Die Scioranadel

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Von Alfred Graber.

Prüfen in der Erinnerung will ich einen Tag im Fels, der nun schon recht weit zurückliegt. An jenem Tage rang ich mit dem harten Stein wie nie zuvor. Die langen Stunden atmeten einen Daseinswillen von seltener Gewalt, als wir drei Kämpfende auf schmalen Gratschneiden wanderten. Ob die Stunden an der Scioranadel gehalten haben, was sie versprachen?

Nun ich an einst Gewesenes zurückdenke, schreibe ich nicht mehr in der ersten Freude des Gelingens. Nein, die Entfernung der Jahre liegt zwischen mir und dem Berg, eine Zeit, die reifer machte und den Stürmer von einst in neue Wanderbahnen lenkte. Nochmals will ich Durchkämpftes gestalten, aber nicht mehr nur Griffe und Tritte, die erstritten wurden. Nein, ich muss den Tag und die Wesenheit des Berges aus meiner Seele neu erschaffen.

Im Reifen einer langen Kette von Bergsteigerjahren gibt es so viele Wendepunkte, die neue Horizonte, neue Erlebnismöglichkeiten erschliessen, die den Gang des Daseins bestimmen. Welche Berge aber enttauchen der Vergangenheit, wenn ich zurückblicke?

Da erwacht der Felsgipfel des Grossen Kärpf, eine leichte Kletterei, ich weiss es. Doch da ich diese Grate mit meinem jetzt toten Freunde betrat, wurden sie mir zum Erlebnis des Rätsels Fels. Und das erste Schauen eines wahrhaft grossen Firns? Ich weiss, dass ich niemals mehr das Gebet einer solchen Stunde mit soviel Erstmaligkeit im Herzen erleben werde wie damals an einem frühen Morgen auf der Schlossberglücke, als die Weite der Gletscher mir bewusst wurde, als die feine Silberspitze der Krönte sich zackig vor mir in den Himmel baute.Vor dieser Stunde verblasst selbst der erste Viertausender, den ich im folgenden Jahre erstieg. Von diesem Zeitpunkt an standen viele Berge in meinen Stürmerjahren, fast möchte ich sagen, ein unzähliger Reigen von Spitzen, erwählt durch meinen Willen. Viele Höhepunkte entragen ihnen, die Dämonsgestalt des Sonnigwichel, die hohe Firnschneide des Grand Corniers. Doch unnütz ist es, die ganze Menge aufzuzählen, an deren Ende die Kreuzberge stehen. Einmal aber lernte ich ganz fühlen, was Berge sind. Im Kampf um den Ago di Sciora. Und, obschon ich ihn nicht als Erster bezwang, sondern mit dem Führer und Kameraden Simon Rähmi, so ist doch das Erlebnis nicht weniger tief geblieben.

Als letzter grosser Weiser zum Erlebnis stand in unserm Plane des Jahres 1921 die Scioranadel. Erst spielten wir nur mit dem Gedanken an eine Besteigung dieses ungeheuerlichen Turms. Sollten wir dieser Fahrt gewachsen sein? Wohl kaum, dachten wir. Oder sollten wir es doch versuchen? Es könnte vielleicht dennoch möglich sein! Die Sommertage rückten, Schlechtwetterwochen hielten uns in Pontresina zurück. Es war nicht abzusehen, wann wir uns wieder einmal herausreissen konnten zu einer befreienden Tat. Die Bekanntschaft mit dem Führer und bekannten Kletterer Simon Rähmi liess uns dem Plane einer Reihe von Wandertagen in der Albigna von neuem nähertreten. So wurde unser Traumgipfel plötzlich zu einem festumrissenen Bestandteile unseres Fahrtenprogrammes.

Endlich, da das Wetter doch eine Pause in das eintönige graue Einerlei schob, zogen wir los und sassen eines Abends als einzige Gäste in der kleinen Albignahütte. Bald konnten wir einen Sieg verzeichnen über den ränkevollen Gallo und über die Punta dell'Albigna, an der uns — beinahe — ein neuer Weg geglückt wäre. Das gab Mut zu grösseren Taten, obzwar in der Höhe von dreitausend Meter immer noch etwas Neuschnee lag.

Über den Bergen tauchte ein blauer Tag auf. Der Gedanke an den Kampf der kommenden Stunden lastete auf uns, als wir in den Steigeisen über den sanft geneigten Albignagletscher schritten. Noch wussten wir nichts vom Berge, denn von keinem der umliegenden Gipfel hatten wir ihn zu Gesicht bekommen. Er war uns fremd, obwohl wir seine Form und seine Gewalt erahnten. Einem schwererringbaren Berge und einem unbekannten Geschick gingen wir entgegen.

Stunden der Erwartung flossen hin, bis wir endlich von allem Zweifel und von aller Ungewissheit befreit wurden. Vor uns entschleierte sich der Berg mit einem Male, hoheitsvoll in warmer Sonne, eine gelbe Riesengranit-nadel, die in unerhörtem Schwunge zur Stille des Himmels sich aufwarf. Ich dachte damals das gleiche, das mir heute beim Schreiben wieder durch den Kopf geht: ein Berg aller Berge. Wortlos blickten wir uns an. Was nun?

Weit über ein halbes tausend Meter hoch schoss die Felswand aus dem schrundigen Gletscher, und über den höchsten Kamm hinaus stach die Nadel noch hundertfünfzig Meter in die Luft. Zu besteigen? Kein Zweifel, weil andere vor uns schon diesen Weg gegangen sind. Nur dieses Wissen half uns, die Kraft zu finden, den Tag dem Berge zu opfern.

Indes wir näher wanderten, musste ich etwas Seltsames denken. Warum gibt es in dem ganzen Gebiete der Alpen nicht einen Felsturm ohne Schwächen, ohne Halt? Ein einziger Block von Wänden und Graten, die nie besteigbar, nie betretbar sind? Sollte dies denn so unmöglich sein? Hätte der Mensch in den Bergen nicht eine andere Richtung gefunden, einen Angelpunkt erhalten durch einen Berg, der nur Wunschbild ist und nie etwas anderes werden kann? Warum sich die Natur in den Bergen nirgends ganz erfüllte, warum sie sich überall zwingen liess und nicht die Grenzen alles Menschen-könnens zeigte? Vor einem Berge zu stehen, der unbesiegt ist und es in alle Zeiten bleiben wird, da wäre wahrhafte Pilgerfahrt. Grund aber aller Rastlosigkeit und aller neuen Gipfelwünsche ist der, dass kein Berg vollendet ist.

Nun duldete die nahe Felswand keine Irrung der Wünsche mehr. Wir rückten auf dem spaltigen Gletscher der Flanke immer näher, die drohend über uns aufwuchs. Auf den vielen Bändern glitzerte der Neuschnee. Plötzlich krachte es dröhnend in den Wänden. Steine schossen abwärts, schlugen auf Felsen und flogen mit sirrendem Tone hinaus in die Luft. Sie bohrten sich tiefe Granatlöcher in den Schnee des Gletschers. Unser Einstieg war vom Steinfall bestrichen.

So bedeutete der Ansturm auf die Felsen über der Randkluft eine erste Gefahr. Wir rannten blindlings der schützenden Wand entgegen. Wenn jetzt eine neue Salve fiel, so waren wir verloren. Doch die Wände schwiegen. Die ersten Felsen wurden mit grosser Hast in den Steigeisen erklettert, bis uns ein Überhang vor allen Überraschungen sicherte. Wir konnten aufatmen und die Sachlage geruhsam überblicken.

Die Eisen waren nun unnütz. Wir entledigten uns ihrer, doch leider konnten wir nicht gleich die leichten Kletterfinken dagegen eintauschen wegen des vielen Neuschnees.

Der Weg schien gegeben, wir mussten die Agoscharte erreichen über die sechshundert Meter hohe Wand. Den genauen Weg kannte selbst Rähmi nur ungefähr, war er doch in seiner Führerlaufbahn erst zweimal auf dem Gipfel gewesen.

Rähmi kletterte voraus, ihm folgte mein Bruder, und ich bildete den Schlussmann.

Die Felsen, ein etwas brüchiger Granit mit nicht üblen Griffen, brachten uns rasch in die Höhe. Zwei Stellen erwiesen sich als besonders heikel: ein Kamin, der vom Schmelzwasser tropfte und sich oben zu einem kleinen Überhang verengte, und eine riesige, geneigte Platte, die mit rutschbereitem Schnee bedeckt war und uns viel Arbeit und Zeit durch ausgedehnte Seilsicherung raubte. Unter uns wuchs stetig der Abgrund, und gemach sanken auch die Berge der Umgebung tiefer. Eine Freude war es, von Zeit zu Zeit sich umblicken zu können und den stolzen Monte di Zocca zu betrachten, einen Prachtskerl mit unheimlichen, vereisten Steilwänden. Über seinen gezackten Graten stieg eine grosse Wolkenwand auf und verdeckte den Monte della Disgrazia, den schönsten Berg Italiens.

Immer wieder trafen wir nach Durchkletterung von Felsstufen auf Bänder, die wir nach rechts verfolgten. Auf diese Weise erreichten wir schliesslich die Agoscharte. Manche Stunde Wegs lag nun schon hinter uns zurück. Doch nun standen wir an schauervollem Grate. Ich kann mich nicht entsinnen, jemals einen Ort von so fremder Einsamkeit in den Alpen gefunden zu haben. Vor uns schoss jäh die Nadel auf in plattigen Wänden und senkrechten Stufen. Hinter uns erhob sich der Grat gleichfalls zu finsteren Türmen. Gegen Sciora blickten wir in eine neue Tiefe, der ein eng eingeschnittenes Schneecouloir zustürzte.

Sorgfältig verstauten wir die Rucksäcke an möglichst sichern Plätzen, zogen die Schuhe aus und bereiteten uns in den Kletterfinken vor auf den letzten Kampf.

Es war eine Freude zu sehen, wie Simon Rähmi in den ersten Riss einstieg und sich höher schob. Bald stand er wohl zehn Meter senkrecht über uns. Mein Bruder folgte, und ich zwängte mich indessen hart an die Felsmauer. Doch bevor noch ein Vorwärts für mich erscholl, fiel der Ruf: « Achtung, Stein! » Ich hob leicht den Kopf, sah einen Schatten durch die Luft fliegen und spürte einen leichten Schmerz auf der Schulter. Der Stein zersplitterte im Dunkel des Abgrundes. Eine finstere Falte grub sich in die Stirn. Nun wussten wir, dass es ernst galt.

Wie auf einer Leiter ging es gegen den blauen Himmel. Ein langer Stemmkamin nahm uns auf. Er bot uns Halte, doch nur durch die Körnigkeit des Gesteins, die wir voll ausnützen mussten, um uns festzuhalten. Nicht stark genug konnte ich mich in den Kamingrund schmiegen. Und musste ich stillestehen und warten, so blickte ich in eine ungeheuerliche Tiefe, die mir vor den Augen zu flimmern begann, so dass ich den Blick wegwenden musste. Kaum zu ertragen war der furchtbare Abgrund, der nun zwischen uns und allen bewohnten Tälern lag. Ob es uns gelingen würde, je wieder Menschen und Ebenen zu erreichen? Ich dachte kaum darüber nach. Über uns und um uns granitene Mauern. Und immer wieder fand sich ein Weg, um weiter zu kommen, ein Riss, ein Band, eine Wandstufe. Spielend leicht hätte die Natur den Weg verwehren können. Überall so pralle Mauern wie rechts und links von uns, und kein Mensch hätte je zur Höhe gelangen können. Ein wundervoller Mons idealis wäre der Ago di Sciora geworden. Warum auch hier eine Schwäche? Ein Schmerz durchdrang mich trotz aller Siegerfreude: An der Scioranadel wäre es der Natur so leicht gewesen, sich zu vollenden.

Eine Traverse, die sich nicht ohne den Reiz von Grifflosigkeit zeigte, lenkte uns zu einem nassen und tiefen Kamin, über dem sich endlich leichteres Gebiet eröffnete.

In höchster Höhe funkelte die Spitze. Rastlos strebten wir ihr entgegen über die letzte Wand. Dann kam ein Augenblick, der mich an einen wackligen Block fesselte. Ich musste mich verankern und lange warten am Rande des Luftraumes.. Ich werde wohl nie mehr an solcher Stelle stehen im Leben: vor einer reuen Tiefe, in die schweigende Wände lotrecht und überhängend abwärtsschossen, umbordet von silbernen Gletscherströmen. Ich spürte die Lebensfülle mir bisher unbekannter Kräfte in dieser einen Sekunde. Ich war der Sieger über den Abgründen. Wer weiss, im nächsten Augenblicke schon ihr Opfer.

Indes arbeitete sich Rähmi um den fast grifflosen Gipfelblock und schlich in den Kletterschuhen zur Spitze. Wahrlich eine Meisterleistung. Ein zweites Seil wurde befestigt, an dem mein Bruder dahinturnte, und bald trat auch ich den luftigen Gang an. Die Kletterschuhe griffen jede Rauhigkeit der Felsen. Dann enttauchte ich plötzlich dem letzten Stein und stand oben. Nun lagen allüberall lotrechte Wände. Doch wir überragten sie noch. Erdweite floss um mich hin. Wir waren zum Mittelpunkt der ganzen Welt geworden, um den sich die Planeten drehten. Auf der Spitze, die siegreich allen Abgründen entragte, wurden wir aus Menschen der Tat wieder Beschauer. Rähmi sass zufrieden da und sog an der Pfeife. Sein Lob fasste er in die Worte: « Heute haben wir Schneid gehabt! » Doch das Schönste der kurzen Gipfelstunde war nicht die Welt aus Fels und Firn, sondern die vielen Bergeller Dörfer, vorab Soglio, dessen weisse Häuser zu uns heraufglänzten. Kastanienhaine und köstliche Sonnenhitze ahnten wir. Von dort hatte Segantini sein Bild gesehen, dessen Hintergrund die wilde Scioragruppe mit dem Ago bildete. Wie bald mussten wir die Gedanken wieder von der schönen Landschaft wegbringen. Von neuem hiess es, an den Aufbruch denken.

Über die oberste Stelle seilten wir ab. Heikel gestaltete sich die Querung nach dem tiefen Kamin, fast wäre ich gestürzt, weil ich lange Zeit in ungünstigster Stellung nach einem Griffe tastete, der sich nicht finden liess. Der lange Kamin, die Einstiegstelle in die Nadel, alles hatte seine gewissen Tücken, die sich im Abstieg besonders gut ausprägten. Endlich aber erreichten wir den Sattel und schlüpften in die Schuhe.

Lange Stunden noch kostete die Wand in der heissen Nachmittagssonne. Der Schnee war rutschig geworden, und als ein heikles Hindernis erwies sich diesmal besonders die grosse Platte. Im Schutze des doppelten Seiles wurde ihr Widerstand besiegt. Langsam gelangten wir tiefer gegen den Gletscher, immer in einer gewissen Hast und Furcht vor dem Steinschlag. Die letzten Felsen wurden im Sturme übersprungen und der weiche Gletscher durchrannt. Doch kein Stein fiel. Die sonnenvollen Wände schwiegen.

Auf einem Geröllband standen wir still und blickten zurück. Nun war der Kampf der letzten Stunden vorbei, nun fühlten wir unsere Müdigkeit erst und hielten eine lange Rast.

Vorbei. Dass wir vor wenigen Stunden auf der spitzen, mächtigen Nadel gestanden hatten, diese Tatsache kam uns unglaublich vor. Nun wir langsam um einen Felssporn bogen, verschwand gemach der schlanke Gipfel. Einen letzten Blick warf ich zurück und dachte mit Wehmut daran, dass ich nie mehr wiederkehren werde zu diesem Berge, dass ich mit ihm den ersten und einzigen Kampf meines Lebens gefochten. Ein Tag war uns gemeinsam. Doch ist dies nicht schon viel?

Der Abend erschien mir so kampflos und feierlich, als wir der Hütte ent-gegenwanderten. Das kleine Haus schützte uns vor dem Dunkel der Nacht und liess uns den Gedanken ertragen, dass wir von so gewaltigen Bergen umstanden wurden.

Nun sind Jahre vorbei.

Gleich einem Baum auf endloser Steppe steht vor mir die Scioranadel. Vergangen und doch stets gegenwärtig. In ihr erkenne ich alle anderen Berge, in ihr erlebte ich die unzähligen Gipfel der ganzen Erde. Sie ward mir zum Berg aller Berge. Und nun ich diesen steilen Gipfel ganz kenne und den Sinn seiner Welt begreife, stelle ich ihn im Dämmer des Abends noch einmal vor meine Seele. Dann kann ich meine Augen lösen von der ewigen Warte und weiterwandern auf anderen Wegen.

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