfen der Reisende auch seinen Ausgangspunkt nehmen mag, er muss auf kürzerer oder längerer Strecke den Altiplabo, die Hochebene Boliviens, durchqueren, die sich dürr und kahl bald gänzlich als Wüste, bald mit dürftigster Steppenvegetation bei einer Erhebung von 3500-4100 Meter über 700 Kilometer Länge und 100-200 Kilometer Breite erstreckt.

Die wildeste und phantastischste Landschaft entrollt sich dabei vor den Augen des Reisenden. Aus den gelben Sanddünen, aus der grauen Pampa aufsteigende, mächtige Berginseln, nacktes, kahles Gestein nur, rauchende, über 6000 Meter hohe Vulkane mit weisser Schneehaube, weithin in der Sonne glitzernde, mit salzigweisser Kruste bedeckte Boraxseen, das Ganze so unheimlich öde und verlassen, so totenhaft starr, dass es nur einer Mondlandschaft vergleichbar ist. Von Lebewesen ist wenig zu sehen. Vielleicht hie und da das Schafkamel, das Lama, das in trippelndem Trupp, spuckend und grunzend einherkommt, hinterdrein der in graue Wolle gekleidete, bronzefarbige Indio, mit Schleuder und Schmähworten seine Lasttiere zusammenhaltend.

Bei der Annäherung an La Paz verändert sich das Bild allmählich. Die spärlichen Grasbüschel werden dichter, vereinigen sich, bis sie einen geschlossenen, grünen Teppich bilden, auf dem Rinder und Schafe, Lamas und Alpaccas weiden. Doch eine noch grössere Überraschung harrt des Reisenden, der vom modernen Speisewagen des Zuges aus die fremdartige Landschaft dieses « südamerikanischen Tibet » auf sich einwirken lässt. Durchfroren von den eisigkalten Nächten der Steppe und ausgedörrt von der seltsam trockenen Hitze des Tages, mit von der Höhenkrankheit schwindelndem Kopfe und wehem Magen wünscht er sich nur noch eins: nach zweitägiger Eisenbahnfahrt baldigst das Ziel seiner Reise zu erreichen: La Paz, den Frieden, j a, das Tal des Friedens mit seinen freundlichen Gärten und wilden Geranien- und Rosenhecken, die die Wege einsäumen.

Doch als der Zug Viacha verlässt, die vorletzte Station vor La Paz, und wieder auf die weite, einsame Pampa hinausrollt, weichen die verhüllenden Bergkulissen seitlich zurück, und — mächtig aus dem grauen Grunde aufsteigend, steht auf einmal die zweihundert Kilometer lange Kette der bolivianischen Hochkordillere da, ein einziger gezähnter Wall fels- und eisstarrender Zinnen, bis zu 6600 Meter Höhe, von deren ungeheuren Schnee- und Eisfeldern unter den Strahlen der senkrechten Tropensonne ein unerträglich Glitzern und Gleissen ausgeht.

Als äusserster Eckpfeiler rechts der riesige Gebirgsstock des Illimani, 6500 m, das Symbol, das Heiligtum von Bolivien, ein weissschimmerndes, vielgipfeliges Gebilde, in ungeheuren Wänden und Abstürzen an die fünftausend Meter von der Talsohle des La Paz-Flusses aufsteigend. Links von ihm in respektvoller Entfernung der Mururata mit seltsam flachem, plateau- artigem Gipfel, dem der Sage nach der Illimani bei einem Streit die Spitze abgeschlagen haben soll. Dann die scharfen Gipfel des Taghesi, die runden Kuppen des Chacaltaya und gerade voraus, zum Greifen nahe, eine auf breiter Basis ungemein kühn aufstrebende, matterhornähnliche Pyramide, silbrig schimmernd und glänzend, der stolze Caca-Aca, der formenschönste Berg Boliviens, dessen luftige Grate jeden Besteigungsversuch abzuweisen scheinen. Und weiterhin das Meer von Spitzen und Zacken, die, namenlos und unbekannt, sich bis zu dem in weiter Ferne stehenden Koloss, dem Illampu, dem linken Eckpfeiler der Kordillere, erstrecken.

Und da nimmt das Unerwartete des plötzlich hereinbrechenden Schauspiels dem Reisenden den letzten Rest des Atems weg, den ihm der allzu rasche Aufstieg in dies öde Kondornest gelassen. Eiligst fährt er von der Station Alto ( 4100 m ) die langen Schleifen der elektrischen Bahn hinab, um, schon wieder 500 Meter tiefer, in dem Bahnhof von La Paz anzulangen. Ein braunhäutiger Chauffeur bringt ihn in ein europäisch eingerichtetes Hotel, wo er zuerst einmal während einer längern Nachtruhe die allzu starken Eindrücke dieser fremdartigen, neuen Welt zu verdauen sucht, bevor er am nächsten Morgen das Wagnis unternimmt, die steilen, engen Gassen der innern Stadt mit ihrer buntfarbig wimmelnden Indianerbevölkerung zu erforschen.

Der Zufall — oder besser gesagt: das Geschick — hatte während der Kriegszeit in La Paz vier oder fünf deutsche Bergsteiger zusammengeführt, denen Adolf Schulze, einer der Erstersteiger des Uschba, der berufenste aller Führer sein sollte. Da waren Bergsteiger, und da war diese ungeheure, unerforschte Hochgebirgswelt. Von dem blossen Anstaunen der Bergriesen, dem Pläneschmieden, wie ihnen beizukommen wäre, wurde also sehr rasch zu Taten übergegangen. In kurzer Frist war denn auch in der nähern Umgebung von La Paz kein Fünftausender mehr, dessen Spitze nicht bald der eine, bald der andere von uns, dann wieder alle vereint einen Besuch abgestattet hätten.

Der Mururata, 6000 m, und der Taghesi, 5600 m, hatten sich mühelos Schulze geneigt; der « Abgeblitzte », 5400 m, und andere, denen wir erst einen Zufallsnamen geben mussten, waren von Bengel und mir erobert worden. Wie man hierzulande am Wochenende auf scharfbenagelten Sohlen zum Bahnhof rennt, so waren wir am Sonntagnachmittag auf unsern guten Gäulen schon weit draussen vor La Paz, den Schlafsack am Sattel aufgeschnallt, anstatt der Reitpeitsche den Eispickel in der Hand, um hoch droben in einem trockenen Bachbett oder sonst einer windgeschützten Ecke zu schlafen und am nächsten Morgen unsern Berg anzugehen. Zu viert hatten wir nach zwei Freilagern in Eis und Schnee — ohne schützende Decken — das letzte in 6300 Meter Höhe — den Illimani bezwungen, am 29. Mai 1915.

Ein Berg aber hatte all unser Werben noch immer spröde abgewiesen: der stolze Caca-Aca. Gleich nach dem grossen Erfolge am Illimani hatten sich unsere Blicke auf dies schimmernde Schönheitsgebilde gelenkt, und mancher Versuch, ihm den Fuss aufs Haupt zu setzen, wurde gemacht, doch alle vergebens. Bald war es die Ungunst der Witterung, bald die grossen Schwierigkeiten, die unserm Vordringen Halt geboten. Nicht mit Unrecht sagt Martin Conway, der bekannte englische Himalayaforscher: « Mount Caca-Aca presents quite unusual difficulties from all sides. » Conway, der mehrere Tage am Fusse des Caca-Aca im Bergwerk Milluni verweilte, ist denn auch abgezogen, ohne einen Versuch auf den Berg zu unternehmen.

Auch im April 1916 machte ich mit E. Bengel wieder einmal einen Vorstoss. Sämtliches Gepäck, Schlafsäcke, Decken und Vorräte hatten wir selbst tragen müssen, da die bestellten indianischen Träger ausgeblieben waren. Ein im Bergwerk geborgter Aushilfsmann machte, am Eise angekommen, wie üblich kehrt aus Angst vor den Teufeln, die « rasselnd die Stein- und Eislawinen die Hänge hinabschicken ». Nach einer auf dem blanken Eise trotz Decken in zitternder Kälte verbrachten Nacht brachen wir damals um 5 Uhr früh bei Mondschein von unserm Lager auf und durchquerten, von Ost nach West ansteigend, den grossen Eisbruch über dem Songopass, 4800 m, am Osthang des Berges. Überzeugt, dass wir bei dem schlechten Wetter und unserm geschwächten Zustande den Gipfel nicht erreichen würden, machten wir auf der Höhe von 5600 Meter kehrt und stiegen auf einer andern Route ab. Hierbei entdeckten wir einen viel leichtern Zugangsweg in die obern Teile des Berges und — unweit des höchsten erreichten Punktes — eine Höhle in einem Felsgrat, die später als Stützpunkt bedeutend zu unserm Erfolg beitragen sollte...

Eine der grössten Schwierigkeiten für die Besteigung des Caca-Aca bildet die dem Berg eigentümliche Unbeständigkeit der Witterung. Die firngepanzerten Flanken dieses bolivianischen Matterhorns erheben sich unmittelbar über dem tropischen Songotal, an dessen tiefsten Stellen schon Gummi gezapft wird. Sogar in der trockensten Zeit quillt daher alltäglich der zu Wolken verdichtete heisse Dunst der Tropen empor, um sich in Hagel- und Schneeschauern auf dem Berg abzusetzen.

Der Neumond im Mai 1919 hatte indessen ausserordentlich günstig begonnen. Strahlend blauer Himmel, alles windstill. Nur am Songopass kamen noch zuweilen in den Nachmittagsstunden grosse, weisse Haufenwolken langsam herübergesegelt und schmiegten sich gleich weichen Kissen an die Falten des Berges. Niederschläge schienen indessen nicht stattzufinden. Tag für Tag brannte die heisse Sonne nieder, aperte die Gletscher in den tiefen Lagen vom Schnee der Regenzeit aus, schmolz die weisse, trügerische Masse untertags in den höhern, um sie in den kalten, klaren Nächten wieder beinhart zusammengefrieren zu lassen.

Der Berg war reif für die Bestürmung.

Ein Bote rannte auf flinken Indianersandalen von Chacaltaya nach La Paz: « Kommen Sie! », und am 7. Mai war ich oben, freudig begrüsst von dem Gefährten für den Aufstieg, O. Lohse, der die Arbeiten des Zinnberg-werks am Chacaltaya leitet. Der Chacaltaya selbst liegt nur eine Stunde vom Fusse des Caca-Aca entfernt. Die Häuser des Bergwerks stehen auf 4500 Meter Höhe, seine Stollen gehen jedoch am Chacaltaya hinauf bis in die Nähe der Firne. Man sollte daher glauben, dass infolge seines dauernden Wohnsitzes in einer derartigen Höhe für Lohse die Besteigung eines Berges von nur 6200 Meter Höhe eine Kleinigkeit sein müsste, um so mehr, als er täglich bei seinem Inspektionsgang einige 20,000 Schritte bergauf, bergab zurücklegt.

Mit dem Soroche, der Bergkrankheit, hat es jedoch eine eigene Bewandtnis. Es kann sogar vorkommen, dass weisse Bolivianer, die auf der Hochebene geboren und atavistisch an das Leben in diesen Regionen gewöhnt sind, von der Bergkrankheit befallen werden, sobald sie sich nur wenige hundert Meter über ihren üblichen Wohnsitz erheben. Auch Lohse sollte trotz seines grossen Trainings merken, dass bei der Annäherung an die Sechstausendmetergrenze er sein übliches Arbeits-Schnellgängertempo nicht durchhalten konnte, trotzdem er ein Mann von nur 60 Kilogramm ist und nicht eine Unze Fett zu tragen hat.

Der nächste Tag verging für mich unter kleinen Ausflügen, um den Tausendmetersprung von La Paz herauf auszugleichen und Muskeln und Lungen geschmeidig zu machen. Am 9. Mai waren wir — begleitet von vier Leuten aus der Mine — um die Mittagsstunde am Songopass droben, unmittelbar am Fusse des Caca-Aca. Trotz der Montblanc-Höhe gibt es da noch spärlichen Graswuchs, unsere beiden Reittiere blieben also unter der Obhut eines der Peone zurück, während die drei andern ihre Packen schulterten und wir den Aufstieg zur Höhle begannen, die für heute unser Ziel bildete.

Den zum Songopass herabfliessenden Gletscherbruch liessen wir diesmal rechts liegen und folgten dem scharfen Grat einer Moräne, die in Richtung Westnordwest längs des hier ausgeaperten, grünlich schimmernden Gletschers hinzieht. Jeder der Träger hatte eine Last von fünfzig Pfund auf dem Rücken. Neben mir, der ich 1,75 Meter in meinen Schuhen stehe und meine 80 Kilogramm wiege, sahen sie dürftig und schwächlich aus. Und doch beneidete ich die braunen Burschen um den Gleichmut, mit dem sie trotz ihrer Last die scharfe Schneide entlang balancierten, und mochte nicht fünf Minuten mit ihnen tauschen, spürte ich meinen leichten Rucksack, der knapp 10-15 Pfund wog, doch schon bedenklich. Lohse hatte sich an die Spitze der Karawane gesetzt und wollte wieder sein Schnellgängertempo einschlagen. Aber bald fühlte auch er, dass wir schon über der Fünftausendmeterlinie waren. Er wurde langsamer.

Die scharfe Schneide der Moräne hörte auf, eine weite Schneepampa dehnte sich vor uns aus, da und dort mit kleinen Löchern und Spitzen, in der Bildung begriffenem Büsserschnee ( nieve penitente ) besät.

Ich gab Lohse, der zum erstenmal hier war, die Richtung. Ohne zu zögern, gingen die Träger hinter ihm aufs Eis. Ein erleichtertes Aufatmen hob meine Brust, der ich der Sicherheit halber die Karawane beschloss. Die Träger waren durch ihren Aufenthalt in dem hochgelegenen Bergwerk offensichtlich an Eis und Schnee gewöhnt; auch wurde ihre abergläubische Furcht infolge der Anwesenheit der beiden Weissen beruhigt, die ihnen freundlich zu-lächelten. Ein Scherzwort und weiter in ruhigem Schritt.

Der Weg, ständig am Fuss eines senkrechten Felsgrates hinauf, wurde steil und schwierig. Arg zerschrundet war der Gletscher. Wir hatten nur ein Zwanzigmeterseil bei uns, konnten uns also nicht zu fünf anseilen. Doch an den ausgesetzten Stellen spannten wir straff, wie am Geländer turnten die Burschen in unsern Stufen hinüber. Ganz prachtvolle Leute hatte Lohse da unter seinen Arbeitern ausgesucht. Eine böse, steinschlägige Rinne wurde durchquert, schon sahen wir oben einen Schutthang, der vom Felsgrat zum Gletscher hinabzieht — in der Mitte einen mächtigen Block, unten einen schmalen Riss, gerade hoch genug, uns schlangengleich durchzuwinden. Die Cueva, die schützende Höhle, war erreicht, ein grosser Schritt zum endgültigen Erfolg getan.

Ein kurzes Stück begleiteten wir die Träger auf dem Abstieg zum Standlager am Songopass, bis sie ausser Gefahr waren. Dann wurde ein leichtes Abendmahl gekocht und das Lager bereitet. Schwierig war die Arbeit, in der engen Höhle unterzukriechen und sich in seinen Decken zu verstauen. Lange lag ich da und horchte, wie das rasende Pochen des Herzens langsam ruhiger wurde. Neben mir die tiefen Atemzüge des Gefährten; er lag schon in traumlosem Schlummer. Doch mich wollte der Schlaf nicht finden, und ich schaute hinaus auf den bleichen Schneehang, auf dem die leichten Nachtnebel im spielerischen Wind am Berghang auf und nieder schwebten...

Aus tiefem, traumlosem Schlaf fahre ich hoch. Graues Morgenlicht erfüllt die Luft, der Gletscher ruckt, ein Krachen und Knacksen kommt aus den Spalten. Der Tag erwacht. Mühsam mich aus dem Schlafsack windend, halte ich ein Streichholz an den bereitgestellten Brenner und kuschele mich wieder in meinem warmen Lager zurecht.

« So gut habe ich noch nie draussen geschlafen. » Rasch wird es lichter im Osten. Helle Röte schiesst den Horizont entlang, steigert sich rasch zum tiefsten Purpur — ein Feuermeer scheint dort zu toben. Breite, eherne Strahlen zucken über den Rand, die rotglühende Kugel wölbt sich hervor, löst sich ab vom Saum und schiesst mit unglaublicher Schnelligkeit in den blassen Himmel hinauf. Phöbus peitscht die Pferde zu rasenderer Fahrt.

Der Cocatee war heiss, das Bergsteigergewissen erwachte, Decken und Hüllen flogen zur Seite. Die im Schlafsack vor dem Gefrieren geschützten Bergschuhe wurden angezogen. Ein hastiges Frühstück, und schon stampften wir am Seil den ersten Schneehang hinan, Richtung Westnordwest, über uns die hohe Felsmauer des Grates. Rasch wurde das Gelände schwierig: scharfe Türme und zackige Ecken, verschneite, tiefe Spalten, weitklaffende Schlünde. Pulverig rieselte das weisse Element am Steilhang vom verharschten Untergrund auf uns herab. Bald auf schmalem Bande vorsichtig balancierend, bald den Leib gestreckt zum wagenden Sprung, ging es hinauf — keuchend ob der allzu harten Früharbeit. Gar schwer für die erste Stunde des Anstiegs, in der wir langsam, gemächlich schreiten sollten, gerade als ob wir einen Früh-bummel beabsichtigten.

Doch bald war die erste Mühe vorbei. Wir standen auf einer weiten, beinahe ebenen Schneepampa, am Fusse des südlichen Vorgipfels, der Milluni-spitze. Der nach Milluni herabziehende Südgrat lockte uns einen Augenblick ob seiner Luftigkeit — schön wäre es, eine Überschreitung zu versuchen — doch der Abbruch in der Schneide dürfte jeden Versuch vereiteln.

Wir schlenderten auf den Ostgrat zu, der sich vom Vorgipfel zum Songotal hinabsenkt. An ihm wollten wir unser Heil versuchen. Doch als wir um die Ecke bogen, schwand uns jede Hoffnung auf den Gipfel. Rasend steile Abbrüche, übersät mit einsturzdrohenden Eisblöcken, der Harsch der Schnee- schilder schon so zermürbt unter dem Einfluss der heissen Frühsonne, dass es Wahnsinn gewesen wäre, uns zu zweit auf den Hang zu wagen. Entmutigt liessen wir uns im Schnee nieder, um unsere Coca zu kauen. Sollte Conway recht haben und der Berg unersteiglich sein?

Da, als wir uns schon zum Abzug rüsteten, fiel mein Blick auf eine Wand, die, nach Süden geöffnet, noch im Schatten lag und dem Aussehen des Schnees nach von besserer Beschaffenheit zu sein schien. Ansehen konnte man sich die Sache ja einmal! Über den Bergschrund kam ich überraschend gut hinweg, so hart war der Schnee. Und dann ging es gerade die Wand hinauf — mit hämmerndem Herzen und pochenden Pulsen. Stufe reihte sich an Stufe und Loch an Loch. Vorsichtig folgte Lohse nach, am Seil um den tief eingerammten Pickel gesichert.

Doch jetzt bäumte sich der Hang in so drohender Steile, dass ich mir Löcher im Hartschnee als Griffe für die Hände machen musste. Noch ein Klimmzug, und ich stand tief aufatmend wieder im hellen Sonnenlicht. Ungehindert schweifte der Blick die weite Schneehalde hinan zum breiten, ebenen Sattel zwischen den beiden Gipfeln. Der Zugang zur Scharte war frei.

Und jetzt begann die herzbrechende Arbeit des Schneestampfens. Lohse als der leichtere von uns beiden ging vor. Über zwei Stunden stapften wir im Zickzack, kreuzend und wendend, den von der Morgensonne aufgeweichten Hang hinan. Immer kürzer wurden die Schritte Lohses, immer länger die Halte, da er, über den Pickel gelehnt, keuchend um das Leben rang. Ich folgte mit leichtem Atem hinterdrein. Ein Stöhnen und Würgen kam aus der vertrockneten Kehle: ich musste vor, ihn abzulösen. Endlich waren wir am Bergschrund unterhalb der Scharte. Wieder der Pulverschnee auf dem harten Firn! Zweimal rutschte ich mit dem nachflutenden Schnee über den Schrund zurück. Doch da fasste mich der Zorn. Mit schief einsetzendem Schwung eine Kerbe in den obern Rand des Schrunds gehauen, das Knie eingesetzt und am Pickel hinaufgeschwungen: Jetzt geht 's!

Doch als wir auf der Scharte ankamen, den Blick zum Nordgrat hoben, der uns auf den Gipfel führen sollte, da entschwand uns zum zweiten Male die Hoffnung. Mit einem Kopfschütteln liessen wir uns im Schnee nieder, um das grossartige Panorama zu betrachten, das sich zu unsern Füssen entrollte. Auf der einen Seite die sich schon herbstlich grau verfärbenden Steppen, die wellenförmig in sanften Linien bis zu dem im Sonnenschein glitzernden Binnenmeer Boliviens, dem grossen Titicacasee, reichen; daneben die Andenkette mit ihren unzähligen Spitzen und Zacken und Graten, ansteigend bis zu dem in weiter Ferne stehenden Koloss, dem unvergleichlichen Illampu, dem König aller Berge.

Und dann kehrten die Blicke wieder zurück zum Grat, der in eleganten, aber messerscharfen Kurven, weiter oben von mächtigen Wächten gekrönt, zum Gipfel ansteigt, schweiften die steilen Wände links und rechts entlang, über den Bergschrund... zurück zum leichten Millunigipfel, der über Fels wohl in wenigen Minuten zu erreichen wäre... wieder hinab auf die Ebene, auf die lange Kette der in der Sonne gleissenden und schimmernden Berge... Und wie ich so schaute, ob da in der schwachen Seele, gestärkt vom Anblick der unerschöpflichen Allkraft der Natur, der Entschluss reifte?... Wortlos erhob ich mich, ging die paar Schritte hinüber und trat die ersten Stufen dicht neben der Gratschneide in den harten Firnschnee. Lohse folgte.Vor-sichtig, unendlich vorsichtig, um keine Schneebretter abzutreten, erhoben wir uns Stufe um Stufe, raupenförmig, stets der eine am Pickel gesichert. Immer der haarscharfen Schneide entlang krochen wir in schwindligem Weg über die Ausbeulungen und Kurven des Grates aufwärts. Doch dann kam ein ebenes Stück, so scharf und spitzig, dass an ein aufrechtes Begehen der Schneide nicht mehr zu denken war, die Wände links und rechts sind derart abschüssig, dass ein Ausweichen in sie unmöglich. Nur eins blieb übrig: ich ging in Reitsitz und fing an, hinüberzurutschen, die Steigeisen rechts und links in den Hang gekrallt. Hinter mir ein beschwörender Ausruf!... Doch als ich am Ende des Reitgrates ein Knie hinüberschwang und mich umschaute, sass Lohse ganz gemütlich auf der exponiertesten Stelle, hatte den Rucksack heruntergenommen und mich gerade geknipst.

Noch ein paar Schritte in gutem Schnee aufwärts, und unser Ziel war erreicht. Doch nein — wieder eine Enttäuschung, und wieder beugte uns der erste Eindruck von dem, was uns noch bevorstand, um den höchsten Punkt zu erreichen. Eine Senkung des Grates, dann noch einmal in drohender Steilheit zum wirklichen Gipfel aufbäumend, der, ein weisser Zacken nur, spitz in den blauen Himmel sticht, kaum vier bis fünf Meter höher als unser Standpunkt, doch unheimlich scharf, von vorne gesehen, links von mächtiger Wächte gesäumt, während der Hang zur rechten in seiner Abschüssigkeit nach wenigen Metern dem Blick entschwindet.

Einmal hier, konnten wir nicht mehr zurück. Die immer noch vorzügliche Beschaffenheit des Schnees gab Vertrauen. Etwas nach rechts von der Wächte ging ich hinüber. Noch fünfmal lief unser Zwanzigmeterseil ab, dann stand ich auf dem Gipfel. Es war 3 Uhr nachmittags.

Lohse blieb auf seinem Standort — zu zweit konnte uns die Wächte nicht tragen — machte ein Gipfelbild, ein paar Peilungen... unter uns brodelnde Nebel, die das Songotal heraufschickte, zackige Felsenspitzen...

Den Platz mit mir zu tauschen, lehnte Lohse ab, so dass wir uns mit äusserster Vorsicht an den Abstieg machten. Die rechte Gipfelfreude kam erst auf, als wir wieder in der Scharte standen. Hier schüttelten wir uns die Hände, beglückwünschten uns gegenseitig zu dem schönen Erfolg.

Die sanften Hänge rannten wir im Eiltempo hinab, die steile Wand stiegen wir, Gesicht gegen den Firn, wie auf einer Leiter hinunter, bummelten über die Schneepampa zurück, noch etwas Vorsicht in dem Spaltengewirr, und waren um 7 Uhr abends wieder bei der Höhle.

Dank ihr und dank der guten Nacht, die wir in ihr verbracht, hatte sich der Aufstieg unter so normalen Vorbedingungen vollzogen, als ob wir wohlaus-geruht von einer Schutzhütte in den Alpen aufgebrochen wären, anstatt wie bei andern Besteigungsversuchen durch ein oder zwei schlechte Nächte im Eis geschwächt auf halber Höhe umkehren zu müssen. Rudolf Dienst

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