Ein Tag und eine Nacht auf dem Bietschhorn

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Von W. A. B. Coolidge.

übersetjt aus dem „ Alpine Journal°, Nr. 21 ( 1873}.

Die Nacht brach schon an, als wir Gampel verliessen, wo wir einen Mann, namens Peter Siegen, der einst v. Fellenberg auf das Bietschhorn begleitet hatte, mieteten. Über Kippel kamen wir um 845 nach Ried, wo wir von dem Wirt sehr freundlich aufgenommen wurden. Es dauerte aber lang, wir starben fast vor Hunger, bis der gastfreundliche Wirt, der es sehr gut mit uns meinte, seine Delikatessen auftischte: Hirn, Lebern, Eingeweide von wilden Tieren, ja ein Eichhorn. An dem folgenden Tag wollten wir nur bis an den Fuss des Berges gehen und in einem Zelte übernachten. Wir hatten daher Zeit, und wir durchstöberten das Fremdenbuch und das Schweizer Jahrbuch für 1869. Wir lachten uns fast tot über Fellenbergs Besteigung unseres Berges und dass er genötigt war, eine Kante « rittlings»1 ) hinabzusteigen. Allein « rira bien, qui rira le dernier », wir lachten nicht, als wir die Schwierigkeiten an derselben Stelle kennenlernten. Unser Wirt versicherte uns, dass er nicht um Geld, sondern aus menschenfreundlichen Gründen Reisende in seinem Hause aufnehme.

Mittags brachen wir auf. Christian und Ulrich Almer trugen die Seile und Lebensmittel, Knubel das Zelt, Siegen einige Decken, ein Träger von Ried einen Tragkorb voll Küchengerät und schliesslich ein Oberländer einen gewaltigen Bund Stroh, auf dem diejenigen schlafen sollten, die im Zelt keinen Platz finden würden. Zuerst schritten wir durch einen alten Fichtenwald, dann über steile steinige Abhänge, bis wir an das untere Ende der grossen Felsmasse kamen, welche den Nest- und den Birchgletscher trennt, auf der eidgenössischen Karte in einer Höhe von 3320 m bezeichnet. Hier sollten wir auf Almers Vorschlag haltmachen, während er zur weitern Forschung der einzuschlagenden Richtung weiterkletterte. Nach einer Stunde kehrte er mit der Nachricht zurück, dass er eine passende Stelle gefunden habe. Sogleich brachen wir dahin auf. Der Nestgletscher war zu unserer Linken, weit unter uns, zur Rechten erhoben sich wilde Klippen höher und höher, bis weit über ihnen der scharfe Gipfel unsers Piks uns in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sich zu rufen schien.

Die Septembernacht war kalt, und wir brachen erst um 530 Uhr auf, als die Sonne ein wenig Kraft entwickelte. Die Gesellschaft bestand aus einer Dame, mir, den zwei Almer, Knubel und Siegen. Um 650 Uhr kamen wir an einem Loch oder Höhle vorbei, die wir wenig beachteten, deren nähere Bekanntschaft wir aber noch machen sollten.

Der Pik des Bietschhorns wird durch die Vereinigung dreier Hauptkanten gebildet. Der Gipfel ist ein langer, äusserst zerrissener Kamm, aus welchem drei hohe Felstürme hervorragen. Nach dem Frühstück schickten wir Siegen zum Zelt zurück. Uns links haltend, marschierten wir über den Gletscher zu dem Fuss des nördlichen Grates, den wir langsam zu besteigen begannen. Die Felsen waren sehr zerbröckelt, so dass grosse Vorsicht nötig war. Nach vieler Mühe kamen wir auf dem Kamm an, dem wir nun bis zum Gipfel folgten.

Nun aber änderte sich plötzlich das Wetter. Ein heftiger, eiskalter Wind pfiff uns um die Ohren, und Wolken hüllten uns ein. Wir mussten den Kamm eine Strecke weit verlassen und an ihm her kriechen. Endlich um 1230 Uhr erreichten wir das erste Steinmannli. Wir hatten zwar keine Hoffnung, irgendeine Aussicht zu geniessen, aber wir konnten unsern Gipfel nicht aufgeben, wir mussten vorwärts, und so kamen wir um 110 Uhr auf ihm an. Wir hatten siebeneinhalb Stunden zum Aufstiege gebraucht.

Da wir ganz von Wolken umgeben waren, sahen wir kaum die nächsten Felsen. Auf unserm nach einer eiligst eingenommenen Erquickung angetretenen Rückweg hatten wir eine merkwürdige Erscheinung. Die Sonne zeigte sich in den Wolken wie eine erlöschende Feuerkugel. Plötzlich sahen wir einen Regenbogen, und zwischen ihm und der Sonne unsere Schatten, riesenmässig, dieselben Bewegungen machend wie wir.

Wir beschlossen, denselben Weg zurückzukehren, aber Almer mit seiner gewöhnlichen Vorsicht schlug eine andere Richtung ein. Er meinte, wenn wir eine Strecke das Couloir vor uns hinabstiegen, dann rechts aufwärts kletterten, würden wir auf den Nestgletscher kommen. Aber — Höhen und Höhen waren zu übersteigen, und die Nacht kam heran. So — da waren wir, die wir über Fellenberg so gelacht hatten! Und was für Felsen waren das! Man brauchte sie nur anzusehen — da rollten sie schon hinunter. Almer und der ihm Folgende wurden hinuntergerissen, und Ulrich musste folgen, über und übereinander rollend. Die beständigen Warnungen Almers, das fortwährende Geprassel von niederfallenden Steinen um uns herum verwirrten uns, und zuweilen glaubten wir, der ganze Berg stürze uns auf die Köpfe.

Endlich erreichten wir, geschunden, müde und schläfrig um 820 Uhr, nachdem unser Abstieg sechseinviertel Stunden gebraucht hatte, die Stelle, wo wir gefrühstückt hatten, und waren froh, uns an dem Wein, den wir in einem Fässchen im Schnee vergraben hatten, laben zu können.

Jetzt galt es, den Gletscher, der uns von unserm Zelt trennte, zu überschreiten. Das war schon des Morgens eine schwierige Aufgabe gewesen, aber nun in totaler Dunkelheit! Wir krochen dem Almer nach, der seinen Weg förmlich tasten musste. Wir verloren alle Hoffnung, den Gletscher in dieser Nacht zu überschreiten, aber Almer gestattete uns nicht, haltzumachen, damit wir nicht erfrören. Eine angenehme Aussicht das — fast auf allen Vieren auf einem Gletscher herumzukriechen, während der Wind um uns pfiff. Endlich fand Almer zu unserer unaussprechlichen Freude das Loch, an dem wir des Morgens so teilnahmslos vorübergegangen waren. Es ist nicht genug zu bewundern, dass Almer den Weg so richtig einhalten konnte. Es war jetzt ein paar Minuten nach 11. Unser Zelt stand zwar nicht fern, aber wir waren zu ermüdet und zu froh, in das Loch kriechen zu können, das kaum Raum für uns alle hatte.

Wie glücklich waren wir, von dem Eis weg zu sein, uns setzen zu können, um uns gegenseitig zu beklagen. Lebensmittel hatten wir keine mehr, den wenigen Wein konnten wir aus dem Fass nur mit Schwierigkeit bei vollständiger Dunkelheit trinken. Trotz alledem, trotz Kälte, Hunger und Unbequemlichkeit hätten wir gerne einige Minuten geschlafen, aber sobald Almer es bemerkte, sprang er auf und fing an, in solcher Weise zu jodeln, dass wir aus unserm Schlummer auffuhren, den die Kälte sehr gefährlich gemacht hätte.

Vor Tagesanbruch hörte der Wind auf und Schnee fiel. Wir verliessen unser wirtliches Loch um 5 Uhr und kamen im Zelt um 630 Uhr an. Siegen lief uns mit einer Flasche Champagner entgegen, die der philantropische Wirt — gesegnet sei sein Andenken — heraufgeschickt hatte. So endete eine Bergbesteigung, die leicht eine sehr ernste hätte werden können und auch geworden wäre, wenn wir die Nacht auf dem Eis hätten zubringen müssen. Dieser Aufsatz wäre dann sicherlich nie geschrieben worden.

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