Die erste Ersteigung des Finsteraarhorns und der Königsspitze

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Von

J. Lüders ( Sektion Basel ).

Wenn ich für die nachfolgenden Darlegungen eine ihre Richtung erläuternde Überschrift hätte wählen sollen, so würde ich der gegebenen hinzugefügt haben: zwei alpine Kriminalgeschichten, eine Erläuterung, die freilich zunächst noch keine Erläuterung sein dürfte. Es beansprucht aber nicht nur das zu besprechende Ereignis selbst unser Interesse, sondern in ebenso hohem Grade der Umstand, daß in beiden Fällen die Wahrhaftigkeit der ihre Fahrt schildernden Erstersteiger auf das schärfste angegriffen worden ist und diese in hoch-geachteter Lebensstellung befindlichen Männer tatsächlich als verlogene Schwindler hingestellt wurden. Handelte es sich also auch nicht um den Kopf der Angeklagten, so doch um ihren guten Ruf und insofern, als dabei unsicher erscheinende Tatsachen zu prüfen waren und Rede und Gegenrede erfolgte und endlich im Falle des Finsteraarhorns auch dritte an der Verhandlung teilnahmen, um Zeugnis oder ein Gutachten abzulegen, so darf man wohl jene Vorgänge mit Prozessen vergleichen. In beiden Fällen fiel die Entscheidung zunächst zu ungunsten der Angeklagten aus, und erst lange Jahre nachher führte die wieder aufgenommene Verhandlung zur vollständigen Rechtfertigung der früher Verurteilten. Wenn nun eine Reihe von Kriminalfällen dadurch zu unliebsamer Berühmtheit gelangt ist, daß auf nichtige Gründe hin von gelehrten und ungelehrten Richtern ein Schuldig ausgesprochen wurde, das einer ruhigen und unparteiischen Kritik gegenüber keinen Augenblick standgehalten hätte, so ist Ähnliches in unsern alpinen Kriminalfällen vorgekommen.

An die Schilderung der beiden in der Überschrift angeführten Fälle mag sich dann die kurze Erwähnung von ein paar anderen Fällen reihen. Zu einem alpinen Pitaval ist übrigens glücklicherweise kein genügender Stoff vorhanden. Die Zahl der Fälle, in denen ernstlich behauptete und wirklich vorhandene Erstersteigungen unter Anführung bestimmter Gründe bestritten worden sind, ist sehr gering. Noch geringer ist aber jedenfalls die Zahl der Fälle, in denen mit Recht Einspruch erhoben worden ist. Von den Fällen, in denen ein Irrtum bezüglich der Identität des bestiegenen Gipfels vorlag, oder die Erreichung der höchsten Spitze bestritten wurde, ist hier aber nicht die Rede.

Selbstredend muß man bei der hier angestellten Beurteilung des Wertes der erhobenen Anklagen auf den Standpunkt des Wissens ihrer Zeit sich stellen und ferner nach der Sachlage berechtigt sein, die Berichte der Erstersteiger prima facie für glaubwürdig anzusehen. Es ist aber auch interessant und wünschenswert, von beiden Grundlagen abzusehen und zu untersuchen, wie wir von unserer heutigen Kenntnis aus jene Berichte beurteilen müssen. Es muß sich also an die Kritik der Erstersteigung eine vergleichende Besprechung der später auf demselben Wege erfolgten Besteigungen knüpfen, was bei dem Finsteraarhorn zu der schon aufgeworfenen weiteren Frage führt, ob die Schwierigkeiten des Weges der Erstersteiger wirklich so groß sind, wie bisher angenommen worden ist. Bei der Königsspitze fallen übrigens beide Untersuchungen zusammen, weil die zu berücksichtigende spätere Ersteigung von demjenigen ausgeführt worden ist, der die Wirklichkeit der behaupteten Ersteigung angriff und sich dann dabei auf die eigenen Erfahrungen und nicht allein auf die dem Ersteigungsberichte selbst entnommenen Gründe berief.

Sowohl bei dem Finsteraarhorn, wie bei der Königsspitze, ist die erste Ersteigung nicht auf dem jetzt offiziellen Wege erfolgt, den die ersten „ beglaubigten " Ersteigungen bekannt machten und der dann zur Heerstraße wurde. Alles darauf Bezügliche liegt außerhalb des Bereiches dieser Darstellung, die sich nur mit den Berichten der Erstersteiger und gegebenenfalls derjenigen, die ihren Spuren folgten, befaßt. Die Besprechung der Angriffe, die gegen die beiden hier zu besprechenden Erstersteigungen gerichtet worden sind, verlangt nun nicht unbedingt die vollständige Wiedergabe der sie schildernden Berichte, aber es ist, wie oben schon gesagt ist, auch die Absicht dieser Zeilen, die Erstersteigungen selbst dem Leser vorzuführen, und deshalb sind die betreffenden Berichte hier ganz zu geben. Im Falle des Finsteraarhorns ist freilich seine Ersteigungsgeschichte schon öfters behandelt und wird den Lesern im allgemeinen bekannt sein, so wie auch die Quellen ihnen ziemlich leicht zugänglich sein werden. Diese verdienen aber, wenn man einmal alpine Geschichte treiben will, als monumenta alpina einen Platz in unserem Jahrbuche, das sich bisher mit ihnen beschäftigt hat, ohne sie vollständig abzudrucken. Die Erstersteigung der Königsspitze und die daran sich knüpfenden Fragen sind dagegen nur den kaum allzu zahlreichen Lesern des Jahrbuches bekannt, die das vor etwa 15 Jahren vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein herausgegebene Werk „ Die Erschließung der Ostalpen " und die „ Mitteilungen " desselben Vereins besitzen. In jenem Buche ist aber nur ein Auszug aus dem ersten Ersteigungsberichte gegeben, der seinerzeit in einem jetzt verschollenen und nur noch in einzelnen öffentlichen Bibliotheken anzutreffenden sogenannten Hauskalender katholisch-klerikaler Richtung veröffentlicht wurde. Seine Wiedergabe in einer alpinen Zeitschrift ist daher erwünscht. Daß es hier geschieht und daß überhaupt die Ersteigung der Königsspitze hier eingehend behandelt wird, mag kurz gerechtfertigt werden, obgleich unser Jahrbuch sich ja mit allen Bergen ohne Rücksicht auf ihre Nationalität beschäftigt und auch die Königsspitze, sowie die Ortlergruppe überhaupt, gelegentlich behandelt hat, deren zweithöchste Spitze sie ist 1 ). Die schöne Gestalt der Königsspitze ist auf den meisten Hochgipfeln der Schweiz sichtbar, denn der Blick von ihr streicht von der Berninagruppe zum Monte Rosa und dessen Nachbarn und weiter über das Berner Oberland zum Tödi und Säntis. Tschudi hat in seinem „ Tourist " die Ortlergruppe ebenso wie die Mont Blanc-Gruppe als Annex der Schweiz abgehandelt, und endlich stieg ihr erster Ersteiger von ihr in das friedliche Münstertal hinab, wo er aber schreckliche Abenteuer bei den „ finstern Kalvinern " erlebt zu haben glaubte, ein Froschmäusekrieg nach der Einnahme Ilions.

Der erste Ersteiger des Finsteraarhorns war bekanntlich Dr. Rudolf Meyer in Aarau ( 1791 — 1833 ). Er war 1812, als er das Finsteraarhorn bestieg 2 ), 21 Jahre alt, und studierte damals Medizin und Naturwissenschaften in Tübingen. Nach vollendetem Studium reiste er eine Zeitlang und ließ sich 1817 in Konstanz nieder, wo er sich mit naturwissenschaftlichen und literarischen Arbeiten beschäftigte. Im Jahre 1821 wurde ihm die Professur für Naturwissenschaften an der Kantonsschule in Aarau übertragen, die er bis zu seinem Tode bekleidete. Er starb schon 1833 an einem gichtischen Leiden, das ihn 1831 befallen hatte.

1 ) Sie ist 3857 m hoch gegen 4902 m des Ortler. Weilenmann erstieg sie am 1. September 1869, vgl. „ Die Bäder von Bormio". pag. 100—112, und Jahrbuch des S.A.G.. XXXII, pag. 199. Auf der Abbildung im Jahrbuche XVI, pag. 336, liegt die Königsspitze links neben dem Suldenjoch. Vgl. auch Jahrbuch XVII, pag. 303, und XXIX, pag. 179.

2 ) Ich werde Meyer der Kürze halber immer als Ersteiger bezeichnen, obgleich nur seine Führer den Gipfel völlig erreichten.

Er war ein geistig hochstehender Mann, aber wohl mehr zu dichterisch-philosophischer Wiedergabe des Bekannten, als zu eigener Forschung veranlagt, im übrigen zweifellos auch der kleinsten Unwahrheit unfähig. Obgleich körperlich von ungewöhnlicher Kraft und Gewandtheit und ein ausgezeichneter Turner 1 ), scheint er dennoch nur die Alpenreise vom Jahre 1812, bei der er das Finsteraarhorn bestieg, ausgeführt zu haben, wenigstens ist nichts über eine sonstige alpine Tätigkeit desselben bekannt geworden. Jene Reise war übrigens vorwiegend aus topographischen und naturwissenschaftlichen Absichten hervorgegangen, blieb aber des ungünstigen Wetters halber ohne andere als touristische Ergebnisse. Die Zurückhaltung Meyers, die ihn seine wissenschaftlichen Reisen nicht fortsetzen ließ, ist nicht unerklärlich. Ein einzelner kann kaum und am wenigsten sozusagen im Fluge, genaue topographische Ergebnisse gewinnen. In den Naturwissenschaften war er nicht Spezialist 2 ), und er mußte sich sagen, daß das Erhaschen einiger Tatsachen auf diesem oder jenem Gebiete selten Wert haben würde. Dazu kam die große Schwierigkeit, damals in das Hochgebirge einzudringen und sich darin einige Zeit aufzuhalten. Anderseits dürfte er aber auch keine eigentlichen touristischen Interessen gehabt haben.

Der erste Ersteiger der Königsspitze ist P. Corbinian ( recte Stephan ) Steinberger, geboren 1834 von bäuerlichen Eltern in der Nähe des in den bayerischen Voralpen südöstlich vom Chiemsee gelegenen Dorfes Ruhpolding. Von den heimatlichen Bergen aus hatte er oft die fernen Schneegipfel der Tauern betrachtet und begann, getrieben vom heißen Wunsche, sie später zu besuchen, die Ferien seiner Schul- und Studienzeit zu bergsteigerischen Übungen zu verwenden. Einmal stieg er „ unter unsäglichen Beschwerden " 20 Stunden lang in Schnee und Eis herum: ein anderes Mal brach er in der Frühe von Hause auf, ging über Reichenhall und Salzburg, bergauf bergab, mehr als 70 Kilometer weit, nach St. Gilgen am Wolfgangsee ( 550 m ) und erreichte von da noch vor Sonnenuntergang die Spitze des Schafberges ( 1780 m ). Im Herbste 1854, nach beendetem Studium, konnte er endlich die ersehnte Reise in das Hochgebirge antreten. Schon „ das geistliche Gewand tragend, aber übervoll von verwegen leichtsinnigem Jugendmute ", wie er selbst schrieb, verließ er München, zu Fuß den Bergen zuwandernd. Unfähig, die hohen Führerlöhne zu zahlen, erstieg er kurzerhand allein und ohne Führer am 17. August bei schlechtem Wetter den Großglockner, ging dann in starken Tagemärschen dem Ortler zu und stand, diesmal bei herrlichem Wetter, am 24. August auf der jungfräulichen Königsspitze, wiederum allein und führerlos. Er hat dann 1855 die damals weg- und hüttenlose Zugspitze und 1861 den Groß-Venediger in 18 Stunden von Prägraten aus erstiegen, ein Weg hin und her von etwa 40 Kilometern bei 2500 m. Höhenunterschied, ferner 1862 den Monte Rosa und im ganzen mehr als 400 „ Alpengipfel ", immer ohne Führer und meistens allein. Im Jahre 1865 wurde er Ordensgeistlicher und war 1893, als die Wirklichkeit seiner Ersteigung der Königsspitze angefochten wurde, Guardian des Kapuzinerklosters zu Altötting. Seine Fahrt auf die Königsspitze galt, als sie 1865 zuerst ans Licht gezogen worden war, meistens für etwas Außerordentliches, geradezu Fabelhaftes: ein wandernder Student, dem es plötzlich die Bergfee angetan hat, stürzt sich, von wildem Weh ergriffen, in die brausende Gletscherwelt und — siegt. Mit dieser Auffassung räumt die nüchterne Geschichtsforschung allerdings auf. Ein mit Eis und Fels vertrauter kräftiger Sohn der Berge wählte sich eine Aufgabe, der er sich gewachsen fühlte und der er gewachsen war.

Sind auch jene 400 Gipfel, die Steinberger besucht hat, zweifellos zum geringsten Teile Hochgipfel, so wird man ihn doch als einen ganzen Bergsteiger anerkennen müssen, der überdies, seiner Zeit vorauseilend, sich zielbewußt zu einem solchen ausbildete. Dabei findet man in dem, was er über seine Bergerlebnisse und sich selbst berichtet hat, keine Spur von Überhebung, er ist offenbar weit davon entfernt, das Alleingehen als eine differentia specifica des Menschen anzusehen und in dem führerlosen Bergsteiger den Gegensatz zu dem sogenannten Herdenmenschen zu finden. Die Liebe zu den Bergen trieb ihn, aber sie waren ihm kein playhouse, in dem Dame Natur dem müßigen Beschauer sich vorstellt, sondern ein playground — wie die Schweiz von Engländern bezeichnet worden ist — in dem er sein Ich betätigen wollte. Das bewußt Sport-mäßige ist ihm, wie seiner Zeit überhaupt, fremd, und daher beschreibt er den zurückgelegten Weg nur im allgemeinen und nicht näher. Nur da, wo sich ein besonderes Erlebnis an die Örtlichkeit knüpft, geht er auf diese ein, und dadurch, sowie durch die Sorglosigkeit seiner Zeitangaben, ermöglichte er die Angriffe auf seine Wahrhaftigkeit. Meyer beschreibt übrigens noch weniger sorgfältig als Steinberger, so daß es z.B. nicht möglich ist, den Weg, den er am Südostgrat des Finsteraarhorns aufwärts machte, festzustellen. Er behandelt auch das rein Technische mit Ossianischem Schwunge, während Steinberger z.B. die Art, wie er die steile Eishalde unterhalb des Vorgipfels des Großglockners bewältigte, genau beschreibt. Beide schildern begeistert die Aussicht, die sie vom ersten erstiegenen Hochgipfel aus genossen, aber Steinberger ist dabei wieder sachlicher und eingehender und kommt schließlich zu dem Er- gebnis, daß die Fernsicht nur als Ganzes malerisch sei, das Einzelne aber unbedeutend. So gewinnen wir in ihm das Bild einer kraftvollen und gefühlsreichen, aber doch maßhaltenden Persönlichkeit, und demgemäß hat der greise Mönch, als er auf die gegen ihn gerichteten Angriffe erwidern mußte, sich freudig seiner schäumenden Jugend erinnert, weit entfernt, asketisch über ihre Bestrebungen den Stab zu brechen, wie einst Petrarca auf dem Mont Ventoux.

I. Die erste Ersteigung des Finsteraarhorns.

Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts war die Kenntnis mancher meistens wohl uralter Gebirgsübergänge von leichterer und schwierigerer Beschaffenheit in weitere Kreise gedrungen und auch eine Reihe mittlerer, den Tälern benachbarter Gipfel bereits bestiegen worden. Künstler und Touristen hatten sich in die Ränder des eigentlichen Hochgebirges kund-schaftend hineingewagt, aber als ein Vorläufer des heutigen Alpinismus drang damals nur Pater Plazidus a Spescha in das unbekannte Hochgebirge ein, unabhängig vielleicht von der damaligen Zeitströmung. Für diese war maßgebend gewesen einerseits die Veränderung der Naturanschauung, die die zweite Hälfte des Jahrhunderts gebracht hatte, und anderseits Saussures Alpenreisen, die den Bann der Unzugänglichkeit vom Hochgebirge genommen hatten und seine Erforschung als ein neues wissenschaftliches Ziel hinstellten. Aber alles dieses hatte noch nicht das hervorgebracht, was wir jetzt Alpinismus nennen, sondern ihn nur vorbereitet 1 ), der auch dann noch nicht rascher sich zu entwickeln begann, als nach den Umwälzungen des Schlusses des Jahrhunderts die Schweiz wieder in ruhige und sogar in freiere Bahnen eingelenkt war. Auch die Karte der Schweiz, welche der reiche Aarauer Industrielle J. R.M.eyer ( 1733—1813 ) in den Jahren 1786—1802 herausgegeben hatte, scheint wenig daran geändert zu haben, obgleich sie zum erstenmal eine einigermaßen genügende Darstellung der Hochregion des Berner Oberlandes gebracht hatte. Die erste große Bergfahrt, die im 19. Jahrhundert auf Schweizer Boden stattfand, wurde bezeichnenderweise von den Söhnen J. R.M.eyers, Hieronymus und Rudolf, unternommen, welche am 3. August 1811 die Jungfrau zum erstenmal bestiegen. Ihr Zweck war, „ jene nie bewandelten Gegenden in geographischer Hinsicht zu rekognoszieren, um dann in folgenden Unternehmungen für die Wissenschaft arbeiten zu können ". Im folgenden Jahre begaben sich 1 ) die beiden Brüder, begleitet von einem Dr. Thilo und den Söhnen Rudolfs, Gottlieb und Rudolf, in das Finsteraarhorngebiet, um die angekündigten Vermessungen und verschiedene wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Die Ungunst des Wetters ließ sie nichts erreichen, es gelang aber doch dem Sohne Rudolf Meyer, das Finsteraarhorn am 16. August zu ersteigen und am 2. September den Strahleggpaß von der Grimsel her zu überschreiten, während sein Bruder Gottlieb an demselben Tage die zweite Besteigung der Jungfrau ausführte. Die von Gottlieb geplante Besteigung des Mönchs scheiterte am Wetter, wie vorher eine von Rudolf geplante Besteigung des Finsteraarhorns von Westen her.

Die von der Grimsel ausgezogene Gesellschaft hatte sich zunächst eine Art Hütte auf dem Rothornsattel ( Gemslücke ) erbaut, die sie zwei Tage später, am 26. Juli, des schlechten Wetters halber verließ. Rudolf Meyer Sohn kehrte am 13. August in Begleitung von vier Führern, den Wallisern Volker und Bortis und den Oberhaslern Huber und Abbühl, wieder zur Hütte zurück und bestieg dann am folgenden Tage das Finsteraarhorn. Die von ihm verfaßte Beschreibung seiner Fahrten, sowie die Beschreibung der Fahrt seines Bruders übergab er dem bekannten theologischen Schriftsteller Kirchenrat Zschokke, um sie zu veröffentlichen, was in dessen Schrift: „ Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer höchsten Gipfel, Aarau 1813 ", geschah. Leider änderte Zschokke die Texte der Brüder in willkürlicher Weise, und diese seine zum Teil mißverständlichen Änderungen boten dann Hugi die Handhabe, um in seinem Buche: „ Naturhistorische Alpenreise, Solothurn 1830 ", Seite 171, die Wahrhaftigkeit des Berichtes Rudolf Meyers anzufechten.

Es müßte nun, da Hugis Anklagen auf dem Zschokkeschen Text fußen, dieser hier mitgeteilt werden, während anderseits bei der Erörte- rung des von Meyer betretenen Weges der Urtext zu benutzen ist, der außerdem das historische Interesse für sich hat. Der Raum verbietet, beide Schriftstücke mitzuteilen, und es genügt auch, die hauptsächlichsten Änderungen Zschokkes dem Texte Meyers als Anmerkungen hinzuzufügen. Der Urtext Meyers ist erst 1852 in den „ Alpenrosen für das Jahr 1852 " als Teil der oben erwähnten Lebensskizze desselben abgedruckt worden. Meyer selbst hatte angekündigt, ihn zur Abwehr der Verdächtigungen Hugis veröffentlichen zu wollen, dürfte aber durch seine Erkrankung und vielleicht auch durch Geringschätzung Hugis daran gehindert worden sein. Seine die Veröffentlichung ankündigende „ Erklärung " und die hochfahrende „ Gegenerklärung " Hugis, auf die Meyer nicht geantwortet hat, sind im Jahrbuche S.A.C. XXVII, Seite 384, von Herrn Ch. Montandon veröffentlicht worden; sie brauchen hier, da sie nichts Tatsächliches enthalten, nur erwähnt zu werden.

Der die Besteigung des Finsteraarhorns betreffende Teil des Meyerschen Urtextes ( a. a. O., pag. XIX—XXIII ) lautet:

Den 15. August brachen wirmit dem kühlen, dämmernden Morgen verjüngten Mutes wieder auf; schnell kamen wir weit über den trockenen Gletscher, bald erreichten wir die Höhe, das Eistal; endlich bis Mittag unser erstes Nachtquartier und fanden uns wieder in unserem Winter 2 ).

Die Nacht war kalt, aber schön, und über ihr der reine sternen-reiche Himmel. Der Morgen glühte am strahlenden Eisgipfel, da Nacht noch in den lebenden Tälern lag. Wir machten uns auf; alle Umstände waren günstig. Wohlversehen mit Schutz- und Trutzwaffen gegen erwartete Gefahren, mit Stricken, Alpstöcken und Fußeisen 3 ) stiegen wir über den harten Schnee von unserem Nachtlager wieder hinab in die ausgedehnteren Gefilde des oberen Fieschergletschers. Von der Grimselseite aus, zur Linken des tiefen, finsteren Aargletschers stiegen wir den mächtigen Granitturin des Finsteraarhorns an 4 ). Mit Mühe krochen wir über den Bergschrund, wohl zu unterscheiden von den Gletscherspalten, welche zu Tausenden den Gletscher, besonders wo er in das Tal hinabhängt, durchklüften; die Bergschründe aber trennen den steilen Berggipfel von den liegenden Gletschern, oft 30—40 Fuß breit; der Schrund ist von einer ungemessenen Tiefe, welche alle steilen Gipfel wie der Wall einer Festung umzingelt. Immer steiler wurde dann die Schnee-und Gletscherwand am Felsen, der senkrecht zum Himmel emporsteigt. Dem Kühnsten nach, traten wir in seine Stufen, den Arm tief im kalten Schnee eingrabend, um den unsicheren Fußtritt zu unterstützen. An einigen Stellen war der Gletscher nackt, kein Schnee hielt daran, und wie die Fläche eines Kristalls deckte er die Felsen. Da hieben wir Tritte für Hand und Fuß und befestigten ein Seil um den Leib, welches der erste hielt, wenn der wanke Tritt uns wich. Weniger schüchtern kamen wir auf dem Felsen fort, wo man sich nicht auf den trügerischen Schnee verlassen mußte. So krochen wir schräg unter einem Gletscher-blocke durch, der weit sich hinausschwang über die Talschlucht, voll Spalten, vom schönen Gletschergrün ausgefüllt; Eiszapfen hingen an seinen überhängenden Gipfeln herunter, wie die Stalaktitensäulen einer Felsengrotte und nieder stürzten sie zuweilen neben uns, durch unsere Tritte aufgeweckt, und prasselten hinab ins Unendliche des Finsteraar- Zweiteilung in den Fiescherfirn und Galinifirn. Die Partie östlich von dem Südostgrate des Finsteraarhorns ist ziemlich verzerrt gezeichnet, so daß der das Oberaarhorn mit dem Finsteraarhorn verbindende Grat mit dem Südostgrate nur einen Winkel von 30° einschließt. Nach der Karte erscheint demnach der Gedanke, vom Oberaarhorn auf das Finsteraarhorn zu steigen, allenfalls begreiflich, aber Hugi, der die Gegend kannte, durfte ihn niemals bei Meyer voraussetzen. Anderseits zeichnet die Karte den Grat Finsteraarhorn-Oberaarhorn viel schwächer als den Südostgrat und läßt ihn gegen das Finsteraarhorn abnehmen, so daß Studerfirn und Finsteraarfirn fast ineinander übergehen, und es durchaus fraglich erscheint, ob sich auf ihm das Finsteraarhorn erreichen läßt. Die Art, wie Meyer bei Zschokke den Weg beschreibt — man beachte das „ über " und „ dannund die spätere Äußerung, daß die abgeschlagenen Eisstalaktiten auf den Finsteraargletscher hinabgefallen seien, könnten auch auf die Begehung des Grates Oberaarhorn u. s. w. gedeutet werden, aber der in die Karte eingezeichnete Weg Meyers, der längs des Südostgrates und dann auf ihn hinaufführt, ist entscheidend und läßt erkennen, daß es sich nur um ungenaue Benennungen und Ausdrücke handeln kann.

Die Karte ist übrigens nicht nach dem Meridian orientiert, sondern so, daß ihre senkrechte Axe — von ihr aus nach rechts gemessen — einen Winkel von etwa 40 ° mit dem Meridian einschließt. Ihre Grenzen gehen annähernd durch die Punkte Gampel, Männlichen, Guttannen und Biel hindurch. Sehr ungenau sind Kranzberg, Trugberg, Gegend der Grünhornlücke und der Zug der Strahlegghörner dargestellt. Die Karte ( siehe die Beilage in der Mappe ) ist nach einem Relief gezeichnet, das früher als Vorbild des bezüglichen Blattes des Meyerschen Atlasses angefertigt worden war.

gletschers 1 ). Sechs Stunden lang waren wir mühsam nun hinaufgeklettert an dieser Riesenwand; um Mittag nahte der eine Gipfel des Gebirges, da wölbte sich dem ganzen Grate nach der Gletscher über den Abgrund hinaus, gegen uns zu 2 ). Mit großer Anstrengung konnten wir auch diesen erklettern und kamen so auf die Höhe. Aber ein einzig schöner Genuß lohnte uns reichlich für unsere Strapazen.

Über das Oberaarhorn sahen wir hinab auf die höchsten Gebirge der kleinen Kantone, über die Bündner Alpen, bis tief in die Tiroler-firne schweiften die Blicke, bis sie in nächtliche Schatten sich verloren, wo Erde und Himmel ineinanderschwammen und nicht mehr zu unterscheiden waren. Ein dunkles Meer lag es unter uns, das Alpenland, nicht als Berge, nur wie Wellen, die auf ihrer Spitze schäumten, so spielten ihre schneeichten Gipfel aus dem schwarzen Grunde grüner Gebirge 3 ). Die Walliserkette erkannten wir noch als Berge, da sie uns näher waren, und hinter ihnen, tief verborgen unter einem Wolkenstrome, lag das niedere Italien; durch eine Berglücke der Walliser Fiescherhörner sahen wir über den Gletscher hinab in das Oberwallis, das einzige Tal, das uns grünlich erschien; und durch dieses Dunkel schlängelte ein Silberstreifen, die Ehone, sich hindurch. Herrlich erleuchtet lag westwärts die schöne Mont Blanc-Kette hinter dem Lötschener Gletscher und unter uns eine Eisdecke ausgegossen in die Täler, zog sich empor auf die Gipfel der Fiescher- und Aletschhörner; auf der rechten Seite auf den Rücken der Walcher, Mönch und Jungfrau 4 ). Unter uns lagen schweigend die fürchterlichsten Abgründe, bergetief in dem Fiescher- 1 ) Meyer macht hierzu folgende Anmerkung: „ Als im Herbst unsere beiden Walliser die Jagd wieder hier durchführte, sahen sie. daß dieser Eiskoloß vom Berge herab ins Tal gestürzt war. " Es wird sich wohl um eine große Wächte handeln, die an einem der Türme im Grate hing. Bemerkenswert ist, daß die Walliser Gemsjäger schon damals die Umgegend des Finsteraarhorns besuchten und kannten.

2 ) Meyer braucht hier, wie an andern Stellen, das Wort Gletscher statt Eis. Es scheint, als ob diese Stelle sich auf die Begehung des überwächteten Grates selbst bezieht.

3 ) Zschokke sagt statt dessen:

„ Wir standen auf dem Oberaarhorn.

Es war ein heiterer Tag; die Aussicht unermeßlich. Die hohen Gebirge der Urkantone lagen unter uns; über die Alpen Graubündens sahen wir in die tirolischen Ferner u. s. w. " Das Wort Oberaarhorn ist bei Meyer und bei Zschokke gesperrt gedruckt. Die unbegreifliche Änderung des Meyerschen Textes gab Hugi die Handhabe zu seinen Verdächtigungen.

und finstern Aargletscher; nur mit Schaudern durfte man sich nahen dem betretenen Wege und mit unsicherem Tritte; so waren wir gebannt auf die scharfe Kante des Gebirges, wo man sich außer der Erde dachte; doch freundlicher wölbte über diese öde Winterwelt ein reiner Himmel sich, und neigte in der Ferne sich zur Erde. Noch als ein schwarzer Felsen ragte der höchste Gipfel vor uns empor und raubte die Aussicht nach Norden. Es war 1 Uhr Nachmittag; ich als der Schwächste unter ihnen blieb hier müde liegen; die andern aber mutiger, unaufhaltbar, eilten wieder abwärts auf dem Gebirgsgrat; mühsam erkletterten sie einen Felsen, den sie wieder hinunter mußten, um einen höheren zu ersteigen 1 ).

Auf diesen letzten Gipfel wollte keiner vorangehen; Gletscher lag auf dem nackten Felsen, und zwischen beiden sah man durch eine Lücke hinab in die Finsteraargletscher. Der Oberhasler Arnold von Melchtal ( i. e. Abbühl ) endlich kletterte angebunden und von den andern gehalten über diese hohle Eishaube und zog die andern nach. Jetzt war der höchste Gipfel besiegt 2 ). Es war 4 Uhr; drei Stunden wurden gebraucht, diesen Weg zurückzulegen, welchen man glaubte, in einer Viertelstunde zu machen. Diese Spitze ist scharf, wie eine Kante, ganz mit Eis bepanzert, und mehrere Klafter weit ragte dieses hinaus über die Felswand, so daß man nur durch einen Eisspalt hinuntersehen konnte auf den finsteren Aargletscher 3 ). Kein Berg ringsum scheint höher, jeden 1 ) Zschokke: „ Es war 1 Uhr nachmittags. Aber mir waren die Kräfte gewichen. Ich blieb hier liegen auf dem scharfen, schmalen Gletscherrücken, wo ich mir einen Sitz im Eise grub, den höchsten Thron, zu dessen Füßen die Reiche der Welt lagen. Kaspar Huber mußte mir Gesellschaft leisten. Arnold ( Abbühl ) aber und die beiden Walliser wollten das Äußerste versuchen. Ich munterte sie auf. Sie stiegen wieder abwärts auf den Gebirgsgrat. Ich erzähle Abenteuer, wie sie mir dieselben am Abend berichteten. "

Nach der üblichen Darstellung, die also auf Zschokkes Text beruht, bleibt Huber bei Meyer. Meyer selbst sagt nichts davon; unwahrscheinlich ist es nicht und könnte dieser Punkt auf mündlicher Mitteilung Meyers beruhen.

Gipfel übersieht man, und die fürchterlichsten Gebirge sind friedliche Hügel. Unbegrenzt ist die Aussicht hinab in das Berner Oberland, für, unsere Blicke liegt aber alles in Nacht gehüllt, und die finsteren Berge scheinen eine Ebene; nur der Thunersee, auf dem die Sonne sich spiegelte, glänzte aus dem schwarzen Grunde hervor.

Die Kälte war außerordentlich stark, und der Wind stürmte, daß man sich kaum halten konnte, während vor drei Stunden 500 Fuß tiefer noch Sonnenwärme war. Barometer und Thermometer wurden hier sehr mangelhaft beobachtet. Hier befestigten sie zum Zeugnis der Besteigung eine Fahne; aber während sie noch oben waren, riß der Wind die Fahne von der Stange weg, und sie mußten solche von neuem wieder befestigen. Nach einer halben Stunde, länger konnte man es vor Kälte nicht aushalten, kehrten sie wieder zurück 1 ).

Weit leichter und fröhlicher kamen wir nun hinunter auf der Westseite des Berges, und ohne Gefahr auf den Fieschergletscher, bald über Felsrippen, bald über Schnee hinabrutschend. Zu unserem Nachtlager mußten wir auf der entgegengesetzten Seite hinaufsteigen; glücklich kamen wir alle durstig und müde mit dem Abend dort an. Auf dieser Seite, wo wir herabgekommen waren — westwärts — ist der Berg ganz ohne Schwierigkeit zu erklimmen; wie schwer dagegen unsere Ersteigung war, zeigt schon ein flüchtiger Anblick des Finsteraarhorns von der Grimselseite aus. Der Abend war kalt und ruhig, nur brachte der Föhn etwas Schnee; leicht und gesund schliefen wir ein, ermüdet von den Strapazen des Tages, und träumten uns wenigstens in belebtere Gegenden. Aber mitten in der Nacht weckten uns die brennenden Augenschmerzen, von welchen wir beim Niederliegen wenig spürten; die ruhende Lage aber weckte die Entzündung im stark gereizten Auge und der Föhnwind verursachte Enge auf der Brust. Wir mußten die meisten aufstehen und vor der Hütte in der Kälte Linderung suchen, doch dies war ja die letzte Nacht auf diesem rauhen Gebirge; fünf Nächte hatten wir hier zugebracht unter freiem Himmel, bei Dezember-kälte und arm an Feuer. Alles mußte neun Stunden weit über Eisfelder 1 ) Zschokke: „ Ich sah von meinem Gletscherdie kühnen Leute, wie sie mühsam versuchten, eine Fahne von rotem Wachstuch auf dem Gipfel des Horns zu befestigen. Sie litten von strenger Kälte u. s. w. "

Meyer selbst sagt weder hier noch sonst, daß er seine Leute auf dem Gipfel gesehen hätte, so daß die an diesen Punkt vielfach geknüpften Erörterungen hinfällig werden, worauf schon Studer im Jahrbuche S.A.C. XVII ( 1881 ), pag. 418, aufmerksam gemacht hat. Wer auf dem Vorgipfel sitzt, kann übrigens das südliche Ende des Gipfels und den Weg zum Gipfel im allgemeinen überblicken, aber wohl abgesehen von dem letzten Drittel des Weges, auf dem in die Westwand ausgewichen wird.

von der Grimsel hergetragen werden. Den folgenden Morgen brachen wir unsere Nomadenhütte ab u. s. w.

Hugis Besprechung der Fahrt Meyers ( a. a. O., pag. 171—173 ) lautet: Mit dem ersten Morgen brach ich auf, begleitet von 7 kräftigen Steigern. Unter diesen war auch Arnold Abbühl, der schon vor sechzehn Jahren die Herren Meyer aus Aarau in jene Gegenden begleitete und welcher das Finsteraarhorn erstiegen haben soll. Er sprach anfangs sehr geschwätzig von dieser Begebenheit, aber mit so vielen Widersprüchen, daß ich an nichts mit einiger Bestimmtheit mich zu halten wußte. Wie wir jenen Gegenden näher kamen, suchte er allen Fragen und Erkundigungen auszuweichen. Er entfernte sich von der Karawane, und wenn ich befahl, sich anzuschließen, schlich er nichts achtend etwa einer Firnspalte nach und schien zeigen zu wollen, daß er herzhaft sei. Wie wir endlich vom Rothornsattel nordwestlich hinabgestiegen, verlangte ich bestimmte Auskunft, wo er vom Finsteraarhorn herabgestiegen sei. Er zeigte mir rechts den herabhängenden Firn und das oben sei das Finsteraarhorn, sagte er. Ohne davon Notiz zu nehmen, zog ich lachend von diesem südlichen Grate zu dem westlichen empor. Über jenes Horn türmte bald eine ganze Reihe noch höher sich auf, und wie wir endlich die Höhe erreichten, wollte er das Finsteraarhorn nicht mehr erstiegen haben. Herr Meyer war damals mit seinen vier Gefährten um 1 Uhr auf dem Oberaarhornsattel. Von hier in drei Stunden über den Grat, wo sich Horn über Horn auftürmt, bis nach der höchsten Höhe wäre durchaus unmöglich, wenn auch ein gangbarer Weg wäre. ( Man sehe doch selbst die Karte des Herrn Meyer an !) Allein die Ersteigung des Finsteraarhorns ist von jener Seite für menschliche Fuße durchaus unmöglich. Als Tatsache geht bei näherer Kenntnis hervor, daß jener Arnold mit den zwei Wallisern vom Oberaar- auf den Rothorngrat gestiegen, die beide vereint nach dem Finsteraarhorn auslaufen. Sie erreichten eins der mittleren Hörner, stiegen westlich hinab und dann empor zum Nachtlager und erzählten die Ersteigung des Finsteraarhorns. Übrigens ist in jener Reise, von Zschokke geschrieben, manches sehr dunkel und manches widersprechend, z.B. der südliche Abhang des Mönches auf den Lötschengletscher; daß die Herren Meyer vom Unteraargletscher die von Abbühl auf das Finsteraarhorn gepflanzte Fahne gesehen haben wollen u. s. w. Indessen verdient ihr Unternehmen alle Achtung. Sie haben, obwohl keine wissenschaftlichen Resultate geliefert, doch die erste Kunde aus jenen Regionen gebracht und einige Gegenden dieser Gletscherwelt ziemlich treu abgebildet.

Den Anklagen Hugis ist folgendes entgegenzuhalten: Im Berichte Meyer-Zschokke ist der Hauptsache nach keine Unklarheit. Der Weg, den Meyer machte, ist auf der der Zschokkeschen Schrift beigegebenen Karte der Umgebung des Finsteraarhorns angegeben. Die Beschreibung des Weges im Texte entspricht der Karte, und die kleinen Unklarheiten der Beschreibung lassen sich mit Hülfe der Karte leicht und ungezwungen richtigstellen. Meyer stieg nun zunächst zum Studerfirn ab und erreichte von diesem aus einen dem Gipfel des Finsteraarhorns sehr nahegelegenen Punkt auf dessen Südostgrat. Er blieb daselbst ermüdet zurück, während seine Führer nach ganz unerwartet langer dreistündiger Arbeit den Gipfel erreichten, auf dem sie eine Fahne aufpflanzten. Darauf kehrten sie zu Meyer zurück und alle stiegen zusammen westwärts zum Fieschergletscher hinunter und von ihm wieder östlich zu ihrem Lager auf dem Rothornsattel, den sie abends erreichten. Auch die Beschreibung, die Zschokke von der auf dem Ruheplatze genossenen Aussicht gibt, paßt nur auf einen sehr hochgelegenen Punkt. Der Vorwurf Hugis, daß in der Beschreibung der Mönch an den Lötschengletscher versetzt worden, ist aus. der Luft gegriffen, der Lötschengletscher wird in ihr gar nicht erwähnt, weder ausdrücklich, noch ohne ihn zu nennen, vielmehr wird ganz allgemein von einer Eisdecke gesprochen, die zusammenhängend in die Täler gehe ( vgl. oben pag. 282 ). Ein solcher Zusammenhang der westlich vom Finsteraarhorn liegenden Gletscher ist tatsächlich durch die Grünhornlücke gegeben, die auf der Karte übrigens viel breiter gezeichnet ist, als sie in Wirklichkeit ist. Und dieser nichtige Vorwurf ist der einzige, den Hugi aus dem Ersteigungsbericht hat gewinnen können, abgesehen von dem gleich zu besprechenden Hauptpunkte! Freilich sagt er, „ in der Reisebeschreibung sei überhaupt manches sehr dunkel und sehr widersprechend; was es ist, hat er für sich behalten. Nur eine einzige Angabe Meyer-Zschokkes ist wirklich anzufechten, und auf sie gründet Hugi seine Anklage in erster Linie. Der Punkt, auf dem Meyer zurückblieb, wird als Oberaarhornbezeichnet. Stände die Beschreibung der Meyerschen Reise in einem alten Klassiker, so würde die Textkritik die Erwähnung des Oberaarhorns augenblicklich als verderbte Stelle oder als das Einschiebsel eines unwissenden Abschreibers bezeichnen, und dasselbe hätte geschehen müssen, als man begann, Hugis und Meyers Äußerungen zu vergleichen. Und der Abschreiber war in diesem Falle bekannt, denn Hugi selbst sagt: .,in jener Reise von Zschokke geschrieben " und nichtsdestoweniger ist ihm nicht der Gedanke gekommen, daß der Kirchenrat auf der Karte der Finsteraarhorngruppe weniger zu Hause sein könnte als im Neuen Testament, zumal da der Name des Oberaarhorns sich weder auf der Meyerschen Karte findet, noch überhaupt sonst in dem Berichte erwähnt wird. Auch für die alpine Geschichtsschreibung ist lange Zeit das Oberaarhorn auf dem Finsteraarhorngrate, eine Verwirklichung der poetischen Visionen Rebmanns, so sakrosankt gewesen, wie seinerzeit den Gelehrten die Essigfässer, die Hannibal in Ermangelung von Dynamit auf seiner militärischen Alpenreise mitgenommen haben sollte.

Hugi nimmt als „ Tatsache " an, daß Meyer mit seinen Führern, vom Lagerplatze auf dem Rothornsattel früh aufbrechend, sich um 1 Uhr mittags auf dem „ Oberaarhornsattel " befunden habe. Darunter kann doch nur das Oberaarjoch verstanden sein, aber Meyer ist nach Zschokke auf dem Oberaarhorn selbst gewesen, indessen ist schließlich gleichgültig, was Hugi sich dabei gedacht hat, da der Weg vom Joch auf den Gipfel keine Schwierigkeiten bietet. Den Weg vom Lagerplatze zum Oberaarjoche hatte Meyer dreimal ohne alle Fährlichkeiten zurückgelegt, gerade wie seine früheren Reisegefährten, aber als er das Finsteraarhorn über das „ Oberaarhorn " besteigen will, braucht er dazu mehr als 6 Stunden und halsbrecherische Eisarbeit an steilen Hängen. Auf dem „ Oberaarhornsattel " thronend müßte er dann durch die Finsteraarhornkette hindurchgeschaut haben, um das Gebiet westlich von ihr überblicken zu können, und auch nach den andern Himmelsrichtungen hin müßte er im eigentlichen Sinne des Wortes durchbohrende Blicke geworfen haben. Unterdessen streben seine Führer dem Gipfel des Finsteraarhorns zu und steigen dabei nach Hugi „ vom Oberaarhorn- auf den Rothorngrat, die bald vereintnach dem Finsteraarhorn auslaufen ", ein Weg, der sich weder mit Hülfe der Meyerschen Karte noch des Siegfriedatlasses bestimmen läßt. Jedenfalls versetzt aber Hugi die Leute später auf eines „ der mittleren Hörner " des Südostgrates des Finsteraarhorns, läßt sie von da westwärts absteigen und dann wieder zum Lagerplatze hinaufsteigen, wo sie mit Herrn Meyer zusammentreffen und ihm ihre Erlebnisse erzählen. Aber Meyer ist nach seiner eigenen, beziehungsweise Zschokkes Erzählung mit seinen Leuten zusammen von dem erreichten „ Horn " aus westlich abgestiegen und mit ihnen zum Lagerplatze zurückgekehrt. Jeder Berichtigungsversuch der Reisebeschreibung Meyers, beziehungsweise Zschokkes, muß an ihrer Einheitlichkeit scheitern, in der nur der leere Schein eines Namens störend auftritt. Jeder Versuch, etwas anderes als diesen Namen zu ändern, führt zum hellen Wahnsinn. Entweder war der Bericht ganz Wahrheit, oder er war ganz Lüge, ein drittes gab es nicht. Um die Tatsächlichkeit der Vermutungen ganz zu würdigen, muß man die Gegend, in der sich alles abspielte, kennen. Hugi kennt sie, und der Leser findet in den früheren Jahrgängen des Jahrbuches des S.A.C. völlig ausreichendes Material zur Würdigung der Hugischen „ Tatsachen ". In Bd. I, pag. 305, findet sich eine von G. Studer gezeichnete Ansicht des Finsteraarhorns vom Oberaarhorn aus. In Bd. II, pag. 161, ist die Ansicht des Finsteraarhorns und des von seinem Fuße zum Studerhorn ziehenden Grates gegeben, aufgenommen von einem Punkte südöstlich des Endes des Strahleggkammes. Vor allem ist aber zu ver- gleichen die in Bd. XX, pag. 144, gegebene Aussicht vom Vordern Galmihorn aus und ebendaselbst, pag. 462, der „ Blick nach Westen vom Oberaarjoche aus ". Sieht man diese Bilder und liest dann, daß Hugi Meyer zum Oberaarjoch gehen läßt, um das Finsteraarhorn von da aus zu besteigen, so steht einem der Verstand still. Anderseits behauptet Hugi a. a. O. mit Recht, daß es unmöglich sei, in drei Stunden vom Oberaarhorn über den zum Studerhorn laufenden Grat zum Finsteraarhorn zu kommen, und daß dieser Weg überhaupt ungangbar sei. Solange er aber Meyers Glaubwürdigkeit nicht anzweifelte, oder vielmehr sich den Schein gab, als tue er es nicht, war jene augenfällige Ungangbarkeit nur dafür ein Beweis, daß das Oberaarhorn von Meyer nicht zum Ausgangspunkte seiner Besteigung gewählt sein konnte 1 ).

Nachdem die Unmöglichkeit nachgewiesen ist, den Zschokkeschen Bericht aus sich selbst in Verbindung mit der damaligen Kenntnis der Gegend anzufechten, ist der außer ihm liegende Umstand zu prüfen, daß Meyers Führer Abbühl dem ihn ausfragenden Hugi nach dessen Angabe angesichts des Finsteraarhorns eingestanden hat, dieses gar nicht betreten zu haben, nachdem er — begreiflicherweise — nicht im stande gewesen war, anzugeben, wo er vor 18 Jahren den Grat verlassen habe. Anderseits hat aber Abbühl auf durchaus urteilsfähige Leute 2 ) den Eindruck voller Glaubwürdigkeit gemacht, wenn er von seiner Besteigung sprach, und im Berner Oberlande hat er stets dabei Glauben gefunden.

Was Abbühl nun an Hugi gesagt hat, ist nur in des letztern Darstellung erhalten, und Hugi ist durchaus als Partei anzusehen. Zu seiner Beurteilung muß herbeigezogen werden, wie er Rohrdorf, der sich durch die Auffindung und Untersuchung des Mönchjoches das größte Verdienst um die Kenntnis des Berner Hochgebirges erworben hatte 3 ), in wahr-heitswidriger und boshafter Weise heruntergemacht hat und seine Leistungen zu vertuschen versuchte 4 ). Wer so handeln konnte, war geeignet, aus einem einfachen Gebirgssohne alles Gewünschte herauszuexaminieren und vielleicht auch ihn — mißzuverstehen. Es kam hinzu, daß Abbühl ihn nicht füglich verstehen konnte, wenn er von seinem Standpunkte aus inquirierte, nämlich so, als ob Abbühl mit Meyer auf das Oberaarjoch gegangen und dann von da aus allein auf den Südostgrat des Finsteraarhorns gestiegen sei. Dem Unparteiischen kann Abbühls Zugeständnis nicht mehr Wert haben, als die Aussage einer gefolterten Hexe, und es ist bezeichnend, daß die ersten Kritiken der Hugischen Behauptungen, Lindt im Jahrbuche des S.A.C. I, pag. 275, und Studer in „ Über Eis und Schnee " ( 1869 ), I, pag. 81, den angeblichen Widerruf Abbühls gar nicht erwähnen. Erst 1891 ist Studer im Jahrbuche XVII, pag. 413, auf diesen Punkt eingegangen und hat ihn dann für gleichgültig erklärt, worin ihm alle späteren Schriftsteller gefolgt sind.

Gletscherregion sagt, zeugt von beispielloser Unkenntnis der Sache. Er stieg hinter dem Eiger empor, übersetzte den Grat, ging dann noch ein wenig abwärts und nach einigem Hin- und Herlaufen transportierten seine rüstigen Begleiter ihn den leichen Weg zurück Auf dem mittleren Zweige ( NB. des Oberlaufes des Aletschgletschers ), mithin gerade ob dem Aletsch war Rohrdorf. Östlich aber von jenem Firne ist ein weit mächtigerer Zweig und noch mehr östlich läuft vom Walcher bis zum Walliser Fiescherhornein Schneesattel. Wie westlich von diesem alles gegen den Aletsch, dacht östlich alles gegen den Fieschergletscher ab, worüber später die Rede sein wird ( NB. ist niemals geschehen ). Nun ist es freilich lächerlich, wenn man Rohrdorf, pag. 20, über den Fieschergletscher hinabgehen sieht. Wenn dieses wahr wäre, müßte er das Walcherhorn für die Jungfrau angesehen haben. ( NB. R. stand u.a. auf dem Jungfraujoch, und sah von da aus das Silberhorn und das Schneehorn, er gibt eine Skizze der Jungfrau von Osten gesehen und sagt endlich einmal, anscheinend abkürzend, Fieschergletscher statt Grindelwalder Fieschergletscher; an einer Stelle, wo ein Mißverständnis unmöglich ist. ) Das gleiche Gepräge trägt seine ganze Reise, von der auch jetzt noch der eigentliche Grund unbekannt ist. Wenn er über das Wissenschaftliche sprechen und die Arbeiten der Herren Meyer, Ebel und Escher beurteilen oder berichtigen will, ist gewiß jeder Forscher versucht, lachend ihm zuzurufen: Sutor ne supra crepidam. "

Rohrdorf hat. ein eigenes Urteil ablehnend, nur ausgesprochen, daß gewisse geognostische Verhältnisse des Jungfraugipfels gegen eine Theorie Eschers sprächen. Den Zweck seiner Reise hat er ausdrücklichst angegeben: zu untersuchen, ob ein als Verkehrsweg benutzbarer Übergang, den bekannten alten Sagen entsprechend, zwischen Bern und Wallis vorhanden sei. Daß dieses nicht der Fall sei, hat er konstatiert. Hugis Angriffe auf seine körperliche Leistungsfähigkeit beruhen auf einer krassen Verdrehung der Tatsachen. Sie sollen wohl zu dem Beweise dienen: Rohrdorf hat nichts erreicht, weil er nichts erreichen konnte. Die Kenntnis der Gletscherregion, die Hugi ihm abspricht, ging diesem selbst ab. Seine Beschreibungen sind nur die Wiedergabe des auf der Meyerschen Karte Gegebenen. Vom Finsteraarhorn aus und anderswo hat er keine irgendwie wesentlichen topographischen Beobachtungen gemacht. Eine Ausnahme macht sein Übergang von Lauterbrunnen ins Lötschental, wobei er den Petersgrat überschritt.

Nachdem Hugi dergestalt ermittelt hatte, daß Meyers Führer den Gipfel des Finsteraarhorns nicht betreten hätten, mußte er mit dem Umstande aufräumen, daß Meyer am 3. September vom Wege zur Strahlegg aus die Fahnenstange, die seine Führer auf dem Gipfel aufgepflanzt hatten, mit dem Fernrohre erblickt hat. Er führt nun mit einer eleganten petitio principii diesen Umstand als zweites Beispiel dafür an, daß sich im Meyerschen Berichte manches Unklare und Widersprechende fände. Der Unparteiische wird aber der Aussage Meyers, die Fahnenstange gesehen zu haben, glauben und daraus schließen, daß dem angeblichen Widerrufe Abbühls keine Bedeutung zukommt.

Es ist fast unbegreiflich, daß Hugis Verdächtigungen Gläubige gefunden haben. Désor sagt 1 ): M. Rodolphe Meyer raconte, que ses guides valaisans, qui l' accompagnaient en 1812, firent l' ascension du Finsterraarhorn; c' est là une erreur, car il est impossible d' aller en trois heures du sommet de l' Oberaarhorn au Finsteraarhorn, comme le dit M. Meyer. " Dagegen ist Désor bei der Beurteilung der Jungfraubesteigungen der Herren Meyer vorsichtiger gewesen, denn er hat sie nicht angezweifelt, obgleich er meint, daß die Beschreibungen jener Fahrten manches Bedenkliche enthalten 2 ).

Auch John Ball ist ohne weiteres den Anregungen Hugis gefolgt, nur läßt er Meyer auf den Altmann und seine Führer auf das Studerhorn steigen.

Das Ergebnis einer ruhigen Prüfung des von 1812—1832 vorliegenden Materiales hätte nur sein können, daß Rudolf Meyer das Finsteraarhorn erstiegen hat. Seine Glaubwürdigkeit anzuzweifeln lag nicht der geringste Grund vor. Seinen an sich möglichen Angaben standen nur die auf die höchst verdächtige Erwähnung des Oberaarhorns gegründeten unmöglichen Vermutungen Hugis und der angebliche Widerruf Abbühls gegenüber.

Die im Jahre 1852 erfolgende Veröffentlichung des Urberichtes Meyers änderte an dieser Sachlage eigentlich nichts, sie klärte nur auf, wie Zschokke dazu gekommen war, das Oberaarhorn auf den Südostgrat des Finsteraarhorns zu verpflanzen. Die seit 1876 erfolgten Begehungen des Meyerschen Weges haben dann insofern positive Beweise für Meyers Aussagen gegeben, als sie nachweisen, daß der Südostgrat vom Studerfirn aus an verschiedenen Punkten erreichbar ist, daß in ihm eine Stelle vorhanden ist, der Meyers Ruhepunkt entspricht, und daß von diesem dem Gipfel ganz nahen Punkte der Gipfel selbst nur in schwieriger und sehr zeitraubender Kletterei erreicht werden kann, sowie endlich, daß der Südostgrat von Westen her weit zugänglicher ist als von Osten. Zunächst trat aber 1876 der erste, der nach Meyer den Südostgrat betreten hat, der französische Bergsteiger † H. Cordier, auf die Seite Hugis, allerdings ohne den Urbericht Meyers zu kennen. Cordier stützte sich vornehmlich darauf, daß Meyer behauptet habe, von seinem Ruheplatze mittags bei besserem Wetter rekognoszierten sie „ ein anderes, östlich liegendes, sich ebenfalls von der Jungfrau herabsenkendes Eistal ", also den Jungfraufirn, um zugleich ein der Jungfrau näheres Nachtquartier zu suchen. Wohin sie nun vom Konkordiapiatz aus zunächst rekognoszierend gingen, wird nicht ausdrücklich gesagt, doch hat jedenfalls einer von ihnen die Grünhornlücke betreten. Als sie sich wieder vereint hatten, wanderten sie auf dem Jungfraufirn, den sie also vormittags nicht betreten haben konnten, nordwärts, bis sie am Trugberge einen Lagerplatz fanden, von dem aus sie dann am 3. August die Jungfrau bestiegen. Vgl. die abweichende Ansicht in „ Über Eis und Schnee " ( 1896 ), I, pag. 135 u. ff. Gegenüber der, auf die vorstehende Weise aufgefaßt, völlig klaren Darstellung der Gebrüder Meyer kommt nicht in Betracht, daß die Karte, welche Zschokkes Berichten beiliegt, den von ihnen gemachten Weg so zeigt, als wenn die Jungfrau über den Kranzbergfirn, beziehungsweise den denselben ersetzenden Gebirgszug erreicht worden wäre. Anderseits deutet diese im ganzen irrtümliche Angabe darauf hin, daß ein Teil des Weges wirklich gemacht wurde. Auch das kann nicht in Betracht kommen, daß Gottlieb Meyer, und zwar nicht nur in Zschokkes Bearbeitung seines Berichtes, sondern auch in seiner eigenen 1852 in den „ Alpenrosen " gleichfalls veröffentlichten Darstellung, die Partie von 1811 von Westen her die Jungfrau ersteigen läßt. Vgl. das Panorama Jahrbuch S.A.C. III, pag. 316.

aus seine Leute auf dem Gipfel gesehen zu haben, während man diesen von keinem Punkte des Grates aus sehen könne 1 ). Cordiers Begründung ist aber schon aus einem rein formellen Grunde hinfällig: im Urtexte steht nichts davon, daß Meyer seine Leute auf dem Gipfel gesehen habe, nur Zschokke berichtet davon. Im übrigen irrt sich Cordier; es ist zuerst 1883 durch Blezinger und Farrar und sodann durch andere, z.B. 1903 durch Hasler, absolut sichergestellt, daß von Meyers Ruheplatz aus allerdings nicht der ganze fast wagerechte Gipfelgrat des Finsteraarhorns, aber wohl dessen südliches Ende sichtbar ist. In einer Nachschrift zu Cordiers Bericht ( a. a. O., pag. 269 ) sprach sich Mr. D. W. Freshfield dahin aus, daß trotz aller „ Unmöglichkeiten " des Meyerschen ( i. e Zschokkeschen ) Berichtes die Angabe des von Meyer gemachten Weges auf der Karte und die Sichtbarkeit der auf der Spitze aufgepflanzten Flaggenstange ihre Bedeutung behielten, und hoffte, daß der ihm damals nur dem Titel nach bekannte, in den „ Alpenrosen " abgedruckte Urtext des Meyerschen Berichtes die Sache klarstellen würde. W. Longman ( a. a. O., hinter dem Register, pag. 66 ), dem der Urtext vorlag, stellte sich dann sofort auf Meyers Seite und bemerkte: „ Zschokke de-serves to be pilloried as an example for all editors present and future. " Einen weitem Unterschied zwischen Meyers und Cordiers Berichten fand Studer 2 ) darin, daß Cordier sich an seinem Ruheplatze auf einem Felsen niederließ, während Meyer berichtete, daß er sich auf einem „ scharfen, schmalen Gletscherrücken " niedergelassen habe. Hier hat Studer übersehen, daß nur Zschokke von einem Eisrücken als Ruheplatz spricht, „ wo ich mir einen Sitz im Eise grub ", wie er in freier Dichtung Meyer sagen läßt. Es ist bemerkenswert, daß mit der Angabe, Meyer habe seine Führer auf dem Gipfel gesehen, ein wichtiger Beweis dafür, daß diese den Gipfel wirklich erreichten, fortfällt, indessen können wir ihn füglich entbehren. Übrigens könnte Zschokkes Äußerung recht wohl auf mündlichen Mitteilungen Meyers beruhen. Anderseits mag erwähnt werden, daß die Beschreibung des Gipfels, die die Führer gaben: eine scharfe Kante, vereist und nach Osten hin überwächtet, dem vorangegangenen Wetter und seiner Beschaffenheit überhaupt entsprach. Ein positiver Beweis dafür, daß Meyer selbst einen sehr hochgelegenen Punkt des Südostgrates erreichte, liegt in seiner Bemerkung, daß er die Teile des Flachlandes, die er sehen konnte am Horizonte, wie von einem schwarzen Nebel verhüllt, erblickte. Steinberger, der auf der Königsspitze ebenso wie Meyer auf dem Finsteraarhorn zum ersten Male in seinem Leben die Aussicht eines Hochgipfels genoß ( auf dem Großglockner stand er in dichtem Nebel ), macht dieselbe Bemerkung und ebenso Prof. Thurwieser in der Beschreibung seiner Ersteigung des Ortler ( 1834 ), gleichfalls seines ersten Hochgipfels. Noch wichtiger ist eine Äußerung, die sich in Meyers Beschreibung seines Überganges über die Strahlegg findet. Er schreibt ( „ Alpenrosen " 1852, pag. XXXV ): „ Hier ( d.h. auf der Höhe der Strahlegg ) standen wir nun, aber hinunterzukommen über diese Eiswände und Gletscherwälle schien keinem von uns möglich, dagegen vom Finsteraarhorn hinabgesehen, hing der Aargletscher mit dem des Grindelwalds genau zusammen; da verschwanden diese entsetzlichen Abgründe, und eben dehnte er wie ein See sich aus; wie auf andern Gletschern glaubte man gemächlich hinüberzukommen. " Meyer hatte also auf einen leichten Übergang gehofft; um dieses verstehen zu können, muß die Zschokkesche Karte hinzugenommen werden. Auf dieser fehlt der Kamm der Strahlegghörner, oder vielmehr er zieht sich vom Schreckhorn schräg hinüber zum Finsteraarhorn, und in diesem Kamm glaubt also Meyer einen bequemen Übergang, also tatsächlich das Finsteraarjoch, das er aber für die Strahlegg hielt, gesehen zu haben. Als er nun den „ Schreckfirn " ( recte Strahleggfirn ) hinaufging, meinte er, den schräglaufenden Grat der Karte zur Linken zu haben und sich zwischen „ Finsteraarhorn und Lauteraarhorn " zu befinden, und ist schließlich erstaunt, als der gehoffte bequeme Übergang nicht vorhanden ist. Über den wahren Grund seiner Enttäuschung ist er nicht ins klare gekommen 1 ).

Die Akten des Prozesses Hugi gegen Meyer waren eigentlich abgeschlossen, nachdem Cordier den Weg Meyers auf dem Südostgrate wiederholt hatte, jedenfalls sind sie es, nachdem Blezinger und Farrar vom Studerfirne aus, wie Meyer, und nicht vom Fiescherfirne aus, wie Cordier, den Südostgrat erstiegen hatten und Blezinger ihre Fahrt in mustergültiger, auf Meyers Bericht genau eingehender Weise beschrieben 1 ) Hugi hat durch den Ingenieur Walker die Umgegend des Abschwungs aufnehmen lassen. Auf dem seiner „ Alpenreise " beigegebenen Kärtchen ist der Strahlegggrat richtig angegeben, aber vom Finsteraarhorn läuft noch der nicht vorhandene Grat gegen das Schreckhorn zu, dessen Anschlußpunkt indessen au der Karte fehlt. Der Finsteraarfirn heißt auf ihr Strahleggfirn, der Strahleggfirn aber Schreckfirn. Hugi selbst sagt ( a. a. O., pag. 119 ): „ Ein riesiger Kamm läuft südlich über die Schreckhörner und das Lauteraarhorn bis in die Mitte des Unteraargletschers. Westlich dem Eismeer läuft der Walchergrat vom Finsteraarhorn über Walcherhorn zum Mönch. Beide Gräte sind durch das Strahlegg verbunden. " Trotz der Aufnahmen Walkers und obgleich er von Grindelwald bis auf die Höhe der Strahlegg gekommen war und vom Unteraargletscher bis zu ihrem Fuße gekommen sein will, sind ihm also die wirklichen Verhältnisse unklar geblieben.

hatte 1 ). Das Urteil, das Lindt 1864 und Studer 1869, 1881 und 1883 ausgesprochen hatten, indem sie Hugis Angriffe für unbegründet erklärten, war damit endgültig bestätigt. Es wird heute allgemein anerkannt und dürfte seit Cordier überhaupt nicht mehr angefochten worden sein. Das bergsteigerische Interesse an dem Falle ist indessen dadurch nicht erschöpft worden: es verlangt einen Vergleich der technischen und topographischen Einzelheiten des Meyerschen Berichtes mit dem heute Ermittelten und endlich die Besprechung der in neuester Zeit. aufgetauchten Frage, ob wirklich der Weg, den die Führer Meyers zurücklegten, so schwierig ist, wie allgemein angenommen worden ist.

Es sind bis jetzt 16 Wiederholungen des Meyerschen Weges bekannt. Neun davon, zu denen die eigene als zehnte tritt, hat Herr Hasler in der „ Deutschen Alpenzeitung ", Jahrgang II, pag. 119 u. ff., aufgeführt. Es genügt, hier diejenigen zu erwähnen, über die Näheres bekannt wurde. Es sind der Zeitfolge nach geordnet folgende:

1. Henry Cordier, 15. September 1876 ( 3 ), S. W. N. „ Alp. J. " VIII, pag. 202.

3. Blezinger und Farrar, 11. Juli 1883 ( 4 ), S. O. N. „ Zeitschrift D.

Ö.A.V. " XIV, pag. 502.

4. Bodenehr, 6. Oktober 1884 ( 3 ), S. O. N. Jahrbuch S.A.C. XX, pag. 459.

9. A. V. Valentine-Richards und Rev. W. C. Compton, 31. August 1899 ( 4 ), S. W. N. „ Alp. J. " XX, pag. 142.

10. G. Hasler, 20. September 1902 ( 2 ), N. S. W. „ Deutsche Alpenzeitung " II, pag. 119.

12. J. P. Farrar, 14. August 1903, N. S. W. „ Alp. J. " XXIII, pag. 308.

13. Claude Macdonald, 11. September 1905, S. O. N. „ Alp. J. " XXIII, pag. 339.

14. E. Greenwood, W. N. Ling und H. Ræburn, 19. Juli 1906 ( 3 ), S. W. N. „ Alp. J. " XXIII, pag. 341.

15. W. C. Compton und Neffe ( 3 ), S. W. N. „ Alp. J. " XXIII, pag. 304.

( Die Zahlen hinter den Namen geben die Anzahl der Teilnehmer, Herren und Führer, an. Die Buchstaben S. Süd und N. Nord zeigen je nach ihrer Reihenfolge, ob die Richtung der Fahrt von Süden nach Norden oder umgekehrt ging, die Buchstaben O. und W., ob die Ostseite oder die Westseite des Südostgrates benutzt wurde. ) Außer diesen Fahrten muß die sechste, am 24. September 1898 von vier Führern ausgeführte, erwähnt werden, deren Zweck war, ein 1 ) Mr. Coolidge hat im Climbers'guide to the Bernese Oberland, vol. II ( 1904 ), pag. 33—36, seiner Besprechung des Südostgratweges, die, wie er sagt, „ acute remarks " und „ careful notes " Blezingers zu Grunde gelegt.

Seil an den schwierigsten Stellen des Weges, der „ Platte " und dem Kamin an der Nordseite der Platte, zu befestigen. Endlich ist anzuführen, daß Mr. J. P. Farrar 1907 die Fahrt zum dritten Male selbst, und überhaupt als sechzehnter gemacht hat.

An Abbildungen des Weges sind in den Quellen vorhanden:

1. Eine dem Berichte Cordiers beigegebene Skizze des ganzen Südostgrates, von Mr. A. Cust auf dem Oberaarhorn gezeichnet.

2. Eine mit der vorigen übereinstimmende Skizze im Berichte Bodenehrs, die auf einer photographischen Aufnahme J. Becks beruht. Sie wird im nachfolgenden öfter erwähnt werden.

3. Die oben pag. 21 angeführten Abbildungen.

4. Drei dem Berichte Nr. 15 beigegebene Photographien: Finsteraarhorn von Osten, desgleichen von Westen, in der der Weg an der kritischen Stelle der Westflanke eingetragen ist, und endlich eine stark verkürzte Ansicht der Strecke von Meyers Ruhepunkt bis zum Gipfel, die anscheinend etwas seitwärts von dem Punkte, wo die Partie den Südostgrat betrat, aufgenommen ist und also die Westflanke jener Gratstrecke darstellt. Sie zeigt die kritische Stelle, die in der Westflanke etwa beim Beginne des letzten Drittels der Strecke anfängt, deutlich, vor allem den schlechtesten Punkt derselben, eine große Platte.

5. Interessant sind endlich noch die dem Berichte Haslers ( Nr. 10 ) beigegebenen Photographien von A. Wehrli in Zürich: Finsteraarhorn vom Oberaarhorn und Blick vom Mönch auf das Finsteraarhorn, der die Steigungswinkel seiner Westseite genauer erkennen läßt.

Vor der Erörterung des Meyersehen Weges ist, wie schon oben pag. 277 geschah, hervorzuheben, daß im Berichte über ihn sehr wenig gesagt ist, so daß wir bei den Einzelheiten auf vermutende Schlüsse angewiesen sind. Der Besteigung waren mehr als 14 Tage schlechtes Wetter vorausgegangen und hatten die Berge mit einer tiefen Schneeschicht überzogen. Anderseits hatte der Schnee in den letzten schönen Tagen sich gut befestigt, denn Lawinengefahr wird im Berichte nicht erwähnt; man stieg vielmehr an steilen Schneewänden unbesorgt auf und entlang. Bei solchen Verhältnissen ist es wohl denkbar, daß die mit Steigeisen und Handbeilen versehene Partie, nachdem sie zum Studerfirn hinabgestiegen war, so, wie es ihr in die Karte eingetragener Weg andeutet und die Herren Coolidge und Dr. Dübi annehmen, bald schräg aufwärts sich wendend, in der Ostwand des Grates ungefähr bis zu dem Punkte desselben aufstieg, wo Meyer ermüdet liegen blieb. Dieser Punkt, der jetzt der Vorgipfel ( zirka 4175 m ) genannt wird und von Blezinger als Punkt a bezeichnet wurde, ist auf der Skizze Bodenehrs der „ Endpunkt des Gratweges ". Wer von Süden auf dem Grate heraufkommt, erblickt vom Vorgipfel aus die höchste Spitze, die bis dahin durch diesen verdeckt wurde. Hinter dem Vorgipfel senkt sich der Grat etwas, dann steigt er langsam an, bis zu einem steilen Absatze — Wandl — vor dem er anscheinend sich nochmals etwas senkt und dann hinter ihm erheblich steiler, als früher der Fall war, der Spitze zustrebt. Das Wandl, bei dem die kritische Stelle anfängt, liegt ungefähr auf 2/ä des Weges vom Vorgipfel zur Spitze, dessen Länge Blezinger — und ihm folgend Mr. Coolidge a. a. O. auf 350 m. schätzt, während er seine Ansteigung zu 100 m. annimmt. Das Wandl ist bis jetzt noch nicht erklettert worden; Köderbacher, der leitende Führer der Partie Blezinger-Farrar, hat unter den ungünstigsten Umständen seine Erkletterung versucht, wurde aber abgeschlagen. Später scheint die Erkletterung nicht wieder versucht worden zu sein. Man weicht etwas absteigend nach Westen aus und zieht sich dann in der Flanke des Grates zu der Platte hin, deren Überschreitung vor allem der Partie Blezinger-Farrar erhebliche Zeit kostete. Hinter der Platte führt eine steile Rinne wieder zur Kante des Grates hinauf, der von da bis zur Spitze keine Schwierigkeiten mehr bietet. Meyers Führer „ eilten, nachdem sie ihn verlassen hatten, zuerst „ abwärts ". Es wird dieses von Dübi auf ein Verlassen des Grates gedeutet unter Berufung darauf, daß auch Blezinger und Farrar sich sogleich in die Westflanke gewendet hätten. Indessen beruht diese Annahme auf einem Mißverständnisse. Die Partie von 1883 blieb bis zum Wandl auf dem Grate. Ich möchte daher das Hinabeilen auf die anfängliche Senkung des Grates beziehen. Später stiegen die Führer wieder etwas ab — oder wurden vielleicht für Meyer hinter den Gratzähnen unsichtbar — um dann einen „ höhern Felsen " zu ersteigen, der irgendwie von einer „ hohlen Eishaube " bedeckt war und ihnen die größten Schwierigkeiten machte. Man könnte annehmen, und Zschokkes Text, der von einem „ Abgrunde " spricht, hat darauf hingeleitet, daß sich dieses alles auf das Hinabsteigen zur Platte und Wiederaufsteigen zum Grate bezieht, aber die Worte: „ Gletscher lag auf diesem nackten Felsen, und zwischen beiden sah man durch eine Lücke hinab in die Finsteraargletscher ", passen schlecht auf die Westflanke. Außerdem waren die Leute bestenfalls nur mit einem Handbeile versehen und kaum im stande, in der steilen Wand abwärts Stufen zu schlagen. Ich möchte daher vermuten, daß gegen das Wandl aufgewehter Schnee, vielleicht verbunden mit einer Bildung, wie der beim Anstiege durch die Ostwand angetroffene „ Gletscherblock ", dem Oberhasler Abbühl ermöglichte, emporzuklettern.

Auch der Rückweg der Partie läßt sich im einzelnen nur mutmaßen. Sie verließ, wie angenommen wird, den Grat etwas unterhalb des Vorgipfels, wie jetzt meistens geschieht, und stieg zunächst ziemlich gerade ab.

Dann schwenkte sie halblinks ab und zog südlich, bis sie wieder aufwärts zu ihrem Lagerplatze ( zirka 3360 m ) aufsteigen mußte, den sie „ mit dem Abend " erreichte. Rechnet man zwei Stunden für den Rückweg der Führer von der nach dem Berichte um 4 1/2 Uhr nachmittags verlassenen Spitze bis zum Ruheplatze Meyers, der also um 6 1/2 Uhr verlassen wurde, so müßten sie von dort, wenn die Ankunft am Lagerplatze auf 8 1/2 Uhr angesetzt wird, bis zu diesem in zwei Stunden gelangt sein, was etwas wenig erscheint.

Meyer gibt an, daanscheinend vom Studerfirn aus — der Ruheplatz, d.h. der Vorgipfel, in Ü Stunden erreicht worden sei. Blezinger brauchte 2 Stunden 50 Min., um vom Oberaarjoche auf den Grat zu kommen, den er etwas nördlich von dem letzten der drei im Grat befindlichen, auf Bodenehrs Abbildung sichtbaren Türme bei hartgefrorenem, aber mit einer pulverigen Schicht bedecktem Schnee betrat. Ein „ sehr steiler, aber durchweg gutartiger " Gang brachte ihn in 1 Stunde 20 Min. auf den Vorgipfel, so daß er also im ganzen bei nicht zu günstigen Verhältnissen 4 Stunden 10 Min. unterwegs war. Bodenehr, der auch vom Oberaarjoche ausging, brauchte 3 Stunden 30 Min. bis zum Grat, dessen Kamm er südlich vom letzten Turme erreichte und von da bis zum Verlassen des Vorgipfels, einschließlich einer Rast unterhalb des für den Gipfel angesehenen Vorgipfels, wieder 3 Stunden 30 Min., im ganzen also 7 Stunden. Er hatte den ersten Teil des Grates bis jenseits des Turmes sehr schwierig gefunden und war gänzlich untrainiert. Nach Bodenehr ist der Ostaufstieg, wie es scheint, nur noch von Macdonald ( Nr. 13 ) benutzt worden. Er brauchte von der Oberaarhütte zum Bergschrunde 1 Stunde 30 Min., zum Grate 2 Stunden 15 Min. und zum Vorgipfel 2 Stunden, zusammen 5 Stunden 45 Min. Der Climbers'guide setzt im Anschlusse an Blezinger-Farrar die erforderliche Zeit auf 4—5 Stunden. Die 6 Stunden, welche Meyer brauchte, um vom Fuße des Rothornsattels zum Vorgipfel zu gelangen, scheinen diesem Ansatze gegenüber etwas viel zu sein, indessen ist kaum ein Urteil darüber möglich, wie viel Zeit eine Durchquerung der Ostflanke erfordert. Wahrscheinlich ist sie mühsamer, als der direkte Anstieg. Cordier ( Nr. 1 ), der etwas westlich vom noch verschneiten — es war der 15. Juli — Rotloch gelagert hatte, erreichte in 1 Stunde 45 Min. einen Punkt „ ziemlich rechts vom Punkte 3227 " und von da, sich etwas rechts haltend, meistens über guten, aber viele Stufen erfordernden Schnee den Grat, und zwar jedenfalls auch südlich vom letzten Turm, denn er brauchte 2 Stunden 30 Min. bis zum Vorgipfel und beschreibt die erste Hälfte des Weges als recht schwierig. Heute wendet man sich vom Punkt 3227 einer Rippe zu, die etwas unterhalb des Vorgipfels sich vom Grate ablöst. Die Lage des Vorgipfels ist auf Blatt 489 des Siegfriedatlasses dadurch kenntlich, daß der darauf angegebene große Gratsporn vom Vorgipfel ausgeht; die Begehung dieses Ausläufers soll nicht unmöglich erscheinen. Der Zeitbedarf von der Oberaarjochhütte oder von der Konkordiahütte aus bis zum Vorgipfel wird für den heutigen Westweg im Climbers'guide zu 7 Stunden angegeben. Die Führer Meyers verließen ihn auf seinem Ruhepunkte, der eine Viertelstunde von der Spitze entfernt schien, eine Angabe, die voraussetzt, daß der Gipfel vom Ruheplatz aus sichtbar war, und es als gewiß erscheinen läßt, daß der Ruheplatz sich auf dem Vorgipfel befand. Sie brauchten aber drei Stunden, um den so nahe scheinenden Gipfel zu erreichen. Allerdings waren ihrer drei, oder gar vier, und sie hatten keinen Anführer, sie hatten ferner mit sich Stange und Fahne, sowie Barometer und Thermometer und befanden sich auf schwierigem jungfräulichem Boden. Der Grat war wahrscheinlich vereist, aber wo Schnee auf ihm lag, wird er gut gewesen sein. Daß sie 3 Stunden brauchten, erscheint unter jenen Umständen der Zeit anderen Partien gegenüber nicht unwahrscheinlich; jedenfalls werden sie zum Rückwege erheblich weniger Zeit gebraucht haben.

Cordier brauchte für das Gratstück vom Vorgipfel zum Wandl nur eine halbe Stunde, von da zum Gipfel 1 Stunde 30 Min. Er hat übrigens vom Wandl ab eine auch von Blezinger erwähnte, links sehr steil abwärts führende vereiste Rinne benutzt und hat dann, nachdem er anscheinend ziemlich tief abgestiegen war, die Wand gequert, bis er die später stets benutzte, wieder auf den Grat hinaufführende Rinne erreichte. Cordier, der doch in demselben Jahre die Aiguille Verte auf neuem, sehr schwierigem Wege erstieg, sagt von dieser Strecke: „ Cette dernière heure a été pour moi la plus émouvante, que j'ai passée jamais dans les Alpes " und erzählt, sein erster Führer Jakob Anderegg habe, als sie die Spitze betraten, gemeint: „ Einmal genügt ". Nach 5/4stündiger Rast wurde um 1 Uhr 30 Min. der Gipfel verlassen; um 8 Uhr waren die endlosen Schneewüsten des Aletschgletschers durchwandert, aber der Weg zum Hotel Jungfrau war verschneit und nur der Neumond leuchtete. Erst um 11 Uhr 30 Min. wurde der Gasthof erreicht.

Blezinger und Farrar brauchten vom Vorgipfel zur Spitze 3 Stunden 5 Min., von denen wenigstens die Hälfte auf den Weg bis zum Wandl fallen, für den Cordier nur 30 Min. brauchte. Aber dieser fand am Grate trockene Felsen und hatte schönes Wetter, während Blezinger die Vorgänge so beschreibt: „ Bald wird der Grat zur überhängenden Schneeschneide, bald wilder Felsgrat mit senkrechten Felszähnen. Kniend, sitzend, kriechend oder mit den Fingern uns oben an der Gratschneide haltend und mit den Knien auf der Seite des Grates vorwärts rutschend — so ging es von jetzt ab fast ohne Unterbrechung fort bis kurz unter der Spitze. Ganz besonders schwierig war immer für Köderbacher, der voranging, das Absteigen von den senkrecht aus dem Grat aufragenden Felszähnen auf den messerscharfen beschneiten Grat selbst. Mit den Händen sich fest an den Felszahn klammernd, konnte er den Rand auf dem Grat immer erst nach langem Tasten mit den Füßen nehmen, denn rechts und links fällt der Grat senkrecht in die Tiefe. Manchmal durchstieß der Eisstock den Schnee, eine blauschimmernde Röhre bildend, durch welche der Blick bis zum Studerfirn hinabdrang. Dabei blies heftiger Westwind aus den Couloirs herauf, häufig jede Vorwärtsbewegung plötzlich hemmend. Herr Farrar konstatierte während dieses Ganges auf dem Grat durchgängig —10° C., bis ihm endlich ein Windstoß das Thermometer aus der Hand und in die Lüfte trug. " Die Partie von 1883 dürfte den Weg unter den schwierigsten und schwierigeren Umständen, als bisher irgend eine andere Partie gemacht haben. Die Platte kostete ihr 40 Minuten, indessen ist darin Abseilen und erneutes Anseilen Blezingers inbegriffen, auch waren vier Personen hinüber zu befördern. Andere haben, wie gleich dargelegt werden soll, die Platte leicht befunden. Aber es ist etwas anderes, eine abschüssige vereiste Platte, deren seitliche Wand fast keine Griffe hat, zu überschreiten und sie in trockenem Zustande zu begehen. Liegt endlich fester Schnee darauf, wie schon der Fall gewesen ist, so wird man sie queren, ohne etwas dabei zu denken. Die von der Partie Cordier benutzte, abwärtsführende Rinne wurde von Blezinger-Farrar nicht betreten, sondern der seitdem übliche Weg, der vom Grate ein wenig abwärts und dann mit geringer Senkung zur Platte führt. Der Gipfel wurde um 10 Uhr 45 Min. betreten, aber schon nach fünf Minuten verlassen. Eine Stunde später wurde ein Stündchen gerastet und dann auf dem Fieschergletscher dem Hotel Jungfrau zugewandert, das man um 6 Uhr 30 Min. erreichte. Köderbacher hat einige Jahre später vom Gipfel aus seinem Herrn ( Dr. Strauss aus Konstanz ) den 1883 gemachten Weg gezeigt und versichert, es sei „ dies eine seiner exponiertesten, wenn nicht die schlimmste seiner Klettereien gewesen ", und doch hatte er unmittelbar darauf mit Mr. J. P. Farrar das Weißhorn von der Zinalseite aus bestiegen 1 ).

1 ) Zeitschrift des D. Ö. & A. V. 1889, pag. 413. Vgl. auch Studer: „ über Eis und Schnee ", IV, pag. 198. Johann Grill ( Köderbacher ist Hausname ), geb. 1835, aus Berchtesgaden in Bayern — er hat sich stets als deutschen, nicht tiroler Führer bezeichnet — kam, wie älteren Bergsteigern bekannt sein wird, während der Achtzigerjahre auf eigene Hand nach Zermatt, wo er sich rasch die höchste Achtung der daselbst maßgebenden Persönlichkeiten und seiner Kollegen erwarb. Franz Biner ( Weißhornbiner ) sagte mir einmal: „ Wir Führer ersten Ranges sehen Köderbacher als den Unsrigen an. Zermatt hat nur Vorteil davon, wenn ein Mann, wie er, sich hier aufhält, höchstens Leute dritten Ranges betrachten ihn als Eindringling. " Köderbacher erhielt etwa um 1890 die einträgliche Bewirtschaftung des Watzmannhauses des D. & Ö.A.V. und hat seitdem nur in der unmittelbaren Hasler ( Nr. 10 ) kam von Norden, er benutzte das angebrachte Seil und bemerkt, daß es an passenderer Stelle angebracht sein könnte, aber auch so sei die Sache nicht besonders schwierig. Von dem Gratstücke zwischen dem Wandl und dem Vorgipfel sagt er: „ Turm auf Turm wurde überklettert, was bei dem guten Gestein eine wahre Lust ist. Die Felsen sind nirgends sehr schwierig, sondern gerade so, daß ein mittlerer Kletterer sein helles Vergnügen hat. " Er brauchte 1 Stunde 35 Min. vom Gipfel bis zu der Stelle unterhalb des Vorgipfels, wo er den Grat verließ.

Ganz ähnlich äußerte sich Claude Macdonald ( Nr.'13 ): „ Das feste Seil nahe am Gipfel war wahrscheinlich einen Fuß tief im Eis begraben, nur die Enden waren sichtbar. Wir fanden es nicht gerade sehr schwierig, links von der Rinne in die Höhe zu kommen. Die Fahrt ist sehr hübsch, obgleich sie, wenn der Schnee nicht gut ist, sehr lange dauern würde. Wir fanden den Schnee gut, aber die Felsen schlecht und ziemlich stark vereist. " Man brauchte vom Vorgipfel bis jenseits der Platte 1 Stunde 20 Min., von da zum Gipfel 35 Minuten, im ganzen von der Oberaarjochhütte 7 Stunden 40 Min. ohne Rasten.

Die führerlose Partie Greenwood und Gen. ( Nr. 14 ) benutzte das Seil auch nicht. „ In einer Rinne auf der Westseite des Grates ist ein etwas altersschwaches Seil angebracht, es ist aber unnötig. " Ihr Urteil ist „ leichte, aber interessante Kletterei ".

Mit Entschiedenheit und fast polemisch hat Rev. W. C. Compton ( Nr. 9 und 15 ) den Endgrat für leicht erklärt. Er gelangte von dem beim Westaufstiege gewöhnlich betretenen, etwas unterhalb des Vorgipfels liegenden Punkte des Südostgrates zur Spitze 1899 in 2 1/4 Stunden und 1906 in 2 Stunden, von denen 1 Stunde und 30 Min. auf den Endgrat fallen. Von der Platte sagt Compton, indem er zugleich auf die 1883 zu ihrer Überschreitung gebrauchten 40 Minuten hinweist, sie könne überschritten werden in ein paar Minuten, ohne das Seil zu berühren, nur 8—10 Stufen seien vor und hinter ihr nötig. Mr. Coolidge bemerkte dazu ( Alp. J., Nr. 175, pag. 408 — 411 ), daß Mr. Farrar nach seiner zweiten Besteigung ( Nr. 12 ) die Fahrt ihm gegenüber als „ wirklich sehr schwer " bezeichnet hätte, und fügt hinzu, daß er Mr. Claude Macdonald bald nach dessen Fahrt getroffen habe und daß seine Äußerungen den Eindruck gemacht hätten, daß er sich der Nähe seines Postens, einzelne Ausflüge in die Ostalpen abgerechnet, geführt. Seit kurzem hat er die Bewirtschaftung des Watzmannhauses niedergelegt. Seine bekannteste Fahrt in den Ostalpen ist die erste Ersteigung der Ostwand des Watzmanns mit senkrecht gemessenen 1800 m. Kletterterrain.

gewöhnlichen Beurteilung der Fahrt zuneige und nicht der Ansicht Mr. Comptons 1 ).

Man wird also wohl sagen dürfen: Kletterkunststücke sind auf dem Wege zwischen Vorgipfel und Gipfel nicht zu machen, aber die Begehung des Gratstücks einerseits und der kritischen Stelle anderseits ist niemals leicht und kann bei ungünstigen Verhältnissen sehr ernste Schwierigkeiten bieten.Fortsetzung folgt im nächsten Jahrbuche. )

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