Die Nordwand des Gross Doldenhorns. Erste Durchsteigung

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Erste Durchsteigung.

Von Samuel Plietz.

Glücklich derjenige, der im Laufe der Jahre trotz zunehmender Erfahrung und wachsendem Können den Enthusiasmus der Jugend nicht ganz verliert, jener Jugend, die nicht immer nach tausend Vernunftgründen fragt und sich dadurch die reine Freude am Erlebnis vergällt, sondern mit Hingabe und Begeisterung ans Werk zu gehen versteht. Der Umstand, dass ihre Taten jedes materiellen Hintergrundes entbehren, also von geradezu herrlicher Zwecklosigkeit sind, vermag vielleicht dem abgeklärten Alter ein Lächeln zu entlocken, die Jugend aber lässt sich dadurch — und darin hat sie vollkommen Recht — ihre Freude nicht im geringsten schmälern!

Ein Schuss von diesem jugendlichen Optimismus hat wohl auch Max Bachmann und mich beseelt, als wir diesen Sommer nach langem wieder einmal nach Kandersteg fuhren, um der noch nie erstiegenen, zweifellos schweren Nordwand des Gross Doldenhorns zu Leibe zu rücken. Es soll damit nicht gesagt sein, dass wir unvorbereitet an diese jähe Eisflanke gegangen wären; wir hatten im Gegenteil wacker geübt und uns als Zweierseil sorgfältig aufeinander eingearbeitet. Schon der Januar sah uns mit Pickel und Steigeisen im Hochgebirge, im März kamen Schreckhorn und Finsteraarhorn über Agassizjoch an die Reihe, und ganz zum Schluss waren wir noch von Macugnaga durch die gewaltige Monte Rosa-Ostwand hinaufgestiegen zur Dufourspitze. So standen wir denn am Abend des 7. Juli vor unserem Biwakplatz am Doldenhorngletscher, sahen hinauf in die unheimliche Nordwand und versicherten in rührender Einmütigkeit ( wir sind sonst immer gegenteiliger Meinung ), dass dieser Aufstieg gehen müsse.

Von der Doldenhornhütte her hatten wir die sehr mühsamen Geröllhänge unterhalb des Spitzsteins gequert, waren dann in den Kessel des Doldenhorngletschers eingebogen und hatten hierauf unter einem überhängenden Block auf ca. 2700 m Höhe unser Nachtlager hergerichtet. Ein halbwegs ebenes Plätzchen, eine kleine Steinmauer, ein Polster aus Zeitungen und darüber unser Mosettig-Schlafsack: das genügte vollkommen. Schon um 2030 Uhr legten wir uns zur Ruhe.

Sie sind immer wieder voll unbeschreiblicher Stimmungen, diese Biwaknächte unter einem unendlichen Sternenhimmel, diese langen Stunden, wo die Zeit stillzustehen scheint und wo man allein ist mit seinen Gedanken an das Kommende.

Am 8. Juli um 216 Uhr Tagwache. Tadelloses Wetter! Wir zündeten unsere Kerzenlaterne an und trafen rasch die letzten Vorbereitungen. Um 330 Uhr zogen wir beim ersten Morgengrauen den Geröllhang hinunter auf den Gletscher. Hier legten wir Seil und Steigeisen an und strebten dann dem zerrissenen Eisbruche zu, der sich, wie wir schon am Vortage festgestellt hatten, an seinem rechten Rande ohne grössere Schwierigkeiten überwinden liess. Um 4 Uhr standen wir am Fusse der Nordwand, ca. 2950 m. Links zeigte sich bereits starke Vereisung, wogegen im rechten Teil noch guter Firn lag und sich offenbar bis weit in die Flanke hinauf erstreckte. Die Gipfelkehle aber war wieder vollkommen blank, so dass dort schwerste Arbeit erwartet werden musste. Der Zeitpunkt für einen Ersteigungsversuch war also schon etwas spät gewählt. Punkt 445 Uhr kletterten wir über den Bergschrund und begannen unsern schweren Gang.

Was die Doldenhornnordwand besonders charakterisiert, ist neben ihrer aussergewöhnlichen Steilheit das Fehlen jeder Gliederung und Stufung. Auf volle 700 Meter Höhendifferenz gibt es keinen Ruhepunkt! Die Aufstiegslinie ist gegeben: links die mächtigen, überhängenden Eiswülste des Gallet-grates, rechts die Eisabbrüche des Nordwesthanges. Da der Fallbereich dieser beiden drohenden Gebilde nach Möglichkeit gemieden werden muss, bleibt nur noch eine Lösung: schnurgerade hinauf! Der ganze Aufstieg steht unter dem Eindruck ungewöhnlicher Ausgesetztheit, der durch den schroffen Übergang beim Bergschrund und durch die senkrechten Felsabbrüche des Mittelstückes noch verstärkt wird. Aber erst wenn man neun Zehntel der Wandhöhe hinter sich hat, wenn unter den Füssen die Tiefe lauert und die Kräfte doch so langsam etwas nachzulassen beginnen, erst dann tritt die Tur in die entscheidende Phase. Man gelangt dann an den Beginn der Gipfelkehle, wo sich die Neigung nochmals verstärkt und ein Schlussstück von extremer Steilheit und phantastischen Eindrücken schafft.

Nach Überschreitung des Bergschrundes stiegen wir in scharfem Tempo, nur auf unsere vorzüglichen Zehnzacker vertrauend, gerade empor. Stufenarbeit kam schon mit Rücksicht auf den Zeitaufwand nicht in Frage. Auch gegenseitiges Sichern war nicht möglich, so dass nichts übrig blieb, als mit äusserster Aufmerksamkeit zu gehen und im übrigen auf die unbedingte Sicherheit des Gefährten zu vertrauen. Wir kamen dann auch sehr rasch vorwärts, und erreichten schon gegen 7 Uhr eine Höhe von ca. 3400 m, hatten also zwei Drittel der Wand hinter uns. Hier sollten wir eine bitterböse Überraschung erleben, indem wir auf glashartes Eis stiessen, das von einer nur wenige Millimeter dicken Firnschicht überdeckt war. Ein schwerer Schlag! Sofort begann mühsame Stufenarbeit, die das Vordringen ausserordentlich verzögerte. Wir versuchten eine Sicherung mit Eishaken und Karabiner, mussten aber die Beobachtung machen, dass die Haken in dem äusserst kompakten Eis nicht hielten, sondern nur grosse, glasige Schollen lossprengten. Entgegen unserer ursprünglichen Absicht, die Gipfelkehle zu ersteigen, fassten wir nun in Anbetracht der sehr schlechten Eisverhältnisse den Plan, wenn möglich die schräg hinaufziehende Felsbarrikade zu überwinden und direkt den Gipfel zu erreichen. Bei den Felsen angelangt, erstiegen wir äusserst schwierig ein etwa drei Meter hohes Eiswändchen und gewannen ein abschüssiges Eisband, von dem aus wir einen Durchstieg nach oben zu finden hofften. Darin sahen wir uns jedoch getäuscht, denn die Felsen erwiesen sich nicht nur als nahezu senkrecht, sondern stark nach unten geschichtet und locker, so dass an eine Erkletterung gar nicht zu denken war.

Wir verfolgten das sehr ausgesetzte Eisband stufenhackend weiter und gelangten an eine schwach ausgeprägte Ecke, wo der Eisbelag zu Ende war. Hier begann eine abschüssige, kaum 20 cm breite Felsleiste, die in die Eiskehle der Nordwand hineinleitete. Dieser 15 m lange Quergang mit den Steigeisen an den Füssen, für die Hände fast ohne Griff, forderte von uns das Äusserste! Schliesslich standen wir beide wieder im Eis und begannen nun unter härtester Stufenarbeit den ganz ungewöhnlich steilen Blankeishang hinaufzusteigen. Furchtbar der Tiefblick in den Gletscherkessel hinunter!

Eine letzte Stufenreihe führte uns zum Schluss schräg links hinüber auf den Grat. Damit lag das Eis endlich hinter uns. Wir konnten es zuerst kaum fassen, dass die mörderische Hackerei zu Ende war, dass wir auf Schnee standen und nun gemütlich Schritt für Schritt die letzte Seillänge zurücklegen konnten.

Um 1130 Uhr, nach achtstündigem Aufstieg, betraten wir den Gipfel, 3647 m. Unvergessliches Erleben lag hinter uns, Eindrücke von so unerhörter Wucht, wie sie nur schwerste Fahrten zu vermitteln vermögen. Weit schweifte der Blick in die Runde.Vor uns lag die ganze Pracht eines lachenden Sommertages: im Norden weit unten die grünen Matten, im Süden das Bietschhorn, die Walliser, ein unendliches Gipfelmeer!

Wie sagt doch Guido Rey: «... weil ich den Glauben hatte und noch habe, dass das Bergsteigen nützlich ist wie eine Arbeit, edel wie eine Kunst, schön wie ein Glaube! »

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