Die Berge von Hakkâri

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VON DUX SCHNEIDER

Mit 7 Bildern ( 89-95 ) Der Verfasser dieses Berichtes, Mitglied der Sektion Diablerets des SAC, hat ziemlich spät zu den Bergen gefunden. Als richtiger Stadtbewohner, der lange in New York und London gelebt hat, entdeckt er sein Ursprungsland - die Schweiz - erst 1956. Er beginnt die Bergsteigerei aus lauter Neugierde, ist aber bald begeistert. Zusammen mit seiner jungen Frau Monique schliesst Dux Schneider Bekanntschaft mit Fels und Eis. In der Meinung, dass es zu lange dauern würde, das Skilaufen zu erlernen, macht dieses sympathische Ehepaar, mit kanadischen Schneereifen ausgestattet, sogar im Winter lange Ausflüge im Mittelgebirge, um seine Form zu behalten.

Nach einigen klassischen Walliser Viertausendern sehnen sich die beiden nach weniger besuchten Gipfeln und erwählen die östliche Türkei. Mit Geduld treffen sie die Vorbereitungen für ihre Expedition. 1964 endlich machen sie sich mit einem schwer beladenen Rover auf den Weg in die Türkei, wo sie sich immer noch befinden...

Anfangs August 1965 erreichen wir Yüksekova ( in der türkischen Sprache bedeutet Yüksekova « Hohe Ebene » ). Am Ende der riesigen Ebene erheben sich die ersten Ausläufer der Berge, die wir im Vorjahr von den Gipfeln gesehen haben, welche den Van-See umgeben. In diesem Jahr ( 1965 ) wurde das Verbot für die Ausländer, sich in die südöstlichen Gebiete zu begeben, aufgehoben. Endlich werden wir die Provinz von Hakkâri erreichen können, die bis jetzt gesperrt war und die für die Alpinisten am interessantesten ist.

Unweit der iranischen und irakischen Grenzen, südlich von den Städten Hakkâri und Yüksekova, findet man die beiden Bergketten Cilo und Sat. Diese Bergketten verlaufen von Nordwesten nach Südosten und werden durch den Fluss Rudbar Sin getrennt. Sie bilden den südlichen Rand des grossen Massivs im Osten der Türkei und überragen die Ebenen von Irak.

Wir beabsichtigen, mit einigen österreichischen Bergsteigern, die wir früher in Ankara kennengelernt haben, zusammenzutreffen. Unsere türkischen Sprachkenntnisse würden ihnen von Nutzen sein und ihre Bergerfahrungen unserer kleinen Mannschaft zugute kommen. Aber die Tage vergehen, und wir müssen uns damit abfinden, dass sie nicht kommen werden. Dank eines Empfehlungsbriefes haben wir inzwischen die Bekanntschaft des Saud ( Staatsanwalt ) Durusoy Bey von Yüksekova gemacht. Ein reizender Mensch: er war um unsere Bequemlichkeit besorgt und interessierte sich für unsere Pläne so sehr, dass er beschloss, uns für eine Woche zu begleiten, um die Bauern auf den Yaylî s ( in der kurdischen Sprache Zomas = Sommerweiden ) zu besuchen.

Die Provinz Hakkâri ist grösstenteils von Kurden bevölkert. Die Kurden, meist Nomaden, bewohnen seit vielen Jahrhunderten die Gegend der Dreiländerecke Türkei, Iran und Irak. Lange hatten sie eine festgefügte Stammesorganisation und standen im Ruf von Kriegern und Banditen. Die Männer sprechen kurdisch und türkisch; letzteres lernen sie meistens während des Militärdienstes.

Die Frauen und die Kinder in den entlegenen Gebieten sprechen in der Regel nur kurdisch. Sie leben hauptsächlich von Schafzucht. Jedes Bergdorf hat einen oder mehrere Yaylâs. Beinahe die ganze Dorfbevölkerung steigt im Sommer dort hinauf, um ihre Schafe, ihre Ziegen und einige Kühe zu weiden. Die Yaylâs gleichen den Alpweiden, mit dem Unterschied, dass es dort keine ständigen Gebäude gibt. Sie befinden sich gewöhnlich fünf oder sechs Gehstunden vom Dorf entfernt. Gleich nach der Ankunft errichten die Familien kleine, etwa einen Meter hohe Steinmauern und legen Grasdächer darauf, oder dann schlagen sie ihre schwarzen Zelte auf, weshalb man sie häufig für Nomaden hält. Aber die Kurden von Hakkâri sind keine richtigen Nomaden mehr. Die Dörfer wählen ihr Oberhaupt, den Muhtar. Die wichtigeren Verwaltungsbezirke, Kaza oder Vilâyet genannt, leiten Beamte, die in Ankara gewählt werden.

Was Durusoy anbetrifft: er stammt aus einer Stadt des Taurusgebirges, in der Nähe von Adana. Er ist noch nie geklettert, aber er möchte es auf einem oder zwei Bergen versuchen. Seine Gesellschaft wird uns den Kontakt mit den Yaylâ-Leuten erleichtern, und das ist wohl einige Kletterlektionen wert. Wir beschliessen, uns gemeinsam zum See von Sat zu begeben, wo sich einer der Yaylâs des Dorfes Sat befindet, und auf einem anderen Weg nach Yüksekova zurückzukehren. Nach dieser ersten Bekanntschaft mit der Gegend werden wir ausführliche Pläne für unsere weiteren Exkursionen schmieden können.

Zuerst müssen wir die grosse Ebene mit dem Rover durchfahren. Auf der anderen Seite beladen wir ein Maultier mit unserem Gepäck und erreichen den Yaylâ von Mirgezer, wo wir die Nacht verbringen.

Längs der Bäche ist der Boden mit Grün besät, aber im grossen ganzen besteht die Landschaft aus braungebrannten, steinigen und staubigen Hügeln. Am nächsten Tag erreichen wir den letzten Kamm, der uns vom grünen Tal des Rudbar Sin trennt. Jenseits beginnt die eigentliche Berggegend, wo endlich Schneegipfel erscheinen, die sich über Sat erheben. Wir kommen nur langsam vorwärts. In jedem Dorf, in jedem Weiler lädt man uns ein, ein Glas Tee zu trinken, und bald finden wir Gefallen an dieser « Teezeremonie ». Der Zuckerstock wird zuerst angefeuchtet und dann an die Sonne zum Trocknen gestellt. Während man den Tee zubereitet, wird der Zucker mit einer kleinen pickei-förmigen Hacke in kleine Stücke zerhackt. Der Zucker wird nicht in den Tee gegeben, sondern man nimmt ein Stück in den Mund und trinkt. Das heisst Tee Kirklamar. Wenn das Glas leer ist, stellt man es auf die Untertasse, und es wird wieder mit Zor çay ( « starker Tee » ) gefüllt.

Kurz vor einbrechender Nacht erreichen wir den von einer eindrucksvollen Felswand überragten Yaylâ von Sorinki. In der Ferne erglüht der Sim unter den letzten Strahlen der Abendsonne. Auf unserer Karte heisst dieser Berg cia E Hendevade, aber die Einheimischen nennen ihn Sim. Dieser Gipfel beherrscht die ganze Kette des Sat, und in der Folge konnten wir uns nach ihm orientieren.

Zum erstenmal verbringen wir die Nacht in einem dieser grossen schwarzen Zelte. Der Muhtar hat unser Zelt für die Besucher in Anspruch genommen. Das Innere ist wirklich prachtvoll: der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, und zum Schlafen haben wir flache, sehr bequeme Matratzen. Warme Decken schützen uns vor der nächtlichen Kälte, und beim Einschlafen betrachten wir die Sterne durch die Zeltöffnung.

Der Tag beginnt sehr früh auf dem Yaylâ. Um fünf Uhr machen wir uns auf den Weg, nachdem wir gefrühstückt, das Maultier bepackt und in aller Ruhe Tee getrunken haben. Die Gegend hat einen wirklichen Gebirgscharakter angenommen, und der Eindruck der Höhe wird durch das Fehlen jeglichen Grüns betont. Man hat uns gesagt, dass es hier zuvor viele Blumen gab, aber jetzt fällt ihre Seltenheit auf. Wir erreichen den See von Sat am späten Vormittag und sehen sofort, dass wir hauptsächlich Besteigungen in der Gegend unternehmen werden, die im Osten des Sees liegt. Den Nachmittag benützen wir zu einem Rekognoszierungsausflug auf den Grat, der das östliche Seeufer überragt, um einen Überblick über die Gegend zu gewinnen.

Das Tal des Sees von Sat ist im Süden von einem Bergkranz mit einigen kleinen Gletschern an den Hängen abgeschlossen. Ein Pass im Westen ermöglicht einen Übergang zum Dorf Sat. Oberhalb des südlichen See-Endes öffnet sich ein von Osten nach Westen verlaufendes Hochtal. Im Norden ist dieses Tal von einem langen Berg flankiert, den die Einheimischen Garasu nennen, der aber auf unserer Karte unter dem Namen Cie E Dis angegeben ist. Im Süden eröffnet sich ein anderer Kessel, der sich oben gegen den Garasu wendet.

Der See von Sat entwässert sich nicht gegen Norden, wie man es aus der Topographie schliessen könnte, sondern sein Wasser stürzt in eine eindrucksvolle Kluft im Westen. Kürzlich wurde festgestellt, dass dieses Wasser fünf Kilometer oberhalb des Dorfes Oramar wieder zutage tritt.

Den Garasu behalten wir uns für morgen vor. Unterdessen verbringen wir den Nachmittag, indem wir Durusoy, der sich sehr gelehrig zeigt, in die Seiltechnik einführen.

Fünf Uhr morgens. Es ist noch kalt. Wir dringen sofort in das Hochtal ein, wo die Längsseite des Garasu an ein schneefreies Zinalrothorn, von Mountet aus gesehen, erinnert. Auf unserem Weg finden wir Bärenlosung. Es ist gut, dass wir nicht in der Nacht aufgebrochen sind, denn der anato-lische Bär hat eine bedrohliche Grosse.

In stillen Schatten schreiten wir ruhig voran, und der von dem Yaylâ aufsteigende Rauch bleibt schon bald weit zurück. Wir greifen den Grat an seinem östlichen Ende an. Der Fels ist gutgriffig und fest. Auf halbem Weg finden wir zwei grosse Gendarmen, und hier seilen wir uns an, Durusoy in der Mitte, Monique hinten. Von hier aus überquert man zwei Platten und erreicht einen Sporn, der zu einem Nebengrat führt, welcher auf dem Gipfel endet. Von diesem Sporn fällt der Blick auf die Nordwand des Garasu, die anscheinend wenig Aufstiegsmöglichkeiten bietet, und diese wären nur in Kunstkletterei durchführbar. Wir traversieren leicht in die Flanke, um den Fuss eines fünf oder sechs Meter hohen Kamins zu erreichen, das zwar technisch leicht, aber sehr ausgesetzt ist. Wieder auf dem Grat angelangt, frage ich Durusoy über seine Eindrücke nach dieser ersten exponierten Kletterei. Er ist begeistert. « Übrigens », fügt er hinzu, « ist denn das Leben so wichtig? » Eine typisch türkische Überlegung!

Nach einer dreistündigen Kletterei erreichen wir den 3360 Meter hohen Gipfel und finden dort einen grossen Steinmann. Wir heben einige Steine ab, finden aber nichts. Ich hinterlege ein gelbes Taschentuch, Andenken an eine Hochzeit in einem Fischerdorf am Mittelmeer. Wir haben einem türkischen Freund versprochen, dieses Tuch auf unserem ersten Gipfel des Hakkäri hinzulegen.

Auf dem Rückweg folgen wir dem Grat bis zu einem grossen Plattenschuss, der mit einem Absturz endet, wo man abseilen müsste. Aber Durusoy hat das Abseilen nur zweimal geübt, und ohne Sicherungsseil will ich das Risiko nicht auf mich nehmen. Wir steigen in die Südflanke ab. Obschon sehr steil, bietet sie keine Schwierigkeiten, mit Ausnahme einer ziemlich exponierten Traverse unter einem überhängenden Pfeiler.

Bald sind wir unten. Wir haben keinen Grund, diese schöne Gegend in aller Eile zu verlassen und legen uns ins Gras an einem Bach, dessen eiskaltes Wasser die Hitze des Tales mildert.

Im Yaylâ empfängt uns Sali Bey, der Muhtar von Sat, der ein Festmahl hat zubereiten lassen, nach welchem wir noch bis spät in die Nacht plaudern. Die Dorfleute interessieren sich dafür, was ausserhalb ihres Landes vorgeht. Wir machen Vergleiche über Berge, Dörfer, Kühe, Schafe, Radioappa-rate... und über den Preis von Gattinnen!

Am nächsten Morgen sind wir wieder in unserem Hochtal. Sali Bey hat von einem Berg gesprochen, welcher Kanika heisst. Es ist eine etwa 3300 Meter hohe, weisse, von einem roten Kamm ge- krönte Pyramide. Dorthin also begeben wir uns, einen leuchtendblauen Vergissmeinnichtteppich überquerend. Durusoy erklärt, er habe diese Blume noch nie gesehen.

Bald steigen wir in die weisse Wand ein, die sich vor uns erhebt, und die erste Hälfte wird ohne Zwischenfall erklettert. Da stellt sich ein unerwartetes Hindernis ein, wie man es in den Alpen nicht mehr antrifft: - « Eine Bärenhöhle », sagt Durusoy, « mit Jungen drin! » Unterwegs hat er uns von der wohlbekannten Angriffslust der Bärenmütter erzählt. Diese Warnung erreicht mich gerade in dem Moment, in dem ich versuche, auf einem unsicheren Tritt stehend, eine Sicherungsschlinge zu befestigen... Es ist eine dunkle, unheilverkündende Höhle unmittelbar über uns. In aller Eile steigen wir ab, um ein leichteres Terrain zu erreichen, wo uns ein rasches Fortschreiten aus der Reichweite der Bärentatzen bringen wird ( vorausgesetzt, dass sie wirklich in ihrer Höhle sind !). Bald finden wir zwei lange Kamine, die auf einen Sattel münden.

Die Kletterei war bedeutend anstrengender als am Vortag. So beschliessen Monique und Durusoy, hier zu bleiben und die Aussicht zu bewundern, während ich eine Spitze aus brüchigem Gestein besteige, die sich rechter Hand erhebt. Dann machen wir uns alle drei auf den Weg zum Doppelgipfel des Kanika. Von da aus sollte sich die Aussicht Richtung Irak bis nach Mosul erstrecken, doch es ist schon zu dunstig. Das Panorama aber ist grossartig. Der Abstieg erfolgt über den gegenüberliegenden Grat, wo wir weder Bären noch anderen Gefahren begegnen.

Den letzten Tag verbringen wir mit Bummeln in der Umgebung des Yaylâ und klettern bis zum obersten Rand der Wand, die den See überragt. Vom Kamm aus sieht man, wie der Pfad sich zum tausend Meter tiefer gelegenen Sat schlängelt. Der Weg, der nach dem andern Yaylâ von Sat führt, nach Gavaruk, ist noch steiler. Diese Pfade sind für Pferde nicht begehbar, aber die Maultiere von Sat sind im ganzen Hakkäri für ihre Trittsicherheit bekannt.

Der Rückweg nach Yüksekova führt uns über Varegös, wo wir zum erstenmal die Nacht in einem Dorf verbringen. Die meisten Häuser sind aus Lehm, die Mauern dick und die Fenster klein. Diese Häuser haben flache Dächer, mit gewalzter Erde bedeckt, die auf engliegenden Deckenbalken ruht. In zweigeschossigen Häusern wohnt die Familie oft im oberen Stockwerk, und das Untergeschoss ist den Schafen reserviert, die dem Haus im Winter etwas Wärme abgeben. Fast alle Familien sind jetzt auf den Yaylâs. Trotzdem empfängt man uns mit der gleichen herzlichen Gastfreundschaft wie überall. Das einzige Problem, das diese Gastfreundschaft stellt: es ist praktisch unmöglich, irgend etwas als Gegenleistung anzubieten.

Dank dieser ersten Erfahrung können wir nun leichter unsere nächsten Besteigungen vorbereiten. Durusoy kommt nicht mit uns. Aber bei der Abreise treffen wir zwei junge englische Studenten, Richard und Bernard, die von ihrer Universität ein Stipendium für eine Reise in entlegene Gegenden bekommen haben. Sie beabsichtigen zwar nicht, Besteigungen auszuführen, ihr Ziel ist vielmehr, Dörfer und Yaylâs zu studieren. Wir beschliessen jedoch, den Weg miteinander zu machen und die Spesen für den Führer zu teilen. Während wir Besteigungen ausführen, können sie dann das Lager bewachen...

Wir haben vorgesehen, die Cilo-Berge zu überschreiten, die Dörfer von Oramar und Sat zu durchqueren, um dann die Gegend von Gavaruk und Sim in den Bergen von Sat zu erreichen. Die Gipfel von Sat scheinen uns interessanter als diejenigen von Cilo, obschon sich dort die höchste Erhebung der Kette ( 4168 m ) befindet ( die man hier Resko nennt, die aber auf der Karte den Namen Geliaçin trägt ).

Die erste Etappe, die uns auf den Yaylâ von Serpil bringen soll, führt über den sehr steilen Gletscher im Nordosten des Resko. Die Felsen, die diesen Gletscher flankieren, tragen deutliche Spuren von Gletscherschliff. Es wäre zweifellos sehr schwer, darüber hinaufzuklettern, und viele Stellen müssten in künstlicher Kletterei überwunden werden.

Wie wir auf dem Yaylâ ankommen, entdecken wir die normale Route zum Resko, die am häufigsten begangene im Hakkâri. Wir haben keine Lust, ihr zu folgen, denn sie böte nur einen langen Aufstieg in der prallen Sonne.

Der Herbst steht vor der Türe, und in zwei oder drei Wochen wird der Abstieg der Yaylâs anfangen. Infolgedessen beschliessen wir, uns hier nicht zu verspäten, sondern uns nach interessanteren und weiter abgelegenen Gebieten jenseits des Sat zu begeben. Auf einem wunderschönen Weg stossen wir bis Oramar vor. In Istazin erreichen wir den Rudbar Sin, dessen rasche Wasser das breite, mit grossen Bäumen bestandene Tal durchfliessen. Eine gute Piste überquert den Fluss zweimal. Hier essen wir die ersten wilden Weintrauben, kleine, aber sehr süsse.

Oramar liegt versteckt 500 Meter über dem Fluss. Es ist eine blühende Oase inmitten von kahlen Bergen. In der Tat handelt es sich um eine Gruppe von Weilern längs des Talhanges. Ein Wasser-kanalsystem, das unseren Walliser « Bisses » ähnlich ist, bewässert terrassenartig angelegte Felder. Dieser Anblick ist um so überraschender, als die Fruchtbarkeit des Bodens und der Ursprung der « Bisses » angesichts der umgebenden Berge unerklärlich erscheinen.

In Wirklichkeit ist es das Zutagetreten des vom Sat-See kommenden unterirdischen Flusses, das das Leben in den Dörfern ermöglicht hat. Eigentlich sind es zwei Täler; das südliche und tiefer gelegene ist verlassen, und seine terrassenartigen Felder werden nicht mehr bebaut. Dort blieben nur noch einige Einwohner, die ihre Weinberge weiter bebauen. Sie empfangen uns freundlich und bieten uns Pfirsiche an. Die Weintrauben werden nicht gekeltert, man kocht sie, um einen Sirup, den Pek-mez, herzustellen, der als Wintervorrat dient.

Die Terrassierungen, die wir hier sehen und die man auch in der Umgebung findet, sind das Werk der Nestorianer ( christliche, als ketzerisch erklärte Sekte ), die in diesen Bergen Dörfer gründeten, wo sie bis zu ihrer Vertreibung anfangs unseres Jahrhunderts wohnten. Zwischen den von ihnen zurückgelassenen Terrassen und Steinhäusern erheben sich noch einige Kirchen, ein Andenken an diese arbeitsamen landwirtschaftlichen Gemeinschaften.

Wie Sat, so ist auch Oramar während des langen Winters ganz von der Welt abgeschnitten. Wie man uns sagte, ist die Kälte weniger streng als in Yüksekova, das den kalten Winden mehr ausgesetzt ist, aber die Ausgiebigkeit der Schneefälle und die Lawinengefahr machen jede Ortsveränderung beinahe unmöglich.

In Oramar erlaben wir uns an allen Früchten und Gemüsen, die wir später auf den Yaylâs nicht mehr finden werden. Hier engagieren wir unseren Führer und Maultiertreiber Resid. Es ist ein grossgewachsener, fröhlicher Mann, der sich für das Bergsteigen nicht im geringsten interessiert, der aber einen gesunden Humor besitzt und sich als ausgezeichneter Reisegefährte erweist.

Im Talgrund ist es immer sehr heiss, und nach zehn Uhr wird das Reisen mühsam.

Frühmorgens brechen wir nach Sat auf und marschieren längs der irakischen Grenze an den Weinbergen von Sat vorbei, die eigentlich auf irakischem Boden liegen.

In der Nähe von Sat trifft man wieder weite, terrassenartig angelegte Felder, die aber meistens verlassen sind.

Sali Bey ist schon vom Yaylâ heruntergekommen und empfängt uns mit offenen Armen. Seine Frau bereitet uns ein ausgezeichnetes Essen, und dann verbringen wir eine sehr angenehme Nacht auf der breiten Laube seines Hauses, gebettet auf wunderbare Teppiche und Kilims.

Es drängt uns wieder in die Berge. So verlassen wir am nächsten Morgen Sat, überqueren die Reisfelder und steigen dann auf einem so steilen Weg an, dass sogar Resids Maultiere störrisch werden; nur dank « Zuckerbrot und Peitsche » schaffen sie es. Gegen Mittag erreichen wir den Yaylâ von Gavaruk. In einem See spiegeln sich der darüber liegende Gletscher und zwei ihn überragende Gipfel: links der Sim, rechts der Cia Papi.

Mit Bernard und Richard verbringen wir einen Tag mit Auskundschaften der Gegend und stellen fest, dass der Gletscher begehbar ist. Der Sim, welcher uns der niedrigere der beiden Gipfel zu sein schien, erweist sich in Wirklichkeit als der höhere, liegt aber weiter weg. Beiderseits des Tales überlagern sich die Felsen in roten, grauen, weissen und blauen Schichten und bieten einen eindrucksvollen Anblick.

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg nach dem Sim, den wir über den bis zum Bergschrund steil aufsteigenden Gletscher angreifen. In diesen Breitengraden liegt die Schneegrenze selbstverständlich viel höher als in den Alpen, und zum erstenmal schnallen wir hier unsere Steigeisen an. Der Bergschrund wird über eine schmale, zweifelhafte Schneebrücke gequert; dann steigt man in eine aus rotem, wenig solidem Gestein bestehende Felswand ein.

Nach zwei langen Kaminen steht die Wahl zwischen einem weiteren roten Kamin oder einem Aufstieg über blaue, solidere Felsen offen. Monique meldet, sie habe es satt, den kleinen Steinen auszuweichen, die der Vorausgehende unweigerlich hinunterkollern lasse. Infolgedessen steigen wir in die blauen Felsen ein. Wir kommen weniger leicht voran, aber die Griffe sind ausgezeichnet.

Endlich erreichen wir den Nordgrat und ohne weitere Schwierigkeiten den Gipfel.

Zu unserer Rechten gähnt ein tiefer Abgrund. Ein ganzer Wandschild muss vor kurzer Zeit abgestürzt sein.

Bei der Untersuchung des Gipfelsteinmannes tritt eine Dose Schuhwichse zutage: 1956 und 1962 haben österreichische Seilschaften den Sim erklettert. Die eine ist über den Nordgrat aufgestiegen, die andere gibt ihre Aufstiegsroute nicht an. Die Expedition von 1956 ist diejenige des Naturfreunde-vereins und hat eingravierte Metallschilder auf einigen benachbarten Gipfeln hinterlassen; die Expedition von 1962 war bescheidener und hat sich mit einem Papierzettel begnügt...

Vom Gipfel aus sieht man, dass der Gletscher einen östlichen Arm hat, der sich bis zum See Bay erstreckt. Aber die Tage sind schon kürzer, und es wäre nicht angebracht, dem Grat bis zu diesem Gletscherarm zu folgen. Wir ziehen es vor, etwas länger auf dem Gipfel zu verweilen, um die Aussicht zu geniessen.

Ganz in der Nähe erhebt sich der weisse Gipfel des Cia Papi, nicht ganz bis auf unsere Höhe hinauf. In der Ferne zeichnet sich wie ein riesiger brauner Thron der Resko ab. Auf der irakischen Seite ist die Aussicht wie immer durch den Dunst beschränkt; doch tauchen aus der Ebene steil abfallende Berge und flache Gipfel als Fortsetzung der Bergketten auf. In der gegenüberliegenden Richtung erkennt man in weiter Ferne Yüksekova.

Der Abstieg erfolgt über die Aufstiegsroute. Diesmal bemühen wir uns, dem Grat so nah wie möglich zu folgen, in der vergeblichen Hoffnung, eine bessere Route zu finden. Wieder werden wir zu den brüchigen roten Kaminen gedrängt, die im Abstieg noch unangenehmer sind, und bald sind wir wieder an unserer Schneebrücke über dem Bergschrund.

Bei hereinbrechender Nacht erreichen wir den Yaylâ. Von weitem hat uns Resid auf dem Gletscher erblickt und das am Vortag gekaufte Kitz gebraten. Auf dem Yaylâ herrscht Feststimmung, denn es ist beschlossen worden, übermorgen nach Sat abzusteigen. Die Kälte ist früher als gewöhnlich eingebrochen, und die Weiden sind völlig abgegrast. Täglich müssen die Schafe einen sehr weiten Weg zurücklegen, um etwas zu fressen zu finden.

Am Vorabend des Abstieges wohnen wir einer reizenden Szene bei: Sechs junge Mädchen, die zum See abgestiegen sind, um ihre Wäsche zu waschen, lassen diese liegen und beginnen zu tanzen. Sich gegenseitig an den Hüften haltend, stehen sie in einer Reihe, schreiten vorwärts, drehen sich, trennen sich und finden wieder zusammen, um von neuem anzufangen. Diese malerische Gruppe mit leuchtenden Farben hebt sich vom grünen Gras des Seeufers ab.

Resid ist nicht darauf erpicht, auf dem Yaylâ zu bleiben, nachdem alle weggegangen sind. Eingedenk all der Dinge, die wir nicht mehr bekommen werden, des herrlichen Joghurts, des fetten Weichkäses, den sie Kaymak nennen, und des guten Brotes, teilen wir seine Ansicht. Gibt es einen anderen Yaylâ am See von Bay? Ja, erklärt Resid. Aber er war nie dort. Ein Grund mehr, dorthin zu gehen, denken wir. Aber Resid ist nicht einverstanden: « Der Yaylâ gehört zum Dorf Bedav, und das sind fremde Leute! » Bedav befindet sich am anderen Ende des Sees Bay, in einem anderen Verwaltungsbezirk; die Leute von Bedav gehören zu Semdinli und nicht zu Yüksekova. Man hat uns aber in Sat versichert, wir würden auf dem Yaylâ Bedav gut aufgenommen werden. Schliesslich lässt sich Resid überzeugen, uns dorthin zu begleiten.

Bevor wir aufbrechen, machen wir eine Tour oberhalb des Yaylâ in der Richtung eines Passes, dessen Pfad für Maultiere unbegehbar ist, der aber in nur zwei Stunden zum See Bay führt. Es ist vielleicht der schönste Pass unserer ganzen Reise.

Wir erklettern zwei Gipfel, die Gavaruk überragen, und folgen einem langen Grat, der steil zum See Bay abfällt. Der Gipfelsteinmann beherbergt eine ganze Kolonie Marienkäfer, in voller Farb-harmonie mit den wunderbaren Felsen, die uns umgeben, soweit der Blick reicht.

Bei der Rückkehr auf den Yaylâ finden wir die Mädchen in ihren schönsten Festtrachten. Sie flechten sich gegenseitig die Haare in viele kleine Zöpfe. Am Abend hören wir sie singen bis spät in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen werden die letzten Vorbereitungen zur Abreise getroffen: Abbrechen der Zelte, Verbrennen der Strohdächer, Bepacken der Maultiere. Dann wird der Yaylâ familienweise verlassen. Wir selbst schlagen, ohne zu warten, die entgegengesetzte Richtung ein.

Der Yaylâ Bedav liegt am Flussufer, eine Stunde talabwärts vom See Bay. Vor einer doppelten Reihe kauernder Frauen drängt sich die Schafherde dicht zusammen und wird, Tier für Tier, beim Vorbeigehen gemolken. Eine richtige Fliessbandarbeit! Resid gebietet uns, in einer Entfernung von 50 Metern anzuhalten. Seiner Meinung nach dürfen wir nicht näher herankommen, weil wir diese Leute nicht kennen. Er seinerseits packt die Maultiere ab, setzt sich ruhig auf einen Packsattel und rollt eine Zigarette. Dann pfeift er, um die Aufmerksamkeit der nächststehenden Männer von Bedav auf sich zu lenken. Diese aber scheinen seiner ersten Annäherung keine Beachtung zu schenken. Resid zündet seine Zigarette an.

Einige Minuten später pfeift er wieder, abermals ohne Erfolg. Resid rollt eine zweite Zigarette, legt sie sorgsam in seine Tabakdose und pfeift zum drittenmal. Vielleicht entspricht dies dem Orts-brauch, aber ich fühle ein leichtes Unbehagen. Beim nächsten Pfiff kommt jedoch ein Mann gemächlich herbei und kauert sich nieder. Er wechselt einige Worte mit Resid, der ihm die vorbereitete Zigarette anbietet. Das Gespräch wird lebhafter, und nach einem zehnminütigen Höflichkeitsaustausch erfahren wir, dass man bereit ist, uns aufzunehmen. Wir schlagen unsre Zelte auf, und bald kommen die Besucher aus dem Yaylâ zu uns. Die Männer tragen nicht die von Atatürk eingeführte Kopfbedeckung, die überall den Fes ersetzt hat, sondern, wie die Araber, eine Art Turban, auf verschiedene Weise aufgerollt, was ihnen ein majestätisches Aussehen verleiht.

Später werden wir auf den Yaylâ zum Tee eingeladen. Alle Männer sind fort mit den Schafen, und wir werden von den Frauen empfangen. Die kurdischen Frauen tragen überall sehr farbige Kleider in exotischem Stil. Die hiesigen haben lange und weite Röcke aus Seide oder Baumwolle, kurze Samt-jacken und breite Gürtel. Alles in lebhaften Farben, unter denen das Rote vorherrscht. Sie haben durchlöcherte Nasen, um goldene Ringe oder Plättchen tragen zu können.

Die Frauen auf dem Yaylâ arbeiten hart. Am Morgen werden wir vom Lärm des Butterns aufgeweckt. Diese Tätigkeit besteht darin, dass mit Milch gefüllte Lederbeutel, die an Dreifüssen aufgehängt sind, geschüttelt und geschlagen werden. Der Betrieb hört nicht auf. Der frühe Nachmittag verläuft jedoch ruhiger; während der grossen Hitze beschäftigen sich die Frauen mit Stricken und Spinnen.

Im Süden vom Yaylâ Bedav öffnen sich zwei Täler, die durch eine Reihe zackiger und farbiger Gipfel getrennt sind. Einer dieser Gipfel erhebt sich in einem Schwung in unmittelbarer Nähe. Im Westen befindet sich das Tal des Sees Bay, den man in einer Stunde erreicht. Zuerst überschreitet man staubige Hänge, wo das Gras bis auf die Wurzeln von Schafen und Ziegen abgefressen ist, und erreicht dann eine grüne Wiese, die sich etwa über zwei Kilometer längs des Sees erstreckt. Der von einem Arm des Gletschers Sim gespeiste See ist von steilen Bergen umgeben. Oberhalb des anderen Endes überschreitet man einen Pass, der in ein anderes Tal führt, dessen Gestein nach den farbigen Felsen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, blendend weiss erscheint. Dieser weisse, feste Fels ist ausgezeichnet.

Von diesem zweiten Tal gelangt man zu einem weiteren, südlich gelegenen Pass, von dem aus wir den Knoten ( 3550 m ) erklettern. Dieser Name, der auf unserer Karte steht, scheint in der Gegend nicht bekannt zu sein; wir konnten aber nicht erfahren, wie man hier diesen Berg nennt. Die Besteigung im guten, festen Fels bietet keine Schwierigkeiten.

Auf der andern Seite ändert sich der Landschaftscharakter, und nach Süden eröffnet sich der Tiefblick auf Iran und Irak. Unter uns erstreckt sich das weisse Tal, das wir, vom See Bay kommend, durchwandert haben und wohin wir wieder absteigen, unterwegs noch zwei Gipfel erkletternd.

In dieser Gegend findet man viele kleine Seen, die vom Gletscher oder von Schneefirnen gespeist werden und ihr einen besonderen Reiz verleihen.

Hier werden wir drei Tage verbringen - und würden gern eine Woche länger bleiben, wenn wir nur Zeit hätten. Aber wir müssen zurück! Die Etappe vom Yaylâ Bedav nach Yüksekova wird in einem Tag zurückgelegt, einem langen und glühendheissen Tag.

Im Hakkäri haben wir nur wenige interessante Gletscherpassagen gefunden. Hingegen bietet dieses Massiv eine reiche Auswahl von Klettereien in einer wenig bekannten und von der modernen Zivilisation unberührten Gegend. Die wichtigsten Gipfel sind alle schon erreicht worden; aber es fehlt nicht an neuen Routen, die noch zu entdecken sind. Im Sommer ist das schöne Wetter beinahe garantiert, so dass man die Anmarschrouten ruhig auskundschaften kann. Die Bären scheinen die einzige Gefahr darzustellen; ich muss jedoch zugeben, dass wir während unserer Besteigungen keinen getroffen haben.

Einige Wochen in den Bergen von Hakkäri zu verbringen, ist ein spannendes Abenteuer, ist es doch ein von der ganzen Welt abgeschnittenes Massiv, wo man eine freie, anmutige und gastfreundliche Bevölkerung kennenlernt.

NB. Wir haben die Karte verwendet, die Dr. Hans Bobek während seiner Hakkâri-Expedition ( 1937 ) aufgenommen hat. Zurzeit ist es die beste dieser Gegend, und sie hat uns überall unschätzbare Dienste geleistet.Übersetzung F. Pfister )

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