Der Rucksackmann und die Heiligkeit der Berge

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und — die Heiligkeit der Berge.

Eine Begegnung.

Von Jakob Huber.

In eines Menschen Auge sah ich jenes Letzte und Tiefste leuchten: das göttliche Erleben, die Heiligkeit der Berge. Inmitten einer schaulustigen Menge stand er da, der schlichte Träger tiefsten, wahrsten Empfindens, von niemand beachtet.

1931, in Zermatt. Noch zwei Tage blieben mir. Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter. Grau verhängt die Berge, kalt strich der Wind durch die Gassen. Was verschlug 's! Sonne im Herzen, freudig und dankbar unvergesslicher Bergfahrten in Freundschaft, Sonne und Stille gedenkend, zog 's mich noch einmal hinauf zu den Blumenfeldern an den Hängen der Riffelalp. Rüstig schritt ich bergwärts. Leis rieselnder Regen setzte ein; ich achtete es nicht. Bei einer Wegbiegung am steilen Hang traf ich ihn. Er hockte still und einsam auf einem Baumstrunk. Ein schlichter Mensch, Arbeiter nach seiner ganzen Erscheinung. Auch gar nichts an ihm selbst, was irgendwie zu einer kameradschaftlichen Annäherung hätte reizen können. Im Gegenteil! Eine heftige Ablehnung dieses merkwürdigen Sonderlings liess mich nur einen kurzen, fast unfreundlichen Gruss sagen. Trotzdem ich weiss, wie oft ich selbst schon unter der Unfreundlichkeit und Unnahbarkeit mancher Berggänger gelitten habe! Zwei äusserlich leicht sichtbare Merkmale bedingten mein schlechtes Betragen. Das armselige Menschlein ruhte unter einem mächtigen, wirklich überdimensionierten Regenschirm, der allerdings ausgezeichnet vor dem inzwischen kräftiger einsetzenden Regen schützte. Aber das war 's immer noch nicht, was mich reizte, den Mann rasch abzuhängen. Sein Rucksack von einfach unheimlicher Grösse, der gab mir auf die Nerven; noch nie auf meinen Wanderungen hatte ich so etwas gesehen. Und er legte ihn wahrhaftig nicht ab zur stillen Rast am Berg, er trug ihn geduldig und ergeben am Rücken. Was mochte dieser Mensch wohl alles mitschleppen auf seinen Fahrten! Du bist verrückt, mein Kind, dachte ich. Und weil wir aus der « Kleinheit » der Menschen nur allzugern unsere eigene « Grösse » konstruieren, fühlte ich mich hoch erhaben über dieses seltsame Menschen-exemplar. Ich hatte die Blumenfelder erreicht. Ein herrlicher Strauss Purpurenzian liess mich den strömenden Regen vergessen, und hochbeglückt zog ich mit meinem Fund talwärts. An das Männchen dachte ich kaum mehr.

24 Stunden später war ich von ihm besiegt, moralisch völlig abgetrumpft, erledigt. Ohne einen Blick, ohne ein Wort!

Ein strahlender Morgen im Aufbruch. Ich mobilisierte polternd die Küchenmannschaft im lieben « Rothorn ». Noch einmal hinauf zum Gornergrat, jener Hochwarte, die einzig dasteht in unserm Schweizerland. Natürlich bequem und faul im Zug. Dort oben das alltägliche Schönwetterbild: eine internationale Menge, ein Sprachengewirr sondergleichen, und jeder zeigt wie immer und überall seine mehr oder weniger guten und schlechten Eigenschaften. Auch da noch, wo die Allgewalt der Natur tausendfältig zum Herzen spricht, wo ein Bergkranz in unerhörter Wucht und hinreissender Schönheit aufgebaut vor uns liegt. Eine einmalige Schöpfung Gottes! Ohne Wieder-holungHeraus aus dem Kreis der Gaffer, eine halbe Stunde weiter am Grat, allein mit dem Berg. Ich liege in die warmen Felsen und schaue, trinke, « was die Wimper hält », ich sinne und träume. Eine allgewaltige Symphonie der Schönheit rauscht jubelnd aus der Tiefe meines Herzens, und ich fühle mich glücklich, restlos glücklich. Herausgehoben aus der Welt der menschlichen Kleinheit, der Niedertracht, des Hasses in die reine Höhe der erd-befreiten Schöpfung! Nur irgendwo in meinem Hirn sitzt klein und hässlich der Teufel und zwickt mich so ein bisschen: Du hast dir die Sache doch etwas gar zu bequem geleistet mit deinen gesunden Knochen. Nur aus der Leistung reift das restlose Glück. Ein Wölklein trübt den Sonnenglast!

Die « grosse Wolke » kam eine halbe Stunde später, als ich mich vor der Niederfahrt noch einmal unter die Menge auf der Felsbastion mischte. Das gleiche Bild wie am Morgen, nur noch mannigfaltiger und störender: der einfache, schlichte Schweizerturist neben dem « Internationalen » im modernsten Sportdress. Es war immer so: wenn man nicht interessant ist, hängt man farbige Lappen um den welken Leib. Es geht auch so. Und was von den kulinarischen Genüssen, deren lange Reihe vom Kaviar bis zum Zervelat geht, übrig geblieben ist, darauf freuen sich bereits die kreisenden Bergdohlen. Ich wende mich rasch ab, ich will mein reines Glück der Höhe-stunden nicht schon wieder mit Erdenschwere belasten.

Da geschieht das Unerwartete. Wer kommt dort langsam aber festen Trittes die Stufen zur Bastion hinauf? Wahrhaftig, er ist 's, mein Bekannter von gestern. Unter dem Arm den Regenschirm und am Rücken den Riesensack. Mit kaum verhaltenem spöttischem Lächeln stelle ich mich etwas abseits, um den offenbar nicht ganz normalen Sonderling noch einen Moment zu beobachten. Das muss ich doch sehen, wie der « dumme Kerl » nun endlich seine Last abwirft und sich in Ruhestellung begibt. Ich gönne es ihm « von Herzen », ich habe ja das Retourbillet im Sack.

Er schreitet langsam vor bis an die Brüstung. Leicht erhobenen Kopfes, schweissgebadet. Die Augen weit geöffnet, in seinen Zügen eine ungeheure Spannung. Er schaut und schaut und schaut. Regungslos steht er da, nicht achtet er der Menge, die Welt ist versunken um ihn. Sein verlangender Blick bohrt sich tief in die furchtbaren Eisstürze der Breithorn-Nordwand, auf die in der grellen Nachmittagssonne leuchtenden Silberfirne des Lyskamms und Monte Rosas. Und dann tastet er mit seinem schönheitstrunkenen Auge liebkosend die edle Pyramide des Matterhorns ab. Was vielen gruselnder Zeitvertreib, ist ihm andachtsvoller Gottesdienst. Er war noch nie da oben, er kennt die Gipfel nicht; so schaut nur ein Mensch, der den ersten gewaltigen Ansturm der vollendeten Bergschönheit zum tiefen Erlebnis formt. Mein Spott ist längst verschwunden, nur — der Rucksack hängt immer noch an seinem Rücken. Aber er drückt nicht: es gibt eine Geistigkeit, die das Körperliche überwindet. Der Mann hat noch nicht genug; aus seinen Taschen zieht er einen alten, zerschlissenen Bädeker; er fügt mit Drehn und Wenden mühsam das Panorama zusammen, und nun studiert er Gipfel für Gipfel der fast endlosen Reihe der Viertausender von der Cima di Jazzi bis hinüber zum Weisshorn. Ich möchte auf den Mann losstürzen und ihm mit einem bodenständigen Händedruck meinen Dank stammeln; aber...

In fünf Minuten fuhr mein Zug. Ich drückte mich still in eine Ecke auf der Bergseite. Ein brodelndes Meer von Gefühlen der Beschämung und heisser Bewunderung wogte in mir. Wer die Berge so in Stille, seelischer Bereitschaft und ehrfürchtig angeht, der tritt, nicht nach der Zahl der Meter bemessen, in jenen hohen, geistigen Bezirk, der den demütigen Blick gestattet in die Grösse und Allmacht der Schöpfung. Dank, nochmals Dank, einsamer Wanderer! In einer Zeit entsetzlicher Verflachung, des Herdentriebes, der Muskelkultur hast du mir das Wort zur stillen Tat geformt: Stürmt nicht die Gipfel! Sucht und schaut das grosse Erlebnis: die Heiligkeit der Berge!

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