Die Guglia Edmondo de Amicis.

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Als im Juli 1906 G. B. Piaz und der Deutsche Bernhard Trier meinem Vater telegraphierten, dass sie eine Spitze im italienischen Cadore zum erstenmal bestiegen und nach ihm benannt hätten, sagte ich sofort, dass dieser Gipfel sicher nadelspitz und dolomitenhaft im grausigsten Sinne des Wortes sein müsse. In der Tat hatte ich schon von Piaz als einem der ersten Führer des Cadore und des Trentino sprechen hören oder richtiger als von einem der kühnsten und siegreichsten Kletterer, welche ihre Fingernägel brechen und ihre Muskeln zu Eisen werden lassen auf diesen dämonischen und erhabenen Bergen; und wenn er, den ich auch als einen warmen Verehrer meines Vaters kannte, ihm diese Sache als eine sehr schöne widmete und meldete, so musste sie eine wahrhaft schöne sein. Ich sage « Sache » und nicht Aufstieg oder Besteigung, weil diese beiden Ausdrücke auf meinen Fall schlecht passen würden.

Ein paar Wochen später kamen die Photographien. Ich hatte Recht gehabt. Einige Fremde in Giomein, welche sie sahen, fragten mich, ob es in den Dolomiten keine Irrenhäuser gebe, oder ob die Verrückten freien Ausgang hätten, damit sich einer von ihnen ungestraft an einem zwischen zwei Bergen gespannten Strick schaukeln könne.

Nein: wenn auch diese Traversierung am Seil einen neuen Fall im Alpinismus bedeutete, so hatte der brave Piaz den Kopf doch immer am rechten Ort, und auch ich habe es, der ich ihm darauf schrieb, ob er im Juni des nächsten Jahres das gleiche Unternehmen mit mir versuchen wolle.

Er nahm recht gern an, aber er stellte eine besonders feine Bedingung, welche mir, der ich ihn noch nicht kannte, die ganze Vornehmheit seines Wesens offenbarte.

Wir trafen uns eines Abends am Bahnhof in Trento, und nach einigen Stunden hatte unsere gemeinsame und rasende Liebe zum Klettern uns in einer herzlichen Freundschaft eng verbunden. Es war kaum Mitte Juni, und weil keiner von uns in diesem Jahre seine Arme in der alpinen Akrobatik gestärkt hatte ( ich hatte es auf dem Turnplatz getan, aber die Turngeräte sind etwas weniger abgründig als die Dolomiten ) und da die Guglia de Amicis die Krone bedeutete, wurde beschlossen, den Campanile di Val Montanaia zu besteigen, welcher in den Carnischen Voralpen in der Nähe von Pieve di Cadore steht. Wenn man diesen Turm traversiert, bietet er dem Besteiger eine grandiose seiltänzerische Übung. Der Abstieg über die Nordwand war nur einmal ausgeführt worden, und zwar mit demselben Führer Piaz, weil bis jetzt niemand anders sich als letzter über die längste Abseilstelle der Alpen heruntergewagt hatte. Man lässt sich über einen Überhang von vierzig Meter herunter ins Leere, einige Meter von der Wand weg, wobei man sich sehr rasch um sich selber dreht, während die umliegenden Berge um einen herumkreisen. Die Finger müssen so sicher sein wie der Kopf.

Nach dem Campanile di Val Montanaia versuchten wir eine Traversierung am Seil, wie diejenige, die wir nachher in Misurina machten, zwischen zwei Spitzen in der Valle di Toro, ebenfalls in der Nähe von Pieve di Cadore; aber nachdem wir sechs Stunden lang vergeblich versucht hatten, das Seil zu werfen, mussten wir von dem Unternehmen abstehen.

Um in das Val di Toro zu gelangen, mussten wir Misurina passieren, und ich hatte schon die Guglia über dem See steil aufragen sehen mit einem Anblick halb Einladung, halb Herausforderung. Seit dem Moment meiner Ankunft wehte auf der feinen Spitze der weisse Lappen mit roten Arabesken, welchen Piaz am Tage der Eroberung dort oben angebunden hatte, und das erfreute mich wie ein Gruss und ein guter Wunsch. Der Wind scheint ein freundlicher Fürsprecher bei meiner Rivalin zu sein; er hat sein ermunterndes Werk jenen Abend und den nächsten Morgen bis zu unserm Aufbruch fortgesetzt. Aber wenn wir dann der Guglia ein fragendes Auf-Wiedersehen zuwinkten, so grüssten wir sie bei unserer Rückkehr übermütig, fest in unserm Entschlüsse, ihre zweite Eroberung zu machen, auch wenn der Lappen nicht mehr wehen sollte.

Ein Teil des Nachmittags wurde dazu verwendet, die Waffen für die Schlacht vorzubereiten. Wir hatten Bleikugeln im Umfange einer grossen Pflaume durchbohrt; durch die Löcher band man das Ende einer mehr als 100 Meter langen Schnur, und dann wickelte man diese um das Blei, in der Form nicht unähnlich einer Rotunde. Man band das andere Ende fest, damit sich nicht alles auflöse, und man packte das Ganze ein wie eine wertvolle Bombe, welche den ganzen Staat verwüsten sollte. Wenn unversehens hinter den Fensterscheiben zwei Polizistenhüte erschienen wären, so wäre das Bild vollständig gewesen.

Am folgenden Morgen erreichten wir, also bewaffnet und mit einem gewaltigen Vorrat an Seilen jeder Struktur, jeden Alters und jeder Biegsamkeit versehen, in wenig mehr als einer Stunde den Fuss des Campanile Misurina, welcher gegenüber der Guglia steht, auf der Seite des Piz Popena ( Gruppe, zu welcher die Guglia gehört ). Man steigt auf der Nordwestseite leicht an. Die beiden Gipfel sind fast gleich hoch und haben einen Abstand von 19 m voneinander. Die Guglia ist 80 m hoch und an den vier Wänden nahezu völlig glatt und senkrecht; die Ostseite, deren Profil man auf der Photographie rechts sieht und an welcher wir abstiegen, ist an zwei Stellen überhängend.

Indem wir am Fuss der Guglia einen Älpler zurückliessen, den wir in Misurina als Träger genommen hatten und aus welchem weder Genie noch Schönheit leuchtete, stiegen wir zum Campanile auf, und rittlings auf dieser sehr schmalen und mit Gesträuch bedeckten Spitze bereiteten wir mit Umsicht unsere Werkzeuge und uns selber vor.

Die Stunde der Schlacht hatte geschlagen. Piaz hatte sich gerade gegenüber der Guglia aufgestellt, und nachdem er einige Male den Arm geschwungen hatte, um sich auf den Wurf einzurichten, schleuderte er, das Ende der Schnur in der Hand haltend, die erste Kugel. Diese übersprang, während die Schnur sich rasch abwickelte, die Guglia und fiel auf der andern Seite herunter, wo unser Träger sie aufnahm.

Der erste Angriff war gelungen: eine Schnur verband die beiden Spitzen und berührte den Fuss der Guglia. Aber um die Schnur durch das gewöhnliche Bergsteigerseil zu ersetzen, dem wir unser Gewicht anvertrauen wollten, musste sie über den Gipfel laufen können; sehr leicht indessen kann sie in irgendeinem Riss stecken bleiben und, gezogen, zerreissen. An diesem Tag liess das Rad des Schicksals sofort unsere Schnur laufen, und an dem Ende, welches wir auf dem Campanile hielten, banden wir das stärkere Seil an, welches, unten vom Träger gezogen, seinerseits über den Gipfel der Guglia lief und, die ganze Ostseite herunterhängend, deren Fuss berührte. Dort wurde es um einen Block gebunden.

Nun war die Reihe an uns.

Dieses Seil, zwischen den beiden Spitzen gestreckt, wie schien es schwach und dünn! Wir brachten nicht einmal die Ringe an, mit welchen Piaz die erste Traversierung besser gesichert hatte. Wer weiss, ob der Träger, den wir kaum hörten, das Seil gut befestigt hatte? Piaz hätte zuerst hinübergehen sollen; aber ich wog mehr als er, und vor diesem luftigen Weg wurden die zwei oder drei Kilo mehr in meiner Einbildung zum Zentner...

Und jetzt, was soll passieren? Auch das Publikum hat seine Rechte und will keine allzu langen Zwischenakte. Jene Gruppe von Deutschen, welche dort vor dem Grand Hôtel unsere Manipulationen lebhaft kommentiert und uns mit Feldstechern überwacht, fängt sicher an, ungeduldig zu werden. Ohi vielleicht, dass die beiden Narren, die dort hinaufgeklettert sind, die Kugel werfen und dieses ganze Seil spannen, nur, um überhaupt nichts zu machen oder um daran Wäsche aufzuhängen?

Aha! da bewegt sich einer. Er hat sich 's lange überlegt; aber endlich hat er sich entschlossen.

Piaz ergreift das Seil und steigt soweit vom Gipfel herunter, bis er es über den Schultern hat; dann schwingt er die Beine darüber, und so geht er, mit dem Kopf nach unten und den Beinen gegen mich gewendet, rasch auf dem Luftweg davon. Das ist die Gymnastik der Affen und der Uberalpinisten, welche, wenn sie viel « über»steigen wollen, zu jenen heruntersteigen müssen.

Der erste Teil des Seiles geht zufolge des Nachgebens, zu dem es unser Gewicht zwingt, nach unten, und der zweite fast gerade nach oben. Piaz macht auch dieses rasch, und dann, aufrecht und triumphierend auf dem gewaltigen hohen Piédestal, scheint er den klaren Himmel herausfordern zu wollen.

Ich warte auf den Ruf zum Nachfolgen. Während dieses Wartens, beruhigt durch das Bewusstsein meines turnerischen Könnens, steht ein deutliches Bild vor mir, eines, welches mir ein Spassvogel eingeflösst hatte, bevor ich von Turin abreiste: Was, wenn ich in der Mitte dieses Seils nicht mehr vorwärts und nicht rückwärts käme und da bliebe für immer, wie eine Fliege, welche sich im Spinnetz verfängt und dort vertrocknet?

Nein: dieses Ende der Fliege am Faden ist zu komisch. Piaz hat mir gerufen « komm ». Ich steige ein wenig ab, erfasse das Seil, werfe den Kopf nach unten und die Beine in die Höhe und mache mich auf den Weg, und plötzlich verschwindet auch jene physische Unruhe, welche jeder starken Sensation vorangeht. Indessen denke ich, dass das Seil wirklich zu elastisch ist, sehr dünn, und dass es unter mir tief ins Leere geht. Und dort unten — das hat noch gefehlt — sehe ich nicht die Berge und die Ebene von Misurina schaukeln? Steht ruhig, bei Gott!

« Wohin meine Blicke schweifen, seh'alles ich in Bewegung. » Oh, Neuerer des Alpinismus, an welchen verbotenen Orten und auf welche Weise wagen wir, unser anarchisches Banner aufzupflanzen!

Jetzt bin auch ich auf der Spitze, bei meinem lieben Kameraden, und beschaue mir die Aufregung unseres kleinen Publikums dort unten. Nun scheinen mir die Berge und die Ebene fest und unbeweglich, Gott sei Dank! Aber wird auch diese schwindlige Guglia fest sein, von welcher ich die Wände nicht sehen und wo man sich nicht hinlegen kann?

Ich konnte allerdings nicht einen eleganten Ruheplatz beanspruchen mit meinem schönen Anzug. Nackte Füsse ( die Kletterschuhe waren in Stücke gegangen ), zerrissene Hosen sowie eine Jacke, welche zwei Dolomitenkam-pagnen überlebt hat und eines Bettlers würdig ist. Eine schöne Kleidung, um wieder in das väterliche Haus zu treten.

An den Pflock binde ich den einzigen Fetzen, den ich in meiner Tasche finde, zusammen mit dem, der schon dort flattert, und indem ich dieses letzte Stück grossmütig aufgebe, wünsche ich mir, dass bald ein Sturm komme, um dieses nicht reine Andenken an meine Eroberung und meine Familie zu reinigen. Aber Piaz eröffnet mir eine kühne Idee, die ihn schon seit einigen Tagen beschäftigt. Wenn wir, statt am horizontalen Seil zurückzukehren, andere Seile über die Ostwand herunterliessen und so die achtzig Meter von unserem Standort senkrecht herunterstiegen? Wäre dieses Unternehmen nicht ein Gegenstand von « grenzenlosem Neid und tiefem Mitleid »?

« Ist es also ausgemacht? Lassen wir uns da herunter? » fragt er.

Ich gehe so weit hinaus, als ich kann, sehe aber von der Wand kaum einen Meter.

« Gehen wir — aber weisst du, ich sehe nicht, was kommt. » Dann geht Piaz am horizontalen Seil zurück, um auf dem Campanile Misurina die Seile und die für den Abstieg nötigen Eisen zu holen. In der Mitte des Seils schaukelt er sich im Leeren wie in einer Hängematte, wobei er ein Bein und einen Arm loslässt, und schaut ruhig nach allen Seiten.

« Es ist wirklich ein Vergnügen, weisst du. » « Oh, es ist eine schöne, soziale Stellung! » bemerke ich. « Aber beweg Dich nicht zu stark, ich fürchte für Dich und... für das Seil. » Und ich habe Recht, bei Gott! Denn das Seil gibt nach... Wir schreien beide dem Träger zu, es fester zu halten und es dann etwas besser anzubinden. Sacr...

Wer sich zweifellos gut unterhält, ist dieser Älpler, den wir zum Träger gemacht hatten und der uns da unten lachend zuschaut, als ob wir wie Kinder Spässe machten, um ihn für die Verspätung des Frühstücks zu entschädigen. Er hat nichts mehr zu tun und ist bezahlt, um dem Schauspiel beizuwohnen. Es könnte ihm wirklich nicht besser gehen.

Piaz schickt mir im Rucksack mittels des Seils die umfangreichen und wichtigen Werkzeuge und den wenigen Proviant, dann kommt auch er, die Affen nachäffend, zurück und zieht das Seil ein, welches die beiden Spitzen verband, weil es uns notwendig werden kann bei dem problematischen Abstieg. Nun sind wir vollständig isoliert von der übrigen Welt und haben uns den Rückweg abgeschnitten. Wenn jetzt der Abstieg unmöglich wäre? Ich sehe mich schon da oben mit Piaz für unser ganzes Leben die Säulenheiligen des Alpinismus vorstellen.

Piaz, den ich fest am Seil halte, steigt etwa zehn Meter hinunter, um zu rekognoszieren. Er kommt wieder zu¾ick und schlägt auf der Spitze den ersten Seilring ein, zieht das doppelte Seil durch, steckt Hammer und Eisen in die Tasche und steigt damit von neuem hinunter.

An dem Anziehen des Seiles, das uns verbindet, fühle ich, dass dort unten keine bequemen Stufen sind. Ich merke, dass er anhält, höre, wie er mit sich spricht und dann lange meisselt, und da ich weiss, dass jenem Eisen das Seil anvertraut wird, welches unsere heiligen Personen halten soll ( wie heilig ist doch der Mensch an solchen Orten ), hoffe ich, dass er viel und gründlich meisselt. Er ist fertig und kommt zurück. Ein Stück weit muss ich ihn mit aller Kraft ziehen, denn sicher ist er an einem Überhang. Er kommt sehr ermüdet an und muss sich lange ausruhen.

In einer halben Stunde des Wartens ordnen wir alle unsere Sachen und nehmen etwas zu uns. Auch unser Träger hat das Recht, in dieser Pause der Vorstellung etwas zu essen, und wir werfen ihm, nachdem wir ihm zugerufen haben, wegzutreten, zwei Brote und eine Schachtel Sardinen hinunter.

Dann setzen wir unsere Mahlzeit fort, schweigsam, und kennen nicht das Schicksal des Trägers, der Brote, der Sardinen... und das unsere.

Aber man muss sich doch entscheiden, das Unbekannte zu versuchen. Ich fange an, mich am doppelten Seil hinunterzulassen, und während meine Nase verschwindet, werfe ich einen letzten Blick auf meinen Fetzen, den ich auf dem Altar der Familie geopfert habe.

Der erste Teil von über zwanzig Meter endigt mit einem Überhang. Ich befinde mich plötzlich im Leeren und muss mir, mit einer Hand an der Wand, einen Stoss von rechts nach links geben, um den Absatz zu erreichen, welcher aus dem Profil der Guglia direkt herausspringt.

Nenn'es Absatz, diese vier Spannen abschüssiger und brüchiger Felsen! Wird es besser sein zu sitzen, zu stehen oder zu knien? Ich habe das Problem noch nicht gelöst, als Piaz, dessen Seil ich inzwischen aufgewickelt habe, schon an meiner Seite steht. Wir versuchen, das doppelte Seil einzuziehen, in der Hoffnung, dass es durch den auf der Spitze angebrachten Ring laufe; aber jede Anstrengung ist umsonst. Piaz, ärgerlich, mit einem Fuss auf der engsten Stelle der Stufe stehend, den Körper hinausgelehnt, zieht mit solcher Kraft, dass ich denke: Wenn das Seil kommt, geht er... Glücklicherweise kommt das Seil nicht, und unglücklicherweise glauben wir, nicht mehr genug für den Abstieg zu haben.

Und doch muss man absteigen, weil man aufsteigen nicht mehr kann, und hier bleiben, auf unbestimmte Zeit, um die Heiligen in der Nische zu machen, nein wirklich, das will man nicht. Einen Preis dem, der das Problem löst! Doch wir sind gerettet! Es muss im Sack noch ein drittes, ein Reserveseil sein. Wir finden es, verbinden es mit dem zweiten, und nun hinunter über ein weiteres und längeres Stück. Wobei man sehr aufpassen muss, die Wand in der Mitte zu schneiden und nicht um die Kante herumzukommen, weil man sonst den einzigen Vorsprung nicht finden würde, auf welchem man anhalten kann, um das Seil nochmals zu verdoppeln. Wieder aufsteigen wäre ein sehr unsicheres Unternehmen.

Meine blutigen Füsse beflecken den begangenen Weg, während ich mit der grössten Anspannung der Muskeln und des Geistes den kommenden prüfe. Piaz ruft mir von oben statt « nach rechts » oder « nach links » zu: « Nach der Seite von Schluderbach! Nach der Seite von Tre Croci. » Zwei Dörfer, welche ich nicht sehen kann, einige Kilometer von Misurina weg und als Orientierung wirklich nichtssagend für mich, der ich die Gegend nicht kenne. « Ich habe verstanden, gut » rufe ich zurück. Es wird aber wahrscheinlich schlecht gehen, weil ich ganz und gar nichts verstanden habe. Ich hätte eigentlich die Aufgabe, den Weg von den losen Steinen zu säubern, aber ich spüre sie nicht, und dann scheint mir, dass das beweglichere Wesen, das ich bin, vor allem herunter muss. Und — hilf dir selbst, wenn niemand dir hilft — ich fahre fort, mich ins Unbekannte hinunterzulassen.

Ich schwöre, wenn plötzlich ein Wilder nach Misurina gebracht worden wäre und er uns in diesem Moment sehen und hören würde, so würde er sich vorstellen, was man sich vorstellen könnte, dass wir irgendeiner neuen und schrecklichen Tortur unterworfen sind oder dass wir verzweifelt dem Tode entfliehen, aber ich schwöre, dass im Dunkel seines Hirns nicht eine Sekunde lang die Vorstellung eines Genusses aufblitzen würde. Armer Wilder!

Doch was ist jetzt los? Das Seil, welches mich mitPiaz verbindet, spannt, und ich bleibe auf halbem Weg hängen. Aha, ein Knoten ist in eine Ritze geraten. Ich muss wieder etwas aufsteigen, damit mein Kamerad den Knoten und mich befreit. Und dann endigt auch diese zweite Partie von ungefähr dreissig Meter, und nach einer kurzen Traverse befinde ich mich auf einem winzigen Vorsprung, ich klammere mich an die Wand und warte geduldig. Ich sage geduldig, weil einem, der sich nicht rühren kann und der die Nase an einem Dolomitfelsen hat, keine angenehmen Zerstreuungen gegeben sind.

Piaz kommt an und protestiert, dass ich die losen Steine nicht weggeräumt habe. Wenn wir das Reserveseil herunterziehen, so bringen wir sie in Bewegung, und dann fallen sie unfehlbar auf uns, da wir nicht ausweichen können. Wenn man Piaz hört, so scheinen sie jede Minute an Gewicht zuzunehmen.

Unsere Lage ist nicht schön, aber wir müssen herauskommen. Wir geben dem Seil einen starken Ruck... und statt dass wir, die Steine und das Seil hinunterfielen, kam nur das letztere.

Aber der Fels sträubt sich, soweit wir mit der Hand reichen können, gegen das Einschlagen des dritten Eisens. Auf meinen Vorschlag, das Seil über einen Vorsprung zu legen, der mir solid erscheint, antwortet Piaz lakonisch: « Ich will noch ein paar Tage leben. » Also was tun?

Unser Träger findet, dass diese Äffereien sich zu lange ausdehnen, und er lässt seinen Blick über den Himmel schweifen. Plötzlich ruft er uns zu: « Seht, was da für ein grosser Vogel fliegt! » Entrüstet rufen wir ihm, ohne uns umzuwenden, zu: « Hol dich der Teufel! » « Wenn ich unten bin, werde ich ihm den Hals umdrehen. » Doch er, wie wenn er uns durchaus zu ernsten Dingen zurückführen wollte, besteht darauf, uns den Vogel zu zeigen: « Aber ich habe noch nie einen so grossen Vogel gesehen. » « Oh, dieser Ochs », brummt Piaz. Wie gerne möchte er ihn zwischen seinen Fingern haben.

Endlich, Schlag auf Schlag, dringt das Eisen ein, und das Seil ist an seinem Platz. Ich lasse mich über das letzte Wandstück herunter, das in seiner zweiten Hälfte überhängt, so dass ich das Seil um die Beine schliessen und die Anstrengung vermindern kann. So beendige ich die Traversierung der Guglia im Leeren — wie ich sie begonnen habe.

Nun bin ich angekommen. Aber mit was für Füssen, mit was für Beinen und Händen! Der Wilde hätte weniger als je etwas davon verstanden. Ich betrachte meine vier Extremitäten und bemitleide mich selbst, da niemand anders da ist, der... Nein, da ist der Träger, der mir entgegenläuft, indem er seinen widerstrebenden Körper zur Schnelligkeit zwingt. Er kommt sicher, um zu gratulieren und das vergossene Blut anzustaunen... Da ist er... Nein, er bittet nur um einen Zigarrenstummel.

Ich setze mich und schaue dem dritten Abseilen Piaz'zu, welches ich in angenehmerer Art interessant finde als die beiden andern. Dann üben wir noch- mais unsere Muskeln im Herunterziehen des Reserveseils, und diesem widmen wir unsere letzten Verwünschungen.

Zur Traversierung dieser Spitze von achtzig Meter haben wir sechs Stunden gebraucht.

Wie wir auf dem Rückweg sind, kehren wir uns noch einmal um, den kühnen Obelisk zu bewundern, und wenn wir nicht dort oben das Seil hängen sähen, das wir zurücklassen mussten, so würden wir selbst daran zweifeln, ob wir den Abstieg gemacht haben.

Das Wetter, in väterlicher Güte, will uns eine leichte Strafe für unsere Tollheit geben, und unter einem heftigen Gewitter flüchten wir ins Hotel.

U. de Amicis.

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