Das Signal der Bernina

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Tschiervahütte! Dir, Signal der Bernina, gilt mein erster Gruss heute, lange bevor ein Ahnen der Sonne über die Berge zittert und derweil ihr Berg-recken rundherum noch kalt und grau als scharfe Schattenrisse am mitternächtigen Himmel steht. Der Himmel ist mit einem leichten Flor überzogen. Doch das tut nichts zur Sache, die Sonne wird schon fertig werden mit ihm, sie hat es alle Tage gemacht im Engadin. Schon kurz nach dem Verlassen der Hütte haben die schlaftrunkenen Nachtmarschgedanken nicht Gelegenheit zu hemmen, denn gleich nimmt der Weg unsre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Mühselig brennt das Laternchen ein Loch in das Dunkel. Wir kommen auf den Gletscher, der zum Sattel zwischen Piz Morteratsch und Bianco hinauf streicht. Der Gletscher verliert sich mit einigen wilden Sprüngen in den Tschierva und schmiegt sich hier oben an die riesenhaften Wände der Bernina. Einen fast beängstigenden Eindruck macht dieser Gletscher, in dieser düstern, nächtlichen Beleuchtung. Man will ihm entfliehen. Und der Himmel macht ein so trübes Gesicht dazu. Ganz im geheimen denke ich an Rückkehr, eine unbestimmbare Ahnung drückt mir aufs Herz... Einige Sternlein blinken. Wir schreiten durch die Rätsel des Gletschers, müssen vor einer grausig steilen Eiswand Halt machen, ein tiefer Spalt verwehrt den Weiterweg. Phantastisch zittert das Laternenscheinchen zwischen den kühnen Eistürmen durch, aber kein grünblaues Farbenwunder versöhnt das Auge wie am Tage, die Helligkeit erlischt gar bald in einem schaurigen Grunde. Wir stecken mitten in einem Labyrinth drin von Wänden und Spalten, von Mauern und Zacken. Hinauf und hinunter, den Weg uns bahnend, oft mit klingendem Pickelschlag. Bald kriechen wir über ein dünnes Brücklein, bald klimmen wir steil hinan. Ein Sprung, und ein Spalt ist überwunden, dann geht 's wieder in einen stillen Keller. Bald können wir überhaupt nicht mehr voran und müssen weit zurück, fast an den Anfang. Ganz links finden wir Felsen, klettern diese hinan und kommen so auf die obere Stufe, wo nur noch wenige Spalten sind. Diese werden umgangen, und wie endlich die Spannung nachlässt, da gewahren wir, dass es heller Tag geworden ist. Zwei volle Stunden hat uns dieser Gletscherabbruch gekostet.

Nun rasten wir, schauen nach dem Wetter, beraten. Es hat vollständig aufgehellt. Wir schlendern über die spaltenlose Gletschermulde, bis wir zu dem Steilabsatz kommen, der uns in die Lücke hinaufführen soll. Manchmal geht es ganz leicht, dann kommt wieder blankes Eis, dann wird es wieder so steil, dass man mit ausgestreckten Armen das Eis berühren kann. Der Toni ist schon oben auf der Lücke, wir beiden andern knorzen noch mit Pickel und Steigeisen den Hang hinan. Nach fast anderthalb Stunden strecke auch ich den Schädel über die Gratkante. Und nun? Welch ein Szeneriewechsel! Gerade vor uns prall in der goldigroten Frühsonne hingelagert, von keinem Schatten durchzeichnet, Bellavista und Palü! Wie sechs Bergfeen im flat- 31 ternden, weissen Gewände mit güldenen Kronen schwebt es von ihren Gipfeln zur Sonne... Da lasst uns schauen und geniessen, bevor wir den felsigen Teil des Biancogrates in Angriff nehmen.

Das Wetter ist gut, das ganze Berninareich liegt unter einem reinen, blauen Himmel, nur drüben im Bergeil und weiterhin gegen die Urschweiz manöverieren einige Wolken. Ein unfassbares Bild: Unten in den Tälern Wolken, drüberhin Wolken, zwischendurch aber, links und rechts des Baldino, ein rosenroter Kranz von Bergen: die Berner und Walliser. Eine lange Zeit des Staunens und Träumens vergeht.

Wir sind 3449 Meter hoch. Jetzt aber ist es Zeit zum Einstieg des Bianco, es gibt Arbeit, Felsarbeit. Nun, das schreckt mich nicht, auf Fels habe ich immer ein sichereres Gefühl als auf Eis, denn man fühlt dabei den « Berg » in den Fingern, das nackte Körperliche des Berges. Der Einstieg ist unstreitig das schwerste der ganzen Felssache. Man muss sich an die furchtbare Steilheit erst gewöhnen, noch mehr aber an die abschüssigen Wände zu beiden Seiten — man muss hinunterschauen dürfen, sonst geht es nicht 1 Leicht ist das Nachher auch nicht: ein Kamin und ein Gratstück. Oberhalb müssen wir gleich auf eklige, glatte Steinplatten treten. Eine grosse Platte, die zwar nicht stark geneigt, dafür aber mit erweichtem, rutschigem Schnee bedeckt ist, stellt sich in den Weg. Als Hintengehender merke ich nur an dem schnecken-haften Vorrücken, dass etwas Besonderes kommt. Das Seil läuft mir so langsam aus den Fingern, und immer noch muss ich warten und stehen, in einer Untätigkeit, die die Nerven viel mehr angreift als die Anstrengung des Kletterns. Gerade unter mir, furchtbar tief unten, liegt der wildzerrissene Gletscher, so unmittelbar, dass ich meine, wenn ich losliesse, in einem Fluge ohne Anprall hinunterzufliegen. Zwischen den verspreizten Beinen droht er herauf... Endlich kann ich wieder weiter, das Seil strafft sich. Das Rutschen, Kriechen, Schleifen ist nicht gar erfreulich, doch verläuft alles glatt und sicher. Überall erwärmt die Sonne den Schnee, und überall tropft und klopft Wasser herunter. Es hilft nichts, wir müssen durch, und wenn es einem den Hals hinunterläuft oder in die Ärmel rieselt. Über Grattürme, Nischen und Schneebänder kommen wir an den Punkt des Biancogrates, wo sich Felsen und Schnee berühren. Das Gratstück, das wir hinter uns haben, mag in der Luftlinie etwa 500 Meter betragen, wir opferten dafür bereits vier Stunden. Das kann gut werden, wir stehen erst am Anfang unserer Arbeit, und jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr zum Umkehren, wir müssen vorwärts...

Unser Blick steigt scheu den vor uns in den Himmel stürmenden Biancograt hinan. Mir klopft das Herz, es rumort in meiner Brust: Bianco, Bianco! Das ist doch etwas ganz anderes als der Piz Roseg von vorgestern. Aber bei diesem herrlichen Sonnenwetter wird uns auch diese Fahrt gelingen. Von unserm Standpunkte haben wir einen herrlichen Blick in die Runde, auf Palü, Bellavista, Zupo, Morteratsch, unsern Roseg, der von hier aus seine furchtbar steile Ostflanke zeigt. Ich sehe es kaum, das ist « Vergangenheit », mein Blick klettert immer wieder den weissen Bianco hinauf zum — Signal der Bernina! Bianco — weiss... Ein schmaler Schneegrat, zu beiden Seiten diese enorme Steilheit und Tiefe! 1100 Meter lang soll er sein und 600 hoch. Wenn nur der Schnee gut ist! Wir rasten lange, zu lange vielleicht. Wir liegen auf sonnen-warmem Urgestein und schauen das Märchen des strengen Bergfürsten. Wie sein wallender, weisser Mantel aus gleissender Seide von seinen Schultern wallt!... Das Gipfelsignal verhüllen graue Nebel. Schaue gnädig hernieder, Bernina, auf deine dich schirmenden Eisbären, die dir schweigend zu Füssen ruhen. Nur dir zu gehorchen. Ihrer nicht achtend, stehst du so hoch und träumst in die Fernen. Wohin streben deine Gedanken, indes drei Menschlein als schwarze, kleine Punkte an deinem Prunkgewande zupfen? Nun da du dies siehst, sendest du deinen Nachbarn Nebelhauben, damit sie deinen Besuch nicht schauen mögen. Warum plötzlich dieser weisse Riesenschleier? Meinst du etwa, wir hätten zu viel Schönheit gesehen? Wie könnten sich auch Menschenaugen an deiner Grosse und deinem Lichte satt sehen! Wie, du erhörst uns?... Das Signal nimmt die Schleier von sich, steht hoch und einsam in schweigendem Weiss und träumt. Ruhig mag es so träumen, das Signal der Bernina, bis wir ihm demütig nahen...

Wir rüsten zum Angriff und betreten den weichen Schnee des gewaltigen Grates. Das unterste Stück wird mit zwei Seillängen erledigt. Dann wird er breit, wie eine Mulde. Rasch eilen wir darüber. Der Grat spitzt sich wieder zu, wird zu beiden Seiten steil. Die Kante ist meist so scharf, dass wir keinen Fuss draufstellen können und ausweichen müssen. Auf der Südseite ist der Schnee weich, zu weich vielleicht, um nicht Lawinen zu bilden. Wir wären gerne hier gegangen, denn mit dem Einsinken fühlen wir besseren Stand, aber es ist zu befürchten, dass alles ins Rutschen kommen könnte. Also wählen wir die Nordseite. Toni geht seine zwölf Meter vor, schlägt eine grosse Stufe ins Eis, wir warten. Toni sichert mein Nachkommen, dann folgt Otto. Wie oft wir es so getan, wir können es nicht sagen, immer und immer wieder, wie eine endlos arbeitende Maschine.

Doch auch dieses lange Stück hat sein Ende. Wir atmen erleichtert auf. Es gibt Platz genug zu einer kurzen Rast. Was ist denn das? Wir wollen hinaufsehen zum Signal und — sehen es nicht... Wir suchen den Gipfel des Bianco, zu dem ich vorhin hinaufgeblinzelt mit dem Gedanken: dich haben wir in einer Viertelstunde. Ich sehe ihn nicht. Ich schaue den Grat hinunter, den wir soeben im schönsten Sonnenlichte erklommen haben, und — sehe ihn nicht! Nur ein graues Nichts. Nebel! Nebel am Bianco! Ein Windstoss macht uns schauern. Noch ein letzter Blick hinunter ins Tal, zur Tschiervahütte — dann ist 's vorbei. Die Berggeister erwachen, das Signal verwehrt uns den Besuch. Wir sitzen im Schnee — lange. Doch wir können nicht warten, bis der Nebel sich verzieht — vorwärts! Der Grat wird leichter, und wir sehen ihn nicht. Plötzlich können wir nicht mehr weiter hinauf. Auf allen Seiten spüren wir eine Neigung abwärts, sehen können wir nichts. Nun, das wird wohl der Gipfel des Piz Bianco sein, der oberste Punkt des langen, langen Grates? Hei, wie packt uns die Freude oben zu sein, endlich, endlich, trotz Wind und Nebel! Was noch kommen mag, lässt mich kalt, haben wir doch den BiancoDie Scharte, der Aufstieg zum Signal: ha, das muss noch ein Spass sein. Ein lautes « Wo Berge sich erheben... » scholl in den Nebel. Die Freude des Sieges! Auf dem Piz gönnen wir uns nicht ein- mal eine Minute Zeit. Der Nebel ist in Bewegung gekommen, eiskalt saust er um unsere Ohren, dass wir es vorziehen, voran zu kommen. Wir müssen ja noch durch die Scharte, die wir ganz vergessen — vergessen, dass ihr Übles nachgeredet wird.

Hier aber hält ein Ring von Wächtern uns auf. Ein einziger « Weg » nur leitet zu dir empor, Signal der Bernina, aber was für einer! Du hast ihn uns verborgen, dass wir ihn nicht sehen, uns nicht der Schrecken in die Glieder fahre. Wild zerklüftet ist das Gestein, schwebend fast erhebt sich der Felsgrat mit Türmen und Scharten hoch über den Abgründen links und rechts. Wir sehen nicht hinunter. Werfen wir einen Stein, so hören wir sein Aufschlagen erst nach Minuten. Und nun erfrechen sich drei Menschlein, durch diese Pforte zu gehen. Ein rutschender Stein, eine augenblickliche Schwächeund weiss und kühl ist das Grab weit, weit unten. Wir müssen aber vorwärts, nur vorwärts ist all unser Streben. « Teufel, wirf mir doch keinen Schnee an den Schädel! » Ich fühle einen weichen Schlag an den Kopf, wie von einem Schneeball, sehe ein schwaches Aufleuchten. « Aha, du, das war der — Blitz! » Und schon wird mir, als ob ich mit ganz kurzem, heftigem Ruck an allen Haaren gerissen würde. Der Schopf steht buchstäblich zu Berge. Das kann lustig werden, mitten in den Westwolken zu stehen, ohne Schutz. Ein heftigerer Schlag, und drei Menschen wären nicht mehr! Wir werfen die Pickel unter einen grossen Felsen, ducken uns. Es ist nicht so schlimm, der Donner rollt in die Ferne. Nur wenn wir den Kopf über die Gratkante stecken, zuckt es in der Haut, wie von elektrischen Wellen. Mitunter zittern die Hände beim Halten der Felsen. Eigentümlich...

So schroff und abweisend die Felsen durch den Nebel drohen, so sind sie doch zu erklettern. Es wäre ein lustiges, luftiges Klettern gewesen, wie in unsern heimatlichen Kreuzbergen, wenn nur das verdammte Wetter anders gewesen, wenn wir nur gesehen hätten, wenn nur nicht immer die Blitz-wellen gekommen wären, wenn nur der Wind nicht so gepfiffen hätte, wenn wir nur nicht so an die Finger gefroren hätten. Fels um Fels wird genommen... Da aber geht es nicht mehr, wir zweifeln am Weiterkommen. Ein gewaltiger Turm trotzt, dahinter eine abschüssige Wand, die wir hier nur vermuten, nicht sehen können, dann ein Schneegrätchen, so steil, so scharf, unmittelbar nachher ein verschneites Felswändchen und wieder ein Schneegrätchen. Durchkommen unmöglich. Ein schaurig schönes Bergbild — ja, wenn es nicht unser « Weg » wäre. Was tun? Hier bleiben? Erfrieren? In den Abgrund stürzenZurück können wir nicht, durchkommen unmöglich. Wir alle zaudern. Das Wetter verschlimmert sich. Wir sitzen fest, an den Grat geklebt in 4000 Meter Höhe, allen Wettern preisgegeben! Wir schweigen, schauen, zweifeln! Die Nebel teilen sich einen Augenblick nur. Wir sehen in einen Abgrund — so tief, so tief! Sehen hinauf, eine Stange, vier Bretter dran — das Signal! Aber so weit oben, ist das Wirklichkeit? Und da hinauf müssen wir? Wir stehen wie gebannt vor diesem Bilde. Wir zweifeln. Es ist zu gross, zu gewaltig, zu furchtbar. Die Nebel wallen um uns her. Eiskörner jagen wild durch die Lüfte. Eine kalte Hölle um uns. Wir stehen fest. Der Nebel nimmt Form an, ich sehe eine Gestalt, ich starre hin wie träum- y verloren, sehe, wie es sich bildet: ein Arm, eine Hand — ein Körper steigt über den Grat, steht stolz und aufrecht beim Signal der Bernina. Unverwandt schaue ich hin... Es formt sich deutlich zu einem Menschen... Da, ich sehe es ganz deutlich, es pocht in meinem Herzen, es ist nicht die Furcht — es ist Freude! Die Freude am Leben in höchster Gefahr — duuu! Ich weiss es jetzt, der Sieg ist unser — durch dich!

Eine grosse Lebensfreude und starkes Siegergefühl durchströmt mein ganzes Wesen. « Sie » hat mir den Weg gezeigt zum Leben, zum Glück. Meter um Meter rutschen, klettern, balancieren wir vorwärts. Die eigentliche Scharte und der Gipfelblock, sie sollten nicht so leicht sein. Ein Zischen kommt näher, wird schärfer und schneidend — wir wissen, was es ist: Schneesturm. Wild schlägt es um unsere Ohren, es ist ein beissender Schwärm von Pfeilen — jetzt rächt sich das Signal der Bernina. Wir verzagen nicht, der ganze Körper, jeder Muskel, jeder Nerv steht unter dem Zwange des Lebenswillens, wir müssen durch! Wir machen keinen Halt mehr, immer nur vorwärts. Unlösbar ist die eine Hand mit dem Pickel verwachsen, während die andere den nassen Fels abtastet. Fest, krampfhaft drückt sich der Körper an den Fels, mit immer stärkerer Wucht wütet der Sturm. Wie kleine Geschosse hageln die Schneekörner daher. Nur rasende Streifen in grau und weiss sehe ich durch die vereiste Brille. Betäubendes Rauschen in den Lüften umfängt meine Sinne, heult und rauscht und lässt mich nicht frei. Und dennoch weiss ich es ganz genau, ein paar Minuten noch, dann haut es uns in die Tiefe, ich kann den Fels mit den erstarrten Fingern nicht mehr halten.

Aber der Gedanke an mein Liebstes zu Hause — weit, weit unten — glüht wie ein Funken in mir. Die Hoffnung wächst über die Abgründe hinweg, dann bricht sie zusammen ins leere Nichts, um gleich darauf wieder auf-zuspringen. Und wilder und wilder tobt es um uns. So kann ein Berggeist sich rächen. Wir klettern unverzagt weiter. Es ist immer das Fünklein, das mich treibt. Wir achten gar nicht mehr auf die Umgebung. Nur hinauf zum Signal der Bernina, nur das — alles andere ist in unserer Gedankenwelt ausgeschaltet. Die Scharte. Messerscharf. Toni balanciert halb sitzend, halb stehend hinüber. Wir zwei andern sichern. Gut. Er erfasst das Felswändchen, kommt glatt hinauf, hat 's überwunden. Dann folge ich. Es geht — in solcher Stunde wagt man eben alles, ohne zu denken. Nun kommt der Gipfelblock selbst. Ich hoffe auf Milde, dann bebe ich vor Wut, dass menschlicher Wille ohnmächtig mit dem rasenden Sturme zerflattert, dass menschliche Kraft wider die Natur nur lächerlich ist. Im Zorn, im Hoffen, in sinn-losem Ergeben fühle ich nur eins: Sturm!

Dann — da ich mich wundere, noch zu sein am furchtbaren Grate, naht ein Erwachen. Ich hebe den Kopf, den ich schon lange gebeugt, sehe einen Augenblick durch das Toben des Wetters, sehe die Gefährten, ich sehe sie als lebendes Eis, ganz weiss, ganz starr sind die Kleider. Ich greife meine Jacke, sie ist wie ein Brett so hart. Zu lebendem Eis bin ich selbst geworden. Kein Sack, keine Falte, die nicht ausgefüllt gewesen wäre von Eis. Gleichviel, jetzt heisst es klettern, nicht sinnen. In die über und über mit Schnee bedeckten Felsen beissen sich knirschend die Steigeisen, halten den schwanken- den, vom Pickel gestützten Körper. Und was wir nur im Zweifel geglaubt, vor uns, zehn Meter vor uns steht still und ernst — das Signal der Bernina! Auf schmalem Grate hasten wir hinüber, sehen einen Steinmann und atmen auf... Mit beiden Händen, mit beiden Armen umfassen wir es, drücken es fest an uns... Es ist nur Holz — aber es ist das Signal der Bernina! Da tauchen drei Augenpaare tief ineinander, Hände umfassen sich. Den Sturm spüren wir nicht mehr, nur ein Gefühl, wie ich es kaum noch gekannt, erschüttert den Körper. Dennoch beim Signal! Duu Signal der Bernina. Es ist 6 Uhr abends, nach 17 Stunden Aufstieg.

Unseres Bleibens ist kaum fünf Minuten. Bellend fällt der Sturm uns wieder an. Atembeklemmend presst er sich in uns hinein, will uns vom Gipfel fegen ins Unendliche, wir sehen nicht wohin. Breitbeinig, die Pickel verstemmt, kämpfen wir gegen den bösen Gesellen an. Jeder Schritt ist eine Tat für sich. Wir sehen nicht, wo hinunter wir gehen. Wir fühlen nur, dass wir auf einem Felsgrate sind, der sich langsam in die Tiefe neigt. Ein anderer Grat geht ein bisschen mehr rechts hinunter, dazwischen stürzen Schneehänge in die Tiefe. Wir können nicht fehlen, das muss der Südgrat sein, und drunten an seinem Ende steht die italienische Marco e Rosa-Hütte. Eine Stunde nur im Abstieg, leicht zu finden: heisst es. Ja, ja, wenn der Nebel nicht wäre. Doch die Hoffnung im Herzen führt abwärts. Wir denken nicht, was die nächste Minute uns bringen werde, wir leben nur dem Augenblick. Nur fort, fort aus dieser Hölle, abwärts. Der Gefahr nicht achtend, stürmen wir den Grat hinunter, stolpern, bleiben am Seil hängen, fluchen einander an. Das Seil wird uns zum Ekel, es ist hart wie dicker Draht, ist ganz geringelt und bleibt an jedem Stein hängen, windet sich um die Füsse, zerrt. Die Kleider sind hart gefroren, wie von Eisen. Doch dies alles stört uns nicht mehr: Nur hinunter, hinunter vom Berg! Die Pickel bewahren uns vor dem Umkippen. Wir entdecken leichte Fussstapfen im Schnee, verlieren sie wieder, stossen wieder auf sie. Wie wohl solche Fussstapfen tun! Wissen wir doch, dass hier Menschen gewesen sind, dass Menschenspuren uns wieder zu Menschen führen werden. Wenn nur der Schnee nicht wieder alles zudeckt! Der Kamerad ruft etwas, brüllt mir in die Ohren. Der Wind reisst die Worte ungeformt vom Munde und schleudert sie unkenntlich fort. Verspreizt, verbissen im tobenden Sturm, nach Luft schnappend, die Augen fast geschlossen wegen den Eiskörnern, so tappen wir weiter...

Der Grat verflacht sich, wird zur Ebene. Wir wissen nicht, geht 's aufwärts oder abwärts. Wir tappen planlos. Wir spüren ein kleines Loch unter den Füssen, dann wieder und wieder eines, wir sind immer noch auf der Spur. Diese ja nicht verlieren, ist nun unser ganzes Streben, es könnte sonst unser Ende bedeuten. « Im Schneesturm umgekommen », würde dann in der Zeitung stehen. Die Marco e Rosa-Hütte ist nirgends zu sehen. Doch was stört uns das, wir haben ja eine Spur! Sie wird uns zum Perlenkranz. Ich fühle, wie die Spur einen grossen Bogen nach links macht. Links: Osten. Im Osten ist der Morteratschgletscher, also führt die Spur nach Boval. Es geht steil hinunter. Wir rutschen. Ein Gletscherspalt sperrt das schwarze Maul auf. Dort wieder ein Spalt, hier eine Eiswand, dort ein Abgrund. Es stürmt immer noch, doch mit erlahmender Kraft. Wir müssen wahrscheinlich schon weit unten sein, dass der Wind nicht mehr über die Gräte kann. Es wird leise. Still fallen die Flocken im Nebel. Wenn der Schnee uns nur die schwache Spur nicht zudeckt, wenn nur die Nacht uns nicht überfällt! Im Eilschritt immer vorwärts. Stundenlang, ohne Rast und Ruh... Lässig ziehen wir das Seil nach, uns beherrscht nur ein Gedanke: Boval. Immer weicher wird der Schnee, wir sinken ein...

Da sehen wir auf einmal einen Felsen, dann weit unten einen Gletscher, einige Schritte noch, und der Nebel lässt uns frei. Frei! Der Sturm, der Nebel, der Schnee, alles ist vorbei. Wir sind der Hölle entronnen. Die Bernina will Frieden mit uns schliessen. Das Tal geht auf, der Blick weitet sich. Dort hinten der Languard, ein schwarzer Schatten, hier unten der Morteratschgletscher. Mit welch seligem Gefühl wir weitergehen, ist nicht zu sagen. Wir rutschen die letzten Eishänge hinunter, und wie wir den Gletscher betreten, ist es ganz dunkel geworden. Da kommt eine grosse Müdigkeit über uns, wir hätten uns am liebsten gleich hingelegt. Die Nerven sind den ganzen Tag so stark gespannt gewesen. Wir stolpern halb im Schlaf über den Gletscher, ruhen einen Augenblick, können aber fast nicht mehr weiter. Ich schlafe stehend, auf den Pickel gestützt. Weiter, weiter! Wir werden nur so hin- und hergeworfen auf dem Eis und dem Geröll. Die Hütte ist nicht mehr weit...

Die Hütte zu Boval! Wir legen uns hin, wie wir gekommen, kaum dass wir Rucksack und Steigeisen abnehmen. Ich höre im Halbschlaf nur noch, wie die Nachtwinde eine Zeitlang an den Holzwänden entlang summen, eine Märe von Sehnsucht und Erlösung...

Sinnend lege ich diese Blätter der Erinnerung zu den andern, als ob sie zerbrechliches Glas wären. Es hätte wahrlich zerbrechen können, mein, unser Glück. Der Glaube an das Leben brachte uns durch, und doch ist es uns klar, dass all unser Können wenig, ja nichts ist — ohne Glück. Immer stand es bei uns — das Glück. Du siehst es nicht, das Glück, fühlst es nicht. Oft wechselt es die Gestalt, so dass wir es nicht erkennen, aber lange dauert es nie, bis wir entdecken, dass es mitten unter uns ist. Das Signal der Bernina hat es mir verraten, wo ich es suchen soll. Und dort suche ich es jetzt immer auf. Du fragst: wo? Soll ich 's verraten? Verraten darf ich 's nicht, sonst vertreibe ich das Glück und finde es nimmer wieder. Aber sei ganz still, vielleicht hörst du das Singen in meiner Brust.Max Anderes.

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