Der Bergsteiger Friedrich Nietzsche

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Von Sepp Walcher

( Wien ) Das auffallendste Merkmal bergsteigerischen Tuns ist, dass wir zur Höhe streben.

1«Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, ins Dunkle, Tiefe — ins Böse. » Welcher Bergsteiger kennt es nicht, dieses: In-die-Tiefe-Streben, dieses Schwanken um Recht und Unrecht, Gut und Böse.

2«Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft lügt der Geist über die Seele. » — « Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist mein Gutes und Böses. » Vom Leichten zum Schweren, vom Gefahrlosen zum Gefährlichen, von innen nach aussen, von der Tiefe zur Höhe geht der Weg. Alles, was wir tun und lassen, kommt aus uns, ist wahr und echt, wenn wir nicht mehr geben als wir haben, nichts Geborgtes, keine fremden Federn. Uns selbst müssen wir leben und geben.

3«Der nämlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend, hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Züchter und Zuchtmeister, der sich nicht umsonst einmal zusprach: .Werde, der du bist. ' » Die eigene Welt Jeder Mensch hat seine eigene Welt, in der er Herr und König ist. Viele umgeben sie mit einer hohen Mauer und hüten sie ängstlich. Manche lassen zeit ihres Lebens nichts hinein und nichts heraus; es sind die Einsamsten und Schweiger.

Andere öffnen von Zeit zu Zeit die Tore ihres Reiches, lassen ein, was ihnen gut dünkt, und gönnen den Freunden ihres Herzens einen Blick in ihr Reich; das sind die Wenigen und Seltenen. Ihre Worte kommen aus ihrem Herzen, und wir nennen sie wahr. Wenn der Sinn ihrer Worte aber Eingang findet in unsere eigene Welt und leuchtend, wie ein Stern, niedersteigt in die Tiefe unseres Wesens, dann nennen wir sie weise.

Wo aber die Tore allezeit offenstehen, da rauschen auch alle trüben Ströme des Lebens hinein und heraus, und kein Geheimnis birgt das Reich. Flach ist das Land, ohne klare Höhen und dunkle Tiefen; das sind die Vielen und Allzuvielen.

Verschieden sind die Menschen, verschieden alle Äusserungen ihres Lebens; es gibt keine zwei, die sich vollkommen gleichen. Ähnlichkeiten nur, Wesensverwandtschaften kann man feststellen, Kreise ähnlich Bewegter, Getriebener, Fühlender, Denkender, Handelnder. So findet nicht jedes Wort in jedem Ohr und Herzen eine Heimat.

4«Ein Licht ging mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten. » Lange ist die Kette der Erfahrungen, die unsre Vorgänger machten, und getreu sind wir dem: Du sollst und du musst, als Gesetz es betrachtend, gefolgt, bis eines Tages in uns laut der Ruf erscholl: Wandle eigene Wege, gehe dich selbst.

5«Nicht, woher ihr kommt, mache euch fürderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht! Euer Wille und euer Fuss, der über euch selbst hinaus will — das mache eure neue Ehre! » Erlebnis Wir Bergsteiger leben in den Bergen und erleben uns in den Bergen. Wie des Meisters Hand mit Pinsel, Schlägel oder Stift das Werk formt, so wandelt des Lebens Erleben das Ich zur Persönlichkeit, hebt es empor zu reinen, seligen Höhen oder stürzt es hinab in des Verderbens nächtigen Schlund.

Alles Erlebens « Wie » kommt aus uns, aus der inneren Bereitschaft, aus uns gegebenen Anlagen, aus uns zugeeigneter Bestimmung. Alles Erlebens « Was » bringt die Welt um uns, durch die uns die Berufung schreiten heisst.

« Des Bergsteigers letztes, bestes Erkennen bleibt die alpine Tat. » ( O. E. Meyer. ) Was ist sie, diese Tat? Wille gewordener Trieb, der Seele Verlangen nach Überwindung des Dunklen in uns und der Seele Ruf nach Vollendung im Hellen, im Schauen letzter Wahr- und Schönheit.

Was ist sie, diese Tat? Ringen um das Erkennen unseres eigenen Vermögens, Versuchung des Schicksals, Sieg oder Untergang. Als Trieb und Wille steigt jede Tat aus der Tiefe unseres Wesens; jede Tat will Erkenntnis, jedes Erkennen ist nur ein Erkennen des eigenen Ichs. So schliesst sich der Ring. Wir suchen in der Tat uns selbst.

Leistung Uns Bergsteigern eignet nicht nur die Freude am Tun und Schauen, an « Tat und Traum », wir wollen auch die Leistung. Nicht genügt es uns, einen Hüttenweg zu gehen oder einen versicherten Steig, wir wollen eine Wand, eine Kante, einen Grat, von welchen man weiss, dass sie schwierig und gefährlich sind; nicht genügt es uns, die Bretter am Übungshang zu meistern, wir wollen eine grosse Fahrt.

Und nicht genügt es uns, im Sonnenschein die letzten Schwierigkeiten zu zwingen; uns lockt es dämonisch, im Wüten des Sturmes, in Nacht und Nebel des eigenen Könnens Grenzen zu erspähen.

Und wie gehorsam ist der Wille, wenn des Triebes Stimme ertönt und mit harter Hand immer nach Höherem greifen heisst, unersättlich im Verlangen. Mehr, immer mehr!

6«Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein. » Schwer ist es, die Grenzen festzulegen, bis zu welchen das Wagnis schreiten darf.

7« Ich liebe Den, der über sich selber hinaus schaffen will und so zugrunde geht. » Schwerer noch ist es, Leichtsinn von des Zwanges und Dranges letztem Müssen zu unterscheiden. Wäge jeder gut seine Gedanken und Worte, ehe er es wagt, zu urteilen.

Keine Leistung, keine Tat ohne Mühe, ohne Überwindung der Welt um uns und der Welt in uns.

8«Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett und von den Weichlichen euch nicht weit genug betten könnt: da ist der Ursprung eurer Tugend. » 9Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig — fliesst! » Wer ist immer nur ausgezogen, um in den Bergen nur Lust und Freude zu finden? Wer nahm nicht auch einmal, zweimal, öfters, sein Leid mit in den Kampf, und wessen gequältes Herz wurde nicht leichter, wenn er im Schweisse seines Angesichtes mit dem rang, mit dem seine Kräfte zu messen der dunkle Trieb ihn zwang?

10«Schaffen — das ist die grosse Erlösung vom Leiden, und des Lebens Leichtwerden. Aber dass der Schaffende sei, dazu selber tut Leid not und viel Verwandelung. » Nicht immer wissen wir um den rechten Weg. Oft stehen wir und warten auf die Entscheidung sich widerstrebender Meinungen und Gefühle in uns. Dann aber drängt es uns auf einmal klar und deutlich nach einer Richtung, und eine Stimme hell und rein ruft in uns: Ich will!

11«Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: das heisst mein Wille. » 12«Und wer über sich hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen. » Gefahr und Furcht Ihre höchste Steigerung findet die Leistung in der Gefahr. Darum suchen wir sie auf, darum lockt so unwiderstehlich die steinschlaggefährdete Rinne, der überwächtete Grat, die morsche Brücke über die gähnende Spalte, darum auch kann kein wirklicher Bergsteiger auf die Dauer der Versuchung des Alleingehens widerstehen. Wer aber allein geht, dem ist der Tod näher als der Schatten. Kalt blickt er aus weiten Augenhöhlen in unser Herz, ob es zittert, wenn es die Furcht mit kalter Hand umfasst und eine Stimme mahnend fragt: « Warum, wozu? » Aber 13«Herz hat, wer Furcht kennt, aber Furcht zwingt, wer den Abgrund sieht, aber mit Stolz. » Stärker wollen wir sein als die Furcht, grosser wollen wir sein als die Gefahr, meistern wollen wir beide, weil wir wissen: Jede Überwindung ist ein Schritt zur Vollendung, rückt unser Sosein ein Stück höher hinauf und lässt uns das Leben heisser und tiefer lieben.

14«Also will es die Art edler Seelen: sie wollen nichts umsonst haben, am wenigsten das Leben. » Die wirkliche Tat beginnt erst jenseits der Furcht. Auf der Schwelle des Tores, durch welches der Weg zur Höhe führt, hockt sie, die lähmende Furcht, und lauert. Brillen hängt sie jedem Nahenden vor die Augen, dass er das Licht der Höhe nicht sehe und nur des Abgrundes finstere Tiefe.

15«Furcht nämlich — das ist des Menschen Erb- und Grundgefühl. » Was haben fürsorgliche Menschen nicht alles verboten. So fürsorglich waren sie, dass die Menschheit keinen Schritt vor- und aufwärts käme, wären ihre Verbote unüberwindliche Hindernisse.

16«Und wenn irgend etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte. » Kein Gewinn ohne Einsatz. Einsatz ist Pflicht, ist inneres « Müssen ». Gewinn aber Freude und Glück der Menge. Aus dem Einsatz des Einzelnen wächst Fortschritt und Aufstieg des Ganzen. Einsatz ist Opfer, ist Erhöhung des kleinen Ich zum grossen Wir.

17«Das ist die Hingebung des Grössten, dass es Wagnis ist und Gefahr und um den Tod ein Würfelspielen. » Viele Gleichgesinnte habe ich gefragt: Warum bist du Bergsteiger? Treffendere Antwort aber gab mir keiner als ein fürsorglicher Hüttenwirt, ein Mann des schwersten Felsens und Kämpfer um des Himalayas höchste Gipfel. « Weil die Schönheit, die mein Auge schaut, in mir Freude weckt, weil ich wissen will, ob ich heute noch das kann, was ich gestern zwang, und — weil ich Herr bin über Leben und Tod. Nur ein Finger, eine Zehe durch meinen Willen gehoben, und entschieden ist über Leben und Tod. » 18«Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will. » Schreien höre ich jetzt die Menge: Sehet, er predigt den Selbstmord. Aber lj«Dem Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhöhten wird die Seele fröhlich. » Wie köstlich ist doch dieses Leben trotz aller Not und Grausamkeit, wie köstlich gerade dann, wenn es uns der Überwindung Sieg aufs neue schenkte. Köstlich und rein dünkt es uns, und im Herzen tragen wir es hinauf zu den Gipfeln.

20«Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste. » « Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern. » Breit ist schon der Strom, der sich in die Täler unserer Berge ergiesst, und weit hinauf an den steilen Flanken gischt der Schaum. Wo Wege und Stege durch das Ödland ziehen und die gastlichen Hütten stehen, wandert zur Zeit Mensch hinter Mensch. Doch, wie klein ist der Raum, der gebahnte Pfade erschliesst, und wie gross und weit das Reich ohne Zeichen für Fuss und Auge. Hier ist die Heimat der Kühnen. Die letzten Schritte aber in das Ungebahnte, Unbekannte wagen nur mehr wenige Furchtbezwinger, Gefahr-sucher. Was aber schrie da schon die Menge vom sträflichen Leichtsinn und von Narretei! Wer aber stand auf zur Rettung aus Not und Gefahr? Waren es nicht immer Furchtlose, Mutige, Selbstlose?

21«Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglückten. » Und waren es nicht die Tapferen, die im Zweifel und in der Verzweiflung ihre Stimme erhoben und kurze Worte setzten zum harten Befehl, und hatte nicht die Härte ihres Willens so manche Seilschaft vom Untergange gerettet? Waren es nicht die Harten, Unbeugsamen, die die Verantwortung auf sich nahmen, wohl wissend um die Schwere der Last?

22«Grosses vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses befehlen. » Und haben nicht auch schon so manche selbst ihr Leben hingegeben, um das des Kameraden oder des anvertrauten Herrn zu retten und zu erhalten? Was wäre alles Bergsteigen ohne Menschen mit hartem Willen und treuem Herzen?

23«Dies aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist, als Gehorchen. » Einsamkeit Viele Menschen sind schon zerbrochen in des Lebens Stürmen und Not. Hart ist das Leben, wenig Rücksicht nimmt es auf Wunsch und Wille, und Mitleid kennt es nicht.

Viele lösten sich da, müde des Kampfes, der Gemeinheit, Nichtigkeit und des hohlen Scheines, geistig und seelisch von der Gemeinschaft und trugen ihr Leid in die Stille der Bergwelt. Allein wollten sie sein, alleine mit ihrem Ich, eigene Wege wollten sie gehen, aus Not und Trotz. Und siehe! Aus Not und Trotz erwuchs ihnen das herrlichste Land. Könige wurden sie im Reiche der Einsamkeit. Ihre Augen wurden sehend, und ihre Ohren gingen auf. Schönheit blühte rings um sie, und die Stille redete laut zu ihnen. Frei wurde ihre Seele vom Joche des Wortes, und leuchtend stand sie über dem Glück ihres Tuns. Alleinige sind sie in ihrem Reiche, keine Einsamen, denn alles um sie ist ihnen Bruder oder Schwester.

24«Es ist schwer mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist. » Schweigen aber heisst hören, lauter hören, was die Stille der Sternennacht spricht und das Toben des Sturmes über den Gipfeln. Schweigen heisst heller sehen, sehen, was aus Nacht und Dunkel bricht und was verborgen liegt im Fels und Eis. Im Schweigen reifen der Seele köstlichste Früchte.

25«Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse, das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden. » Glücklich sind die Alleinigen in der Einsamkeit. Alles sind sie sich selbst, Freund und Feind, Lust und Leid, und ihr Ja oder Nein allein entscheidet über Ziel und Richtung ihres Weges.

26«Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge: ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen. » Einsam aber werden sie, die Alleinigen unter den Vielen. Immer weniger Brüder und Schwestern finden sie. Trübe werden ihre Augen und stumpf das Ohr. In der Enge zusammengepresst, schmachtet ihre Seele. Treibholz gleich, trägt sie der trübe Strom von Tag zu Tag, bis sie der Wille und das Glück einer Stunde wieder freigibt für ihr Reich.

27«Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen. », Schwer ist es, dem Leben standzuhalten, und nicht kommt alles Heil allein vom Brot, Wein und Weib. Wonach deine Seele hungert, des achte wohl!

28«Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit. » « Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. » Lust und Leid Lust und Leid sind der Pulsschlag des Lebens; sie allein geben allem Erleben Höhe, Tiefe und Gehalt. Nach aussen drängt alle Lust. Sonnenschein liegt über der Welt; alles ist hell. Was abseits im Dunklen liegt, sieht man nicht.

Das Leid aber ruht verborgen im tiefsten Winkel des Herzens. Sorgsam breitet man dichte Schleier darüber, damit kein fremder Blick es störe. Alle Kräfte strömen nach innen, abwehrbereit in stiller Einsamkeit.

Alles Schaffen steigt aus Lust und Leid. Höher und heller baut die Freude, tiefer und schwerer das Leid.,_,,.,,.

( Schluss folgt )

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