Der Kampf um die Erstbesteigung des Grossen Simelistockes Anno 1898 (Engelhörner).

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Mit 2 Bildern.Von H. Kempf

( Bern, fami. Dezember 1940 ).

Der Grosse Simelistock ist eine der markantesten Gipfelgestalten der an bizarren Gipfelformen so reichen Engt;] hörner. Er galt lange Zeit als unersteiglich. Um seine Bezwingung, die endlich im Sommer 1898 erfolgte, entspann sich seinerzeit ein heisser Wertkampf.

Erstbesteigungen haben für den Alpinisten immer etwas Verlockendes. So erging es auch uns, nämlich meinem Freunde J. Martin und mir. Als ich vernahm, dass in den Engelhörnern noch etwas Neues zu unternehmen sei, war ich mit meinem Freunde Martin sofort einig, uns an die Lösung dieses noch ungelösten Problems heranzumachen. Wir hielten unsern Plan streng geheim, damit uns niemand zuvorkommt !. Mit dem nötigen Seilquantum versehen begaben wir uns, guter Hoffnung auf das Gelingen, auf die Reise Bern-Meiringen. Damals, also vor fast 50 Jahren, waren derart weit entlegene Ziele nicht so leicht zu erreichen wie heutzutage. Der Samstagnachmittag war noch nicht frei. Arbeitsschluss war erst um 5 Uhr abends. Man war daher genötigt, in voller Bergausrüstung ins Bureau zu gehen, die Ausrüstungsgegenstände beim Hauswart zu deponieren, um sie nach Bureauschluss gleich bei der Hand zu haben und im Eilschritt cem Bahnhof zuzuhasten, um noch den letzten nach Meiringen abfahrenden 2'ug zu erwischen, wo wir jeweils bei gänzlichem Einnachten anlangten. Von Meiringen aus galt es, den beschwerlichen Weg über das Zwirgi, Kaltenbrunnensäge und Reichenbachalp unter die Füsse zu nehmen. Man hatte also schon eine lange, mühsame Wegstrecke abgetrampelt, bevor man in der Reichenbachalp-Sennhütte die müden Glieder im duftigen Bergheulager zu kurzer Nachtruhe ausstrecken konnte.

An drei aufeinanderfolgenden Samstagen fanden wir uns auf der Reichenbachalp ein, um endlich beim dritten Versuche, so hofften wir zuversichtlich, den trotzigen Felsenturm besiegen zu können. Wir wollten uns die Sache nicht entgehen lassen, darum machten wir uns mit so beharrlichem Eifer stets von neuem auf den weiten Weg.

.Welch grosse Enttäuschung wartete uns jedoch, als wir in der dritten Samstagnacht auf der Reichenbachalp eintrafen und der Senn uns die Mitteilung machte, der Simelistock sei diesen Samstagmorgen bestiegen worden, und zwar von einem Engländer namens Macdonald mit zwei Grindelwaldner Führern. Ob dieser für uns nicht eben erfreulichen Nachricht liessen wir die Köpfe ein bisschen hängen. Dann aber rafften wir das Häuflein zusammengesunkenen Mutes wieder energisch zusammen und entschlossen uns, da an der Sachlage ja nichts mehr zu ändern war, wenigstens die erste führerlose Besteigung auszuführen. So stapften wir denn, wie schon damals, in der ersten Frühdämmerung des folgenden Sonntags den steilen Grashang hinter der Alphütte empor und bogen um die Felskulisse, da wo jetzt die Klubhütte des A.A.C.B. steht, ins düstere Ochsental ein. Das Ochsental ist ein enger Einschnitt, quer im untern Teil des Engelhornzuges eingekerbt. Ringsum ragen lotrechte, schreckhafte Flühe mit aufgesetzten, zerscharteten Zinken und Zacken ins Ungeheure empor. Das ist der Ort, wo die Klettereien in den Engelhörnern beginnen. Mit den « Spiegeln » rekognoszierten wir die Anstiegsroute eingehend, worauf wir sie gut ins Gedächtnis prägten. Der Einstieg in einen engen dunklen Kaminriss brachte uns auf den ersten Fluhabsatz hinauf. Als wir uns emporgestemmt hatten und uns oben betrachteten, mussten wir hellauf lachen. Wir sahen wirklich nicht wie flotte Kletterer aus, sondern eher wie firme Schornsteinfeger. Das feuchte, schwärzliche Geröll, mit dem wir bei seiner Säuberung im Kamin in enge Berührung kamen, hatte unser komisches Aussehen verursacht. Nun, wir hatten weder Lust noch Zeit, uns wieder herauszuputzen, hatten wir ja keinen Salonbesuch vor. Der weitere Aufstieg in den Simelisattel nahm uns jetzt vollauf in Anspruch. Die Kletterei gestaltete sich auf dieser ersten Etappe nicht besonders schwierig. Teilweise mit Gras bewachsene Stufen und kleine Gesimse, wo noch viel Geröll auflag, ein Zeichen, dass sich da noch wenig begangenes Terrain vorfand, ermöglichten rasches Klettern. Zur Rechten die ungeheure Wand der « Vorderspitze », stiegen wir in der Richtung des Simelisattels, den wir stets über unsern Köpfen hatten, unaufhörlich hinan. Das Gefühl, das heiss umstrittene Ziel nun zu erreichen, trieb uns zu rastloser Kletterei an, so dass wir in kurzer Zeit auf dem Simelisattel standen. Hier aber änderte die Situation ebenso rasch, wie wir im Tempo heraufgestiegen waren. Wohl befanden wir uns jetzt am Fusse des knorrigen Felsstocks, wohl waren wir j etzt dem Gipfel in greifbare Nähe gerückt. Der aber bäumte sich so wild, so abweisend vor uns auf, als wollte er uns mit höhnischem Trotz zurufen: Bis hierher und nicht weiter! Zurück und so nahe dem Ziele und beim ersten, ernsten Widerstand gleich kleingeben? Nein und abermals nein! Diesmal wollten wir nicht wieder unverrichteter Dinge nach Bern zurückkehren.

Bei Erstbesteigungen erscheint einem die noch unbegangene Route stets viel schwieriger, weil die Ungewissheit des Durchkommens nachhaltig auf unsere seelische Verfassung einwirkt. Hat man dagegen die Gewissheit, dass da schon andere gegangen sind, so sagt man sich, wenn es dem oder jenem gelungen ist, so wird es auch uns möglich sein, durchzukommen. Mit dieser Erwägung verringert sich selbstverständlich die Schwierigkeit keineswegs; doch gibt uns der zuversichtliche Selbstzuspruch die Kraft, den Widerstand, mag er noch so bös erscheinen, zu überwinden und den Erfolg schliesslich doch zu erringen.

Wieder zogen wir die « Spiegel » zu Hilfe und sahen den Felsstock nach allen Seiten gründlich an, um irgendwo eine Blösse zu entdecken, die uns von Nutzen hätte sein können. Links aussen in der Flanke spaltete ein langer Riss den Felsen von unten bis oben. Dort hinüber zu klettern, hätte aber zu viel Zeit gekostet. So entschlossen wir uns zum Angriff auf die nähere, dem Simelisattel zugekehrte Seite. Sie sah zwar bedenklich schroff aus. Dennoch entschlossen wir uns, den Versuch da hinauf zu wagen. Was uns dazu noch besonders bewegte, war, dass wir in halber Höhe ein ebenes Plätzchen entdeckten, das wir mit « Schulter » bezeichneten. Dort konnten wir weiter disponieren. Höher oben war der Fels nicht mehr so kompakt. Die Verwitterung hatte da und dort schon einige Breschen ins Gestein gefressen, die als Kletter-stützpunkte brauchbar erschienen. So begannen wir mit einem Abstand von Seillänge die forsche Kletterei am Gipfelstock. Sie war exponiert und der spärlichen Griffe wegen schwierig. Auf dem Rastplatz der Schulter angekommen, waren wir froh, ein bisschen verschnaufen zu können. Hernach hiess es, nach der weiter einzuschlagenden Route auszuspähen. In der bis dahin befolgten Richtung war ein Emporkommen absolut unmöglich. Die uns zugekehrte Felsseite war wie glatt abgehauen, da gab es nichts zu wollen. Dieser Einsicht spottete ein Mauerläufer, der jetzt elegant und leichtfüssig an dem glatten Felsen emporgehüpft kam. Wie kamen wir uns in diesem Moment doch so unbeholfen und schwerfällig vor gegenüber diesem überlegenen, leichtbeschwingten Vögelchen, das da so tänzelnd an den abschüssigsten Stellen emporkletterte, während wir uns nur mit dem Aufwand äusserster Kraftanstrengung zu bewegen vermochten. Doch solche Reflexionen könnten uns leicht entmutigen, wenn man sich ihnen allzulange hingäbe. Deshalb wendeten wir unsere Blicke von dem spielerischen Tun des Mauerläufers ab und richteten sie wieder auf unsere eigene ernste Sache. Noch standen wir auf der Schulter und hatten den Zugang zum Gipfel noch nicht gefunden. Nach eifrigem Suchen entdeckten wir ihn: es war ein schmaler, schräg aufwärtsverlaufender Riss zu unserer Linken. Da musste es genen. Wir krochen hinein, stemmten und schoben uns im engen, stickigen Spalt mühsam empor. Der Atem ging schwer, der Gaumen wurde klebrig. Wahrhaftig: ein Schluck aus der langhalsigen Flasche, die wir des Gewichtes wegen unten im Ochsental gelassen hatten, wäre jetzt Göttertrank gewesen! Aber der dunkelglühende Bordeaux sollte uns erst bei der Rückkehr erfrischen...

Nach oben verengerte sich der Riss zusehends und drängte uns zuletzt in die freie Wand hinaus, wo wieder äusserst exponierte Kletterei über nicht gerade griffreiche Stellen uns wartete. Die Steilheit nahm aber allmählich ab; der Fels bog sich gegen den Gipfel zurück, so dass wir ihm aufrecht zusteigen konnten. Das so heiss und so lang umstrittene Ziel war erreicht. Wir liessen uns zu guter Rast beim kleinen Steinmann, dem Wahrzeichen der ersten Bezwinger, nieder. Unten auf der Reichenbachalp schwenkte der Senn ein grosses weisses Tuch hin und her; es galt uns zu Ehren und zum Gruss. Wir dankten ihm, indem wir die Hüte schwenkten und einen frohen Jauchzer hochsteigen liessen. Im Steinmann fand sich eine messingene Zündholzschachtel vor mit den Aufzeichnungen der Führerpartie. Wir legten unseren Zettel ebenfalls hinein und verstauten die Schachtel wieder im Steinmann.

War es uns, trotz heissem Bemühen, auch nicht vergönnt gewesen, den stolzen Felsenrecken zuerst besiegt zu haben, so hatten wir doch die Genugtuung, als erste Führerlose den so lange und so beharrlich umrungenen Gipfel erklommen zu haben, auf selbstgefundener und teilweise auch neuer Route über die « Schulter ». Diese Route ist dann zum gebräuchlichen Aufstieg auf den Grossen Simelistock geworden. So hatten wir für die Simelistock-besteigung doch etwas Bleibendes geleistet, was uns über das Missgeschick hinwegtröstete, einen Tag zu spät gekommen und von der Führerpartie überholt worden zu sein.

Der Abstieg auf der Anstiegsroute ging leider nicht ohne misslichen Zwischenfall vor sich. Beim Abseilen von der Schulter auf den Simelisattel hinab verklemmte sich das Seil im Gestein. Da stieg Martin wieder hinauf, das Seil zu lösen. Plötzlich hörte ich einen Schrei. Ich erschrak und musste zusehen, wie mein Kamerad den Felsen heruntergekollert kam. Ich hatte guten Stand auf dem Sattel und konnte den Stürzenden glücklicherweise aufhalten. Der Sturz brachte ihm keine ernstlichen Verletzungen, sondern nur eine leichte Rippenquetschung bei. Was hatte sich oben beim Lösen des Seils zugetragen, das den Absturz verursachte? Der Krampf in den Händen war 's, der den Kameraden jählings befiel und ihn aller Kraft und jeden Haltes beraubte. Es ging noch gnädig ab; immerhin war mein Kamerad jetzt nicht mehr ganz kletterfähig und der Abstieg ins Ochsental gestaltete sich recht mühsam, hatte ich doch zwei Rucksäcke zu tragen. Das Seil brachte dem Kameraden etwelche Erleichterung, da er sich nur noch auf den Ellbogen stützen konnte. Als wir unten im Ochsental anlangten, war die Nacht eingebrochen und Mond- und Sternenschein leuchteten uns auf dem Rückweg zur Reichenbachalp, wo wir wieder Nachtquartier bezogen und folgenden Tags, um eine bergabenteuerliche Erinnerung reicher, nach Bern zurückkehrten.

Seit jenen fernen Tagen sind die Engelhörner zum wahren Klettereldorado geworden, das weit über die Berner Alpen hinaus in respektvollem Rufe steht und viel besucht wird. Der Akademische Alpenklub Bern, der die Engelhörner zu seinem speziellen Klubgebiet erkoren hat, liess zur besseren Zugänglichkeit am Eingang ins Ochsental eine Klubhütte erstellen und gab nebstdem einen Klubführer durch die Engelhörner heraus, der jedem, der sich in dieser wilden Felsenwelt tummeln will, ein absolut zuverlässiges Orientierungsmittel an die Hand gibt.

Die Engelhörner sind gleichfalls die « Dolomiten des Berner Oberlandes ».

Die Alpen — 1941 — Les Atpes.25

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