Die erste Hülfeleistung bei Unglücksfällen auf Bergtouren

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Dr. Gr. Krüger in Glarus ( Section Tödi ).

Die erste Hülfeleistung bei Unglücksfällen auf Bergtouren Vortrag, gehalten den Führern der Section Tödi von Geehrte Herren! Im Auftrage der Section Tödi soll ich Ihnen etwas Anleitung geben, auf welche Weise Sie helfen können, wenn Ihnen oder Ihren Begleitern auf einer Bergtour ein Unglück zustößt. Zu meinem Vortrag habe ich mich in der betreffenden Literatur etwas umgesehen und halte mich besonders an das „ Lehrbuch für Frater und Krankenwärter der eidgenössischen Armee ", sowie an den „ Leitfaden für Samariter-Schulen von Esmarch " und an „ die Krankenpflege für Haus und Hospital von Billroth. " Am besten wäre es, Sie würden alle drei Bücher durch- studiren, denn Sie müssen nicht denken, daß Sie Chirurgen und Doctoren geworden sind, wenn ich Ihnen in einer Stunde mit wenig Worten sage, wie Sie die erste Hülfe leisten können. Sie müssen sich nicht vorstellen, daß es in Ihrer Macht liegt, Jemanden, der unterwegs an einer Lungenentzündung erkrankt, bis zu seiner Ankunft im Thal gesund zu machen, oder daß Sie eine Verrenkung oder Ver-streckung oder irgend einen Bruch heilen können, bis Sie zu Hause ankommen; Sie sollen sich bei Ihren Handlungen von dem Gedanken leiten lassen, wie es möglich sein wird, den schwer Erkrankten oder Verletzten ohne Schaden heim zu bringen, so daß der Patient nicht noch mehr Schmerzen hat und noch schlimmer erkrankt. Das ist alles, was Sie erreichen können; also die erste Regel soll Ihnen sein: „ Nur nicht schaden !" Besprechen wir nun die erste Hülfeleistung bei Krankheitszufällen, dann Ihre Handlungsweise bei Verletzungen, und lassen wir dem letztern Abschnitt noch einige Worte über Verbandlehre und über den Transport von Verwundeten und Kranken folgen. Wenn Sie das alles behalten und wissen, dann haben Sie in einer Stunde genug gelernt.

Auf jeder Bergtour kann Ihnen natürlich viel Unglück passiren; manches werden Sie aber vermeiden können, wenn Sie denken: „ langsam aber sicher. " Besonders beherzigen Sie dies, wenn 's bergab geht; bergauf wird Ihnen viel seltener ein Unfall passiren. Nehmen wir an, es handle sich z.B. um eine durchaus ungefährliche Besteigung, z.B. die des Glärnisch. Wenn Sie von Glarus bis in 's Klönthal gelaufen sind, so haben Sie schon einen prachtvoll romantischen Spaziergang gemacht, sind aber schon ein wenig müde geworden. Gehen Sie nun noch zwei Stunden weiter, so kommen Sie auch schon in ein Stadium, in welchem Sie, unbekümmart um die Umgebung, ein Bein mechanisch vor das andere setzen und sich nach der ersten Haltestelle sehnen. Aber in der letzten halben Stunde marschirten Sie nicht mehr in geschlossener Gesellschaft; der Eine oder Andere blieb etwas zurück, weil es ihm nicht so sehr pressirte; dabei bemerkten Sie aber das blasse Aussehen des Nachzüglers, seinen unsichern, schwankenden Gang und die Kraftlosigkeit in allen Bewegungen. Wiederholt sahen Sie, daß derselbe sich ausruhte und mit dem besten Willen nicht folgen konnte; das Resultat war, daß er ohnmächtig wurde. Solcher Patient wird Ihnen nachher erzählen, daß es ihm wiederholt dunkel und schwarz vor den Augen wurde; zuweilen hatte er etwas Schwindel, hatte einen Augenblick furchtbar heiß, dann wieder kalt, mußte beständig gähnen, kurz und gut, er fühlte sich so recht unwohl, hatte Brechreiz, und glaubte schon sehr krank zu sein. Dann verging ihm Hören und Sehen, sein Bewußtsein war erloschen und er fiel in Ohnmacht. Vielleicht kam es auch nicht ganz so weit, das Bewußtsein schwand nicht völlig, und nur der unwiderstehliche Drang zum Ausruhen herrschte vor; wenn Sie diesen Grad der Ohnmacht Bergkrankheit nennen wollen, können Sie es ja thun. Bei einem Ohnmächtigen ist das Gesicht eingefallen, die Augen sind bewegungslos, der Mund geöffnet, die Gliedmaßen kalt, der Puls schwach; vielleicht tritt auch Erbrechen ein. Der Zustand dauert einige Sekunden oder Minuten, mitunter auch länger; aber allmälig kommt der Betreffende zum Bewußtsein; erst hört er, dann sieht er wieder; holt tief Athem, seufzt, gähnt, der Puls wird kräftiger, die Lippen rother, seine Kraft kehrt zurück und er ist bald wieder ein ganzer Mann, nur ist er noch müde. Was werden Sie aber inzwischen* thun? Zunächst werden Sie nicht selbst in Ohnmacht, fallen, sondern werden dem Schwachen sein Gepäck abnehmen, alle engen Kleidungsstücke auflösen, seine Halsbinde abnehmen, ihn wenn möglich an einen schattigen Platz legen und ihm, wenn Sie es in der Nähe haben, frisches Wasser geben. Haben Sie kein Wasser, so nehmen Sie Wein, jedenfalls ist aber Wasser besser. Er kann es trinken, sein Gesicht befeuchten; er wird sich bald wohler fühlen, und nachdem er sich noch etwas ausgeruht hat, mit erneuter Kraft vorwärts marschiren. Wir brauchen uns deshalb » mit ihm nicht weiter aufzuhalten und gehen zu einem anderen Falle über.

Denken Sie sich mal, es wäre Jemand ausgeglitten und etwa 20 Fuß weit hinunter gefallen. Sie finden den Betreffenden halb bewußtlos da liegen, er blutet aus Nase und Mund, ist übel, bekommt Erbrechen, athmet oberflächlich, hat einen schwachen Puls und ist und bleibt blaß. Er erholt sich nicht, wie bei der Ohnmacht, vollständig, sondern verharrt im gleichen Zustand und ist vom Sturz betäubt. Da müssen Sie sich selbst sagen: hier ist mehr als Ohnmacht. Der Patient kann nicht weiter; er leidet in Folge des Sturzes vielleicht an einer Gehirnersehütte- rung und muß möglichst schonend nach Hause transportirt werden. Sie werden suchen ihm zu helfen und ihn zu unterstützen, so gut es geht. Bei der ersten Quelle machen Sie ihm kalte Umschläge auf den Kopf, bemühen sich, ihn zu beruhigen und ihn ohne weitern Schaden heim zu bringen. Dann haben Sie gewiß alles gethan, was momentan zu thun möglich war; einen Arzt können Sie ja nicht holen und selbst wenn ein solcher dabei wäre, würde es deshalb doch nicht schneller besser.

Nun wollen wir weiter reisen, wenn Sie eigentlich auch schon Alle mit dem letzten Patienten hätten umkehren sollen. Schon oft werden Sie gehört haben, daß Leute tüchtig schwitzen und sich in frischer Luft ergehen wollen, um auf diese Weise die allerbeste Kur zu machen. Dies veranlaßt« schon manchen Sonntagsbummler, eine Bergtour zu unternehmen.

Ohne irgend welche Beschwerden marschirte so ein wohlbeleibter Herr Anfangs sogar recht schnell vorwärts; plötzlich aber bricht er zusammen. Sie können machen, was Sie wollen, kein Reizmittel nützt. Sie hören, wie der Patient schnarcht; er schläft nach Ihrer Ansicht zu auffällig gut. Sein Mund ist offen, sein Gesicht verzogen, die Augen starr, der Puls groß, voll, langsam; das Athemholen schnarchend.

Inzwischen merken Sie auch, daß der Betreffende sich naß und schmutzig gemacht hat, und durch alle Symptome müssen Sie allmälig auf den Gedanken kommen, daß hier weder Ohnmacht, noch Gehirnerschütterung zu Grunde liegt, sondern daß Ihr Gefährte vom Schlagfluß betäubt wurde. Sie befreien ihn also von allem Druck der Kleidung, machen ihm kalte Umschläge auf den ganzen Kopf; Sie können ihn auch reiben, um so ein Reizmittel auf die Haut auszuüben, aber Alles nützt nicht viel. Kommt der Kranke wieder zum Bewußtsein, so bleibt sein G-esicbt verzogen; er kann sich nieht mehr rühren, weil er gelähmt ist; er spricht lallend und undeutlich, und kann das Wasser, welches Sie ihm reichen, nicht schlucken, sondern fängt an zu husten. Vergleichen Sie die Fälle Ohnmacht, Betäubung, Gehirnerschütterung und Gehirnblutung, so werden Sie manches Aehnliehe finden, aber doch so differirende Erscheinungen, daß Sie in Ihrer Diagnose sehr bald klar sein werden. Die Behandlung habe ich Ihnen in allen drei Fällen gleich bemerkt. Thun Sie, was ich Ihnen sagte, so haben Sie gewiß Ihr Möglichstes geleistet.

Doch setzen wir nun voraus, wir hätten die Hütte erreicht. Die Einen machen sofort Feuer, die Andern stillen ihren Hunger und Durst und noch Andere verlangen nichts als Buhe. Letztere logiren vielleicht in der zweiten Etage des Hotels zum Steinthäli; unten wird Suppe gekocht und eingefeuert; allmälig aber erkranken alle Passanten im obern Stockwerk. Der Eine kommt zum Erbrechen, der Andere hat dringendes Bedürfhiß nach frischer Luft, ein Dritter liegt regungslos und schnarchend da. Sofort werden Sie sich da denken, daß es sich hier um eine Vergiftung durch Bauch und Gas handle. Eiligst müssen Sie suchen, solche Leute an die frische Luft zu bringen. Dann erinnern Sie sich, daß der Mensch im gesunden Zustande 60 Pulse haben soll in der Minute, daß auf je vier Pulse eine Athmung kommen soll, und er somit circa 15 Athemzüge in der Minute machen sollte. Betrachten Sie aber den durch schlechte Luft betäubten Patienten, so finden Sie, daß derselbe nicht so oft athmet, sondern vielleicht nur acht oder zehn Mal in der Minute Luft holt. Deßhalb suchen Sie die Athmung zu beschleunigen und leiten Sie die künstliche Respiration ein. Dazu legen Sie Ihre beiden Hände auf den Bauch des Patienten und drücken kräftig nach innen. Das Zwerchfell folgt diesem Druck, comprimirt die Lungen und der Kranke athmet aus. Dann warten Sie einen Augenblick, beginnen dies Manöver von neuem und wiederholen es etwa 15 Mal in der Minute. Oder sonst drücken Sie beiderseits mit der flachen Hand auf die Rippen und comprimiren auf diese Weise den Brustkorb, oder legen den Betreffenden auf den Rücken und drehen ihn 15 Mal in der Minute auf die Seite. Allein lassen Sie ihn nicht liegen, sondern setzen Sie Ihre Bemühungen unausgesetzt fort. Erst wenn der Patient völlig klar ist, Rede und Antwort steht, von selbst athmet, erst dann haben Sie Ihren Zweck erreicht; Sie haben einen Menschen vom Erstiekungs-tode errettet.

Von den vielen andern Unglücksfällen die Ihnen noch begegnen können, wollen wir zunächst die der Berauschung und des Erfrierens besprechen. Unterwegs verspürten Sie oft den Mangel an Wasser, als Sie Stunden lang bergauf marschirten; Bier und Wein war Ihnen zu schwer mitzunehmen; Sie hatten also Cognac, Kirsch oder dergl. bei sich. Die Wirkung 25 dieser letztern Getränke haben Sie ja Alle schon gesehen — aber einen wirklich schwer Berauschten haben Sie wahrscheinlich nie gesehen. Ein solcher Patient athmet langsam, sein Puls ist unregelmäßig,, das Gesicht anfangs roth, später blaß; so geht es bald besser, bald schlimmer; plötzlich tritt einmal oder mehrmals Erbrechen ein, aber meist liegt der Körper regungslos und bewußtlos da. Auch in solchem Fall machen Sie Belebungsversuche. Reiben und schütteln Sie den Körper, suchen Sie noch häufiger Erbrechen zu bewirken, erwecken Sie den Patienten beständig, und nach langer Zeit werden Sie endlich merken, daß der Kranke ruhig und gleichmäßig athmet; endlich fängt er an zu schlafen und langsam erholt er sich von seinem schweren Rausche. Sollten Sie einmal das Unglück haben, einen Menschen in solchem Zustande anzutreffen, so lassen Sie ihn nicht liegen; verlassen Sie ihn nicht, sondern bleiben Sie bei ihm und sorgen Sie für ihn. Wenn Sie später hören sollten, daß ein solcher Unglücklicher, verlassen von aller Hülfe, umgekommen ist, so können Sie sich sagen, daß derselbe fast mit Sicherheit hätte errettet werden können, wenn man ihm hülfreiche Hand geleistet hätte. Daß in großer Höhe sich Todesfälle durch Erfrieren ereignen können, wissen Sie. Nehmen Sie an, die Hütte hätte nicht für alle Gäste Platz, ein Theil derselben müßte im Freien campiren, oder denken Sie, Nacht und Nebel oder Schneegestöber überraschte Sie auf einem Gletscher, so daß Sie nicht drei Schritte ohne Gefahr vorwärts gehen könnten; Sie wären gezwungen, an Ort und Stelle vielleicht Stunden lang, vielleicht Tage lang, auszuharrenda könnte Ihnen mancher Unglücksfall widerfahren. Bei einem Erfrorenen sehen Sie nur äußerst geringe Bewegung des Körpers. Fühlen Sie nach dem Pulse, so sind Sie ungewiß, ob noch ein Puls besteht oder nicht. Sind Sie im Zweifel und können Sie annehmen, daß es noch möglich ist, den Erfrorenen wieder zu beleben, so tragen Sie den Körper auf den Schnee, welcher das beste Material, die beste Medicin zur Hülfe für diesen Kranken ist. Reiben Sie denselben, bis Sie alle in Schweiß sind; dann quetschen Sie die Muskeln ein wenig, kneten Sie die Haut, reiben und reiben Sie immer weiter, und der Körper wird allmälig wärmer; je länger, je mehr hebt sich die Brust bei jedem Athemzug; der Puls wird kräftiger;* jeder nächste Augenblick belohnt Ihre Bemühungen, nach und nach kommt der Kranke zu sich und Sie haben schließlich den erfrorenen, erstarrten Körper zum Leben zurückgebracht; nur hüten Sie sich, einen Erfrorenen in eine warme Hütte zu bringen!

Ich habe Ihnen nun verschiedene Fälle vorgeführt. Sie kennen einen Ohnmächtigen und können ihn von einem Betäubten unterscheiden, sowie von einem Kranken, der einen Schlagfluß bekommen hat. Sie haben ferner die Kennzeichen der Erstickung, der Berauschung und Erfrierung gelernt. Nun müssen wir aber noch an andere Unfälle denken. Wenn Sie auf den Gletscher kommen, so sind Sie jedenfalls schon auf ziemlich bedeutender Höhe. Da ist die Luft rein, aber auch dünn und leicht, und der Widerstand, welchen die umgebende Luft auf Ihren Körper aus- übt, ist vermindert. Gar mancher, welcher in seinem staubigen Arbeitslokale blaß aussah, bekommt auf dem Gletscher rothe Backen. Das ist die Folge der Bewegung in freier Luft und besonders in leichter Luft. Allein für Manche ist die Luft schon zu leicht; nicht nur rothe Backen sind das Resultat des Höhenaufenthaltes, sondern auch — Blutungen. Bekommt einer Ihrer Gefährten Nasenbluten, so verbieten Sie ihm zuerst alles Reiben, Schneuzen und Herumreiben an der Nase. Lassen Sie ihn sich setzen; aber nicht den Kopf vorne übergebeugt oder bedeutend nach rückwärts gelehnt, sondern ganz gerade aufrecht. Wenn Sie erlauben, daß der Kopf weit nach vorne hängt, so strömt das Blut aus dem Nasloch heraus; ist der Kopf tief hinten angelehnt, so läuft das Blut in den Rachen, und der Patient schluckt es oder speit es aus. Dann könnten Sie sogar auf den Gedanken kommen, das Blut komme aus dem Mund oder aus den Lungen. Lassen Sie den Kopf gerade aufrecht halten, so daß derselbe den höchsten Theil des Körpers einnimmt, so ist es jedenfalls das Beste. Beruhigen Sie den Patienten, dann wird die Blutung sicher bald aufhören.

Außer Nasenblutungen könnten Sie natürlich auf solcher Höhe auch einmal einen Kranken mit Lungen- oder Magenblutung antreffen. Um zu erkennen, wo's fehlt, merken Sie sich, daß der Patient, der heflrothes schaumiges Blut aushustet, an einer Lungenblutung leidet; daß aber derjenige, welcher dunkle, schwarze, geronnene Massen erbricht ( nicht ausspeit ) schon lange magenleidend war und eine Magenblutung bekommen hat. Lassen Sie sich da als erste und nothwendigste Maßregel gelten, daß Sie solchen Kranken hinlegen und ihn keine überflüssige Bewegung machen lassen; kein Glied sollte derselbe rühren. Dem Patienten mit blutigem Auswurf verbieten Sie möglichst das Husten und ebenso das Sprechen; denjenigen mit Erbrechen ermahnen Sie, das Erbrechen möglichst hintanzuhalten. Beide, Erbrechen und Husten, sind immer wieder von neuem Ursache zu einer erneuerten Blutung. Vor allem aber sorgen Sie für Ruhe, und stellen Sie die Sache viel gleichgültiger hin, als sie wirklich ist. Daß der Blutverlust groß war, haben Sie gesehen; wahrscheinlich ist, daß derselbe sich sogar noch wiederholen wird also rechnen Sie mit dieser Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit. Die einzigste Medicin, die Sie nöthig haben, steht Ihnen in Hülle und Fülle zur Verfügung, in Schnee und Eis, Geben Sie Ihrem Kranken Eis-pillen, machen Sie ihm mit Ihrem Nastuch kalte Com-pressen auf Brust und Bauch, und geben Sie ihm kaltes Wasser zu trinken — so haben Sie Ihre Schuldigkeit gethan. Dabei beobachten Sie die größte Ruhe, und gestatten Sie nicht auch nur die kürzeste Bemerkung seitens des Kranken; suchen Sie ihm seine Wünsche vom Gesicht abzulesen, ohne daß der Kranke genöthigt ist, zu reden. Aber gewiß wissen Sie noch aus Erfahrung, daß Ihre Tante Ihrer Base, wie sie einmal blutete, Salzwasser zu trinken gab. Thun Sie's auch, wenn Sie gerade Salz bei sich haben, sonst lassen Sie's bleiben. Bedenken Sie, wie es wirken könnte! daß-Salzwasser, vom Magen aus aufgenommen, eine Lungen- oder Magenblutung direct stillen könnte^ werden Sie hoffentlich nicht glauben; und doch steht es in einem solchen Renommé. Angerathen ist es also einzig in der Absicht, das Blut zu verdünnen also an Quantität zu vermehren.

Außer Blutungen kann Ihnen noch gar viel passiren, allein Alles zu beschreiben ist ja unmöglich. Ueberall ist die Gelegenheit einer Erkrankung gegeben; dieser zu entgehen, lassen Sie Ihre erste und größte Sorge sein. Seien Sie vorsichtig! Vergessen Sie wegen der schönen Aussicht, die auf dem Gipfel ist, oder doch da sein könnte, nicht, für Ihre Gesundheit zu sorgen, setzen Sie sich also nicht leichtsinnig Schädlichkeiten aus, die Sie leicht vermeiden könnten. Hat aber das Unglück Sie ereilt, so fügen Sie sich geduldig in 's Unvermeidliche; häufen Sie nicht noch neue Schädlichkeiten hinzu, und denken Sie an die Worte: „ nur nicht schaden ". Setzen Sie unter keinen Umständen die Tour fort mit einem kranken Menschen, sorgen Sie allein für denselben; lassen Sie das Vergnügen und die schöne Aussicht bei Seite und folgen Sie zuerst Ihrer Pflicht und Liebe für Ihre Nebenmenschen. Treffen Sie einen kranken, hungrigen oder durstigen Gefährten, so lassen Sie sich nicht durch die Bezahlung oder die Aussicht auf einen guten Tropfen leiten, sondern Ihre erste und größte Aufgabe soll die Pflege des Kranken sein. Welcher Art auch die Krankheit sei, so bedenken Sie, daß unter allen Umständen geistige und körperliche Ruhe das erste Bedürfniß für den Patienten ist. Von Medicamenten steht Ihnen das beste j«den Augen- blick in Hülle und Fülle zu Diensten, sei es als Wasser, als Schnee oder als Eis. Damit können Sie den Ermüdeten erquicken, den Ohnmächtigen stärken, dem Fiebernden seinen brennenden Durst stillen, den Erstickten und Berauschten beleben, dem Verletzten Kühlung seiner Wunden bereiten, Schmerzen lindern, kurz und gut, Sie haben im Wasser ein Medicament, welches alle andern Medicamente zusammen genommen bei weitem überragt. Meine Herren, damit hätte ich den ersten Theil meines Vortrages beendet; Sie haben verschiedene Krankheitsbilder kennen gelernt, dazu eine sehr einfache Heilmethode, mit der Sie unendlich viel Gutes thun können — also " doctern Sie denn ruhig drauf los — die Praxis ist ja in hiesigem Canton freigegeben!

Gehen wir nun zum zweiten Theil über, zur ersten Hülfeleistung bei Verletzungen. Sei es nun, daß sich Jemand eben beim Frühstück mit seinem Messer geschnitten hat, oder daß er sich beim Abstieg über die unwirthlichen Felsen auf dem Grat gehörig verletzte. Es handelt sich da immer um eine Wunde, welche klafft, blutet und schmerzt, sei es in Folge eines Stiches oder Schnittes oder in Folge einer Quetschung. Da werden Sie sofort sehen, ob die Wunde oberflächlich ist und ungefährlich, groß oder klein, gerissen oder geschnitten. Natürlich sind einfache Hautwunden fast stets ungefährlich und leichter Natur, es müßte sonst schon sein, daß ein großer Lappen oder ein größerer Hautdefect gebildet wurde. Schwere Wunden sind alle diejenigen, bei welchen eine Körper-höhle, sei es Kopf oder Brust oder Bauch, eröffnet ist; ferner rechnet man zu schweren Verwundungen alle Verletzungen der größern Schlagadern, bei welchen eine bedeutende Blutung besteht, sowie Verletzungen aller größern Nervenstämme; alle mit Knochenbrüchen complicirten Wunden, selbst wenn die Wunde auch nur klein ist und sich am Kopf, an der Wirbelsäule oder an den Gelenken der Glieder befindet, alle Zerschmetterungen und Verstümmlungen von Gliedern und alle großen Quetschungen. Tödtlich sind in der Regel alle Verletzungen des Gehirns, des Rücken-marks, des Herzens, der großen Schlagadern, sowie alle Eröffnungen der drei Körperhöhlen. Der Tod erfolgt in den letztern Fällen gewöhnlich durch schnelle Verblutung und durch den Schok. Aber auch nach jeder andern schweren, sogar schon nach jeder leichten Verwundung kann der Tod eintreten. Zu jeder Verletzung, mag sie groß oder klein, leicht oder schwer sein, kommt dann in den nächsten Stunden eine Entzündung hinzu, d.h. Anschwellung, Röthe, Hitze und Schmerz. Gewöhnlich tritt zugleich auch Fieber ein — doch zu dieser Zeit werden Sie Ihren Kranken hoffentlich nahezu nach Hause gebracht haben. Passirt Ihnen ein solches Unglück, so werden Sie so gut als möglich untersuchen, welche Eigenschaft die betreffende Wunde hat; Sie werden sehen, an welchem Körper-theil die Verletzung ist, in welcher Ausdehnung, mit welcher Gefahr sie für 's Leben oder für 's betreffende Glied verbunden ist. Dazu müssen Sie natürlich die blutende Stelle bloß legen. Nehmen Sie dem Verunglückten sein Gepäck ab; entkleiden Sie ihn so schonend als möglich. Wollen Sie den Rock resp.

„ Büffel ", Weste oder dergl. ausziehen, so beginnen Sie stets auf der gesunden Seite und ziehen diese zuerst aus. Das Hemd werden Sie zurückstreifen oder nöthigenfalls aufschneiden; die Hose sollen Sie stets gleichzeitig über beide Beine herunterziehen; Stiefel müssen Sie schon bei jeder bedeutenden Verletzung abschneiden; jedenfalls werden Sie nie dran denken können, einen Stiefel von einem gebrochenen Bein abzuziehen. Haben Sie die Wunde vor Augen, so sehen Sie, ob dieselbe oberflächlich oder tief, ob ein Knochen zugleich gebrochen ist, ob eine starke Blutung besteht » ob die Wunde rein ist, oder ob Sand, Schmutz, Kleider etc. hineingedrungen sind. Alles dieses sollen Sie erst besehen und bedenken, bevor Sie die Wunde berühren und dran denken, zu helfen. Der nächste Gedanke ist nun, eine reine Wunde zu schaffen. Schnee und Wasser sind in Ihrer Nähe. Also suchen Sie die Wunde » mit reinen Händen so gut wie möglich abzuwaschen, von Schmutz oder Sand zu reinigen, und sehen Sie sich mit Ruhe die Sache an. Ueberlegen Sie jede Handlung und bedenken Sie vor jedem kleinen Eingriff, ob Sie nicht eher damit schaden können.

Natürlich wird die Wunde bluten; vielleicht blutet sie recht stark. Ist die Blutung allgemein, oberflächlich und nicht gerade bedeutend, so können Sie mit ziemlicher Sicherheit drauf rechnen, daß sie auch alsbald aufhören wird. Sehen Sie aber, daß es keine allgemeine, gleichmäßige Blutung ist, sondern daß eine Stelle stark blutet, und sieht das Blut dunkelroth oder blauroth aus, so können Sie bestimmt annehmen, daß eine Blutader verletzt ist. Ist dagegen eine Schlagader verletzt, so quillt das Blut nicht wie aus einer Quelle heraus, sondern es spritzt Ihnen in einem großen Bogen entgegen. Das Blut aus einer Schlagader sieht hellroth aus, dasjenige aus einer Blutader ist dunkel gefärbt. Eine Blutung aus einer Blutader kann von selbst aufhören; eine Blutung aus einer Schlagader hingegen hört nicht von selbst auf. Was können Sie nun gegen eine solche Blutung thun? Einschreiten müssen Sie; einen Arzt haben Sie nicht zur Stelle; zusehen dürfen Sie nicht, sondern Sie müssen nothwendig den weitern Blutverlust verhindern, da Ihnen der Patient gewiß zu Grunde geht, bis Sie ihn stundenweit zu einem Arzt gebracht haben. An blutstillenden Mitteln haben Sie die Kälte und den Druck. Bei allgemeinen, nicht gerade großen Blutungen, nehmen Sie eine Hand voll Schnee und drücken diese auf die ganze blutende Fläche. Wenn Sie diesen Druck einige Minuten constant und ziemlich stark ausgeübt haben, so werden Sie sehen, daß die Blutung bedeutend geringer geworden ist. Setzen Sie es fort, so wird nach einiger Zeit die Blutung ganz aufhören. Ist eine Blutader verletzt, so üben Sie denselben Druck energischer aus; drücken Sie mit Ihren Fingern kräftig und andauernd auf die blutende Stelle. Inzwischen machen Sie sich irgend einen Knäuel aus einem, wenn möglich säubern Taschentuch zurecht, oder umwickeln Sie einen kleinen Stein mit einem Theil des Nastuches und binden diesen Knäuel fest auf die blutende Stelle auf. Wenn Sie auf diese Weise eine Blutader längere Zeit comprimirt haben, so werden Sie sehen, daß die Blutung alsbald steht. Blutet aber eine Schlagader, so werden alle Ihre Bemühungen ziemlich fruchtlos sein, da eine solche nur aufhört, zu bluten, wenn sie unterbunden ist. Wenn Sie also keine Unterbindungspincette bei sich haben, um die Ader fassen zu können und zuzudrücken, so werden Sie auch nie wirkliche Hilfe leisten können. Doch Sie möchten thun, was möglich ist und deßhalb rathe ich Ihnen, die Ader bestmöglich zuzudrücken, sei es an der eröffneten Stelle oder in ihrem Verlauf, vom Herzen her. Gelingt Ihnen dies und können Sie verhindern, daß die Ader blutet, so rathe ich Ihnen einen Verband anzulegen, der genau so drückt, wie Sie vorher gedrückt haben, sei es also an der blutenden Stelle selbst oder sei es im Verlauf der Ader. Helfen *müssen Sie und sollen Sie, so gut es eben möglich ist. Bedenken Sie, daß mit jedem Tropfen Blut auch die Kraft des Patienten sinkt; also da heißt es schnell an 's Werk! Sehen Sie nicht erst eine Viertelstunde zu, wie eine Schlagader spritzt, sondern greifen Sie sofort geschickt hinein und machen Sie einen Verband, welchen Sie wollen, nur sorgen Sie dafür, daß der Patient sich nicht verblutet. Die Gefahr ist natürlich verschieden groß; je größer das Blutgefäß, um so stärker die Blutung; um so schneller muß aber auch Ihre Hülfe da sein. Wenn es nicht schnell geht, so ist die beste Zeit zur Hülfe verloren, und der Patient ist indessen so geschwächt, daß Sie ihn sicher nicht mehr retten können.

Nun noch einige Worte über den Verband. Dazu werden Ihnen einzig und allein einige Nastücher zu Gebote stehen. Doch auch diese genügen vollständig. Suchen Sie große Wunden mit geschältem Hauptlappen nach der Reinigung bestmöglichst mit dem Hautfetzen zu bedecken; binden Sie in geschickter Art und Weise das Taschentuch herum, sei es in Bindenform oder als Compresse, welche Sie mit andern Tüchern befestigen. Darauf allein verwenden Sie alle Ihre Geschicklichkeit. Als weitere Medicamente haben Sie wieder Schnee, Eis und kaltes Wasser. Kalte Umschläge beseitigen den Schmerz und stillen die Blutung, verhindern die Entzündung. Soweit haben wir die allgemeinen Blutungen und ihre damit verbundenen Hülfeleistungen besprochen. Wir müssen aber auf dieses Kapitel spezieller eingehen. Was die Kopfwunden anlangt, so wird Ihre Hülfe bei Verletzungen, die den Schädelknochen durchbohrt haben, nicht von großer Bedeutung sein können. Es könnte sich indessen auch einmal um eine einfache, bis auf den Schädel dringende Hautwunde handeln, die sehr stark blutet, aus welcher Schlagadern ihr Blut herausspritzen lassen. Für diesen Fall merken Sie sich, daß die Schlagader gerade vor dem Ohre verläuft, daß Sie also durch einen Druck auf diese Stelle auch die Blutung zum Theil verhindern können. Handelt es sich aber um große Wunden im Gesicht, so können Sie durch einen Druck auf die Mitte des Bandes vom Unterkiefer eine solche Blutung beherrschen. Versuchen Sie zuweilen in einer Mußestunde diese Stellen am menschlichen Körper zu finden und den Pulsschlag zu fühlen; denn gerade an diesen Punkten können Sie Gefässe zusammendrücken und somit die Blutungen beherrschen. Bei Halswunden werden Sie wohl schwerlich je in die Lage kommen, eine wirkliche Hülfe auszuüben. Die Schlagadern sind schon so groß und der Blutdruck ist schon ein so hoher, daß ein gewandter Arzt sofort zur Stelle sein sollte, um einer Verblutung vorzubeugen. Sollten Sie je in eine so kritische Lage kommen, helfen Sie sich, so gut es geht. Drücken Sie die blutende Stelle zu, ohne dabei einen zu bedeutenden Druck auf die Luftröhre auszuüben, und legen Sie einen Verband an, welcher die Blutung so gut als möglich verhindert. Die Verwundungen der Brust können natürlich sehr verschieden sein; es kommen dabei zugleich Verletzungen des Herzens und der Lungen vor. Heilungen können schon vorkommen, allein sie sind selten. Bei solch schweren Fällen werden Sie wohl nicht gut radicale Hülfe leisten können, also verbinden Sie den Patienten, so gut es geht, und suchen Sie auf dem Transport nicht noch mehr zu schaden. Bei Wunden des Unterleibes werden Sie kaum jemals genau die Organe kennen, die verletzt sein könnten; ich halte er für unmöglich, Ihnen hierüber leicht Anleitung zu geben, da zu solchen Instructionen viel mehr Zeit erforderlich ist. Doch wir müssen noch über Blutungen an Armen und Beinen sprechen. Beim Oberarm merken sie sich, daß Sie die Schlagader am besten zudrücken können, wenn Sie den Arm umfassen und von innen die Haut an den Knochen drücken. Am Vorderarm haben Sie sich ebenfalls eine Stelle zu merken. An der Innenseite des Vorderarms nämlich, unter dem Daumen, liegt noch eine Schlagader, an welcher man gewöhnlich den Puls fühlt. Die Ader liegt da so oberflächlich, daß Sie ohne irgend welche Mühe dieselbe zudrücken können, wenn sie blutet. Merken Sie sich diese Stelle und suchen dieselbe am eigenen Körper, damit Sie wissen, wo Sie den Puls fühlen können. Für das Bein merken Sie sich ebenfalls einige Hauptstellen. Die Hauptader für das ganze Bein liegt in der Schenkelbeuge, gerade in der Mitte des Oberschenkels; dann läuft die Schlagader an der Innenseite des Beins herum und liegt am Knie ganz hinten, mitten in der Kniekehle. Sie werden also bei Blutungen am Bein entweder oben in der Schenkelbeuge oder sonst genau in der Mitte der Kniekehle zu drücken haben. Wenn man bei solchen Fällen helfen will, gehört schon genaue anatomische Kenntniß des ganzen Körpers dazu; allein für den Nothfall ist es gut, wenn Sie auch nur das Wenige wissen, was ich Ihnen soeben sagte.

Ueber Quetschungen habe ich Ihnen nicht viel zu bemerken. Natürlich hängt die Hülfeleistung ganz und gar von dem Grade der Quetschung ab. Wenn der gequetschte Theil nicht gerade zermalmt ist, so werden Sie sich damit begnügen, denselben richtig zu lagern, d.h.. ihn in möglichst gerade und möglichst hohe Lage zu bringen. Glücklicherweise können Sie manche Bergtour machen, bis Sie eine ordentliche Quetschung sehen. Allein oft werden Sie schon von Verstauchungen, Verrenkungen und Knochenbrüchen gehört haben, da solche Unfälle auf Bergtouren eben häufig vorkommen. Wird nämlich durch irgend einen Fall oder Sprung oder Sturz ein Gelenk übermäßig gestreckt oder gebogen oder ver dreht, und gleiten die Gelenkflächen einen Augenblick zu weit über einander, so werden die Gelenkkapsel und Bänder heftig gespannt, gezerrt oder zerrissen; die Folge ist, wenn die Gelenkflächen wieder an den frühern Ort gelangen, die Verstauchung; wenn die Gelenkflächen sich verlassen, die Verrenkung. Verstauchungen ereignen sich am häufigsten am Fuß-und Handgelenk; beim Fußgelenk z.B., wenn beim Sprung der Fuß nicht auf seine Sohle zu stehen kommt, sondern ein wenig seitwärts; beim Handgelenk wenn z.B. bei einem Sturz der Fallende sich mit der Hand schnell eine Stütze zu geben sucht und auf diese Weise zu große Anforderungen an die Gelenkbänder, Sehnen etc. stellen muß. Ein solcher Unfall wird Schwellung, Schmerzhaftigkeit und die Unmöglichkeit der gewohnten Bewegungen zu Folge haben. Die Heilung einer Verstauchung dauert lange; oft sogar wochenlang. Wenn Sie nicht wissen, was los ist, rathe ich Ihnen, sofort nach dem Unfall einen Vergleich vorzunehmen zwischen der gesunden Seite einerseits und der verstauchten andrerseits, mag es am Arm oder Bein, am Fuß oder an der Hand sein. Da wird Ihnen sofort klar werden, ob es nur eine Verstauchung ist. Bei einer Verstauchung können, wie gesagt, Differenzen in Bezug auf die Form im Anfang nicht vorhanden sein. Bei Verrenkungen hingegen werden Sie aus der Differenz beider Gelenke sofort erkennen, daß sich zwei Gelenkflächen verlassen haben und verschoben bleiben. Am häufigsten kommen Verrenkungen am Schultergelenk vor; darnach beim Ellen-bogengelenk. Sie fühlen und können es sehen, daß die Pfanne für 's Gelenk leer ist, und daß der Gelenkkopf an einem Ort sitzt, wo er nicht hin gehört. Wenn Sie in Ihrer Diagnose sieher sind, so machen Sie nicht viele Versuche, das Gelenk wieder einzurichten. Stellen Sie das Glied in einer für den Patienten nicht so schmerzhaften Lage fest, packen Sie Schnee und Eis um das Gelenk, und kommen Sie heim. Viel ernsterer Natur sind natürlich Knochenbrüche. Der Knochen kann an einer oder an mehreren Stellen, quer oder schief brechen; er kann sogar ganz zersplittern; er kann unter der Haut brechen oder dieselbe durchstochen haben. Sie erkennen den Knoehenbruch daran, daß durch die Verschiebung der beiden Knochenenden der Knochen an der Bruchstelle verdickt ist. Wenn Sie das Glied bewegen wollen, hat der Patient bedeutenden Schmerz. Das Glied giebt nach und bewegt sich an Orten, wo kein Gelenk ist. Bei Bewegung hören Sie ferner das Reiben und Knarren der Knochenenden und sehen sogleich, daß die Richtung des gebrochenen Gliedes keine gerade, sondern eine winklige ist. Natürlich giebt es auch Fälle, in denen es nicht ganz leicht ist, zu sagen, ob ein Bruch überhaupt besteht; im Ganzen und Großen aber glaube ich, daß es Ihnen in Ihrer Praxis nicht so schwer werden wird, eine Diagnose zu machen, weil die Veränderungen an gebrochenen Gliedern doeh gewöhnlich bedeutend sind. Haben Sie einen solchen Patienten, so können Sie ihn unmöglich liegen lassen oder warten, bis Sie einen Arzt herbeigeholt haben, sondern Sie müssen einen Nothverband anlegen. Sie soEen dem gebrochenen Gliede Ruhe schaffen und suchen, die Schmerzen zu beseitigen; hauptsächlich aber lassen Sie es sich angelegen sein, den Verunglückten so schonend als möglich zu transportiren. Sorgen Sie nur dafür, den Zustand nicht noch zu verschlimmern, so daß eine nachträgliche Heilung ganz unmöglich gemacht ist. Wenn Sie z.B. sehen, daß ein Knochen unter der Haut gebrochen ist, so sorgen Sie dafür, das betreffende Glied derartig zu lagern, daß die Haut nicht nachträglich noch von Knochenspitzen durchstochen wird; machen Sie nicht den leichten, uncomplicirten Bruch zu einer sehr schweren Verletzung. Deßhalb machen Sie auch keine großen, schnellen und rohen Bewegungen mit dem gebrochenen Gliede, sondern versuchen Sie durch mäßigen Zug oben und unten, ohne bedeutende Schmerzen dem Gliede eine möglichst gerade Richtung zu gehen und dann dasselbe in dieser Lage zu fixiren. Dann legen Sie Eis oder Schnee auf die Bruchstelle und packen Sie Ihren Kranken schonungsvoll auf, um mit ihm heimzukehren.

Gegen wir nun speziell auf die Brüche einzelner Knochen ein. Brüche am Schädel zu erkennen, ist oft allerdings mit großen Schwierigkeiten verbunden; allein da Sie in solchen Fällen gewiß nicht eigenhändig hülfreich sein können, so rathe ich Ihnen, sich vom Zustand des Verunglückten im Allgemeinen leiten zu lassen. Wenn Ihr Patient z.B. ohne Besinnung, halbtodt und im Sterben daliegt, so werden Sie von selbst annehmen, daß Sie es hier mit einer schweren Verletzung zu thun haben. Machen Sie eiskalte Umschläge und begnügen Sie sich mit dem Gedanken, damit alles gethan zu haben, was möglich war. Unterkiefer- und Rippenbrüche übergehe ich, da 26 Sie unmöglich Hülfe dabei leisten können. Bei Rippenbrüchen aber müssen Sie sich stets entsinnen, daß mit denselben auch zugleich Lungenverletzungen durch die scharfen Knochenkanten stattfinden könnten. Das Nämliche könnte natürlich auch passiren bei einem Schlttsselbeinbruch. Nehmen Sie nun an, es fiele Jemand nach vorn über und stützte sich dabei auf die Hand. Wie Sie bereits wissen, könnte man sich auf diese Weise das Hand-, Ellenbogen- oder Schultergelenk verstauchen oder verrenken, aber eben so gut wäre es möglich, auf diese Art das Schlüsselbein zu brechen. Gewiß wird ein solcher Patient sofort merken, wo 's fehlt, und wird es Ihnen zeigen. Bei einer Vergleichung der beiden Schlüsselbeingegenden werden Sie eine Differenz constatiren können. Sie suchen nun, wie Sie bereits wissen, die Differenz möglichst auszugleichen. Binden Sie beide Schultern nach hinten, um zu verhüten, daß sich die beiden gebrochenen Knochenenden immer gegenseitig stechen; ferner legen Sie den dem Schlüsselbein entsprechenden Arm in eine Schlinge, welche Sie um den Hals binden, so daß die dem Bruch entgegengesetzte Schulter den Arm trägt. Hiemit haben Sie Ihr Möglichstes geleistet. Nun noch einige Worte über Brüche des Ober-und Vorderarms und des Ober- und Unterschenkels. Auch hier gilt wiederum die Regel, das gebrochene, winklig geknickte Glied in möglichst gerade Richtung zu bringen. Wenn Sie diese Manipulation ausüben, sollen Sie stets, wie ich Ihnen bereits sagte, einen Zug am Glied ausüben, sowohl nach oben als nach unten, dann wird es Ihnen oft gelingen, das Glied in eine gerade Lage zu bringen, in welcher Sie dasselbe zu fixiren suchen, indem Sie es entweder an den Körper anbinden oder zwischen Schienen legen. Angenommen, es wäre der Oberarm gebrochen, so werden Sie denselben gerade richten, ihn zwischen Schienen legen, den Unterarm rechtwinklig zum Oberarm stellen und den letztern in eine Schlinge legen, welche um den Hals und die entgegengesetzte Schulter getragen wird. Beim Bruch des Unterarms werden Sie den Arm so stellen, daß die Handinnenfläche der Körperoberfläche zugewandt ist, und ihn ebenfalls in einer Schlinge gehörig fixiren. Handelt es sich um einen Bruch am Ober- oder Unterschenkel, so rathe ich Ihnen, den gebrochenen Theil in der richtigen Haltung durch Schienen festzustellen und hierauf am gesunden Glied anzubinden. Auf solche Weise erreichen Sie für den Transport jedenfalls die beste Lage. Ihnen über dieses Kapitel noch weitere ausführliche Mittheilungen zu machen, ist hier nicht am Platze; es sind dies Sachen, die auch praktisch erlernt werden müssen.

Von den Knochenbrüchen kämen wir nun weiter zur Verbandlehre. Da kann ich allerdings getrost voraussetzen, daß Sie weder mit Listerapparaten, noch mit allerlei Verbandstoffen, Carbolwatte, Binden etc. ausgerüstet sind. Es stehen Ihnen wahrscheinlich nur mehr oder weniger saubere Nastücher zu Diensten. Außer denselben benützen Sie nur Hemdärmel, einzelne Streifen vom Hemd, breite Hutbänder, Kragen, Halstücher, vielleicht auch Cravatten. Das Material zu Schienen liefern Ihnen Stiefelsohlen oder ein Hutrand oder eine Dachschindel, wie überhaupt jedes gerade Stück Holz. Sollte es sich z.B. um eine Blutung handeln, so werden Sie schwerlich Esmarch'sche Apparate haben; aber im Nothfall können Sie diese durch Tragbänder ( namentlich mit Gummieinlagen ) oder durch Leibgurte ersetzen; als Pelote dient Ihnen natürlich ein möglichst glatter Stein. Meine Herren! spezielle Verbände muß ich übergehen. Es handelt sich da ganz allein um praktische Sachen, welche ich Ihnen nicht mit Worten auseinander setzen kann, sondern welche Sie sehen und selbst machen müssen.

Zum Schluß noch einige Worte über den Transport von Verwundeten und Kranken. Von vorneherein möchte ich Ihnen rathen, eine größere Bergtour nie allein zu unternehmen; es ist immer besser, wenn mehrere sind, wenn möglich mehr als drei. Passirt dann einem ein Unglück, so sollten doch wenigstens zwei da sein zum Helfen. Nachdem Sie also einem Verunglückten so bald wie möglich einen Nothverband besorgt haben, sorgen Sie für einen schleunigen, zweckmäßigen Transport des Patienten. Bei Verletzungen leichter Art am Kopf, sowie an den Armen, ist es vielleicht noch möglich, daß der Kranke selbst vorwärts kommt. Ist dies nicht möglich, so werden Sie zu zweien auf einer Bergtour einen stundenlangen Transport bis zu einer Hütte nie zu Stande bringen. Kann der Patient noch, ohne Schaden zu seiner Krankheit oder seiner Wunde zuzufügen, gehen, so fassen Sie ihn unter dem Arm oder schlagen Sie Ihren Arm um seinen Rücken; tragen Sie ihn auf Ihrer Schulter oder Ihrem Rücken oder nehmen Sie ihn auf beide Arme, so daß der Betreffende Ihren Hals umfassen kann. Das sind aber Transportweisen, mit denen Sie wohl einen Kranken eine Weile vorwärts bringen können; allein stundenlang auf holprigem, glattem Wege, so zu marschiren, wird Ihnen ganz unmöglich sein. Jedenfalls werden Sie aber auf diese Weise doch im Stande sein, Ihren Kranken an einem geschützten Ort, in gehöriger Lage und mit dem Noth-wendigsten versorgt zurück zu lassen, so daß Sie sich ohne Schaden für denselben entfernen können, um andere Hülfe zu suchen. Haben Sie aber noch eine mitleidige Seele gefunden, und. sind vier Hände zum Helfen, so ist der Transport eines Kranken schon bedeutend leichter. Ihr Gepäck werden Sie unter allen Umständen stets zurücklassen, um beide Hände frei zu haben und überdies Ihre Kraft und Aufmerksamkeit allein dem Transporte zuzuwenden. Zu zweien können Sie einen Verunglückten liegend und sitzend transportiren. Sitzend, indem Sie sich die beiden Hände reichen und den Kranken darauf setzen, so daß derselbe an zwei Händen den Sitz und an zwei Händen die Lehne hat. Bei diesem sogenannten „ Engeln " ist es oft bequemer, wenn Sie sich die Hände, die den Sitz bilden, nicht direct reichen, sondern irgend etwas noch dazwischen nehmen, eine Schnur, ein Seil, einen Stock oder dergleichen. Sie erreichen dadurch, daß Sie nicht mehr seitwärts stehen, sondern gerade stehen und gerade vorwärts gehen können. Liegend transportiren Sie Ihren Kranken indem der eine von Ihnen denselben von hinten in beiden Achseln hält, und der andere seitwärts die beiden Kniee umfaßt. Viel leichter geht ein solcher Transport natürlich, wenn drei Personen zur Hülfe da sind; dann werden zwei den Patienten halten wie beim Engeln und der Dritte die Kniee desselben umfassen. Bisher gebrauchten wir zum Transport gar nichts als Arme und Hände, vielleicht auch einen kleineren Strick oder ein Nastuch. Wir wollen nun noch den Transport auf Tragbahren kurz betrachten. Auf Tragbahren sind zu transportiren alle Schwerverwundeten ., also alle Kranken mit schweren Kopfwunden, Schlagaderverletzungen, Verletzungen der Brust- oder Bauchhöhle, überhaupt alle durch Blutverlust Geschwächten und Bewußtlosen. Natürlich ist diese Methode dem Transport von Hand bedeutend vorzuziehen. Sind Sie allein so ist Ihnen alle solche Hülfe abgeschnitten. Zu zweien können Sie schon eine Bahre formiren, den Kranken drauf legen und namentlich bergab den Kranken auf der Bahre langsam fortschleifen. Sind Sie in größerer Gesellschaft, so geht Alles leichter. Haben Sie den Verunglückten also auf der Tragbahre gelagert, so werden Sie suchen, vorn und hinten zugleich aufzuheben. Die Art und Weise des Tragens hängt stets vom speciellen Falle ab. Einen Verwundeten oder Bewußtlosen werden Sie wohl stets am besten so tragen, daß derselbe mit dem Kopf nach vorn liegt. Auf diese Weise kann der hintere Träger den Kranken beobachten, der Kranke kann sich unter Umständen an den Rücken des Trägers vorn anlehnen. Auch wird es nach allen Blutverlusten praktisch sein, einen Kranken so zu transportiren, um zugleich einer Ohnmacht vorzubeugen. Die Träger, die sich nach ihrer Größe, d.h. bergauf der Kleinere, bergab der Größere voran, zu stellen haben, sollten nicht in gleichem Schritt gehen, sondern unregelmäßig. Halten sie gleichen Schritt, so kommt die Tragbahre jedenfalls in gewisse Schwankungen und könnte auf diese Weise noch brechen. Bei Verwundungen des Kopfes, der Brust oder der Arme wird der Kopf des Kranken voran getragen, wenn 's bergauf geht; bergab wird hingegen so marschirt, daß der Kopf des Kranken hinten ist. Umgekehrt ist es bei Knochenbrüchen der unteren Gliedmassen. Bergauf kommen die Füße voran, bergab die Füße hinten. Ihnen weitere Lehren über das Tragen eines Kranken zu geben, ist unmöglich; das hängt ganz und gar vom Terrain ab, von der Art der Verletzung, von der Zahl der hilfreichen Mannschaft, sowie von der Größe der einzelnen Träger. Die Tragbahre selbst verfertigen Sie, indem Sie zwei Alpstecken neben einander legen in einer Entfernung, daß Sie dazwischen bequem Platz haben. Dann flechten Sie leiterartig ein Seil zwischen beiäe Stecken, doch so, daß Sie es bei jeder Wendung um den Stock knüpfen. Haben Sie kein Seil bei sich, stehen Ihnen aber zwei sogenannte „ Büffel " zu Gebote, so knüpfen Sie die „ Büffel " zu, stülpen die Aermel nach einwärts und stecken durch die Aermel die Alpstecken. Haben Sie zwei Tornister oder auch nur zwei große Taschen, so geben auch diese Ihnen eine praktische Unterlage zwischen beide Alpstecken. Ueberhaupt müssen Sie Ihre Kleidung in jeder Beziehung vortheilhaft verwerthen. Haben Sie eine Clubhütte erreicht, dann sind Sie schon geborgen. Sie haben ein Obdach, Sie haben Heu, aus welchem Sie sich zur Noth ein Seil flechten, Sie haben Dachschindeln, die Sie als Schienen verwenden können; Sie haben einen Tisch, dessen Platte Ihnen eine ausgezeichnete Tragbahre abgiebt. Sie können Kissen machen für den Kopf, Sie haben Decken zum Zudecken, zum Verband, zum Transport auf dem Rücken oder, als Hängematten fomirt, auf dem Alpstecken. Von da aus wird es Ihnen schon leichter gelingen, menschliche Hülfe zu recquiriren; Sie können den Transport mit Ruhe und Sicherheit vornehmen; können auch mit Zeit und Weile Verbandmittel bekommen; kurz und gut, Sie sind geborgen. Von Instrumenten werden Ihnen Alpstecken und Stöcke wohl stets zu Diensten stehen. Nehmen Sie stets solide Stecken, die so groß sind, daß Sie dieselben im Nothfall als Tragbahre formiren können. Ein Seil sollten Sie stets bei sich haben; wenn möglich auch genügend Schnüre zum Binden; ein paar Nastücher, ein Messer, womöglich mit Schere, Sage und einer pincettenartigen Vorrichtung versehen. Wollen sie noch mehr mit nehmen, so nehmen Sie einige Nadeln und Faden mit. Dann sind Sie auf manchen Unfall vorbereitet.

Doch die Zeit drängt und Sie sehnen sich nach Hause: Sie sind von allem Lernen mehr ermüdet, als wenn Sie eine große Bergtour gemacht hätten. Erinnern Sie sich an das, was Sie gehört und gesehen haben und seien Sie überzeugt, es kann Ihnen manchmal gut zu statten kommen.

IV. Kleinere Mittheilungen.

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