Die Aussicht vom Berge

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Von Henry Hoek

( Davos, Sektion Davos ) « For the food you are to receive and for the Glory of the Mountains you have seen, thank God. » Tischgebet des Erzbischofs von Canterbury beim Winter dinner des Alpine Club 1938.

Mögen unsere Sinne rein sein und aufnahmefähig für das Schöne, und möge der hochehrwürdige Berg uns gutes Wetter geben. » Alt japanisches Pilgergebet.

Verschieden wie die Gesichter der Menschen ist das Antlitz der Berge, und verschieden wie des Menschen Handlungen und Äusserungen sind die Aussichten, die uns der Gipfel schenkt. Jede ist anders...

Aber es gibt Typen und gibt Ähnlichkeiten.

Stets, und auch immer wieder, wird die Schau von hoher Warte erfreulich empfunden. Aber durchaus nicht immer ist die Bezeichnung « schön » angebracht. Dies aber lernt man erst nach Jahren und durch Vergleich.

Junge Bergsteiger, denen die Fülle und der Beichtum der geistigen Erfahrung noch abgeht und damit auch die Möglichkeit abwägender Kritik, sind leicht geneigt, ihre angenehmen Gipfelgefühle ohne viel Gedanken in die Aussicht hinaus zu projizieren, diese Aussicht dann ohne weiteres als schön zu empfinden und schliesslich, beinahe schon einer Tradition folgend, von der Pracht und Schönheit der Gipfelschau zu reden — und zu schreiben.

Nun ist eines unbestreitbar: Jede Bergfahrt, wo immer und in welcher Höhe, gibt des « Schönen » ein volles Mass. Aber gerade die Aussichten von hohen Gipfeln sind durchaus nicht immer schön im Sinne der künstlerisch-ästhetischen Betrachtung.

Wir steigen auf den Berg aus sehr viel verschiedenen Beweggründen. Einer davon ist die Freude an der Aussicht. Aber die mehr oder weniger schöne Aussicht ist nur selten bestimmend für die Wahl unseres Zieles; dies gilt besonders für schwierige Bergfahrten. Es ist beinahe unbegreiflich — beinahe könnte es wie eine Entschuldigung unseres Tuns klingen, das gewiss keiner Entschuldigung bedarf —, dass es fast zum guten Ton in der alpinen Literatur gehört, in überschwänglichen Worten von der Schönheit der Schau zu schwärmen, wobei man sehr oft aus Nachlässigkeit, aus unterlassenem Nachdenken, die anderen belügt — und oft auch aus Unverstand, aus Nichtverstehen, sich selbst...

Freilich: die Aussicht, nur als Fernblick gewertet, hat immer ihren lockenden Reiz, selbst wenn sie durchaus nicht schön ist.

Nie werde ich ein kleines Erlebnis vergessen, das nun bereits beinahe dreissig Jahre zurückliegt. Ich fuhr im Auto auf schnurgerader Strasse zwischen Freiburg und Breisach nach Osten, und vor mir, scheinbar in weiter Ferne, hoben sich die Schwarzwaldberge wie eine geschlossene und ungegliederte Mauer, dunkelblau im Schatten unter der kaum erst aufgestiegenen Sonne.

Vor mir auf der gelbweissen Strasse, und mit jedem Schritt ein golden durchleuchtetes Staubwölkchen vom Boden lösend, ging ein Kind, ein Knabe von vielleicht sechs oder sieben Jahren. Wie ich näher kam, blieb das Bürschchen stehen und hob bittend die Arme. Ich hielt an und fragte ihn, wohin er wolle. Er deutete vorwärts auf die Berge.

« Und was willst du da? » « Ich möchte wissen, was auf der anderen Seite ist. » Und das scheint ein allgemein menschlicher Wunsch zu sein.

Viele von uns steigen sicherlich — auch wenn sie es nur halbbewusst tun — auf den Gipfel, um zu sehen, « was auf der anderen Seite ist ». Dies ist der ursprüngliche, der naive und treibende Grund alles Bergsteigens, soweit es nicht Arbeit ist irgendwelcher Art. Wir wollen die andere Welt, die ganze Welt sehen — und wir wollen hinabsehen auf diese Welt.

Die Alpen - 1944 - Les Alpes7 DIE AUSSICHT VOM BERGE Und wenn es wahr ist, dass viele Menschen glücklich sind, « ihre Augen zu erheben » und hinaufzusehen, zu anderen, zum Gipfel und zum Himmel — es ist zum mindesten ebenso wahr, dass es viele gibt, die von einer, von ihrer Höhe hinabsehen wollen auf die Welt und die Menschen unter ihnen.

Jawohl, dies ist der naive und erste Antrieb, auf einen Berg zu steigen. Alles andere kommt später, ist Folge. Es wird am Wege bergauf und bergab gefunden, und manche dieser Funde haben unserem Leben zu neuem Reichtum verholfen.

Auch der grösste Verehrer der Ebene und ihrer Schönheiten und Annehmlichkeiten kann nicht leugnen: man hat weiteren Blick vom Gipfel! Denn die Erde ist nun einmal rund. Und es ist wirklich etwas Grosses und Wertvolles um den « weiten Blick ». Die angeborene und instinktive Sehnsucht der Menschen nach dem Blick in das « Jenseits » ist verantwortlich für jeden Fortschritt, für jedes « Weiterkommen » — sei es der Blick von einem dreitausend Meter hohen Bergwall, sei es der Blick von der sperrenden Mauer, die vor jeder neuen Erkenntnis steht und gegen Eroberung verteidigt.

Und wer weiss, ob nicht der freie Blick, die Aussicht vom materiellen Gipfel so gut wie die von der Höhe einer wissenschaftlichen Eroberung, uns auch Nichtmaterielles besser verstehen lehrt...

Mögen unsere Berge geologisch jung sein: für uns sind sie alt und dauernd genug, um als ewig auf uns zu wirken, um uns den Glauben an Grosses und Ewiges zu geben.

Jeder von uns kann nur urteilen nach der Summe seiner Erfahrungen. Wer nur einmal in seinem Leben von einem hohen Gipfel in die Tiefe und Weite sah, dem ist dies ein ganz anderes Erlebnis, als es für den ist, der hunderte oder gar tausende Berge bestieg. Aus dem einmaligen Erlebnis, aus dem bisher unbekannten Lustgefühl entspringt gar leicht die Versuchung, das, was man als angenehm und schön empfand, für schön schlechthin zu erklären. Erst der wägende Vergleich — es wurde schon gesagt — ermöglicht ein kritisches und richtiges Urteil.

Mein ganzes Leben lang, wohin das Schicksal mich verschlug, bin ich zu Berge gestiegen, auf hohe Gipfel, auf die Hügel der mittleren Gebirge, auf Vulkane oder Felsen in der Wüste... Aus der Ernte von mehr als fünfzig Jahren Bergsteigens will ich ein paar Früchte herausgreifen und will versuchen, von Aussichten zu berichten, die mir einzigartig, die mir schön oder hässlich, die mir seltsam oder typisch erscheinen.

Das Urteil ist subjektiv, denn letzten Endes entspringt es dem Gefühl. Wer nicht einverstanden ist, der möge nicht mit mir rechten. Gerne will ich zugeben, dass er recht hat — und ich nicht — von seinem Empfinden aus gesehen und geurteilt. Auch Rechthaben ist ein relativer Begriff — und Schönheit ist für jeden etwas anderes.

Matterhorn ( 4505 m ) Seltsam, eigenartig und einmalig wie die Gestalt des Berges selbst ist auch seine Aussicht. Wie der Berg mit seinen vier ausgesprochenen Graten und mit den vier grossen Wänden die vollkommenste, die überzeugendste Form eines Felsgipfels ist, so ist diese Aussicht, fast ohne jeden Vordergrund, der vollkommenste Blick von oben, wie er uns vielleicht im Traume erscheinen mag.

Da die letzte Kuppe des Homes nur noch wenig gewölbt ansteigt, so überschneidet sie, von oben gesehen, die Wände des gewaltigen Kolosses, auf dem wir stehen. Man sieht nicht « am Berge hinunter », man hat aber auch nicht den Schreckblick hinab in eine schwindlige, senkrechte Tiefe, die sich vor unseren Füssen öffnet. Man steht auf einer Plattform, die überall von Luft umgeben ist, und ohne jede Ablenkung strömt rings die Ferne auf uns ein. Sie tut es mit einem unendlichen Reichtum ganz verschiedener Bilder: Noch grüsst Menschliches aus den Tälern herauf, aber doch hat die wilde und unbezwungene Natur bei weitem die Oberhand. Sie zeigt uns mit vielfachem Ausdruck, wie verschieden sie Gipfel zu gestalten vermag: Das Eismassiv des Monte Rosa, dem gewaltige Ströme entfliessen, die hängenden, gefrorenen Bastionen der Dent d' Hérens, die dunklen, dräuenden Wände der Dent Blanche, die weisse Pyramide des Weisshornes, ebenmässig und beinahe grazil, die geschlossenen und gescharten Massen der Mischabel-Gruppe, die fernen blauen Spitzen des Berner Oberlandes, wie verlorene Inseln in einem lichthellen Meer, und die ragende Wucht des Mont Blanc im Westen, eine breite Burg im Himmel thronender Götter. Dies alles steht gleichwertig nebeneinander und hintereinander, bekämpft sich nicht und erdrückt sich nicht gegenseitig. Und im Süden, als Ausgleich gegen die Mannigfaltigkeit und die Bewegtheit der Bergwelt, die Endlosigkeit, die Ruhe und die Geschlossenheit der lombardischen Ebenen, die ohne klare Grenzen mit dem Horizonte verschmelzen.

Diese Aussicht ist ausgewogen, sie ist beinahe vollkommen schön, trotz der grossen Höhe, in der wir stehen, und trotz der unvermittelten und unheimlichen Tiefe, die uns allseitig umschliesst.

Monte Disgrazia ( 3678 m ) Auf italienischen Karten heisst der Berg « Pizzo Bello ». Wer jemals diesen Gipfel etwa von der Einsattelung zwischen Sissone und Cima di Rosso oder vom Chapütsch-Pass ( im Hintergrunde des Fextales, zwischen Tremoggia und Fora ) gesehen hat, der wird dieser Bezeichnung die volle Berechtigung zugestehen. Nicht viele Gipfel in den Alpen wirken derartig überwältigend, wie der « schöne Berg » aus mittlerer Höhe von Norden gesehen.

Ganz anders sind Anblick und Wirkung, wenn man von Süden, von dem Refugio Cesare Ponti aufsteigt, um den Berg zu besuchen. Es ist eine etwas schwerfällig-langweilige Felsmasse, durchzogen von einigen nichtssagenden Schneerinnen, die man vor sich hat — und der gebräuchliche Anstieg bringt auch nichts irgendwie Aufregendes.

Diesem Doppelgesicht des Berges entspricht seltsamerweise auch eine Zwiespältigkeit der Aussicht. Teils ist sie überragend schön, mit einem herrlichen Tiefbhck in das Tal von Sondrio und Chiareggio, aus dem formvoll und gewaltig die Berninagipfel aufsteigen, und mit einer wundervollen Fernsicht auf das Wallis und weiter bis zum Monte Viso — teils ist es eine wenig DIE AUSSICHT VOM BERGE reizvolle Schau, über einen tatsächlich hässlichen Vordergrund hinweg, auf das Gewirr der ziemlich farblosen Comasker und Bergamasker Alpen.

Von der Hochbergell-Kette zwischen Badile und Sissone erwartet man gefühlsmässig viel und ist auch nicht recht befriedigt. Der Standpunkt ist schon zu hoch, und von diesem « versteinerten Walkürenritt » bleibt von dieser Höhe aus gesehen nicht viel Heldisches übrig.

Der Blick in die höllisch-heroische Val di Bagni und hinab nach San Martino ist leider durch den Rücken der Cima d' Arcanzo und ihrer Nachbarn verdeckt, und damit entfällt eine der grössten Schönheiten der Südseite des Hochbergell. Diese Südbergeller Berge sind wunderbar — ganz überraschend grossartigin ihren Tälern und von den Tälern aus gesehen, aber sie verlieren an Schönheit, je höher man kommt Diese Landschaft steht damit in einem auffallenden Gegensatz ( um nur ein Beispiel zu nennen ) gegen Zermatt und sein Tal, wo die ganze Bergwelt an Schönheit gewinnt mit jedem Schritt, den man steigt.

Ben Nevis ( 1343 m ), Schottland Ben Nevis ist ein grosser Berg! Zwar ist er nur ein wenig mehr als 1300 Meter hoch — aber es sind 1300 Meter, die man voll und ganz aus Meereshöhe steigen muss. Und der Gipfel erhebt sich ebenso hoch über Fort William wie jener des Piz da la Margna über dem Silser See. Ben Nevis ist auch ein gewaltiges Massiv; und von Fort William aus sucht man vergeblich, die höchste Spitze zu entdecken. Denn die Basis des Berges misst mehr als 30 Kilometer im Umfang, und die Krone des Herrschers ist versteckt hinter den Schultern kleinerer Vorberge. Ben Nevis ist der Berg, auf dem man gestanden haben muss, wenn man je in Schottland reiste um der Landschaft willen; und die Einheimischen reden nur von ihrem « ben », ohne jedwede nähere Bezeichnung.

Bergsteigerisch betrachtet, ist es ein Kinderspiel, auf den « ben » zu steigen — wenn auch ein etwas lange dauerndes Spiel — aber, bei Gott, es lohnt sich, das Spiel bis zum Ende zu spielen. Denn die Aussicht ist ein Erlebnis.

Was man sieht? Das schottische Hochland! Es ist klar, dass man nichts anderes sieht, und die Antwort könnte als unziemliche Verulkung des Lesers aufgefasst werden... Ich möchte damit sagen, dass man den vollkommenen Eindruck dieses uralten Gebirges bekommt, das mit hundert und aber hunderten grauer Felsen aufsteigt aus braungrünen und steilwandigen, von Gletschern gehobelten Tälern, aus braunroten Farnwildnissen, aus braunlila Heiden. Es sind gedämpfte Farben — aber von einem Schmelz, wie sie nur im Klima Schottlands zu sehen sind.

Ja — grau sind die Felsen, aber nur aus der Nähe betrachtet. Je weiter sie entfernt sind, um so blauer werden sie. Ich habe nie gewusst, was Blau ist, bevor ich die westlichen Highlands vom Gipfel des Ben Nevis sah, kurz bevor die Sonne unterging. Wer dieses Blau malen könnte — man würde ihn für hoffnungslos irrsinnig halten ausserhalb Schottlands. Aber hier, in der ozeanischen Feuchtigkeit der Luft, sind eben alle Farben in das märchenhaft Unwahrscheinliche gewandelt und verstärkt.

Ben Nevis ist ein grosser Berg! Ich stehe hoch über allem Irdischen. Ich sehe tief hinab in Täler, wo dünne Strässchen laufen, wie Fäden, die um die Hügel gewunden sind, wo die Bauernhäuser nur noch dunkle Punkte sind und die Felder winzige Farbkleckse und wo im Wasser der Bäche Lichter aufblitzen, wie ferne Scheinwerfer in der Nacht. Ringsum steht ein Berg hinter dem andern, und die atlantischen Wolken ziehen dicht über mir. In halber Höhe liegt ein helles, rundes Seeauge, und ganz unter mir sehe ich Loch Linnhe, blau wie ein Himmel des Südens, und rechts davon Loch Lochy, wo — heute unter einem farbigen, doppelten Regenbogen — der Caledonian Kanal beginnt und durch ein erstaunlich liebliches Tal von Loch zu Loch schliesslich nach Inverness führt.

Und wie ich mich umdrehe, da erscheint durch einen gezackten Riss in dem wogenden Wolkenvorhang, über einen spitzen Berggipfel weg, ein Stück des Ozeans; zarte, ferne, weisslichblaue Felsen ragen aus dem glitzernden Wasser. Das müssen die Hebriden sein... Scharfe, wilde Gräte, mit Schneeflecken in ihren Klüften, ziehen nach Norden, und unmittelbar vor mir bricht der Berg in mehr als 500 Meter hoher, beinahe senkrechter Wand ab in ein riesiges Kar, wo wilde Wolkenfetzen vom Winde gedreht werden.

Dann hüllt mich Schneetreiben ein — wann wäre je ein wirklich klarer Tag in diesem Lande? Und plötzlich zerreissen die fliessenden, weissen Schleier: Eine endlose Folge blauer Berge erscheint, sonnübergossen; dazwischen noch blauere Seen, ein Dampfer, nicht grösser wie eine Fliege, der ein leuchtendes Dreieck bewegten Kielwassers hinter sich zieht — und abermals ein Regenbogen, der sich spannt von Wolkenwand zu Wolkenwand.

Wenig, was ich in den Bergen sah, erreicht die Pracht dieser blauen Berge vor anderen blauen Bergen — meilenweit und meilenweit, vor dem helleren, silbernen Blau des Meeres.

Wie soll ich mit wenigen Worten den Eindruck zu fassen versuchen? Schönheit und Ruhe, geladen mit dramatischem Ernst und ohne die nervöse Spannung, die über so mancher alpinen Aussicht liegt.

( Fortsetzung folgt )

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