Dôme-de-Miage-Nordwand

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Erich Van s, Wien

( Bild io ) Das Dorf Les Contamines-Montjoie und die sanften Skihänge westlich des Ortes haben sich in den letzten Jahren zu einem typisch französischen, supereleganten Skizentrum entwickelt. Ob zu ihrem Vorteil, möge dahingestellt bleiben. Der im Osten dominierende Berg des Tales aber, der Dôme de Miage, ragt heute einsamer denn je empor, was durchaus als positiv zu werten ist. Der beste Beweis für das Aschenputteldasein des Dôme de Miage liefert das « Hotel de Trélatête »: Obwohl es neben der biwakschachtelähnlichen Durierhütte am Col de Miage keinen andern Stützpunkt an diesem Berg gibt, ist es seit Jahren geschlossen und macht einen ruinenhaften Eindruck. Nun, für die Nordanstiege muss man auf alle Fälle am Wandfuss biwakieren, will man nicht von den nur 1500 Meter hoch gelegenen Alpen ausgehen.

So also findet der Bergsteiger im « überlaufenen » Mont-Blanc-Gebiet noch eine Oase der Ruhe, wie etwa an der Fletschhorn-Nordseite. Man fühlt sich hier um ein Jahrhundert zurückversetzt.

Über die Glaciers de Covagnet und Miage erheben sich auf einer Breite von etwa zweieinhalb Kilometern Eisanstiege von 500 bis 1000 Metern. Über Pfeiler, Flanken und durch Rinnen führen Eisrouten der verschiedensten Schwierigkeitsgrade. Welchen dieser Wege man gehen soll, bleibt der Phantasie und dem Können künftiger Aspiranten überlassen. Oft wird die Entscheidung aber auch von den jeweiligen Eisverhältnissen abhängen. Eines jedoch wird man auf alle Fälle hier finden: das Erlebnis einer unberührten Urlandschaft.

Sommer 1969. Ein Hoch erstreckt sich von Island bis zu den Karpaten. Europa stöhnt unter der Hitze. Seit über vier Wochen brennt die Sonne auf unseren alten Kontinent und hat die Städte in Brutkästen und die Ebenen in Steppen verwandelt. Vier Wochen Sonnenschein — das müsste doch den besten Bergsommer seit Jahrzehnten ergebenUnd es ergibt - den unfall-reichsten Sommer, zumindest in Chamonix. Die Gluthitze weicht den Firn grundlos tief auf und lässt ihn auch in der Nacht nicht mehr gefrieren. Die Frostgrenze liegt über 5000 Meter, und damit fällt die bindende Wirkung des Schnees aus. Steinschlag und Lawinen haben freien Lauf, der nicht einmal mehr während der Nacht gehemmt wird. Die Folge davon ist, dass der Motorenlärm des Rettungshubschraubers der französischen Gendarmerie zum vertrauten allmorgendlichen Weckgeräusch wird. Orte der Unfälle sind sowohl Normalrouten wie jene auf die Aiguille du Goûter und den Mont Maudit als auch Steileisfahrten wie Spencer- und Gervasutti-Couloir. Dass aber auch Felsanstiege auf diesen grossen Bergen jetzt abnormal steinschlaggefährdet sind, beweist der Unfall von Golikow und Lehne am Walker-Pfei-ler. Um 2 Uhr nachts wurden sie im Biwak von einer Steinschlagsalve überrascht. Karl Golikow wurde am Bein getroffen. Im Krankenhaus von Chamonix diagnostizierte man einen Oberschenkelbruch. Als Golikow trotz Behandlung immer wieder über Schmerzen klagte, stellte man zehn Tage später auch noch einen Unterschenkelbruch fest. Dabei ist mein Freund Karl noch gut weggekommen; sein Gefährte Jörg Lehne, der Erstbegeher der Grossen-Zinne-Direttissima und der Eiger-Winterdirettissima, ist von der gleichen Salve tödlich getroffen worden.

Um dieser Steinschlaggefahr der Eisrouten bzw. der kombinierten Touren auszuweichen, verlegen wir uns vorerst trotz Egberts leisem Murren auf reine Felsfahrten, wie die Ecandies-Über-schreitung, den Burggasser-Leiss-Weg in der Dent-du-Geant-Südwand oder den Grand Miroir in den Waadtländer Alpen. Aber selbst diese Felsklettereien sollten nicht zu lange dauern, da um die Mittagstunde fast täglich mit Gewittern zu rechnen ist, was im übrigen die Unfallrate nicht unwesentlich erhöht.

Nach einigen solch kürzeren Felstouren werden die Proteste Egberts unüberhörbar. Er will einfach ins Eis! Mit meinem ehemaligen Eisschüler ist es halt wie mit dem Zauberlehrling: Ich habe ihn zehn Jahre zuvor so für das « rutschige » Element begeistert, dass er nun auch die schönsten Felsklettereien nur mit halber Begeisterung angeht. Und während wir andern nach einer Reibungsplatte schwärmen, rümpft « Lord Egbert » nur die Nase und meint, das Ganze sei unästhetisch: « Man schwitzt ja dabei. » Ja, die Geister, die ich rief, werd' ich nicht mehr los!

Um Egbert von einer eventuellen vorzeitigen Heimreise abzuhalten, werden wir inkonsequent und suchen trotz besserem Wissen, dass jetzt kein WetterfürEistourenist, nach einersolchen. Sie sollte allerdings auch relativ kurz und den objektiven Gefahren nicht allzu ausgesetzt sein. So fällt denn die Wahl auf die Dome-de-Miage-Nordwand.

Nach dem Mittagessen verlassen wir unser Zeltlager in Argentière und fahren das Arvetal abwärts, über Chamonix nach St-Gervais. Dort biegen wir nach Süden ins Vallée de Montjoie ab. Damit gelangen wir aus der Schwüle der Niederungen in die nicht minder drückende Schwüle des Hochtales. Am Parkplatz im Ortszentrum von Les Contamines ziehen wir uns diesmal nicht um, sondern nur aus. Lediglich mit Bergschuhen und Badehose bekleidet und mit einem Riesen-rucksack « versehen », dem etliche Kleidungsstücke obenaufgeschnürt sind, marschieren wir los. Unser Anblick muss eine wahre Pracht sein, im negativen Sinn, wohlverstanden, und passt nicht schlecht zum steilen, oft weglosen Anstieg durch den Buschwald hinauf zum Lac d' Arman-cette. Nicht nur die spazierenden Feriengäste betrachten uns verwundert, auch sämtliche Fliegen und Mücken der Umgebung schenken uns ihre Aufmerksamkeit und wechseln angriffslustig vom lieben Alpvieh auf unsere schweisstriefenden Körper über. Egbert findet es trotzdem herrlich; es geht ja einer Eistour entgegen!

Auf etwa 2400 Meter, bei der letzten stärker ausgeprägten Vegetation, beziehen wir unser vor- geplantes Freilager. Das Bett besteht aus einer Grasmulde zwischen Felsblöcken, über die sich als Dach der Himmel wölbt, der sich zu unserer Beruhigung an diesem Abend nicht bewölkt. Hätte es auch heute das schon obligate Nachmittagsgewitter gegeben, dann wäre unser « Gras-bett » unweigerlich zum « Wasserbett » geworden. So aber gibt es einen gemütlichen Abend und eine zauberhafte Nacht. Es ist so warm, dass wir es nicht für nötig halten, in den Biwaksack zu schlüpfen. Über uns wölbt sich das Firmament und erinnert an ähnlich stimmungsvolle, wenn auch kältere Nächte im Kaukasus und in Asien. Lange liegen wir wach, während meine Gedanken in jene fernen Gebirge und zu den Freunden von damals ziehen. Ich denke vor allem an « Petja », an Peter Lavicka, meinen Gefährten von der Besengi-Mauer-Überschreitung und der Pik-Lenin-Nordwand. Wie viele Nächte haben wir gemeinsam unter dem Sternenzelt verbracht und miteinander philosophiert! Nun ist auch Peter tot; er wird mit noch vier Kameraden am Dhaulagiri IV vermisst. In solchen Stunden aber weilen die toten Freunde wieder unter uns. Irgendeine Geste, irgendein Wort hat sie für uns unvergesslich gemacht: Peter wurde es für mich mit seiner des öfteren in breitem Wiener Dialekt vorgebrachten Frage: « Erich, soll ich dir an Sputnik fangen? » Ohne eine Antwort abzuwarten, suchte er dann stets vom Biwaksack aus das klare Firmament ab, bis er einen der winzigen, hell strahlenden künstlichen Sateliten erspähte, um ihn mir als Geschenk darzubringen. Wie viele Biwaknächte hat er uns dadurch verkürztDer Morgen im Kar von Armancette ist weniger stimmungsvoll: Udo weckt mich mit unsanften Rippenstössen; ich hätte geschnarcht! Pure Verleumdung; ich streite alles ab. Doch da es bereits halb vier Uhr ist, stehen wir widerwillig auf und kochen den Morgenkaffee. Die Nacht ist noch immer warm. Das ist zwar beim Frühstücken recht angenehm, verspricht aber für die in Aussicht stehende Eistour zermürbendes Schneestapfen, Lawinen und Steinschlag.

t Der Fieschergletscher, von der « Wange » aus gesehen; hinten links das Finsteraar Rothorn ( 3530 m ), rechts das Oberaarhorn 2Gletscherspalte im Aletschgletscher 3Bergsteiger-Stilleben am Aletschgletscher 4vom Finsteraarhorn ( 4274 m ) mit seiner Ostwand über dem Studerfirn Zwei Stunden später beginnen die Unannehmlichkeiten tatsächlich. Wir stapfen auf 3000 Meter auf der Firnterrasse des Covagnet-Glet-schers den Bergschrund entlang und suchen nach einem zumutbaren Anstieg. Sollen wir die NNW-Wand ( Kote 3669 ) angehen oder das Couloir links davon, das am Grat zwischen P. 3633 und 3666 mündet? Sollen wir die NW-Rippe zum Gipfel ( 3633 m ) in Angriff nehmen oder noch mehr östlich die NNW-Flanke zur gleichen Erhebung? Wir wühlen in den Möglichkeiten der 500-Meter-Eisanstiege wie eine kapriziöse Kundin in der Stoff-Wühltruhe. Die ersten beiden Anstiege haben Séracs in der Flanke, die jederzeit abzurutschen drohen, der dritte zuviel Fels für Egberts Geschmack. Endlich einigen wir uns auf die letzte der vier genannten Routen; vielleicht nur, weil wir zu träge sind, nochmals zurückzustapfen. Auch wir handeln wie ein unentschlossener Kunde, der prinzipiell erst im fünften oder zehnten Geschäft kauft — dann, wenn bereits die Ladensperre naht oder er müde, abgekämpft und vom übergrossen Angebot verwirrt ist. Ich kenne meine Pappenheimer bzw. Kunden auch in dieser Branche - als Kürschner und Besitzer eines Pelz-modengeschäftes.

Doch nun stehen wir am Bergschrund, und hier helfen keine Kenntnisse der Verkaufspsychologie - allerdings auch keine Eiserfahrung. Hier benötigt man nämlich nur die Ausdauer einer Schneefräse: Mühsam, Schritt um Schritt stapfen wir empor, wühlen förmlich einen Graben in den Steilhang. Es ist wirklich keine Engelsleiter, zumindest nicht nach meiner Ansicht. Egberts Augen aber leuchten: Er steht ja in einer Eisflanke! Gelegentlich spürt man das Eis sogar, und zwar wenn einmal die Steigeisenzacken durch den tief aufgeweichten Schneematsch hindurch auf dem darunter befindlichen Grund kratzen.

Alles in allem gestaltet sich die Tour weder 5Blick vom Finsteraarhorn auf Gross- Wannenhorn, Schönbühlhorn, Fiescher Gabelhorn, Aletschhorn. Ganz hinten die Walliser Alpen 6Blick vom Oberaarhorn auf Oberaargletscher, Oberaarsee und den Aargrat Photo« Karl-Wilhelm Specht. Mülheim id. Ruhr schwierig noch schön - nur gefährlich. Gefährlich, weil zu befüchten ist, dass der ganze Hang abrutscht und wir mit ihm. Der bodenlose Schnee liefert selbst für Egbert Grund genug, nach 200 Metern doch zur NW-Rippe auszuweichen. Nach vier bis fünf Seillängen diagonal nach rechts haben wir endlich sicheren Grund unter uns. So glauben wir zumindest. Doch es ist, wie wenn sich ein Nichtschwimmer endlich ans Ufer rettet und feststellen muss, dass es Moorland ist. Man versinkt hier zwar nicht mehr bis zur Hüfte im Matsch, doch der brüchige Fels droht genauso unter uns wegzurutschen wie daneben der Firn am Lawinenhang. Wenn man übertreiben wollte, könnte man behaupten, wir versinken bis zu den Waden im lockeren Gestein. Es ist gleichsam ein « Tanz auf rohen Eiern », dieser « Tanz » über diese steile « Kokshalde » hinauf zur Gratkante. Erst dort wird die Festigkeit des Gesteins etwas besser. Noch immer gibt es keine technischen Schwierigkeiten, doch der Schleichgang muss bis zur Gipfelwächte fortgeführt werden.

Ich bin ehrlich enttäuscht von dieser Tour. Aber daran ist nicht die Dome-de-Miage-Nord-wand schuld, sondern die Verhältnisse sind es, und vor allem wir selbst, dass wir sie bei diesem Wetter doch durchstiegen haben. Dieses Urteil aber wird nur von Udo und mir gefallt; Egbert ist zufrieden und bleibt es auch bei dem etwa siebenstündigen Abstieg über den Glacier de Tré la Tête. Obwohl strömender Regen und Nebel vom Gipfel bis Les Contamines zum Auto unsere ständigen Begleiter bleiben und uns bis auf die Haut durchnässen, fühlt er sich wohl: « Was wollt ihr mit eurem Nörgeln, das war alpin; es war doch schön! » Und beinah gelingt es ihm sogar, auch uns zu überzeugen, denn jetzt, aus dem Blickwinkel der Erinnerung, überwiegt das Schöne, und der Rest wird mit einem Schmunzeln abgetan...

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7Auf dem Gipfel der Aiguille du Chardonnet ( 3824 m ). Blick der Aiguille Verte und zum Mont Blanc 8Cabane du Trient und Aiguilles Dorées

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