Eine Besteigung des Popocatépetl

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September 1925.

Einmal — es war noch in der Schule —, da hörten wir von einem Vulkan Popocatépetl1 ). Längst war der schöne Name wieder verstummt, als die Zeitungen berichteten, dass der berühmte « rauchende Berg » der Azteken nach etwa 200jähriger Ruhe tatsächlich wieder zu rauchen und zu donnern begänne. Es war im Herbst 1920 2 ).

Von Tampico, der modernen Petroleumstadt herkommend, durchquert die Eisenbahn zunächst eine 100 km breite Zone von ebenem bis hügeligem Tiefland aus tertiären bis jungkretazischen Schichten. Es ist die « Tierra caliente » mit tropischem Klima, immergrünem Busch oder Kaktusvegetation und fruchtbaren Böden.

Dann folgt das vorwiegend aus Kreidekalken aufgebaute Faltengebirge der Sierra Madre Oriental, das von der Eisenbahn nach San Luis Potosi durchquert und im wilden Tamasopo Canon überwunden wird.

So gelangt man auf das durchschnittlich etwa 2000 m hohe, ausgedehnte Plateau des zentralen Mexiko, auf welchem die wichtigsten Städte und die grossen Seen liegen. Es ist die « Tierra fria », das kalte Land der Mexikaner, das durch ein herrliches Klima ausgezeichnet ist. Selbst im September, dem eigentlichen Regenmonat, scheint in der 2300 m hohen Hauptstadt die Sonne fast jeden Morgen, während der Himmel am Nachmittag sich durch Gewitterwolken verdunkelt. Die Temperatur ist so ausgeglichen, dass man weder unter Sommerhitze noch unter Winterkälte leidet und Blumen und Erdbeeren das ganze Jahr zu finden sind. Bis über 3000 m hoch hinauf reicht der Ackerbau. Begreiflich, dass sich in dieser Gegend auch Überreste alter Kulturen vorfanden. Drei Hauptstufen lassen sich unterscheiden:

1. die archäische, unter der Lava des Pedregal begrabene, mit einer aus ungehauenen Steinen aufgetürmten Pyramide ( Cuicuilco ) und primitiven Tonfiguren, die als älteste indianische Kulturstufe von ganz Amerika betrachtet wird und 3000—5000 Jahre zurückliegen mag; 2. die mittlere ( tpltekische ), mit den berühmten Tempelpyramiden von Teotihuacan, und schliesslich 3. diejenige der Azteken oder Mexica, die von den spanischen Eroberern unter Cortez im Jahr 1519 und später mit unerhörter Grausamkeit zerstört wurde.

Nicht nur besteht das Hochland aus Laven und Tuffen, sondern diesem sind noch die gewaltigen Vulkane aufgesetzt. Ein ungeheures Feld eruptiver Tätigkeit hat sich hier in der Tertiärzeit und später herausgebildet.

1 ) Betonung auf der vorletzten Silbe.

2 ) P. " Waitz, La Nueva Actividad del Popocatépetl. Soc. cient. « Antonio Alzate ». Mémoires, t. 37, p. 295—313, Mexico 1921, und Popocatépetl again in Activity, Am. Journ. of Se, vol. L, p. 81—87, 1921.

13 EINE BESTEIGUNG DES POPOCATÉPETL.

Die drei Schneeberge Mexikos sind solche Vulkane, welche die Hochfläche um 3000 m oder mehr überragen.

An erster Stelle steht der Citlaltépetl, was in der Indianersprache Sternenberg heisst, meist Pico de Orizaba genannt, mit gegen 5700 m. Im Gegensatz zur Kartendarstellung, wie sie z.B. im Stieleratlas gegeben ist, bildet er einen einzigen steilen Kegel ohne Sommaring, aus der Ferne etwa an die Form eines Bristenstocks erinnernd. Seine letzte Eruption war diejenige des Jahres 1687 1 ). Seither verharrt der weisse Riese in Schlummer.

Der zweite ist der Popocatépetl, kurz Popò genannt. Seine Höhe ist auf der Staatskarte 1: 100,000 zu 5452 m angegeben. Von diesem wissen wir, dass er schon von den Azteken bestiegen wurde, denn zur Zeit der Belagerung von Mexiko, dem damaligen Tenochtitlan, hatten die Indianer aus dem Krater Schwefel gewonnen, der von Cortez zur Herstellung von Pulver für seine 10 Howitzergeschütze verwendet wurde.

Ihm nördlich zur Seite erhebt sich die erloschene Iztaccihuatl 5286 m, die Weisse Frau. Der süd-nord-verlaufende Kamm, von der Seite betrachtet, scheint die Azteken an eine mit einem weissen Tuch bedeckte, auf dem Rücken liegende Frau erinnert zu haben. Hier finden wir die grössten Schnee- und Firnmassen Mexikos schichtförmig angehäuft. Zur Eiszeit, da die Gletscher unserer Alpen bis über das Bodenseebecken hinaus und an den Jura reichten, erstreckten sich die Gletscher von der Iztaccihuatl nach Westen herab bis auf 3400 m, d.h. 1100 m tiefer als heute, wie neulich von Fr. Jaeger 2 ) durch Gletscherschliffe und Moränen nachgewiesen wurde.

Die Iztaccihuatl gehört einem eigenartigen Vulkantypus an, der niemals einen Kegel mit Krater besass, sondern entstanden ist durch rasch in steiler Böschung erstarrenden Spaltenerguss von andesitischer Lava.

Von den vielen Vulkanen Mexikos ist heute ausser dem Popò nur noch einer tätig, nämlich der Nevado de Colima, 4360 m, oder richtiger ein Nebenkrater auf seiner Südseite, der am 20. Januar 1913 eine ungeheure Explosion ergab. Nach der Schätzung von Waitz wurden 5-10 Kubikkilometer Gestein zerstäubt und in die Luft geschleudert. Dann folgten verheerende Glutwolken, die sich durch die Furchen herab ergossen.

1/2 Nach dieser allgemeinen Orientierung kehren wir zurück zum Popocatépetl. Sein Gipfel liegt nach der Karte 1: 100,000 bei 19° 1 17 " nördlicher Breite, also noch innerhalb des Tropengürtels, und rund 70 km südöstlich von Mexiko D. F. Er ist ein jugendlicher Berg. Während die Iztaccihuatl schon vor der letzten Vergletscherung aufgetürmt wurde, scheint der Popò jünger als diese zu sein, denn noch nirgends hat man bis jetzt Spuren einer eiszeitlichen Vergletscherung an seinen Gehängen gefunden. Die Erwärmung seit seiner jüngsten Tätigkeit hat bewirkt, dass die Krone von « ewigem Schnee » im Sommer zusammenschmilzt und das Gletscherchen an seinem Nordabhang vom Firn entblösst und der Nahrung beraubt worden ist.

Die Besteigung wird allgemein von Amecameca aus unternommen, einem malerischen Städtchen von 2500 m Höhe, 19 km nordwestlich des Gipfels, das von Mexiko aus in 2½ Stunden mit der Eisenbahn erreicht wird. Dort werden halbindianische Führer mit Maultieren zu relativ bescheidenen Preisen angeworben.

Ein besonders glückliches Ereignis war das Zusammentreffen mit Herrn Dr. Fr. Jaeger, Professor der Geographie an der Universität in Berlin, der zu Studien über das Klima der Eiszeit nach Mexiko gekommen war und nun in Gemeinschaft mit dem Verfasser die Besteigung unternahm.

Am 8. September wurden die letzten Vorbereitungen in Amecameca getroffen und gegen 9 Uhr aufgebrochen. Das Thermometer war über Nacht auf +12° C gesunken, was mir nach sechsmonatigem Aufenthalt im tropischen Tiefland schon als beträchtliche Kälte vorkam. In frischem Schnee, noch halb von Nebel verschleiert, hatte sich nach Sonnenaufgang der gewaltige Popokopf gezeigt, um bald wieder in Wolken zu verschwinden. Wir waren uns bewusst, dass der Gipfel bei Tagesanbruch erreicht werden muss.

Etwa 8 km weit reitet man über eine fast unmerklich ansteigende, fruchtbare Ebene mit Mais- und Getreidefeldern. Dann beginnt das bewaldete, steilere Gehänge aus verwittertem Schutt von Eruptivgesteinen, reich an Bims-steinbrocken. Mühelos, in herrlicher Luft geht es durch den lockeren Wald mit Graslichtungen voller Blumen hinauf. Zunächst begegnen wir langnade-ligen Kiefern mit zypressenartigen Bäumen ( Biota ), die vermutlich angepflanzt wurden. Dann folgt bis etwa 3300 m heimischer Weisstannenwald, darüber wieder eine Kiefer anderer Art, welche nun die Alleinherrschaft bis zur oberen Baumgrenze übernimmt. Noch reicher selbst als unten wird die Blumenpracht in diesem Bergföhrenwald. Vor allem treten blaue und violette, bis mannshoch aufragende Lupinen hervor, die von weitem an Eisenhut erinnern und den Saumpfad versperren. Auch « Storchenschnäbel », Sonnenröschen, Gänseblümchen, Schafgarben, kleine Disteln, feuerrote Salbeien sind in Blüte. Leider reicht unsere Zeit nicht aus zum Sammeln.

Bei etwa 3450 m ( « El Pareje » ) wird Mittagsrast gemacht. Der Nebel ist dünn und wird oft von göttlichem Sonnenschein aus tiefblauen Löchern durchbrochen.

Der lichte Bergföhrenwald mit dürrem Büschelgras reicht bis über die Wasserscheide hinauf, welche sich vom Popò zur Iztaccihuatl zieht. Hier befinden wir uns bei etwas über 4000 m Höhe und können die Wald- und Baumgrenze überschauen, während sich die Gipfel noch verborgen halten. Sofern der Wald nicht durch Schutt- und Schlammströme vom Popò herunter gestört wird, reicht er bis 4100 oder 4150 m. Vereinzelte hohe Stachelbeer-sträucher ( Ribes ) reichen noch etwas höher hinauf, und die Kolibris gehen ebenso noch über die Baumgrenze hinauf, um den Honig aus den fingerhut-artigen Blüten zu saugen.

Von der Wasserscheide geht der Pfad eine kurze Strecke östlich hinunter bis zum Lagerplatz Tlamacaz, der auf der Karte mit 3937 m angegeben ist.

Unterdessen ist es 4 Uhr geworden. Auf dem freien Platz im Föhrenwald steht ein Steinhüttchen mit einem Zementaltar in der Mitte, gerade ausreichend, um sich, in Decken gehüllt, zu zweien auszustrecken. Offenbar war hier in der guten alten Zeit, d.h. vor der schrecklichen Revolution, die mit dem Weltkrieg einsetzte, ein Seismograph aufgestellt. Südwestlich neben dem Hüttchen erhebt sich ein sonderbarer Turm aus Stein, wie ein Obelisk. Hier haben die Eingeborenen, wie unser Führer in spanischer Sprache erklärt, den Schwefel geschmolzen, den sie noch bis im Jahr 1920 aus dem Krater holen konnten.

Hie und da öffnet sich ein Loch in den Wolken, so dass der Popò südlich über uns mit seinem Hängegletscherchen und dem schwarzen Felszahn, dem Mönch ( Pico del Fraile ), zur Rechten durchblickt. Doch bald wird der Himmel schwarz, und Regen prasselt auf unser Hüttendach, während es droben schneien muss. Wir unterhalten zwar ein grosses Feuer, aber innerlich fröstelt uns, denn wenn wir um Mitternacht nicht losziehen können, so ist die letzte Möglichkeit dahin. Meine Abreise von New York war festgelegt. Ich hatte nur noch diesen kommenden Tag zur Verfügung.

Wie oft hatten wir vergeblich nach Sternen Ausschau gehalten. « 12 Uhr », las Prof. Jaeger mit der elektrischen Taschenlaterne. Regen und Wind hatten zwar nachgelassen, aber noch war es selbst mit Laternen zu dunkel. « Noch eine Stunde warten », war der Entscheid.

« 1 Uhr. » Jetzt zeigen sich zwei Sternchen und ein Schimmer des Halbmondes. Rasch sind wir zum Aufbruch entschlossen. Die Temperatur beträgt + 3° C, so dass mir der alte, braune Kittel, den mir meine Mutter dereinst nach Grönland mitgegeben, unter der Tropenjacke wohlbekommt Die Maultiere mit einem Mann müssen zurückgelassen werden, da etwa eine halbe Stunde oberhalb Tlamacaz eine frisch aufgerissene, tiefe, vom Popò herabkommende Runse ( Barranca ) überschritten werden muss.

Über die Baumgrenze hinauf stampfen wir nun durch nassen, vulkanischen Sand. Die Grasbüschel bleiben zurück, und wir kommen von 4200 m bis zur jetzigen Schneegrenze ( 4400 m ) über eine steinige Zone mit spärlicher hochalpiner Vegetation, ausgezeichnet durch Polsterpflanzen. Sie werden bedroht und oft zerstört durch murartige Schlammströme, die sich bei schweren Regen vom Steilkegel herab ergiessen und auch sonst in langsam fliessender Bewegung ( Solifluction ) sich befinden. Vielversprechend müsste daher in botanischer Hinsicht besonders ein Aufstieg in der Felsregion des Pico de Frailesein.

Nicht nur hochalpine Pflänzchen reichen über den Wald hinauf, sondern auch Insekten und Vögel. Um 2 Uhr 15, in dunkler Nacht, erklingt ein helles Vogelstimmchen, das die Eingeborenen als « Pajarito triguer » bezeichneten, und die Kolkraben machen ihre Streifzüge bis zum Schnee hinauf.

Am Schneerand, zirka 4500 m, auf schwarzen Lavafelsen ( « Las Cruces » ) wird nach schwach zweistündigem Aufstieg der erste Halt gemacht.

War der gestrige Tag ein reiner Genuss und auch der Aufstieg bis hierher ohne besondere Mühe, so wird er jetzt auf einmal beschwerlich, besonders oberhalb 4550 m, wo nicht mehr der gefrorene Boden Halt gewährt, die Decke frischen Schnees auf 10—30 cm anschwillt und der steinige Boden darunter nachgibt. Ein eintöniger, unabsehbarer Steilhang von 30 bis 35° Böschung liegt vor uns.

Bei 4600 m schätze ich den Puls auf etwa 100 pro Minute, und ich muss etwa alle 50 Schritte Atem schöpfen.

Unterdessen hat sich der Himmel von Osten her geöffnet. Mond und Sterne leuchten auf den Schneehang, und die Iztaccihuatl entblösst sich. Doch weit im Osten wächst drohend eine schwarze Gewitterwolke heran, beständig von Blitzen durchzuckt. Ob wir zu spät sind? So gut als möglich beschleunige ich meine Schritte und komme weit voran, während die zwei Träger mit der Kinoausrüstung alle paar Minuten sich keuchend und erschöpft in den Schnee legen. In ihren mit wollenen Lumpen umwickelten Sandalen muss das Steigen besonders beschwerlich sein. Nichts unterbricht die eintönige Mühsal.

Da — um 5 Uhr 20 —, welch unerhörter Anblick! In der Morgendämmerung, wie ein riesenhafter Geist, steigt vor uns eine silbergraue Rauchsäule empor, in ungezählten Ballen auseinander rollend. Ein sanfter Regen von eckigen Steinchen fällt auf uns zurück. Dann löst sich die Wolke, wohl grösstenteils aus Gas mit Wasserdampf, allmählich im Winde auf.

Unterdessen hat sich der Himmel weiter geklärt. Mit Gluträndern umgeben sich schon die Wolken am östlichen Horizont, und auf den Kopf der Iztaccihuatl legt sich das Alpenglühen. Die drohende Gewitterwolke rechts von der erloschenen Malintzin, 4461 m * ), hat sich zurückgezogen, und an ihrer Stelle erhebt sich gelbleuchtend ein gewaltiger Schneeberg in kühnem Schwung hoch über die Wolkenschicht. Es ist der 150 km ferne « Sternenberg ».

Bei dem kräftigen Südostwind war die Kälte empfindlich geworden, obwohl sie nicht unter —4° gesunken war. Jetzt aber verspürt man wohltuend die rasch kommende Wärme der steil aufsteigenden Tropensonne. Das Aneroid, das noch nie eine solche Höhe erlebt, scheint bergkrank geworden zu sein, denn es zeigt schon auf 5400 m, während doch der leuchtende Kopf der Iztaccihuatl sich immer noch nicht zum Horizont herablassen will. Durch die dünnerwerdende Luft und das Stampfen im Schnee ist die Mühsal noch grösser geworden. Ich schätze jetzt, bei etwa 5000 m, den Puls zu 120—130 und muss alle 10—20 Schritte Atem schöpfen. Man erholt sich jedesmal rasch, fühlt sich herrlich wohl, glaubt, den Rest des Berges im Sturm nehmen zu können, und erlebt sogleich wieder dieselbe Enttäuschung.

Nach der Iztaccihuatl hätte ich nun auf etwa 5100 geschlossen. Doch siehe da — der Kraterrand, 5200 m, ist erreicht! 6 Uhr 45! Kaum war der überwältigende Blick in den furchtbaren Schlund zu fassen, da erfolgt mit dumpfem, sturmartigem Brausen ein neuer Ausbruch zur Begrüssung(6 Uhr51 ), dessen wirbelnde Wolke den ganzen Krater füllt, sich dicht über meinem Kopfe ausdehnt und nach Westen treibt, den höchsten Gipfel umqualmend. Wegen der Gefahr, dort erstickt zu werden, und weil schon die Nebel drohen, muss auf eine Besteigung desselben verzichtet werden.

Unterdessen war auch Jaeger angelangt, der einen ruhigeren, vernünf-tigeren Schritt, wenn auch nicht mit weniger Herzklopfen, eingehalten hatte. « Dass wir das erlebt haben, » rufen wir uns begeistert entgegen, « das Grossartigste, was wir je gesehen! » Schwer war es, mehr Worte zu finden. Noch nie fühlte ich mich auf einem Berge so aufgeregt, nicht allein wegen der dünnen Luft, der Anstrengung und Begeisterung, sondern wegen der fortwährenden Spannung, mit dem Kinoapparat einen neuen Ausbruch festzuhalten. Mit diesem bestand die Schwierigkeit, den Film einzufügen, da er beim Knicken des Endes wie Glas zerbrach, und bei den anderen Kameras, insbesondere dem « Tropen-Deckrullo-Nettel », streikten die Verschlüsse.

Der Rauch im Krater hatte sich nun zerstreut, so dass wir ringsum, ja selbst auf den Grund hinab, schauen konnten.

Von den wilden Zacken des östlichen Kratergrates stürzen die Felswände senkrecht zur Tiefe. Sie bestehen aus abgebrochenen, steil auswärts geneigten Andesitlaven. Die gegenüberliegenden Felswände unter dem höchsten Gipfel sind weniger steil geschichtet und lassen eine ausgesprochene diskordante Auflagerung erkennen, derart, dass der untere Teil durch den oberen schief abgeschnitten wird, wohl als Folge wiederholten Ergusses nach vorhergehender Zeit der Abtragung. Der Popocatépetl ist also, wenn auch jung, so doch nicht aus einer einzigen Eruption hervorgegangen.

Den Kraterboden schätzten wir auf 500 m unter uns, das ist etwa 700 m unter dem Gipfel, also tiefer, als ihn Waitz im Jahr 1920 gefunden hatte. Durch Vergleich mit früheren Beschreibungen und Abbildungen ergibt sich folgendes:

Vor 1920 bestand im Kraterboden ein grünes Seelein, von Schutthalden eingeengt.

Nach Beginn der Eruption, am 11. Oktober 1920, fand Waitz an dessen Stelle einen elliptischen Haufen von Andesitblöcken von etwa 100 m Durchmesser und 40-50 m Höhe. Er hielt die Blöcke für den oberen Teil eines gehobenen Lavapflockes, welcher vor der Eruption unter dem Seelein verborgen lag.

Heute zeigt der Kraterboden abermals ein verändertes Bild. Die schwarzen Blöcke bilden einen Ringwall von etwa 300-400 m Durchmesser, während der Lavapflock in der Mitte zurückgesunken sein muss. Dieser Auffassung entspricht die Beobachtung, dass die Eruptionswolken nicht aus der Kratermitte, sondern aus einer Spalte auf der Nordostseite des Blockringes hervorbrechen. Daneben treten freilich ständig weisse Fumarolen, wohl hauptsächlich von Wasserdampf mit Schwefeldioxyd, an verschiedenen Stellen aus, nicht nur im Kraterboden, sondern auch oben am nordöstlichen Kraterrand.

Bis um 10 Uhr, da die Nebel kamen, blieben wir auf dem Kraterrand. Etwa alle zwei Stunden, jedoch nicht regelmässig und von wechselnder Kraft, hatten sich die Explosionen wiederholt. Schon war die Iztaccihuatl von einem Kragen von Ball wölklein umgürtet und der Citlaltépetl eingehüllt.

Rasch erfolgt nun der Abstieg, obwohl man die berühmten Schlitten-abfahrten auf Strohmatten nun nicht mehr ausführen kann. Seit der neuen Tätigkeit ist der Schnee zum Abrutschen zu dünn, zu weich, und die vor- ragenden Steine sind zu gefährlich. In einer Stunde waren wir an der unteren Schneegrenze, von wo aus wir vier Stunden zum Aufstieg gebraucht hatten, und um Mittagszeit in Tlamacaz, wo ich mich von Prof. Jaeger verabschieden musste. Noch einmal hatte sich der Popò gezeigt. Bald aber verdüsterte sich der Himmel mit Gewitterwolken. In Nacht und Regen gelangten wir nach Amecameca zurück. Unser Ziel war erreicht. Keinen kühnen Schritt hatten wir zu wagen. Herz und Lunge aber waren auf die Probe gestellt.

Eines hat uns der Riesenschlund verschwiegen. Welches wird seine Zukunft sein? Wird der Gewaltige langsam ersterben, das Erdenblut versiegen, oder wird es von neuem überquellen, der Kopf gar in die Luft gesprengt? Dies bleibt ein Rätsel unserer wunderbaren Erde.

Arnold Heim.

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