Die Schieferbergwerke der Niesenkette

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Mit 5 Bildern ( 50—54Von Bernh. S. Tschachtli

( Bern und Luzern ) Schon vor einer Stunde habe ich die Talstrasse zwischen Frutigen und Adelboden verlassen, und immer noch führt der schmale abschüssige Pfad der Flanke entlang, die steil nach dem Wildbach abschiesst. Tief und eng hat sich im Laufe der Zeit der Graben in den Leib der Niesenkette eingeschnitten. Unaufhörlich speist der Bach die Engstligen. Schäumend zwängt sich das Wasser durch die Schluchten und fällt über Felsabsätze, sich immer tiefer und tiefer in das Gebirge einsägend, welches aus einer mächtigen Folge von Flyschgestein besteht. Wechsellagerungen von vorwiegend bergeinwärts fallenden tonigen und sandigen Schiefern, durchzogen von härteren Bänken; Ablagerungen eines Meeres der Kreidezeit, Horizonte mit unruhigem Charakter in bezug auf die Mächtigkeit und Ausdehnung der verschiedenen Gesteinsarten, Schichtserien, die während der Gebirgsbildung erst noch übereinandergeschoben, gestaucht und in bizarre Faltenwürfe gelegt wurden, oft wahllos durchkreuzt von Überschiebungsflächen, Verwerfungen und Klüften.

Die Tönung der Schiefer in diesen schattigen Gräben und Runsen, in die zur Winterszeit überhaupt kein Sonnenstrahl mehr einzudringen vermag, wirkt beinahe bedrückend. Die Stimmung wird durch die waghalsige, aber unumgängliche Turnerei über mit Eis überzogene Plattenschüsse keineswegs gehoben; hier und dort liegt auch noch loser Schnee darauf. Nach einem weitern steilen Anstieg biegt der Pfad um eine Felsnase. Ein hals-brecherisches und seitlich gegen die Runse abfallendes, vereistes Weglein führt dem obern Rande der Grabenflanke entlang. Das Auge vermag den Grund des nachtschwarzen Schlundes nicht zu erkennen, aus welchem das Klirren fallender Gesteinsplättchen schallt. Es sind die Plättchen, die beim Zurichten von Schiefertafeln als unbrauchbares Material anfallen. Mittlerweile sind wir nämlich in die Nähe eines Schieferbergwerkes gelangt, das sich äusserlich an einer primitiven Arbeitshütte erkennen lässt, welche an einer senkrechten Wand förmlich zu kleben scheint.

Im Stollenmundloch neben der Hütte wird eben ein Rollwagen ausgefahren. Kurz darauf verlassen ein halbes Dutzend Arbeiter die Grube, Männer, die im Sommer Bergbauern, im Winter Bergleute sind. Die Gruben-lampen werden in eine Ecke gehängt — Mittagspause. Aus dem Bergesinnern hallen dumpf noch einige Sprengschüsse.

Wir setzen uns alle um das offene Feuer in der Arbeitshütte und schöpfen heisse Suppe. Alle haben wir das Essen verdient, doch nicht alle essen mit gleicher Lust. Denn schwere Sorgen sind mit den Schiefergruben verknüpft... Während zu den besten Zeiten im Engstligental gegen 250 Mann Schiefer aus dem Boden holten, sind von den damals 20 Gruben heute nur noch ein halbes Dutzend im Betrieb, mit insgesamt 40 Leuten an der Arbeit, mit andern Worten 6 « Spiele » zu 5—10 Mann.

.'V » -, DIE SCHIEFERBERGWERKE DER NIESENKETTE Aus alten, teils im Staatsarchiv in Bern aufbewahrten Akten und aus andern Überlieferungen geht hervor, dass die Schieferansbeutung im Gebiete von Frutigen seit mindestens 200 Jahren im Gange ist. Wohl waren es anfänglich nur kleinere Einzelbetriebe, in denen vorwiegend im Tagbau gearbeitet wurde. Gegen die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war jedoch selbst der Staat gezwungen, nach Schiefern zu Bedachungszwecken zu suchen, um dem übermässigen Holzverbrauch in den Ziegeleien Einhalt zu gebieten. Nach gründlichen Prospektionen wurde dann kurz darauf ein privater Dachschieferbruch am Fusse des Niesens, bei Mülenen, aufgetan, der jedoch bereits mit dem Zusammenbruch des Alten Bern stillgelegt werden musste. Die zunehmende Unzufriedenheit in bezug auf die Qualität der Dachziegel brachte die gleiche Grube daher schon um 1804, und zwar unter staatlichen Fittichen, zum Wiederaufleben. Der Tagebau war zwangsläufig nur von kurzer Dauer, indem die Schichten auch hier bergeinwärts fallen und die Überlagerung des Schieferbandes um so mehr anwuchs, je tiefer der Bruch in den Hang verlegt wurde. Die Gestehungskosten wuchsen stetig, so dass der untertägige Abbau den einzigen Ausweg bringen konnte.

Leider liegen keine Grubenpläne aus dieser Zeit vor, trotzdem solche, wie aus einem alten Manuskript abgeleitet werden darf, seinerzeit aufgenommen und gestochen worden sind. Die grösstenteils verfallenen Stollen und Abbaureviere lassen interessante Rückschlüsse tun, die eine gewisse Parallele zu den heutigen Abbaumethoden im Engstligental zeigen. So entspricht sogar die Verarbeitung der Schiefer noch heute in den meisten Betrieben dem Arbeitsgang, den wir auf Grund alter Rapporte kennen und der vor 150 Jahren in der staatlichen u Schieferanstalt » von Mülenen üblich war. Der Transport erfolgte mit Wagen bis Spiez oder Thun und von dort auf Schiffen bis Bern.

Ein bedeutender Gegensatz zwischen der damaligen Grube und den heutigen Schieferbetrieben im Engstligental besteht darin, indem früher ein gewissermassen zentralisierter untertägiger Betrieb bestand, während die heutigen Gruben einzelne, sehr kleine Bergwerke ( « Spiele » ) bilden. Einer Liste aus den Jahren 1830 entnehmen wir, dass in Mülenen insgesamt etwa 80 Arbeiter schieferten, wovon gegen 30 Arbeiter unter Tag und die restlichen 40 über Tag eingesetzt waren: 4 Grubenmeister, 16 Sprenger, 11 Hacker ( Häuer ); 2 Scherer, 37 « gemeine Blättler », 6 Löchler, 4 Reisser ( Zeichner ). Es mag nicht unvermerkt bleiben, dass zu dieser Zeit ausländische Bergleute zugezogen sind, deren Geschlechter wir heute noch in der Gegend des alten Bergwerkes finden.

Fast zu selber Zeit erlebten auch die Schiefergruben im Engstligental, welche stets private Betriebe geblieben sind, einen erfreulichen Aufschwung. Vom staatlichen Betrieb wanderten ständig Arbeiter ab, die dort ihr Handwerk gelernt hatten und eigene Gruben zu betreiben begannen. Bald verringerte sich die Förderung in Mülenen. Nachdem die Schiefermächtigkeit bergeinwärts anfänglich anschwoll, musste man in späteren Jahren die Feststellung machen, dass die Schiefer nach dem Bergesinnern zu und seitwärts auskeilten. Ein Grossteil stehengelassener Sicherheitspfeiler wurde

Schieferbergwerk ob Frutigen

1 ) Schiefergruben im Sackgraben ( Wildi )

Zwei Arbeitshütten ( unten ). Schutzbau gegen Steinschlag. Eine Unterkunftsbaracke ( oben )

2 ) Übertägige Grubenanlage im Gantengraben

Seilbahnstation und Spalthütte, Schmiede beim Stollenmundloch 3 ) Vorrichten zum Abbau. Ausschiessen einer Kaverne unmittelbar unter der obern Abgrenzung des hier nach rechts einfallenden Schiefers

4 ) Installieren der Schieferfräse im Abbau

( „ Satz " ). Frässpuren senkrecht zur Schichtfläche und parallel zu dieser, schmale Kerben und breite dunkle Streifung

5 ) Zurichten der Schiefer in der Spalthütte

Aufzeichnen der Tafelgrössen, Ritzen mit dem „ Ryss-hobel " und Zuschneiden unter der Stockschere SO/54 - Aufnahmen B. S. Taohachtli, Bern Art. Institut Orell Füssli A. G. Zürich Die Alpen - 1947 - Les Alpes daher auch im Rückbau gewonnen. Einige Male noch erlebte der Betrieb Blütezeiten; dann aber — um 1868 — wurden die Grubenbaue endgültig verlassen, nachdem ein Erdbeben im Jahre 1855 sowie verschiedene politische Ereignisse und nicht zuletzt auch die Forderung besserer Qualität die Stillegung beschleunigt hatten.

So verblieben nur die privaten Gruben bei Frutigen und im Engstligental selbst. Doch auch diese blieben nicht von äussern Ereignissen verschont, so dass zeitweise die Stollen vorübergehend verlassen werden mussten. Gute Zeiten waren durch die grosse Feuersbrunst in Frutigen vom Jahre 1827 bedingt, ferner durch eine bedeutende Nachfrage nach Dachschiefern in anderen Kantonen. Allmählich wurde jedoch die Absatzkrise ernst. Die Schiefer erwiesen sich infolge zu geringen Karbonatgehalts nicht als erstklassige Dachschiefer, sie fielen der Verwitterung rascher anheim als ihre Konkurrenz-produkte aus dem Wallis und anderen Gegenden.

Damit standen die Schieferer vor einer bösen Katastrophe, und nur eine völlige Umstellung konnte vor dem Untergang retten. Aus den Überlieferungen geht hervor, dass diese Umstellung in die Dreissigerjahre des 19. Jahrhunderts zu verlegen ist, indem man damals begann, vom Dachschiefer zum Tafelschiefer überzugehen. Zur Verwendung als Schreibtafeln erwies sich nämlich das Schiefermaterial wegen seiner geringem Härte und der schwarzen Färbung des tonigen Gesteins als überaus geeignet.

Die glückliche Umstellung brachte eine aufblühende Ausfuhr nach Übersee, die kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts sogar die Errichtung einer Schreibtafelfabrik in Frutigen zur Folge hatte, während die Verarbeitung zu fertigen Tafeln bisher eigentlich Heimindustrie war. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg erreichten die Bergwerke mit 250 beschäftigten Leuten und einer Gesamtproduktion von fast ebensovielen Eisenbahnwagenladungen den Höchstpunkt. Umso härter war die kriegsbedingte Lähmung, von der man sich erst nach Friedensschluss vorübergehend erholen konnte. Aber nur für zwei Jahre; der Absatz stockte, bis Deutschland in den Dreissigerjahren Frutiger Schiefer einführte, Mengen, die einen jährlichen Wert von vier Millionen Franken erreichten und über 95 % der Gesamtproduktion des Engstligentals ausmachten. Der Weltkriegsausbruch 1939 brachte neue Krisenzeit, und heute erholt sich der Grubenbetrieb nur langsam.

Fahren wir einmal in eine solche Schiefergrube ein!

Schemenhaft bewegen sich die Schatten unserer Gestalten an der Decke und auf den « Stössen » ( Wänden ) des Förderstollens, der hier ziemlich horizontal angelegt ist. Es scheint mir, als hätten wir in dunkler Nacht eben eine C. Hütte verlassen; noch hat sich das Auge nicht an die Finsternis gewöhnt, und eisige Luft beschlägt die Brille... Vereinzelte Holzstempel, im nahen Bergwald geschlagene Stämme, mit Kopfhölzern dienen als Grubenausbau und bieten Halt gegen Steinfall in brüchigen, zerrissenen Stollenpartien.

Im Weitergehen treffen wir alte, verlassene Abbauörter, kammerartige Nischen — aus Sicherheitsgründen möglichst nicht gegenüberliegend —, einige Meter breit, mehrere Meter tief und mit einer Höhe, die der Mächtigkeit des Schieferbandes entspricht, durchschnittlich wohl gegen zwei Meter. Die linken Kammern in der Art von « Aufhauen », die rechten als « Abhauen », bedingt durch das Einfallen der Schiefer und das Verfolgen derselben beim Abbau.

Bei der mit motorischem Antrieb versehenen Seilwinde angelangt, weicht das Rollbahngeleise nach rechts abfallend ab: wir stehen am obern Ende eines Schrägstollens, der innerhalb des Schiefers liegt und die Neigung des Schichtfallens einnimmt. In diesem sogenannten Bremsberg wird über eine treppenartige « Hühnerleiter » seitlich des Geleises abgestiegen.

Mit aller Gleichmässigkeit treffen wir beidseitig des Schrägstollens jeweils auf noch stehenden Fels und künstliche Öffnungen, ungefähr auf 5-10 Meter « unverritztes Flöz » und 2-3 Meter breite, abzweigende Stollen. Die Öffnungen stellen die Ansatzstellen von jeweiligen Stollen dar, « Gänge » genannt, welche die Streichrichtung der Gesteinslagen verfolgen und mehr oder weniger horizontal liegen, d.h. parallel zum Stollen, durch den wir in die Grube eingefahren sind.

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