Direktbesteigung der Nordwand der Cima Grande die Lavaredo

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VON RAYMOND MONNERAT, MOUTIER

Mit 4 Abbildungen ( 26-29 ) Die Verwitterung hat die Dolomiten geformt; deshalb erscheinen sie uns wie Orgelpfeifen, welche unmittelbar aus dem Boden hervorbrechen. Es gibt da keine Gletscher und keinen Firnschnee: die Wände sind zu steil, als dass der Schnee darin hängen bleiben und sich festsetzen könnte.

Die Tre Cime bilden unser Ziel, und dabei ganz besonders die Cima Grande, deren Nordwand eine der berühmtesten und verlockendsten dieses wunderbaren Massivs ist und sowohl die Begeisterung des einfachen Touristen als auch des kühnsten Kletterers erweckt. Im Jahre 1958 hat Lothar Brandler, begleitet von Dieter Hasse, Jörg Lehe und Siegfried Löw, die ungewöhnliche Leistung vollbracht, diese imposante und ausgesetzte Nordwand in der « Direkten » zu erklimmen. Eine grossartige Leistung! Denn wenn auch die Cima Grande di Lavaredo nur 2998 Meter aufweist, so ist die Nordwand doch 550 Meter hoch, vollkommen vertikal und in ihrer mittleren Partie sogar auf 120 Meter überhängend. Und nun sind wir es, die sie zu bezwingen versuchen.

Am Morgen an Ort und Stelle angelangt, richten wir unsern Zeltplatz ein und führen dann am Nachmittag einen Erkundungsgang aus. Auf der Forcella halten wir an; sprachlos stehen wir da:

die Nordwände der Tre Cime in ihrer ganzen Ausdehnung vor uns. Sie verblüffen uns mit ihren Überhängen und glatten Plattenwänden. Wir prüfen sie und tasten sie mit unsern Blicken ab, um schliesslich die Stelle zu finden, wo wir unsern Einstieg ansetzen können. Morgen soll der Angriff erfolgen, denn das Wetter scheint beständig zu sein. Sobald wir zu unsern Zelten zurückkommen, herrscht Aufbruchstimmung. Die Säcke werden mit Duvet-Westen, dem leichten Material für das Biwak und der Verpflegung gefüllt. Die Kletterausrüstung wird gleichmässig unter uns alle verteilt, und jeder nimmt vier Haken, etwa fünfzehn Karabiner und einen Hammer mit sich. Ich selbst werde den Aufstieg mit meinem Kameraden Bernard unternehmen.

Wir erwachen vor Tagesanbruch, nehmen rasch ein Frühstück ein und ziehen los. Die Tre Cime, welche zuerst hinter einem leichten Nebel verborgen waren, treten allmählich zaghaft hervor. Einige Wolken ziehen am Horizont dahin; die Sonne geht mit rötlichem Schein auf. Ein schlechtes Vorzeichen, aber was macht uns das aus! Wir werden im Schütze der Wand bleiben, selbst wenn es regnen sollte, auf alle Fälle am ersten Tag. Der den Touristen gut bekannte Pfad zieht sich am Fusse der Wand entlang und führt uns zur Einstiegstelle. Ich seile mich an, nehme das nötige Material... und ziehe los. Die ersten zwei Seillängen können heute mit der « Superdirekten der Sachsen » kombiniert werden, was die Schwierigkeit beträchtlich vermindert. Währenddem wir die ersten Meter der Felsen erklettern, erreichen drei junge Deutsche den Fuss der Direttissima; sie werden während der ganzen Besteigung unsere nächsten Kletterkameraden bleiben. Gerade jetzt sind wir an einer Verschneidung beschäftigt, welche zum Teil aus Geröll besteht und die nach 80 Metern in ein gutes Felsband ausmündet. Darüber erhebt sich eine gelbe, glatte Wand, welche ins Ungewisse führt; sie ist mit Haken versehen und muss von den Deutschen benützt worden sein, als sie im Winter 1964 die « Superdirekte » ausführten.

Für unsere Seilschaft zu zweien und diejenige unserer Kameraden Jean, André und Michel, welche zwangsläufig langsamer vorrücken, handelt es sich jetzt darum, einen Quergang von 20 Metern nach links vorzunehmen, um die Route Brandler zu gewinnen. Wir klettern eng aufgeschlossen und stehen plötzlich unmittelbar vor dem Abgrund: die Wand fällt direkt zu unsern Füssen ins Bodenlose ab; ohne uns umzuwenden, erblicken wir zwischen unsern Beinen hindurch, ganz unten, das Geröllfeld. Die Griffe werden immer seltener, die kompakten Felsen bieten nur wenig Gelegenheit, Haken einzuschlagen, und der sechste Schwierigkeitsgrad ist erreicht. Etwas weiter oben löst mich Bernard ab. Gerade jetzt hängt er an einem Steigbügel über mir, und wir freuen uns mächtig über diese ausgesetzte Turnerei. Mein Kamerad erreicht bald einen Standplatz, nachdem er einen Vorsprung in künstlicher Kletterei erzwungen hat, dann eine vertikale Mauer, wo die ersten perforierten, geschmiedeten und an den Enden zugeschliffenen Cassin-Haken in Erscheinung traten.

Die Standplätze sind so schmal, dass wir es meistens vorziehen, in den Steigbügeln anzuhalten. Nach und nach gewinnen wir etwa 100 Meter an Höhe. Bei diesen Gleichgewichtsübungen, die unsere ganze Aufmerksamkeit erfordern, bei denen die Nerven einer starken Belastung ausgesetzt sind, fliegen die Stunden rasch dahin. Wir sind dann auch sehr glücklich, als wir einen bequemeren Standplatz erreichen: ein kleines, nach aussen geneigtes Felsband, auf welchem wir ohne Steigbügel aufrecht stehen können. Die Wand ist so steil, dass ein Stein im freien Fall, ohne aufzuprallen, direkt auf dem Geröllfeld unten aufschlägt. Es folgt ein neuer, nach links ansteigender, besonders schwerer Quergang von einigen Seillängen, und zwischen meinen Beinen hindurch entdecke ich lotrecht unter mir meine Kameraden der zweiten Seilschaft. Auch bei ihnen scheint alles gut zu gehen.

Eine neue Seillänge: ein Haken hält gut, der zweite bleibt mir in der Hand. Eine ungemütliche Überraschung in einer solchen Lage! Bernard greift hierauf einen horizontalen Quergang an, welcher zu einer Spalte führt, die bald zu einer eindrücklichen Verschneidung wird. Zum Glück ist die m »?

Dent Blanche - Nordwand

23Route K. Singer und F. Singer ( 26.27. August 1932Route Michel und Yvette Vaucher ( 10.13. Juli 1966Biwaks Photo Andre Rodi © Einstieg ( etwa 3400 m ) Sehr schwierige Partie ® Mittleres Schneefeld Terrasse des ersten Biwaks nicht mehr sehr fern. Wir erreichen sie, nachdem wir ein kleines Kamin in V-Form und einen weitern Quergang von 30 Metern bewältigt haben. Welche Erleichterung, dass wir in dieser vollkommen lotrechten Wand das gefunden haben, was man eine wirkliche Terrasse nennt! Die einzige übrigens, welche unter den Überhängen als Biwakplatz dienen kann. Es ist 9 Uhr 30. Welch ein unglaublicher Luxus! Wir können uns hinsetzen und unsere Kameraden beobachten, die einige Seillängen unter uns mit Leichtigkeit vorwärtskommen Die deutsche Seilschaft hingegen bietet uns ein Schauspiel besonderer Art. Wenn man diesen drei jungen Alpinisten zusieht, so hat man den Eindruck, als bewegten sich Spinnen in der Wand. Welche Sicherheit und welche Kraft in jeder Bewegung!

Nach einer kurzen Pause brechen wir wieder auf. Bernard arbeitet sich über eine vertikale Mauer in Richtung des ersten Daches, und unverzüglich treten die Steigbügel in Anwendung. Es handelt sich für meinen Kameraden darum, einen Überhang zu überwinden, eine Riesentreppe, die auf dem Kopf steht. Ich überwinde sie ebenfalls, und schon sind wir mit Hilfe der Steigbügel auf einem winzigen Standplatz wieder beisammen. Wir wissen, dass der zweite Teil der Überhänge der schwerste und mühsamste der Besteigung sein wird. Wir müssen darum in diesem äusserst gefährlichen Abschnitt ganz besonders bei der Sache sein. Und wirklich, jeder Meter unseres Vorrückens drängt uns von der Wand ab, und es kommt der Moment, wo ich hinter Bernard frei in der Luft hänge. Ich glaube, dass ich bestimmt noch nie eine so heikle und auch kitzlige Stelle bewältigt habe.

Der Aufstieg geht weiter, wider Erwarten ebenso beschwerlich wie vorhin. Am Ausgang des Daches führt uns eine letzte Seillänge, dieses Mal in ausgesetzter Kletterei, zum zweiten Biwakplatz, einer ausgezeichneten Plattform, wo uns unsere Freunde bald einholen. In einer Metallschach-tel finden wir ein Heft mit den Namen der Kletterer, die vor uns aufgestiegen sind. Mit Freude tragen wir uns ein. Wir richten das Biwak ein, befestigen die Sicherungshaken und hängen das Material auf. André reicht seine Wärmerlasche herum und bereitet uns ein bescheidenes Mahl. Plötzlich macht sich die Müdigkeit bemerkbar, und ein Gefühl der Einsamkeit erfasst uns. Was Wunder, nachdem wir während Stunden unsere ganze Kraft eingesetzt haben, um die 350 Meter zu bezwingen, welche uns vom Fusse dieser riesigen Nordwand trennen!

Nach diesem Biwak, welches nichts weniger als bequem war, freut man sich über den anbrechenden Tag. Aber es will nur langsam hell werden, und eine graue Nebelmasse verhüllt die Tre Cime vollständig. Unsere Stimmung wird aber davon nicht beeinflusst; wir greifen wieder mit Eifer an. Jean übernimmt diesmal die Führung der Seilschaft. Gerade über unserem Biwak überwinden wir noch eine Stelle des sechsten Grades und einen Überhang A3. Unser Vorrücken wird dadurch verlangsamt, dass der Schnee, welcher an den vorangegangenen Tagen weich geworden ist, bei der, Wärme zu schmelzen anfängt. Sehr unangenehme Wasserfälle überschütten uns jeden Moment und begleiten uns bis zum Ausstieg aus der Wand. Aber das ist für uns ohne Bedeutung, denn wir werden unser Ziel bald erreicht haben!

Noch einige Seillängen an einer sehr steilen Stelle in ausgesetzter Kletterei, ein « Briefkasten », welcher auf einen mächtigen, eingeklemmten Block folgt, den wir überwinden mussten,und wir sind in einem grossen Kamin. Jetzt ist der Gipfel in nächster Nähe; wir erreichen ihn um 13 Uhr. Glücklicherweise hat die Sonne den Nebel aufgelöst und umfängt uns mit ihren wärmenden Strahlen - eine kleine Entschädigung für die ununterbrochenen Anstrengungen, welche wir bei dieser ganz besonders reizvollen Besteigung aufgewendet haben. Jetzt liegt die Wand zu unsern Füssen. Glücklich, dass auch uns der Durchstieg gelungen ist, gedenken wir mit Anerkennung und Bewunderung der Kletterer, welche eine der schönsten Routen der Alpen so glänzend eröffnet haben.

( Übersetzung Jakob Meier ).

4 Die Alpen-1967 -Les Alpes49

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