Ein Wintertag in S-charl

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Von Eugen Wenzel

Mit 4 Bildern ( 28—31Zürich ) An den Felsspitzen der Pisocgruppe hat sich der neue Tag angekündigt. Die Steinhäuser von S-charl umstehen noch in dämmriger Farblosigkeit den Dorfplatz, aus dessen Mitte, halb versunken im Schnee, der hölzerne Brunnen ragt und sein eintöniges Lied murmelt. Um den Wasserstrahl hat sich, gestützt durch den eisernen Untersatz, über Nacht ein wulstiger Eismantel gebildet, und auch die im Wasser verbliebene Waschgelte ist durch eine dünne Eisschicht an den Brunnentrog gefesselt. Starre Leblosigkeit liegt noch über Dorf und Tal.

Der erste Laut, welcher die Stille dieses Frühmorgens durchbricht, kommt von der unvermittelt sich öffnenden Stalltüre des Nachbarhauses, in deren Rahmen, begleitet von einer leichten Wolke ausströmenden Stalldampfes, Besa, die Kuh der Frau Barth, erscheint. Keinen unnötigen Schritt machend findet das Tier trotz des Neuschnees den geraden Weg zur Tränke, saugt dort lautlos das eisige Wasser in sich hinein, hebt für einen Augenblick den Kopf, wie um sich nach dem Wetter umzusehen, und trottet dann ohne Eile in den Stall zurück. Dann ist es wieder still im Dorf.

Doch im Innern der Häuser ist man regsam geworden. Aus den Kaminen aufsteigende Rauchfahnen verraten es. Das Anfeuern des Stubenofens ist auch bei uns jeden Morgen die erste Verrichtung. In der Küche, denn von dort aus wird er bedient, werden zwei Arme voll schöner Lärchenscheiter bereitgestellt. Auf der Ladeschaufel wird mit selbstverfertigten Spriessen ein Feuer entfacht, sorgsam in den Ofen geschoben, in der hintersten Aschenmulde abgesetzt und mit einem schnellen Ruck zurückgezogen. Auf das im Ofen verbliebene Feuer wird nun mit besonderer Kunst, allmählich von dünnen zu groberen Klötzen übergehend, ein Scheiterhaufen aufgebaut, bis es knistert und prasselt und man die eiserne Ofentür schliessen kann.

Während des Frühstücks wird es plötzlich hell in unserer Stube. Die Sonnenstrahlen haben das Dorf erreicht, und die schneebeladenen Dächer wetteifern mit den weissgetünchten Häuserfronten in der Widerspiegelung des Glanzes. An den Fenstern des gegenüberliegenden Gasthauses werden die gemusterten Vorhänge zur Seite geschoben. Aus dem Hühnerstall der Frau Barth wird schüchternes Gackern hörbar. Es wird Zeit, die Ski bereitzustellen. Ein herrlicher, klarer Wintermorgen ruft uns ins Freie!

Die Gipfel der Pisocgruppe heben sich in vollster Schärfe vom blauen Himmel ab, und ihre Flanken bieten im weissen Überwurf des gefallenen Neuschnees einen ungewöhnlich strengen Anblick. Die welligen Talgründe des nach Südosten ansteigenden S-charltals leuchten in solch verschwenderischer Lichtfülle, dass die Augen den Glanz kaum ertragen. Der flaumige Neuschnee, der ein lautloses Spuren erlaubt, verlockt uns zu einer Streife durch den Wald. Gleich hinter dem Dorfausgang verlassen wir das Strässchen und dringen auf dem schwach erkennbaren Einschnitt eines Sommerpfades in den Hochwald ein. Weihevolle Stille umfängt uns. Goldfarbig spielt das durch lockeres Lärchengeäst einfallende Sonnenlicht an runzeligen Baumstämmen und auf dem graublau schattierenden Waldboden. Wie erwartet, gehen unvermutet einige Hirsche vor uns hoch und verschwinden in grossen Sätzen durchs Gehölz. Wannenartige Ausbuchtungen im Schnee zeigen uns ihre Lagerstätten. Etwas weiter taleinwärts stossen wir auf frische Rehfährten, folgen ihnen und sichten bald darauf auch die Tiere, welche bereits Wind von uns bekommen haben und sich in federnden Sprüngen davonmachen. Möglichst geräuschlos suchen wir zwischen den zum Teil dichtstehenden Arven unsere Spur zu ziehen. Plötzlich fährt wenige Schritte vor uns ein Hirschstier unter schützendem Arvengeäst auf, lässt ein heiseres Bellen hören und flieht mit zurückgelegtem Geweih in gewaltigen Sätzen rückwärts an uns vorbei. Wir kommen kaum aus dem Staunen heraus, mit welcher Schnelligkeit und mit welch spielerischer Leichtigkeit der Bewegungen das mächtige Tier trotz des Neuschnees fortzukommen vermag. Eine offene Waldlichtung benützend, fahren wir nun an den Bachlauf der Clemgia hinab.

Man könnte sich ins Märchenland versetzt glauben. Eingebettet zwischen fast schwarz erscheinenden Arvenwäldern widerstrahlt der Talboden den Glanz der Morgensonne, welche schon hoch über dem zackigen Felsgrat des Murtera-massivs steht. In den Mulden und Furchen des frisch verschneiten Geländes spielen alle Farbstufen blaugrauer Schatten ineinander und geben der Landschaft das Gepräge eines echten Wintertages. Unsere Spur führt jetzt am Bachlauf der Clemgia entlang. Wulstig hängt der Schnee über die Ufer hinaus, und dort, wo ein herausragender Stein den natürlichen Pfeiler bot, hat sich eine geschlossene Schneebrücke gebildet. Wenn wir solche unsicheren Brücken auch nicht überqueren wollen, so geben sie uns doch Gelegenheit, die Ski ganz nahe an den Bach zu schieben. Kaum vernehmbar fliesst das bis auf den Grund klare Wasser in seinem gewundenen Bett, verschwindet zeitweilig unter dünnen Eisdeckeln und macht sich da durch unregelmässig vorbei-huschende Luftblasen bemerkbar.

Unvermittelt schiesst eine Wasseramsel unter einem Schneewulst hervor, fliegt eine kurze Strecke bachaufwärts, um ebenso plötzlich wieder in ein Wasserloch einzufallen. Während wir uns noch Gedanken über die Nahrungssuche dieses alpinen Tauchvogels machen, stossen wir im Weitergehen auf die Schnürspur eines Fuchses. Wundervoll plastisch haben sich seine Pfoten im weichen Pulverschnee abgedrückt und lassen erkennen, dass es nur wenige Stunden her sein kann, seitdem ihn die nächtliche Streife hier vorbeiführte. Eine Zeitlang geben wir der Fuchsfährte Geleit, dann überschreiten wir den Bach und wenden uns dem Schambrinawald zu. Gerade so wie uns die Lust ankommt, spuren wir zwischen prächtigen Arven am gegenseitigen Hang empor, treten weiter oben wieder ins Freie und kommen zur Alp Schambrina.

Ein herrlicher Wintertag liegt über den S-charler Bergen. Aus dunkelgründigen Arvenwäldern erheben sich die leuchtenden Gipfel der Sesvenna-und Murteragruppe in einen unwahrscheinlich blauen Himmel hinein. So verlockend heute auch die Besteigung des Mot dal Gaier oder eines Gipfels der Astraskette wäre, wir ziehen es vor, weiter durch die Arvenwälder zu wandern. Im Praditschölwald begegnen wir wieder gesunden, prachtvollen Bäumen, daneben aber auch halb vom Schnee zugedeckten Baumleichen, welche im langjährigen Kampf mit rauhen Stürmen erlagen. Bei der Alp Praditschöl treten wir in den freien Raum der Astrasböden, einem breiten, flachen Talgrund, der jetzt um die Mittagszeit ein ungeheures Licht widerspiegelt. Gegen Süden verliert sich das obere S-charltal in gleissenden Bergrücken. Geblendet schliesst sich das Auge und wendet sich dem wohltuenden Grün des gegenüberliegenden Tamangurwaldes zu. Die Rast in der Stille und Abgeschiedenheit dieses Ortes wird zum unvergesslichen Erlebnis.

Die Abfahrt führt zwischen Arvenlichtungen zur Clemgia hinab, die hier als schmales nur stellenweise zutage tretendes Bächlein den Talgrund durchfliesst. Eine sonderbare, aus dem Bach kommende Tierfährte lässt uns die Fahrt unterbrechen. Unschwer ist zu erkennen, dass hier der Adler seine Spur hinterliess. Mitten im Bach war der König der Lüfte auf einem allseitig vom Wasser umspülten Stein niedergegangen und lag dort zweifelsohne dem Fischfang ob. An den Spuren lässt sich nicht feststellen, ob die Jagd erfolgreich war, aber um so deutlichere Sprache reden die massiven Abdrücke am Ufersaum. Der kühne Sprung ans erhöhte Ufer war dem grossen Vogel zwar geglückt, doch war es ihm nicht möglich, hochzukommen. Unterstützt durch seine über einen Meter spannenden Flügel hüpfte er nun über den flachen Wiesenplan, wobei seine armdicken Fänge tief im Pulverschnee versanken. Erst dreissig Schritte weiter oben gelang es dem Adler, sich von einem Hügelchen aus in die Luft zu schwingen. Obgleich wir uns den Vorgang nur anhand der frischen Eindrücke im Schnee ausmalen können, werten wir das Geschaute als interessantes Erlebnis.

Und nun fahren wir wieder der Sonne entgegen. In der Zwischenzeit hat sie ihre weite Reise vollzogen und schickt ihre Strahlen von der entgegengesetzten Seite ins Tal hinab. In den uns zugekehrten Wänden der Pisocgruppe sind bereits die Schatten eingedrungen. Die Felsgipfel machen einen viel düstereren Eindruck als am Morgen. Auf dem Strässchen kommen wir hübsch in Fahrt und erreichen lange vor dem Einnachten die Siedlung S-charl.

Der grosse Stubenofen hat seine Pflicht getan. Gemütliche Wärme schlägt uns beim Eintreten in die Stube entgegen. Gamaschen, Strümpfe und Felle hängen bald über dem Wärmespender, und auch die Skischuhe werden in seiner Nähe aufgestellt. Die Petrollampe verbreitet ein heimeliges Licht, und im Küchenherd prasselt schon ein vielversprechendes Feuer.

Zu dieser Zeit sind die Hirsche am Waldrand erschienen. Langsam bewegen sie sich ins freie Gelände hinaus und scharren sich an geeigneten Stellen vermodertes Gras zur Äsung hervor. Heute zählen wir dreiundzwanzig Stück, aber es hat wieder keine Stiere darunter.

Nach dem Abendbrot muss die Milch geholt werden, und dieser Pflicht-gang gibt uns Anlass, ein Plauderstündchen bei Frau Barth zu verbringen. In der heimeligen Arvenstube werden die Ereignisse des Tages besprochen, und darüber hinaus vernimmt man bei Nonna Barth noch vieles, was mit dem S-charler Gebiet, seinen Einwohnern und seinem Wild zusammenhängt.

Es ist Nacht geworden. Auf dem hartgetretenen Weg um den Brunnen herum knistern die Eiskörnchen unter den glatten Ledersohlen der Finken. Schwarz ragen allseitig die steilen Berghänge zum Nachthimmel empor, in dessen weiträumigem Gewölbe in unfassbarer Zahl die Sterne flimmern. Der eiserne Riegel unseres Haustores fällt ins Schloss, und wenig später erlöschen die Kerzenlichter in den Schlafstuben. Ein Wintertag in S-charl ist zu Ende gegangen.

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