Die Westwand des Grossen Schreckhorns

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I. Besteigung, B. Juli 1935.

Mit & Bildern und 1 Zeichnung.Von Werner Wedcerf.

S.A.C. und W. A. C.

Am 2. August 1940 turnte ich mit meinem Freund Sepp Huber über den prächtigen Südwestgrat des Grossen Schreckhorns. Jeder Schattenwinkel, jeder kleine Absatz war mit Eis und Schnee verkleistert, die Nord- und Westwände starrten im reinsten Winterkleide. Der Sommer war überaus niederschlagsreich, und im Gebirge fiel ständig Schnee. Wir waren gut gelaunt; unaufhaltsam kletterten wir höher an diesem festen, prächtigen Gneisgrate. Schon hoch oben, bei der Überkletterung eines scharfen Turmes, blickte ich nach links in die schaurige Tiefe der Westwand. « Schau Sepp, dort sind wir vor fünf Jahren durch diese Wand gestiegen! » rief ich meinem Kameraden zu. Ein kalter Wind fegte aus der Tiefe zu uns herauf. Heute war diese Westwand mit Eis und Schnee bepanzert, und uns graute bei ihrem Anblick.

Alte Erinnerungen tauchen mir wieder auf an jene Fahrt. Es war 1935, mitten in der Sturmperiode gegen die letzten unbezwungenen Wände unserer Alpen. Nachdem 1931 die Matterhornnordwand durchstiegen war, wurden Jahr für Jahr die grossen Probleme der Westalpen regelrecht gelöst, und manch stolze Flanke musste sich einen Durchstieg gefallen lassen. Noch war der Bergsommer 1935 kaum angebrochen, so verkündeten schon die Zeitungen die Bezwingung der gewaltigen Nordwand der Grandes Jorasses im Mont Blancgebiet. Jahrelang hatten sich die besten Bergsteiger und Führer aus Chamonix vergeblich um sie bemüht. Am 23. Juni hatte die Wand ihre Bezwinger gefunden, und kurz darauf folgte sogar die zweite und dritte Durchsteigung.

Nun konnten wir nicht mehr länger untätig zusehen. Mein Freund Dr. Oskar Hug verriet mir seinen alten Plan, die Durchsteigung der Westwand des Grossen Schreckhorns in Angriff zu nehmen. Das Wochenende war kaum zu erwarten. Bis Samstagabend 5 Uhr war ich an der Arbeit, als mich Hug und Walter Bickenbach erwarteten. Einige Kameraden umstanden unser Auto, als wir unsere gewichtigen Bucksäcke darin verstauten, und frugen nach unserem Vorhaben. Doch wir bewahrten völliges Stillschweigen. Ein Druck auf den Gashebel, und bald rasten wir durchs kühle Sihltal nach Zug und weiter bis Luzern. Hier erwartete uns Toni Simmen. Bei einbrechender Nacht durchfuhren wir Interlaken, und bald darauf steuerte unser Benzin-ross Grindelwald, dem Gletscherdorfe, zu.

Der Sonntag sah uns schon früh im Anstieg zur steilen Bäregg. Nach kurzer Bast bummelten wir gemütlich weiter. Fast ohne Steigung, immer neben der Moräne des Unteren Grindelwaldgletschers, führt der schmale Pfad. Den rechten Talabschluss ob dem Zäsenberg bildet der gewaltige eisstarrende Zirkus der Fiescherwände. Auch hier haben Menschen einige kühne Durchstiege gefunden. Bei der Bänisegg erblickten wir zum erstenmal DIE WESTWAND DES GROSSEN SCHRECKHORNS.

die dunkle Felsenburg des Schreckhorns mit seiner Westwand. Einige grosse Blöcke, von der Sonne beschienen, luden zur Rast. Die Säcke wurden ab- geworfen .Das Auge suchte, mit dem Feldstecher bewaffnet, nach einer Durchstiegsmöglichkeit. Bald erreichten wir die Felsstufe des « Rotgufers Eisen und Tritte in den harten Felsenleib geschlagen sind. An steilen Grasbändern erfreute uns die prächtige Bergflora, dazwischen stürzten Wasserfälle über Felsen oder zwängten sich die Wasser durch enge Schluchten.

Um die Mittagsstunde erreichen wir das alte, so einzig schön in die wilde Landschaft passende Schwarzegghüttlein. Wir sind heute alleinige Gäste und freuen uns auf einen herrlichen Nachmittag, um auf den warmen Felsplatten lang ausgestreckt zu träumen. Doch als wir nach dem Mittagsmahl vor die Hütte treten, brodeln und wallen feuchte, kalte Nebelmassen vom Tal empor. Bald verschleiern sich auch die höchsten Spitzen, und die vor kurzem so sonnige Welt ist in undurchdringliches Grau gehüllt. Der Rockkragen wird höher gestülpt, und, als bald darauf dichter, feiner Sprühregen fällt, verziehen wir uns fröstelnd ins Hütteninnere. Die heitere, gehobene Stimmung flaut merklich ab. Sollte gerade jetzt, nach wochenlangem Schönwetter, ein Umsturz uns den ganzen Plan vereiteln? In Decken gehüllt liegen wir im Stroh. Auf dem Herd dampft das Teewasser, und an den kleinen trüben Fensterscheiben rieselt der Regen nieder. Nachts 2 Uhr! Schrill rasselt uns der Wecker aus unruhigem Schlaf. Die Nacht ist kalt und sternenklar. Bald lodert das Feuer im Herd und ein kräftiger Trunk stärkt uns für die kommenden Anstrengungen. Um 3 Uhr verlassen wir die Hütte und biegen sofort scharf nach links um die Schwarzegg. Beinhart gefroren ist der Firn, mächtige Lawinenzüge versperren uns den Weg. Der Schein unserer Kerze gaukelt auf und ab über die grossen Blöcke. Steiler werden die Firnhänge. Am Fusse des alten Schreckcouloirs, das von Punkt 3316 m herabzieht, bewehren wir die Füsse mit den Steigeisen. Jeder steigt für sich, der eine in der Fallirne, der andere in grossen Serpentinen. Nur die Zacken greifen knirschend in den gefrorenen Grund. Mit stark abgewinkelten Knöcheln streben wir höher und höher. An den gegenüberliegenden Firnspitzen des Ochs und der Fiescherhörner schlagen golden die ersten Sonnenstrahlen an. An einen kleinen Felsvorsprung gelehnt bewundern wir aufs neue das Werden des jungen Tages aus dunkler Nacht und grauer Dämmerung. Doch nicht lange dürfen wir verweilen, denn lang und unbekannt ist unser heutiges Ziel. In einem letzten steilen Anstieg erreichen wir den runden Schneebuckel des Punktes 3316 m zu Füssen unserer Wand. Gleich einer weissen unbefleckten Schleppe umschmiegt ein kleines Hängegletscherchen ihren Fuss, eingebettet zwischen zwei gewaltigen Graten, dem Anderson-und dem Südwestgrat. Sein Saum bricht in hohen Eiskaskaden zum Kastensteinfirn ab. Unsere zwei Senioren, Oski Hug und Toni Simmen, hatten bereits sämtliche Routen am Grossen Schreckhorn begangen, während Walter Rickenbach und ich seine Bekanntschaft gleich würdig auf neuem Wege machen wollen. Das Schreckhorn war zur Pionierzeit ein Berg der Engländer. Alle seine stolzen Grate und Flanken wurden von Engländern erstmals erstiegen, nur die unnahbare Westwand wartete noch auf ihre Bezwinger. Den Kopf weit ins Genick zurückgelegt überblicken wir die in eisigem Schatten liegende Wand. 800 m höher vereinigen sich Anderson- und Südgrat in der kühnen Spitze im blauen Äther. Mitten durch die Wand führt eine steile Eisrinne bis Zweidrittel ihrer Höhe und endet an dem senkrechten, teilweise überhängenden Schlussbollwerk. Hug schlägt für den unteren Teil diesen Eiskanal als Aufstiegweg vor; doch während wir noch diskutieren, pfeift 's gleich Gewehrkugeln hart an unseren Köpfen vorbei. Nicht gerade freundlich, dieser erste Morgengruss! Statt der gefährlichen Eisrinne wählen wir die rechte stumpfe Felsrippe, die nur leicht aus dem Firn heraustritt und am weitesten auf das Hängegletscherchen herabzieht. In anfangs leichter Blockkletterei kommen wir rasch vorwärts. Vereiste Felsen, kurze Schnee- und Eisbänder lösen sich ab und verlangen hie und da etwas Stufenarbeit. Unsere Rippe verläuft sich bald an der senkrechten rechten Wand.

Von einem Felssporn aus quert Rickenbach unter Stufenschlagen als erster das Couloir nach links zur jenseitigen Gneisrippe. Wir beobachten ständig den oberen Wandteil, um rechtzeitig drohender Steinschlaggefahr zu entgehen. Die nun folgende Kletterei spielt sich an hoher ausgeprägter Kante genau in der Fallirne des Gipfels ab. Wir sind jetzt ziemlich sicher vor Steinschlag, befinden wir uns doch 10-20 m über dem schwarzen Eis des Couloirgrundes zur Rechten. Dröhnend poltern und pfeifen Steine aller Grossen, dem Gesetz der Schwere folgend, durch diese Höllengasse. In warmes Sonnenlicht gebadet glänzen, purem Silber gleich, die gegenüberliegenden Eisriesen des Oberlandes. Trotz anstrengender Kletterei frösteln wir in unserer düsteren Schattenwand. Unsere Rippe gleicht einer mächtigen aufgestellten Waldsäge, zur Rechten zeigen sich meist grifflose, glatte Gneisplatten, die nach links stark überhängen. Dabei gibt 's kein Kneifen! Jeder Sägezahn muss auf seiner Schneide über die Spitze bis in die nächste Scharte überklettert werden.

Es ist doch etwas Eigenartiges, einsame Pfade zu suchen und zu begehen, Pfade, die noch nie ein Menschenfuss betrat. Beständig steht uns das Fragezeichen vor Augen: Wird es gelingen, dem Berg seine schwachen Stellen herauszusuchen und einen Durchschlupf zu finden? Oder müssen wir kurz vor dem ersehnten Ziel unsere Schwäche erkennen und jeden Meter mühsam erklommenen Weges geschlagen wieder zurückwandern? Doch nur voran! Aufwärts drängen unsere Blicke. Ein mächtiger Überhang, gekrönt von grossen Gneisblöcken, versperrt uns energisch den Weg. Mit Schulterstand gelangen wir unter den Dachvorsprung. Prüfend klopft die Faust am harten Gestein. Hohl klingender Ton! Vorsichtig, fast liebevoll darüber streichelnd, schwindeln wir uns unter äusserster Gewichtsverteilung, um ja nichts ins Wanken zu bringen, über die getürmten Quadern. Langsam, aber stetig nähern wir uns der grossen Sphinx. Einige abschüssige schneebedeckte Bänder, unterbrochen von glatten Plattenschliffen, bringen uns direkt an den Fuss der senkrecht aufgetürmten Schlusswand. Überall, wo das Auge hinblickt, rotbraune ungegliederte Gneisfluchten von gewaltigen Dimensionen. Vergeblich suchen wir nach Rissen und Haltepunkten. Plötzlich fahren wir zusammen. Ein furchtbares Getöse und Dröhnen erschallt in den Wänden. Erschreckt blicken wir hinauf zur Höhe. Steinschlag? Nein! Ein Flugzeug schiesst von Osten her haarscharf über den Schreckhorngipfel. Wie losgeschnellt von gespanntem Bogen sticht der silberne Vogel hinab in die Tiefe ins Tal von Grindelwald. Zoll um Zoll haben wir uns emporgearbeitet, in Sekunden durchmisst die Maschine den weiten Raum.

Über den Südgrat fallen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf unseren kümmerlichen Rastplatz. Aber kalt und abweisend, ja höhnisch stemmt der Berg uns immer noch seine gewaltige Brust entgegen. Jegliches Vordringen wird zum voraus abgelehnt, und energisch bietet er uns Halt. Nur ein kühner Umgehungsversuch kann uns dem Ziele näher bringen. Nach links zur obersten Scharte im Andersongrat zieht ein System von Verschneidungen und Rissen. Über glatte Platten hängen mächtige Eiszapfen, Wasserperlen rieseln zwischen Fels und Eis in der warmen Mittagssonne. Mit dem Hammer und dem Pickel entfernen wir grosse Eisstücke, die beim nächsten Aufschlag in feinen Staub zerschellen. Langsam arbeiten wir uns höher; schlecht sind die Sicherungsmöglichkeiten. Der schwere, aufgeweichte Schnee in der steilen Plattenrinne bietet nirgends mehr Halt. Mit Händen und Füssen muss jeder Griff und Tritt freigemacht werden. Eng zusammengedrängt kleben wir am Einstieg eines hohen Kamins. Ich entledige mich meines Rucksackes, hänge einige Haken und Karabiner an den Gürtel, und in der rechten Hand baumelt der Hammer. Die Kameraden nehmen Deckung. Riesenfransen gleich hängen armsdicke Eiszapfen über die vordrängenden Überhänge. Die engen Kaminwände sind dick mit Eis bepanzert. In schwerer Arbeit, mit aufgeriebenen Fingerspitzen, verkralle ich mich in den eisigen Griffen. Der Körper sucht jede mögliche Reibung auszunützen. Mit der Hammerspitze bearbeite ich die harte Glasur. Nun bin ich unter dem Überhang. Ein Siche-rungsmauerhaken fährt mit singendem Ton in eine Felsritze; der Karabiner klinkt das Seil ein. « Anziehen »! rufe ich den Kameraden zu. Der Oberkörper lehnt sich weit aus dem Riss heraus, und mit wuchtigen Schlägen entferne ich den sperrenden Eiswulst. Stücke aller Grossen poltern auf die mit Rucksäcken geschützten Köpfe meiner Kameraden. Ein freier Klimmzug bringt mich in den oberen erweiterten Kamingrund, doch bald verlasse ich ihn und klettere über die linke Wand bis unter die kleine Gwächte der Scharte. Mit dem Pickel schlage ich eine Bresche und verankere ihn tief im Schnee; dann ziehe ich mich daran empor. Das letzte grosse Hindernis ist überwunden. Am Reserveseil werden die Rucksäcke aufgehisst, und die Kameraden folgen nach. In der dritten Nachmittagsstunde stehen wir vier im tiefen Schnee auf der Kante des Andersongrates. Das letzte Stück des Grates nehmen wir im wahren Sturmlauf, und eine Viertelstunde später stecken vier Pickel in der Firnspitze des Grossen Schreckhorns. Zwei Senioren und zwei Junioren beglückwünschen sich freudigen Herzens über den schönen Erfolg. Wenn die Route auch einen kleinen Schönheitsfehler aufweist und im obersten Viertel nicht der Fallinie des Gipfels folgt, so entbehrt der Anstieg doch nicht klassischer Prägung.

Endlich klingt die grosse Spannung aus. Bei wolkenlosem Himmel geniessen wir die herrliche Rundsicht. Nur zu kurz ist unser Verweilen dort oben, denn der Sonnenball nähert sich langsam dem westlichen Horizont. Über den Südostgrat steigen wir zum Schrecksattel ab. Im Couloir liegt trügerischer, nasser Schnee auf blankem Eis. Ein letzter hoher Sprung über den Bergschrund bringt uns auf den Schreckfirn, wo wir uns im aufgeweichten Brei mühsam vorwärts schinden bis zum Gagg. Die nassen, starren Seile werden aufgerollt, die uns so viele Stunden verbunden haben. Über Geröll und Schutthänge springen wir mit dem letzten Licht des Tages um die Wette. Dunkle Nacht steigt aus den Tälern, derweil das letzte Leuchten auf den Firnen erlischt.

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