Ein Erlebnis auf einem Hüttenpfad

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Von Paul Burkhalter

( Langenthal ) Ein blasser Sonnenschimmer liegt über dem Grimselsee. Die Viertausender des Hintergrundes stecken leider in den Wolken. Über die Krone der gewaltigen Staumauer ziehen wir ans linke Seeufer hinüber und halten Einzug ins Unteraar. Gemütlich schlendern wir talein auf einem Pfad, auf dem jeder Schritt zum Vergnügen wird. Eine Steinplatte reiht sich an die andere, und auf Gummisohlen schreitet sich 's weich und mühelos. Immer weiter zurück bleibt der Passlärm, und bald sind wir, fern jedem Geräusch, inmitten der grossartigen Gebirgslandschaft, die durch die Neuzeit den Schmuck eines Sees erhalten hat. Auf der andern Seite rauscht der Abfluss des Oberaargletschers schäumend seewärts. Bald wird er verstummen und oben auf der Oberaaralp einen weitern Stausee füllen.

Der Himmel hat sich verfinstert, und es beginnt zu donnern. Wir holen unsern Regenschutz hervor und setzen den Weg fort; denn der nächste Unterschlupf ist die Unteraarhütte, die jetzt auf einem den Gletscher überragenden Vorsprung sichtbar geworden ist, jedoch so klein und fern, dass wir noch mit Stunden zu rechnen haben. Mehr und mehr verengt sich der Raum zwischen Seeufer und Berg. Wald und Gebüsch bleiben zurück und werden von einer steilen Schutthalde abgelöst, die von einer vom alten Unteraargletscher zurechtgeschliffenen Felswand überragt wird.

Jetzt folgen sich Blitz und Donner so unmittelbar, dass wir uns mitten in der Gewitterzone befinden müssen. Es ist daher ratsam, die Pickel wegzulegen und zu warten. Die Tropfen beginnen jetzt ohnehin so dicht zu fallen, dass uns ein riesiger Block, der auf der Seeseite überhängt, sehr gelegen kommt. Wir kriechen in die Höhlung hinein und harren der Dinge, die da kommen wollen. Kaum dass wir in Deckung sind, öffnet der Himmel seine Schleusen, wie wir es noch nie erlebt haben. Unaufhörlich zucken die Blitze; grell krachen die Donnerschläge. Auf einmal kollern grosse Steine an uns vorbei, und wie wir vorsichtig hervorgucken, sehen wir die glatte Felswand in unserm Rücken zum riesig breiten Wasserfall verwandelt. Das Wasser stürzt mit Gewalt in die Schutthalde hinein und beginnt ganze Haufen von Schutt vor sich her zu schieben. Im Nu ist um uns alles lebendig. Zu beiden Seiten unseres Blockes fliessen in steilen Rinnen Schuttströme seewärts, und auf der ganzen Breite des Hanges sind es deren viele. Das niederklatschende Wasser, der gleitende Schutt, die dem See zuhüpfenden Steinbrocken und die Gewalten des Himmels vereinen sich zu einem ohrenbetäubenden Höllenkonzert, das sich immer noch steigert. Nahezu mannsgrosse Blöcke donnern in grossen Sätzen an uns vorbei und in den regengepeitschten See hinaus, wo das gelbe Wasser hoch aufspritzt.

Und mitten in diesem Tumult liegen wir zwei machtlosen Menschlein, tief unter den schützenden Fels geschmiegt, den einzigen ruhenden Pol in diesem Hexenkessel der Elemente, d.h. manchmal erzittert auch er, wenn so ein schwerer Brocken dicht daneben aufsetzt. Was würde aus uns ohne diesen Schutz? Es musste wohl so sein, dass gerade hier die Stimme des Himmels so eindringlich mahnte, haltzumachen. Wir erleben einen Anschauungsunterricht über die Macht der Naturgewalten, wie er nicht eindringlicher sein könnte. Eine weitere Gefahr der Berge wird uns hier vorgeführt, an die wir bisher kaum dachten. Sie meinen es gut mit uns; denn schon einmal haben sie uns gewarnt, damals als sie uns ein Schneebrett verspüren liessen. Jene Lehre haben wir nie vergessen, und wir werden auch die heutige beherzigen. Mit noch mehr Respekt werden wir künftig in die Berge ziehen.

Endlich mässigt sich die Himmelsflut, und damit schwillt auch der Lärm des rollenden Gesteins ab. Über dem See wird es lichter, und auf einmal wölbt sich vor uns, wie eine Pforte der Hoffnung, ein Regenbogen in den schwarzen Himmel Vorläufig dürfen wir allerdings unsern Hort nicht verlassen; denn immer noch kollern in bedrohlicher Nähe Steine nieder. Doch wenigstens hat das Rauschen des über die Felswand fliessenden Wassers nachgelassen. Sobald es aufhört, wird sich auch die Schutthalde beruhigen. Wir atmen auf, obwohl wir eigentlich nie befürchten mussten, getroffen zu werden. Die einzige Sorge war die, ob wohl unser Block standhalten werde.

Der Regen hört auf, und in den Rinnen sind die braunen Bächlein dünner geworden. Nachdem minutenlang kein Stein mehr sich regte, wagen wir uns hervor und holen unsere Pickel. Wir haben auch mit diesen Glück gehabt. Hätten wir sie an einem Ort abgelegt, wo während des Wolkenbruchs ein Schuttstrom niederfloss, sie lägen jetzt wohl auf dem Grund des Sees. Immerhin fehlte nicht viel, und wir fänden sie nicht mehr; denn bis an ein kleines Schaftstücklein sind sie vom Schutt zugedeckt.

Unter aufhellendem Himmel setzen wir den Weg fort, und wir können feststellen, dass bis zum See-Ende keine einzige Möglichkeit zum Unterschlüpfen mehr besteht. Es war ein ganz besonderer Glücksfall, der uns gerade am richtigen Ort anhalten liess. Der Pfad ist fast vollständig verschwunden, und es ist ein mühsames Gehen auf dem durch das Wasser aufgelockerten Geschiebe, durch das sich noch manches braune Regenbächlein seinen Weg sucht.

Während der Nacht prasselt wieder der Regen auf das Hüttendach. Auch der Morgen ist nicht besser, so dass wir auf die Besteigung des Scheuchzerhorns verzichten müssen. Um die Mitte des Vormittags machen wir uns wieder auf den Heimweg, nachdem wir die gewaltige Gletscherweite zu unsern Füssen bewundert haben. Die Weltabgeschiedenheit dieses Ortes ist vollständig. Dabei trennen ihn nur vier nicht allzu beschwerliche Marschstunden vom Lärm der von unzähligen modernen Vehikeln befahrenen Paßstrasse.

Wieder durchschreiten wir die endlose Schuttwüste des Unteraargletschers. Wir denken an den Frühling, wo sich hier eine grandiose Skiabfahrt bietet.

Wie wir das Seeufer erreichen, ist der Himmel wesentlich lichter geworden. Dem schützenden Block gilt im Vorbeigehen ein warmer Dankesblick. Wird er noch hier sein, wenn wir das nächste Mal kommen, oder wird ihn ein nächster Gewittersturm von ähnlicher Gewalt ins Rollen bringen? Wo sollen dann künftige Wanderer in gleicher Lage vor den entfesselten Elementen Schutz finden?

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