Der Eroberer des Mont Blanc

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Zur 200. Wiederkehr des Geburtstags von Horace de Saussure ( 17. Februar 1740-22. Januar 1799 ).

Von Ernst Jenny " f l ).

Der Name Horace de Saussure bedeutet für jeden Freund der Alpenwelt: Aufschwung, Eroberung und Befreiung. Der Genfer Saussure ist, mehr als jeder andere vor ihm, der Entdecker und Deuter der Landschaft des Hochgebirges geworden. Gewiss hatten schon Konrad Gessner von Zürich, Albrecht Haller von Bern und Jean Jacques Rousseau von Genf ihre « hohen Lieder » auf die Alpenwelt gesungen, doch ins Innerste und auf das Höchste waren sie noch nicht vorgedrungen. Das blieb Saussure vorbehalten.

Wohl wussten viele der sogenannten « naturforschenden Reisenden » jener Zeiten schon allerlei und sammelten hie und da kleine Kabinettstücke, aber es bedurfte « der Anschauung des grossen Gegenstandes ( des Gebirges ) als Ganzes und in seinen ausgedehntesten Beziehungen ». Dieses grosse und schöne Ziel schwebte dem geistig überaus regsamen und beweglichen Saussure schon vor, als er im Sommer 1760, erst zwanzigjährig, den Alpen von Chamonix entgegenwanderte. Der vornehme Jüngling trug keine Perücke und ging allein, ohne Diener. Wohl botanisierte er unterwegs, wie es der verehrte Haller von ihm gewünscht hatte, aber seine blauen Augen blickten lieber in die Höhe nach den schimmernden Eiswiesen als nach den Blumen am Wegrande, denn er « brannte vor Verlangen, die Hochwelt von nahem zu sehen », wie er selber bekennt.

Er nächtigte im Pfarrhaus zu Chamonix — eine Herberge oder gar Hotels gab es damals nicht —, und schon am folgenden Tage wanderte er in Begleitung des fröhlichen. Pierre Simon, der später unter dem Einfluss Saussures einer der ersten Führer des Hochtales wurde, den Geissweg zum Montenvers hinauf, um einen orientierenden Blick in die Gletscherwelt zu tun. Er wollte das wogende « Mer de glace » überschreiten und auf dem jenseitigen Ufer absteigen. Das geschah auch. Und damit erschloss er einen Weg, den heute Tausende gehen.

Ihm kam diese Landschaft nicht wie ein « pays affreux » vor, denn schon am übernächsten klaren Morgen stand er mit Pierre auf dem granitenen Gipfel des Brevent, dessen steilgeschichtete Felsen ihm zu denken gaben. « Es war meine erste Hochalpenfahrt. Noch war ich nicht an dies grosse Schauspiel gewöhnt, so machte dieser Ausblick auf mich einen Eindruck, der niemals in meinem Gedächtnis erlöschen wird. » — Was sah er denn? Hinter ihm wogten die savoyischen Kalkalpen bis zum Genfersee, vor ihm erhob sich jenseits des Chamonixtales der riesige Granitdom des Mont Blanc im schimmernden Eis- und Schneehermelin. Und im Innern ahnte er grosse geologische Probleme, Zusammenhänge, die erst ein Überblick aus ganz grosser Höhe enträtseln konnte. Rasch eilte er zu Tal und machte an der Gemeindetafel den seltsamen Anschlag: « Monsieur Horace-Bénédict de Saussure aus Genf verspricht eine hohe Belohnung dem, der einen gangbaren Weg auf den Gipfel des Mont Blanc entdeckt. » — Er wollte also einmal auf den « Weissen Berg ». In erster Linie als Forscher, doch lockte den Jüngling wohl auch die Gefahr, « das Schwanken zwischen Hoffnung und Furcht, die beständige Erregung der Seele ».

« Ein Jahr nachher ging ich wieder nach Chamonix, und seither ist kein Jahr verstrichen, in dem ich nicht grosse Exkursionen und auch Reisen für das Studium der Gebirge gemacht habe. In diesem Zeiträume habe ich vierzehnmal auf acht verschiedenen Strassen die ganze Kette der Alpen durchwandert und habe noch sechzehn andere naturforschende Reisen bis in ihren Mittelpunkt unternommen. » So konnte er später in der Vorrede seines europäisch gewordenen vierbändigen Werkes « Voyages dans les alpes » sagen.

Der adelige Professor der Weltweisheit zu Genf fand stets gute Aufnahme in den entlegenen Bergdörfchen und Sennhütten. Denn er trat ohne jeglichen Standeshochmut auf und gewann überall rasch die Herzen der Älpler. Dem Höflichen und Gütigen begegnete man gerne höflich und sonder Eigennutz.

Auf seinen vielen systematisch vorbereiteten Alpenfahrten gehorchte er stets dem « strengen Gesetz », seine Beobachtungen an Ort und Stelle niederzuschreiben und seine Anmerkungen innert 24 Stunden ins reine zu bringen. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn ein Alpenforscher verspürt die Anstrengungen des Körpers so gut wie ein Bergsteiger, dessen Geist vom Alltag ausruhen will. Gerade dadurch, da ss er grosse geistige und körperliche Leistungen auf sich nimmt, hebt er sein Tun und Trachten in eine höhere Sphäre. Dabei blieb Saussure stets bescheiden trotz des wachsenden Ruhmes und zahlreicher Ehrungen, denn die Erkenntnis der Fülle noch ungelöster Probleme und der Lücken in der damals erst erwachenden und von ihm begründeten Gebirgsgeologie blieb ihm nicht verborgen.

Die Besteigung des Mont Blanc liess er nicht aus dem Auge, lag doch das Studium des Urgebirges ihm besonders am Herzen, wofür zum Beispiel seine « Reise um den Mont Blanc » 1778 während 22 Tagen zur Genüge zeugt. Da vernahm er, dass 1786 zwei Savoyarden einen Weg auf den Gipfel gefunden hatten: Paccard, der kühne Dorfarzt von Chamonix, und der Führer Jacques Balmatx ). Und schon im nächsten Jahr erschien Saussure wieder in Chamonix; denn jetzt konnte sich sein Lebenswunsch erfüllen. Er engagierte eine stattliche Gesellschaft von 18 Führern und Trägern und stieg auf. Zwei Nächte wurden hoch oben zugebracht. Im ersten Lager bekam er einen Brief von seiner feingebildeten Gattin Albertine, die mit ihren zwei Schwestern im Dorf unten weilte. Sie schrieb, dass sie vernünftig sei, « wie es möglich ist, wenn man all sein Glück auf dem Mont Blanc weiss ». Aber ihr Herz war voll Unruhe. Stundenlang sass sie in Chamonix unten am Fernrohr, beobachtete den Aufstieg der Männer und war glücklich-stolz auf ihren kühnen Horace. Aber am nächsten Morgen, als sie wieder am Teleskop weilte und die Männer nur noch als schwarze Pünktleinkette unglaublich hoch am letzten Hang langsam vorrücken und immer wieder anhalten sah, da konnte es die gute Albertine nicht mehr aushalten und lief in den nahen Wald. Bald rief man sie zurück: « Albertine, wo bleibst du? Schnell! » Sie rannte erregt ans Fernrohr und sah mit Herzklopfen, wie eben die vordersten Pünktlein den Gipfel des Mont Blanc, 4810 Meter, erreichten. Und dann erkannte sie wahrhaftig den langschössigen Rock ihres Gatten. Sie hob die Hände, wollte etwas sagen, doch ihre Arme sanken zurück, sie griff nach dem Spitzen-tüchlein und verbarg ihre Tränen...

Richtiger wäre: Paccard allein, mit seinem Träger Balmat.C. E.

Gegen fünf Stunden lang weilte Saussure auf dem Gipfel, fast immer tätig! Bald beschäftigte ihn der Bau und Zusammenhang der Aiguilles von der Midi bis zum Géant, bald führte er barometrische Messungen aus oder beobachtete er die Höhenwirkung auf den leiblichen Organismus. Sicher gibt es nur ganz wenige Bergsteiger und Forscher zugleich, die auf solcher Höhe nach solcher Anstrengung eine gleichwertige Kraft und Energie des Geistes und Gemütes entfaltet haben.

Noch manche ernste Stunde brauchte es, bis die siegreiche Gesellschaft wieder in Chamonix einzog. Das ganze Bergdorf war auf den Beinen, einer sagte es dem andern: Es ist gelungen! Alle Glocken läuteten, und ein Bankett feierte das ausserordentliche Ereignis, von dem man bald weithin in Europa sprach. Am 3. August 1787 geschah die Tat.

Saussure gab in der kurzen « Relation d' un voyage à la cime du Montblanc en Août 1787 » einen vorläufigen Bericht über die Besteigung und später in dem schon erwähnten grossen Werk « Voyages dans les alpes » eine ausführliche Darstellung auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Hatte man bisher an die Unersteigbarkeit der höchsten Alpengipfel geglaubt, so musste jetzt dieses Vorurteil schwinden. Neue Wege und Ziele winkten. Das dankbare Chamonix, das heute ein weltbekannter Fremdenverkehrsplatz ist, ehrte den grossen Saussure durch ein prächtiges Denkmal. Auf hohem Granitsockel steht er mitten in der gross gewordenen Gemeinde und schaut erhobenen Hauptes nach der Mont Blanc-Spitze, nach dem Berg seiner Sehnsucht und der schönsten Erhebung der Seele.

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