Eine Matterhornbesteigung im Jahre 1886

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Von J. Schmid-Dikenmann t1

( Luzern ) Wohlversehen mit dem Nötigen brachen wir bei etwas überwölktem Himmel am 18. August nachmittags 1.45 Uhr von Zermatt auf. Ein letzter kräftiger Händedruck zum Abschied von unseren Freunden, und wir stiegen wohlgemut hinan. Der Weg schlängelt sich über grünende Matten einem Wildbachtobel zu, auf primitivem Steg überschritten wir den schäumenden Gletscherbach und traten ins herrliche Waldesdüster, wo dürre Äste zum Kochen abgebrochen und mitgenommen wurden. Je höher wir stiegen, desto magerer wurde die Weide, beim Schwarzen Seeli, 2589 m, hört jede Vegetation auf. Vom Matterhorn sieht man hier gar nichts; man ist dem Koloss bis auf seine Vorwerke und Ringmauern nahegerückt. Aber allmählich bekommt man einen Begriff von den Dingen, die da kommen sollen: die Felswände werden steil, der vom Westen anstürmende Wind, Eis ins Gesicht jagend, erschwert das Klettern. Ist diese Ringmauer erstiegen, so entfaltet sich aber wie durch einen Zauberschlag hervorgerufen ein grossartiger Anblick: schauerlich schön türmt sich hier das Matterhorn, « der Löwe von Zermatt », himmelan. Einige Zeit hielten wir uns auf dem Kamme, der gegen Süden zu ganz jäh auf den Theodulgletscher hinabstürzt, dann stiegen wir über grössere und kleinere Felsen und durch Trümmer und erreichen gegen 6 Uhr abends die Klubhütte, 3298 m, wohlgeschützt und solid gebaut. Ihre Lage ist wundervoll. Gegenüber Monte Rosa und Gorner, tief im Tale Zermatt, vor uns abstürzend weite, weite Gletscheröden. Wir machen 's uns bequem, bald brennt lustig das Feuer im Ofen, mit Wonne schlürft sich der wärmende Trank. Zeitig legen wir uns auf die Pritschen. Allein, der immer wilder tobende Sturm heult, als ob alle Dämonen der Hölle losgelassen worden wären, die Gluten im Ofen werden vom Winde durch das Rohr weit hinaus-gejagt. Ob die Berggeister uns mit ihrem Grimm drohen wollen? Aber Bergführer Pollinger bleibt frohen Mutes, und wirklich, gegen 4 Uhr morgens gibt der Sturm nach, und bald herrscht völlige Ruhe. Frisch auf nun, ans heutige schwere Tagewerk! Einige Tassen wärmende Schokolade erfrischen die Lebensgeister. Dann wird die Hütte wieder in ordentlichen Zustand versetzt, das Unnötige zurückgelassen und das Seil über die Brust gebunden, mit je ca. 4 m Abstand; Pollinger voran, dann ich, Freund Ingenieur Eggermann und zuletzt Träger Biner, während der Abstieg umgekehrt erfolgte. Um 4.35 Uhr verlassen wir unseren Adlerhorst.

Ein wundervoller Morgen war angebrochen, das Firmament reingefegt. Hell und siegreich drang von Osten her das Licht heran; schneller als ein 1 J. Schmid-Dikenmann war in den Jahren 1892 und 1893 Präsident der SAC-Sektion Pilatus.

Lavastrom floss das Purpurfeuer über die Schneehänge, ergriff die Gipfel mit ätherischer Flamme, dass die Zinnen des Himmels zu brennen schienen. Der junge Tag besiegte die Nacht. Nun glückauf!

Kurze Zeit überschritten wir den Kamm, an den die Hütte angelehnt ist, dann stiegen wir in eine firnbedeckte Einsattlung hinab, gingen über eisige Stellen am obern Saum des steil abschliessenden Furggengletschers und standen dann plötzlich am Fusse einer fast senkrechten Felsmauer. Ohne ein Wort zu verlieren, setzte Pollinger hier an. Mit Hand und Fuss, Brust und Knie wurde aufgezogen und eingestemmt. Fast sechs Stunden dauerte diese Kletterei, bei der ein einziges Ausglitschen, ein falscher Griff den Tod für alle zur Folge gehabt hätte. Wir wandten uns südwestlich einer Bucht zu, auf schmalen Bändern gegen den Rand der Felswand hin, wo ein etwa 20 m breites Eiscouloir auftauchte und jeweilen nur ein Mann in Bewegung war, während die übrigen Pickel ins Eis schlugen und sicherten. Der kommende Fels machte eine scharfe Biegung und war so senkrecht, dass der Oberkörper weggedrängt wurde. Liebevoll musste man die kalte Felsenbrust umarmen, und in dieser Situation, bei welcher der Halt hauptsächlich in den Fingerspitzen lag, konnte man weder den Vordermann noch den Hintermann sehen, nur das Seil lief an beiden Enden um die Ecke und zeugte davon, dass man in Gesellschaft war.

Noch waren zwei Couloirs zu traversieren, dann liessen wir die Pickel zurück und eroberten in flotter Felskletterei eine Terrasse um die andere. 6.30 Uhr standen wir vor der sogenannten « Whymper-Hütte », 3820 m, ein schauderhaftes Loch, halb mit Eis gefüllt. Es wurde kurz Atem geholt und das Weinfässchen zu Ehren gezogen. In wenig Zeit erreichten wir dann die « Mosleys Platten », so genannt, weil von dort der Amerikaner Mosley ausgeglitscht und den frühen Tod gefunden hat. Mehr und mehr näherten wir uns dem Ostgrate. Ein unausgesetztes Klettern erforderte grosse Kraftanstrengung und liess die Zeit lang erscheinen. Aber es ging nicht anders, wir mussten den Grat entlang hinauf. Ab und zu bog man den Oberkörper vor, um wie in eine andere Welt zu schauen: mehr als tausend Meter unten liess sich der Zmuttgletscher als erster Anhaltspunkt erblicken. Hier erprobte es sich, ob der Kopf schwindelfrei war, denn der Grat ist überaus schmal, und links und rechts gähnen einem furchtbare Tiefen entgegen. Der Wind, dem man schonungslos ausgesetzt ist und der einen jeden Augenblick wegzublasen droht, ist von solcher Kälte, dass man denselben im Innersten des Leibes zu spüren vermeint. Ohren und Gesicht hatten wir durch unter dem Kinn festgebundene Nastücher einigermassen geschützt.

Um 8.45 Uhr betraten wir die sogenannte Schulter, einen vorspringenden Kamm, der einige freie Schritte erlaubt. Wir erfrischten uns ein wenig, da das Schwerste eigentlich erst jetzt begann. Beinahe senkrecht starrten uns die vereisten Felsplatten entgegen, ab und zu hangen in die Felsen eingekeilte Ketten und Seile herunter, nicht immer zutrauenerweckend. Einzelne Kettenglieder sind vom Blitz halb durchschlagen, und die Seile sehen sehr verwittert aus. Man zerrt und probiert, und schliesslich zieht man, die eine Hand am Seil oder an der Kette, mit der andern einen Felsspalt suchend, die Füsse am Felsen angestemmt, sich empor. Die Rauheit der Wand sowie einzelne Felsvorsprünge bieten da und dort für den Fuss etwelchen Stand. Die Situation ist eine überaus pikante. Nach oben hat man hart vor sich die Fußsohle des Vordermannes, dessen Kletterbewegungen in dieser Verkürzung ergötzlich komisch wären, wenn nicht der Blick zwischen den Beinen hindurch das Blut fast erstarren machte. Das Auge sieht direkt senkrecht in grauenhafter Tiefe, wohl 1500 m tief, den wildzerrissenen Matterhorngletscher. Doch der Mensch kann sich an alles gewöhnen; es wäre auch sehr vom Übel, wenn hier das Gruseln sich einstellte.

Wie Bergdohlen klebten wir fast eine Stunde an diesem Felskopf, während unten in Zermatt durch das Fernrohr wohl viele Augen in grösster Angst unseren Bewegungen folgten. Zwischenhinein kriecht man wieder auf allen Vieren auf schmalem Gesims, wo der Schwerpunkt einen fast zur Tiefe zieht, dann wieder hinauf, über eisigen, kalten Felsen, jeden festen Stein als Stützpunkt fassend. Da, endlich, endlich, sah ich Pollinger nicht mehr senkrecht, sondern schief vor mir über ein Dach klettern; einige wenige Griffe, und wir standen, 10.15 Uhr, tief Atem holend, auf der Spitze, 4482 m. Viktoria! Matterhorn, du stolzester der Stolzen, du bist bezwungen!

Es war die Wirkung des Ungeheuren, des in solcher Herrlichkeit nie Geahnten, was uns erfasste. Man muss sich vorerst sammeln, um sich mit dieser Welt zu befreunden, man fühlt sich rein in die Lüfte gehoben, man glaubt, « die Engel im Himmel singen zu hören ». Wahrlich, hier oben lässt sich Menschenleid und Menschenlos vergessen, da ist der Seele zumut, als throne sie hoch oben in der Götter Rat und sehe aus den Wolken zur Erde und hätte nichts weiter zu tun, als das Geschaffene, Vollendete still zu bewundern. Doch vorerst verlangte der Körper seine Rechte. Pollingers Sack entstieg zu unserer angenehmsten Überraschung von Zermatter Freunden beigepackter Champagner. Der erste Becher wurde dem teuren Vaterlande dargebracht, dessen ganze erhabene Schönheit sich doch nur dem erschliesst, der von hoher Bergeswarte aus alle die Eindrücke dieser grossartigen Schöpfung in sich aufnehmen kann.

Die Spitze des Matterhornes wird durch einen ca. 100 m langen Grat gebildet, der gegen Italien wohl 2000 m senkrecht niedersteigt, nach der Schweizer Seite etwas weniger; er ist zudem so schmal, dass keiner an dem andern vorbei kann. Ein kräftiger Windstoss würde dich zu einer letzten ewigen Fahrt entführen. Zuerst blicken wir zurück nach Zermatt, dem lieben, trauten Dorfe, das aus frischem Grün zu uns emporgrüsst; dann, mit dem Kopfe vornüber, in der Felswand liegend, gegen Italien in das Valtournanche; fast kann das Auge diese furchtbare Tiefe von 2500 Metern nicht ermessen. Die wenigen Hütten von Breuil und die vielen Talschaften liegen im Vormittagsglanze vor uns. Diesen endlos weiten herrlich grünenden Gottesgefilden entsteigen die glänzenden Eiszinnen der Grivola und des Paradiso. Seiner Würde wohl bewusst herrscht in direkt westlicher Richtung der Mont Blanc, von dessen Riesenschultern die Gletscher wie langgestreifte Silberbänder herunterhängen. Eine kleine Biegung mehr, und wie im Gegensatz zu den endlosen Fluren Italiens steigen in sinnverwirrender Schönheit die hehren Schweizer Berge auf: Zinne an Zinne, Kuppe an Kuppe, eisiger Firn, blanke Schneehalden, schwarze Granitklötze, schaurige Abgründe und in endloser Tiefe versinkende Täler!

Es war 11 Uhr. Es begann der schwierige Abstieg. Gehirn und Körper konzentrierten ihre ganze Tätigkeit auf Griff um Griff. Da die Stützpunkte für die Füsse immer unter sich gesucht werden müssen, geht mehr Zeit verloren als im Aufstieg. Ich erinnere mich noch lebhaft eines Momentes, wo ich infolge der Fußstellung den nächsten Stützpunkt nicht ganz erreichen konnte. Da hob Pollinger ob mir mich mit starkem Arme am Seile über die Felsen hinaus und liess mich langsam etwa einen Meter tiefer. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, zwischen den Füssen durch, vielleicht 1500 m tiefer, den Gletscher zu betrachten — eine richtige Vogelperspektive!

Wenn irgendwo, so ist hier, unweit von der Stelle, wo das grosse Unglück von 1865 geschehen, die Möglichkeit eines neuen Unglückes vorhanden. Die Seile sind vom Winde und der Sonne gebleicht und zerfetzt, die Ketten vom Blitze zerschlagen und von der Bewegung durch den Wind die Gleiche ausgerieben.

Auf der « Schulter » nahmen die Führer ihre Rucksäcke auf, das Abwärtsschreiten über die Gratschneide ist ein Gang im Lautern, par excellence, da man beidseitig den Abgrund vor Augen hat und unter den Füssen diese perfide, wie polierter Stahl glänzende Eisglasur. Einmal in der Ostwand, ist es eine wahre Lust, hinunterzuklettern, da die Griffe in dem aus Gneisgranit bestehenden Felsen zuverlässig sind. Am Eisgrat des Furggengletschers fing Pollinger an zu pressieren; wir waren im Gebiete der Steinschläge. Wer den zischenden, pfeifenden Ton solcher von dieser Höhe durch die Couloirs sausenden Steine einmal gehört hat, vergisst ihn seiner Lebtag nicht mehr. Das « Böse Eck » wurde glücklich umturnt, und um 4 Uhr standen wir wieder vor der Hütte, nun ausser Gefahr. Das Seil, das uns während zwölf Stunden fest vereinte, wurde abgelegt. Vor Freuden jauchzten wir uns fast heiser gegen den Gorner hin.

Um 4.50 Uhr verliessen wir das gastliche Dach. In eilenden Sätzen ging 's hinunter. Über die kahlgeschorenen Weiden wurde, auf den Pickel gestützt, stehend abgefahren, wie über ein Schneefeld. In zwei Stunden und zehn Minuten hatten wir trotz vorangegangener zwölfstündiger Kletterarbeit eine Höhendifferenz von 1700 m abgelaufen. Schlag 7 Uhr standen wir vor unserem Hotel in Zermatt, wo ein solenner Empfang unser wartete.

( Nach J. Schmids Tagebuch )

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