Die schweizerischen Ostalpen als einer der Kampfplätze des dreissig-jährigen Krieges

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Krieges.

Von G. Meyer von Knonau. * )

Ein eigenartiges Abbild der Schweiz ist schon das reich gestaltete Alpenland genannt worden, das sich zwischen die Wiege der Schweizer Eidgenossenschaft einerseits, das Land Tirol auf der andern Seite hinein-lagert, das im Süden an den Reizen Welschlands Theil nimmt und nach dem Norden hin den grossteil deutschen Strom entsendet. Und wie auf dem Boden der Schweiz sich mit der bunten Verschiedenheit der natürlichen Bildung eigenthümliche Gegensätze in der

* ) Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Section Uto am 27. October 1871. Es sei eigens hier betont, dass entsprechend dem hier gebotenen Räume einer-, dem Gesichtspunkte der Behandlung des Themas andererseits auf die Stellung der Bündnerkämpfe in der allgemeinen Geschichte das Hauptgewicht gelegt wird, so dass für die bündnerische Geschichte als solche wichtige " Ereignisse oft nur kurz berührt werden können.

Zusammensetzung ihrer Bevölkerung erweisen, so ist'dieses in nicht geringerem Grade innerhalb der Grenzen Rätien's zu finden. Aber während die Grossartigkeit der Natur in den Bündneralpen sich unvermindert gleich geblieben ist, hat innerhalb eines Jahrhunderts im bündnerischen Staate, in dem vom Staatswesen beeinflussten Bereiche des Volkslebens manches Eigenthümliche sich verloren, um einfacheren und zugleich klareren Verhältnissen Platz zu machen: sicherlich zum Besten des rätischen Gemeinwesens und seiner einzelnen Glieder.

Nicht mehr steht Graubünden als ein selbständiger Staat, wenn auch als Verbündeter, neben der Eidgenossenschaft; nicht mehr stellt es selbst in seinem Innern ein vielfach entwickeltes, aber in seinen Bewegungen schwerfälliges Nebeneinander von mehr als einem Viertelhundert coordinirter Freistaaten dar; es sendet nicht mehr seine Beamten über den Splügen nach Chiavenna oder in das südlich prächtige Veltlin oder nach Bormio zur Beherrschung gemeinsam eroberter und gemeinschaftlich besessener Unterthanengebiete. Zugleich aber hat es seit mehr als zwei Menschenaltern auch damit ein Ende, dass Gesandte fremder Mächte in Bünden um die Gunst sich befein-dender Parteien buhlen, Führer und Massen an schamlose Käuflichkeit gewöhnen, dass für fremde Interessen bereits vorhandene Gegensätze noch mehr sich zuspitzen, Bürger desselben Landes unter fremden Fahnen sich bekämpfen.

Das fünfzehnte Jahrhundert ist für Bünden die Zeit der inneren Erstarkung, des Zusammenschlusses der verschiedenartigen Elemente, der Erprobung der gewonnenen Widerstandskraft nach Aussen hin.

Aber mit der Theilnahme an den grossen Kriegen um den Besitz Italien's, mit der confessionellen Spaltung infolge-der Reformation heben im seehszelmten Jahrhundert die folgenschweren Uneinigkeiten, die Einmischungen des Auslandes an. Die romanisch sprechenden Leute im obern Bunde waren katholisch geblieben, während ihre ladinischen Sprachgenossen in dem lang gedehnten Engadin die neue Lehre angenommen hatten; indessen auch sonst besassen die Reformirten das Uebergewicht,. von der Luziensteig und der Landeshauptstadt im Norden bis zu den italienisch sprechenden Thälern Poschiavo und Bregaglia im Süden und bis zu den Anhängern, welche sich für die Kirchenreform in den Unterthanenlanden gefunden hatten. Aber trotz dieser ihrer Mehrzahl standen dennoch die reformirten Bündner sehr isolirt mitten unter katholischer Nachbarschaft: am Lande TM und an den von katholischen Kantonen abhängigen italienischen Herrschaften am Gotthardpass& hatten die altgläubigen Oberbündner einen tüchtigen Rückhalt; das spanische Mailand, das österreichische Tirol waren auf langen wichtigen Grenzstrecken die anstossenden Staaten; nur auf weiten Wegen, die abermals katholische Gebiete durchzogen, konnte man von der Rheinbrücke bei Malans nach dem glaubens-verwandten Zürich oder gar nach Bern gelangen.

Seit Decennien hatte bereits in Bünden die spanisch-österreichische mit der französischen Partei gekämpft; es war schon zu furchtbaren Ausbrüchen rohester Leidenschaft, zu hässlichen Scenen gegenseitiger Ver- folgung gekommen, als am Ende des zweiten Jahrzehnts des siebzehnten Jahrhunderts erst das volle Mass grösseren Theiles selbst verschuldeten Elendes über das von Faetionen zerrissene Land sich zu ergiessen begann.

In dem eben damals ausgebrochenen Kriege, welcher in immer neuen Stadien dreissig Jahre Mitteleuropa verwüsten sollte, war die Schweiz zwar eine selig gepriesene Insel des allerdings nur mühsam geretteten Friedens, an deren Rand die Wogen des Kampfes nur anstreiften, ohne sie zu verletzen. Ihr Bundesstaat im Osten dagegen, die rätische Republik, sah sich selbst in den Strudel des Krieges mit hinein gerissen; seine Geschicke wurden in wechselndem Gange bestimmt durch die Schachzüge der Diplomatie der grossen sich befeindenden Staaten; einer der grössten französischen Heerführer aller Zeiten hat in den bündnerischen Bergen seine glänzendsten Thaten vollbracht und das vollkommenste Missgeschick erlebt: Alles im engsten Zusammenhang mit den eigensten Interessen des rätischen Landes. Denn gerade das ist das Ver-hängnissvolle in der vorliegenden Epoche der bündnerischen Geschichte, dass dieser Abschnitt der Ereignisse des dreissigjährigen Krieges nichts Anderes, als ein Capitel aus dem Zusammenhang der Partei-wirren in den drei Bünden ist.

Nicht volle zwei Jahre waren verflossen, seit die Nachricht von dem plötzlichen Untergang des reichen Flecken Plürs unweit Chiavenna im weiten Umkreise die Gemüther beschäftigt hatte, als im Juli 1620 aus denselben Gegenden eine neue, furchtbarere Kunde sich verbreitete, nicht zwar von einem jäh hereingebrochenen Naturereignisse, sondern von einem wohl vorbereiteten und gründlich durchgeführten grauenhaften Triumphe des confessionellen Fanatismus meldend.

Es war die Vertilgung der Keformirten zuerst in Tirano, dann thalabwärts in Teglio und Sondrio, die unter dem Namen des « Veltliner Mordes » bekannte Opferung von mehr als einem halben Tausend wehrlös Ueberfallener, eine Blutscene, die sogar in jener Zeit der Hekatomben zur Vertilgung der Ketzerei ihres Gleichen suchte. Aber weniger dieses grosse Blutbad, als die auf dasselbe unmittelbar folgenden Ereignisse sind es, die für unsern Zusammenhang Wichtigkeit haben: erstlich der Abfall der Landschaften Veltlin und Bormio von Bünden, die Erhebung des im spanischen Parteidienste handelnden Veranstalters des Mordes an die Spitze der Regierung derselben, und im Anschlüsse daran die Besetzung der Ostspitze Bünden's, des Münsterthaies, durch österreichische Truppen. Um aber die Tragweite dieser Begebenheiten ermessen zu können, ist es nothwendig, die allgemeinen Verhältnisse im mittleren Europa, wie sie sich für das Jahr 1620 theils schon gestaltet hatten, theils für die nächste Zukunft anbahnten, kurz zu würdigen.

Gerade diese ersten Jahre des dritten Jahrzehnts des siebzehnten Jahrhunderts waren eine Epoche gewaltiger Erfolge des auf Wiedergewinnung verlorener Positionen ausgehenden Katholicismus. Das neue Haupt des deutschen Reiches, Kaiser Ferdinand IT ., und der trefflich gerüstete und im Kriege wohl erfahrene Vorstand der eng geschlossenen katholischen Liga, Herzog Maximilian von Baiern, waren Bundesgenossen gegen die Böhmen und ihren kürzlich erhobenen König, den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, in welchem sie zugleich den Führer der locker gefügten evangelischen Union zu " bekämpfen gedachten;

Spanien hatte sich entschlossen, in entschiedenster Weise seine Beihülfe dafür eintreten zu lassen. Bei den hierbei sich ergebenden Combinationen kamen aber in nicht zu unterschätzender Weise gerade die ünterthanenlande der Bündner in Frage: territoriale Verhältnisse, strategische Erwägungen gaben dabei den Ausschlag.

Spanien gebot gleicher Weise in Mailand, wie in Brüssel; die österreichische Linie des habsburgischen Hauses hatte durch ihre Besitzungen im südlichen Elsass, im Breisgau und Schwarzwald, am Bodensee und im Tirol festen Fuss am oberen Rheine, wie am Inn; wenn, wie es sich voraussehen liess und wie es nach der 1620 ausbrechenden Katastrophe in Böhmen alsbald geschah, die rheinische Pfalz in das Verhängniss ihres Herrn hineingezogen wurde, so eröffnete sich dem katholischen Einflüsse auch am Mittelrheine ein grosses Gebiet; der wieder ausbrechende Krieg mit den Niederlanden liess Aussicht auf Erfolge der spanischen Waffen am Niederrhein. So ergab sich eine Möglichkeit, die Rheinlinie nach einigen ihrer wichtigsten Punkte in die Gewalt der zur Erdrückung der protestantischen Partei einverstandenen katholischen Fürsten zu bringen: ja, noch mehr, es schien vorübergehend, dass eine einzige katholische Macht sich hier zwischen Frankreich und Deutschland werde auf die Dauer einschieben können.

Aber wenn auch diese Aussichten für die spanische Krone, infolge von getroffenen Verabredungen mit Oesterreich und mit Baiern dort Tirol und die oberrheinischen und vorderöster-reichischen, Gebiete, hier die Pfalz für sich selbst zu gewinnen, später sich nicht verwirklichten, so waren sie doch jedenfalls gerade jetzt vorübergehend für die spanische Politik speciell betreffend die bündnerischen Unterthanenländer in nicht geringem Grade massgebend. Denn nur Bormio und Veltlin, damit den nächsten Weg von Mailand nach Tirol galt es zu gewinnen, um eine unmittelbare Verbindung zwischen der älteren Besitzung auf italienischem, den neu erhofften Erwerbungen auf deutschem Boden für Spanien zu erstellen.

Das ist die Ursache, wesshalb im Jahre 1620 dieses Thal der oberen Adda, von den Gletschern am Orteies bis zu den Sümpfen von Colico eine volle Stufenleiter von der an nordische Breiten erinnernden Armut bis zur reichen Entfaltung südlicher Natur in sich vereinigend, unter Anwendung so furchtbarer Mittel der spanischen Macht in die Hände gebracht werden musste, wesshalb die Oesterreicher darauf hin sich beeilten, das nördlich anstossende Münsterthal zu besetzen, um über den Umbrailpass hinüber die unmittelbare Verbindung zwischen Innsbruck und Mailand zu gewinnen.

Aber ein erster Erfolg, dergestalt errungen, musste das Gelüsten nach einem zweiten nothwendiger Weise erregen. Allerdings war ein directer Durchpass vom Comersee nach dem Innthal, wie er durch die Auflehnung der Unterthanen Bünden's im Addathal ge- wonnen war, für die Krieg führenden katholischen Mächte in erster Linie äusserst nothwendig, das Gelingen des Planes sehr erwünscht.

Allein damit war die Besetzung der Strasse zum Bodensee, war die Beherrschung des Gebietes der Rheinquellen noch nicht erreicht. Um sich zum Herrn auch dieses zweiten Durchpasses, desjenigen von Mailand nach Schwaben, zu machen, gab es für die verbündete spanisch-öster-reichische Macht ein zweites Mittel, Benützung der Parteizwiste auf dem eigenen Boden der Republik Graubünden, und gerade dieses war durch die unmittelbaren Folgen des Yeltlinermordes sogar dem blödesten Auge greifbar nahe gelegt.

In Graubünden selbst und ebenso im Schosse der schweizerischen Eidgenossenschaft hatten die Ereignisse des Sommers 1620 je nach der Confession der einzelnem Landestheile den entgegengesetztesten Eindruck hinterlassen. Die reformirten Bündner wollten ihre erschlagenen Brüder rächen, ihr entrissenes Gebiet wieder gewinnen, und in der Unterstützung dieser Be-. strebungen sahen Zürich und Bern die Behauptung der eigenen Sache. Die katholischen Bewohner des oberen Bundes dagegen und mit ihnen die Waldstätte erklärten sich für die Erfolge der Spanier. Ja, spanisches Geld bewirkte, dass im Herbste 1620, während Zürcher und Berner — deren Anführer Mülinen fand dabei zwischen den Weinbergmauern von Tirano den Heldentod — an einem zweiten " Versuche der Bündner, des Veltlin's wieder sich zu bemeistern, Theil nahmen, Söldner aus der TJrschweiz unter dem Urnßr Beroldingen über die Oberalp her Bünden betraten und durch Leute vom oberen Bunde verstärkt nach Reichenau hinunter zogen, um von dort einerseits der Zugänge zum Splügen sich zu bemächtigen, andererseits über Chur den Oesterreichern im Vorarlberg die Hand zu reichen.

Das brach allen errungenen Erfolgen im Veltlin die Spitze ab: es handelte sich für die dort stehenden reformirten Truppen, so rasch wie möglich über die Pässe zurück zu gehen, auf die Verbindungslinie zwischen Eeichenau und dem Vorarlberg sich zu stellen, die Truppen Beroldingen's von der Luziensteig abzuschneiden. Indessen die katholischen Bündner begnügten sich auch hiermit noch nicht: ihre Sonderpolitik gipfelte sich im Februar 1621 in einem förmlichen Vertrage mit Spanien, wodurch sie von den übrigen Theilen Bünden's sich thatsächlich völlig los-sagten. Zwar erfolgte dagegen nach wenigen Wochen ein rascher Rückschlag: in der Person des Pompejus Planta wurde ein Haupt der spanischen Partei gewaltsam aus dem Wege geräumt; die katholischen Sehweizer-söldner mussten nach blutigen Kämpfen Bünden räumen und ein von Bellinzona aus versuchter Einfall in das Thal Misocco wurde ebenfalls zurückgeschlagen; im April sah sich der obere Bund gezwungen, sein Sonder-bündniss aufzugeben. Bis auf das Münsterthal schien wenigstens Bünden selbst die freie Bewegung zurückgegeben, das Land von der drohenden Invasion gesäubert zu sein, und auch die Hoffnung, die italienischen Herrschaften wieder zu gewinnen, schien infolge fran- zösischer Einmischung sich zu ergeben.

Allein all das war nur ein schwaches Vorspiel dessen, was im darauf folgenden Winter über die unglückliche Republik hereinbrach.

Schon seit der Besetzung des Münsterthaies waren einzelne Anrechte^ die Oesterreich daselbst, sowie im Unter-Engadin und im Zehngerichtenbunde von früher her hatte, benützt worden, um Ansprüche auf förmliche Landeshoheit, Anforderungen der Abtretung dieser Gebiete darauf zu bauen, und man hatte einzig auf eine passende Gelegenheit gewartet, um mit den Waffen in der Hand seinen Willen geltend zu machen. Diese bot sich durch eine der häufigen, in dem undisciplinirteii bündnerischen Staatswesen nicht zu verhindernden Eigenmächtigkeiten, zu denen durch ungestüme Leidenschaft die rasch bestimmbaren Gemeinden allem besseren Rathe zum Trotze sich hinreissen liessen. Ein durchaus misslingender Versuch, Bormio's sich zu bemächtigen,, gab Ende October 1621 Oesterreich den Vorwand, den Krieg zu eröffnen, da Bünden die Verpflichtung gebrochen habe, während der Dauer der über allerlei Gegenstände mit Oesterreich schwebenden Verhandlungen sich jeglicher Feindseligkeit zu enthalten. Von Norden, von Osten, von Süden sahen sich die auf keinen Angriff gefassten Thäler überfallen. Ueber das Schlappinerjoch vom Montavon her in das Prättigau, den Inn herauf, durch das Scarlthal, über den Ofem-pass nach dem Unter-Engadin, vom Comersee her gegen das letzte bisher noch nicht entrissene Unterthanenland Chiavenna und das Thal Bregaglia geschahen die Bewegungen, und mussten auch den Davosern und /48 Meyer von Knonau.

Prättigauern die aus dem Vorarlberg herüber gestiegenen Truppen Brion's wieder weichen, so gelang es dagegen Baldiron, trotz dem heldenmüthigen " Widerstände all, den er auf dem Kirchhofe von Schuols traf, den Eingang in das Engadin sich zu erzwingen. Zaghaftigkeit und Zerfahrenheit erleichterten den weiteren Sieg; eine Gemeinde nach der anderen bot ihre Unterwerfung an; die zürcherischen Hülfstruppen, die immer noch bei Maienfeld ausgeharrt hatten, verliessen den rathlosen Staat, dem sie keine Hülfe mehr bringen konnten, und die Kaiserlichen besetzten nun auch die Luziensteig; die Hauptstadt Cur wurde ein kaiserlicher Waffenplatz; an der Errichtung neuer Befestigungen mussten die Unterworfenen zwangsweise sich betheiligen. Willenlos, gebeugt, ein erobertes Land lag Bünden zu Fussen von Oesterreich und Spanien. In ausgedehntem Umfange errichtete jenes über den geforderten Gebieten, d.h. über dem ganzen nordöstlichen und östlichen Theile des Landes, sein Regiment; frei stand den Heeren des anderen der Weg von der Lombardei nach Ober-Deutschland.

Diese Besetzung Bünden's fällt der Zeit nach zusammen mit der Ausbeutung des Sieges auf dem weissen Berge bei Prag, mit der Zerstörung des Protestantismus in dem darnieder geworfenen Böhmen. An der Moldau und. Elbe, wie in den rätischen Hochgebirgen gebot die gleiche von dem kaiserlichen Jesuilenzögling geleitete Politik, welche ebenso sehr, als die Befestigung der Macht Oesterreieh's, die Wiederaufrichtung des Katholicismus über den neuen Ländererwerbungen im Auge festhielt. Nicht so fast der allerdings zu furcht- barer Höhe angestiegene materielle Nothstand, als vielmehr die Verzweiflung über die von den neu eingewanderten Mönchen ausgehende Zumuthung zum Abfalle vom reformirten Gottesdienste war es, was den misshandelten Bündnern den Muth zu einem Befreiungsversuche gab.

In todesverachtender, jede Berechnung der Uebermacht verschmähender Ermannung griffen sie, die Faust mit eisenbeschlagenen Holzkeulen als Ersatz der abgelieferten Waffen bewehrt, Frauen die Lücken ausfüllend, welche durch die Flucht Verfolgter in den Reihen der Männer entstanden waren, zum letzten Mittel, das sich ihnen darbot. Am Palmsonntag des Jahres 1622, nach langen Wintermonaten furchtbarster Bedrängniss, gingen zuerst die Prättigauer an die gewaltsame Abschüttelung des ihnen auferlegten Joches, und der naturwüchsigen Kraft erlag die wohl geschulte Erfahrung. Rasch wuchs mit dem Erfolge der Umfang des Aufstandes; die reformirten Nachbaren, Zürich und Glarus voran, liehen Hülfe an Mannschaft und Geldmitteln. Bald konnte man wagen, zur Gewinnung der von den Kaiserlichen besetzten festen Plätze, ohne deren Capitulation die Bedrohung durch den Feind eine permanente blieb, zu schreiten. Schon gleich dem ersten Anstürme war das Schloss Castels im Prättigau erlegen; ein Versuch, Maienfeld von Feldkirch her zu entsetzen, wurde am Fläscherberge abgeschlagen; umsonst verstärkten von CMavenna aus Spanier die Garnison von Chur; auch Tiefenkasten, dessen Wichtigkeit als Schlüssel des Ueberganges der Veltlinerstrasse an der Albula richtig erkannt, das mit Befestigungen versehen worden war, konnte sich nicht halten. In der

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Mitte des Jahres, als auch das Unter-Engadin geräumt^ der obere Bund zum Gehorsam zurückgebracht war,, mochten die Bündner glauben, durch eigene Kraft ihre-Unabhängigkeit auf die Dauer hergestellt zu haben.

Allein es war eine Täuschung, und wie im vorhergehenden Jahre wurde der abermalige Sturz in noch, tieferes Elend theilweise durch die eigene Sorglosigkeit, durch den Mangel an Vorbereitung und Ordnung verschuldet, den die nachträgliche Entschlossenheit in der Waffenführung nicht zu ersetzen vermochte. Schon in den letzten Augusttagen kam der Feind von neuem,, dieselben Eingangspforten benützend, wie 1621, von Martinsbruck und vom Samnaun her in das Unter-Engadin, drang von hier, wie damals, theils den Inn-quellen zu, theils in das Davos; ein hartnäckiges Ringen mit der feindlichen Uebermacht zu Saas im Prättigau schloss mit einer völligen Niederlage; unten an der Rheinbrücke, an der Grenze des unglücklichen Landes gegen die Eidgenossenschaft, ging der Rest der Truppen desselben aus einander. Ein zu Lindau Ende September-abgeschlossener Vertrag gab den kaiserlichen Waffen-erfolgen gültige Rechtskraft: acht Gerichte dés Zehngerichtenbundes, voran die Thäler Prättigau, Davos,, Schanfigg, und das Unter-Engadin wurden abermals förmlich ausgeschieden und als Oesterreich unterworfen anerkannt. Peinigender als vor dem Aufstande des-Frühjahres lag die rohe Gewalt über den Besiegten; denn die Zurückgekehrten hatten eine erlittene Niederlage an deren Urhebern zu rächen.

Diese in den Jahren 1620 bis 1622, seit dem Veltliner Morde, in den bündnerischen Unterthanenlandeny Die schweizerischen Ostalpen.451 "

hernach in Bünden selbst errungenen Vortheile hatten Spanien und Oesterreich in erster Linie dem Umstände verdankt, dass Frankreich^ Aufmerksamkeit von diesen Angelegenheiten durch inneren Krieg, durch Kämpfe gegen die Hugenotten, abgelenkt gewesen war. Aber die zunehmende Befestigung der österreichisch-spanischen Macht im Gebiete der rätischen Alpenpässe, die darin sich aussprechende Bedrohung der oberitalienischen Staaten, in erster Linie der Republik Yenedig und des Herzogthums Savoyen, traten allmälig so deutlich hervor, dass Frankreich, wenn es seinen Einfluss am Südfusse der Alpen nicht völlig an Spanien einbüssen wollte, auf die seit mehr als einem Jahrzehnt verlassenen Traditionen seiner äusseren Politik zurückkommen musste. Heinrich IV. war sich der Bedeutsamkeit der geographischen Lage Graubünden's klar bewusst gewesen: so bald die Leiter der französischen Politik in Heinrich's nach dessen Tode verlassene Bahn zurücklenkten, musste die Ueberzeugung hievon von neuem für sie bestimmend werden.

Das gesclfah, als Ludwig XIII. im August 1624 dem Cardinal Richelieu die Führung der Geschäfte abertrug. Zwar war schon unter dessen zweiten Amts-vorgänger Sillery wenigstens das erreicht worden, dass 1623 die Spanier die Plätze in den Unterthanenlanden räumten — Papst Urban VIII. übernahm sie als Depositum und päpstliche Truppen besetzten Chiavenna und Veltlinaber erst durch Richelieu trat eine entscheidende Wendung zum Nachtheile Spanien's in den bündnerischen Angelegenheiten ein. Die rasche That, welche den Spaniern den Durchpass von Mailand nach Deutschland -wenigstens für einstweilen völlig entriss, war der Winterfeldzug von 1624 auf 1625.

Auf dem durch die französische Diplomatie bearbeiteten Boden der reformirten Eidgenossenschaft wurde alles wohl darauf vorbereitet; besonders in und um Zürich sammelten sich zahlreiche bündnerische Flüchtlinge; der ausserordentliche Gesandte in der Schweiz, Marquis von Cœuvres, trat an die Spitze des kleinen mit französischem Gelde geworbenen Heeres. Ende October 1624 erschien die Vorhut desselben an der Rheingrenze; Maienfeld, die Luziensteig wurden mit leichter Mühe besetzt, da die Oesterreicher schon im Frühjahr auf ernstliche Anforderungen aus der Eidgenossenschaft hin Chur und Maienfeld geräumt, auf den Bau einer Festung an der Luziensteig verzichtet hatten; mit dem Vorrücken Cœuvres'räumten die österreichischen Amtsleute, die aufgenöthigten Capuciner die bisher von Oesterreich annectirten, nunmehr in die alte Verbindung zurücktretenden Gebiete; einer der päpstlichen Commandanten im Addaland capitulirte nach dem andern, als der französische Anführer über die Bernina nach Tirano hinunter gezogen war. Dieses zuerst, dann Sondrio, Bormio, Chiavenna gingen über; nur Riva blieb auch nach dem Frühjahr 1625 noch ein Stützpunkt kleinen Krieges bis in den Anfang des Jahres 1626. So war der Schachzug gegen Spanien Richelieu wohl gelungen; denn für einmal wurde der auch unter dem Deckmantel der päpstlichen Sequestration noch fortgesetzte spanische Einfluss auf die drei Unterthanenlande verunmöglicht. Weit entfernt waren die Bündner aber auch jetzt noch davon,

in den Genuss ihrer früheren Herschaftrechte über dieselben eingesetzt zu werden: ja, die definitive Regelung der französisch-spanischen Beziehungen durch den Frieden von Barcelona im Mai 1626 entsprach, nicht einmal den geringsten Erwartungen, die sie zu liegen berechtigt waren, daneben freilich ebenso wenig Bichelieu's eigener Auffassung der Verhältnisse. Hinter seinem Rücken wurde von den französischen Unterhändlern, welche die confessionelle Erwägung, dass die überwiegend reformirten Bündner im Addathal nicht wieder gebieten dürften, über die militärisch-politische Rücksicht stellten, der Vertrag in einer " Weise formulirt, dass die nominell hergestellte bündnerische Souve-ränetät über die Unterthanenlande factisch rein illusorisch war, indem den Bündern hauptsächlich verwehrt wurde, Besatzungen in diese Gebiete zu legen, die päpstlichen Truppen in dieselben zurückkehrten. Im Frühjahr 1627 hatten die Franzosen den Päpstlichen wieder völlig Platz gemacht.

Es konnte gar nicht fehlen, dass in Bünden infolge dieses französischen Verzichtes auf den Haupterfolg des Winterfeldzuges Misstrauen gegen Frankreich, von dem man soeben noch das Beste erwartet hatte, Platz griff: dasselbe ging so weit, dass in grossen Kreisen ein Umschwung der Stimmung sich vollzog, eine Hinneigung zu Oesterreich eintrat. Ein abermaliges Attentat österreichischer Politik gegen Bünden's Selbständigkeit, neue Gräuel einer Invasion der Kaiserlichen waren nothwendig, um darzuthun, dass nicht von Wien und noch weniger von Madrid Gutes gehofft werden dürfe, dass die Republik, welche zu ihrem Unheile immer noch nicht in sich die Kraft fand, allen fremden Mächten gegenüber ihre Stellung fest zu behaupten, einzig von Frankreich die Wiedereinsetzung in ihre alten Gerechtsame erwarten könne.

Uebrigens war inzwischen auch Richelieu durch günstige Lösung innerer Fragen seit 1628 in den Stand gesetzt, seine volle Kraft derjenigen Aufgabe der äusseren Politik zuzuwenden, die er für eine Existenzfrage seines Staates hielt, der Bekämpfung des allgemeinen spanisch-öster-reichischen Uebergewichtes. Dass dabei Italien und dadurch Bünden alsbald in Frage kam, war zunächst noch besonders einem im December 1627 eingetretenen Erbfalle zuzuschreiben.

Die in den oberitalienischen Ländern Mantua und Montferrat herrschende Linie der Gonzaga war erloschen und der nächstberechtigte Erbe, von der in Frankreich angesiedelten Linie Gonzaga-Nevers, hatte Besitz von der Hinterlassenschaft ergriffen. Es war das aber eine entschiedene Einbusse für Spanien, da bisher diese östlich und südwestlich von Mailand liegenden Gebiete völlig zur Clientel des spanischen Hofes gehört hatten: besonders Montferrat wollte derselbe nicht preisgeben, und der spanische Statthalter von Mailand begann die Belagerung der Festung Casale. Mit Begierde ergriff Kichelieu diese italienische Angelegenheit als Kriegsanlass. Persönlich ging Ludwig XIII. im März 1629 über die Alpen nach Piémont, und die blösse Annäherung seines Heeres machte Casale von den Belagerern frei. Allein die französische Einmischung in die mantuanische Frage wurde von Kaiser Ferdinand als eine Verletzung seiner kaiserlichen Ober-lehnsherrlichkeit aufgefasst.

Im Einverständnisse mit " Spanien gedachte er diese Beleidigung zu vergelten, selbst ein Heer zur Hinderung der Fortschritte Frank-reich^ nach Italien zu werfen.

Durch diesen Entschluss gewannen die rätischen Pässe von neuem Wichtigkeit für 0 esterreich: es konnte kein Zweifel bleiben, dass von den vierzigtausend, die " bei Lindau sich sammelten, durch Bünden der Weg nach dem Po-Lande einzuschlagen sei. Aber noch unterhandelten, entsprechend der Abwendung von Frankreich nach dem Frieden von Barcelona, bündnerische Gesandte in Innsbruck über Erneuerung alter Freund-schaftsverträge; grösste Vorsicht war also nothwendig " bis zum Momente, wo die Truppen völlig gerüstet an tler Luziensteig erscheinen, den Eintritt sich erzwingen konnten. Unbelehrt durch die Erfahrungen von 1621 und 1622, unter Nichtbeachtung von Warnungen aus 4er reformirten Schweiz, dass ein grosses Heer am Bodensee sich versammle, liessen sich die Bündner jetzt, Ende Mai 1629, zum dritten Male überraschen. Ein Theil der Heeresmassen zog an den Ort seiner Bestimmung; ein anderer blieb zur Besetzung der Pässe. Was seit 1624 auf den Resten früheren Wohlstandes dürftige Neublülite erlebt hatte, ging abermals zu Grunde: Wallensteiner waren es dieses Mal — bekannte Namen werden genannt, Ottavio Piccolomini, Isolwii, Terzky —, deren Anwesenheit Bünden bejammerte. Die neuen unsäglichen Plagen und Leiden erzeugten einen « Hungerwinter », wie derjenige von.

1622 auf 1623 gewesen; wieder, wie damals, ging die Pest durch das Land, deren Opfer man nach vielen Tausenden zählte.

Der Kampf darüber, ob Frankreich, ob Spanien in Ober-Italien das Uebergewicht zukomme, hatte die Bündner in neue Verzweiflung gestürzt; aber Gustav Adolfs glückliches Vorrücken im deutschen Norden brachte ihnen die Befreiung. Um zwei Kriege zugleich zu führen, fühlte sich der Kaiser auf die Länge nicht stark genug, und er zog es vor, gegen den Schweden-könig die ganze Kraft aufzuwenden. So ordnete denn der Friede von Cherasco im Sommer 1631 die man-tuanische, im Zusammenhang damit die bündnerische-Frage. Nach abermaliger zweijähriger Besetzung räumten die Kaiserlichen Rätien; die Bündner beschworen von neuem ihren allgemeinen Bund, die acht Gerichte und das Unter-Engadin wieder mit ihnen. Allein noch war man weit davon entfernt, auch in den Unterthanen-landeu wieder Herr zu sein: nur durch Eroberung konnte das geschehen, und zwar unter den Auspicien Frankreich^.

Dass nur das französisch-schwedische Bündniss und dessen Folgen die Kaiserlichen von Bünden's Boden entfernt hatten, lag klar vor Augen; dass Frankreich ' » Einfluss im Lande darauf hin zu noch nie erreichter Höhe stieg, kann nicht überraschen. Keine bessere Wahl hätte nun Eichelieu für das Amt desjenigen treffen können, welcher durch Jahre hindurch das französische Staatsinteresse gleichsam als Administrator Bünden's zu vertreten hatte, als diejenige der Person des Herzogs Heinrich von Rohan.

Der seinem Vaterlande ferne in der Verbannung lebende Hugenott musste als Lenker der Politik und Führer der Truppen einem Lande, das ebenso sehr sein reformirtes Bekenntniss, als seine politische Selbständigkeit zu bewahren wünschte, am meisten willkommen sein: sah es allerdings diese letztere dadurch, dass er, der Fremde, überhaupt im Lande waltete, in Frage gestellt, so war dagegen für das erstere die Entsendung des edeln Hauptes der französischen Reformirten eine Garantie. Seit Ende 1631 befehligte Rohan die dreitausend in französischem Solde stehenden Bündner als vom Bundestage zu Chur erwählter General.

Indessen vergingen drei Jahre, ohne dass Vorbereitungen zur Wiedereroberung der Unterthanenlande getroffen wurden. Noch immer standen dieselben unter ihren gemäss dem Frieden von Barcelona durch sie selbst ernannten Regierungen, und sie waren für Spanien ein offener Durchpass von Italien nach Deutschland geblieben. Erst als 1634 auf diesem Wege nach Deutschland entsendete spanische Truppen den Ausschlag bei der furchtbaren Niederlage der Schweden bei Nördlingen gegeben hatten und dadurch Schweden aus seiner Machtstellung in Deutschland herausgeworfen war, fand es Richelieu für gut, eine Aenderung mit bleibender Entscheidung in der Angelegenheit des Veltlin's zu erzielen; denn jetzt wurde Rohan der Befehl zu Theil, seinerseits von Bünden aus zur Durchführung eines grossartigen combinirten Kriegsplanes mitzuwirken, dessen Terrain sich von den Grenzen der spanischen Niederlande an den Ober-Rhein und von da " über die Alpen bis Ober-Italien ausspannte.

Mit Staunen vernahm man den für die damalige Zeit enormen Umfang der Küstungen: hundertzweiunddreissigtausend Mann wolle Frankreich gegen Spanien in das Feld rücken lassen.

Rohan hatte in Paris persönlich seine Aufträge geholt: um seine eigentliche Bestimmung zu verhüllen, hiess es, ein Commando zwischen Jura und Ober-Rhein sei ihm Überbunden. Aber statt dessen führte er in Eilmärschen, auf eine allerdings sehr wenig der schweizerischen Neutralität entsprechende Weise, sein kleines Heer an Basel vorüber, bei der Stille über die Aare* ), während oben an der Reuss bei Meilingen die katholischen Kantone den Uebergang bewachten, dann über Winterthur und St. Gallen durch das Rheinthal nach Chur und hierauf gleich weiter auf die Südseite der Alpen: Ende April 1635 stand er in Morbegno, nachdem Chiavenna und Sondrio schon vorher besetzt worden waren. So war Spanien, noch ehe der Krieg erklärt war, seiner in den letzten anderthalb Decennien immer von neuem als so Averthvoll erkannten Verbindungslinie nach Tirol beraubt.

Schwieriger als die Erringung wrar aber die Behauptung der in so raschem Handstreiche gemachten Gewinnste. Eine gewaltige Citadelle von Gebirgen hatte Rohan zu halten: er begann mit der Yerrammelung ihrer Eingänge. Die breite Thalpforte des Rheines bei

* ) Ein einziger Flussübergang. Auf einem südlicheren Wege hatten ihm Aare, Reuss, Limniat dreifache Schwierigkeiten verursacht.

der Luziensteig, die tief eingerissene Schlucht des Inn hei Martinshruck, das auch in den letzten Jahrzehnten als Schauplatz kriegerischer Ereignisse wieder viel genannte Défilé am Wege zum Umbrail hei den Bädern Ton Bormio, der Zutritt zum Splügenpass und zum Addathal am Lago di Mezzola bedurften der gleich sorgfältigen Ueberwachung. Besonders um das Yeltlin musste es sich in erster Linie handeln, da sich erwarten liess, die Feinde würden vom Tirol und von der Lombardei den Angriff zu eröffnen, im Addathal sich die Hand zu reichen, Rohan nach Bünden zurück zu drängen versuchen.

Im Juni und Juli, dann wieder im October und November 1635 bewies der Verfasser des « Parfait Capitaine » — denn auch als Militärschriftsteller hatte sich Rohan ausgezeichnet — seine hohe strategische Befähigung.

Das erste Mal waren zur gleichen Zeit die Kaiserlichen über den Umbrailpass eingedrungen und die ^Spanier von Como her im Anrücken begriffen. Rohan wandte sich von Chiavenna aus zuerst gegen die Kaiserlichen. Am 23. Juni stand er in Zuz, entschlossen den im Livignothal lagernden Feind zu überraschen; am 26. wurde der Marsch über den Casanapass nach Federia und Livigno angetreten; der 27. zwang durch das Gefecht am Spöl die Kaiserlichen, statt des " Weges nach dem Engadin den Rückzug nach Bormio zu nehmen, unverfolgtdenn jetzt beeilte sich Rohan, auf die nunmehr nächste Verbindungslinie der infolge des Gefechtes vom 27. auf den Weg im Addathal angewiesenen Kaiserlichen mit den thalaufwärts strebenden Spaniern sich zu stellen:

über die Forcola und Pisciadella war er am 28. nach Poschiavo gelangt; in der Nacht auf den 29. wurde Tirano besetzt; am 3. Juli errang er den glänzenden Sieg von Mazzo, und derselbe bewog die Spanier, das bereits von ihnen besetzte untere Veltlin wieder zu räumen; am 19. wurde auch der bei den Bädern von Bormio gelassene starke kaiserliche Posten überwunden, und darauf hin fand man die Befestigung bei St. Maria im Münsterthal freiwillig geräumt.

Nochmals versuchten Kaiserliche und Spanier ihr Glück vier Monate später. Es war erstlich auf eine Ueberrumpelung der Besatzung von Bormio abgesehen; aber die Bewegungen griffen nicht gehörig in einander, und Rohan gewann Zeit, Truppen in genügender Zahl in die bedrohte Gegend zu werfen. Im Val di Fraele, dem Quellthale der Adda, erfolgte dieses Mal, am 31. October, der Hauptschlag gegen die Kaiserlichen; aber unmittelbar nach diesem Erfolge wurde Rohan's Gegenwart ebenso nothwendig gegenüber den Spaniern: am 10. November erfocht er bei Morbegno einen voll-« ständigen Sieg auch über sie.

Zwei Male in einem halben Jahre hatte Rohan Vereinigungsversuche der beiden Alliirten gründlich vereitelt, in vier grossen Schlägen das Veltlin behauptet. * )

* ) Die Mémoires de Henri Duc de Rohàn sur la guerre de la Valteline, publiés par le Baron de Zurlauben ( Bd. I. pag. 220 — 222 ) bezeichnen die vier Hauptschlachten kurz folgendermassen: Le combat de Luvin fut le plus hazar-deux, celui de Mazzo le plus avantageux, celui de Frêle le mieux entendu de tous; celui de Morbègne a été le plus glorieux. Alle Zersplitterung seiner Kraft vermeidend, von der Mitte aus jede Bewegung des Feindes bewachend, im Fluge mit der gesammten Macht auf der bedrohten Seite erscheinend, so hatte sich Rohan als Meister im Gebirgskriege bewährt.

Doch hiemit begnügte er sich nicht. Er versuchte sich auch in vergeltenden Ausfällen in die Lombardei, und es war nicht seine Schuld, sondern diejenige der untauglichen Führung der in Ober-Italien fechtenden französischen Armee, dass sein Versuch, sich im Frühjahr 1636 mit derselben in Verbindung zu setzen, misslang und er uliverrichteter Sache von seinem Zuge gegen Lecco zurückkehren musste.

Aber überhaupt war nur durch Rohan's Kriegführung in den Alpen ein kleiner Theil der Hoffnungen erfüllt worden, die Richelieu an die Eröffnung des Kampfes gegen Spanien geknüpft hatte. Nicht nur in Ober-Italien, sondern auch am Rhein und in den Niederlanden waren die erwarteten Erfolge nicht eingetroffen: ja, das Jahr 1636 brachte sogar der französischen Hauptstadt den Schrecken des Einfalles des Johann von Werth, des kühnen kaiserlichen Reiter-generales, in die Picardie, und nicht minder häufte sich 1637 das Missgeschick für die französisch-schwedischen Waffen, nun auch auf dem bisher mit Glück festgehaltenen Boden Bünden's und des Veltlin. Denn in dieses Jahr fällt der erzwungene Abzug Rohan's: in den ersten Tagen des Mai 1637 musste er mit seinem Heere ein Land räumen, dessen Söhne sich unter seiner Führung in einem zu den interessantesten Episoden des dreissigjälirigen Krieges zählenden Kampfe mit Ruhm bedeckt hatten.

Nicht um Rohan's willen — denn er empfing bei seinem unfreiwilligen Abschiede die Versicherung dank-erfüllter unverbrüchlicher Hochachtung —, sondern wegen der Politik des Staates, den er in Bünden vertrat, war der Bruch erfolgt. Die einmüthig verlangte unbeschränkte Wiedereinsetzung in- den Besitz der 1635 nicht zum geringsten Theile mit bündnerischem Blute gewonnenen und behaupteten früheren Unterthanenlande war von Frankreich nicht zu erlangen, und über die Bedingungen einer versuchten Lösung dieser Frage konnte man sich nicht einigen. Dazu kamen grosse Rückstände in den geschuldeten Zahlungen, Brutalitäten der Fremden gegen die Einheimischen, welche Zusehens die Sj'mpathien für Frankreich verringerten. Von neuem wuchs der österreichisch-spanische Einfiuss, und eine Verschwörung bildete sich zur völligen Vernichtung der französischen Machtstellung. Rohan- selbst, im Momente des offenen Ausbruches der Erhebung, im März 1637, mit knapper Noth aus Chur entflohen, sah sich in der Rheinschanze bei der Tardisbrücke, getrennt von seinem im Veltlin stehenden Heere,. in einer Lage, die derjenigen eines Kriegsgefangenen völlig glich; er dachte zu gross, um durch die Annahme des Anerbietens der Prättigauer, für ihn einzustehen, einen neuen Bürgerkrieg über Bünden heraufzubeschwören: so erfolgte die Capitulation, wonach die französischen Truppen mit allen Ehren aus Bünden abziehen, die Unterthanenlande gänzlich bedingungslos unter ihre alten Herren zurückkehren sollten.

Der 5. Mai 1637, der vertragsmässige Termin des Abzuges, der Tag des Abschiedes Rohan's aus Bünden,

Die schweizerischen Ostalpen.463*

ist zugleich derjenige, an dem die schweizerischen. Ostalpen aufhörten, als Schauplatz der Thaten für Truppen zu dienen, welche das grosse Drama des dreissigjährigen Krieges aufführten.

Zwar war allerdings auch jetzt noch das Yerhältniss zu Spanien und zu Oesterreich nicht endgültig-geordnet. Aber dass erst 1639 in dem zu Mailand mit Spanien abgeschlossenen Frieden die Unterthanenlande, freilich unter ausschliesslicher Gestattung des. katholischen Bekenntnisses, als ein Eigenthum der drei Bünde endgültig anerkannt wurden, und dass nicht vor 1641 der Vertrag von Feldkirch die Beziehungen zu Oesterreich bis auf einige untergeordnetere erst später entschiedene Punkte auf dem alten Fusse in befriedigender Weise herstellte, gehört allerdings in die. Geschichte Bünden's, nicht aber in eine Erörterung'über die Bedeutung des bündnerischen Hochgebirges, für die Geschichte des dreissigjährigen Krieges.

Abwechselnd haben Heere, die den Interessen der Habsburger und den entgegenstehenden der Bourbons, dienten, auf bündnerischem Boden geschaltet; einem französischen Feldherrn war es beschieden, die grossartigsten Erfolge dabei davon zu tragen und, sich selbst, besiegend, die Früchte seiner gesammten Anstrengungen preis zu geben; den rechtmässigen Herren fiel schliesslich das eigentliche Kampfobject wieder zu, freilich unter Stipulationen, die an den nicht zum wenigsten confessionellen Charakter aller dieser Fehden, an ihren in einem glaubensfanatischen Massenmord liegenden. Ausgangspunkt erinnerten.

Den Schlüssel aber zum Yerständniss der Leidenschaften, die das Volk-von Rätien in die vieljährigen Wirren und Leiden hineingepeitscht hatten, zur " Würdigung der Motive, die dasselbe schliesslich durch den an seinem hochherzigen General verübten Verräth wieder zum Besitze seiner Selbständigkeit führten, bietet am ersten das Studium des Charakters einer Persönlichkeit, die sich bei der Verfolgung der bündnerischen Geschichte dieses Zeitraumes in immer neuer Wandlung, und doch stets dieselbe, in den Vordergrund der Scene drängt. Georg Jenatsch bleibt ein Räthsel, so bald man ihn nicht als den Mann seiner Zeit erfasst: sein vielfarbiger Lebenslauf verliert nicht an Interesse, aber er streift das Absonderliche ab, wenn dessen Träger als das Kind eines Geschlechtes zu begreifen gesucht wird, das den Frieden kaum mehr dem Namen nach kannte, das in den jedes zartere Gefühl ertödtenden Stürmen furchtbaren Parteihasses, unmenschlich geführten Kampfes erwachsen war.

Im Jahre des Veltlinermordes, den er als Haupt-lenker eines förmlichen reformirten Inquisitionstribunales bei Anlass eines terroristischen Strafgerichtes zu Tusis hatte herauf beschwören helfen, verliess Jenatsch, wie ihm denn von Anfang an zum geistlichen Stande vor Allem ein demselben angemessener Wandel gemangelt hatte, seine bescheidene Dorfkanzel von Scharans, und schon 1621 legitimirte er sich als Stifter eines zur Vergeltung gebildeten Bundes durch die qualvolle Ermordung des spanischen Parteiführers Pompejus Planta. In den unmittelbar darauf folgenden Kämpfen gegen die Oberbündner und Beroldingen's Zuzüger stürmte Jenätsch, die Pistole in der Hand, voran;

ihm hatte sein Land die erste Invasion der Kaiserlichen zu verdanken, da durch ihn der unbesonnene Zug nach Bormio im Herbst 1621 erzwungen worden war; als Flüchtling in des ähnlich gearteten Abenteurers Mansfeld Schaaren eingetreten, leistete er über die regelrechte Blutarbeit auf dem Schlachtfelde hinaus noch acht Einzelmorde. Als Hauptmann zu Pferde erschien er dann nach dem Prättigauer Aufstande wieder im Lande; durch seine im Veltlin in Cœuvres'Winterfeldzug vollbrachten Thaten stieg er zum Rang eines Oberstlieutenants empor. Dann aber wurde der französische Dienst mit dem venetianiscben vertauscht, wo Jenätsch ein durch ihn selbst geworbenes Regiment als Oberst befehligte. Als Führer einer bündnerisehen Freicompagnie unter Rohan that er hernach im Livignothal, bei Mazzo und wieder im Val Fraele sem Bestes: Rohan schätzte ihn so hoch, dasp er ihn bei der zunehmenden Verstimmung der Bündner gegen Frankreich als seinen Vertrauensmann wählte, um durch seinen Einfluss seine Landsleute für die französische Politik wieder zu gewinnen. Allein Jenätsch war trotz seinen Wandlungen, obschon er sogar seit 1635 katholisch geworden war, dem treu geblieben, was er für das Beste Bünden's hielt, und dieses, am wenigsten die Wiedereinsetzung in die Unterthanenlande, vermochte er von Frankreich nicht zu erwarten. Schon seit dem Frieden von Barcelona hatte er sich Spanien und Oesterreieh zugeneigt; jetzt, wo auch seine Geldanforderungen von Frankreich unbefriedigt blieben, wo er über persönliche Kränkungen sich beklagen zu müssen glaubte, trieben ihn auch rein.

Schweizer Alpenclub.30

persönliche Motive auf die Seite der Gregner Frank-reich's. Aber immer noch, bis es zu spät war, glaubte Rohan in diesem Manne seinen besten Anhänger zur Seite zu haben. In sein von den Verschworenen um-stelltes Haus in Chur wäpe der Herzog, von der Rheinschanze heimwärts reitend, arglos^getreten, hätte ihn nicht ein zu seiner Warnung entgegen eilender Diener bei Masans noch rechtzeitig benachrichtigt.

Dass die Unterthanenlande wieder an Bünden kamenT hatte Jenatsch erreicht; dass sein Vaterland die Leitung durch Frankreich mit der durch ihn herbeigeführten erneuerten Anlehnung an Spanien und Oesterreich vertauschte, machte ihm, der sich stolz als den Director des spanischen Bündnisses bezeichnete, kein Bedenken. Aber als er für die ihm nach dem Abzüge der Franzosen gewordene Stellung eines Gouverneurs im zurückerstatteten Unterthanengebiet Chiavenna wegen seiner steigenden Unpopularität zu fürchten begann, neigte er nochmals zu Frankreich hin; wie er die Franzosen habe hinauswerfen können, so drohte er den spanischen Agenten, könne er sie auch wieder holen. Doch er holte sie nicht mehr: im Januar 1639 ereilte ihn mitten in buntem Festgetümmel der Tod von der Hand solcher, die an ihm Blutrache verüben zu müssen glaubten.

So lange überhaupt über Jenatsch's Ende hinaus noch die alte Republik der drei Bünde bestand, wurde dem Lande das Schicksal erspart, wieder der Tummelplatz auswärtiger Heere zu werden. Der Spielraum für in fremdem Interesse handelnde Parteien ist es dagegen bis zu ihrem Untergange geblieben.

Was Jenatsch durch seine Doppelzüngigkeit seinen Bündnern wieder errungen hatte, der Besitz der Länder Bormio, Veltlin und Chiavenna ging im hundeftund-sechzigsten Jahre nach Rohan's Abzug für immer verloren. 1637 hatte sie Jenatsch dem Frankreich Riche-lieu's entwunden; das Frankreich Bonaparte's gewann sie 1797 als einen Bestandtheil der cisalpinischen Republik. Aber desshalb hörten Frankreich und Oesterreich noch nicht auf, auch über das Addathal als über einen Theil von Ober-Italien zu würfeln, und als Mailand nach Napoleon's I. Sturz wieder österreichisch geworden war, dachte man auch wieder an die Wichtigkeit einer unmittelbaren Verbindung von der Adda zur Etsch und hinüber zum Inn, und baute die Strasse von Bormio über das Stilfserjoeh nach Tirol.

Seit einem Dutzend Jahren indessen sind die alten Bündner Unterthanenländer wieder, was sie schon einmal ein halbes Jahrhundert früher waren, ein Bestandtheil des Königreiches Italien, aber eines grösseren und zukunftsreicheren, als dasjenige im Anfange dieses Jahrhunderts gewesen ist; denn als eben damals vor zwölf Jahren und wieder vor fünfen oberhalb Bormio die Felsen, wie zu Rohan's Zeit, vom Kampfe wiederhallten, schössen nicht Franzosen und Kaiserliche oder Spanier wegen " einer mantuanischen Erbfolge, sondern die Italiener für ihren national geschlossenen Staat, und als in den allerletzten Jahren von unseren Alpenpässen und dabei auch von denjenigen Rätien's vielfach die Rede war, handelte es sich nicht darum, friedliche Alpenthäler mit Mord und Verwüstung zu füllen, sondern es war die Frage, an welchen Gebirgssattel die friedfertigen Truppen der Ingenieure ihren Bohrer zu setzen haben, damit das wieder geeinigte Deutschland und das vollständig gewordene Italien auf dem in seiner Neutralität gewissenhaft gewahrten Boden der Schweiz die Vermittlerinnen der modernen Cultur, die eisernen Schienen, zusammenfügen av erden.

Anhang.

Referat von Herrn Oberst Siber - Gysi. * )

Tom Vortragenden zum Referate über seine interessante geschichtliche Studie aufgefordert, kann es nicht sowohl meine Aufgabe sein, das so erschöpfend und zutreffend Geschilderte zu ergänzen, als einige Bemerkungen anzuknüpfen, die von selbst ihre Nutzanwendung für die Clubisten finden werden. Der Vortragende hat uns die strategische Bedeutung des rätischen Ge-birgsknäuels hervorgehoben, die taktische Meisterschaft Rohan's geschildert, wie sie ihn zum Lehrmeister aller Zeiten für den Gebirgskrieg gestempelt. Was wir da im Einzelbilde sehen, die strategische Bedeutung unserer

* ) Abweichend von der bisherigen Hebung erlaubt sich die Redaktion der Arbeit des Hrn. Prof. Meyer von Knonan, das Keferat darüber aus der Feder des Hrn. Oberst Siber-Gysi beizufügen, in der doppelten Absicht einerseits dem Jahrbuche und dem Club einen Dienst zu erweisen, andrerseits dem unvergesslichen, so unerwartet schnell dahin-eschiedenen Präsidenten der Sektion Uto, im Jahrbuche, as ihm so viel verdankt, die letzte Ehre zu erweisen.

Alpenpässe nämlich, dehnt sich unter den heutigen politischen Verhältnissen auf die ganze Schweiz aus; die jetzt geeinigte Schweiz ist gleichmässig zum eigenen Schutz wie zu dem der nord- und südwärts, west- und ostwärts angrenzenden Völker zur Verteidigung aller Pässe genöthigt, und nicht wie damals kann um die Existenz eines einzelnen Cantons durch Beiziehung von mehr oder minder zufälligen Bündnissen mit andern in sich wieder vereinzelten Cantonen gekämpft werden, sondern Alle müssen für den einen einstehen. So wenig wir nun zu fürchten haben, dass jetzt wieder die Religion den Krieg entfesseln, spanische, österreichische und französische Truppen unter und in unsere Gebirgs-wälle locken werde, so kann doch in anderer Weise die Behauptung unserer Existenz auf unsern Pässen gesucht werden müssen. Die strategischen Nothwendig-keiten sind auf ausgedehnterem Gebiete die nämlichen wie zur Zeit Rohans und verdienen ernste Beachtung. Die Kriegszüge Rohans sind auf unsern Pässen nicht vereinzelt geblieben. Näher liegend und in weit grösserem Massstabe waren 1799 der Gotthard und die anliegenden Pässe in 's Wallis und Bern der Schauplatz gewaltiger kriegerischer Ereignisse, und abermals sind es einige französische Generäle Lecourbe, Xaintrailles, Gudin, welche mit grossem Geschick den « Parfait-capitaine » von Rohan studirten; Lecourbe war es, der die Russen von Zürich ab in 's Rheinthal drängte mit einer so meisterhaften Taktik und bewunderungs-werthen Energie, dass ihr nur die eiserne Willenskraft und der ungebrochene Muth eines Suwaroff gleichkommt, der seine Schaaren über den Kinzigkulm, Pragel und den Panix, damals noch wilde Pässe, führte.

Wir hören noch ab und zu in jenen Thälern von jenen Zügen erzählen und sie muthen uns an, wie die wilden Kämpfe, die Homeros besungen.

In diesen beiden für alle Zeiten mustergültigen Gebirgskämpfen, liegt ein gemeinsamer taktischer Grundzug, der sich durch alle Verhältnisse hindurch, mögen sie noch so sehr in der Anzahl der Truppen, der Bewaffnung, der Artillerie verschieden sein, hindurch zieht. Wir mühen uns im Militärdienste ab, die Terrain-vortheile, kleine Terrainwellen, Vorsprünge, Gebüsche, Häuser etc. kennen zu lernen; im Gebirgsrelief finden wir statt derselben Schluchten, Thäler, Engpässe. Felsen, Höhen, und hier wie dort entscheidet die Initiative des Einzelnen, die Energie der Durchführung, der richtige Instinkt und die Findigkeit: Roliaii wie Lecourbe nahen in hohem Masse diesen Instinkt bewiesen und ihm verdanken sie ihre Erfolge. Wrenn man es so sagen darf, hatte Rohan, dem damaligen Stand des Kriegswesens entsprechend, mit weit weniger Schwierigkeiten, wie Lecourbe zu kämpfen. Eine verhältnissmässig wenig zahlreiche Truppe, kaum mit dem Hindernisse der heutzutage nothwendigen Artillerie, Bagage und Train belastet, genügte ihm am rechten Platze, um grosse Erfolge zu erzielen — der Werth des Einzelnen stand damals mehr im Vordergrund; Lecourbe näherte sich schon weit mehr den heutigen Bedürfnissen, um trotzdem zu siegen weil er den un-behülflicheren Feind vor sich hatte.

Taktisch genommen sind unsere Gebirgspässe nur verlängerte Defiléen, die sich taktisch gesprochen nur am Aus- oder Eingang vertheidigen lassen.

Wehe dem, der sie betritt, denn von allen Seiten umschwärmt, aus. allen einmündenden Hochthälern überflügelt, von allen Höhen beunruhigt, sinkt mit jedem Schritt die Moral in der Armee, und kaum vermag sie im Défilé unter grossen Menschenopfern einzelne Punkte zur Deckung 4er Voranziehenden zu behaupten. Rohan benutzte die Defiléen zum blitzartigen Vorbrechen; an ihrem Ausgang fanden die ersten meist entscheidenden Kämpfe statt, durch sie zog er sich ebenso schnell zurück um hinter ihnen Deckung zu suchen. Wie man dagegen « inen Defiléenkampf führt, hat Lecourbe bewiesen.

Heute stehen nun die Sachen ganz Anders. Die Kriegstechnik und die Anforderungen der Kriegswissen-schaft stellen an jede taktische grössere Einheit die Forderung so vieler Hülfstruppen und Hülfsmaterialien, dass Bewegungen im Gebirg, wie die Rohan's und Lecourbe's, nicht mehr möglich sind, weil mit jedem Schritt der Entfernung von der strategischen Basis die Existenz der operirenden Colonnen gefährdet wird. Die Ansprüche, welche. an die Erhaltung von Mannschaften und Pferden im Gebirge gemacht werden müssen, erschöpfen in der kürzesten Zeit die meist armen hülflosen Thäler, welche an unsere Pässe hinanreichen und ohne eine gesicherte gute Verbindung mit dem dahinter liegenden Tieflande, wäre ein Halten auf längere Zeit unmöglich. Diesem Umstände und der richtigen Erkenntniss der absoluten Nothwendigkeit strategisch richtiger Verbindungslinien in den Alpen, verdanken wir das so arg bekämpfte Gesetz über die Alpenstrassen; von Ost nach West wie von Nord nach Süd, ist ein ganzes Netz von Verbindungswegen theils eröffnet, theils im Bau, welche die strategische Basis} für die Reservecorps wie für die Verproviantirung so weit hinunter zu rücken erlauben,, dass sie in Gegenden die sich selbst tragen können, verlegt werden darf.

Ich hoffe nicht, dass wir in den Fall kommen werden, diese Strassen benützen zu müssen, aber ihnen werden wir unter Umständen unsere Rettung verdanken. Dass die Strategie, die uns in unsern ersten Waffenübungen als ein unfassbares dunklet Wesen erschreckend gegenüber stand, kein abstrakter Begriff, sondern sehr naturwüchsig aus den Eigenthümlichkeiten eines Bodens oder Landes sich entwickelt, beweist uns der Umstand, dass die meisten neuen Alpenstrassen von Rohan, Lecourbe, Suwaroff, Xain-trailles, Gudin, Hotze. von Hannibal und Napoleon I. nicht zu sprechen, benutzt wurden, und dass sie dem seit Jahrhunderten instinktiv richtig gewählten kürzesten Weg für den Yerkehr von Thal zu Thal entsprechen. Und nun das Facit für uns Alpenclubisten aus diesen historischen und taktisch strategischen Ex-eursenWir Alpenclubisten sind und waren zum grössten Theil alle Militärs, und die die es nicht waren, haben ein ebenso warmes Herz für unser Vaterland wie die Andern. In diesem warmen Pulsschlage liegt unsere Aufgabe. Der unvergessliehe Oberst Wieland hat im ersten Bande unseres Jahrbuches, gestützt auf die Worte des Altmeisters Rohan, die Aufgabe gezeichnet, die der Alpenclubist sich stellen soll, und ich füge bei, üben soll sich ein Jeder von uns in der Findigkeit der kürzesten oder gangbarsten Wege,

sein Auge gewöhnen an die Messung der Distanzen und der zu überwindenden Schwierigkeiten, den richtigen Instinkt entwickeln, an der richtigen Stelle seinen Angriff zu machen, und vor Allem sich darin üben von jeder Localität, ihren Verzweigungen und deren Richtung ein möglichst rasches und richtiges topographisches Bild sich zu entwerfen, um im gegebenen Falle, wenn er im Dienste des Vaterlandes im Gebirge handeln müsste, die gewonnenen Erscheinungen verwerthen zu können. Auf den Kammhöhen, in den Hochthälern wird sich nie ein Kampf entscheiden, eine Position sich nie vertheidigen lassen; erst an dem Punkte der Thalsohle, wo die auf sie convergirenden Thäler, Schlechten, Rinnsale und Strassen zusammentreffen und meistens die Querthäler, die keine Umgehung mehr erlauben einsetzen. Hiefür den richtigen, raschen Blick zu gewinnen, muss eine stete, ganz unwillkürliche Beschäftigung bei unseren Wanderungen sein, unterstützt, durch fleissiges Vergleichen und Studien der Karten auf dem Terrain. Was wir im Gebirge gelernt und uns angeeignet, können wir jederzeit im Hügellande, ja in der Ebene anwenden, die Gesetze der Taktik sind die nämlichen, ob wir einen Menschengraben oder eine Gebirgsschlucht, einen Steinhaufen oder einen tausend-centnerigen Felsblock als Deckung oder Annäherungs-hinderniss betrachten. Ich nehme an, dass wenn auch verhältnissmässig Wenige von uns sich an die höchsten Gipfel wagen, doch Alle einen mehr oder minder frischen Muth auf Gebirgswegen für sich in Anspruch nehmen, und manches sehen und beobachten können, rechts und links von den grossen Touristenstrassen, das militärisch seinen unschätzbaren Werth hat und in ihrem Notizbuch und ihrem Gedächtniss Platz finden muss;

denn unschätzbar sind die Dienste eines Führers, und ein solcher sollte ein Jeder von uns, * bewaffnet oder unbewaffnet, sein, wenn Noth an Mann geht.

Aus dem durch den Vortrag Hrn. Meyer's v. Knonau angeregten Ideengange, ergibt sich ganz naturgemäss eine neue Aufgabe für unsere Wanderungen; diese hervor zu heben war der Zweck meines Referates. Doch kann ich nicht schliessen ohne darauf hinzuweisen, welch'mächtige immer neu anregende Kraft aus uusern Bergen hervorströmt und in allen Richtungen des Lebens sich bewährt. Wir haben gehört, wie die armen Bündner drei Mal niedergeworfen, von allen Drangsalen des Krieges auf das Entsetzlichste heimgesucht, immer wieder neue todesniuthige Kraft finden, in kurzen Zwischenräumen sich wieder aufraffen um endlich zu siegen, und ebenso unbezähmbarer, urwüchsiger Energie begegnen wir in andern Cantonen; wenn wir daher diese Berge als die Wiege unserer Freiheit anerkennen und vor Allem im Herzen Europa's als solche behaupten wrollen, so liegt es nur an uns auf unsern Wanderungen in ihnen, an ihren drohenden Felsen, ihren trotzigen Gipfeln, der reinen stählenden Luft ihrer Thäler uns den trotzigen Muth, die nicht zu beugende Kraft, den alles opfernden Gemeinsinn zu holen, wie es unsere Väter thaten, wenn es galt die Freiheit des Herdes zu vertheidige !!. IV.

Kleinere Mittheilungen.

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