Der Salontiroler

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Von Max Watfeiet ( S.A.C., Diablerets, Begnins ).

An Julius und Simon Rähmi, Pontresina.

Im letzten Dezennium des 19. Jahrhunderts, vor reichlich 50 Jahren, erschien ein Alpinist mit Pickel, Rucksack und Begleitung in einem Gross-gasthof Interlakens. Er äusserte den Wunsch, Wohnung beziehen zu wollen. Hotelinhaber der damaligen Epoche waren nicht immer erbaut über Gäste im Touristenanzug und Nagelschuhen. Ohne Hehl liessen sie vorwiegend die Schweizer ihre Abneigung merken. Der Empfang des nachträglichen Kommandanten der päpstlichen Garde, ein eidgenössischer Oberst und Freiburger Advokat, war nicht nur kühl, sondern der müde Wanderer wurde zum Essen in den Kuriersaal verwiesen, wo die Kundsame zweiter Zone verpflegt wird. Diese Verringerung hielt den geistreichen Reisenden nicht ab, für sich und Führer komplette Diners und Champagner zu bestellen. Auf Grund dieses Verhaltens wurde die Bedienung stutzig und machte dem Inhaber Rapport. Seinen Schnitzer einsehend, wollte dieser die Gesellschaft dazu bewegen, den Raum zu wechseln; doch es gelang ihm nicht.

« J'y suis, j'y reste », erwiderte der Oberst auf das dreiste Ansinnen. « Il est évident que je ne suis pas un Tyrolien de salon, mais il fallait vous en rendre compte avant de commettre une bévue, difficile à redresser une fois consommée, et je répète: J'y suis, j'y reste. » Der Gasthofmensch musste unverrichteter Dinge abziehen.

Wenn ich diese Episode, welche ich von meinem Vater habe, einem Freund und Berufskollegen des Alpinisten, hier aufzähle, so geschieht dies deshalb, weil mich der Ausdruck « tyrolien de salon » an einen amüsanten Fall erinnert, der sich im Bernina gebiet zutrug. Es war im Sommer 1918.

Mit Julius Rähmi von Pontresina hatte ich eine Berninabesteigung geplant und auf den 15. August festgesetzt. So zogen wir denn am 14. von Morteratsch der Bovalhütte zu. Sechs Partien waren in der Hütte anwesend, vier für die Bernina, eine für den Piz Argient und die letzte, eine Bergungskolonne, aus Paul Schucan, Golay und Frey bestehend, für die Marco-e-Rosa-Hütte am Crast'aguzza-Sattel. Um 1 Uhr morgens waren alle Touristen beim Frühstück. Allgemeines Aufsehen erregte ein junger Holländer, Gast eines St. Moritzer Grossgasthofes, der vom Hüttenwart Zippert ganz unverfroren « confiture » zum petit déjeuner verlangte. Wie eine Bombe fiel dieses Confiture! unter die Anwesenden. Einsteinsche Bezüglichkeitstheorien waren damals noch unbekannte Grossen, aber auf 2500 m in einer Alpenklubhütte ist man an frugalere Kost gewöhnt, und Käse bekommt gewiss besser als Eingemachtes alias « confiture ». Jedes Ding zu seiner Zeit und an seinem Ort. Für uns hiess der äusserst elegant und ledern ausgerüstete Salontiroler fortan « Confiture ».

Es war 2 Uhr, als wir als zweitletzte Gruppe die Hütte angeseilt verliessen. Bezaubernd in der sternenhellen Nacht der Anblick der blinkenden Laternen, welche den vorangegangenen Partien den Gang über den nahen Gletscher erleichtern sollten. Irrlichtern gleich entfernten sie sich und verschwanden schliesslich unserm Gesicht.

Am Fuss der Himmelsleiter, Name einer steilen Firnstufe, befestigten wir die Steigeisen und stiegen gerade empor. Auf dem obern Firnplateau ( von den Führern, wenn ich nicht irre, Schnapsbödeli genannt ) angelangt, hatten wir die andern Gruppen überholt. Ohne Steigeisen ausgerüstet, mussten sie den Firnhang im Zickzack nehmen.

Am Crast'agüzza-Sattel wurde Halt gemacht und bei beissender Kälte morgens um 5 Uhr etwas gegessen. In den Felsen des Südgrates erwärmten wir uns jedoch durch rüstiges Klettern und erreichten den Berninagipfel punkt 7 Uhr. Gegenüber auf Fuorcla Surley schlief noch alles. Eintragung der Tour ins Gipfelbuch, das in einer Blechdose im Steinmann aufbewahrt wird.

Zum erstenmal seit 14 Tagen ( am 1. August waren wir zusammen auf dem Piz Palü ) hatten wir das Glück, von einsamer Zinne aus eine Hochgebirgslandschaft zu betrachten. Dieser Genuss ist mit nichts anderem zu vergleichen; durch das Ungewöhnliche der Lage erscheint man sich selbst ein anderer. Das Bewusstsein, durch Wände und Abgründe von den Menschen getrennt zu sein, und die Rückwirkung der vorangegangenen Kraftausgabe auf den augenblicklichen Zustand der Ruhe, sowie das Empfinden der äussern Eindrücke durch die Einsamkeit bieten eine Freude, die nur dem Wanderer auf einsamer Bergeshöhe beschieden ist.

Wir waren bereits mit der Einnahme des Gipfeltees beschäftigt, als die letzte und vierte Partie erschien: « Confiture » mit seinem Führer Koch von St. Moritz. Der « Herr », auffallend blau im Gesicht, was auf eine gestörte Herztätigkeit schliessen liess, setzte sich etliche Meter unter uns in die Felsen nieder und verzichtete auf die unvergleichliche Rundsicht von zuoberst. Das Gipfelbuch wurde ihm vom Führer gereicht. Rähmi bemerkte treffend zu dem seelenstumpfen Benehmen dieses Pseudoalpinisten, dass Menschen, welche für Naturgenuss unempfänglich und keine Freude an Landschaft, Flora, Fauna, Luft, Licht und Himmel haben, unten bleiben sollten. Persönlich empfand ich Mitleid für den physisch beeinträchtigten « Confiture ». Unwillkürlich drängte sich hier die Frage auf: weshalb hat er den Viertausender bestiegen? Und mit Recht hätte in diesem Fall Grossmütterchen ausrufen können: « Was go mache? » Indessen hatte ich meinem Führer Rähmi den Vorschlag gemacht, zur 3600 m hoch gelegenen Marco-e-Rosa-Hütte abzusteigen und von dort noch den Piz Zupò zu besuchen. In der Crast'agüzza-Hütte, welche etwas abseits von der Schweizergrenze auf italienischem Boden steht, stiessen wir unerwartet auf die Tourenkollegen Schucan, Golay und Frey. Mit dem Fernrohr suchten sie die Scerscenfeisen ab nach zwei seit dem 3. August vermissten Hochtouristen. Es handelte sich um Andreas Michel von St. Moritz und Direktor Steiner von Wädenswil.

Schucan, der uns sofort erkannt hatte, rief mir zu:

« Was isch das für ne Schaf... gsi, wo hüt da Morge Confiture verlangt het? » DER SALONTIROLER.

Ein herzliches Gelächter war die Antwort auf diese unerwartete Frage. Dann erklärte ich den anwesenden Kollegen den Fall des holländischen Salontirolers, der eine Renommiertour auf die Bernina unternommen hatte.

Inzwischen hatten Golay und Frey Schnee herbeigeschafft. In Ermangelung von Quellwasser musste zur Suppe, die wir uns gemeinsam zubereiteten, Schnee geschmolzen werden.

Frisch gestärkt nahmen wir nach kurzer Rast Abschied von der Bergungskolonne und brachen nach dem 400 m höher gelegenen Piz Zupò auf. Die Route führt neben dem mächtigen Felszahn Crast'aguzza vorbei. Trotz der Schönheit des Wetters und des prächtigen Panoramas, welches das ganze Berninagebiet vom Piz Tschierva bis zum Piz Cambrena umschloss, mussten wir nach halbstündigem Aufenthalt auf Zupò an die Rückkehr denken, wenn wir noch tags ins Tal gelangen wollten. Infolge des sonnigen Tages waren die Schneeschichten stark aufgeweicht und gestalteten den Abstieg bei knietiefem Einsinken mühsam.

Als wir die Bovalhütte erreichten, nach 6 Uhr abends, mussten wir auf die letzte Zugsverbindung verzichten, die Zeit langte nicht mehr, um nach Morteratsch zu gelangen vor Abgang des Abendzuges. Diesem Umstand verdankten wir einen ständigen Aufenthalt in der Hütte. Bei dieser Gelegenheit stellte Rähmi fest, dass « Confiture » bei der Eintragung seiner Tour ins Hüttenregister den Vermerk beigefügt hatte, die Bernina zuerst erreicht zu haben. Rähmi war sehr ungehalten ob der Unverfrorenheit des Salontirolers. Obschon mir der Fall wenig Sorge verursachte, schlug ich meinem Führer vor, nach Einschaltung eines Ruhetages, über den Pizzo Bianco und die Scharte die Bernina nochmals zu besteigen, um auch im Gipfelbuch die Eintragung nachzuprüfen und, wenn nötig, richtigzustellen. Die Führer legen grossen Wert auf sachgetreues Vormerken; und der Fall rechtfertigte eine Fahrt über den prächtigen Biancograt. Als zweiter Führer begleitete uns Rähmis Bruder Simon.

Am 17. August strebten wir der Tschiervahütte zu und ich freute mich schon im voraus, zum zweiten Male eine schöne Stunde auf dem Berninagipfel zu verbringen, das lohnt allein die Besteigung, welches auch der Anlass dafür gewesen sein mag. In der Tschiervahütte ging es lebhaft zu, da war reger Betrieb. Die Anwesenheit einer Sektion des S.A.C., welche eine Tour auf den Piz Tschierva im Programm hatte, trug nicht gerade zur Nachtruhe bei. Es wurde sogar gejasst, was mir bei 2460 m über Meer unbegreiflich vorkam. Als wir kurz nach Mitternacht zum Frühstück erschienen, befand sich immer noch eine Schiebergruppe, von Rauchqualm umgeben, am Hüttentisch und stockte munter drauflos. Der damalige Schulmeister von San Murezzan führte die Partie. Zu seiner Entlastung sei hier angeführt, dass er sich nachträglich bei mir entschuldigt hat.

Bei mildem Wetter, es war leicht föhnig, erklommen wir den Steilfirn bis zur Fuorcla Prievlusa ( die fürchterliche Gabel ), welche um 5 Uhr morgens erreicht wurde, in vier Stunden. Dieser Einschnitt liegt just 1000 m über dem Standort der Tschiervahütte. Trotz der relativen Steilheit des Anstieges betrug die Hebungsgeschwindigkeit in der Stunde 250 m. Je nach der mehr - Einschlag der Wurfgranate Abgerutschte Schneemasse noch als zusammenhängendes Brett Stauchwall - Sekundärer Stauchwall Am Stauchwall Überschiebung des Schneebrettes auf die Schrieeoberfläche Ablagerung der brettig verfestigten Schneequader Am untersten Brandungswall beginnt die Entwicklung von Schneestaub

Altes, während des Schneefalles nieder-gegangenes Schneebrett Es sind nur noch die Schneemassen am Brandungswall in Bewegung 159/162 - Fotos R. U. Winterhalter, Zürich Art. Institut Orell Füssli A. G. Zürich 1 u. 2 6012 BRB 3. 10. 39 Die Alpen - 1943 - Les Alpee oder weniger grossen Schwierigkeit einer Besteigung steigt oder sinkt das Durchschnittsmass der stündlichen Erhebung. So kann am Hörnligrat des Matterhorns je nach den Verhältnissen, denen man stets Rechnung tragen muss, die Hebungsgeschwindigkeit zwischen 150 und 300 m pro Stunde schwanken. Wer schneller steigt, z.B. die Gipfelstürmer, tut es unter Verzicht jeglichen Landschaftsgenusses.

Vor 12 Uhr war die Bernina erreicht und die Korrektur im Gipfelbuch ausgeführt. Unsere Voraussetzung hatte sich bestätigt. Der Salontiroler, als guter Christ, hat auch hier oben den Bibelspruch auf uns angewendet: « Die Ersten werden die Letzten sein. » Gerne lasse ich Dir Deinen Wahn, armer Salontiroler.

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