Ein winterlicher Alpenübergang als politischer Schachzug

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Schachzug.

Von G. Meyer von Knonau. * )

In vielen Dingen, vor Allem in der Grossartigkeit der milderer Elemente allerdings mehr entbehrenden Natur, mit der Schweiz wetteifernd, lehnt sich östlich an dieselbe ein Gebiet an, welches, zu neun Zehntheilen seiner Oberfläche durch drei Parallelketten der Alpen angefüllt, den ausgeprägtesten Gebirgscharakter aufweist: die kaiserlich-österreichische gefürstete Grafschaft Tirol samt dem Lande Vorarlberg. Gleich der Schweiz ist auch Tirol trotz der gewissermassen orographisch vorgezeichneten Zukunft erst durch lange Entwicklungsstadien hin, erst im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, zu einem politisch völlig abgeschlossenen Ganzen geworden. Mehrsprachig, wie die Schweiz, wenn auch hier der italienische und noch

J ) Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Section Uto am 30. Januar 1874.

mehr der ladinische Theil dem deutschen gegenüber mehr zurücktreten, weist Tirol ungleiche Anfangs-bedingungen seiner erkennbaren Geschichte auf; wie für die Schweiz, lautet für Tirol in den über die staatliche Vereinigung zurückliegenden Zeiten die Erzählung der Schicksale der einzelnen Landestheile höchst verschiedenartig.

Allein in dem Gesammtgange ihres politischen Wachsthums weichen die beiden Nachbarländer erheblich genug von einander ab, und bekanntlich hat in der ganzen Gestaltung der gesellschaftlichen und der Cultur-verhältnisse dieser mitunter zum vollsten Gegensatze gewordene abweichende Verlauf sich scharf genug ausgeprägt. Schon die Namensformen der zwei Gebiete liefern den Beweis hierfür: das eine, wie das andere heisst nach der Localität, von welcher der Anstoss zum politischen Zusammenschlüsse ausgegangen ist; aber im Ursprünge ihrer seit Jahrhunderten gültig gewordenen Benennung thun Schweizer und Tiroler deutlich genug dar, dass der Stand ihrer öffentlichen Angelegenheiten ein gründlich verschiedener sei. Für die Schweizer wurde der Name einer selbständig gebliebenen Gemeinschaft freier Leute, des Thales von Schwyz, verallgemeinert; das Volk der Tiroler hat seine Bezeichnung von der Stammburg desjenigen Herrengeschlechtes, welchem zuerst die Errichtung einer bedeutenderen Vereinigung von Land und Leuten an Etsch und Eisack, an Drau und Inn gelang.

Tndessen diese Grafen von Tirol dauerten doch nicht lange genug, um das Begonnene völlig durchzuführen; einem ganz landesfremden Geschlechte,

welches schon, ehe es in Tirol eingriff, von wunderbarem Glücke bei ähnlichen Unternehmungen in weiter Ferne begleitet gewesen war, wurde es schliesslich zu Theil, sich der viel umworbenen Beute zu bemächtigen, aus Tirol ein wichtiges Bindeglied älterer und jüngerer Besitzungen für sich zu gestalten —, und da ist abermals ein interessanter Yergleichungs punkt mit der Schweiz ersichtlich: denn gerade in jenem Jahrhundert vermag dieses Haus Habsburg-Oesterreich im östlicheren Alpenlande Tirol festen Fuss zu fassen, wo es in seiner Heimat, in den oberen Hheingebieten, durch den kriegerischen Bund von Insassen westlicher gelegener Hochgebirgsthäler, vom Kernlande der Eidgenossenschaft her, gefährlicher beunruhigt zu werden beginnt. Dort im Umkreis der Kantone eine immer beträchtlichere Einengung, eine von Menschenalter zu Menschenalter vorschreitende Verringerung des österreichischen Ansehens und Macht- bereiches: hier im Osten eine fortdauernde Befestigung -des Besitzes, dergestalt dass das Land Tirol für den sich allmälig bildenden österreichischen Staat zu einem unentbehrlichen verbindenden Gliede zwischen den ^östlichen Ländern, Oesterreich und Steiermark, und den vorderen Territorien, vom Bodensee abwärts zum Schwarzwald und zum Wasgau, geworden ist, zu einer gewaltigen natürlichen Festung, die in Zeiten des Krieges durch die natürliche Stärke ihrer Stellung, die treue Anhänglichkeit ihrer Bewohner als werth- voller Stützpunkt für Angriff und Verteidigung sich oft bewährt hat. Auch die Schweizer und noch mehr ihr Bundesstaat in Rätien, die drei Bünde, sollten

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es oft empfinden, dass die von ihrem Gebiete ausgeschlossenen Habsburger hier im Osten eine neue Position sich gegründet hatten. Im Schwabenkriege und im dreissigjährigen Kampfe des siebenzehnten Jahrhunderts hat Oesterreich von da über unsere Grenzen hinübergegriffen; nicht weniger in neuerer und neuester Zeit, in den Kriegen der französischen Revolutionsjahre und wieder 1859 und 1866, sind wir abermals daran erinnert worden, dass in Momenten kriegerischer Entscheidung die Stellung Oesterreich's an unseren Ostgrenzen wichtige Rückwirkungen auf die schweizerischen Verhältnisse auszuüben vermag. Je mehr aber andererseits seit den letzten Jahren durch die gesteigerten Mittel friedlichen Verkehres an die Stelle argwöhnischer Ausschliessung ein wohlthätiger Austausch über die Grenzen hin und zurück getreten ist und vielleicht in noch höherem Maasse in der Zukunft eintreten wird, fällt auch nach dieser Hinsicht das zunächst angrenzende vielgestaltige Inn- und Etsch- land uns in die Augen. Freilich nicht, bevor durch die Durchbohrung des Arrberges die arge nordwärts vorspringende Verlängerung der Reise für uns weggefallen sein wird, kann es dem Nordostschweizer klar werden, dass die directe Entfernung von Zürich nach Innsbruck geringer ist, als die geradlinige Distanz zwischen Zürich und Genf.

Es ist also wohl nicht ohne Interesse für den Schweizer, zu sehen, wie es den österreichischen Herrschern gelang, im Tirol sich festzusetzen. Für den Clubisten vollends hat es sein Anziehendes, dass die Durchführung dieser That in der Hauptsache momentan sich in die Frage zusammendrängte, ob es einem kühnen jungen Manne glücken würde, mitten im Winter einen auch in der besseren Jahreszeit beschwerlichen Pass der Kette der Centralalpen rechtzeitig zu übersteigen.

Ein Klimmerwagniss hat derjenige in vorzüglicher Weise zu betonen, weither erzählen will, wie der Urenkel des Königs Rudolf von Habsburg, der dem Stammvater gleichnamige Herzog Rudolf IV., vielleicht der begabteste Spross des ganzen habsburgischen Hauses überhaupt, im Januar 1363 Tirol für Oesterreich gewann 1 ).

Das dreizehnte Jahrhundert hatte mit dem Triumphe des römischen Bischofes und der deutschen Fürsten über das staufische Herrschergeschlecht die gänzliche Vernichtung der alten kaiserlichen Macht gebracht. Von einer Wiederherstellung des Reiches im früheren Sinne des Wortes am Ende des dreizehnten Jahrhunderts, im Anfange des vierzehnten zu reden, ist Selbsttäuschung. Wohl gab es wieder Könige, aber,

.Wer sich näher für die ganze Frage interessirt, sei an die zwei vortrefflichen Bücher von Prof. Dr. Alfons Huber in Innsbruck gewiesen: Geschichte der Vereinigung Tirols mit Oesterreich und der vorbereitenden Ereignisse, ( Innsbruck, 1864 ), und: Geschichte des Herzogs Rudolf IV. von Oesterreich ( Innsbruck, 1865 ). Populär gehalten und kürzer ist desselben Verfassers: Geschichte der Margaretha Maultasch und der Vereinigung Tirols mit Oesterreich, ( Innsbruck, 1863 ).

rein nur durch Wahl, durch den Willen einer bestimmten kleinen Zahl hoher Keichsfürsten zum Throne berufen: erst einen Grafen von Habsburg, dann einen Grafen von Nassau, hierauf wieder einen Habsburger, weiter einen Grafen von Lützelburg und nach dessen Tode gar zwei Ansprecher, einen Witteisbacher, Herzog von Oberbaiern, und einen Habsburger. Allein diese nach dem grossen Zwischenreiche erhobenen deutschen Könige waren aus theilweise sehr engen Verhältnissen auf den Thron berufen worden; ihre Hausmacht hatte geringen Umfang und sie konnten nur dadurch ihrer königlichen Stellung höheres Ansehen verschaffen, dass sie auf Vergrösserung ihres Familienbesitzes ausgingen: die allgemeinen Interessen wurden nach dem Maassstabe der territorialfürstlichen Auffassung vom Inhaber des Scepters berechnet. Da hatte der Habsburger Rudolf für seinen Sohn nach Oesterreich und Steiermark gegriffen; der Nassauer Adolf ging an seinem gierigen Streben, in Meissen und Thüringen sich zu befestigen, in verdienter Weise zu Grunde; der Lützelburger Heinrich wies sein Haus in den Besitz der böhmischen Krone ein. Wo ein Reichslehen erledigt zu werden, eine Erbschaft sich zu eröffnen schien, fehlte es nicht an zahlreichen eigensüchtigen Berechnungen, und wer gerade den königlichen Thron inne hatte, suchte die Anderen in solchen Versuchen zu überbieten.

Vom dritten Decennium des vierzehnten Jahrhunderts an war für längere Zeit die Grafschaft Tirol und ihr Herrscherhaus, welches zugleich im Herzogthum Kärnthen gebot, der Gegenstand einer derartigen gespannten Aufmerksamkeit für die deutschen fürstlichen Höfe geworden.

Denn ein ansehnliches, so ziemlich geschlossenes Gebiet, aus Eigengut und Lehen bestehend, mit zahlreichen Einkünften, befand sich hier in der Gewalt eines Herrn, dessen Familie mit seinem Tode voraussichtlich in der männlichen Linie erlöschen würde. Der einzige lebende Spross des Hauses Görz-Tirol nämlich ( der letzte vom eigentlichen älteren Grafengeschlecht von Tirol war schon 1253 gestorben ), Heinrich, hatte nur zwei Töchter, von denen die ältere nicht regierungsfähig war, so dass die jüngere, Namens Margaretha — wegen ihres grossen weiten Mundes mit dem wenig schmeichelhaften Namen « Maultasch » ausgestattet 1 ) —, trotz ihrer unvorteilhaften äusserlichen Erscheinung eine von berechnenden Vätern für ihre prinzlichen Söhne sehr gesuchte Persönlichkeit wurde. Auf diesem Boden konnten sich die in den allgemeinen Reichsangelegenheiten rivalisirenden höchsten Adeligen Deutschlands von neuem messen. Noch war der Conflict der zwei Könige, des Habsburgers Friedrich und des Witteisbachers Ludwig, ungeschlichtet, als eben die gleichen wetteifernden Familien die Hand der Erbin Margaretha für begehrenswerth zu erachten begannen.

In erster Linie schienen allerdings nicht sie, sondern die Lützelburger entschieden im Vorsprung; denn 1330 war die Heirat eines Sohnes des Königs Johann von Böhmen, also eines Enkels des Kaisers Hein-

. ' ) Margaretha hat ihren Namen „ ro quod magnum os liaberet et maxillas dépendantes " getragen, nicht aber vom Schlosse Maultasch bei dem weinberühmten Dorfe Terlan.

rieh VIL, mit Margaretha vollzogen. Die Altersjahre der beiden Vermählten zeigen, wie völlig die Verbindung nur auf politischer Berechnung beruhte: die Braut zählte nämlich nicht mehr als zwölf, der Bräutigam, Prinz Johann, vollends noch nicht neun Jahre. Allein die Habsburger gedachten nicht, eine derartige Verstärkung der lützelburgischen Macht, die ohne diess schon von Norden her, aus Böhmen und Mähren, fühlbar genug auf dem Herzogthum Oesterreich lastete, r nunmehr auch im Südwesten und Süden, im Tirol und in Kärnthen, auf die Dauer eintreten zu lassen: vorzüglich das Kärnthnerland wollten sie im Falle des Todes des Erblassers Heinrich für sich erringen. Bei dieser, der allzu starken Ausdehnung der Lützelburger entgegengesetzten Richtung kam es den Habsburgern zu Gute, dass auch dem Kaiser, dem Witteisbacher Ludwig, eine solche künftige Festsetzung des Sohnes des lützelburgischen Böhmenkönigs hier im Süden seiner bairischen Stammlande keineswegs erwünscht war. Es traf sich glücklich, dass gerade in diesem Jahre 1330 Ludwig's königlicher Nebenbuhler, der Oesterreicher Friedrich, gestorben war, so dass also der Kaiser ohne Bedenken sich seinen bisherigen Gegnern, den Herzogen von Oesterreich, nähern und aus seiner stets noch festgehaltenen anfänglichen Verbindung mit König Johann von Böhmen, dem Schwiegervater der Margaretha Maultasch, heraustreten durfte. Der Witteisbacher und die Habsburger konnten auf diesem Boden gemeinschaftlich gewordener Interessen unschwer sich verständigen, und die Ergebnisse dieser Verabredungen traten dann 1335 an den Tag, als Heinrich von Görz-Tirol starb und seine Tochter Margaretha mit ihrem Gemahle Johann in Tirol und Kärnthen nachfolgen sollte.

Früheren Versicherungen zuwider belehnte der Kaiser jetzt die Herzoge von Oesterreich mit Kärnthen und den südlichen Theilen von Tirol, während Nordtirol, besonders das Inngebiet, seinen eigenen Söhnen zufallen sollte. Allein durch den sich entspinnenden Krieg wurden bloss die Verabredungen über Kärnthen, das 1336 im Frieden an die Herzoge von Oesterreich überlassen werden musste, erfüllt; für die Ansprüche des jungen Paares Johann und Margaretha auf Tirol waren die Landesbewohner selbst mit Entschiedenheit eingetreten, und weder die Oesterreicher, noch die Baiern vermochten irgendwo festen Fuss zu fassen. Die lützelburgische Herrschaft über die Grafschaft Tirol hatte dem Anscheine nach durchaus sichere Wurzeln geschlagen.

I)a sollte eine völlige Umwandlung von einer Seite her erfolgen, von welcher ein Versuch gegen die Erhaltung der neu befestigten Zustände in letzter Linie erwartet werden konnte: denn die Revolution von 1341, welche das Land auf alle Zukunft hin den Lützelburgern entriss, ging von keiner anderen Persönlichkeit aus, als von der jungen Beherrscherin der Grafschaft, der Margaretha Maultasch selbst, und sie ging gegen keinen Geringeren, als gegen ihren eigenen Gemahl, Johann.

Margaretha lebte mit ihrem um drei Jahre jüngeren Gatten in unglücklicher Ehe. Johann war ein kindisch roher Mensch seine Gemahlin, die eigentliche Erbin des Landes, setzte er durch Begünstigung der zahlreich herangezogenen Fremden zurück, welche thatsächlich am Hofe herrschten;

Margaretha wollte selbst ihrem schönen Heimatlande einen künftigen Fürsten, schenken, und sie durfte niemals hoffen, von Johann Mutter zu werden. Dazu kam das lebhafte Missvergnügen des einheimischen Adels, welchem das lützel-burgisclie Regiment immer verhasster wurde. Schon begann das Suchen nach einen andern Gemahle für die Fürstin, und als man einen solchen in der Person des ältesten Sohnes des Kaisers Ludwig gefunden zu haben glaubte, wurde zur That geschritten. Ein erster Plan, der schon 1340 verabredet war, konnte nicht durchgeführt werden. Aber an einem Spätherbsttage des nächstfolgenden Jahres, als Johann nach seiner Gewohnheit auf die Jagd geritten war, fanden sich bei seiner Rückkehr die Thore von Burg Tirol ver- schlossen; das böhmische Gefolge war bereits verjagt; höhnisch wurde über den Graben hinüber dem Herrn selbst gerathen, er möge eine andere Herberge sich suchen. Nur mit Mühe verschaffte sich Johann das Geld zur Abreise aus dem Lande, welches er so sicher inne zu haben gemeint hatte. Die vornehmsten Landherren begaben sich nunmehr selbst nach München, um mit Kaiser Ludwig Alles über die neu abzu-schliessende Ehe ihrer Fürstin zu verabreden, und trotz aller Gegenanstrengungen der Lützelburger, trotz der Drohungen des Papstes, obschon die erste Ehe mit Johann nicht geschieden war, wurde Margaretha am 10. Februar 1342, nur hundert Tage nach Johann's Vertreibung, auf Schloss Tirol mit dem für sie in Aussicht genommenen Gemahle, Ludwig Markgrafen von Brandenburg, verbunden:

Ludwig zählte drei Jahre mehr als seine Braut. Schon am Tage darauf belehnte Kaiser Ludwig das junge Paar mit der Grafschaft Tirol und dem Herzogthum Kärnthen, einem Besitze, wovon freilich Kärnthen erst hätte erobert werden müssen ( Kärnthen war ja seit 1336 österreichisch und es ist nie von den am 11. Februar eingesetzten Lehnsträ;gern gewonnen worden ). Dagegen war Tirol erworben, und ein gewaltiger neuer Erfolg schien dem Hause Witteisbach, so wie die Dinge augenblicklich sich darstellten, gewonnen worden zu sein. Zu Baiern war das anstossende Alpenland Tirol mit den Zugängen nach Italien errungen, und zwar war der neue Herrscher dasjenige Glied des wittelsbachischen Hauses, das zur gleichen Zeit auch im deutschen Norden weite Strecken von diesseits der Elbe bis über die Oder hinaus als Markgraf von Brandenburg besass. Aber auch dem Kaiser selbst winkte die Aussicht, durch seine zweite Gemahlindes Brandenburgers Stiefmutter — im Nordwesten des Reiches Holland und Friesland, Seeland und Heniiegau zu erben. Nicht Lützelburg und nicht Habsburg, sondern Witteisbach schien die Rivalen bei dem Streben nach der grössten Territorialmacht hinter sich zurückgelassen zu haben. Doch es war eine arge Täuschung, und sogar hinsichtlich des benachbarten Landes Tirol sollten die scheinbar so sichern Voraussetzungen sich nicht erfüllen.

Schon das war als eine empfindliche Schädigung Ludwig's und Margaretha's zu betrachten, dass der Träger der lützelburgischen dynastischen Ansprüche, der Bruder des so schmählich aus Tirol ausgeschlos- senen Johann, König Karl von Böhmen, erst gegen Kaiser Ludwig als deutscher Gegenkönig aufgestellt, dann nach dessen im Herbste 1347 erfolgten Tode bald allgemein als König anerkannt wurde:

für Ludwig gab es also künftig am Reiche keinen Rückhalt mehr, weder in den Dingen Tirol's, noch in denjenigen von Brandenburg. Weiter war allerdings Karl's Kriegszug im Tirol gegen Ludwig und Margaretha in der ersten Hälfte des Jahres 1347 ohne gedeihlichen Ausgang geblieben allein es war doch Besorgniss erregend, dass neue Regungen lützelburgischer Gesinnungen im Lande Tirol hervortreten und nur durch harte straf-gerichtliche Massregeln von Ludwig unterdrückt werden konnten. Und endlich hatte auch das sein sehr Bedenkliches, dass die Fortsetzung der neuen wittels-baehisehen Dynastie im Tirol nur auf zwei Augen stand; denn von mehreren Kindern Ludwigs und Margaretha's war den Eltern nur ein einziger Knabe, der schwächliche Meinhard, übrig geblieben. All' das konnte einem klugen Politiker den Muth geben, vorbereitende Pläne auf eine Erwerbung Tirol's zu entwerfen, und je vorsichtiger und zurückhaltender, je weniger übereilt er dabei vorging, um so sicherer durfte er hoffen, sein Ziel zu erreichen.

Ein solcher feiner staatsmännischer Geist belebte aber den zu jener Zeit einzigen Vertreter des Hauses Oesterreich, Herzog Albrecht, welcher der Weise ge: heissen wurde, des 1308 ermordeten Königs Albrecht vierten Sohn, der durch seine Mutter Elisabeth mit der Margaretha Maultasch nahe verwandt war. Er verstand es, noch engere Beziehungen nicht bloss mit dem Hofe Ludwig's und Margeretha's, sondern auch mit den Bewohnern des Landes Tirol selbst anzuknüpfen;

denn nothwendiger Weise musste es seinen Einfluss erhöhen, als es ihm gelang, die Billigung des 1342 abgeschlossenen Ehebundes durch die Kirche für das bisher im Banne befindliche gräflich tirolische Paar anzubahnen. Aber auch den Adel des Landes und die Bischöfe von Trient, Brixen und Cur, welche als Lehensherren ansehnlicher Territorien zu würdigen waren, wusste Albrecht für sich zu gewinnen. Dagegen half hinwiederum Markgraf Ludwig dem Herzog Albrecht im Kriege gegen Zürich und die Schweizer Eidgenossen: des Brandenburgers Name haftet an dem durch ihn vermittelten Friedensvertrage vom Herbste 1352, durch welchen die Bundesbeziehungen gegenüber Glarus und Zug vorübergehend völlig erloschen, diese zwei soeben erst gewonnenen Glieder der Eidgenossenschaft für einige Zeit unter Oesterreich's Herrschaft förmlich zurückgegeben wurden. Ja, Ludwig that noch mehr zu Gunsten Herzog Albrecht's: der junge Meinhard wurde an den österreichischen Hof gebracht, um dort seine Erziehung zu empfangen, und 1358 endlich fand die Verbindung der beiden Fürsteuhäuser ihren völligen Abschluss, indem der fünfzehn Jahre zählende Erbe von Tirol mit Herzog Albrecht's Tochter Margaretha vermählt wurde. Albrecht überlebte die Hochzeit nur um einen Monat — er starb am 20. Juli 1358aber sein Sohn Rudolf sollte ernten, was vom Vater so gewandt vorbereitet worden war. Im Herbst 1359, am gleichen Tage, wo die Aussöhnung Ludwig's und Margaretha's mit dem Papste zum völligen Abschlüsse gedieh, wurde ihm die Nachfolge im Lande Tirol verheissen:

falls. Margaretha Maultasch und ihr Gemahl, und ihr Sohn Leibeserben nicht hinterliessen, sollte dasselbe an Herzog Rudolf und seine Brüder als an die nächsten Verwandten und Erben Margaretha's fallen.

Eine der interessantesten Persönlichkeiten des späteren Mittelalters, wohl neben Eduard III. von England der hervorragendste Fürst seiner Zeit ist dieser Sohn des Herzogs Albrecht gewesen, Rudolf IV., der 1358 an die Stelle seines Vaters trat. Herzog Rudolf hat nicht einmal ein Alter von sechsundzwanzig Jahren erreicht; seine Thätigkeit erstreckte sich auf ein verhältnissmässig kleines Gebiet. Wären ihm ein weiterer Schauplatz, ein längeres Leben beschieden gewesenr so ist sicher keine Frage, dass seine glänzenden Fähigkeiten ihm einen gebührenden Platz in der Weltgeschichte angewiesen hätten. Indessen auch so, als österreichischer Herzog, hat er Bedeutendes, was theilweise Jahrhunderte über seine Zeit hinaus bis zur Gegenwart lebenskräftig geblieben ist, wirken und schaffen können.

Rudolfs Person macht nach allen Seiten hin einen brillanten Eindruck: auch seinen Schwächen und Fehlern klebt etwas Grossartiges an; was bei einer kleiner angelegten Natur nur als eitle Anmaassung, als kaum der Rede werth erschiene, darf bei ihm nicht nach dem gewöhnlichen Maassstabe beurtheilt werden; gerade diejenigen Eigenschaften, welche den spätem Habsburgern in zunehmendem Grade von Generation zu Generation in so peinlich berührender Weise gemangelt haben, Rührigkeit, geistige Beweglichkeit, Raschheit des Entschlusses, weist die Geschichte Rudolfs IV. in reichlicher Fülle auf.

Rudolf zählte noch nicht neunzehn Jahre bei des Vaters Tode; aber schon hatte er sich durch die Verwaltung der ihm übertragenen österreichischen vorderen Lande als geschickter Politiker, der den Vortheil seines Hauses gut zu wahren verstand, besonders gegenüber den Eidgenossen, bewährt: von ihm ist^z.B. der alte Zürcher Burgermeister Brun als österreichischer Rath mit reichlichemJahresgehalte für die Interessen der Habsburger gewonnen und dadurch Zürich noch mehr, als schon bisher geschehen, von der eidgenössischen Politik entfernt worden. Doch auf einen ungleich grösseren Wirkungskreis wurde Rudolf 1358 berufen, wo ihm bei der Minderjährigkeit seiner drei jüngeren Brüder die Regierung aller österreichischen Gebiete zufiel, und die schwungvolle, wenn auch allzu kühne Auffassung dieser weit höheren Aufgabe zeigte, wie völlig er ihr gewachsen war.

Rudolf war durch die Vermählung mit Katharina,der Tochter Karl's IV., der Schwiegersohn des Kaisers geworden; allein das hielt ihn nicht im entferntesten ab, dem Haupte des Reiches mit den weitgehendsten Ansprüchen auf Unabhängigkeit seines Fürstenthumes vom Reichskörper, auf Abschliessung seiner Territorien nach innen und aussen gegenüberzutreten. Das in diesen Forderungen enthüllte Project ist nicht weniger verwegen ,'als die dafür angewendeten Mittel anfechtbar erscheinen. Herzog Rudolf hatte nämlich die Keckheit, seinem Schwiegervater im Frühjahre 1359 zu Prag eine Reihe von Urkunden vorzulegen, deren Bestätigung er von ihm erbat:

es waren das Schriftstücke, welche bis auf Julius Cäsar und Nero als angebliche Urheber zurückgriffen, die aber alle im Winter von 1358 auf 1359 ni Rudolfs Kanzlei unter seinen Augen entstanden waren ( es ist bemerkenswerth, dass ein Aar- gauer aus Lenzburg, Meister Johann von Platzheim, damals Kanzleivorsteher war ). Hätte der Kaiser die ihm vorgelegten Fälschungen anerkannt, so wäre der österreichische Staat unter seinen « Pfalzerzherzögen » vom Reiche thatsächlich unabhängig, dessen Fürst im Inneren unumschränkter Gebieter geworden. Da aber Karl IV. das Begehren Rudolfs abschlug, suchte derselbe nun auf eigene Faust gegen den Willen von Kaiser und Reich zum Ziele zu gelangen, und wenn auch trotz stets erneuerter Versuche dasselbe nicht durch ihn erreicht worden ist, legte er doch nach verschiedenen Richtungen den Grund zur späteren österreichischen Grossmacht. Indem er mit dem Könige von Ungarn ein Einverständniss suchte, wurde der Erb vertrag abgeschlossen, durch welchen das österreichische und das ungarische Haus sich gegenseitig die Nachfolge in ihren Ländern zusicherten; als schliesslich nach langer Entfremdung und stets wieder scheiternden Friedensverabredungen Herzog Rudolf mit Kaiser Karl zu völliger Aussöhnung gelangte, stellte er auch gegenüber Böhmen eine entsprechende Erbeinigung auf; ein gleiches gelang ihm mit dem Grafen von Görz, in dessen Nachbarschaft er schon vorher glücklich gegen den Patriarchen von Aquileja im Friaul gefochten hatte. Die geographischen Grundlinien des österreichischen Kaiserstaates treten uns klar genug schon in diesen Festsetzungen der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entgegen.

Allein auch im Inneren seines Landes hat Rudolf kräftig und erfolgreich gearbeitet. Er hatte die Bedeutung des Bürgerthumes seiner Städte klar begriffen. Er bemühte sich, dieselben, in erster Linie Wien, zu heben, und man erstaunt, bei seinen Verordnungen mitunter auf fast moderne Maassregeln zu stossen: auf scharfe Verbote der Vermehrung von Besitzungen in der todten Hand, auf Gesetze gegen die Steuerfreiheit der Geistlichen und der kirchlichen Güter, auf die Aufhebung der geschlossenen Zünfte und die Einführung von Gewerbefreiheit, auf entschiedene Schritte zur Erleichterung und Ermuthigung der Einwanderung von aussen her; auch das Gerichtswesen sollte vereinfacht, seiner bisherigen Zersplitterung entkleidet werden. Der Herzog wünschte, dass seine Stadt Wien wachse und sich mit Menschen fülle, und gewährte daher auf drei Jahre Steuerfreiheit für alle Neubauten. Weiterhin verdankt ihm die Wiener hohe Schule den Ursprung: Rudolf wollte seinen böhmischen Schwiegervater einholen und rief desshalb, als die zweite Universität im deutschen Reiche nach Prag, bei sich eine Pflegestätte der Wissenschaften in das Leben. Auch der Plan zum riesigen Bau der Stephanskirche wurde von ihm ge- fasst. Doch uns Schweizern hat der Herzog ebenfalls ein in seiner Art nicht minder stattliches Werk geschaffen: um seine neuerworbene Stadt Rapperswil zu. lieben, um dieselbe mit den vor dem Etzel liegenden österreichischen Landstrecken besser zu verbinden und den Zürchern durch Ablenkung des Verkehrs von ihrem Platze zu schaden, liess Rudolf 1358, während er noch die vorderen Gebiete des Hauses Oesterreich verwaltete, über den See hinüber zur Halbinsel von Hürden die lange Brücke schlagen.

Wenn irgend Jemand, so war Herzog Rudolf I geschaffen, auch das Land Tirol, mochte der Kaufpreis so hoch, wie immer, sich belaufen, dem österreichischen Hause zu erringen.

In der Mitte des fünften Jahres der selbständigen Regierung des Herzogs Rudolf drängte sich nämlich in die Frist weniger Wochen die Entscheidung darüber zusammen, ob es für die Zukunft den Habsburgern oder den Witteisbachern beschieden sein würde, sich des Alpenkammes zwischen dem Grossvenediger und dem Orteies und damit der Gewalt über das mittlere Innthal und das obere Gebiet der Etsch zu bemächtigen.

Im September 1361 war der zweite Gemahl der Margaretha Maultasch, der Witteisbacher Ludwig, in den kräftigsten Jahren gestorben und damit sein Sohn, der um vier Jahre im Alter zurückstehende Jugend- genosse und Schwager Rudolfs, Meinhard, in die Erbschaft seines Vaters eingetreten. Allein derselbe war im Anfange seiner Regierung nicht im Tirol anwesend. Meinhard hatte neben diesem Lande von seinem Vater auch Oberbaiern geerbt, und in der Herrschaft über dieses Land war der schwache Jüngling durchaus seiner Selbständigkeit beraubt, voran durch den bairischen Adel, daneben durch seinen Vatersbrucier Herzog Stephan von Niederbaiern in demütigender Weise eingeengt.

Er suchte sich seiner Abhängigkeit zu entziehen; allein ein erster Versuch zu entfliehen misslang, und erst als Meinhard hinter dem Rücken seines Hüters München verlassen hatte und im October 1362 glücklich nach dem Schlosse Tirol gelangt war, konnte er sich als frei in seinen Entschlüssen betrachten. Doch nicht bloss für Meinhard, noch mehr für seinen Schwager Herzog Rudolf, war diese Emancipation von dem in Baiern demselben auferlegten Zwange wichtig, und es ist desshalb wohl mit Sicherheit anzunehmen, dass Rudolfs Reise nach der oberbairischen Hauptstadt im September 1362 mit Meinhard's Flucht im Zusammenhange stand. Rudolf wusste gut genug, dass, so lange Meinhard in der Gewalt seines Oheimes war, dieser auch über die Grafschaft Tirol verfügen konnte. Nur indem der junge Herrscher wieder auf tirolischen Boden kam, konnte die 1359 geschehene Abrede, zu Gunsten des Hauses Oesterreich, im Falle seines Todes ihrer Erfüllung näher gerückt werden.

Erst zwölf Wochen befand sich Meinhard seit seiner Uebersiedelung von München auf Schloss Tirol; man hatte wohl seit einiger Zeit vorausgesehen, dass dem jungen Erben ein langes Leben nicht beschieden sein werde. Allein als nun der junge Mann, kaum zwanzig Jahre alt, am 13. Januar 1363 in der seiner Stammburg benachbarten Stadt Meran verschied, scheint

seiner Umgebung der eingetretene Todesfall dennoch

29 unerwartet gekommen zu sein.

Nur der eine ferne weilende, den das Ereigniss in erster Linie berührte, Herzog Rudolf, war — wohl am ersten denkt man hier an seine Schwester, Meinhard's Gemahlin — vortrefflich, besser als die um seinen Schwager Lebenden unterrichtet, oder er hatte in eigenthümlich zutreffender Weise geahnt, was geschehen würde: mag sich es nun verhalten, wie immer, als Meinhard starb, befand sich Rudolf schon nahe an den Landesgrenzen, und ehe ihn nur eine Nachricht aus Meran hatte finden können,, war er im Lande selbst und an Ort und Stelle Meister der ganzen Lage.

Noch am 5. Januar hatte sich der Herzog in Wien aufgehalten; am 11., also zwei Tage vor Meinhard's Tode, weilt er zu Judenburg an der Mur in Ober-steier; eine Woche später, am 18., ist er schon mitten im Lande Tirol auf dem Wege nach Brixenwieder nach acht Tagen, am 26., steht Rudolf zu Bozen am längst ersehnten Ziele. Aber zwischen den Aufbruch aus Oesterreich und diesen leicht und ohne jede Gewalt errungenen Erfolg, die Besitznahme der Grafschaft Tirol, fällt ein Wagniss abenteuerlichster Art, das nur ein so kühner Sinn, wie ihn Herzog Rudolf in sich trug, beschliessen und durchführen konnte. Der Herzog hatte einerseits so rasch wie möglich und andererseits völlig unbemerkt den Boden Tirol's betreten wollen: nur so war es ihm geglückt, gleichsam

T ) Zu Rodeneck nördlich von Brixen am linken Rienz- ufer stellte er an diesem Tage eine Urkunde, betreffend die Kirche zu Baden im Aargau, aus.

aus der Erde emporzutauchen und dergestalt überraschend zuzugreifen. Hiefür aber hatte er sich den verstecktesten und schwierigsten Zugang, den er auszulesen vermochte, erwählt, und in einer Jahreszeit, wo das nur unter Lebensgefahr möglich war, den über achttausend Fuss hohen Pass über die Krimler Tauern überschritten.

An der Mur von Judenburg aufwärts, dann mittelst der bequemen Verbindung durch die Radstätter Tauern nach dem Quellgebiete der Enns bei Radstatt, weiter abermals durch niedere Einsattlungen in den Pongau zur Salzach und durch den Pinzgau hinauf bis an die Quellen dieses Flusses, wo die vielen wasserreichen Gletscherbäche, die Achen, unweit Krimi zusammen- strömend zuerst die Salzach bilden, war der Weg auch im tiefen Winter verhältnissmässig leicht gewesen, da er zumeist weiten Flussthälern und ihren von der Natur über die Wasserscheiden hinüber ausnahmsweise erkennbar vorgezeichneten Verknüpfungen folgen konnte. Jedenfalls hat Herzog Rudolf denselben ungewöhnlich rasch zurückgelegt. Aber von Krimi an galt es, die gewaltige Centralkette der Alpen in ihrer östlich letzten riesigen Erhebung, den hohen Tauern, zu über- steigen .Durch den ganzen Pinzgau hinauf war Rudolf längs der Streichungslinie des Gebirges einer westlichen Richtung in gerader Linie gefolgt; jetzt musste er, um aus dem Salzburgerlande nach dem Südabhange des Hochgebirges und damit auf den Boden von Tirol zu kommen, in südlicher Richtung dem Kamme selbst sich zuwenden, und hierfür wählte er das oberste und letzte der zwölf Parallelthäler, welche nach einander in den Pinzgau und Pongau ausmünden und der Salzach in ihrem anfänglichen östlichen Laufe die Wassermassen der hohen Tauern, vom Grossvenediger über den Grossglockner zum Ankogl, zuführen.

An einem der erhabensten Naturschauspiele der gesammten Alpen, den grossartigen drei Wasserfällen der Krimler Ache, vorbei führt der holperige steinbesetzte Saumweg steil empor zu dem drei Stunden langen Hochalpenthal, welches die Ache durchströmt; zum letzten Male begegnet beim Tauernhaus ein Zeugniss menschlichen Lebens dem Wanderer; dann steigt er noch drei Stunden weit nach der Passhöhe durch die hinterste Gletscheralp empor; hoch thürmt sich links von seinem Pfade der Dreiherrnspitz als Vorwacht des Grossvenediger über ihm auf und rechts überragt eine Reihe von Spitzen, unter ihnen besonders der Wilde Gerlosspitz und der ßeichespitz, den nördlich streichenden Grenzgebirgszug gegen das Zillerthal: endlich ist acht Stunden nach dem Aufbruch vom Dorfe Krimi die Wasserscheide von Donau und Etsch erreicht x ), und der Abstieg beginnt nach der Prettau, der obersten Thalstufe des nach Brunecken zu, nach dem Pusterthale, sich öffnenden Ahrnthales. Vierzehn Stunden lang dehnt sich dasselbe von dem obersten Weiler Kasern am Fusse des Tauernpasses bis zur Vereinigung des Ahrnbaches mit der Rienz aus. In seiner süd-

* ) Ich setze die Jochhöhe mit Amthor auf 8673 Fuss an; andere Zahlen greifen höher.

westlich ziehenden oberen Hälfte, wo es die eigentliche Tauernkette von den Zillerthaler Alpen scheidet, hat es den Charakter eines engen, von tief herab beeisten Bergscheiteln umschlossenen Hochgebirgs-thales; die tieferen Theile dagegen, nachdem bei dem Durchbruchschlunde oberhalb des Hauptortes Taufers eine südliche Umbiegung stattgefunden hat, bilden ein üppig grünes, mit allen Reizen der Gebirgsnatur ausgestattetes Land.

Das war die Pforte, durch welche Herzog Rudolf das Gebiet betrat, als dessen künftigen Beherrscher er sich ansah. Allein mit welchen Mühseligkeiten musste er, mitten im tiefsten Winter, die Reise bestehen! Beinahe ohne alle Begleitung, mit den erstaunlichsten Anstrengungen und unter augenscheinlicher Lebensgefahr, durch Eis und Schnee, kämpfte er sich durch, oft auf Händen und Füssen kriechend; allein es gelang, und wohl schon die ersten Worte, die ihm in der Prettau entgegenklangen und vom Tode Meinhard's redeten, rechtfertigten reichlich das tollkühne Abenteuer. Es war dem Herzog gelungen, von derjenigen Seite her, wo man zuletzt sein Eintreffen vorausgesehen, unvermerkt nach Tirol zu kommen, und bald sollte sich herausstellen, dass keine Stunde für den künftigen Landesherrn verloren gehen durfte. Denn ein sonderbares Wirthschaften hatte gleich nach dem Tode des jungen Fürsten begonnen.

Tirol war durch das Erlöschen der neu begründeten Witteisbacher Linie an die Mutter Meinhard's,

die ursprüngliche Erbin, zurückgefallen. Allein Margaretha Maultasch bewies in handgreiflicher Weise ihre gänzliche Unfähigkeit, die Regierung selbst zu führen. Sie gerieth in schimpfliche Abhängigkeit von einer Anzahl tirolischer Adeligen, welche in eigen-nützigster Absicht die willenlose Frau zu einer Menge von Verpflichtungen veranlassten — 26 Urkunden aus Meran vom 16. bis 20. Januar enthalten die Zeugnisse dieser goldenen Ernte der Tiroler Landherren —, so dass es die höchste Zeit war, einzugreifen, wenn nicht an der Stelle der grafschaftlichen Rechte im Tirol auf den Trümmern der landesherrlichen Einkünfte ein förmliches aristokratisches Regiment, eine allgemeine Auflösung eintreten sollten. Noch am 20. aber siedelte Margaretha Maultasch nach Bozen über, und nun folgen von da an bis zum 25. bloss noch sechs Stücke — aus guten Gründen; denn jetzt war Herzog Rudolf am Hofe angelangt und sorgte nach seiner Auffassung für das Beste seines Landes. Vom 20. bis 26. Januar wurde in Bozen verhandelt: am 26., « an sand Policarpen tage », übergab die Beherrscherin Tirol's, damit, wie sie sagt, nach ihrem Hinscheiden nicht Streit entstände, an Herzog Rudolf und seine Brüder Albrecht und Leopold als an ihre nächsten Verwandten und Erben ihr Erbtheil, dessen Herren und Besitzer sie von Stund an sein sollten, doch so dass sie selbst bis zu ihrem Tode im Namen der Herzöge die Regierung führe und durch dieselben im Besitze des Landes geschützt werde. Ohne Widerstand gehorchte das Land; Rudolf nahm gleich den Titel eines Grafen von Tirol an und bei seiner Reise über Sterzing und den Brenner nach Innsbruck und Hall huldigten die Städte eine nach der andern.

Vollkommen ohne Besorgniss konnte der Herzog im Februar das Land verlassen und sich nach Wien zurückbegeben.

Eine ganz andere Frage war nun freilich, ob das Haus Witteisbach, das Tirol schon zu besitzen gemeint hatte, diese Befestigung Oesterreich's hier in dem Gebirge, im eigentlichen Hochlande des bairischen Stammgebietes, ohne einen Versuch der Verhinderung gestatten werde. Rudolf begab sich, um Vorbereitungen für den in sicherer Aussicht stehenden bairischen Krieg zu treffen, im Sommer 1363 wieder nach Tirol und führte nun am 2. September vollends das im Januar erreichte bis zum Ziele durch. Margaretha Maultasch legte — abermals in Bozen — ihre Regierung förmlich nieder und übertrug dieselbe sogleich im vollen Umfang gegen reichliche Entschädigung an die österreichischen Herzoge, für welche Rudolf jetzt von allen Vertretern des Landes neuerdings die Huldigung hinnahm. Margaretha verliess Tirol und siedelte nach Wien über, wo sie 1369, etwa 51 Jahre alt, starb: einen Versuch, entgegen dem von ihr beschworenen Vertrage nochmals mit Ansprüchen hervorzutreten, der bei der Anhänglichkeit der Bewohner leicht gefährlich hätte für Oesterreich ausfallen können, hatte Rudolf 1364 rechtzeitig glücklich verhindert.

Zwar auch Herzog Rudolf hat sich des Erwerbes, der allein seiner Gewandtheit und Energie verdankt worden war, nicht lange erfreuen können. Einen Angriff des Herzog Stephan von Baiern wies er im November 1363 mit Glück zurück; im Lande selbst ver- Meyer von Knonau.

mochte er mehreren Adeligen, die sich durch die Schwäche der Regentin im Januar 1363 so sehr bereichert, ihren Raub wieder abzunehmen; ein grosser Gewinn war, dass durch einen geschickt angelegten Vertrag mit dem Bischof von Trient das Stiftsgebiet thatsächlich unter die Oberherrschaft der Grafen von Tirol kam; im Februar 1364 bestätigte auch Kaiser Karl IV. den Uebergang Tirol's an das Haus Oesterreich. Aber neue Verwicklungen mit dem Patriarchen von Aquileja, dem sich der Gebieter von Padua und der Graf von Görz verbunden hatten, nahmen Rudolfe Aufmerksamkeit in Anspruch. Er suchte in den Visconti Bundesgenossen zu erwerben — schon hatte er seinem Bruder Leopold die Hand der Viridis Visconti gewonnen — und machte sich desshalb im Sommer 1365 nach Mailand auf den Weg. Wieder wollte er in abenteuerlicher Weise die Reise durchführen denn es war rathsam, das bairische Gebiet, trotz des bestehenden Waffenstillstandes, nicht zu berühren, andererseits die Görz'schen Besitzungen zu vermeiden, und so ging der Herzog — sein Weg steht dieses Mal nicht so fest, wie das für die Reisestationen im Januar 1363 der Fall ist — über hohe Berge und durch dichte Wälder nach dem Pusterthal, zu Fuss als Schildknappe verkleidet, und kam wieder nach Brixen, wo er am 22. Mai zuerst sich aufhielt. Allein auf Schloss Tirol hielt ihn eine Krankheit fest, Folge der Anstrengungen bei dem Uebersteigen des noch beschneiten Hochgebirgskammes. Erst halb genesen zog er weiter nach Verona, das ihn am 14. Juni festlich empfing. Auch in Mailand wurden ihm die höchsten Ehren erwiesen:

aber die Krankheit kam hier zu neuem Ausbruche und am 27. Juli 1365 endigte er sein, kurzes, reich bewegtes Leben in der lombardischen Hauptstadt. Den Todten empfing sein Stephans-dom in Wien; über die Berge Tirol's war die Leiche des kühnen Wanderers nach den österreichischen Landen zurückgeführt worden.

Erst vier Jahre nach Rudolfs Tode, 1369, schloss der Friede von Schärding den Krieg gegen die Baiern ab: noch 1368 war ein bairisches Heer siegreich eingedrungen und bis über den Brenner gekommen, und nur die Thatkraft des entschlossenen Bischofs von Brixen Johann — desselben Johann von Platzheim, der früher Herzog Rudolfs Kanzler gewesen war — hatte das Land Tirol den Herzogen von Oesterreich gerettet. Allerdings verzichteten die Witteisbacher nur gegen sehr grosse Entschädigung — dieselbe stieg bis auf mehr als eine Million Gulden österreichischer Währung, für jene Zeit eine enorme Summeallein Albrecht und Leopold kannten den Werth der ihnen durch den im Tode vorangegangenen Bruder zugekommenen Gebietsvergrösserung, und für deren Erhaltung erschien kein Opfer ihnen zu gross.

Wenn man sich auf den geschichtsbetrachtenden Standpunkt des Schweizers stellt, also auf den Boden einer historischen Entwicklung, die lange Zeit der österreichischen durchaus entgegengesetzt war, so kann man es vielleicht bedauern, dass es nach der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts dem Hause Habsburg gelang;

im Tirol sich festzusetzen; denn wie der Riese, der bei jeder Berührung der Erde frische Kraft gewann, konnten die österreichischen Herrscher, zumal infolge des Besitzes dieser Alpenburg, im Südwesten Deutschlands, zu welchem Tirol für sie die Verbindung abgab, sich nach manchem Glückwechsel eine Stellung stets wieder bis an die Schwelle der neuesten Zeit sichern. Die Entwicklung der Schweiz freilich vermochte Oesterreich auf die Länge nicht zu unterbinden.

Dass Tirol zum Bestandtheil eines grösseren monarchischen Staates wurde und ein solcher blieb, das zu verhindern, lag ausser der Macht und ausser der Aufgabe der Eidgenossen. Insofern berührt es unsere Geschichte wenig, ob die Lützelburger oder Wittels-bacher oder Habsburger im Tirol sich festsetzten. Wohl aber lässt sich behaupten, dass ohne diese österreichische Position hinter dem Arlberg das Land vor demselben, das ursprünglich nach Stammeseharakter und Geschichte mit Tirol keineswegs zusammenhing, vielleicht die Geschicke der stammverwandten linksrheinischen Gebiete getheilt hätte und nicht ein Bestandtheil des Kaiserstaates geworden wäre: im früheren Mittelalter noch hatte nämlich der Rhein von der Luciensteig bis zum Bodensee, da wo er jetzt einen schweizerischen Kanton von einem österreichischen Kronlande scheidet, nicht als Trennungslinie, sondern als Vermittler des Verkehres politisch gleichartig eingerichteter Landestheile gegolten.

Indessen, mag man diese Dinge auffassen, wie immer, das gerade muss die Schweizer erfreuen, dass die Tiroler, ihre östlichen nächsten Nachbaren in den Alpen, durch fünf Jahrhunderte oft genug in ihren Kämpfen für Oesterreich den Beweis leisteten, « dass »

— wie im Tirol bei Anlass der fünfhundertjährigen Jubelfeier der Zugehörigkeit zu Oesterreich gesagt wurde

— « vielleicht kein Land mehr, als Tirol, in der Lage sei, bei der Gestaltung seiner Geschicke ein gewichtiges Wort selbst mitzureden ».

Denn was vom Gebirgsvolke der Tiroler gilt, können auch die Schweizer Eidgenossen auf sich anwenden.

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