Der Palükamm

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Von Dr. Egbert Stocker ( Section Uto ).

Nachdem mein Freund Prof. Wirz und ich am 23. Juli 1878 den Piz Linard glücklich erstiegen,wandten wir unsere Schritte dem Oberengadin zu und kamen am darauf folgenden Tage in Pontresina an, wo wir in dem gastlichen Hotel « zum weissen Kreuz » Quartier bestellt hatten. Unsere Absicht war auf den Piz Palü oder, wie Herr Studer in seinem Werke « Ueber Schnee und Eis » diesen Theil des Berninagebirges richtiger bezeichnet, auf den Palükamm gerichtet, dessen wunderschöne Firnbekleidung mich schon 1867 entzückt hatte, ohne dass sich mir damals Gelegenheit bot, die Besteigung zu unternehmen. Auch diess Mal schienen die Aussichten für die Ausführung des schon lange gehegten Planes so ungünstig als möglich zu sein. Die Barometerver-änderungen, welche täglich um 7 Uhr Morgens, 1 Uhr Nachmittags und 9 Uhr Nachts durch die meteorologische Station in Pontresina mittelst Aufzeichnung auf einer Tafel bekannt gemacht wurden, bekundeten fortwährende Schwankungen in den Witterungsverhältnissen, und wenn um 7 Uhr ein Steigen des Barometers sich ankündigte, so ging man selten fehl, wenn; man für 1 Uhr ein im umgekehrten Sinne lautendes. Bulletin erwartete.

So mussten Freund Wirz und ich uns für einstweilen gedulden. Der Unbestand der Witterungsverhältnisse hatte zur Folge, dass wir volle 8 Tage in clubistischer Beziehung so zu sagen brach liegen und uns auf die gewöhnlichen touristischen Promenaden, beschränken mussten.

Donnerstags den 1. August endlich liess sich das. Aussehen des Himmels gut an, namentlich der Zug; der Wolken deutete auf anhaltenden Nordwind und in. keiner Luftschicht war eine Gegenströmung bemerkbar die Besorgnisse hätte wachrufen können. Diese gute Laune des Wetters durfte nicht unbenutzt bleiben; unsere Führer Hans und Christian Grass, die berühmten und bewährten Bergkönige des Berninagebietes, waren bereit und noch am Nachmittag desselben Tages brach unsere Caravane nach der neu eröffneten Bovalhütte auf. Voie einer Caravane konnte man desshalb sprechen, weit zu uns noch eine zweite Expeditionscolonne gestossen war, die ebenfalls nach der Bovalhütte zu pilgern gedachte. Es war ein junger Engländer, nicht gerade der liebenswürdigsten Sorte, der mit dem jüngeren Christian Grass, Sohn unseres Hans, und dem Landjäger Coray aus Silvaplana kürzlich den Corvatsch erstiegen hatte und nun den Piz Bernina angreifen wollte. Die Möglichkeit, sich gegenseitig verständlich zu machen, war bei diesem Theil der Caravane auf ein Minimum beschränkt, indem der Engländer nur über sehr wenige französische Eedensarten verfügte und der Kenntniss des Deutschen gänzlich entbehrte, während die beiden Führer ebenfalls die französische Sprache nur ziemlich. oberflächlich zu kennen schienen und uns hie und da brockenweise Fragen hinwarfen, die von Seite des Engländers, wie es schien, keine oder dann nur eine unverständliche Erwiderung fanden. Bei diesem Anlass kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, dass bei einer schwierigen Hochtour es mir unumgänglich nothwendig erscheint, dass sowohl auf Seite der Führer als auf Seite des Herrn vollständiges Verständniss hinsichtlich der gegenseitigen Wünsche und Absichten obwaltet, da sonst leicht der Fall eintreten kann, dass Andeutungen und Belehrungen, die der Führer dem Geführten geben will, von einem wenig geübten Herrn missverstanden werden und ein unzweckmässiges, gefahrbringendes Manipuliren zur Folge haben. Mimische Belehrungen darüber, wie man z.B. den Fuss zu setzen habe, wie man sich an gefährlichen Stellen des Bergstockes am zweckmässigsten bedienen könne, reichen nicht immer aus, um den Geführten vor einem unheilvollen Fehltritt zu bewahren oder ihm das Hinüberkommen über schwierige Strecken zu erleichtern, und sind auch in den meisten Fällen an Ort und Stelle praktisch nicht ausführbar, da sie aus der Entfernung nicht ertheilt werden können, sondern eine Annäherung des Führers an den Herrn zur nothwendigen Voraussetzung haben, diese aber oft durch die damit für die ganze durch das Seil verbundene Colonne verknüpfte Gefahr verhindert wird.

Um von dieser Abschweifung zu meinem Thema zurückzukommen, so erreichten wir nach 31/2stündigem Marsche um 7 Va Uhr die Bovalhütte. Dieselbe ist in einer ausgezeichnet geschützten, sehr guten Lage erbaut. Gegen Nord und Ost ist sie nämlich in zwei riesige Felsblöcke gleichsam eingeklemmt, über welche die vom Piz Morteratsch herunterkommenden Lawinen hinweggleiten können, ohne den Bestand der Hütte zu gefährden. Namentlich der Gedanke, das Dach aus Holzcement zu construiren, verdient grosses Lob, da dasselbe den Lawinen, die etwa trotz der schützenden Blöcke auf ihrer Bahn zum Morteratschgletscher die Hütte berühren, eine glatte Fläche darbietet, auf welcher sie nicht haften bleiben, demgemäss auch keinen nachtheiligen Druck ausüben können. Auch die ganze innere Einrichtung lässt kaum Etwas zu wünschen übrig. Die die ganze Länge und ungefähr die Hälfte der Breite der Hütte einnehmende Pritsche bietet für 10 Personen bequem Raum; sie ist reichlich mit Stroh und am Kopfende mit Kissen versehen; ausserdem findet sich für je zwei Mann eine grosse Wolldecke vor. Das nöthige Holz lieferten zwei lange Bruchstücke einer blitzzer-schlagenen Wettertanne, die wir unterwegs gefunden hatten. An Tellern und Löffeln mangelt es auch nicht und die in der Ecke rechts vom Eingang angebrachte Feuerungseinrichtung scheint gut construirt zu sein. Das Einzige, was wir daran zu tadeln fanden, war der Umstand, dass der Rauch durch das Kamin keinen gehörigen Ausweg fand, sondern zurückschlug und das Innere der Hütte mit dichtem Qualm erfüllte.

Ein paar Schritte oberhalb der neuen Clubhütte steht die alte Bovalhütte ebenfalls in gut gewählter Lage; jedoch ist sie kleiner als die neue und natürlich nicht, um mich so auszudrücken, mit demselben Comfort ausgestattet, wie das neue Hotel Boval. Immerhin gewährt sie denjenigen Personen, welche in der neuen Hütte keinen Platz mehr finden, eine gute Unterkunft.

Gegen 9 Uhr suchten wir unser Lager auf. Wie ich vorausgesehen, war von Schlaf keine Rede. Die in der Hütte herrschende Temperatur war zwar eine leidlich erträgliche zu nennen. Kälte verspürten wir lceine, da die verglimmenden Beste des Herdfeuers immer noch eine wohlthuende Wärme verbreiteten, und auch eine allzugrosse Hitze, wie sie sich in verhältnissmässig engen Räumen mit vielen Insassen zu entwickeln pflegt, belästigte uns nicht. Was aber wenigstens bei mir den Schlaf unter solchen Verhältnissen ferne hält, ist der Gedanke an den Ausgang der projectirten Ersteigung und an die Chancen des Gelingens oder Misslingens derselben. Stellt sich trotzdem der Schlaf für kürzere oder längere Zeit ein, so sieht man sich im Traum oft bereits auf schwindelnden Höhen angelangt oder an gefährlichen Abgründen hinkletternd und ist ganz erstaunt beim Erwachen, alle diese Traumbilder plötzlich verflattern zu sehen und die lang gezogenen gemächlichen Schnarchtöne der Gefährten zu hören, welche auf Alles eher hindeuten, als darauf, dass die Urheber dieses friedlich idyllischen Geräusches bereits in den morgen zu betretenden Regionen sich zu bewegen wähnen.

Um loVa Uhr traf unser zweiter Führer, Christian Grass, in der Hütte ein. Punkt 1 Uhr wurde von Hans Grass Tagwache geblasen, worauf mit militärischer Pünktlichkeit sämmtliche Schläfer sich von ihrem Lager erhoben und sich zum Aufbruch bereit machten. Der Anblick des nächtlichen Himmels, an welchem einige Sterne leuchteten, schien einen guten Tag zu verkündigen, und die Nachtluft athmete, als man vor die Hütte hinaustrat, eine energische Frische, die die Glieder wohlthuend durchströmte, ohne ein schlotterndes Kältegefühl hervorzurufen. Punkt 2 Uhr setzten sich die beiden Expeditionen in Bewegung, die Palüexpedition voran.

Wirz hatte beim Weggang aus der Hütte seine kleine Blendlaterne vorn befestigt und Hans Grass spendete mittelst einer in einer zerbrochenen Flasche angebrachten Kerze das bei der herrschenden Dunkelheit unumgänglich nothwendige Licht. Zuerst ging es über grosse Steinblöcke zu einem Lawinenschneefeld hinunter, nach dessen Ueberschreitung sich der linksseitige Moränenwall des Morteratschgletschers vor uns aufrichtete, der ohne Gefährde überklettert wurde. Nachher betraten wir den sanft geneigten, beinahe spaltenlosen hintersten Theil des Morteratschgletschers, auf dem wir rasch vorwärts kamen. Wir steuerten gegen das nördliche Ende der « Festung » hin, deren langgestreckter Felsenwall, schwarz von dem bleichen Nachthimmel sich abhebend, drohend zu uns herniederschaute. Glücklicher Weise kommt es nur selten vor, dass die Festung in Action tritt und Wurfgeschosse in Form von Steinlawinen schleudert; denn man hat lange Zeit im Bereich, der von den letztern bestrichen " würde, zu marschiren, und der Raum, der etwa zum seitwärts Ausweichen verfügbar wäre, ist an vielen Strecken knapp zugemessen, da sich mehr nach Westen hin auf dem grössten Theil der Länge der Festung ein System von gewaltigen parallel verlaufenden und terrassenförmig übereinander aufsteigenden Längsspalten ausbreitet, welche an einzelnen Stellen wieder mit Querspalten durchsetzt sind, und diese Spalten sich an einzelnen Stellen bis nahe an den linksseitigen östlichen Rand der Firnschlucht, durch welche man zu wandern hat, verlängern. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, hielten wir uns möglichst nahe an die Felsen. Am nördlichen Endpunkt der Festung angelangt, banden wir uns an 's Seil und knüpften dadurch unter uns ein Band, welches den ganzen Tag, bis wir den Persgletscher erreicht hatten, den äussern Zusammenhang in unserer Colonne herstellte und das Bewusstsein der Solidarität fortwährend unter uns wach erhielt.

Die Beschaffenheit des Firns war gut und gestattete ein rasches Vorwärtsschreiten; nach und nach nahm die Neigung etwas zu und erforderte das Hacken kleinerer Stufen. Eigenthümlich geisterbleich nahm sich die weisse winterliche Decke, über welche wir in die Höhe stiegen, aus, wenn einzelne durch die Wolken getrübte Mondstrahlen ihr spärliches Licht auf dieselbe ergossen, und wie eine Reihe von übereinander sich aufthürmenden Riesengräbern erschienen die Spalten, deren bleicher Mund sich zu unserer Rechten weit aufklaffend öffnete. Hoch oben, wo die südöstlichen Ausläufer der Festung sich in die östliche Seitenwand der Schlucht oder, wie die Führer diesen Theil des Weges zur Fuorcla Bellavista zu benennen pflegen, des « Lochs » versenken, traten phantastische, die Bekrönung des die Festung gegen Süden fortsetzenden Firnkammes bildende Gestalten auf. Die Entfernung, die uns von denselben trennte, schien sich in 's Unendliche auszudehnen, wozu wohl wesentlich auch der Umstand beitrug, dass einzelne derselben bereits von den röthlichen Strahlen des anbrechenden Tages beschienen waren, während wir noch in den grauen Schatten der Dämmerung dahinwanderten. Allmälig verringerte sich dieselbe immer mehr und bald sanken diese bizarren Erscheinungen, die den gleichförmigen Verlauf der beidseitigen Firnkämme unterbrachen, als unbedeutende Vorsprünge zur Tiefe nieder, um neuen abweichenden Gestalten Platz zu machen. Es war, wie wenn eine gewaltige Hand einzelne Theile des Firnkamms ruckweise in die Höhe gezerrt und sich dann darin gefallen hätte, ihre Virtuosität in der möglichst sonderbaren plastischen Ausgestaltung und Formung dieser emporgerichteten, die andern Strecken überragenden Theile zu entfalten. Gegen 5 Va Uhr gelangten wir zu einem Punkte, wo die lange Schlucht zwischen den von der Bellavista entspringenden Firn-zuflüssen zum hintersten Theil des Morteratschgletschers und der « Festung » sich zu einer sanfter geneigten Mulde ausweitet.

Da waren wir nun am Scheidewege zwischen Bernina und Palü angelangt und es musste entschieden werden, ob wir uns jenem, zu dessen Besteigung uns Hans Grass längst hatte überreden wollen, zuwenden oder am Palü festhalten wollten, und der Entschluss wurde uns wahrlich schwer genug gemacht durch den Anblick des im röthlichen Morgensonnenstrahl stolz sich badenden Berninagipfels, der uns verführerische, einladende Grüsse herunterzusenden schien. Doch wir widerstanden der an uns herantretenden Versuchung und blieben unserem ursprünglichen Ziele treu. Zu diesem Entschlüsse wurden wir namentlich durch den Umstand bewogen, dass der nördliche Horizont sich allmälig za umdüstern begann und auch noch andere Anzeichen auf die Möglichkeit einer plötzlichen Aenderung der Witterung hindeuteten. Mit einem herzlichen Glückauf trennten sich die beiden Expeditionen, einzig unser mürrischer Engländer blieb auch hier der von ihm von Anfang an angenommenen Rolle des strictesten Laconismus im gegenseitigen Verkehr getreu und enthielt sich sogar jeglichen Abschiedsgrusses

Die Berninapartie brach zuerst auf. « Hand' gut Sorg ' », rief Hans Grass ihr nach. Auf den Firn hingelagert, verfolgten wir unsere Schlafgefährten noch eine Strecke weit. Diese stiegen in eine Vertiefung hinunter und auf der andern Seite derselben gegen einen kleinen Sérac empor, unter welchem sie sich, möglichst rasch mittelst Stufen einen " Weg bahnend, gegen den obern Rand desselben hinaufbewegten. Die Richtung, die sie innehielten, war ihnen durch den Verlauf der Spalten, die sie zu umgehen hatten, vorgeschrieben und musste mehrmals geändert werden. Glücklich erreichten sie den obern Rand des Séracs und lagerten sich ebenfalls, indem sie uns einen fröhlichen Jauchzer herübersandten. Unsere Rast war nur eine kurze gewesen und wir hatten uns bereits wieder 48Egbert Storiar.

in Marsch gesetzt, da nun das Hauptstück der Arbeit bis zum Bellavista-Sattel unmittelbar vor uns lag. Von dem kleinen Plateau aus, wo wir Halt gemacht hatten, zieht sich nämlich die Firnschlucht steiler in die Höhe und die dieselbe durchsetzenden Schrunde nehmen grössere Proportionen hinsichtlich Länge, Breite und Tiefe an. Doch fanden sich häufig solide Schneebrücken und machten eine zeitraubende Umgehung entbehrlich. Allein es sollte sich bald zeigen, dass diese Brücken an einzelnen Stellen, besonders an den oberen Rändern der Spalten, nur einen trügerischen Halt darboten. Plötzlich brach ich nämlich in zwei Tempi zuerst bis an die Hüften und dann bis über die Arme ein. Am Seile gehalten und unter den Armen von dem rasch nachgekommenen Christian Grass unterstützt, konnte ich mich leicht aus der Spalte wieder herausarbeiten. Bald nachdem ich eingebrochen war, schritten wir über den grossen Bergschrund weg, der unsern Mitclubisten Herren Karl Bruppacher und Oberholzer bei ihrer Ersteigung des Bernina ein so bedeutendes Hinderniss bereitet und sie in eine so verhängnissvolle Lage versetzt hat. Als wir am obern Rand des geschilderten steilsten Theils des « Lochs » angelangt waren, schlugen wir eine ost-süd-östliche Richtung ein, um den Ostabfall der östlichen Bella-vista-Spitze zu umgehen. Diese Partie des Weges ist von der Alp nova an der Berninastrasse aus deutlich zu übersehen. Wir waren inzwischen aus dem Bereich des Schattens, in welchem wir durch den grössten Theil der Schlucht heraufgewandert waren, in denjenigen der Sonne gelangt, welche ihre röthlichen Lichter grell über den blendenden Firn ergoss und uns veranlasste, unsere Zuflucht zur Schneebrille zu nehmen. Bei Betrachtung des den Ostabfall der östlichen Bellavista-Spitze bekleidenden Firnschnee's fiel mir die pulverige, graulich gefärbte Beschaffenheit desselben auf. während der bisherige Firn durchgängig die gewöhnliche körnige Zusammensetzung gezeigt hatte. Es mag dieselbe wohl daher rühren, dass sich hier viel Neuschnee gelagert hatte, welcher zum Theil durch einen plötzlichen Wirbelsturm aus grösseren Entfernungen hergetragen worden sein konnte, vermischt mit mineralischen Staubbestandtheilen. 1lt nach 7 Uhr erreichten wir die Fuorcla Bellavista ( 3680 m ).

Der von uns bisher verfolgte Weg war offenbar im Ganzen und Grossen der nämliche, wie der von den Herren Wachtier, Wallner und Georg im Jahr 1868 eingeschlagene ( Jahrbuch IV, pag. 241—255 ). Allerdings ist die Schilderung der von diesen Herren bis -zum Bellavista-Kamm zurückgelegten Strecke sehr kurz .gehalten, und die Schwierigkeiten, welchen dieselben begegneten, liessen eher darauf schliessen, dass sie ihren Weg mehr westlich durch die Séracs hinauf .genommen haben, da wir durchaus nicht die turnerischen Künste auszuführen hatten, zu denen jene Herren durch die zerklüftete Beschaffenheit des Firns ihre Zuflucht zu nehmen -gezwungen waren. Indessen verändern sich ja bekanntlich die Firnverhältnisse jedes Jahr; alte Spalten schliessen sich, neue entstehen und bereits vorhandene erweitern sich u. s. w., und unsere beiden Führer versicherten uns, dass der von uns eingeschlagene Weg im Allgemeinen mit demjenigen unserer 4 Vorgänger zusammenfalle und dass derselbe der einzige sei, welcher in direktester Richtung zur Einsattelung zwischen den Bellavista-Spitzen und den Palüspitzen hinaufführe. Die östliche Umgehung der Fortezza und das Hinaufsteigen über die von der Fuorcla Bellavista direkt nach Norden sich herabsenkenden Firnfelder wird durch die an einzelnen Stellen unpassirbare Steilheit der Hänge verunmöglicht und die Wahl eines weiter nach Westen zu gelegenen Weges könnte nur dann in Frage kommen, wenn man die Ersteigung einer der Spitzen des Bellavista-Kamms mit dem Ueberschreiten des Palükamms verbinden wollte.

Die Witterungsaussichten hatten sich bei unserer Ankunft auf dem Bellavista-Pass verdüstert und liessen nichts Gutes ahnen, wenn sie auch noch nicht zu der Befürchtung berechtigten, es werde sobald eine Entfesselung aller dem Montanisten feindseligen Elemente eintreten, wie diess nachher der Fall war. Der Blick nach Norden und Süden war gewaltig ergreifend. Wie in einem Riesenfenster, das nach zwei Seiten hin freien Ausblick eröffnet, sassen wir auf der Passhöhe. Aber von dem sonnigen Süden, dem sogenannten ewig lächelnden Himmel Italiens war wenig zu sehen. Die weissen Spitzen hatten eine graue Kapuze angezogen und über dieselben hin waren graue fetzige Flockenwölkchen zerstreut, aus welchen nur hie und da ein von einem vorüberirrenden Sonnenstrahl getroffener Gipfel auftauchte. Hauptsächlich in 's Auge fiel die Adamellogruppe, der sich nach Osten hin eine feine Firnspitze anreiht, offenbar die Cima di Nardis oder Presanella. Ueber beide weg würde der Blick nach der Marmolata und gegen die Brenta hin schweifen, wie uns Hans Grass versicherte, wenn sich der Himmel uns gnädig erweisen und den Wolkenvorhang von den Wundern der südlichen Gebirgswelt wegziehen würde. Die die Südseite der Fuorcla Bellavista bildende Firnwand lief in einer Tiefe von vielleicht 150 m unter unserm Standpunkt auf die endlos sich ausdehnenden Hochfirne des Fellaria- und Palügletschers aus, auf welchen bereits sich haschende Nebel einen unheimlichen Tanz aufzuführen begannen. Südöstlich steigen diese Hochfirne in immer steileren Hängen zu den imposanten Massen des Pizzo di Verona auf, die zum Theil noch nebelfrei waren. Eigenthümlich nahmen sich die von den weisslichen Lichtern der Sonne und den darüber hinfahrenden Nebelzügen durchspielten weiten Hochebenen der beiden genannten Gletscher aus. Nach Norden zu fiel der Blick in die dämmernde Tiefe des Hintergrundes des Morteratschgletschers ab, und bescheiden und unscheinbar duckte sich der Munt Pers zu unsern Füssen. Einzig der Piz Morteratsch, der für heute auch von einigen Berggängern zum Zielpunkt auserkoren worden war, erhob sich noch über unsern Standpunkt, wenn man von unserer nähern Umgebung absah. Unmittelbar westlich über uns schwangen sich die im reinsten Weiss erstrahlenden Firnhänge des Bellavista - Massivs in den Aether. Durch eine Einsattelung von dem westlichen Gipfel des letztern getrennt, und weit nach Süden vorgeschoben einen rechten Winkel zur Längsrichtung des Bellavista-Kamms bildend, beherrschte die plumpe, kistenförmig gestaltete Masse des Piz Zupò ( 3999 m ) die nähere Umgebung.

Die Wände desselben, die uns ihre Ostseite zukehrten, waren tief verschneit, und nur an einzelnen Stellen durchbrachen Felsvorsprünge die weisse Hülle, mit denen der reichliche Schneefall der vorhergehenden Tage die sonst fast durchweg felsigen Abstürze der Ostseite des « Verborgenen Hornes » verhüllt hatte. Elegant sind die Formen des letztern, wie schon gesagt, durchaus nicht, imponiren aber durch ihre massige Wuchtigkeit, die geradezu erdrückend wirkt. Ueber den Sattel zwischen dem Zupò und der westlichen Bella-vista-Spitze schauen der Piz Roseg, der von hier aus eine abgeplattete Kuppenform zeigt, und rechts davon der finstere, firnbeladene Kamm des von Dr. Güssfeldt im Jahre 1877 zum ersten Male mit unserm braven Hans Grass bezwungenen Monte Rosso di Scerscen herüber, während sich der weiter nach Nordosten hin aufsteigende Piz Bernina dem Auge entzieht. Gegen Westen hin lag ein Theil des von uns nunmehr zu betretenden Weges unmittelbar vor uns. Derselbe sah wahrlich abschreckend genug aus, und ich konnte nicht umhin, den Führern und meinem Freunde Wirz die Frage vorzulegen, wie es wohl möglich sei, über diese Unmasse von schmalen Firngräten hinweg zum Culminationspunkt des Palükamms, dem Muot da Palü, zu gelangen. Die Führer meinten, wir werden bei unserer Passage nicht auf allzu grosse Schwierigkeiten stossen, und Freund Wirz pflichtete dieser Ansicht bei. Nun hiess es, das Werk der Ersteigung und Ueberschreitung des Palükamms frisch in Angriff zu nehmen. Wir hatten auf dem Bellavista-Sattel einen Halt von ungefähr einer kleinen halben Stunde gemacht, brachen demgemäss 78/4 Uhr von demselben auf. Zunächst schritten wir an dem anfänglich nicht übermässig steilen Südrande eines Firnkamms in die Höhe, welcher nach Norden in einer gewaltigen G'wächte in die freie Luft hinausragte. Bald gelangten wir an einen Felskopf, in dessen Vertiefungen und Bissen sich Neuschnee eingebettet hatte, und über welchen-weggeklettert werden musste. Der Fels zeigte im Allgemeinen eine gute Beschaffenheit und bot für Hände und Füsse ziemlich günstige Handhaben dar. Freilich war seine Neigung eine ziemlich bedeutende. Hans hatte sich oben auf der Kuppe des Felskopfes einen festen Standort ausgesucht und hielt das Seil zwischen uns beiden straff angespannt. Nachdem ich mich zu ihm hinaufgehisst und mich neben ihm postirt hatte, kam Freund Wirz an die Keihe, der in der nämlichen Weise ebenfalls glücklich hinauf gelangte. Zuletzt folgte der wackere Christian nach. Nachdem wir diesen Felskopf und nachher noch eine Reihe ähnlicher hinter uns hatten, folgte ein Firngrat nach dem andern, viele jäh wie eine Dachfirst aufstrebend und sich zu einer äusserst schmalen Schneide zuspitzend. Der in den letzten Tagen so massenhaft gefallene Schnee hatte diese Veränderung in dem Aussehen des Kamms hervorgebracht, auf welchem sonst, wie uns die Führer versicherten, grösstentheils der nackte Fels zu Tage tritt. Der Schnee war überaus locker und begünstigte daher ein Ausgleiten in hohem Grade.Von einer Anwendung des Stockes konnte bei der sich immer mehr steigernden Steilheit der beidseitigen Hänge nicht mehr die Rede sein, man war daher lediglich auf die Balance des eigenen Körpers angewiesen. Grauenhaft tief und steil stürzen die nördlichen Wände gegen die den Raum zwischen der Gemsfreiheit und der Festung ausfüllende Firnmulde, die an die Isla Persa anstösst, hinunter, und unheimlich gähnend klafften die obern Ränder von gewaltigen Firnschründen zu unserer'schwindligen Passage herauf. Christian konnte sich nicht enthalten, einen unterdrückten Fluch über diese heillose Beschaffenheit des Grates in den Bart zu murmeln. Ich habe die vollendete Ueberzeugung, dass, wenn ein einziger von uns auf dieser Passage ausgeglitten wäre und baumelnd über dem Abgrund gehangen hätte, er die Uebrigen mit in die Tiefe gerissen hätte; denn das naturgemäss entstehende Zerren am Seil hätte unausweichlich auch die Uebrigen des festen Standes beraubt, zumal, wie oben angeführt, die lockere Beschaffenheit des Schnee's dem Ausgleiten sehr förderlich war. Da hiess es eben kaltblütig bleiben und alle Gedanken an eine derartige Eventualität mit Gewalt von sich fern halten; denn nichts ist bei derartigen Strecken schlimmer und gefährlicher, als der Phantasie die Zügel schiessen zu lassen.

Inzwischen hatte sich ein Föhnwind erhoben, der sich nach und nach zu einem förmlichen Sturm steigerte und in heftigen Stossen unserer rechten Seite zusetzte, hie und da die Wucht dieser Stösse so sehr verstärkend, dass wir befürchten mussten, aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden. Zu ihm hatten sich unheimliche Nebelmassen gesellt, die uns oft die Stufen verschleierten und uns so der Gefahr aussetzten, neben dieselben zu treten. Die anfänglich noch vereinzelt erscheinenden Sonnen- blicke waren gänzlich verschwunden und hatten einer bleigrauen Färbung des gesammten Himmelsgewölbes Platz gemacht, die auf baldigen Schneefall oder Hagel deutete. Die heftigen Windstösse wirbelten uns eine Menge körnigen Schnee's in 's Gesicht, welcher die Sehkraft der Augen bedeutend hemmte, während doch nichts noth wendiger war, als dass wir uns jeweilen genau vergewisserten, wohin wir traten. Dazu kam, dass der Schnee aus den nächstfolgenden Stufen immer in die vorhergehenden zurückflog und so desshalb die letztern zuerst wieder gereinigt und ausgeebnet werden mussten, bevor der Fuss in dieselben hineingesetzt werden durfte. Auf einmal fielen eine Menge Eisschlossen auf uns herunter, welche, von der Gewalt des Windes gepeitscht, unseren Gesichtern hart zusetzten. Dieses ungemüthliche Bombardement, gegen welches es gar keinen Schutz gab, mag ungefähr eine Viertelstunde angedauert haben und zwang uns mehrere Male zum Stillstehen. Immer, wenn wir glaubten bei der westlichen Spitze, dem Piz Spigna, angelangt zu sein, tauchte ein neuer, bis dahin verborgener Firngrat auf. Da die Führer erklärten, das Besteigen der westlichen Spitze sei bei dem herrschenden Wind mit allzugrosser Gefahr verbunden, so umgingen wir sie ungefähr 3 Meter unter derselben auf der Südseite. Sie ragte nur wenig aus dem umgebenden Nebel hervor. Offenbar thaten wir gut daran, nicht über die Spitze wegzusteigen, da uns der Wind einfach von derselben hätte herunterfegen können. Nun mussten wir uns aber wieder zum Kamm hinaufwenden und es begann eine neue Serie abscheulicher Firngräte, welche wieder die äusserste Vorsicht erforderten. Unterdessen verdichtete sich der Nebel immer mehr und die Temperatur der Luft sank mit auffallender Rapidität. Endlich, hatten wir die Region der schmalen Schneiden hinter uns und nun wuchs der Kamm in die Breite-und wölbte sich, steil ansteigend, zur höchsten Kuppe,, dem Muot da Palü, empor. Der Nebel war nunmehr so dicht, dass man kaum zwei Schritte vor sich sehen konnte und die Schwierigkeiten der genauen Orientirung sich beständig vermehrten. Es war mir in der That unmöglich, zu erkennen, ob wir uns dem höchsten Gipfel näherten oder im Kreis uns um denselben herum bewegten. Endlich stiessen unsere Führer einen Jauchzer aus, zum Zeichen, dass wir den höchsten Punkt ( 3912 m> betreten hatten. Es war 10V2 Uhr. Bewegt schüttelten wir uns die Hände. Aber ach wie gering ist der Genuss, auf einer solchen Höhe mitten im Nebel drin zu stecken und nur auf die Thätigkeit der Phantasie-angewiesen zu sein, welche bei solcher Nebelluft wenig Anregung empfängt! Erstaunt blickten wir uns gegenseitig an, da eine merkwürdige Metamorphose in unserm äussern Habitus vor sich gegangen war. Unsere-Röcke waren nämlich mit Reif beschlagen und unsere Barte und Hüte starrten förmlich von Eiszapfen. Besonders die gewaltigen, wahrhaft historischen Barte der beiden Grass waren mit Krystallen reichlich gesegnet. Um den unangenehmen Stossen des Windes zu entgehen,, der auf der höchsten Kuppe sein schlimmes Unwesen trieb, lagerten wir uns etwas unterhalb derselben, auf der nördlichen Seite, wo die Temperatur höher stand, und liessen uns die wohlverdiente Stärkung gut schmecken,.

wobei wir uns freilich nicht enthalten konnten, über das uns beschiedene Missgeschick Jeremiaden anzustimmen. Trotz alles sehnsüchtigen Wartens und Harrens wollten sich die uns umgebenden Nebelmauern auch nicht für den kleinsten Augenblick lüften. Schliesslich wurden wir dieses vergeblichen Harrens müde und brachen nach dem dritten Gipfel, der schönen « Piz Palü » benannten Firnpyramide, auf. Der Nebel lag so dicht, dass wir anfänglich irre gingen und zu weit gegen die nördlichen Abstürze des höchsten Gripfels hin geriethen. Wir mussten daher wieder in die Höhe und auf den Kamm zurück. Wir hielten uns nunmehr an den Südrand des letztern und stiegen zuerst steil längs desselben zur Einsattlung zwischen dem höchsten und dem östlichen Gipfel hinunter. Die den Südabfall bildenden, äusserst steilen Wände waren zum Theil wie diejenigen des Piz Zupò tief verschneit und nur an einzelnen Stellen brachen die Felsen durch. Das Sturm-lied, das während dieses Ganges der Wind heulte, durchdrang Mark und Bein. Derselbe hatte sich nämlich hie und da in einzelnen Felsschluchten gefangen und tobte in diesen Verliessen wie ein wüthendes Thier. Dann nahm seine Stimme wieder einen andern Klang an und war dem weithin dröhnenden Rauschen eines gewaltigen Wasserfalles zu vergleichen. Nachdem wilden Sattel zwischen der mittleren und der östlichen Spitze erreicht hatten, stieg der Hang wieder steiler zu der letztern empor. Es musste wegen der Lockerheit des neuen Schnee's fortwährend grosse Sorgfalt angewendet werden. Am südöstlichen Ende des Gipfels ist ein Steinmännchen errichtet, in welchem Dr. Wirz eine Karte mit unsern und unserer Führer Namen, in einer Flasche wohl geborgen, deponirte. Ohne uns weiter aufzuhalten, schlugen wir nun eine nordöstliche Richtung ein, indem wir quer über die nördlichen obersten Abfälle der dritten Spitze hinweg dem nach der Einsattlung zwischen dem Piz Palü und dem Piz Cambrena sich hinunterziehenden Grate zusteuerten. Dieser Grat kann von der Berninastrasse aus genau verfolgt werden, dagegen gibt der Anblick desselben von unten her keinen richtigen Begriff von seiner Länge. Anfänglich ist dessen Neigung nicht ausserordentlich steil, bald aber nimmt die Steilheit desselben rapid zu; zugleich bedrängte uns der abscheuliche Wind stärker als je, so dass wir öfters gezwungen waren, uns auf dem Grate niederzuducken, um dem Anprall besser widerstehen zu können. Wir hielten uns, da das Betreten des Grates zu gefährlich gewesen wäre, meistens auf dessen linker Seite, und Hans Grass hieb immer mächtigere Stufen, um ja an dieser gefahrvollen Passage jedem Ausgleiten vorzubeugen. Im Tempo « Eins, Zwei » rückte die Kolonne stetig der Tiefe des Sattels zu. Rechts fiel die Ostflanke des Grates an einzelnen Stellen beinahe senkrecht zu einem hohen Seitenarm des Palügletschers ab, und letzterer schimmerte hie und da, wenn sich der Nebel etwas lichtete, mit seinen phantastischen Gestalten aus der Tiefe herauf. So viel war uns Allen klar, dass hier ein einziger Fehltritt uns Allen unfehlbares Verderben gebracht hätte. Als die Steilheit des Westabfalles des Grates immer mehr zunahm, konnten die Stufen nicht mehr in der bisherigen Weise, d.h.

die eine links für den linken Fuss, die andere rechts für den rechten Fuss, geschlagen werden, sondern es musste auf einen Ausweg Bedacht genommen werden, wie man den bei einer Fortsetzung des bisherigen Systems des Stufenhauens unvermeidlichen Gefahren vorbeugen könne. Unser allezeit auskunftbereite, der Lage vollkommen gewachsene Chef-Führer gerieth auf den Gedanken, die Stufen nicht mehr neben einander, sondern eine hinter der andern zu schlagen, so zwar, dass die Fussspitzen beim Hineintreten in die Stufen gegen den Kamm des Grates gerichtet waren und wir dem linksseitigen Abfall des letztern den Kücken zukehrten, indem wir den obersten Rand desselben zum Hinunterkommen benutzten. Und siehe! dieses neu adoptirte System bewährte sich trefflich und trug namentlich dazu bei, das Gefühl der Sicherheit in hohem Grade zu vermehren, da die Füsse bessern Halt fanden als bisher. Nach etwa zwei Stunden hatten wir diese schwierigste Strecke der ganzen Fahrt endlich hinter uns. Der Grat wurde breiter und flachte sich allmälig aus. Nunmehr wandten wir uns direct westwärts, um zum Hintergrund des Persgletschers hinunterzusteigen. Aber welche Entfernungen trennten uns noch von demselben, und welche Hindernisse mussten noch theils umgangen, theils überwunden werden, bevor wir unsern Fuss auf die sanft geneigte Fläche des Persgletschers setzen konnten!

Unterdessen hatte sich der Nebel glücklicher Weise etwas gelichtet und gewährte uns die Möglichkeit, einen Theil des nunmehr einzuschlagenden weitern Weges zu überblicken. Bald gelangten wir an den obern der beiden gewaltigen, die Breite der Westwand der Einsattlung zwischen dem Cambrena und der östlichen Palüspitze durchsetzenden Bergschründe. Derselbe war gut überbrückt. Nun entstand aber die Frage, wie es sich wohl mit dem zweiten, grösseren Bergschrund verhalte, ob derselbe auch überbrückt sei oder ob er uns zu einer möglicherweise sehr zeitraubenden und schwierigen Umgehung nöthigen werde. Um hierüber in 's Klare zu gelangen, näherten wir uns so viel als möglich dem obern Band des Schrundes und warfen spähende Blicke nach rechts und links, ob sich nicht über denselben hin ein Ausweg eröffne. Aber vergeblich! Ueberall gähnte uns die grausige Kluft, jeglicher Schneebrücke baar, in derselben Breite und Tiefe entgegen, und wir sahen uns daher gezwungen, uns wieder nach oben zu wenden, um wo möglich nach rechts, d.h. nach Süden hin, eine Umgehung des Hindernisses zu versuchen. Eine Umgehung des Bergschrundes nach links war ein Ding der Unmöglichkeit, da derselbe auf dieser Seite gegen die hier beinahe senkrechten Eis- und Felswände des Piz Cambrena auslief, über welche man schlechterdings nicht hätte traversiren können. Wir gelangten verhältnissmässig ziemlich rasch zu einem Punkte, von wo aus sich uns ein Ausweg zu eröffnen schien. Freilich war dieser Ausweg kein leichter. Derselbe führte nämlich direct über eine äusserst steile Firnwand von ca. 120 Meter Höhe hinunter und war rechts und links von ungeheuren parallel mit der einzuschlagenden Richtung nach der Tiefe hin verlaufenden Spalten umgeben. Nach rechts hin fiel der Blick in die Tiefe des unsere Wegrichtung im rechten Winkel schneidenden untern Bergschrundes hinunter. Einmal mussten wir an einer etwas weniger geneigten Stelle nach rechts abbiegen und gelangten in Folge dieser Directionsänderung an den untern Rand des untern Bergschrundes. Wir machten einen Augenblick Halt, um denselben zu betrachten, und waren von dem wunderbaren Anblick, den derselbe darbot, ganz ergriffen. Der obere Rand war in einer gegen 6 Meter hohen, senkrechten, blauschimmernden Eiswand abgerissen, deren Ende in der ganzen Länge mit riesigen Eiszapfen, die wie Orgelpfeifen neben einander gereiht waren, behangen war. Die Breite der Kluft war sehr bedeutend und die Tiefe derselben unabsehbar, wie man daraus schliessen konnte, dass das helle Himmelblau des obern Theils der beidseitigen Wände allmälig in ein tiefes gesättigtes Ultramarinblau überging und dieses sich schliesslich in immer dunklere Tinten bis zu eigentlichem Schwarz verwandelte. Wir konnten uns von unserm Standpunkte aus von Neuem überzeugen, dass kein menschlicher Fuss über diese Höllenkluft hätte setzen können. Nun kamen wir an eine Stelle, wo uns die Freude des Hinunter-schlittens vergönnt war. Sausend und brausend und von dem aufgewirbelten Schnee wie von einer Wolke umgeben, fuhren wir zur Tiefe hinunter. Leider war aber das Vergnügen nur ein kurzes; denn bald hemmte die zunehmende Weichheit des Schnee's die Fortsetzung desselben und wir mussten uns wohl oder übel wieder auf die Füsse aufrichten. Der Charakter des Weges blieb sich fortwährend so ziemlich gleich. Beständig tauchten zu beiden Seiten desselben Firnspalten auf, zwischen denen es hindurch zu laviren galt. Kurz bevor wir den obern Theil des Persgletschers erreichten, musste noch eine ziemlich schwierige Stelle überwunden werden. Wir konnten nämlich die bisherige Richtung nicht mehr weiter verfolgen, da uns dieselbe zu einem überhängenden Felsabsturz geführt hätte, und mussten desshalb nach rechts abbiegen. Zu diesem Zwecke musste die scharf zulaufende Schneide eines Firngrates, auf dessen linker Seite wir hinuntergestiegen waren, mit dem Eispickel weggeschlagen werden, um Stufen nach rechts hinab hauen zu können. Unmittelbar unter dem fraglichen Grate befand sich ein allerdings nicht sehr hoher, aber äusserst steiler Felssatz, über den wir hinunter klettern mussten. Ich fragte die Führer, ob etwa unten Firnspalten seien, erhielt aber eine verneinende Antwort. Nachdem wir jedoch unten angelangt waren, überzeugte ich mich, dass ein paar respectable Exemplare von Firnspalten uns in ihren Schooss aufgenommen hätten, wenn hier Einer ausgeglitten wäre.

Endlich betraten wir den hintersten Theil des Persgletschers und steuerten nun über denselben gegen die Diavolezza hin. Unterdessen hatte sich der Himmel von Neuem mit Nebeln umzogen und es trat dichter Schneefall ein, der uns in eine wahre Dämmerung einhüllte. Dessenungeachtet nahmen wir an der Moräne am Fusse der Diavolezza unsere letzte Stärkung zu uns und im Sturm ging es nun zur Diavolezzahöhe hinan, was uns nach den ausgestandenen Strapazen beinahe wie ein Spaziergang vorkam. Schon öfters hatte unser treffliche Hans Grass bei jedem Halte besorgnissvoll sein Fernrohr nach den Abhängen des Piz Bernina gerichtet und konnte seine innere Unruhe darüber nicht verbergen, dass er die Colonne seines Sohnes nirgends zu entdecken vermochte. Offenbar lasteten schlimme Ahnungen auf ihm, die sich nachher nur zu sehr erwahren sollten* ). Auf dem Nordabhang der Diavolezza wurde der bisherige Schneefall durch Regen abgelöst, der sich in dichten Strömen von dem unwirthlichen Himmel ergoss. 68U Uhr waren wir in den Berninahäusern, und von dort führte uns eia Bündnerwägelchen in strömendem Regen nach Pontresina hinunter.

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