Die Erstbesteigung des Pestel

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VON CHRISTIAN DALPHIN, GENF Mit I Bild ( 103 ) Am Donnerstagabend ( 10. Mai 1962 ) fährt bei strömendem Regen ein 2 CV durch die mit Wagen überfüllte Stadt. Er drängt sich durch die Boulevards, erreicht Carouge und entrinnt endlich der Stadt, Richtung Perly. GottlobWir sind dank der Liebenswürdigkeit eines Freundes, der uns diesen sympathischen Wagen geliehen hat, losgefahren.

Wir haben vor, den Pestel, einen 300 m hohen Monolith in der prachtvollen Gegend von Die, im Vercors, zu erklimmen. Soviel wir wissen, ist er noch unbestiegen.

Nach anderthalb Stunden Fahrt sind wir in Aix-les-Bains. Wir kommen eben auf Bergschuhe zu reden, als ich mit Bestürzung gewahre, dass ich meine in Genf vergessen habe... Wir verlieren also mehr als dreieinhalb Stunden, um umzukehren und sie zu holen. Nach diesem Zeitverlust -die Kommentare dazu kann man sich denken - entschliessen wir uns jenseits von Grenoble, die Nacht unter einer Brücke zu verbringen. Geschützt vor dem Regen, der uns seit der Abfahrt treu begleitet, finden wir ein paar Stunden Halbschlaf und fahren weiter.

Es regnet, bis wir den Col de Menée hinter uns haben; dann hellt der Himmel auf, und es wird wärmer. Endlich erreichen wir die Abbaye de Valcroissant, den Ausgangspunkt für die Routenwege zur Glandasseflanke. Nach zwei Stunden Marsch sind wir am Fusse des Pestel, einer gewaltigen Felszigarre. Sie ist auf allen Seiten glatt und sieht wirklich abstossend aus.

Um die Mittagszeit greifen wir sie an. Zwei Seillängen bringen uns zur ersten grossen, vom Fussweg aus gut sichtbaren Grotte.Von da an beginnen die Schwierigkeiten. Bernard übersteigt mit gewohnter Eleganz das Dach, welches den Ausstieg aus der Grotte erlaubt. Es muss hier gesagt werden, dass dieses Dach im Oktober 1961 von Desmaison und Candelier - sie mussten wegen schlechten Wetters aufgeben - « ausgerüstet » worden ist. Bei einem Versuch an Ostern haben wir es fünfzehn Meter weiter gebracht; aber auch wir mussten aus dem gleichen Grunde umkehren. Diesmal scheint die Wetteraussicht günstiger, und wir sind entschlossen, den Aufstieg zu erzwingen; denn wenn wir scheitern, geht es lange, bis wir den Versuch wiederholen können.

Ich schicke die Säcke hinauf und erreiche Bernard. Wir sind schon ziemlich hoch in der Wand, und der Blick ist imponierend: mächtige, kompakte gelbe Platten verlieren sich in der Westwand. Auch auf der Südseite sieht die Wand nicht einladend aus. Eine grosse freie Felsplatte, die gegen einen Überhang stösst, scheint der einleuchtendste Weg zu sein. Nach diesem Überhang nimmt die Steilheit ab. Es braucht zwei Bohrhaken im Beginn der Passage. Dann steige ich in freier Kletterei einer brüchigen, begrasten Verschneidung entlang. Der Aufstieg ist luftig und wundervoll. Fünf Meter vor der Höhe des Überhangs geht mir das Seil aus, und ich bin genötigt, mit Steigbügeln einen Stand einzurichten. Bernard kommt nach. Das Seil läuft gleichmässig durch meine Finger, als ich plötzlich einen Ruck spüre. Eine Sprosse an der Strickleiter meines Kameraden ist gebrochen. Indem er instinktiv die Platte anpackt, verletzt er schmerzhaft seinen rechten Zeige- finger, steigt aber in stoischer Ruhe weiter und erreicht die Plattform über dieser gewaltigen Plattenverschneidung, die man schon vom Fussweg aus hier vermutet. Endlich eine kleine Ruhepause! Diese Seillänge von 45 m hat uns zwei Stunden anhaltender Anstrengung gekostet. Ein paar eilig gegessene Schokoladetäfelchen, und wir gehen weiter. Der Himmel bleibt klar, und es bläst ein leichter kalter Wind. Die Landschaft ist sehr schön; unter uns dehnt sich das grüne, steil abfallende Tal, und rechts steigen die gewaltigen Bastionen der Steilflanke der Glandasse auf: eine 350 m hohe, vollständig glatte weisse Kalkwand. Es ist beissend kalt.

Wir entschliessen uns, bis zur Dunkelheit weiterzusteigen. Beim monolithischen Aufbau des Pestel sind wir auf kleinste für ein « Hinaufhaken » geeignete Ritzen angewiesen. Das nötigt uns, nach rechts um den Grat herum zu gehen, um auf die Höhe der Grotte, die in der Mitte der Wand liegt, zu gelangen ( sie ist ebenfalls vom Fussweg aus sichtbar ). Während Bernard der langweiligen Arbeit obliegt, welche die Kletterei mit künstlichen Hilfsmitteln verlangt, ereignet sich ein bedauerlicher Zwischenfall: zwei Bohrer brechen ab. Es bleiben uns noch drei, und dabei sieht die Fortsetzung besonders schwierig aus: ein 50 m hoher Vorsprung, an dem sich nachher die Verwendung gewöhnlicher Haken als fast unmöglich erweist.

Über uns ist der Himmel immer noch klar; aber von Valence her lauert eine drohende Wolkenbank. Es ist fast Nacht, als Bernard nach zweistündiger Anstrengung eine kleine Stelle erreicht, wo wir einen guten Stand installieren können. Wir seilen uns auf die Plattform zurück ab, indem wir die Karabiner einsammeln. Dann ist es plötzlich dunkel. Ruhig machen wir unser Biwak bereit. Die Kälte nimmt zu. Nach einer bescheidenen Mahlzeit richten wir uns so gut als möglich für die Nacht ein.

Jeder Bergsteiger weiss, dass eine Nacht im Biwak endlos scheint. Es ist kein richtiges Schlafen, sondern ein schwerer Halbschlummer, aus dem man immer wieder plötzlich erwachend auffährt. Und doch sind wir zutiefst glücklich, hier oben zu sein, ganz auf unsere eigene Kraft gestellt. Endlich wird es Tag. Wir knabbern ein paar Dörrfrüchte und etwas Schokolade und versuchen, uns ein wenig zu erwärmen. Dann beginnen wir, immer noch starr vor Kälte, den Weiteraufstieg. Vom Standplatz bei der Grotte an beginnt das Problem der Route: der schon erwähnte, 50 m hohe, überhängende und fürchterlich glatte Vorsprung!

Ich benütze zuerst einen kleinen, wenig tiefen Riss, der sich im Fels verliert. Im Anfang schlage ich kleine Nägel ein; dann benütze ich abwechselnd Bohrhaken. Die Seillänge ist sehr schön. Wir bewegen uns genau auf der Gratschneide; man könnte sich keine luftigere Strecke vorstellen. Alles scheint zum besten zu stehen, als auf einmal die Spitze meines Bohrers glatt abbricht. Wir haben noch zwei zum Auswechseln; aber eine davon ist leider zu klein. Bernard reicht mir einen neuen Bohrer mit der passenden Spitze, und ich mache weiter. Ich bohre noch fünf Löcher, als -tackauch diese abbricht. Die Situation wird kritisch. Ich bin gezwungen, die 30 m zum Standplatz zurückzusteigen, um den Rest der Bohrspitze herauszunehmen und ihn zu ersetzen. In der Wand ist das unmöglich zu bewerkstelligen; man braucht einen ebenen Platz. Da ich von all dieser Akrobatik etwas ermüdet bin, geht Bernard voraus und erreicht einen ausgezeichneten Riss, der einen Stand auf Steigbügeln erlaubt. Die Manöver haben ziemlich Zeit beansprucht; wir mühen uns nun schon fünf Stunden an diesem Vorsprung ab. Ich schaue zum Himmel: das Wetter schlägt um. Die Wolkenbank von gestern abend hat sich über die ganze Gegend ausgebreitet. Im Südwesten droht ein heftiges Gewitter. Nach der « Entnagelung » - bei den kleinen Nägeln eine leichte Sache - komme ich zum luftigsten und ausgesetztesten Stand, den ich je erlebt habe: auf der Gratschneide direkt über einem kleinen Überhang. Die Leere ringsum ist eindrücklich, der Ausblick grandios. Da es unmöglich ist, hier aneinander vorbeizukommen, geht mein Kamerad weiter voraus. Ich sehe, wie er sich über mir abmüht, bewundere aber die Sicherheit seiner Bewegungen. Nach einer sehr schwierigen Seillänge erreicht er endlich einen normalen Standplatz. ( Nachher nimmt die Steilheit der Wand ab, und die grossen Schwierigkeiten sind vorbei. ) Indessen ist das Gewitter rasch näher gekommen. Schon in halber Seilhöhe hat der Schneefall eingesetzt, den wir mit einigen Verwünschungen empfangen. Aber auch ich erreiche den Standplatz in einer kleinen Vertiefung, die uns vor dem Schneetreiben etwas schützt. So werden wir nicht zu sehr durchnässt vor dem zweiten Biwak. Ich übernehme wieder die Führung. Eine Seillänge ziemlich delikater « künstlicher » Kletterei, dann eine Seillänge freien Anstiegs, während uns der Schnee ins Gesicht peitscht, und wir erreichen die Überhänge unter dem Gipfel. Eine kleine Plattform verspricht uns eine ziemlich behagliche Nacht. Um 19 Uhr 15 beginnt unser zweites Biwak in der Wand. Es schneit ohne Unterbruch bis zum Morgen. Solche Überhänge sind für uns Bergsteiger wie von der Vorsehung bestimmt Es ist, wohl infolge der Wolkendecke, viel weniger kalt als in der letzten Nacht. Da wir nicht wissen, was uns auf der Bergseite gegen Glandasse erwarten würde, entschliessen wir uns schon während der Nacht, für den Abstieg unseren Aufstiegsweg zu benützen. Als der dritte Tag beginnt, ist alles weiss um uns, eine richtige Winterlandschaft. Nach der gewohnten Gymnastik, um uns zu erwärmen, umgehen wir die Überhänge nach rechts, und eine leichte Seillänge von 15 m führt uns zum Gipfel. Tannen, Schnee...

Nach dem üblichen Händedruck steigen wir wieder zum Biwak ab und, um die Säcke leichter zu machen, werfen wir den grössten Teil der Haken aufs Geröllfeld hinab. Es schneit ohne Unterlass. Die Seillängen folgen einander ohne besondere Schwierigkeiten, ausser dem Pendelquergang, der uns zum Stand auf Steigbügeln bringt. Der Nebel, der die Wand umgibt, verdeckt uns die Aussicht, was hier besonders schade ist. Dank dem 80-m-Seil gelangen wir in fünf Seillängen zum Geröllfeld hinunter. Wir packen unser Werkzeug ein und nehmen, beladen wie Maulesel, den Weg zur Abbaye unter die Füsse. Ungeachtet des beharrlich fallenden feinen Regens, der uns nun vollständig durchnässt, erreichen wir in rascher Gangart unseren Wagen, wo uns trockene Kleider erwarten. Die Leute der Abbaye laden uns liebenswürdigerweise zum Mittagessen ein, was wir freudig annehmen. Nach einer reichlichen Mahlzeit verlassen wir unsere sympathischen Gastgeber.

Wie bei unserer Abreise, begleitet uns der Regen auch auf der ganzen Heimfahrt. Wir trennen uns, zwar müde, aber befriedigt von unserem schönen Abenteuer an diesem imposanten Pfeiler.

( Obers.: F. Oe. )

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