Die Überschreitung des Obergabelhorns

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Liliane Burger, Bex

Für uns ist nach wie vor der Aufstieg über einen Grat der schönste Teil einer Bergbesteigung. Man fühlt sich hier weniger bedrückt und freier als in einer Wand. Zudem haben wir beschlossen, das Obergabelhorn von Westen nach Osten, also von Arben zur Wellenkuppe, zu überschreiten.

Im Augenblick sitzen wir alle sechs vor dem Biwak der Sektion Zermatt; wir träumen, den Blick auf die Matterhornnordwand gerichtet.

Dieses Biwak gehört zu unseren schönsten Aufenthaltsorten in diesem Sommer: 6 X 4 Meter gross, aus behauenem Stein, mit hellem Holz ausgekleidet, bietet es Platz für 18 Besucher. Es steht auf einem vom Gletscher umflossenen Felsbuckel - am Fusse der Südwand des Obergabelhorns.

Durch das Tal von Zmutt, dann über die Moräne aufsteigend, haben wir die kleine Hütte ohne allzu grosse Anstrengung erreicht. Allerdings benötigt man Seil und Steigeisen, um hierher zu gelangen, und an gewissen Stellen muss man sogar etwas klettern.

Zwei sympathische Aostataler gesellen sich bald zu uns und werden uns bis zur Rothornhütte nicht mehr verlassen. Dann stösst noch ein Holländer Ehepaar zu uns, das « sein » Biwak besuchen will.

Am nächsten Morgen brechen wir gegen 5 Uhr auf, die Steigeisen schon an den Füssen. Es ist kalt. Wir steigen die Schneefelder hinan und erreichen rasch den Fuss der Südwand, wo leicht zu erklimmende Stufen und Bänder uns zum Grat führen, der aus einer prächtigen Reihe von ockerfarbigen Felsen besteht. Auf der Mountet-Seite breiten sich Schnee und Eis aus - auf der Zermatter Seite strahlt die Sonne auf den trockenen Fels: wir balancieren zwischen zwei Welten! Ein steifer Wind weht, und es wird zusehends kälter.

Kurzer Halt auf dem Gipfel. Es ist Zeit für eine kleine Zwischenverpflegung aus dem Rucksack und ein wenig Geographieunterricht. Der Himmel ist klar, man erkennt sogar den Monte Viso in der Ferne. Unsere Freunde aus dem Aostatal verspeisen ein üppiges Picknick: sie holen aus ihren Rucksäcken sogar Joghurt, verschiedene Käsesorten und... Töpfe mit Konfitüre hervor! Wir können unser Erstaunen indessen verbergen — haben wir doch schon am Abend zuvor den holländischen Touristen dabei beobachtet, wie er fast ein Kilo « Stocki » direkt aus der Schüssel hin-unterschlang.

Es ist Zeit aufzubrechen. Wir sind übrigens schon ganz steif geworden und schlottern in unseren Kleidern, durch die der Wind erbarmungslos hindurchbläst.

« Entschuldigen Sie... auf Wiedersehen... Pardon !» Man hat Mühe, aneinander vorbeizukommen, denn der Gipfel ist nicht sehr breit und... du lieber Himmel, ist es hier steil! Von unserem Platz auf dem verschneiten Grat sieht die Nordwand grandios aus: sie zeigt sich von der Seite und ist von unglaublicher Steilheit! Wir seilen einige Male über die schnee- und eisbedeckten Felsen ab. Dabei bleiben wir ständig auf der Mountet-Seite, am Rande der gewaltigen Wächten, welche die Südseite säumen. Wie schön und eindrucksvoll sie doch sind! Und da verliert Laurent ein Steigeisen...

Der Grand Gendarme versperrt uns den Weg. Das bedeutet einige Meter schönster Kletterarbeit! Ich mag allerdings den Abstieg am Fixseil trotz allem nicht besonders! Es gibt Momente, in denen man die Zähne zusammenbeissen muss und nicht alles aussprechen soll, was man denkt! Noch ein paar Seillängen auf dem verwächteten Grat. Dann folgt der Gegenanstieg zur Wellenkuppe, den unsere Füsse als Wohltat empfinden.

Es herrscht immer noch eine grimmige Kälte, und sie wird uns nicht mehr aus ihrem Griff lassen, bis wir etwa 2 Stunden später — die Steigeisen an den Füssen, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die behandschuhten Hände in die Taschen gesteckt - bei der Rothornhütte anlangen.

Darauf folgt der Abstieg ins Tal, zuerst auf der Moräne, später über blumige Wiesen. Wir machen noch einen kurzen Halt beim « Grand-père-de-V Edelweiss », um unseren Durst zu stillen - und dann haben wir 's geschafft!

Mit weichen Knien und strapazierten Schultern steuern wir auf den Bahnhof zu, wo wir hoffen, uns endlich erwärmen zu können.

Aus dem Französischen übertragen von E. Blaser

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