Das Ende

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Die mittägliche Klarheit des Tages neigte sich gegen den Abend, als Gabriel aus der schweren Betäubung erwachte, die ihn seit gestern umschlossen gehalten hatte.

Durch seinen Absturz am Grate war er tödlich verletzt.

Gebrochen lag der Körper zwischen den Steinen. Aus einer Kopfwunde sickerte Blut. Ein Schneeüberrest trank gierig das rote Blut und färbte sich purpurn. Die Kälte der vergangenen Nacht hatte Eiszapfen an die Stime und an die steifen Haare des todwunden Menschen geklebt. Auch sie leuchteten rot wie Rubine. Schon besass der Körper die Starrheit und Unbeweglichkeit eines Felsblockes.

Hoch oben zog sich die Gwächte hin, einige Meter breit am Ort des Unglücks. Ein Couloir schnitt schroff in die Wand ein. Weiterhin nach allen Seiten neue, ähnlich überhängende Gwächten, Rinnen, Adern, Risse, Absätze, riesige freistehende Steinblöcke. Hie und da hing schwarzes Eis über den Abgrund. Leichter frischer Schneefall hielt die ganze Wand verzuckert.

In der Tiefe flimmerte der Abgrund.

Ganz unten, eingebettet im Granit der Wände, lebte ein Gletscher. Ein blaufarbiger, grosser Eisstrom, durchzogen von Spalten. Stille und viel Schatten lag in den Wänden.

Vor zwei Tagen hatte Gabriel das Dorf verlassen, um die Alp zu besichtigen; denn in einigen Tagen sollte das Vieh in diese hochgelegenen Ställe getrieben werden.

Der Endemaitag liess die Apfelbäume in den Feldern des Tales aufblühen und bestreute die Schwelle der Hütten mit weissen und rosenroten Blüten. Ein milder, tiefblauer Himmel hing über der Erde. Das neuerwachte Leben peinigte die Berge. Der Wildbach erhielt reichlich Nahrung und liess mächtige Frühlingswasser zu Tal schiessen.

Stolz und unwissend um seine rauhe Schönheit war Gabriel hinaufgezogen in die Berge. Er beschaute sich alle Dinge mit neuen Augen und behielt ihr Bild in seinem jungen Herzen. In ihm lag, ihm selber unbewusst, die Schwermut derer, die fortziehen, um nie mehr wiederzukehren. Seine Gedanken spielten um alles, was er in seinem kargen Dasein bisher Schönes und Liebes genossen hatte.

Der zweite Tag seiner Wanderschaft wurde dem Burschen verhängnisvoll. Beim Abklettern von der am Morgen erstiegenen Spitze kam der Unglückliche auf einem Schneehang ins Gleiten und stürzte über eine hohe Wand. Steine fielen mit ihm. Sie durchschnitten die Luft in singendem Tone.

Über senkrechte Felsen war Gabriel gefallen. Nun lag er da mit gebrochenen Beinen, mit schwer verletztem Kopfe. Das linke Bein war steif wie ein Eisenstab, das rechte krampfte in gequälter Krümmung.

Nach zwölf Stunden öffnete Gabriel die Augen. Es war tiefe Nacht. Der Unglückliche begriff nicht, wo er sich befand. Er machte eine Bewegung, um seinen Oberkörper zu erheben. Doch der Schmerz war so gross, dass er wieder ohnmächtig wurde.

Ein weisslicher Schleier trennte die Erde vom Himmel. Nebel trieben schon seit dem frühen Morgen an den Hängen hin. Eine feuchte Kälte hatte die Felsen mit Klareis überzogen. Die Steine funkelten. Ein leichter Wind, der vom höchsten Grate herunterstrich, rauschte voll mystischer Gewalt wie eine Orgel im Halbdunkel der Kirche. Die Flanken der Berge schwiegen. Die Stimmen der Gletscher konnten nicht durch den Nebel dringen. Von Zeit zu Zeit erfolgten Windstösse. Die Nebelschwaden bewegten sich, hielten sich an den Gesimsen und Felsvorsprüngen fest wie scheue Nachtvögel, die nicht wissen, wohin sie fliegen sollen. In der Tiefe der Löcher, die der Wind im Nebel öffnete, zeichnete sich ein bleicher Lichtkreis ab, ein schwacher, heller Fleck im unendlichen Grau: die Sonne. Aber sie schien erloschen.

Zu dieser Zeit kam Gabriel ein zweites Mal zum Bewusstsein. Wie durch ein seltsames Wunder verspürte er keine Schmerzen mehr. In voller Klarheit erinnerte er sich der Geschehnisse, und der Tod zögerte mit seinem Kommen.

Hoch droben in den Felsen auf schmalem Bande erfuhr der Unglückliche plötzlich die Angst aller Kreatur vor dem Ende. Die unversöhnliche Stunde der Gegenwart erhob sich vor ihm und zerquälte sein armes Herz.

Die Nebelschwaden wallten rastlos. Der Wind umkreiste den Berg. Traurig erklang sein unendliches Wanderlied. Die Furcht des Sterbenden erlöste sich langsam zum Frieden an seinem eintönigen Gesang.

Der Hunger quälte. Langsam krümmte Gabriel seinen Arm und senkte ihn in die Tasche. Er zog ein Stück Schwarzbrot heraus und führte es zum Munde. Die zusammengepressten Kiefer aber konnten sich nicht mehr lösen. Erschlafft fiel der Arm zurück auf die Steine.

Der Wunsch nach Schlaf übermannte den Sterbenden.

Unbeweglich, mit scharlachrotem Schnabel und monoton schwarzem Gefieder, beobachtete eine Bergdohle den verstümmelten Körper. Hie und da blinzelte der Vogel ungeduldig mit seinen weitaufgerissenen Augen. Ihm entging selbst das allerfeinste Vibrieren des wunden Menschen nicht.

Einige Stunden später erwachte Gabriel zu einem letzten Bewusstseins-augenblick. Bewegungslos lag er da. Kein Muskel zitterte. Nur die Brauen hoben sich. Augen blickten leuchtend nach fernerem Dasein. Alles Leben lag nur noch in ihnen. Unschuldig schauten die Augen wie die eines Kindes.

Mit dem weichenden Mittag lösten sich die Nebel. Nur noch wenige Fetzen irrten um rauhe Grate, über weisse Felder, über sehr tiefe Täler. Der Sieg war der Sonne geblieben. Sie glänzte freundlich am schimmernden Himmel, der blauer noch war als die Farben, die sich in den Breschen der Gletscher spiegeln nach dem Sturz der Eistürme.

Der Jubel des erwachenden Frühlings durchfloss Berge und Täler. Der trauernde Hymnus des Windes zitterte nicht mehr durch die Luft.

Gabriel erhob den Blick zum azurenen Himmel und begann nachzudenken. Ein Wunsch nach religiöser Stärkung tauchte in ihm auf. Seine Lippen stammelten unverständliche Worte, vielleicht verrichtete er ein liturgisches Gebet.

Angst vor dem Leben, Angst vor dem Tod quälte den Menschen. Der Kopf drehte sich ihm im unerträglichen Wirrwarr der Gedanken.

Die Bergdohle schlug wie aus Ungeduld kaum merkbar mit den Flügeln.

Erschöpft ruhte Gabriel. Ein unbestimmter Lärm schreckte ihn aus seinem Dämmerzustand auf. Bald bemerkte er den Grund. Der Vogel hatte sich mit einem Sprung genähert und pickte an dem Stück Schwarzbrot herum, das der Verunglückte krampfhaft zwischen den Fingern hielt. Das Brot war hart. Der Schnabel erbitterte sich zu einer Reihe von kurzen Hieben. Diesmal schien das Tier die Erregung des Sterbenden nicht zu bemerken.

Wenn Gabriel den Blick senkte, konnte er einen Teil seines Heimattales sehen. Dieses schöne Tal, das die kurze Geschichte seines Daseins barg. Die abendliche Sonne beleuchtete die Tiefe durch einen Bergeinschnitt. In vielen Gründen aber blaute schon die Dämmerung.

Die schrägauffallenden Strahlen milderten die Kontraste aller Dinge. Der Bergbach schien wie ein mattsilberner Faden dahinzuziehen. Wiesen und Wälder flossen ineinander über. Kaum zeichneten sich die gelben Getreidefelder noch ab.

Gabriel sog die Landschaft schmerzlich in sich auf: Hie und da ein bekannter Ort, ein Stück Wegs an einem Hang, ein Kirchturm. In der Ferne erriet er die weite Ebene, die den Horizont umschloss.

In diesen Augenblicken eines letzten Lichtflutens nahm die Erde heilige Gestalt an. Die Erinnerung des Sterbenden durchflog die vielen kleinen Kapitel seines unbedeutenden Daseins. An jedem gern gesehenen Orte haftete der Blick eine Weile. Der Unglückliche schluchzte.

Nun wich die Sonne auch von den letzten Alphütten, nur eine weisse Kapelle widerstand noch siegreich dem Ansturm der Schatten. Dieses Vorkommnis erschütterte Gabriel. Er erinnerte sich plötzlich an Bruchstücke aus dem Katechismus. Mechanisch erzählte er sie der Stille der Berge.

Eine tiefe Verklärung blendete den Sterbenden. Ein unendliches Liebes-bedürfnis überflutete sein Herz. Eine Liebe aber, die nichts Irdisches mehr an sich hatte, die sich dem All hingibt und seinem ewigen Gleichgewichte.

Der Abend brach herein.

An den Leibern der Berge wuchs das Dunkel. Die Schluchten waren schwarz. Das Tal schien tiefer geworden. Aus der Ferne konnte man das Rauschen des Wildbaches wieder vernehmen. Die Wasser, die von der Kälte mählich zum Erstarren gebracht wurden, murmelten leise. Keine Stimme. Kein menschlicher Laut. Eine ekstatische Heiterkeit ruhte über der Landschaft.

Auf dem Gipfelschnee der Berge flammte die Sonne noch einmal rötlich auf. Dann erloschen alle bunten Farben.

Nur eine rosige Wolke schwamm noch mit amethystener Vielfarbigkeit über eine hohe Spitze.

Der Älpler lächelte über so viel Vollkommenheit in der Natur. Er lächelte zum Ruhme alles Lebens. Sein Lächeln war herzzerreissend.

Die ersten Sterne entzündeten langsam ihre Fackeln am dunklen Firmament.

Im Naturgebet dieses Abends auf einem hohen Berge, wo der kühle Wind rastlos vorbeistrich, lag der Sterbende. Er hob die Augen zu den fernen Gestirnen. Er dachte nicht mehr. Er starb.

Der einsame Vogel hielt immer noch Wache. Plötzlich sah er den Tod und tauchte geängstigt in den Abgrund. Die Flügel an den Körper gepresst, liess er sich fallen wie ein Stein. Die finsteren Wände gaben den klagenden Schrei des Tieres wieder.

Mit einer letzten Willensanstrengung legte Gabriel den Arm auf die Brust. Hastig durchwühlten die Hände die Falten des Kleides und hielten an bei der Berührung der Haut. Die Finger umklammerten ein eisernes Kruzifix.

Festumschlossen hielt Gabriel das kleine Kreuz und lächelte zu den Sternen.

Die wollüstige Maiennacht umkoste den toten Menschen.

Charles Gos.

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