Die Erschliessung des Himalaya

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Eine Skizze von Marcel Kurz.

Übersetzt von Paul Montandon.

5. Garhwalhimalaya.

Endlich treten wir wiederum auf britischen erlaubten Boden, der jedermann offen steht und überdies den Angriffen des Monsun relativ weniger ausgesetzt ist.

Dieser Teil des Himalaya wird zuzeiten Kumaun oder auch Garhwal genannt nach den Namen der zwei Staaten, die sich anfangs in das Land teilten. Zurzeit unterscheidet man, wie schon gesagt, drei Provinzen: Almora, Garhwal und Tehri Garhwal. Da der Name Garhwal die grösste Oberfläche dieser Region in sich begreift, ziehen wir ihn Kumaun vor, um diesen Sektor der grossen Kette zu bezeichnen.

Es ist dies mit Sikkim und Kaschmir die von Turisten und Jägern bevorzugte Region, aber die eigentlichen Bergsteiger kennen sie noch sehr wenig.

Nirgends anderswo sind die Ketten des Himalayasystems so eng vereinigt wie im Längengrad von Garhwal. Zwischen Indien und Tibet, in einer Tiefe von kaum 250 km, pressen sich vier Parallelketten zusammen: der Grosse Himalaya, der Zaskar, der Ladak und der Kailas. Letztere drei sind durch Flüsse getrennt, die ihnen parallel laufen: den Indus und den Sutlej. Aber die erste, der Grosse Himalaya, ist der Erosion in sehr hohem Grade unterworfen gewesen. Seine ganze Front ist aus den Fugen gerissen, und so kommt es, dass die Flüsse des Garhwal, ihre Quellen in der zweiten Kette, dem Zaskar, nehmend, die Himalayaaxe vollständig durchbrechen.

Die verbleibenden, uns heute interessierenden Gebirgsketten haben eine ganz verschiedene Richtung von derjenigen, welche die Hauptketten früher einschlugen. Es sind eigentlich bloss noch Nebenkämme. Sie bilden die zwei hauptsächlichsten Ketten, diejenige des Kamet und die des Nanda Devi, welche von Nordnordwest nach Südsüdost verlaufen wie schräge Verbindungsstücke zwischen dem Zaskar und dem, was vom Grossen Himalaya übrig bleibt. Der Kamet erhebt sich im Zaskar, der Nanda Devi im eigentlichen Himalaya.

Zum Glücke für uns folgt die tibetanische Grenze der zweiten Kette, so dass der ganze Garhwalhimalaya dem Bergsteiger offen steht.

Hier besteht die Teraizone fast nicht mehr. Jedenfalls hat sie den tropischen Charakter der nepalesischen Dschungeln verloren. Von den indischen Ebenen erheben sich wellenförmige Hügel, welche bis zu den Flüssen Pindar und Bagirati sich erstrecken. Erst jenseits dieses grossen Grabens erheben sich die eigentlichen Berge und der ewige Schnee. Diese zwei Zonen haben ein sehr verschiedenes Klima. Der Monsun fällt auf die Hügel nieder, währenddem man mehr nördlich ihm desto weniger ausgesetzt ist, je mehr man sich dem Tibet nähert. Ausserdem tritt er später ein als z.B. in Sikkim, und die Schönwetterperiode ist daher auch eine länger dauernde.

In der Gegend von Milam z.B. ist das Klima geradezu tibetanisch und gestattet sogar, während des Monsuns Forschungen zu unternehmen, da derselbe sich hier schwächer ausgibt als irgendwo sonst in Garhwal.

Die Hügelzone entspricht den schweizerischen Voralpen und hat entsprechenden Charakter. Hier ist alles Ruhe und Licht, harmonische Linien und Farben: Die Hügel haben weiche Umrisse, tragen einzelne Föhren mit abgerundeten Kronen.

Hernach, nach der grossen Einsenkung Bagirati-Pindar, wechselt das Gelände und nimmt ausgesprochen alpinen Charakter an: hie und da sehen wir Gruppen von phantastischen Felsnadeln und, hoch oben, wunderbare Schneeberge.

Sehr alte Routen führen durch Garhwal, Handels- und Pilgerwege. Drei derselben durchqueren den Himalaya und den Zaskar, indem sie die Täler des Alaknanda von Niti und von Milam ersteigen, hohe Joche queren und endlich auf den Hochplateaux von Tibet ausmünden.

Seit Jahrhunderten haben die Quellen des Ganges den Rahmen der hindostanischen Mythologie gebildet. Die Flüsse des Garhwal sind heilig und werden jeden Sommer von Tausenden von Pilgern besucht. Die grosse Arterie, welche von Hardwar den Alaknanda hinaufführt nach Badrinath, ist vom Mai bis in den Oktober geradezu bedeckt von Pilgern. Dasselbe ist der Fall für die Strassen, die zu den Quellen von Kedarnath und Gangotri führen. Zum Verwundern ist es, dass es erlaubt ist, in einer so geheiligten Gegend Berggipfel zu besteigen!

Durch das Tal und den Pass von Niti haben die traders einen sehr lebhaften Handelsverkehr mit Tibet ins Werk gesetzt. Der Manapass ( 5450 m ), der Badrinath mit Tibet verbindet, ist im Sommer ebenfalls sehr begangen wie auch die Übergänge oben im Milamtal.

Trotz aller dieser Verbindungswege haben wir gleichwohl nur eine Türe, um ins Garhwal einzutreten. Es ist dies Kathgodam, letzte Station der von Bareilly herkommenden Bahn. Von dort gelangt man auf bester Strasse in 1 1/2stündiger Autofahrt nach Naini Tal, Sommerhauptstadt der United Provinces. Bergsteiger werden sich dort nicht aufhalten, denn Naini Tal ist ein Loch ohne Aussicht, sondern werden gut tun, hinaufzugehen zum Aussichtspunkt des China Peak ( 2610 m ), um dort einen ersten Blick nach dem ewigen Schnee zu tun. Bei schönem Wetter hat man dort ein prächtiges und sehr instruktives Panorama, das die Milamberge bis zu denen von Gangotri umfasst.

Von Naini Tal führt eine gute Autostrasse nach Ranikhet und von dort nach Almora und Baijnath. Bis hier ist man im Hügelland, und es liegt ein enormer Vorteil darin, dieses Stück im Auto in einem einzigen Tage zurücklegen zu können, während in Sikkim das Hügelland eine ganze Woche zu Fuss oder zu Pferd erfordert.

Ranikhet und besonders Almora haben als Ausgangspunkte gedient für alle Expeditionen im Garhwal. Almora ist der Sitz des « deputy Commissionar », welcher den Distrikt gleichen Namens verwaltet. Es ist von Nutzen, ihn zu benachrichtigen und ihm einen Besuch zu machen. Man bekommt dort Kulis und Ponies, sie sind aber lange nicht so viel wert wie diejenigen des Sikkim. Für eine ernsthafte Hochgebirgsexpedition ist es notwendig, von Darjiling aus die besten « Tigers » herkommen zu lassen. Während den Everest- und Kangchendzöngaexpeditionen haben diese genügende Erfahrungen gesammelt. Allerdings hat es in den Hochtälern von Milam und von Niti sehr tüchtige Bhotiaträger, die, wenn einmal eingelernt, ebenso erfahren sein werden wie diejenigen von Darjiling.

Die Erforschung des Garhwal durch moderne Bergsteiger hat eigentlich erst im Jahre 1883 begonnen. Es ist ergötzlich festzustellen, dass in jenem Jahre zwei ausgezeichnete britische Kletterer und vier berühmte Berner Oberlandführer sich unabhängig voneinander an den Gipfeln des Garhwal versuchten. W. W. Graham, dem wir schon in Sikkim begegneten mit Emil Boss und Ulrich Kaufmann, machte einen Versuch am Dunagiri und behauptete, den Changabang ( 6865 m ) bestiegen zu haben. Er taufte ihn Mont Monal ( Fasan ). Aber seine Beschreibungen sind ebenso verworren, wie wenn er vom Kabru spricht, und es ist anzunehmen, dass er auch diesen Changabang nicht erreicht hat ( « Alpine Journal » XII, 40 f. ).

T. S. Kennedy, welcher im Januar 1862 einen Versuch zur Besteigung des noch unbezwungenen Matterhorns machte, war von den besten Meiringer Führern, Johann Fischer und Johann Jaun, begleitet, und dieses Dreigestirn hätte sehr wohl Heldentaten verüben können. Unglücklicherweise hatte Kennedy mehrere Malariaanfälle zu bestehen und musste Garhwal verlassen, ohne auch die kleinste Besteigung zu unternehmen. Er scheint das Milamtal besucht zu haben, wahrscheinlich in der Absicht, den Nanda Devi zu versuchen.

Im August 1855 hatten die Brüder Schlagintweit, vom Tibet kommend, einen ernsthaften Angriff auf den Nordhang des Kamet ausgeführt, und 1861/62 führte Oberst Smyth mehrere Expeditionen nach dem Garhwal aus. Er überschritt unter anderen auch den Byundar Kanta ( 5090 m ), einen Pass in der Kametkette, der später dann mehrmals benützt wurde. Die Namen Smyth und Schlagintweit sind eng verknüpft mit der Eroberung des Monte Rosa, und es ist interessant, sie hier, nach einer Zwischenzeit von einigen Jahren, wiederzufinden.

Wenn wir noch weiter zurückblicken, finden wir, dass schon im Jahre 1830 ein Garhwalscher Gletscherpass von Traili überschritten wurde. Dieser Pass trägt heute seinen Namen und scheint seitdem schwieriger geworden zu sein.

Anno 1892 besuchte der wohlbekannte Alpinist Karl Diener das Land als Geologe im Auftrag der Geological Survey. Er erforschte den Milamgletscher, machte ausgedehnte Untersuchungen auf den tibetanischen Hochebenen und kehrte über den Nitipass zurück. Er beklagte sich, 26 Regentage im August gehabt zu haben! ( « Zeitschrift des D. Ö.A.V. » 1895, 269—314. ) Im folgenden Jahre ( 1893 ) besuchte Kurt Boeck den Fuss des Pindar-gletschers, hernach die Umgebung von Milam und überschritt den Dhurapass ( 5360 m ). Er brachte einige schöne und interessante Lichtbilder zurück von den Niti umgebenden Bergen, welche für künftige Unternehmungen von Nutzen sein können ( siehe sein Album, Centralbibliothek S.A.C., Nr. 408 ).

1905 widmete T. G. Longstaff ( ein prädestinierter und berühmt gewordener Name ) dem Himalaya sechs Monate. In Begleitung der zwei ausgezeichneten Courmayeurführer Alexis und Henry Brocherel war er nach Garhwal gekommen mit der Absicht, den Trisul anzugehen. Unvorhergesehene Umstände zwangen ihn aber, seine Pläne abzuändern. Vom Milamtale aus erforschte er die Osthänge der Gruppe Nanda Devi-Nanda Kot, machte zwei Versuche, sie zu ersteigen, gelangte bis 400—500 m unter den Gipfel des zweiten und überschritt zwei neue Pässe.

Nachdem er sich mit Sherring, dem deputy Commissionar von Almora, in Askot zusammengefunden hatte, erlaubte ihm sein gutes Glück, ihn nach Tibet begleiten zu dürfen, wobei er die Besteigung des höchsten tibetanischen Gipfels, die Gurla Mandhata ( 7730 m ), zu versuchen Gelegenheit fand. Ob- wohl dieser nicht zu Garhwal gehört und sich in der Ladakkette erhebt, wollen wir ihn kurz behandeln, um dann nicht weiter auf ihn zurückzukommen. Ganz isoliert inmitten einer Region nackter Hügel fällt er stark auf, und die buddhistische Mythologie betrachtet ihn als Heiligtum ihrer Götter. Er ist der Typus eines leichten Sedimentberges mit langen, wenig steilen Gletschern auf der Westseite. Das Dorf Taklakot ist die beste Basis, um ihn zu belagern. Man erreicht es von Almora aus über Askot und das Grenztal des Kali. Der natürliche Anstiegsweg ist über den Gurlagletscher. Longstaff gelangte dem Gipfel sehr nahe ( wahrscheinlich bis 7300 m ), aber Mangel an Nahrungsmitteln und zwei sehr schlechte Nächte zwangen ihn, einmal mehr, zum Rückzug ( « Alpine Journal » XXIII, 202—228 ).

Die Gurla Mandhata ist sicherlich von Taklakot aus in drei oder vier Tagen erreichbar, und es ist überraschend, dass sie seither nicht bestiegen wurde. Das dortige Klima ist ein sehr trockenes und das Wetter gewöhnlich günstig.

Am Fusse dieses Gipfels dehnen sich jene Seen aus, denen zwei der grössten indischen Ströme entfliessen: der Bramaputra und der Sutlej. Jenseits dieser Seen erhebt sich die Kailaskette. Der Kailas selber ( 6713 m ) ist ein merkwürdiger Berg, bestehend aus einer Plinthe dunkler, senkrechter Felsen, die von einem Schneegipfel gekrönt sind Auch dieser Berg gilt natürlich als heilig wie diese ganze Region; er scheint viel schwieriger zu sein als sein Nachbar, die Gurla Mandhata. Die buddhistische und hindostanische Mythologie verlegt auf dessen Gipfel die Wiege des Shiva, währenddem der Kailas sagenhaft geographisch das Zentrum der Welt darstellen soll. Die Pilger wallfahren um ihn herum; diese Rundreise wird « Perikarma » genannt.

Im Jahre 1907 war Arnold Mumm so glücklich, Garhwal in Begleitung von Longstaff und einem anderen bekannten Forscher, dem Major ( späteren General ) C. G. Bruce, besuchen zu können. Er schrieb einen ausführlichen Bericht über diese Reise, und sein Buch ist zurzeit das beste Werk über dieses Land l ). Hier ein kurzer Auszug:

Sie gewannen das Dhaolital über Almora ( das sie Ende April verlassen hatten ) und den Kuaripass und versuchten, den Eintritt des Rishi, den schon Graham 1883 vergeblich unternommen hatte, zu erzwingen. Als dies auch ihnen nicht gelang, folgten sie dem Dhaoli bis zu seiner Vereinigung mit dem Bergstrom von Bagini und schlugen ihr Basislager in diesem Seitentale auf. Von dort überschritten Bruce und Longstaff ( mit den Brocherel aus Courmayeur ) den Baginipass ( 6125 m ) zwischen dem Dunagiri und dem Changabang und stiegen sodann in das geheimnisvolle Rishital ab. Sie fanden endlich einen schwierigen Ausgang dieser wilden engen Schlucht, schwachen Spuren folgend. Nach einiger Ruhe im Basislager ging die ganze Karawane nach Rishi zurück, und von dort aus gelang am 12. Juni Dr. Longstaff mit den Brocherel und dem Gurkha Kharbir die erste Besteigung des Trisul ( 7135 m ). Auf lange Zeit war dies der höchste erreichte Gipfel der Erde.

Sie untersuchten hernach die Gletscher im Osten des Kämet, blieben aber nicht lange dort im irrigen Glauben, dass der andere Berghang leichter sein dürfte. Sie überschritten also die Kette dieses Berges von Ost nach West auf dem gleichen Pass wie Smyth 1862, dem Byundar ( 5090 m ), und gelangten in dieser Weise nach Badrinath und Mana. Longstaff und seine Führer erforschten hierauf den Westhang des Kämet, ohne übrigens sehr hoch hinauf zu kommen. Er glaubte, dass der Khaiamgletscher den besten Zugang bilde.

1 ) Five months in the Himalaya, London 1909. C. Bibliothek, Nr. 2415.

Mittlerweile war die Regenperiode angebrochen, und die Gesellschaft kehrt nach Naini Tal zurück. Bruce und Mumm verreisen nach dem Kaschmir. Der unermüdliche Longstaff aber erforscht noch die Süd- und die Westseite des Trisul, was ihn befähigt, 1908 eine Karte 1: 250,000 zu veröffentlichen, welche noch jetzt die beste dieses Gebietes ist. Sie ist seinem Bericht im « Alpine Journal » XXIV, 107—133, und « Geogr. Journal » XXXI beigefügt.

Diese von Bruce ausgezeichnet organisierte Reise ist mit derjenigen von Smythe ( 1931 ) die wichtigste, welche bis heute in Garhwal ausgeführt wurde. Longstaff erforschte und taufte eine Menge bisher unbekannter oder mangelhaft kartographierter Gletscher. Dank ihm besitzen wir eine lesbare Karte eines Teiles von Garhwal, währenddem das Blatt 53 N ( Badrinath ) zu 1/4 Zoll eine der schlechtesten des ganzen Himalaya ist.

Nach diesem Erfolg am Trisul richteten sich die Anstrengungen der Bergsteiger vorzugsweise gegen die zwei höchsten Gipfel jenes Landes: den Kamet ( 7755 m ) und den Nanda Devi ( 7820 m ). Letzterer ist, wie schon gesagt, nicht bloss der Kulminationspunkt von Garhwal, sondern auch des ganzen britischen Weltreiches. Da er viel schwieriger sein muss als der Kamet, wird er ohne Zweifel noch lange allen Ersteigungsversuchen erfolgreich Widerstand leisten.

Die Gruppe des Kamet ( oder Kangmed = tiefer Schnee, wie ihn die Tibetaner im Gegensatz zum Kailas nennen ) hat drei Gipfel, welche man früher unter dem Namen Ibi Gamin zusammenfasste. Zurzeit unterscheidet man den Kamet ( 7755 m ) als Hauptgipfel und zwei nördliche Schultern, den westlichen ( 7375 m ) und den östlichen ( 7365 m ) Ibi Gamin. Auf diesem letzteren gelangten die Brüder Schlagintweit 1855 bis zu 6800 m Höhe, für jene Zeit ein grossartiger Erfolg. Der Kamet wurde nach und nach der umstrit-tenste Gipfel des Himalaya. Er wurde sowohl von der Westseite ( Mana ) wie von Osten her ( Niti und Raikana ) etwa zehnmal angegriffen, und zwar chronologisch: Meade 1910; Kellas 1911; Slingsby 1911; Meade 1912 und 1913, Slingsby 1913; Kellas 1914; Kellas und Morshead 1920.

Ohne Zweifel waren es Meade und seine Führer, welche die richtige Route ausfindig machten. 1913 erreichte er den Col, der heute Verdientermassen seinen Namen trägt, und bloss 600 m leichte Firnhänge trennten ihn dort vom Gipfel. Er vor allen hätte verdient, den Sieg zu erringen, leider war er für ihn nicht genügend eingestellt, um diese letzten Hunderte von Metern noch zurückzulegen.

Seit 1920 wurden keine weiteren Versuche unternommen bis zum Jahre 1931, in welchem der Kamet durch die Smytheexpedition schliesslich erobert wurde. Smythe wurde von fünf anderen ziemlich jugendlichen Engländern begleitet. Er hatte das Glück, einen sehr guten Transportoffizier ( Birnie ) im Dienst zu haben, der sich der schwierigsten Aufgaben annahm.

Die Gesellschaft verliess Ranikhet am 18. Mai, gelangte am 3. Juni nach Niti und am 6. zur Basis. Von dort erstellte sie fünf sich folgende Höhenlager, in denen sie jeweils so lange Aufenthalt machten, als notwendig war, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Der Gipfel wurde sukzessive von zwei Partien erreicht, am 21. Juni von Smythe, Shipton und Holdsworth mit dem Sirdar Lewa, und zwei Tage später von Birnie und Green mit dem Träger Kesar Singh. Es herrschte starke Kälte. Dem Lewa erfroren beide Füsse, was der Laufbahn dieses begeisterten Bergmannes ein jähes Ende setzte. Nur Beaumann stieg nicht auf den Gipfel.

Der Kamet ist zurzeit ( 1932 ) der höchste bestiegene Gipfel der Welt; allerdings ist es gut möglich, dass Smythe 1933 seinen eigenen Rekord schlägt, indem er den Everest besiegt 1 )...

Was den höchsten Gipfel des Garhwal, den Nanda Devi ( 7820 m ), anbelangt, so ist er noch unbestiegen und bildet ein vornehmes Ziel für künftige Unternehmungen.

Longstaff und Ruttledge haben sich ganz besonders um diesen hehren Gipfel interessiert. Im Jahr 1927 gelangten sie bis zum Rinti Saddle ( 5180 m ), tiefste Senkung zwischen Trisul und Nanda Gunti. Sie hofften, in dieser Weise in das Rundbecken des Devi gelangen zu können, aber schlechtes Wetter hinderte sie daran. Das Wetter ist in jener Gegend des Trisul selten günstig.

Man frägt sich, warum Longstaff sich darauf versteifte, in diesen von allen Seiten so abgeschlossenen und von den Eingebornen gefürchteten Zirkus einzudringen. Der Rintisattel ist jedenfalls überschreitbar, sogar mit beladenen Kulis, aber man wird nicht ins Rishital gelangen ohne bedeutenden Höhenverlust, und die Möglichkeit, von jener Seite aus den Nanda Devi zu erklimmen, ist wohl eine sehr fragliche ( « Alpine Journal » XL, 281—292; « Geogr. Journal » LXXI, 417—426 ).

Mehr als irgendein anderer hat sich Ruttledge um den Nanda Devi bemüht. Als deputy Commissionar für Almora war er in offizieller Stellung sozusagen am Fusse des Berges und konnte ihn jeden Morgen von seinem Fenster aus sehnsüchtig betrachten. Anno 1925 versuchte er den Traillpass ( 5400 m ) vom Pindargletscher aus, der seit 1830 starke Veränderungen erfahren hatte. 1926 untersuchte er die Nordostseite ( Timphugletscher ), und auf dem Ralampass, den er überschritt, wurde ihm ein wunderbarer, wenn auch wenig ermutigender Blick auf die Nord- und Osthänge seines Berges zuteil. 1927 war er mit Longstaff, und 1932 machte er zwei Versuche vom Pindartal aus mit dem Führer Emile Rey junior von Courmayeur. Oben im Maiktolital stiess er auf eine unersteigliche Wand, und auch im Gebiete des Traillpasses hatte er keinen besseren Erfolg ( « Alpine Journal » XXXIX, 71—79; « The Times Weekly » vom 25. August 1932; « Geogr. Journal » LXXI, 432 f.; « Himalayan Journal », V, 28—32 ).

Durch seine Doppelspitze erinnert der Nanda Devi einigermassen an den Ushba. Er ist vielleicht nicht so schwierig, ist aber 3000 m höher als sein kaukasischer Doppelgänger. Nach dem, was ich von diesem furchtbaren Berge zu sehen bekam, scheint mir die von Longstaff 1905 eingeschlagene Route die beste zu sein unter der Voraussetzung, dass sich der Ostgipfel ( 7430 m ) überschreiten lässt. Milam ( 3430 m ) ist eine ausgezeichnete Basis. Man findet dort Bhotiakulis und die nötigen Lebensmittel für sie.Von dort kann man in drei oder vier Tagen den Nanda Devi Col ( 5820 m ) erreichen, den Longstaff 1905 betrat, und dort ein hohes Lager instand setzen. Die Besteigung des Ostgipfels über den Hauptgrat sieht nicht sehr schwierig aus. Aber der Abstieg von dort zum Sattel, der ihn vom höchsten Gipfel trennt, wird vermutlich 200—300 m fixe Seile erfordern. Dieser Weg hätte den Vorteil der Sicherheit vor Lawinen.

1 ) Frank S. Smythe: Kamet conquered, London 1932.

Siehe auch betreff s Kamet: « Alpine Journal » XXVI, 136 f.(Kellas ); 434—137 ( Meade ); XXVII, 326—328 ( Slingsby ); XXXIII, 70—75 ( Meade ); 312—319 ( Kellas ); XLIII, 289f. ( Smythe ); « Himalayan Journal » III, 122—125 ( Mason ); IV, 27—46 ( Birnie ); « Geogr. Journal » Januar 1932, 1—17 ( Smythe ); ferner: « Rivista Mensile C.A.I. » 1932, 537—542 ( Balestreri« La Montagne », 1932, 195—205 ( Smythe« Oesterr. Alpenzeitung », 1932, 6—16.

Es ist ferner möglich, dass man den oberen Teil des Ostgipfels umgehen kann mit Hilfe des auffallenden Schneebandes auf der Südwestseite, welches direkt im Sattel zwischen den beiden Gipfeln ausläuft. Das Band wie auch der Sattel bestehen aus der gleichen Gneissschicht, aber das Band mag nicht frei von Lawinengefahr sein. Der Nanda Devi ist also ein ausgesprochen schwieriger Berg, der aber mehr Ersteigungschancen und weniger Gefahr bietet als z.B. der Kangchendzönga. Wäre die Bauerexpedition nach Garhwal gekommen, statt genannten Gipfel zu versuchen, so hätte ihr sehr wahrscheinlich Erfolg gewinkt. Auch ist das Wetter in Garhwal bedeutend günstiger als in Sikkim.

Ausser dem Kamet und dem Trisul sind alle übrigen hohen Berge des Garhwal unberührt, und ganze Massive harren noch ihres Erforschers.

Im Osten des Milamtales, zwischen ihm und dem Darmatal, ist eine lange, namenlose Kette, die wir nach ihrer höchsten Erhebung Punch Chuli, d.h. die fünf himmlischen Herde, benennen möchten. Sie mag etwa 50 km lang sein und ist fast unbekannt. Ruttledge und Wilson haben sie überstiegen von West nach Ost mittels des Ralampasses ( 5640 m ) und zwei weiteren unwichtigen Pässen. Allerdings scheinen diese Berge nicht sehr viel Interesse zu bieten mit Ausnahme des Panch Chuli selber, der 6905 m hoch ist und von Südwesten sich als ein sehr schöner Schneeberg darstellt. Er ist der südliche Eckpfeiler der Kette. Mehr nördlich variieren die Gipfel zwischen 6000 und 6500 m. Der markanteste unter ihnen heisst Bambadhura und kotiert 6330 m. Ralam, eine gute Tagereise von Milam und südlich desselben, erscheint als beste Basis, um den zentralen Teil dieser Kette zu besuchen.

Im Westen des Milamtales, zwischen dem Gori und dem Dhaoli, erstreckt sich die Kette des Nanda Devi, welche westwärts zwei Seitenketten versendet, diejenige des Trisul und die des Dunagiri.

Wenn wir nordwestlich von Milam beginnen, finden wir dort den grossen Zirkus des gleichnamigen Gletschers, einen der grössten des Garhwal. Er nimmt zahlreiche Nebengletscher in sich auf, die fast alle unerforscht sind. Die Schönheit dieser Berge machten auf Diener, den grossen Alpinisten, starken Eindruck. Er erwähnt voll Bewunderung einen von ihm Surdzekund genannten, zirka 7000 m hohen Berg, der sich über dem rechten Ufer erhebe und einen phantastischen Eindruck mache, aber die 1/4-Zoll-Karte gibt über dieses Milambassin keinerlei Einzelheiten.

Die Kette des Nanda Devi trennt das Milamtal von demjenigen von Niti und bildet in ihrem nördlichen Teil eben das rechte Ufer dieses Milamgletschers. Im Norden setzt sie sich fort bis zum Girthital und kulminiert mit 7075 m im Zaskar. Von Nord gegen Süden erhebt sie sich sukzessive bis zum Nanda Devi, dessen Gipfel ( 7820 m ) etwas ausserhalb der Axe liegt. Dann fällt sie ab bis weiter als der Nanda Kot. Im Süden von Milam wurden die dem Gori tributären Seitengletscher alle durchforscht als eventuelle Zugänge zum Nanda Devi. Sie heissen Timphu, Panchu, Lwanl, Salung und Poting.

Wir haben den Nanda Devi bereits besprochen. Der Nanda Kot, sein Nachbar ( 6865 m ), ist ein sehr schöner Schneeberg, der jedenfalls bei guten Schneeverhältnissen über den Nordgrat zugänglich ist. 1905 ist Longstaff dort bis auf eine Höhe von 6400 m gestiegen. Von Süden gesehen gleicht er mit seiner linken Westschulter ausserordentlich der Gruppe Gabelhorn-Wellen-kuppe, wie sie sich vom Col de Sorebois oberhalb Zinal darstellt. Gleich westlich der " Wellenkuppe » öffnet sich der Traillpass ( 5395 m ), welcher schon 1830 und mehrmals seitdem überschritten wurde, ein gegenwärtig ziemlich schwieriger Gletscherpass. Er verbindet die Pindar- und Lwanlgletscher. Ersterer ist wahrscheinlich der am leichtesten zugängliche aller Himalayagletscher, denn der Bungalow von Phurkia ist bloss einige Stunden unterhalb seiner Endzunge situiert, zu welcher dann ein guter Pfad führt.

Westlich des Traillpasses läuft westwärts eine schneeige Kette, senkrecht zu derjenigen des Nanda Devi, und endigt im Trisul ( 7135 m ). Es ist die Seilen-kette des Trisul. Ausser diesem letzteren, der 1907 Longstaff zur Beute fiel, sind alle diese Gipfel unbestiegen. Sie sind 6500 bis 6900 m hoch und haben keine Namen, mit Ausnahme des Punktes 6815, welcher A 29 oder östlicher Trisul in den Triangulationsprotokollen genannt wird. Diese Kette schliesst im Süden das heilige Amphitheater des Nanda Devi, in dessen Hintergrund unbekannte Gletscher ihres Entdeckers harren. Zwischen A 29 und A 58 ( 6660 m ) öffnet sich die Lücke, welche Ruttledge und Rey 1932 zu überschreiten versuchten. Es ist die tiefste Senkung im Firstgrat, aber Rey erklärte sie als unzugänglich von Süden. Ruttledge nennt sie Sunderhunga Col ( ca. 5600 m ).

Der Trisul hat drei ausgesprochene Gipfel, von denen nur der höchste bestiegen wurde.Von dort fällt der Grat bedeutend ab und bildet den Rintisattel ( zirka 5180 m ), welcher 1927 von Longstaff und Ruttledge von Süden erreicht wurde. Im Nordwesten dieses Sattels haben wir den Nanda Gunti ( 6488 m ), eine breite weisse Kuppe, die vermutlich vom Rintisattel aus zugänglich ist. Es ist dies der letzte einigermassen hervorstechende Gipfel dieser Trisulseitenkette.

Westlich des Milamgletschers, vom Punkt 22,940 Fuss ( 6990 m ), sendet die Kette des Nanda Devi gegen Westsüdwesten die Seitenkelte des Dunagiri aus. Sie schliesst im Norden das Heiligtum, von dem wir gesprochen haben. Obwohl keiner ihrer Gipfel bestiegen ist, ist doch diese kleinere Kette besser bekannt als die übrigen Seitenketten. Ihre tiefste Depression, der Baginipass ( 6125 m ), wurde von Bruce und Longstaff 1907 überschritten, sie verbindet den Baginigletscher mit demjenigen von Rhamani. Die Baginiseite ist gut zu begehen. Der Dunagiri ( 7065 m ) und der Changabang ( 6863 m ) sind jedenfalls zugänglich von genanntem Pass aus über ihre Firstgrate. Graham behauptet, den Changabang bestiegen zu haben, aber diese Besteigung wird angezweifelt, wie wir es bereits gesagt haben.

Der Dunagiri, von Westen, z.B. vom Kuaripass aus gesehen, schwingt sich auf als ein wundervoller schlanker Schneegipfel. Er beherrscht unmittelbar die Schluchten des Dhaoli, 4000—5000 m tief unten. Zwischen diesem Gipfel und dem Trisul frisst sich die Rishischlucht ein, welche, wenn gangbar, den natürlichsten Weg zum Heiligtum des Nanda Devi bilden würde.

Im Westen des Dhaoli, zwischen ihm und dem das Manatal begiessenden Alaknanda, befindet sich die Kette des Kamet. Vom höchsten Punkt ( 7755 m ), der sich in Zaskar, im Norden, erhebt, fällt sie nach und nach gegen Süden ab, sie ist aber breiter und weniger einfach in ihrer Gestaltung als die anderen Ketten. Deswegen ist ihre Topographie noch fehlerhaft.

Der Kamet, von dem wir bereits das Nötige gesagt haben, ist der einzige grosse Gipfel dieser Kette, der bis heute erstiegen wurde. Ganz nahe im Süden formt sich der Hauptgrat zu einer schönen Pyramide, dem Mana Peak ( 7275 m ). Von ihr zweigt ostwärts eine Seitenkette ab, die rechte südliche Seite des Kametgletschers bildend, mit zwei Schneekuppen, deren Zugang leicht scheint.

Der Punkt 19,815 Fuss ( 6040 m ) wurde durch die Smytheexpedition bestiegen.

Zwischen dem Mana und dem Punkt 21,298 Fuss ( 6460 m ) läuft die First annähernd von Nord nach Süd, aber ihre Topographie lässt viel zu wünschen übrig. Im Juli 1931 ging die Expedition Smythe über den Bankegletscher hinauf bis zum Grat; es gelang ihr aber nicht, denselben zu überschreiten. Der Punkt 6460 erscheint von Süden gesehen als ein breiter Felszahn, welcher dem Besteiger jedenfalls Schwierigkeiten entgegenstellen wird.

Zwischen ihm und dem Rataban setzt sich der Kamm in der Richtung Westnordwest-Ostsüdost fort. In der Mitte beschreibt er eine Kurve, und dort befindet sich der Byundarpass ( 5090 m ), welcher seit langem als der leichteste Übergang in dieser Kette bekannt ist. Vom Rataban ( 6125 m ) wissen wir nichts, ausser dass er ein felsiger Doppelgipfel ist. Die Kette verläuft hierauf direkt südlich und weist zwei sehr auffallende Gipfel auf, die nahe Nachbarn sind, den Gauri Parbat ( 6630 m ) und den Hathi Parbat ( 6750 m ), ein Doppelgänger des Mont Collon von Arolla. Der Hathi Parbat ist der imposanteste Berg der ganzen Kametkette. Der Westhang dieser zwei Gipfel fällt schroff ab zu den verworrenen Gletschern, welchen der Byundar entspringt, und gemäss Diener scheint es, dass der andere Berghang vielleicht weniger hoch, aber ebenso steil abfällt. Diese ganze Gegend ist topographisch ungenügend dargestellt und wartet noch des Erforschers. Sie ist die wenigst bekannte der Kette. Longstaff belässt sie in bianco auf seiner Karte, und in dieser Leere gibt er bloss zwei Namen von Gletschern an, Kosa und Juma, die dem Dhaoli tributär sind. Der Kawatit ( 19,285 Fuss = 5875 m ) seiner Karte ist eine grosse Pyramide, auf deren Ostseite ein ungewöhnlicher, äusserst scharfer Felszahn sich erhebt. Nicht bloss hat es also in dieser Region eine zahlreiche Anzahl noch unbestiegener Gipfel, sondern die Becken des Kosa und des Juma bieten in der Kette des Kamet äusserst anziehende Probleme. Das ganze Massiv gehört zur Granitformation. Malari ist eine günstige Basis, es gilt als das Kapua des Dhaolitales, und man findet dort gute Bhotiaträger.

Das Manatal wird vom Sarsutifluss durchzogen, der seine Quelle nahe der tibetanischen Grenze hat und die Alaknanda beim Dorfe Mana erreicht. Es wird den Sommer über von Tibetanern bewohnt und zeigt schon die ganze Trockenheit und Einförmigkeit des Tibet. Auch dort bleiben zahlreiche Seitengletscher zu erforschen übrig. Longstaffs Karte geht westlich nur bis zur Alaknanda, und wir müssen uns hier mit dem Blatt 53 N der 1/4 Zoll-karte begnügen, eine der schlechtesten des Himalaya.

Die Orographie dieser Gegend ist verwickelt und wenig bekannt. Man unterscheidet zwei Hauptketten. Die eine, geradlinige, folgt der Axe des Himalaya ( Westnordwest-Ostsüdost ) und weist schöne Schneegipfel auf von 6600 bis 7000 m Höhe. Die andere « zickzackt » sehr unregelmässig in der Richtung Nord-Süd. Diese zwei Ketten kreuzen sich im Kulminationspunkt des ganzen Massivs ( 7070 m ). Den Gletschern entspringen drei Hauptflüsse: die Alaknanda, der Mandakini, der von Kedarnath herabkommt, und der Bagirati, welcher dem Gangotrigletscher entströmt. Es sind dies die heiligen drei Quellen des Ganges. Die Pilger besuchen sie manchmal eine nach der andern, und diese Reise erfordert mehrere Monate. Ein guter Weg führt von einer zur andern. Man behauptet, dass die Wallfahrer früher direkt von Badrinath nach Gangotri über den Gletscherpass von Bagat Kharak ( zirka 6000 m ) gingen, aber heute sind sie zu einem weiten Umweg gezwungen, und die ganze Wallfahrt stellt einen Weg von fast tausend Kilometer dar.

Die Tributärgletscher der Alaknanda ( rechtes Ufer ) wurden von Meade 1912 und von Smythe 1931 besucht. Das Becken des Arwa, welches von letzterem erforscht wurde, ist viel komplizierter, als es das viel kritisierte Blatt 53 N erraten lässt. Es öffnet sich westlich von Gastoli. Die Wasserscheide zwischen der Alaknanda und dem Gangotri läuft in zahlreichen Zickzacks. Birnie hat von ihr im « Himalayan Journal », Bd. IV, eine kleine schematische Karte veröffentlicht. Während dieser Forschungsreise wurde ein halbes Dutzend Gipfel besucht, deren Höhe zwischen 6000 und 6500 m schwankt. Mehrere Pässe wurden überschritten, wovon einige über den Grenzkamm zwischen Garhwal und Theri.

Gleich westlich von Badrinath und gut sichtbar vom Bungalow erhebt sich die Nilakanta ( 6600 m ), die auffallendste Berggestalt des Garhwal. Vom Kuaripass aus gesehen gleicht sie in aussergewöhnlichem Masse der Bietsch-hornsüdseite. In prachtvollem Aufschwung thront sie ganz allein. Ihre Besteigung müsste wohl vom Satopanthgletscher aus und über den Nordhang versucht werden, aber sie bietet jedenfalls sehr bedeutende Schwierigkeiten.

Die geradlinige Kette, von der wir sprachen, ist mit der Hauptaxe des Himalaya identisch und enthält drei Hauptgipfel, welche selbstredend die drei heiligen Namen Badrinath ( 7070 m ), Kedarnath ( 6940 m ) und Gangotri ( 6615 m ) tragen. Dieser letztere hat einen Zwillingsbruder, den Jaonli ( 6635 m ). Auf 20 km Länge scheint der Kamm nicht unter 6500 m herabzusinken. Er hat daher auch keinen wirklichen Passübergang. Die Gipfel selber ragen nur sehr wenig über die Kette empor. Der ganze Südhang ist ein gewaltiger Abgrund von 2500 bis 3000 m Tiefe. Dagegen scheint die Nordseite zugänglicher zu sein. Der mächtige Gangotrigletscher, grösster des Garhwal, und seine zahlreichen Seitengletscher besetzen diese ganze Seite. Sie sind gänzlich unerforscht, wir wissen nichts von diesen Bergen. Dieses Massiv ist also das interessanteste Problem des ganzen Garhwal.

Gangotri ( 3055 m ) ist ein von Mai bis Oktober bewohntes Dorf, welches als Operationsbasis dienen kann. 20 km weiter oben würde ein Höhenlager eingerichtet in Gaumukli ( 3950 m ) am Fuss des grossen Gletschers. Man gelangt nach Gangotri von Massuri ( englisch Mussooree ) aus in drei Tagen auf einem Saumweg, der das Bagiratital hinaufführt. Die Maultiere usw. mögen wohl bis zum Fuss des Gangotrigletschers steigen können. Es wäre daher sehr einfach, das Höhenlager regelmässig mit Lebensmitteln zu versehen. Massuri selber ist von Dehra Dun, Eisenbahnterminus, im Auto zu erreichen.

Diese ganze Gangotrigegend geniesst ein verhältnismässig trockenes Klima. Der Monsun fällt kaum vor Ende Juli ein und erlaubt vermutlich, Forschungen trotz ihm auszuführen. Nicht bloss ist Gangotri eine Basis für das letzterwähnte Massiv, sondern es ist wirkliches Zentrum, mitten in einer noch unbekannten Region, denn im Norden dehnt sich ein anderes, ebenso grosses und ebenso unerforschtes, wenn auch weniger hohes Massiv aus. Dessen höchste Erhebung, der Bandarpunch, misst 6315 m. Diese Berge reichen bis zum Zaskar, im Tibet, zum Sutlej und zu den Simlastaaten und werden dem Gebirgsforscher ordentlich zu tun geben. P. S. Wie ich soeben vernehme, ist eine schottländische Expedition im April 1933 abgereist, um dieses Gebiet zu erforschen.

6. Panjabhîmalaya.

Gewisse Umstände zwingen mich, diesen Teil des Himalaya einstweilen noch zu übergehen. Vom Standpunkt des Bergsteigers bietet er übrigens zurzeit nur mässiges Interesse. Die hauptsächlichsten bibliographischen Quellen sind:

Bruce: 20 years in the Himalaya. In der Schweiz nicht zu bekommen.

Bruce: Kulu and Lahul. In der Schweiz nicht zu bekommen.

Douie: Panjab ( in « Provincial Geographies of India » ).

« Alpine Journal » XVI, 494; XVII, 234; XIX, 321; XX, 305; XXVI, 409 und 437; XXVII, 201 und 332; XXVIII, 342 und 382; XXIX, 89; XXXI, 51. « Geographical Journal » LX, 241—268. « Himalayan Journal » II, 112; III, 99; IV, 101.

Siehe auch Bücherverzeichnis der Alpenvereinsbücherei in München ( mit verschiedenen Quellen ).

7. Kaschmir.

Es existiert kein eigentlicher Kaschmirhimalaya. Kaschmir ist so gross, dass wir zu einer Teilung in mehrere spezielle Ketten gezwungen sind. Die Richtung der Himalayakette ist von Südost nach Nordwest. Sie ist deutlich erkennbar und von der Zaskarkette getrennt durch Flüsse, die parallel laufen mit den zwei Bergketten.

Die tiefe Schlucht des Zoji La ( 3530 m ) bildet eine sehr gute Grenzlinie dieses ersten Sektors, dem ein allgemeiner Name fehlt. Er hat nur einen Gipfel von 7000 m als höchsten Punkt der Nun Kun-Gruppe. Es ist dies übrigens der einzige Siebentausender in den 700 km, welche Garhwal vom Nanga Parbat trennt.

Diese Nun Kun-Gruppe sollte eigentlich separat behandelt werden, aber es fehlt uns gegenwärtig die Zeit dazu. Sie ist 1913 von der Expedition Piacenza exploriert worden, und deren Chef erstieg den höchsten Gipfel, den Nun Kun, 7077 m. Dessen Nachbar, der Pinnacle Peak, wurde 1906 von dem Paar Bullock-Workman erklommen — er kotiert nach den letzten Messungen 6932 m.

Hier die hauptsächlichsten Referenzen über den Nun Kun: Bullock-Workman: Peaks and Glaciers of Nun Kun, London 1909. C. Bibliothek Nr. 3783.

Dr. Neve: 30 years in Kashmir.

Cesare Calciati: Nel Himalaya Cashmiriano. Milano 1930.

Alpine Journal » XXI, 304; XXII, 348; XXIII, 334; XXVII, 454; XXVIII, 410. « Geographical Journal » 1908; Oktober 1911, 353—355 ( mit Karte von Neve ); LVI 1920, 124—128 ( Mason ). « Rivista Mensile C.A.I. » 1914, 131—148; 1930, 295—302.

Im Norden des Zoji La sinkt die Himalayakette und verzweigt sich beträchtlich. Sie besitzt keine bedeutenden Gletscher mehr, und ihr höchster Gipfel, der Kolahoi, misst bloss 5425 m 1 ). Hier befindet sich das eigentliche Kaschmir mit seiner grossen, von Bergen umgebenen Ebene. Dort fliesst der Jhelum in Windungen, und dort ist dessen weltbekannte Hauptstadt Srinagar in nur 1600 m Höhe über Meer. Diese « Berge des Kaschmir » sind syste- 1 ) Dieser höchste Gipfel des eigentlichen Kaschmir ist auf dem Blatt Srinagar ( Nr. 43 ) der Millionstelkarte nicht einmal aufgeführt.

matisch durchforscht worden, wir gehen nun aber sogleich über zum Endteil der Kette, dem Nanga Parbat-Massiv.

Quellen und Referenzen über Kaschmir-Gebirge: Neve: 30 years in Kashmir. « Alpine Journal » XX, 122; XXI, 31 und 185; XXIV, 195; XXV, 39 und 679; XXVI, 85, 200—202, 378—382, 309; XXXI, 214; XXXII, 394; XXXIX, 79 und 347. « Himalayan Journal » III, 54 sq. Mumm: Five Months in the Himalaya, London 1909, C. Bibliothek Nr. 2415.

Siehe auch Bücherverzeichnis der Alpenvereinsbücherei, München ( zahlreiche Quellen ).

Massiv des Nanga Parbat.

Wir haben diesen Gipfel bereits erwähnt im Anfang unserer Skizze als Gegensatz zum Namcha Barwa, der am anderen Ende der grossen Kette sich in einer übrigens gänzlich verschiedenen Umgebung erhebt.

Die jahrhundertealte Strasse Srinagar-Astor quert zwei Gebirgsketten. Die erste erinnert an unsern Jura mit seinen schönen Wäldern und Weiden. Die zweite ist höher und hat zwei parallele Pässe, den Burzil ( 4200 m ) und den Kamri ( 4075 m ), unter denen man die Auswahl hat.

Diese obere Kette trennt zwei Gegenden, deren Anblick und Klima gänzlich verschieden sind. Man lässt hinter sich die Wälder, die Feuchtigkeit, die prächtige Flora des eigentlichen Kaschmir und steigt nieder nach Astor durch ein Tal, das immer trockener, heisser, dürrer wird, wo der Himmel unwandelbar blau zu sein scheint. Die wenigen Wolken, welche ihn trüben könnten, schlagen sich naturgemäss zum Nanga Parbat und verleihen diesem geheimnisvollen Berg noch grössere Schönheit 1 ).

Der Nanga Parbat ist viel mehr als ein Berg, nämlich ein ganzes Massiv, dessen eisige Flanken und Gräte im hellen Lichte der orientalischen Sonne erglänzen. Ein so isolierter und hoher Berg sollte, wie es scheint, in hohem Masse auffallen. Aber der eigentliche 8115 m hohe Gipfel ist, wenn man nach Astor absteigt, selten sichtbar. Dies rührt daher, dass das Land, so trocken es auch ist, von Schluchten durchschnitten ist, die nur selten einen Blick nach dem Berge erlauben. Wenn man den Weg über den Kamripass nach Astor verfolgt, kommt man zu einer Stelle — einer einzigen —, von der man die ungeheure, 5000 m hohe Südwand in ihrer ganzen Grösse übersieht. Sie sei die höchste der Welt 2 ).

Merkwürdigerweise ist das Nanga Parbat-Massiv senkrecht zur Himalayaaxe orientiert. Es verläuft von Südwest nach Nordost und bildet die Grenze zwischen den Distrikten von Astor und Chilas. Der Berg selber hat drei Rücken: die zwei Gräte, welche die Hauptfirst bilden, und den dritten, welcher von ihnen im rechten Winkel abzweigt in der Richtung von Chilas.

Es ergeben sich daraus drei Hänge oder, besser gesagt, drei Wände, deren grösste selbstverständlich die südliche ist. Sie überragt das ganze Rupaltal. Sie ist so steil, dass kein Gletscher sich an ihr festsetzen kann. Die zwei anderen Hänge sind durch den Nordgrat voneinander geschieden. Nordwestlich fallen die Felsen und Seraks zum Diamirgletscher ab. Im Nord- osten überragt eine noch gewaltigere Wand die Gletscher von Buldar und von Rakiot.

Dem Südhang des Berges entspringen der Rupal und seine Nebenflüsse, die sich in Pirirot in den Astor werfen, währenddem der Diamir, der Rakiot und der Buldar sich oberhalb des Chilasdorfes in den Indus ergiessen.

Der Nanga Parbat ist noch unbestiegen, und seine Geschichte ist zurzeit noch eine kurze.

Im Jahre 1895, etwa Mitte Juli, kamen drei ausgezeichnete, britische Alpinisten vom Kamripass weg zum Südfuss des Berges bloss 27 Tage, nachdem sie London verlassen hatten. Es waren A. F. Mummery, G. Hastings und Norman Collie, ein in den Alpen sehr bekanntes Trio. Nach einem Ruhetag unternahmen sie eine Auskundschaftung: sie waren vom gleichen Eifer beseelt, der sie vorher zur Eroberung der schwierigsten Aiguilles des Mont Blanc angespornt hatte. Aber in Bälde gewahrten sie, dass die Bezwingung der Gipfel des Himalaya etwas gänzlich Verschiedenes ist von derjenigen der Felsnadeln des Montenvers.

Die Südwand erschien ihnen als aussichtslos. Sie überschreiten den Mazenopass ( 5375 m ) und untersuchen den Nordwesthang, welcher sich ob dem Gletscher von Diamir ( oder Diamirai ) erhebt. Sie betrachten diese Wand mit den Augen optimistischer Alpinisten, welche an Siege gewohnt sind, und beschliessen, an ihrem Fusse ihr Basislager zu erstellen.

In einem starken Tagesmarsch gehen sie über den Diamiraipass ( 5485 m ) und den Mazenopass nach Rupal zurück, wo sie ihr grosses Gepäck zurückgelassen hatten. Dort finden sie Major Bruce, eine Gestalt, die man überall im Himalaya antrifft. Er hatte den Transport ins Werk gesetzt und Urlaub erhalten, um sie zu begleiten. Am 27. Juli machen sie gewissenshalber eine Besichtigung am Tashing Peak ( zirka 6000 m ), von dem man einen lehrreichen Blick auf die grosse Südwand des Nanga Parbat hat. Aber jener verscheucht alle ihre Lust, dort einen Versuch zu machen.

Die Gesellschaft verfügt sich sodann mit allem Gepäck über den Mazenopass zum Diamiraigletscher und schlägt dort ihr Basislager auf. Bruce verlässt nun seine Freunde, um seinen Militärdienst wieder aufzunehmen. Schon hatten sie nun den 7. August, und das bisher schöne Wetter lief Gefahr, nach und nach sich zu verschlechtern. Die Lebensmittel wurden knapp, und Hastings, sich aufopfernd, geht nach Astor zurück, um welche zu holen und einige Schafe herzubringen. Er überschreitet zum vierten Male den Mazenopass, ein äusserst steiniger Weg, der Bruce noch im Jahre 1931 in schlechtem Andenken blieb.

Es wäre selbstverständlich viel einfacher gewesen, sich in Chilas zu verproviantieren, aber dieses Tal ist äusserst rauh und sehr arm. Ausserdem hat dieses schlechten Ruf, und seine Hirten machen öfters Einfälle bis ins Rupal. Es war daher vorsichtiger, sie gänzlich zu meiden.

Am 11. August, da der Nanga Parbat mit etwas frischem Schnee bedeckt war, machten Mummery und Collie eine Trostfahrt auf den Diamirai Peak ( zirka 5800 m ). Bruce hatte ihnen zwei seiner besten Gurkhas zurückgelassen, ausgezeichnete Bergsteiger. Da Collie nicht wohl war, machte sich Mummery am 15. ohne ihn, aber mit den zwei Gurkhas, auf zur Bezwingung der Nordwestwand. Nach einem ersten vergeblichen Versuch machte er einen zweiten nur mit Ragobir und erreichte über sehr schwierige Felsrippen eine Höhe von zirka 6100 m.

Unglücklicherweise hatte Ragobir vergessen, Lebensmittel mitzunehmen ( oder hatte sie unterwegs verzehrt ?). Sie sahen sich also gezwungen, abzusteigen und diese zu schwierige Route aufzugeben.

Man hat das Gefühl, dass Mummery seine ganze kühne Alpentaktik in ganzem Masse beibehalten hatte und sie ohne weiteres auch im Himalaya ins Werk setzen wollte. Seitdem sind die Bergsteiger abwägender geworden und machen ihren Angriff auf der leichtesten Route, nach sorgfältiger Auskundschaftung derselben.

Endlich, am 23. August, unternehmen Mummery und die zwei Gurkhas, Ragobir und Gomang Singh, einen Vorstoss nach dem Diamapass, der sich im Nordgrat in etwa 6000 m Höhe öffnet. Seitdem sind sie nicht mehr gesehen worden; sie sind verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Es scheint, dass der Zugang zu diesem Pass auf dieser Seite nicht sehr schwierig sei, der entgegengesetzte Hang jedoch ist ein Abgrund, der direkt gegen den Rakiot abfällt. Mummery hatte die Absicht, diesen Rakiot zu erforschen in der Hoffnung, dort einen leichteren Aufstieg zu erkunden. Unternahm er den Abstieg? Dies ist kaum anzunehmen, denn der Grat, der vom Diamapass zum Gipfel des Nanga Parbat hinaufführt, ist viel einladender. Es ist wahrscheinlich, dass er nicht einmal bis auf die Passhöhe gelangt ist und dass eine Lawine die drei Männer vorher hinabgerissen hat.

In der Zwischenzeit war Hastings wieder über den Mazenopass zurückgekommen. Collie und er reisen nun ab nach dem Rakiot, wo sie mit Mummery Stelldichein verabredet hatten. Sie überschreiten den Redpass ( Kachal Galiund zwei weitere kleine Pässe auf der Chilasseite. Im Rakiot angelangt, finden sie Mummery nicht vor. Aber in Sicht der Abgründe, in denen der Diamapass hier abfällt, sind sie überzeugt, dass ihr Freund sich nicht in solche Gefahr begab, sondern ins Basislager zurückgekehrt sei.

Das Wetter ist schlecht, und Collies Urlaub geht dem Ende zu. Er verreist daher nach Astor, währenddem Hastings ins Basislager zurückkehrt. Dort kein Mummery! Hastings steigt eilig nach Jalipur ( Chilas ) ab und telegraphiert Collie nach Astor, was geschehen. Sie begegnen sich in Doyan und reisen dann das Industal hinab bis Bunar. Dort finden sie den englischen Agenten für Chilas, Hauptmann de Vismes, der sich bereit erklärt, sie in ihren Nachforschungen zu unterstützen.

Zusammen gehen sie das Bunartal hinauf, vertauschen es hierauf mit dem des Diamir und finden ihr verlassenes, trostloses Lager halb im Schnee begraben. Dieser Schnee macht alle Nachforschungen unnütz. Gleichwohl steigen sie bis zum Fuss des Diamapasses hinauf, aber die fortwährend herabfallenden Lawinen machen all ihren Hoffnungen ein Ende. Schweren Herzens machen sie sich auf den Rückweg. Was war geschehen? Man wird es niemals erfahren, aber es ist anzunehmen, dass Mummery und seine zwei Gurkhas Opfer einer Lawine wurden.

Wenn sie am Nordwesthang zugrunde gegangen wären, hätte man sagen können, dass ihre Kühnheit ihnen zum Verhängnis geworden sei. Aber dies war nicht der Fall, und es liegt hier von ihrer Seite eher ein Verkennen der Verhältnisse des Himalaya vor. Dieser Versuch von 1895 bleibt trotzdem bestehen als eine der kühnsten Taten des vorigen Jahrhunderts. Erst viel später wurde sie übertroffen am Kangchendzönga durch die Münchener Expedition.

Während 35 Jahren blieb der Nanga Parbat in seiner « splendid isolation », ohne dass jemand sich wieder an ihn herangewagt hätte. Das Unglück hatte die Eingebornen mit Schrecken erfüllt. In ihrem Aberglauben war es für sie eine Rache der Götter. Noch heute betrachten manche Mitglieder des Alpine Club den Berg als unbesteigbar.

Es scheint, dass im Jahr 1914 Kellas im Tale von Astor kurz erschien; er reiste aber ab, ohne etwas versucht zu haben.

Anno 1930 sprach man von einer Expedition Welzenbach. Diese reiste erst 1932 ab, ohne ihn, unter der Führung von Willy Merkl von München, einem Bewunderer von Mummery, und der, wie er, an den Charmoz Lorbeeren gepflückt hat. Die Expedition nannte sich eine germano-amerikanische. Es waren sieben junge Deutsche, welche eine kurze, aber hervorragende alpine Laufbahn hinter sich hatten, ein Amerikaner, ebenfalls bewährter Bergsteiger, und eine amerikanische Journalistin, welche zahlreiche Depeschen absenden sollte.

Eigentlich war es Walter Schmidkunz, der das Unternehmen angestiftet hatte, und er schien am Erfolg nicht zu zweifeln. Dieser besitzt unveröffentlichte Briefe Mummerys an dessen Frau von 1895. In einem derselben behauptet Mummery, dass er endlich einen leichten Weg gefunden habe und nun des Sieges sicher sei... Hieraus erklärt sich die Siegeszuversicht der deutschen Presse zur Zeit der Abreise der Merklexpedition. Es schien fast, als ob der Gipfel sich verbeugen sollte, um sie zu empfangen.

Am 15. Mai sind sie in Srinagar und hören enttäuscht, dass das Chilas wegen seiner gefährlichen Einwohnerschaft verboten sei. Aber sie finden schliesslich eine Zwischenlösung. Statt den Talweg des Chilas zu verfolgen, werden sie Pässe überschreiten, um Rakiot zu erreichen, was übrigens schon Collie in umgekehrter Weise gemacht hatte.

Srinagar am 28. Mai verlassend, queren sie nicht ohne Mühe mit ihren Ponies den Burzilpass ( noch im Schnee ) und gelangen am 4. Juni nach Astor. Der Hauptmann Frier der englischen Agentur in Gilgit stösst zu ihnen als Transportoffizier, ein wenig angenehmer Posten in jener Gegend.

Die Kulis von Srinagar weigern sich nun ganz einfach, Lasten zu tragen, und werden daher zurückgeschickt, aber dies ist nur der Anfang der Schwierigkeiten... In Doyan verlässt man den Talweg von Gilgit, um über sehr steile Bergwege anzusteigen. Eine Vorhut hat den Weg ausgekundschaftet, und man erreicht ohne Schwierigkeit über einen ersten Pass das Lichartal. Da die Astor-träger langsam und faul sind, ersetzt man sie durch Hunzakulis, die besser, aber auch sehr furchtsam sind. Die Erinnerung an die Katastrophe von 1895 scheint in diesen abergläubischen Köpfen noch sehr lebendig zu sein.

Vom Lichar geht man hinüber ins Buldartal und hernach ins Rakiot, wo man das Basislager an einer wundervollen Stelle aufschlägt. Diese ganze Region ist viel schöner als die zwei anderen Seiten des Massivs. Wälder und Weiden reichen hinauf bis zu den Gletschern und stehen in prächtigem Gegensatz zu den himmelhohen Schneebergen um sie herum.

Leider ist ein grosser Teil der Freude zerstört durch das Verhalten der Kulis. Es waren damals deren 70, wovon 30 Hunzas und 40 Baltis. Aber es hatten sich auch einige Leute von Chilas eingeschlichen, die einen guten Teil der Ausrüstung und ferner mehr als tausend Rupien stahlen. Trotz aller Nachsuchungen blieben die Diebe unerkannt. Man schickt die Ver-dächtigsten heim, aber die übrigen sind faul und feig, und bei der geringsten Gefahr streiken sie. Sie wissen, dass die Sahibs nichts ohne sie können, und ziehen von den geringsten Gelegenheiten Vorteil, indem sie den Tarif ungebührlich in die Höhe treiben.

Am 22. Juni ist jedermann im Basislager beisammen, und am folgenden Tag beginnt der Angriff in den Seraks des Rakiotgletschers. Sie steigen über die linke ( West- ) Seite empor und erreichen in dieser Weise die grosse Mittelmoräne, auf welche sie mit dem Lager ( Kamp I ) vorrücken. Das Lager II wird auf einer ersten Eisterrasse in 5100 m Höhe erstellt, das III auf einer zweiten Terrasse, 400 m höher, und das IV. in 5800 m Höhe auf einer weiteren, noch höheren Plattform, am wirklichen Fuss der grossen Nordostfirst des Berges.

Dieser Kamm hat seinen Ursprung im höchsten Gipfel und verzweigt sich zu einem 7795 m hohen Nordgipfel und zwei östlichen Gendarmen. Gemäss den neusten topographischen Aufnahmen, die den alten sehr überlegen, aber noch nicht veröffentlicht sind, würde sich zwischen den Ost- und Nordgipfeln ein kleines Plateau befinden.

Vom Ostgipfel weg macht die Kammlinie einen starken Bogen und sinkt in einen weiten Sattel. Nachher erhebt sie sich neuerdings zum Rakiot Peak ( 7060 m ) und setzt sich wellenartig fort bis zum Chongra Peak, dessen Gipfel das Tal von Ramah unmittelbar überragt.

Am 8. Juli sind die Sahibs im Lager IV. Am 14. führen Aschenbrenner und Hamberger die Besteigung des Westgipfels der Chongra ( zirka 6400 m ) aus. Am nächsten Tage geht ersterer mit Kunigk zu einem Biwak am Fuss der Rakiot Peak hinauf, und sie erklimmen am folgenden Tage von Nordosten in 9 Stunden schwerer Felskletterei den 7060 m hohen Gipfel. Diese Route wäre selbstredend für Kulis unbegehbar. Man entschliesst sich daher nach vielem Zögern, den Rakiot im Norden zu umgehen, um die Kammlinie im grossen, oberwähnten Sattel zu erreichen. Aber diese Überschreitung ist nach einem Schneefall gefährlich, und der gewaltige Gletscherkessel zwischen Rakiot und den Ostgipfeln ist voller Spalten und Seraks. Man schlägt gleichwohl dort in 6000 m Höhe das Lager V auf, und von dort bleibt nun nur noch der direkte Aufstieg zum Sattel übrig, mit einem Zwischenlager in 6600 m Höhe.

Am 29. Juli endlich gelingt dieser Aufstieg Berchtold, Merkl und Wiessner. Sie pflanzen ihre Zelte auf als Lager VII, zirka 6900 m hoch. Diese Fortschritte scheinen sehr langsam zu sein, aber die Kulis waren dabei von keinem Nutzen, und die Sahibs sahen sich gezwungen, ihre Lasten selber zu tragen.

Bis da waren sie von herrlichem Wetter begünstigt gewesen, das zur Mittagstunde sogar sehr heiss war. Aber nun tritt ein Wettersturz ein, und während drei Wochen fällt beinahe jeden Tag Schnee. Eine Aufhellung erlaubt Herron, Merkl und Wiessner, die zweite Besteigung des Chongra ( zirka 6400 m ) zu vollführen, aber sehr tiefer Neuschnee macht die Tur zu keinem Vergnügen. Während dieser ganzen Schlechtwetterperiode bleiben die Sahibs im Lager IV, und dieser lange, tatenlose Aufenthalt in 5800 m Höhe wird sie in keiner Hinsicht gestärkt haben. Mehrere erkrankten, andere sind gezwungen, die Heimreise anzutreten.

Am 21. August steigt die ganze übrige Gesellschaft zur Basis nieder. Am 28. machen sich Herron, Merkl und Wiessner mit 12 Kulis auf, um einen letzten Versuch zu unternehmen. Der Neuschnee geht bis zum zweiten Lager herunter und bietet ihnen grosse Schwierigkeiten. Am 30. sind sie im Lager IV, 5800 m. Der Schnee ist ein Meter tief, und jeder Abhang bietet Gefahr. Am 2. September fühlen sie sich als geschlagen — es war ihnen nicht einmal gelungen, die obersten Lager zu evakuieren.

Die Ergebnisse dieser Unternehmung sind nicht von Belang: ein nicht sehr wichtiger Gipfel von 7000 m mehr, den man der Liste der bestiegenen beifügen kann. Dagegen ist es unzweifelhaft, dass praktische Lehren gezogen werden können. Wie ersichtlich, ist die Kulifrage in dieser Gegend eine sehr schwierige. Die meisten meldeten sich unterwegs als krank, und keiner unter ihnen gelangte bis zum obersten Lager. Die Sahibs sahen sich gezwungen, selber schwere Lasten zu tragen, und solche Arbeit ist erschöpfend und verderblich für Männer, die frisch an den letzten Angriff gehen sollten. Offenbar ist mit jenen Kulis nicht viel anzufangen. Die nächste Expedition wird gut tun, in Darjiling ein Dutzend der besten « Tigers » anzuwerben, die kräftig und erfahren genug sind, am letzten Angriff teilzunehmen, nachdem sie am Hoch-transport mitgeholfen haben werden.

Die 1895er Expedition war viel zu spät abgereist, und diejenige von 1932 hat nicht schnell genug fortschreiten können. Von August an kann man nicht mehr auf sicheres Wetter zählen. Mummery besass alle Vorteile einer kleinen, sehr beweglichen und schnellen Karawane, mit zwei guten Gurkhas. Dagegen hatten die Münchener eine Menge Kulis, aber nicht einen tüchtigen.

Es ist noch nicht erwiesen, dass die 1932er Route die beste sei. Der eingeschlagene Weg scheint leicht zu sein, wenn man die Photos betrachtet, aber in Wirklichkeit ist er gefährlich und keineswegs einfach. Was wollen wir sagen vom östlichen Gipfel, der den Grat vollständig zu blockieren scheint? Gegen Rupal scheint er senkrecht abzufallen, und die Rakiotseite macht sehr schlechten Eindruck, sogar auf den Photographien. Wenn es gelingt, ihn zu umgehen oder sogar direkt zu erklettern, würde man allerdings auf ein schönes Plateau gelangen und von dort zum Fuss des Nordgipfels, 7795 m. Aber dort bleibt dann immer noch ein starkes Stück Grat, Fels und Schnee 1 ).

Warum wurde der Berg nicht mit Flugzeug erkundet? Wir wissen, dass im März 1931 englische Offiziere von Risalpur nach Gilgit und zurück flogen. Aber die während dieses Fluges aufgenommenen Bilder lehren uns nichts Neues über den Nanga Parbat, da er in Wolken gehüllt war. Es wäre von grösstem Werte, wenn man den Zugang zum Gipfel über Nord- und Nordostgrat miteinander vergleichen könnte 2 ).

Unten aufgenommene Photos scheinen darzutun, dass der vom Diamapass zum Nordgipfel streichende Grat leichter ist als der von den Deutschen eingeschlagene Weg. Er ist jedenfalls kürzer. Wenn man jenen Grat verfolgt, sollte man den Nordgipfel vermeiden und über Firne direkt zum höchsten steigen können. Wie stellt sich der Diamapass auf der Westseite dar? Wir wissen nichts davon, ausser dass Mummery ihn versucht oder bestiegen hat und dort zugrunde ging.

878 Solange das Chilas nicht zugänglich ist, wird der Zugang zum Hauptlager der Münchener an und für sich eine lange und verwickelte Arbeit sein. Falls beide genannten Wege schwierig und gefährlich sind, wäre derjenige der Deutschen immerhin vorzuziehen, denn man gelangt zur Basis, ohne einen so hohen Pass wie den Mazeno überschreiten zu müssen. Und beiläufig gesagt, ist die Landschaft eine viel schönere als in Rupal oder Diamir, welche beide öde und einförmige Täler sind.

Die Deutschen wollen 1934 ihren Angriff wiederholen, und sie haben sich den Berg zum voraus reserviert. Ich sage reserviert. Denn man kann nun einen Himalayagipfel mit Beschlag belegen, wie man eine Jagd im Aargau oder Elsass pachtet. Der Himalaya hat den Vorteil, dass das Reservieren nichts kostet. Es ist dies eine neue Erfindung, welche sich einzubürgern scheint und der es nicht an Originalität fehlt. Die Verantwortung dafür fällt einigermassen den Engländern zu. Sie haben den Everest ausschliesslich für sich beansprucht und haben den Kangchendzönga als « deutschen Berg » erklärt, wahrscheinlich, weil sie nicht an seine Bezwingung glaubten! Aber nun wäre der Nanga Parbat ebenfalls ein deutscher Berg! Merkl und seine Begleiter haben dort ihre Visitenkarten in Form von Lagern zurückgelassen, welche ihre Rückkehr geduldig erwarten l ).

In diesem Falle wäre also der K2 ein italienischer Berg... Wo haben wir einen französischen — und wo einen schweizerischen

Wenn also z.B. Schweizer sich am Nanga Parbat versuchen wollten, würden sie Gefahr laufen, von deutscher Seite mit einem « Prozess » beglückt zu werden. Ist dies nicht sonderbar? Dieser Antagonismus besteht übrigens nicht bloss zwischen Nationen, sondern auch unter den Bergsteigern eines und desselben Landes. Es wäre zu bedauern, wenn jener schöne Berg zum Zankapfel unter den Alpinisten einer Nation würde. Der Kampf um die Pole war freier und loyaler. Die Bergsteiger mögen sich daran erinnern!

Bibliographie den Nanga Parbat betreffend:

J. Norman Collie: Climbing on the Nanga Parbat Range, Kashmir, in « Alpine Journal » XVIII, 17—32.

J. Norman Collie: Climbing on the Himalaya and other Mountain ranges. Bibliothek S.A.C. Nr. 4186. Die ersten 134 Seiten berichten über die 1895er Expedition.

C. G. Bruce: The passing of Mummery, in « Himalayan Journal » III, 1—12.

Fritz Bcrchtold: Der Kampf um den Nanga Parbat, in: « Der Bergsteiger », September 1932, 715/716 ( gute Photos ).

Hugo Hamberger: Der westliche Chongra Peak ( 6400 m ), in:« Der Bergsteiger », Oktober 1932, 44/45. Enthält auch einige Berichte aus dem Hauptlager.

Herbert Kunigk: The German-American Himalayan Expedition, 1932, in: « Alpine Journal » XLIV, 192—200.

Herbert Kunigk: Der Rakiot Peak, 7060 m, in: « Der Bergsteiger », November 1932, 107/108.

Willy Merkl: Der Kampf um den Nanga Parbat, in: « Münchner Illustrierte Presse », 20. November 1932.

Willy Merkl: Der Angriff auf den Nanga Parbat, in: « Der Bergsteigers, Januar 1933, 219—228.

Willy Merkl: The attack on Nanga Parbat, 1932, in: « Himalayan Journal », V, 65—74.

1 ) Nachstehend, was man anfangs Oktober 1932 im « Rosenheimer Tagblatt » zu lesen bekam: « Die Engländer hatten sich verpflichtet, in der Zwischenzeit keine Expedition auf den Nanga Parbat zu unternehmen, um sich die Erfahrungen der Deutschen zunutze zu machen. » ( Fortsetzung folgt. )

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