Die Alpenpflanzen im Volksmund

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Mit 1 Bild ( 96Von Max Walter

( Kempten, Allgäu ) Volkstümliche Pflanzen, seien sie nun wegen ihrer Schönheit und Augen-fälligkeit beliebt, durch ihr massenhaftes Auftreten nicht zu übersehen « der infolge ihrer Verwendung in der Volksheilkunde und aus anderen Gründen bekannt geworden, haben in den verschiedenen Mundarten eigene Namen erhalten. Sehr häufig sind diese Volksnamen lediglich Dialektumwandlungen der gebräuchlichen botanischen Bezeichnung. Oft aber lauten sie wesentlich anders als die Buchnamen und geben auffällige Merkmale, kennzeichnende Eigenschaften und besondere Verwendungszwecke der betreffenden Pflanze wieder oder zeigen irgendeine Ähnlichkeit mit einem anderen Florenvertreter auf. Zuweilen sind jedoch auch weniger naheliegende Gründe für die mundartliche Benennung massgebend gewesen. Nicht immer ist der Volksmund in seiner Namensgebung bildhaft und treffsicher. Manchmal ist deshalb die Herleitung eines volkstümlichen Pflanzennamens nicht mehr festzustellen und auch dem Sprachforscher nicht eindeutig erklärlich Zufälligkeiten, Entstellungen und Verwechslungen sowie in Vergessenheit geratenes Wissensgut mögen die Ursache dafür sein.

Die Alpenpflanzen nehmen im Pflanzenreich durch ihre Farbenglut und die Vielfalt ihrer Wuchsformen eine bevorzugte Stellung ein und leuchten reizvoll aus dem grünen Vegetationskleid Mitteleuropas heraus. Daher kann es nicht wundernehmen, dass viele davon bei den naturverbundenen Bewohnern der Alpenländer seit eh und je in hohem Ansehen stehen, was auch in einer grossen Zahl von Volksnamen zum Ausdruck kommt. Eine Auswahl daraus soll die Mannigfaltigkeit ihrer Herleitung vor Augen führen.

Manche sehr schöne, beliebte und weit verbreitete Alpenpflanze hat eine Fülle von Volksnamen aus allen Gegenden ihres Vorkommens aufzuweisen, während es einleuchtend ist, dass seltene und nur in einem engen Areal gedeihende oder unscheinbare Gewächse keine oder nur wenige volkstümliche Namen haben. So hat z.B. der blaue Eisenhut, der als häufige Lägerpflanze der Bergbevölkerung vertraut ist, weit über 200 Volksnamen, von denen freilich viele einander ähnlich sind. Diese lange Liste kann hier nur durch eine recht beschränkte Aufzählung angedeutet werden. Die eigentümliche Blüte, von der schon der Name « Eisenhut » hergeleitet ist, hat ausserdem eine Reihe verwandter Bezeichnungen verursacht. Im Tannheimer Tal ( Allgäuer Alpen ) heisst die Pflanze « Tuifeiskappe », in der Schweiz « Kapuziner-chäppli » ( St. Gallen ) und « Heuhüetli » ( Glarus ), da sie zur Zeit der Berg-mahd blüht. In Tirol wurde ihre Blüte mit Pantoffeln verglichen, wie die Namen « Paterpatschen » und « Muttergottesschühlein » beweisen. Der Eisenhut ist eine heftige Giftpflanze, die früher zum Vergiften von Raubtieren benutzt wurde. Diese Eigenschaft geben ebenfalls alpenländische Volksnamen bekannt, wie beispielsweise « Wolfswurz » ( Salzburg ), « Giftchrut » und « Gift-bluem » ( Graubünden ). Wenn er aber im Kanton St. Gallen gelegentlich « Rittersporn " » genannt wird, beruht das auf einer unberechtigten Übertragung, denn der Rittersporn gehört einer anderen Gattung der Hahnenfuss-gewächse an.

Auch der Krokus oder Frühlingssafran hat, neben verschiedenen anderen Alpenpflanzen, eine beträchtliche Anzahl Volksbenennungen. Interessant sind seine Doppelnamen « Buabn und Diandln », « Vater und Mutter » ( Kärnten ), die er den weissen und violett gefärbten Blütenkelchen verdankt Vor allem verweist das Volk jedoch in vielen Namensbildungen auf die frühe Blütezeit des Krokus. Er ist ja, zusammen mit den Soldanellen, die lenzdurstigste Bergblume, die nicht einmal abwartet, bis der Schnee ganz abgeschmolzen ist, sondern noch durch dünne Lagen seine Knospen hindurchbohrt. Oft sind es deshalb Wortbildungen mit « Schnee », wie « Schneebleaml », « Schneerösl », « Schneegugger », « Schneechrut » usw. Vom Vergleich mit der Herbstzeitlose leiten sich die Bezeichnungen « Früeligszitlose » ( Graubünden ) und « Zeit-loasa » ( Tirol ) her.

Überraschenderweise hat das allbekannte Edelweiss nicht viele Volksnamen. Sein jetziger Buchname war schon im 18. Jahrhundert in Tirol volkstümlich und hat sich mit der wachsenden Ausbreitung des Alpinismus all- gemein eingebürgert. In alten Schweizer Pflanzenbüchern des 16. Jahrhunderts ist es mit « Wollblume » angegeben. Die Allgäuer nannten die Alpenblumen-königin früher wenig ehrfurchtsvoll « Hanetabbe », bezogen auf die entfernte Ähnlichkeit der Blütenform mit dem Fuss eines Hahns. « Katzadäpli » ( Berner Oberland ) und « Bauchwehblüemle » ( Berchtesgadener Land, wegen des Gebrauchs gegen Ruhr ) sind gleichfalls heute kaum mehr benutzte Bezeichnungen.

Naheliegend ist, dass der Standort einer Pflanze sich in ihren Namen widerspiegelt und bisweilen mit Erinnerungen an andere bekannte Blumen verbunden wurde. Das ist z.B. bei der schwärzlichen Schafgarbe und der Bisam-Schafgarbe, die beide einander sehr ähnlich sehen, der Fall. Sie gelten bei den Gebirglern als alpine Kamillen und heissen deswegen in Tirol « Alm-kamillen », « Joch- und Berggramillen ». Von seiner Vorliebe für steinige Standorte hat der graue Alpendost den Namen « Stoanpletschen » ( Gschnitz-tal ). Die Bergbewohner bezeichnen eine ganze Anzahl heimatlicher Pflanzen nach der Gemse oder « Gams » Es ist dies gewissermassen ein Sammelbegriff für Gewächse, die in grösseren Höhen vorkommen. Beispiele dafür sind: « Gamsblüml » für die Aurikel in den bayerischen Alpen, « Gemskraut » für einige Steinbrecharten in der Steiermark, « blauer Gemsblüh » in den Salzburger Bergen für die hübsche Alpenaster. In einigen Gegenden der Schweiz werden zwei Hülsenfrüchtler, der Gletscher- und der Alpen-Tragant, « Gams-erbsa » genannt und das Alpen-Rispengras wird zum « Gämschgras ». Unter « Gemskresse » versteht man im Engadin den sehr hochsteigenden Gletscher-Hahnenfuss. In Kärnten sind « Weisse Gamswurz » die Alpen-Wucherblumen und « Rote Gamswurz » die Alpen-Grasnelken, zwei sonst grundverschiedene Blumen. Nach ihren Wachstumsplätzen heisst in der Schweiz die niedliche Glockenblume Scheuchzers « Matte(n)glöggli » und ihre Schwester, die löffel-krautblätterige Glockenblume, die gern das Geröll besiedelt, « Steiglöggli » und « Murglöggli ».

Auf jagdliches Gebiet führen uns einige Volksnamen der Alpenrosen. Ihr dichtes Gesträuch dient dem Auerhahn, den Birk-, Stein- und Schneehühnern als Schlupfwinkel. Sie werden daher in der Schweiz ab und zu « Hühnerstauden », « Hühnerblueme » und « Hühnermaie » genannt.

Vielen Alpenblumen haben Aussehen und Besonderheit ihrer Wurzeln, Blätter, Blüten und Früchte merkwürdige Volksnamen eingebracht. Der meterlange Blütenschaft der wundervollen Türkenbundlilie entspriesst einer gelben, schuppigen Zwiebel, die im Volksglauben des Mittelalters eine bedeutende Rolle spielte. Ihr goldgelber Farbstoff war den Alchemisten wohlbekannt. Sie bildeten sich ein, darin ein Mittel gefunden zu haben, um unedle Metalle in Gold verwandeln zu können, ein Irrwahn, über den wir heute lachen und den uns die Namen « Goldwurzl », « Goldapfel », « Goldlilie », « Goldbölle », « Goldruabn » und « Goldpfandl » überlieferten. Die Ähnlichkeit der Türken-bundblüte mit einem Turban war Veranlassung für ihren seltsamen Buchnamen. Auch die herrliche Blütenform des Frauenschuhs trug dieser schönsten einheimischen Orchidee viele sich darauf beziehende Volksnamen ein, u.a. « Almschuh » ( Oberbayern ), « Muttergottesschüehli » und « Herrgottsschüehli » ( Schweiz ), « Sakei » = Säckchen ( Tirol ), « Schlotterhose » ( Thurgau ) und ver- glichen mit einem Schneckenhaus « Schneggeblume » ( Aargau ). Eine andere Orchidee, das schwarze Kohlröschen, bewohnt Bergwiesen und Hochmähder bis in ziemliche Höhen hinauf. Ihr schwarzpurpurnes, wie angebrannt erscheinendes, nach Vanille duftendes Blütenköpfchen vermittelte dieser hübschen Alpenblume allerlei Benennungen. Im Allgäu kennt man sie als « Brän-tele » und « Brantala », in der Schweiz unter Namen wie « Ruasseli », « Mohren-köpfli », « Brandii », « Schokoladenblüemli », « Naseblüeter » und « Bluetströpfli », in Österreich ist es bei den Bergbewohnern als « Vanilliblüml », « Blutrose », « Blutnagel » und « Schweissbleaml » ( Schweiss = Blut ) beliebt; auch « Männertreu ». Die weissen Blüten der Alpen-Gänsekresse erinnern die Bergbauern um Grindelwald ( Schweiz ) an Ziegerkäse. Deshalb nannten sie die auf Gesteinsschutt lebende Pflanze « Zigerchrut ». Nach ihrem stattlichen, blassgelben Blütenstand führt die Strauss-Glockenblume um Reutte ( Nordtirol ) den Namen « Katzeschwanz ». In den Allgäuer Alpen bezeichnet man das reizende Stein-röschen, eine nahe Verwandte unseres Seidelbasts, seiner wohlriechenden, nelkenähnlichen Blüte wegen als « Bergnägele ». Von ihrer hellglänzenden Behaarung hergeleitet, heisst die Edelraute im Salzburgischen « Silberraute ». Hingegen sind « Silberchrut », « Silberglätti » und « Sidechlee » volkstümliche Schweizer Bezeichnungen für den Alpen-Frauenmantel, dessen Blattunterseite mit silbern schimmernden, seidenweichen Härchen besetzt ist. Der Allgäuer sagt ihm « Silbermäntele ». Mit « Alp-Rhabarber » benennt er den Alpen-Amp/er, wozu die grossen Blätter verleitet haben. Die prächtige, blau blühende Alpen-Waldrebe wird in der Steiermark « Blauer Hopfen » geheissen und damit der kletternde, Gebüsche und Bäume einspinnende Wuchs dieser einzigen alpinen « Liane » ausgedrückt. Weniger klar ist der Name « Chräje-schnabel»Krähenschnabel ), der im Emmental in der Schweiz für die Berg-Flockenblume im Gebrauch ist und von den das Blütenköpfchen krän-zenden Zungenblütchen herrühren dürfte. Die Nidwaldner haben die bezaubernd schönen Alpenanemonen trefflich « Alpesterne » getauft. Mehr noch als ihre Blüten, ist ihre Fruchtform Gegenstand volkshafter Namen gewesen. Wenn die weissen oder gelben Kelchblätter dieser Anemonenart abgefallen sind, entwickelt sich der bekannte, an einen wildzerzausten Haarschopf erinnernde Fruchtstand. Er gab Anlass zu zahlreichen bildhaften Namen, wie « Fotzabese » ( St. Gallen ), « Alter Ma » ( Appenzell ), « Wildes Männle » ( Nordtirol ), « Bergmännle » ( Allgäu ), « Strublabuabn » ( Vorarlberg ), « Bärentatzen » ( Kärnten ) und schliesslich « Haar im Arsch » ( Steiermark ), womit man nebenbei sieht, dass die Älpler sich kein Blatt vor den Mund nehmen. Ähnliche Frucht-gebilde haben das Alpen-Benediktenkraut und die Silberwurz. Erstere hat deswegen in österreichischen Alpengebieten die Namen « Petersbart » und « Grantiger Jager », die andere « Frauenhaar » und « Kaisertee ». Die letztere Bezeichnung offenbart uns die Silberwurz als Heilpflanze und leitet zu Namensgebungen über, die auf Grund der Verwendung alpiner Pflanzen entstanden sind.

Ungezählte Pflanzen sind in der Volksheilkunde geschätzt. Manchen würzigen Kräutern und farbenfrohen Blumen der Berge schreibt man besondere Heilkräfte zu. Dies lassen verschiedene Volksnamen leicht erraten.

Erwähnt seien nur: « Frauenraute » ( Osttirol ) für die Bisam-Schafgarbe, die als Heilmittel bei Frauenkrankheiten Anwendung findet, « Kraftwurz » und « Wundkraut » ( österreichische Alpen ) für den Arnika. Sein Gebrauch als Vieharzneimittel wird durch den Schweizer Volksnamen « Rinderblume » bestätigt.

Ein lästiges Unkraut der Alpenweiden, der weisse Germer, wird zur Vertreibung von Ungeziefer nutzbar gemacht, indem der Absud seiner Wurzel gegen Läuse und Küchenschaben verwendet wird, was wiederum mit den Benennungen « Lauskraut » ( Österreich ), « Lauswurz » ( Allgäu ) und « Chäfer-worzel » ( St. Gallen ) ausgedrückt ist.

Gute Futterpflanzen erlangten mit Recht grosse Beliebtheit, die sich durch viele Namen äussert. Vermutlich heisst der Alpen-Wegerich wegen seiner vorzüglichen Futtereigenschaften im Bregenzer Wald « Adelgras »; seine Namen « Rütz » ( Allgäu ) und « Ritz » ( Graubünden ) sind romanischen Ursprungs. Zwei ausgezeichnete Milchkräuter, die Goldfeste und die Alpen-Bärwurz, nennt der Schweizer « Rahmblüemli ».

Gelegentlich fussen die Volksnamen auf Unkenntnis. Dies trifft beispielsweise für die Alpen-Bärentraube zu, die als kleiner, am Boden kriechender Strauch blauschwarze, nicht giftige Beerenfrüchte trägt, in Graubünden aber fälschlich « Giftberi » und « Tödberi » geheissen wird.

Auch Volkskundliches, Aberglaube und Sagen sind die Ursachen für Pflanzennamen gewesen. So werden wohl die österreichischen Namen « Teufels-peitschen » und « Zigeunerkraut » für das stengellose Leimkraut, das als hochalpine Polsterpflanze liebliche Blütenkissen in der vegetationsarmen Felsenwelt hervorbringt, mit Aberglauben zusammenhängen. Der Allermanns-harnisch, ein alpiner Lauch mit grünlichweissen Blütenkugeln, gilt von altersher als Zauberpflanze. Seine Zwiebel ist von einem Geflecht abgestorbener Faserhäute umgeben. Sie wurde als Amulett gegen Verletzungen getragen und allgemein als Zaubermittel angesehen, daher ihre Namen « Raun-wurz » ( von Alraun ) im Unterinntal und « Siegwurz » ( Salzburg ). In den Ostalpen wird ferner das Alpenleinkraut zu den « Verschreikräutern » gerechnet, die man nach altem Brauch kleinen Kindern in die Wiege legt, um sie vor Verhexung zu bewahren. Da sich die Blütenhüllblätter der grossen Eberwurz oder Silberdistel nur bei Sonnenschein entfalten, bei bedecktem Wetter aber geschlossen bleiben, steht sie im Rufe des Wetterpropheten. Dieser Volksglaube fand in den Namen « Wetter distel » ( Tirol ), « Wetter- und Sonnenrose » ( Kärnten ) seinen Niederschlag. « Eberwurz » soll von der Gewohnheit der Schweine, die Wurzel auszuwählen, herkommen Die Tatsache, dass sie früher ein Mittel gegen Viehseuchen war, wird aber die wahrscheinlichere Erklärung dafür sein.

Als Beleg für Entlehnungen sei die Alpen-Wucherblume nochmals angeführt, die in den Allgäuer Bergen unter der Bezeichnung « Alpengretle » bekannt ist, was soviel wie « Alpen-Marguerite » bedeutet. Marguerite ist vielerorts die volksmässige Benennung für die gemeine Wucherblume; sie stammt aus dem Französischen, womit dort aber das Gänseblümchen gemeint ist.

Schliesslich darf die Bergkiefer oder Legföhre nicht vergessen werden. Ihre Krummholzbestände sind für die Alpen charakteristisch, und die Zahl ihrer Volksnamen ist gross. Einige davon, die aus der romanischen Sprache übernommen wurden, sind: « Zundera » ( Vorarlberg ), « Tüfern », « Taufern » und « Daofra » ( Allgäu ), « Sprinzen » ( Pustertal ), « Fleischten » ( Südtirol ).

Die Volkstümlichkeit vieler Alpenpflanzen, die aus ihren zahlreichen Namen spricht, ist für sie nicht ohne Nachteil; denn mehrere der hier erwähnten schönen Bergblumen und manch andere dazu mussten unter Naturschutz gestellt werden, damit sie nicht durch unverständiges, massenhaftes Abpflücken und teilweise sogar Ausgraben vollkommen aus dem Florenreich der Alpen verschwinden. Jeder kann zu ihrem Fortbestand mithelfen, indem er, vor allem die selteneren und geschützten Pflanzen unbeschädigt wachsen lässt. Nur an ihrem natürlichen Standort umgibt sie ganz der lebenskräftige Zauber ihres Werdens und Seins.

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