Das Urnerland und ich

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Ernst Zahn.

Im Dezember 1880 reiste ich mit meinem Vater, der zum Bahnhof-restaurateur in Göschenen gewählt worden, zum erstenmal von Zürich nach Uri. Das war damals noch eine umständliche Sache. Was man jetzt in wenig mehr als zwei Stunden Bahnfahrt bewältigt, das verlangte damals eine Reise von 7 Stunden, mit der Bahn nach Luzern, dem Dampfer auf dem See nach Flüelen und der Post an den Fuss des Gotthard hinauf. Ich war ein Knabe von 13 Jahren, stadtverwöhnt, im Bann einer strengen, aber unendlich Schutzhaften, herrlichen Mutter, und mit einem Übel behaftet, das ich mein Leben lang nicht losgeworden, der Seekrankheit, die mich zu Wasser und zu Lande und in jedem Vehikel befiel. Hätte ich damals schon über meine Nase hinaus gedacht, so würde ich mir vielleicht eingebildet haben, die neue Heimat Uri verwehre dem Burschen, der ihr da aufgedrängt werde, mit aller Gewalt den Eintritt; denn auf dem Urnersee befiel uns ein Föhnsturm von solcher Gewalt, dass unser Dampfer in Flüelen lange nicht landen konnte und erst im Föhn- und Nothafen schliesslich anzulegen vermochte. Der Föhn, den sie da oben den ältesten Urner nennen, zeigte mir also gleich zu Anfang, dass er ein König sei. Seinen Absolutismus habe ich nachher meine 37 Urner Jahre hindurch genugsam kennen gelernt.

An jenem ersten Tage war mir im Sturm auf dem See schon recht « stürm » zumute geworden. Es kam aber noch viel schlimmer. In Flüelen erwartete uns der gelbe Postschlitten. Mein Vater und ich und mit uns zwei weitere Reisende bekamen Plätze im sogenannten Interieur, dem mittleren Abteil der dreigeteilten Kutsche auf Kufen. Der schon duselige Knabe stieg arglos hinein und versuchte durch eine der flockentrüben Fensterscheiben etwas von dem Lande zu erspähen, in das hinauf die Reise gehen sollte. Aber Himmel und Berge waren mit dichten, grauen Nebeltüchern verhangen. Vor ihnen tanzten die weissen Flockenvögel, und zuweilen sauste der Wind in sie hinein und trieb sie vor sich her, dass sie zu einer hilflosen Wolke weissen Staubes wurden.

Kurz darauf begann die Fahrt. In der dämmerigen Wagenkammer war die Luft unendlich knapp. Nur wie von fern hörte ich, wie der Vater sich mit den Mitreisenden unterhielt und einer von diesen sich als Metzgermeister mit echt urnerischem Namen, der in Göschenen wohnhaft sei, zu erkennen gab. Dann lag ich bald hilflos und sterbenskrank in meiner Wagenecke. Wer Seekrankheit nicht kennt, macht sich keinen Begriff von dem Elend einer solchen Fahrt. Sie schien mir ewig zu dauern. Das Heulen des Schneesturms drang ans Ohr des halb Bewusstlosen. Zuweilen tönte aus jenem gleich einem hilflosen Kinderstimmchen und darin fast ertrinkend das Klingen der Halfterglocken eines der vier Postpferde hervor. Ruckweise, dem Kranken zur doppelten Qual, rutschten die Schlittenkufen bergan. Es gab einen dumpfen, knirschenden Laut. Wie ich nach Göschenen hinauf kam, weiss ich heute noch nicht zu sagen. In der Erinnerung geblieben ist mir noch das spöttische, unbeholfen mitleidige Staunen des Metzgermeisters. Mehr als ein Dutzend Jahre nachher, als der Knabe von damals inzwischen Gemeindepräsident des Ortes geworden, hatte der gute Mann sichtlich Mühe, sich des Eindrucks von Untüchtigkeit zu erwehren, den ihm einst der junge Mitreisende erweckt. Aus Übelkeit und Reisenot erwachte ich am andern Morgen in einem schönen weichen Bett des Hotels Göschenen, in dem der Vater und ich Quartier genommen, bis unser Möbeltransport sich durch Winter und Schnee uns nachgearbeitet hatte. Das Zimmer war ungeheizt, der Vater schon wieder unterwegs, den steckengebliebenen Möbeln entgegengefahren. Mein Blick fiel auf einen Vogelkäfig, der auf einem nahen Tische stand und in dem unser Kanarienvogel verstaut und mit aufgeplustertem Gefieder offenbar frierend auf seiner Stange sass. Er hatte mit uns die Reise gemacht und schien sich in dem grossen kalten Raum wenig wohl zu fühlen. Ihm glich ich bald nachher und an diesem Tage, als ich mich erhoben, und viele Stunden damit zubrachte, am Fenster zu sitzen, auf die tiefverschneite Strasse und an die kahle Fensterfront des benachbarten Gotthardbahndienstgebäudes hinüber-zustarren. Kälte und Heimweh schüttelten mich. Zuweilen schimmerten durch währenden Schneefall und grauen Nebel die Umrisse eines Berges herüber. Ich weiss nicht mehr, wann ich seinen Gipfel, wann ich das kleine Stücklein Himmel, das über meinem Wohnkamin Göschenen strahlen darf, zum erstenmal erblickt, weiss nur, dass selbst als die ganze Pracht des winter-weissen Gebirgs sich mir enthüllte, mir der Eindruck blieb, ich sei in einem Kerker eingeschlossen. Erst allmählich und lang nachher ging mir das Geheimnis seiner Schönheit auf.

Es begann vielleicht damit, dass die Eltern und ich in einer Abendfeier-stunde auf dem poesielosen Pflastersteinplatz hinter dem Bahnhofgebäude auf harten, aus dem Wartsaal III. Klasse herausgestellten Stühlen im Freien sassen und müssig auf das kleine Blickfeld staunten, das unsern Augen gewährt war. Es umschloss in unmittelbarer Nähe ein einziges Nachbarhaus, ein gelbverschmdeltes Chalet, in dem sich ein Verkaufsladen für Reiseandenken befand, eine Strasse, die dieses Häuschen in einem weiten Bogen umstieg, die tagsüber den ganzen Verkehr getragen, jetzt aber verlassen und still lag, und im übrigen Felswerk und mit schwarzdunklem Wald bewachsene Berghalden. Die weiteren Häuser, die in deren Schatten standen, entbehrten der Bedeutung und des Eigenlebens. Ängstlich fast, wie ein gefangener, nach Freiheit flatternder Vogel, flüchtete der Blick dem Himmel zu. Ein düsterer Felsenkerl, der Salbitschyn, stand im Westen an diesen Himmel gebaut und Hess das Stück Horizont hinter ihm in einer scharfen blauen Tiefe leuchten. Das Fesselnde und Herzbewegende aber an diesem blauen Himmelsfetzen war das Spiel der Wolken. Langsam und majestätisch kamen sie hinter dem Felsenturm hervor gezogen und schwammen dem nächsten Bergrücken zu, um dort zu verschwinden. Sie veränderten auf ihrer Wanderung fortgesetzt, wenn auch in kaum erkennbarem Zeitmass, ihre Gestalt. Uns drei Zuschauern gewährte es ein seltsames Vergnügen, sie zu deuten, Menschen- und Tiergestalten in ihnen zu erkennen, Spuk und Wirklichkeit in ihnen zu finden.

An manchem Abend trieben wir dieses harmlose Spiel, eine der wenigen Ablenkungen von Arbeit und Tagesfron, die die Einsamkeit uns gönnte. Für mich bildete es wohl eine Art Lehre zur Naturbetrachtung überhaupt. Die Gabe des Schauens bildete sich aus ihm heraus.

Vom Spiel der Wolken zu dem der Winde, von dem der Winde zu dem der Sonne sind keine weiten Wege. Unendlich aber ist ihre Vielgestalt und ihre Vielfarbigkeit. Die Jahres- und die Tageszeiten befruchten und bereichern sie. Gleich märchenhaft das Goldstreuen der Sonne auf Gipfeln und Gletschern, ihr Verglühen und Verlöschen, das Spinnen der Nebel im Gefels und das Erwachen, das Glitzern und das dem Verfliegen eines Wattebäusch-chens ähnliche Ersterben der Sterne. Der grosse und geheimnisvolle Wanderer der Berge ist der Mond. Er geht in einem Schleppgewande von unkündbarer Spinnwebduftigkeit. Ein Windhauch weht es ihm voraus, dass es durch Lücken und auf Lehnen rieselt, wie Schleier an Steinzacken hängt und Steine blitzen macht wie neuen Schnee. Wenn dann der weisse Pilger selbst am sammetdunkeln Himmel auftaucht, liegen die seidenen Gespinste seines Kleides wie von ihm abgefallen in allen Falten der Erde, über den Matten und auf den Wäldern des Tals.

So sah oder träumte ich das alles. Und ich sah die Gewitter, in denen die Berge zittern und die Wälder kreischen, sah die weissen, sausenden Lawinen und die träge, braune, gewalttätige Rufe. Davon staunte die Seele. Dann allmählich begann sie sich auch dem Wesen der Menschen und der Tiere zu erschliessen und mit der neuen Heimat in ihrer Gesamtheit vertraut zu werden.

Vielleicht waren die Tiere es zuerst.

Dem Kanarienvogel, der mit mir im kalten Hotelzimmer gefroren, hatte noch die Kultur der Stadt angehaftet, aber Bari, dem Hund, den der Vater aus der Zucht auf dem Gotthardhospiz erstand, war schon ein Stück Hochgebirge. Tappig und unliebenswürdig ging er neben mir. Sein Bellen war dumpf und grollend, aber der Knabe und Jüngling, welcher der Kameraden entbehrte, liebte es, beim Gehen die Finger im Wollhaar des Hundes festzukrallen und dem warmen Schein der braunen Tieraugen zu begegnen.

Dann war da später Bella, das Pferd. Eine schöne, dunkelbraune Stute mit weiten Gängen und stolzem Hals. Wenn sie im klingenden Winter-geschirr vor dem Rennschlitten ging, verglichen die Bergler das Gefährt des Wirtssohnes mit dem eines Königs, der eines tragischen Endes gestorben, aber im Gedächtnis seines Volkes wie eine Märchengestalt fortlebte. Das Sensationelle aber verlor sich bald wieder im Alltäglichen. Der Märchenprinz wurde eines Tages ein simpler Gemeinderat, an dem es mehr zu kritisieren als zu bestaunen gab.

Auf Fahrten und Wanderungen ging mir indessen die Welt der Bergtiere weiter auf, die der zahmen, der Kühe, Ziegen und Schafe, die ich auf Weiden traf, und die der wilden, zu denen einsame Streife mich führte. Jetzt,, v;'f-> da ich längst ins Tal zurückgekehrt bin, trage ich im Ohr noch den Klang der Herdenglocken, den dumpfen trockenen Laut der Treicheln und das helle kinderstimmenhafte Bimmeln der kleinen Ziegenschellen. Man hörte sie auch bei uns im Tal, auf den weiten Wiesen der Ebene, aber wie ganz anders tönen sie in der Einsamkeit des Gebirgs, wo kein anderes Geräusch sich mit ihnen mischt als das Windrauschen oder das Wasserzischen, das sie für Augenblicke verschlingt! Sie sind die Musik der Stille, wie das Zwitschern eines Singvogels, das plötzlich irgendwo wie ein Jauchzen der Natur aus einem ungeheueren Schweigen bricht, oder wie der durchdringende Pfiff des Adlers, dem etwas Gebieterisches, alle niedere Kreatur Warnendes anhaftet, wenn er jäh und weither aus blauen Lüften stösst.

Den Adler sah ich kreisen und lernte an seinem lautlosen Flug die Weite des Alls ermessen, dieses grenzenlosen Raums, in den die Berge die schneeigen Stirnen tauchen. Aber auch das erdengebundene Getier erreichte mein Blick, etwa die Gemse, die in kleinem Rudel hoch oben am Grasgrat weidet, und die Füchsin, die mit ihren Jungen vor ihrem Bau an steiniger Halde in der Sonne spielt.

Wunder über Wunder, dieses heimliche Leben im scheinbar atemlosen Tag!

Wann aber bekam ich den Menschen, den Urner, zuerst zu Gesicht? Mein erstes Exemplar, der Postmitinsasse und Metzgermeister, war noch nicht der Typus. Der Knabe spitzte erst die Ohren, als man ihm den einen und andern der Dörfler da oben mit dem Hinweis nannte, ein Strahler sei der und jener ein Jäger, der habe lange Jahre die Post über den Gotthard kutschiert, und der sei ein Ratsherr und könne an der Landsgemeinde reden, dass es eine Art habe. Er lernte merkwürdige Gestalten kennen, nicht ohne weiteres schön oder eindrücklich, zur Bewunderung zwingend oder zur Ablehnung reizend. Das Erstmerkmal der Männer war vielleicht ihre Knorrig-keit. Sie waren hager und zäh, hatten in Haut und Knochen etwas vom Holz und der grauen Rinde der Tannen. Kurz und gedrungen war der eine, der andere lang und dürr. Fettwänste gab es nicht, wohl aber einzelne aus der Menge herausragend, breitschultrig mit dichtem Bartwuchs um die braunen Gesichter, von jener Mächtigkeit, wie man sich in seinem romantischen Buben-sinn etwa den Teil oder den Spiesse umklammernden Winkelried vorgestellt. Einer, ein ehemaliger Postillon, von dem es ein lange Zeit volkstümliches Lied gab, war gar ein zweistöckiger Mann mit einer hässlichen Gurkennase im roten Gesicht, aber so vollem weissen Ringelhaar, dass man ihm das Prädikat eines hochansehnlichen Mannes nicht absprechen konnte. Auf schweren, groben Schuhen gingen alle, selbst der zierlichere Ratsherr mit dem Semmelgesicht, der im bürgerlichen Beruf seines Zeichens ein Bäcker war. Ihr Schritt hatte etwas Tappiges, Gewichtiges. Ihre tannenen Stubenböden knarrten davon, und die Schneestrasse schrie, wo sie sie traten.

Merkwürdig zart waren manche Frauen, besonders die jungen. Viele hatten dunkles Haar und gleiche Augen und zeugten für die welsche Blut-mischung, die auf das ferne Mittelalter zurückgeht, da Livinen noch urnerisches Untertanenland gewesen.

Sah ich sie alle zunächst in den Umrissen ihrer äussern Gestalt, so lernte ich sie bald auch näher und in ihrem Wesen kennen. Als ganz junger Mensch schon sass ich mit den Männern am Amtstisch zusammen, staunte, wie manchem eine natürliche Rednergabe, manch anderem eine seltsame, auf Selbstzucht gründende Überlegenheit geschenkt, allen Schlauheit und ein starkes Misstrauen gegen alles Fremde eigen war.

Ich greife aufs Geratewohl noch ein paar Typen heraus: Da war einer, ein Bergbauer und Führer hoch oben im Alpdorf, einer von 70 Bewohnern, ein langer stämmiger Mann. Er hatte einen rötlichen Bart, lustige und ein wenig weinselige Äuglein, eine Stube voll Kinder, von denen drei blind waren, und eine Handharmonika. Auf dieser spielte er uns einmal auf einer Bergwiese zum Tanz auf, als aus Tal und Stadt ein Häuflein Freunde beiderlei Geschlechtes zu Besuch eingetroffen. Ich höre noch den Laut seiner hohen, dünnen, im Gegensatz zum starken Körper stehenden Stimme, wie sie das Orgeln seines Instrumentes mit Jauchzen und Jodeln begleitete. Ein Jahr später war derselbe lose Geselle ein Held. Er holte zwei Menschen aus einer Gletscherspalte, in die sie gestürzt, heraus und büsste dabei selbst das Leben ein. Ich habe nachher für seine Familie unter meinen Lesern gesammelt, und es gehört zu den schönsten Belohnungen meines Schaffens, dass jene mich in seltener Spendefreudigkeit instand setzten, den in Not Zurückgebliebenen eine sorglose Zukunft zu sichern.

Mit dauernder Dankbarkeit gedenken meine Frau und ich der Veronika Imhof, der Hebamme von Göschenen. Sie war das Urbild einer Urnerin, von gedrungenem, aber starkem Körperbau, mit einem blassen, ruhigen Gesicht und schöner, glatter Stirn unter dünnem, schlichtem Haar. Die Frau besass nicht nur die zu ihrem schweren Beruf nötigen medizinischer Ausbildung sich nähernden Kenntnisse, Energie und Ausdauer, sondern so viel Güte und Stärke des Herzens, dass sie den Wöchnerinnen, die ihrer Sorge anvertraut waren, nicht nur Helferin, sondern Kameradin wurde. Noch mit 80 Jahren versah sie ihr Amt und stieg mitten im Winter von Göschenen zur drei Stunden entlegenen Göscheneralp. Sie half den armen unter ihren Pfleglingen mit Linnen und Kleidern aus, mit Trost in allerlei Lebenskummer, wenn nötig auch mit furchtloser Wehr gegen einen rohen oder unverständigen Ehemann.

Ein origineller Kauz war auch unser alter Briefträger Gamma, freundlich und beflissen im Amt, vor allem ein Wetterkundiger seltenster Art. Wie oft habe ich mich über ihn geärgert, wenn er beim klarsten Himmel in die Luft schnupperte und behauptete, es sei « Wester » ( Westwind ) zu spüren, die Wetterherrlichkeit werde nicht lange dauern. Das Ärgerlichste war nicht sowohl er als die Tatsache, dass er immer recht behielt und die Wendung zum Schlechteren unweigerlich eintraf.

Soll ich von den kleinen und schlichten auch noch zu grossen und über das Land hinaus bekannten Männern abschweifen? Dann möchte ich etwa der beiden Landammänner gedenken, in denen sich der Typus des Inner-schweizers scharf und in seiner ganzen Eigenart ausprägte, des Konservativen Gustav Muheim und des Führers der Liberalen Martin Gamma. Sie waren zu ihren Lebzeiten von aussen gesehen Todfeinde. Wer in ihre Herzen geblickt hätte, der würde sehr bald herausgefühlt haben, dass die beiden einander aufs äusserste befehdenden Männer einer von dem Menschenwerte des andern eine viel zu hohe Meinung hatte, als dass die Einstellung des Politikers auch diejenige des Menschen geworden wäre.

Der Konservative war der Gewalttätigere von beiden, einer vom Schlage jener Vorfahren, die als Reisläufer in fremde Kriegsdienste gezogen. Eine Art Diktator, verwöhnt durch eine unerhörte Volkstümlichkeit, durch sie wohl auch zu Übergriffen verführt; aber auch allein schon in der äussern Erscheinung zum Führer berufen, zeigte er sich durch rednerische und diplomatische Talente jederzeit des Amtes würdig, zu dem das Vertrauen des Volkes ihn immer wieder berief.

Der Jüngere, der Mann der Minderheit, eines lange unterdrückten und anfänglich wenig ernst genommenen Schärleins, durch die Laune des Schicksals und die Fehler der Gegenpartei plötzlich zu Einfluss gelangt, besass neben äussern Vorzügen eine gewisse Liebenswürdigkeit, eine Gabe sich anzupassen, und erwarb sich, über die Schar seiner Anhänger hinaus, viele persönliche Freunde.

Jener der Abkömmling eines einflussreichen und finanziell unabhängigen Geschlechts, dieser einst ein armer Geissbub, dann ein aus eigener Tüchtigkeit Gewordener und Angekommener, sind sie beide gleichsam Musterexem-plare urnerischer Tüchtigkeit. Hinter ihnen gäbe es noch einer Menge anderer zu gedenken, und es wäre eine schöne Aufgabe, von ihnen in einem Buche, nicht in einem Aufsatz zu handeln. An allen Ecken und Enden des kleinen Berglandes, unten am See wie oben in Urseren, in den Tälern der Reuss wie denen ihrer Zuflüsse wären ganze Kerle und solche von Sonderart und eigenwilligem Kopf zu finden. Aber man müsste auch den Dörfern allen nachgehen, wo sie wuchsen und wachsen. Das gäbe eine ganze Geographie.

Ich habe die Strassen um den dunklen Urnersee, den herrlichen Weg von Bauen zum Seelisberger Seelein durchwandert, bin hinabgestiegen zum Rütli, und die Strassen ins Isental, Schächental, Maderanertal, über den Susten, die Oberalp, Furka und den Gotthard gezogen. Ich weiss von den versteckten Örtlein und den verlorenen Hütten in der Göschcneralp, oben auf Golzern oder Arni oder Riemenstalden, aber von ihnen zu künden hiesse doch nur Töne eines und desselben Liedes singen, eines Liedes von den innersten und tiefsten Wundern der wunderreichen Schweiz, das Lied von der hohen Zeit meiner Jugend, das Lied vor allem einer grossen Dankesschuld. Alle, Menschen und Täler von Uri, sind eingezogen in meine Bücher. Ihnen, den Bergen, Tälern und Menschen, schulde ich die Freundschaft einer Welt, um die sie für mich warben und die mir geschenkt wurde um ihretwillen. Ich grüsse sie in diesen Zeilen wieder. Und wenn die Monographie, zu der sie Stoff wohl böten, nicht im Druck erscheint, geschrieben ist sie längst in einem Herzen.

Feedback