Die Dolomiten — eine lebendige Vergangenheit

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Dominique Roulin, Genf

Die Einsamkeit der grossen Wände Unser Aufenthalt im August verlief in fast völliger Einsamkeit. Niemand in den grossen Routen und wirklich nur wenige in den ( kleinen ) klassischen. Tatsächlich haben wir viele Menschen angetroffen, aber alles spielte sich Als wir in jenem Sommer in die Dolomiten zurückkehrten, hat sich unsere Hoffnung, nicht in der Menge klettern zu müssen, voll erfüllt. Auf einem knappen Dutzend durch verschiedene Massive führender Routen haben wir nur einmal eine Seilschaft getroffen.

Nach gut fünfzehn Jahren Abwesenheit waren meine Befürchtungen gegenüber einem Wiedersehen mit diesen Wänden gross. Was würde ich nach jenen Jahren der Erneuerung an Veränderungen vorfinden? Würden die Bohrhaken ihren gewaltsamen Einzug in die Szene der Senkrechten gehalten haben? Waren die Götter von ihrem Sockel gestürzt? Hatten die achtziger Jahre die metallischen Visionen von Tita Piaz bestätigt? 0 nein. Jenen, die sich derartige Fragen stellen, kann ich mit einer gewissen Begeisterung und Erleichterung hinsichtlich der Magier der Vergangenheit versichern, dass sich nichts geändert hat. Auf diese Weise ist die Eleganz im Land von Carlesso und Comici wohlbehalten. Selbst die alten Rankünen zwischen Cortina und Regionen wie jener von Agordo sind noch recht lebendig. Aus wirtschaftlichen Gründen, natürlich, aber man spürt gut, dass verstaubte Zänkereien auch in Klettererkreisen weiterbestehen. Beim Besuch einer den ( Scoiattoli ), fünfzig Jahren des Alpinismus in Cortina, gewidmeten Ausstellung stellten wir verblüfft fest, dass bei den Photo-Exponaten sorgfältig vermieden worden war, den grossen Comici zu zeigen! Es war zwar eine ausserordentlich reiche Dokumentation über die Begehung der Nordwand der Cima Grande zu sehen, aber alles war so präsentiert, als sei dieser grossartige Erfolg allein das Werk der Brüder Dimai gewesen. Man kennt die Art des Bannes, der Comici seinerzeit traf. Zu denken, dass solch schäbige Gedanken noch heute manche Geister beherrschen! Schade um die ( Scoiattoli ). Hätte diese Ausstellung die Gelegenheit benutzt, auf Dünkel und Hoffart zu verzichten, so hätte sie in gleichem Mass an Achtbarkeit gewonnen.

so ab, als läge die Existenzberechtigung der Dolomiten allein in den

Ein wenig Geschichte Die schönsten Seiten der Geschichte der Dolomiten wurden zwischen 1900 und 1940 geschrieben. Es war die Epoche von Preuss und Dibona. Und natürlich vieler anderer. Aber ich werde mich auf jene beschränken, die mich durch ihre Leistungen oder durch das, was ich von ihrem Wesen lernen konnte, geprägt haben. Preuss war der Mann der Alleingänge, der über die von ihm gerade eröffnete Route auch wieder abstieg, weil er ohne Seil oft keine andere Möglichkeit hatte, zu Tal Die Cima della Busazza ( 2894 m ) in der Civetta mit dem oberen Teil des Rudatis-Pf eilers

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Unter den Überhängen des Südpfeilers an der Tofana di Rozes Die Südwand der Tofana di Rozes zu kommen. Einige der von ihm auf diese Art eröffneten Routen werden auch heute noch als gute V bewertet. Später gelang Solleder die erste Dolomiten-Route des VI. Grades. Vinatzer rückte die Grenze noch einmal etwas höher, als er am 2. und 3. September 1936 die Südwand der Punta di Rocca an der Marmolada eröffnete. Man pflegt, anekdotisch, zu sagen, Vinatzer habe den ganzen Aufstieg in freier Kletterei ausgeführt. Heute steht fest, dass die Vinatzer-Route an der Marmolada, wird sie frei geklettert, eine 6c-Passage enthält. Diese Route ist bis 1960 die schwierigste der Dolomiten geblieben.

Es sei auch der andern gedacht: Castiglioni, Tissi, Andrich, Faè, Rudatis, Carlesso und Comici. Einige der Besten fehlen in der Liste. Aber es lohnt sich, einen Augenblick bei dem zuletzt Erwähnten zu verweilen. Emilio Comici war ein gebildeter Mann, Autodidakt, Dichter. Er war sicher der erste, der sich durch ein spezielles Training für die Durchführung seiner Pläne vorbereitet hat. O ja! Schon Anfang der dreissiger Jahre hat dieser erstaunliche Kletterer das Block-Klettern praktiziert. Er hat auch die erste Solo-Begehung von sehr hohem Niveau unternommen, als er die Nord- Blick auf den eleganten Tofana-Südpfeiler. Die Ghedina Route führt über die linke Kante in die Höhe.

wand der Cima Grande wiederholte, deren Erstbegehung auch sein Werk war. Georges Livanos sagte von Comici, er hätte allein schon für seine Route an der Nordwand der Civetta ein Denkmal verdient. Und das stimmt. Man muss sich, im Schnee, im Labyrinth dieser riesigen, senkrechten Wand verirrt haben, um zu verstehen, was eine solche Erstbegehung bedeutete; die Route wurde in zwei Tagen, am 4. und 5. August 1931, eröffnet! Georges Livanos hat sie siebenundzwanzig Jahre später wiederholt und für ihre Bewältigung mehr als drei Tage gebraucht. Im Jahr 1962 hat Claude Barbier die erste Solo-Bege- hung der Route durchgeführt und jedem, der es hören wollte, zu verstehen gegeben, dass es in den Dolomiten noch echte Passagen des Grades VI gibt und dass die Anwärter gut daran täten, sich ihren klassischen Routen noch einmal gründlich zuzuwenden, ehe sie sich daranwagen! 1500 Meter Kletterei, 60 Seillängen, eine trotz ihrer mehr als fünfzigjährigen Geschichte selten wiederholte Route. Eine Route, die das Zeichen von Emilio Comici trägt.

Man muss sich bewusst sein, dass in den Dolomiten, auch wenn man sich wenig für die Art interessiert, in der die wichtigsten grossen Routen der Vorkriegszeit geklettert wurden, die Vorstellung von dem Einsatz auf der ethischen Ebene sehr gegenwärtig bleibt. Natürlich gab es, wie überall, die ( künstlichem Jahre. Doch Ende der fünfziger Jahre, während sich der direkte Angriff auf die Cima Ovest durch die Franzosen vorbereitete ( 350 Haken, davon 30 Bohrhaken, für 500 Meter Wand ) und als Livanos bereits seine prachtvolle Verschneidung der Cima Su Alto

In den sechziger Jahren taucht Messner auf, der sich in der bewährten Tradition der Kletterer des sechsten Grades darauf versteift, die Grenze des Freikletterns immer weiter hinauszuschieben. Er beseitigt ein bedeutendes Hindernis: die Unveränderlichkeit der Bewertungen. Er verhilft seinerseits dem Sassolungo zu sagenhaftem Ruhm und leistet sich ein schönes Stück Freikletterei an der grossen Wand des Sasso della Croce. Der siebente Himmel ist erreicht. Messner gelingt die Solo-Begehung der Philipp-Flamm-Verschnei-dung, und er reiht sich unter die besten Kletterer der Zeit ein.

Während der siebziger Jahre entstanden viele neue Routen, aber, abgesehen von einigen aussergewöhnlichen Leistungen beim Klettern mit technischen Hilfsmitteln, nichts wirklich Überwältigendes. Es ist die Periode der Erkundung kleinerer Felsgebiete. Der neue Sprung nach vorn in den Dolomiten ereignet sich zu Beginn der achtziger Jahre. Man muss Die Gruppe der Lastoni di Formin sich der Marmolada zuwenden, um den neuen Wind zu spüren. An der Südwand hat sich die ( Musik ) geändert. Ist sie so verschieden von den Werken Comicis und Carlessos? Sicherlich nicht! Was an der Marmolada geschieht, knüpft so direkt wie möglich an die grossen Leistungen der Vorkriegszeit an. Man erlebt Erstbegehungen, die sich an die orthodoxen Regeln des Freikletterns im strengsten Sinn des Wortes halten. Luisa Jovane und Heinz Mariacher eröffnen die Route ( Moderne Zeiten ) und vollbringen damit eine ausserordentliche Leistung! Eröffnung von unten ( mit Ausnahme der ersten Seillänge ), ausschliessliche Freikletterei, Schwierigkeitsgrad 7a und 28 Seillängen für 800 Meter Wand. Im Sommer 1985 gelingt Maurizio Giordani die erste Solo-Begehung der Route ( Moderne Zeiten ). Eine Leistung, bei der sich jeder Kommentar erübrigt und die sich denen von Preuss, Comici, Barbier und Messner würdig anschliesst. Man sagt von der Mariacher-Route, sie entspreche drei aneinandergefügten Pichenibule-Routen ( im Verdon ) in mehr als 3000 Metern Höhe. Selbstbeherrschung ist gefordert, sonst Achtung, es könnte schiefgehen!

Die Zukunft der Dolomiten scheint unbegrenzt. Auf jeden Fall solange man die Lehren der Vergangenheit beherzigt. Wichtig ist, zu verstehen, dass man, um innerhalb der notwendigen Sicherheitsmarge zu bleiben, sich darauf beschränken muss, auf dem Niveau zu klettern, das man wirklich beherrscht. Eine wesentliche Bedingung für den Zauber, den diese Art des Kletterns vermittelt, besteht darin, dass man den Stil der Eröffner respektiert ( indem man mit den von ihnen im Fels belassenen Sicherungsmitteln auskommt ). Aber ebenso, nicht zu fürchten, sich in seiner Entscheidung zu irren, und daher Routen unter dem gewohnten Niveau zu begehen. In den Dolomiten zu klettern, kann echte Delirien hervorrufen, aber sie sollten aus Selbstvertrauen und der Kenntnis seiner selbst erwachsen, nicht aus Stress und Unsicherheit! Man sollte nie eine Route mit Haken ausrüsten, die zuerst von einem Meister begangen wurde! Es gibt Dinge, die man bewahrt, oder aber, man kehrt besser um.

Die Lastoni di Formin Jemandem, der die Dolomiten nicht gut kennt, einen guten ( Einstieg ) zu empfehlen, ist nicht unbedingt leicht. Wenn Sie eher die Der sehr schöne Westpfeiler der Lastoni di Formin. Eine ausgezeichnete Eingehtour für eine erste Kontaktnahme mit den Dolomiten ( für gute Kletterer im 5. und 6. Grad ) Ruhe lieben, ein Anmarsch von ungefähr zwei Stunden Ihnen nicht Angst macht ( genauso-viel ist es für den Rückweg ), Ihr Kletterniveau in einer langen Route etwa bei SSAS liegt, dann können Sie den Spigolo ovest der Lastoni di Formin wagen. Es handelt sich um eine 1974 eröffnete Route, die in kleinen Dosen genug von dem bietet, was Sie bei ernsthafteren Touren erwartet: Ausgesetztheit, Steilheit, Suche nach dem Weg und der Art der Ausrüstung. Der Spigolo ovest besteht zunächst aus klassischem Gelände, wo man sich über ungefähr 200 Meter im Grad IVV seinen Weg suchen muss. Die Fortsetzung besteht in einem phantastischen, 150 Meter sich aufschwingenden Pfeiler, bei dem man sich sozusagen stets auf der Kante bewegt. Die Schwierigkeit liegt ziemlich ständig bei 5c/6a, und die Kletterei ist recht luftig.

Für den Abstieg rät der Topo, den Pfad von Ponte Rutorto im Osten zu erreichen und ihm bis zur Strasse von Passo Giau zu folgen. Das Problem ist, dass man dann recht weit vom Wagen entfernt herauskommt. Wir haben uns für die Rückkehr zum Fuss der Wand durch ein leichtes Couloir entschieden, aber es ist besser, das vorher zu erkunden. ( Vorsicht vor den vielen Couloirs, die ins Nichts führen !) Dieser Rückweg ist sicherlich erheblich schneller als der originale. ( Vgl. G. Buscaini \ S.184. ) Sasso delle Nove Wenn Sie während Ihres Aufenthalts den Standort wechseln, so versäumen Sie nicht, am Sasso delle Nove zu klettern. Dieser Gipfel ( 2968 m ) liegt in dem herrlichen Fanès-Park im Norden der Dolomiten. Sie werden Gelegenheit haben, dort ohne grosse Mühe eine Messner-Route zu machen. Das will selbstverständlich nicht bedeuten, sie sei nicht herrlich oder aber zu leicht. Es handelt sich um eine ziemlich ausgesetzte ( aber nicht zu schwierige ) Kletterei, und das in einer absoluten Mondlandschaft! Hüten Sie sich vor Gewittern, der Gipfel und die Grate des Rückwegs sind ihnen sehr ausgesetzt! Lassen Sie sich nicht von den vielen Wanderern entmutigen, die in der Hütte übernachten. Sie werden am nächsten Morgen bestimmt die einzigen sein, die den Weg zur Wand des Sasso delle Nove einschlagen. Für den Anweg sollten Sie ungefähr zwei Stunden rechnen. Am Anfang besteht ein Pfad, dann nichts mehr. ( Vgl. G. Buscaini ', S. 142/143.grossen Dolomiten. Die 100 schönsten Touren. Band 1: Östlicher Teil. Unter Mitwirkung von Gaston Rébuffat. Deutsche Ausgabe: Carta-Verlag, Pforzheim 1984 In der Palagruppe. Blick auf die Westwand der Cima Canali Die grossen Dolomiten-Routen erwarten Sie, und Sie haben keine zusätzlichen Ratschläge nötig. Denken Sie jedoch daran, dass manche Massive recht alpin sein können. Die Gewitter sind oft fürchterlich, nehmen Sie sich vor Kaminen und Couloirs in acht, die rasch zu eigentlichen Sturzbächen werden und den Blitz anziehen! Für die grossen Routen genügen Klemmkeile nicht immer, man nimmt besser eine Auswahl von sieben oder acht Haken mit - vor allem für den Fall eines Rückzugs.

Die wichtigsten Klettergebiete sind Brenta, Sassolungo ( Langkofel ), Marmolada, Sella, Catinaccio ( Rosengarten ), Tofane, Pala di San Martino, Lavaredo ( Drei Zinnen ) und Civetta. Vorsicht vor den ausgesprochen touristischen Regionen wie Sella und Lavaredo. Es besteht eine von Norden nach Süden verlaufende klassische ( ferrata ). Sie ist äusserst stark begangen, was, soweit es sich um die Aufnahmefähigkeit der Hütten handelt, zu Problemen führen kann! Im übrigen werden Sie in den Routen, vor allem in den grossen, das Glück haben, allein zu sein. Viel Glück!

Aus dem französischsprachigen Teil, übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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