Dr. A. Bähler: Der Sustenpass und seine Thäler

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Prof. Dr. E. Wälder: Heinrich Zeller-Horner. Neujahrsblatt des Waisenhauses in Zürich für 1900.

Virgile Rössel: Nivoline, Poème Alpestre. Neuchâtel. Attinger frères.

Henri Ferrand: L' Alpinisme. Grenoble 1899.

Die hier zu besprechenden Werke beschreibender und belletristischer Litteratur haben das Gemeinsame, daß sie alle drei von Clubgenossen verfaßt sind und sich mit Dingen befassen, die dem Alpenclub nahe stehen. Dr. Bähler, welcher schon mehrere Proben seiner Detailkenntnisse des Berner Oberlandes gegeben hat, tritt hier wiederum mit einem Schriftchen vor die Öffentlichkeit, in welchem Mitteilungen aus der Geschichte, Sage, dem Bergbau und Verkehrsleben mit solchen über Touristik und Alpinistik eines Gebirgsthales verbunden sind, und wie seinerzeit bei seiner Broschüre über Grimsel-Hospiz und -Straße, verweilt er mit Liebe bei der Schilderung älterer Zustände. Im Thal der Gadmeraar sind diese auch interessant genug, und der Verfasser giebt uns ein anschauliches Bild von dem Betrieb des „ Eisenwerks im Mühlethal " von 1416—1813. Die daran sich anschließende, nach Kasthofer erzählte Sage von einem ermordeten italienischen Kaufmann und dessen Rache durch das Gadmenwasser, in welchem die Mitglieder der Mörderfamilie nacheinander ertrinken müssen, scheint mir viel weniger echt als die ebenfalls erwähnten Erzählungen des Gadmervolkes von Zwergen und Wichtelmännchen im Gebiet der Trift und von einem ehemals mildern Klima, geheimnisvoll verschwundenen Ansiedelungen hoch oben im Gebirg, Pflasterwegen ins Wallis u. s. w. Ich bin auch überzeugt, daß diese Sagen und Namen nicht von dem ehemals weiter verbreiteten Bergbau, den ich freilich nicht bezweifle, stammen, sondern direkt aus dem Paradies. Sehr lustig zu lesen sind auch die Sagen von dem grauslichen Stollenwurm, der noch um 1814 im Gadmenthal von glaubwürdigen Leuten gesehen wurde und der mir ein entfernter Vetter von Scheuchzers Drachen zu sein scheint. Auf sichererem und ihm auch wohl vertrauterem Terrain bewegt sich der Verfasser, der seinem Büchlein die Form einer Wanderung von Innertkirchen nach Wassen gegeben hat, wenn er, im oberen Abschnitt des Gadmenthales angelangt, von der ( unbedeutenden ) Marmorindustrie, Krystallsuchen, von der Lawinennot, und auf der Paßhöhe und beim Abstieg durch das Meienthal von dem alten Verkehr über diesen Paß, von dem Versuch einer Fahrstraße und von den Kämpfen an der Meienschanze erzählen kann. Dies sind die wertvollsten Partien der kleinen Arbeit, die ich darum zur Lektüre empfehlen kann. Nicht ganz genügend sind die eingestreuten Bemerkungen über die von Gadmen, Stein, dem Meienthal aus zu machenden Besteigungen und Hochpässe. Über den Titlis, beziehungsweise seine erste Besteigung, ließe sich doch Genaueres, auch mit wenig Worten, sagen, als „ sie fällt in die Mitte des vorigen Jahrhunderts und ist von einem Klosterbruder von Engelberg ausgeführt worden ". Angehängt ist dem Buch, als aktuelles Interesse gewährend, der Bericht von Dr. Jegerlehner über den Fund der Leichen von Dr. Mönnichs und Dr. Ehlert am Steingletscher. Die Illustrationen sind gut gewählt und ordentlich ausgeführt.

Mit Heinrich Zeller-Horner, dessen Andenken Herr Prof. Walder ein Neujahrsblatt gewidmet hat, ist wohl der letzte Panoramenzeichner der alten Schule zu Grabe gegangen und zugleich der letzte Mitarbeiter an den „ Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz ", mit welchem Werk bei uns die neuere alpine Litteratur beginnt. Daneben war Zeller ein Pionier der Alpenforschung in dem Sinne, daß er sich für wenig bekannte Gebiete und deren kartographische Festlegung interessierte und hierin den gleichzeitig arbeitenden Fachmännern wie Keller, Dufour und Siegfried an die Hand gegangen ist, soweit ein Dilettant das kann. Professor Walder ist nun dem artistischen und topographischen Verdienste Kellers mit seiner Arbeit gerecht geworden und hat außerdem, zum Teil aus handschriftlichem Material, die Itinerarien Zellers klar gelegt, auch einige nicht bekannte Besteigungen beigebracht. Die Liste zeigt von 1825—1884 folgende namhaftere Gipfel und Pässe ( die Reihenfolge ist nicht chronologisch ): Kamor, Hohenkasten, Fließ- oder Rotsteinpaß, Gemmi, Grimsel, Sidelhorn, Jochpaß, Rawyl, Col de Balme, Mont Joli, Dent de Jaman, Rocher de Naye, Rigi, Pilatus, Speer, Drusberg, Titlis, Plankengrat, Surenen, Uri-Rotstock, Grassen resp. Bärengrube, ( Engelberger ) Rotgrätli, Bristenstock, Göscheneralp, Sandpaß, Glärnisch, Kammligrat, Roggen- oder Lawinenzughorn, Fuorcla Zodrell, Silvretta-Paßhöhe, Piz Beverin, Piz Tschierva, Frunthorn, Kirchalphorn, Marscholhorn, Bärenhorn, Piz Cavel, Alteis, Balmhorn, Eggishorn, Pas de Bœuf, Col de Sorrebois, Col de Torrent. Man sieht, das sind verhältnismäßig bescheidene Höhen, aber die Auswahl ist die eines Zeichners und Topographen, der zu diesen Zwecken in den Bergen reist. Vermißt habe ich in Herrn Walders Arbeit eine Zusammenstellung und Würdigung der litterarischen Arbeit Zellers, die immerhin erwähnenswert ist. Eines der Panoramen, und zwar, wie Herr Walder urteilt, eines von den besten, ist als Lithographie beigegeben: Blick vom Drusberg in die Glarner Alpen, 1830 aufgenommen. Inwieweit die Reproduktion gelungen ist, kann ich nicht beurteilen, andere Zellersche Originale, die ich gesehen habe, zeigen frischere Farben, hier ist der Vordergrund etwas monoton schwarzbraun. Aufgefallen ist mir, daß es auch hier, pag. 13, vom Titlis heißt: „ ein Klosterbruder soll ihn im Jahr 1739 oder 1744 bestiegen haben ". Auch ist das Verhältnis zwischen H. Zeller und G. Studer nicht so lau gewesen, wie es nach der knappen Bemerkung, pag. 42, scheinen möchte.

Wenn ich die Nivoline von Prof. Virgile Rossel hier bespreche, so bin ich mir bewußt, galant zu sein, denn ich bin sonst geneigt, die Poesie — die gereimte, meine ich — vom Jahrbuch S.A.C. in jeder Form fernzuhalten, aber das so betitelte alpine Gedicht spielt in Zinal, und damit bringt man mich zu allem, selbst zum Recensieren von Gedichten.

Die in sehr hübschen Versen erzählte alpine Geschichte darf sich übrigens in unserer Gesellschaft wohl sehen lassen, denn die uns vertrauten Namen, wie Weißhorn, Rothorn, Trift, immer in der deutschen Form, was ich besonders hervorhebe, wimmeln darin nur so. Auch ist sie durchaus anständig und doch interessant genug. Ein junger Mann, Roger Verneuil, „ qui n'est qu'un bon Genevois, ayant moins de vigueur que de geste et de voix ", ist nach Zinal gekommen, hat unterwegs eine junge Schöne des Thales, mit dem poetischen, aber ungewöhnlichen Namen Nivoline, getroffen und sein momentan unbeschäftigtes Herz an sie verloren. Die Tändelei, die von ihrer Seite kaum erwidert wird, bringt ihn in Konflikt mit einem Führer, Pierre Monnet, dem Verlobten Nivolines, einem durchaus braven, aber, wie begreiflich, in diesem Punkt nicht verträglichen Charakter. Ein sympathischer Engländer — es giebt, scheint es, bei uns noch solche — Tom Baxter sucht ihn durch eine Gewaltkur zu heilen, indem er ihn ohne Führer auf alle möglichen Berge schleppt, wobei Roger gelegentlich die Rolle des Rucksacks spielt. Dabei ist ein Besuch der Mountethütte und eine Besteigung des Besso anschaulich und mit Humor geschildert. Nachdem es bei einem ländlichen Feste fast zu einer Eifersuchtstragödie gekommen, wird die Spannung dadurch gelöst, daß Roger, der mit Baxter einen Sonntagsspaziergang „ du côté du Weisshorn " gemacht und dabei durch einen Stein an den Kopf getroffen worden ist, von Pierre und Nivoline, die ebenfalls „ du côté du Weisshorn " spazieren gegangen sind, gerettet wird, wobei — und das ist sehr artig erzählt — der widerwillige Pierre von Nivoline mit den Worten „ Sois un mauvais chrétien, n'accomplis même pas ton clair devoir de guide " auf den rechten Weg und zu dem Entschluß gebracht wird, den Rivalen zu retten, das heißt ins Thal hinabzutragen, wo er, von seiner Wunde und seinem Liebestraum gleichzeitig genesen, von den Liebenden mit dem braven Versprechen Abschied nimmt, zu ihrer Hochzeit zu kommen. Man sieht, das ist nicht Fin de siècle-Poesie, sondern, wenn vielleicht etwas altväterisch, doch gesunde Litteratur, würdig, dem Andenken von Rambert und Javelle gewidmet zu sein. Die zwei eingestreuten, reizenden Gedichte „ sur l' épaule un manteau blanc " und „ les clous, les clous, les bons gros clous " könnten sogar von ersterem sein, wenn sie nicht von Rossel wären. Die Illustrationen von Mlle Archinard, kleine Autotypien im Text sind gut gewählt, aber in der Ausführung etwas flau.

Die Rede endlich, mit welcher M. Henri Ferrand den Präsidentenstuhl der Académie delphinale in Grenoble schon am 14. Januar 1898 übernahm und die 1899 in einem Separatdruck erschien, ist ein Muster guter, akademisch-eleganter, französischer Rhetorik zur Empfehlung von Bestrebungen, die in Grenoble wohl gut eingebürgert sind, sonst aber beim französischen Publikum nur äußerlich Mode scheinen. Darf ich wagen, zu bemerken, ohne Vorwurf, wohlverstanden, daß der Text ein klein wenig theatralisch ist, etwa wie das Titelbild „ Au sommet ", reproduction d' une Statuette du sculpteur genevois Georges Hantz. Ganz reizend finde ich die Vignetten im Text, Alphütten und Alpenpflanzen.

Redaktion.

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