Der Grosse Ararat

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VON M. STEINBRÜCHEL, MÄNNEDORF

Mit 4 Bildern ( 73-76 ) Seit vor einigen Jahren die militärische Sperre über die ganze östliche Türkei aufgehoben wurde, ist der Grosse Ararat ( türkisch: Büyük Agri Dagi ) zu einem erstrangigen Reiseziel geworden. Zwar kann er bei aller Ehrfurcht nicht als ein interessanter Berg im technischen Sinne bezeichnet werden, denn die Schwierigkeiten reichen nicht über den ersten Grad hinaus. Trotzdem ist die Besteigung dieses sagenumwobenen, einst heiligen und heute noch majestätischen Berges ein unvergessliches Erlebnis. Er trägt das Beiwort « Gross » mit Recht, nicht nur, um sich vom Kleinen Ararat ( 3925 m ) zu unterscheiden, sondern weil er ein wirklich grossartiger Berg ist.

Wenn es auch keine technisch pikanten Stellen zu überwinden gilt, so gilt es doch manche Hürde zu nehmen oder aus dem Weg zu räumen, bevor man, tief bewegt und nach der dünnen Luft schnappend, vom Gipfel bis fast auf Meereshöhe hinuntersehen kann.

Der Grosse Ararat überragt als einziger im äussersten Osten der heutigen Türkei seine Umgebung, das ostanatolische Hochland, um über 3000 Meter. Er ist das Wahrzeichen des alten armenischen Staates, eines zählebigen « Handelsobjektes » zwischen Russland, Persien und der Türkei. Zwar besteht der Staat schon lange nicht mehr, aber das Volk der Armenier zählt heute noch etwa 5 Millionen Seelen, die seit dem letzten türkischen Ausrottungsversuch in alle Welt zerstreut sind. Der Berg lingegen steht, wo er immer stand, wo Noah angeblich landete ( vgl. 1. Moses, 8/4 ). Könnten Berge vernichtet werden, hätte ihn dies Schicksal wohl auch ereilt. Statt dessen war er als strategisch bedeutsamer Berg abwechslungsweise im Besitze Russlands und der Türkei, oder er wurde aufgeteilt, ndem man die Grenze genau über seinen Gipfel zog. Heute gehört er ganz zur Türkei, die einen Teil les Schmelzwassers seiner ewigen Schneekappe an Persien verkauft.

Bis vor einigen Jahrzehnten wurde der Grosse Ararat von der russischen Seite aus bestiegen. Die schnellste, einfachste und daher normale Route liegt aber auf der südlichen Seite: vgl. Bild 73.

Die andern Routen werden als länger und auch als mühsamer dargestellt, weil einerseits der Anmarsch umständlicher ist und anderseits der Schnee weiter hinunter reicht als auf der Normalroute. Hier weicht er im Hochsommer bis auf etwa 4900 Meter zurück.

Die Normalroute geht von der kleinen Grenzstadt Dogubeyazit aus. Sie liegt auf 1950 Meter ü.M. und zählt etwa 7000 Einwohner. Anfangs August 1968 wurde ein brandneues Hotel eröffnet, das den anschwellenden Strom von westlichen Touristen gut aufnehmen kann. Man muss dort um die Mittagszeit eintreffen, wenn man am nächsten Tage zum Grossen Ararat aufbrechen will, denn die Vorbereitungsarbeiten sind zeitraubend. Nebst Proviant muss für einen Lastwagen zur Fahrt an den Fuss des Berges - der etwa 15 Kilometer lange Weg von Dogubeyazit aus war 1968 für Personenwagen unpassierbar - und für Lasttiere samt Knechten gesorgt werden. Ein Lasttier, d.h. ein Esel oder ein wackeliges Pferd, trägt zwei Rucksäcke. Sofern man einen Führer anstellen will - was nicht unbedingt notwendig ist, denn man erkennt die Route bei gutem Wetter ohne weiteres -, wende man sich an den Türkischen Verband für Alpinismus in Erzurum ( vgl. Adressen am Schluss dieses Berichtes ), der für Bergführer sorgt, die Bergerfahrung in unseren Alpen besitzen und wissen, was wir von Bergführern erwarten. Auch der Gouverneur von Dogubeyazit kann sogenannte Bergführer vermitteln, die die Route und die Wasserstellen gut kennen. In jedem Fall aber leistet ein Führer unschätzbare Dienste bei der Beschaffung des Lastwagens und der Lasttiere.

Wer, um das Fluggepäck niedrig zu halten, aus der Schweiz keine Bergausrüstung mitnehmen will, kann sich diese in der Türkei irgendwo zu beschaffen versuchen. Das ist aber nicht leicht, in Dogubeyazit jedenfalls unmöglich, mit Ausnahme der Zelte, die uns dank eines glücklichen Zufalls von der dortigen türkischen Militärgarnison zur Verfügung gestellt wurden. In den mir bekannten Prospekten und Beschreibungen wird häufig verlangt, dass jeder Ararat-Besteiger mit Seil, Pickel und Steigeisen ausgerüstet sei. Dies ist natürlich vorsichtig; der Ararat darf im Hochsommer bei guter Wetterlage ( z.B. Vollmond ) aber auch ohne diese Hilfsmittel über die Normalroute bestiegen werden, wenn die übrige Ausrüstung ( Schuhe, Kleider ) und die Kondition den Erfordernissen entsprechen ( vgl. Routenbeschreibung weiter unten ). Auch Zelte sind natürlich keine Notwendigkeit, wenn man sonst entsprechend ausgerüstet ist. Mit zwei Biwaknächten muss auf jeden Fall gerechnet werden. Die Aussentemperatur erreicht in der Morgenfrühe auf 3700 Metern ü. M. ohne weiteres —5 °C; deshalb ist es auch empfehlenswert, zweimal pro Tag warm zu essen, wozu ein Kochapparat aus der Schweiz mitgenommen werden muss.

Man verlässt das Hotel in Dogubeyazit um 3.30 Uhr ( Ortszeit ) per Lastwagen. Im Hochsommer ist es dann im Osten des Landes hell; dafür wird es um 18.30 Uhr bereits dunkel.

Wenn alles klappt, trifft man die Lasttiere und die Knechte am Fuss des Berges, und sobald die Tiere beladen sind, kann 's losgehen. Das Ziel der ersten Etappe ist eine Art Maiensäss kurdischer Bauern, die auf etwa 2850 Meter ü.M. Sommer für Sommer ihre Zelte aufschlagen, ihr Vieh sömmern, Garn spinnen und Teppiche weben.

Ein staubiger Trampelpfad führt durch spärlich mit alpiner Flora und hartem Gras bewachsene Hänge zu dieser Alp, die nach gut zwei Stunden erreicht wird, während die Lasttiere weit zurückbleiben. Man tut gut daran, sich dadurch nicht aufhalten zu lassen, um das Tempo der Besteigung diktieren zu können. Ebenso ratsam ist es aber, wenigstens einen Teilnehmer mit den Tieren gehen zu lassen. Die Wartezeit auf die Pferde lässt sich mit Vorteil dadurch verkürzen, dass man die Einladung in eines der Kurdenzelte annimmt, sich mit Yoghurt-Milch ( Airan ) bewirten lässt und die handgewobenen Teppiche bewundert. Diese Kurden kennen aber alle modernen Touristentricks und Preise, verlangen ein Trinkgeld für fast jedes Photo und beherrschen das berühmte « absatz-politische Instrumentarium » nach europäischer Manier.

Wer zeitig, d.h. etwa eine halbe Stunde nach Ankunft der Lasttiere, wieder aufbrechen will, muss bereits den ersten Disput mit dem Bergführer oder den Eseltreibern gewärtigen, weil diese am ersten Tag nur bis zum Lager I ( 3300 m, Platz unbeschränkt ) aufsteigen wollen. Dort gibt es zwar Wasser und Futter für die Tiere; doch lässt sich ohne grosse Anstrengung das Lager II ( 3700 m, 8 Zelte ) erreichen.

Der Aufstieg von der Kurdenalp zum Lager II ist immer noch höchst einfach; der Weg führt über Grasrippen und nur leicht geneigte Geröllhalden. Wir überredeten den Bergführer und die Eseltreiber in einem mehr als zweistündigen Palaver, mit den Tieren noch weiter zu gehen, zum Lager III ( 3900 m, etwa 12 Zeltedoch taten uns nachträglich die Tiere leid, denn der weitere Aufstieg wurde für sie zur Qual.

Aus dem Bild ( 76 ) ist ersichtlich, was man sich unter diesen Lagern vorzustellen hat: Es sind nichts anderes als geeignete Zeltplätze in der Nähe einer Wasserstelle, ohne feste Installationen. Man ist auch keineswegs an diese Lagerstellen gebunden. Namentlich unterhalb des Lagers II kann man fast überall zelten. Oberhalb dieses Lagers gibt es noch ein gutes Lager III, darüber nur noch einzelne zur Notübernachtung hergerichtete Stellen. Nach türkisch-kurdischer Auffassung ist der zweite Tag der Bergfahrt für den Abschnitt vom Lager I zum Lager II reserviert ( 400 m Höhendifferenz ). Aber man erreicht, wie erwähnt, das Lager II mit Leichtigkeit bereits am ersten Tag, wenn man sich gegenüber Bergführern und Eseltreibern behauptet.

Vom Lager II aus bietet sich bereits eine herrliche Aussicht auf die erstarrten Lavaströme, die jetzt noch aussehen, als wären sie flüssig und ergössen sie sich in das breite Tal am Fuss des Ararat. Bei Sonnenuntergang breitet sich ein eigenartig violetter Schleier über das Tal, der die Landschaft auf gespenstische Weise verzaubert.

Hat man am ersten Tag das Lager II erreicht, so lohnt sich ein Versuch, am zweiten Tage den Gipfel zu erreichen. Dies ist in etwa sechs bis sieben Stunden möglich.

Man nimmt natürlich nur das Notwendigste mit und lässt den Rest im Lager II. Je nach Wetterlage muss entschieden werden, ob man sich für ein Biwak weiter oben ausrüsten will oder nicht. Gleichzeitig gilt es auch zu bestimmen, ob ein Mitglied der Bergsteigergruppe bei den Zelten zurückbleiben soll oder ob diese ganz in der Obhut der kurdischen Eseltreiber bleiben. Obwohl wir von keinem Diebstahl hörten, wurde uns nahegelegt, sehr vorsichtig zu sein.

Die Route führt nun bei der schneefreien Rippe ( vgl. Bild 73 ) empor über leicht rutschendes, stark glashaltiges Lavageröll. Man hält geradewegs auf die Stelle zu, an der auch die Aufstiegsrippe vom Schnee überdeckt wird. Da diese Stelle fast immer sichtbar ist, kann man den Weg praktisch nicht verfehlen. Schwierigkeiten gibt es keine, doch ist der Aufstieg mitunter sehr mühsam: Wer nicht ganz sorgfältig auftritt, rutscht leicht aus! Der Übergang in den Schnee ( etwa 4900 m ) gestaltet sich in dieser Jahreszeit leicht, denn der Firnschnee ist relativ weich und die Neigung gering.

Jetzt ist der Gipfel ( 5165 m ) bei gutem Wetter leicht erreichbar; man muss aber damit rechnen, dass der Wind in der grossen Höhe so stark bläst, dass ein Weitersteigen nicht mehr ratsam ist. Zudem pflegt sich der Gipfel des Ararat im Sommer um die Mittagszeit mit einer Wolke zu umgeben, so dass es sich empfiehlt, den Gipfel vor 10 Uhr zu erreichen ( d.h. Weggang vom Lager II spätestens um etwa 3.30 Uhr ).

Auf dem Weg vom Einstieg in den Schnee, der auf dem Gipfelgletscher liegt, bis zum Gipfel sind zwei kleine, etwa 20 Zentimeter breite Gletscherspalten bekannt, die aber meistens geschlossen sind. Unser Führer bezeichnete es als ausgeschlossen, dass es auf der Normalroute grössere Spalten gebe.

Ist der Gipfel endlich erreicht und das Wetter günstig, so geniesst man eine einmalige Rundsicht tief hinein nach Russland, Persien und in die Türkei. Weit und breit erhebt sich kein Berg so majestätisch und erhaben wie der Grosse Ararat. Man glaubt, auf dem Gipfel der Welt zu stehen, fühlt sich in Himmelsnähe und geniesst für kurze Zeit den Besitz des luftigen Throns. Weit unten ist der Ausgangspunkt sichtbar, das Dorf Dogubeyazit, von dem aus man das Bild des Berges zum erstenmal in sich aufgenommen hat. Damals war er noch etwas Fremdes, jetzt scheint er dem erfolgreichen Bergsteiger auch ein wenig zu gehören.

Die Gipfelrast wird aber bald zur Unrast, denn es ist bitterkalt da oben - bis- 10°C. Glücklicherweise ist der Abstieg nicht nur viel leichter als der Aufstieg, weil er abwärts führt, sondern vor allem, weil man bis zum Lager II fast immer Schneefelder findet, die zu ungefährlichen Rutschpartien einladen. So bewältigt man die 1400 Meter Höhendifferenz in zwei Stunden. Das ist auch notwendig, denn die Eseltreiber haben wiederum eine Überraschung bereit für jeden, der hofft, sich beim Lager II gemütlich hinsetzen, vor sich hinsinnen und seinen Kalorienhaushalt wieder in Ordnung bringen zu können. Sie verlangen nun, da ihnen die Zeit gekommen scheint, dass das ganze Lager abzubrechen und zum Lager I zu transportieren sei, weil die Tiere beim Lager II nichts zu fressen gehabt hätten. Wir diskutierten lange mit unserem Bergführer und den Eseltreibern, diesmal ohne Erfolg. Nach langem Disput und unter dem Eindruck massivster, aber nicht unwahrscheinlicher Drohungen gaben wir nach. Ziemlich angeschlagen erreichten wir das Lager I, errichteten unsere Zelte und schliefen herrlich bis weit in den nächsten Morgen hinein. Denn am nächsten Tag wollten wir in aller Gemütlichkeit zu den kurdischen Älplern hinuntersteigen, dort zur Feier unseres Sieges eine Ziege verzehren, Teppiche einhandeln und uns am frühen Nachmittag im türkischen Bad von Dogubeyazit gütlich erholen. Das gelang uns denn auch, obwohl die Ziege nicht gut schmeckte, obwohl die Teppiche teuer waren und obwohl das Bad von Dogubeyazit schmierig und schmutzig ist. Als wir uns auf den heissen Steinen in der Mitte des Bades räkelten, waren wir aber doch stolz darauf, den Höhepunkt - nicht nur in Metern - unserer langen Reise erreicht und die Bergfahrt zu einem guten Ende gebracht zu haben.

Zusammenfassung 1. Zeitbedarf für die ganze Expedition von Dogubeyazit aus:3—4 Tage Reserve für schlechtes Wetter1 Tag 4-5 Tage 2. Ausrüstung:

Aus der Schweiz mitnehmen ( je nach dem persönlichen Mass an Vorsicht und nach Möglichkeit ): Bergseil, Steigeisen, Pickel, Zelt, Kochapparat, Kraftnahrung, Kleider, Schuhe, Höhenmesser, Kompass, Taschenlampe, Schlafsack. Am Ort organisieren:

Bergführer, Lastwagen für den Transport zum und vom Fuss des Berges, Lasttiere mit Knechten, evtl. Zelte.

3. Kosten ( 1968 ) in türkischer Lira ( 1 TL = ca. Fr. 0.30 ) Bergführer TL 50 pro Tag ( offizieller Tarif 1968 ) Esel oder Pferd TL 30 pro Tag und Tier ( inkl. Knecht ) Lastwagen TL 50 pro Person für Hin- und Rückfahrt Verpflegung von Bergführer und Knechten TL 40 pro zu verpflegende Person 4. Auskunftsstellen für Bergtouren und Vermittlung von Bergführern:

Beden Terbiyesi Böige Müdürlügü ( Touristeninformationsbüro ) in Erzurum.

Für allgemeine Informationen über Bergtouren in der Türkei: Turizsm ve Tanitma Bölge Müdürlügü, Harbiye, Istanbul.

5. Ein sehr guter Bergführer für den Ararat mit Erfahrung in unsern Alpen ist: Yücel Dönmez Basak Evler Yildirim Apt. Nr. 1 Erzurum ( Korrespondenz in Englisch führen ).

Y. Dönmez verstand es, unsere Tour innert weniger Stunden zu organisieren, konnte uns aber nicht begleiten.

Er ist kürzlich ( Frühjahr 1969 ) zum Leiter aller Gebirgskurse des Türkischen Bergsteigerverbandes gewählt worden.

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