Eine Skiwoche im Avers

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Mit 8 Bildern.Von Eugen Wenzel.

Cresta 21. II. 1938.

Bevor ich Ihnen von unserem ersten Ausflug auf den Weissberg berichte, möchte ich etwas vom Weg hierher erzählen, der mir der vielen untrainierten Beine wegen Sorge bereitete, aber von allen Leuten « verdaut » wurde und sich als ausgezeichnetes Einspiel zu ungewöhnlicher Muskelarbeit auswies. Eine flüchtige Skizze soll Ihnen diesen langen Weg vor Augen führen. Das Strassenstück von Andeer bis Roffna kennen | Sie von Ihrer sommerlichen Autofahrt her. Vielleicht entsinnen Sie sich noch der Brücke, von welcher Sie einen flüchtigen Blick auf den Einfluss des Averserrheins erhaschen konnten. Bei der nächsten Kehre zweigt das schmale Talsträsschen von der Hauptstrasse ab, was Ihnen entgangen sein dürfte.Von dort ab waren wir uns selbst überlassen. Schon in der Val Ferrera, so nennt man den unteren Teil des langen Tales, ist man in einer Welt für sich. Vom Averserrhein sahen und hörten wir nur wenig. Den Granitblöcken, um die im Sommer das Wasser schäumt, hatte ein erst kürzlich gefallener Schnee dicke Pelzhauben aufgesetzt, so dass nur gedämpftes Gurgeln zu hören war.

Lange bevor wir Ausserferrera passierten, wurden wir auf die massige Gestalt des Piz Grisch mit seinem das Tal beherrschenden Vorbau, dem Piz Mazza, aufmerksam. Von diesem Berg hoffe ich Ihnen noch im Verlauf dieses Winters einiges mehr berichten zu können. Auf dem Wegstück zwischen Ausserferrera ( die Averser sagen Fraila ) und Innerferrera hat man immer die kegelförmige Spitze des Piz Mez vor sich und kann sich eine Zeitlang keine rechte Vorstellung über die Fortsetzung des Haupttales machen. In Innerferrera kehrten wir bei unserem lieben Bekannten in der Post ein, machten uns aber bald wieder auf den Weg, der sich nun teilweise steil ansteigend neben dem tiefeingeschnittenen Bachbett durch die Schlucht zieht. Bei der Einmündung des Reno di Lei, also des Baches aus der Valle di Lei, vergnügten wir uns damit, nach Italien hinauf zu schauen. Jawohl hinauf, nehmen Sie bitte nur eine Karte zur Hand, dann werden Sie sich sofort von der eigenartigen Grenzführung überzeugen können. Das Auge erblickt zwar nur eine ungangbare Schlucht, und mein Hinweis, dass zwölf Kilometer weiter hinten ein wundervoller Skiberg liege, fand nicht überall gläubige Ohren. Ihnen selbst ist das aus meinem damaligen Bericht über die Fahrt auf den Pizzo Stella wohl bekannt.

Nach dem anstrengenden Mittelstück wird das Tal wieder offen. Die Kolonne war etwas auseinandergerissen, so dass wir in Cröt eine kurze Rast einschalten mussten. Die Witzigsten hatten bald eine Bauernstube entdeckt, in der zugleich auch Veltliner ausgeschenkt wird. Rechter Hand schaute man in das sonnige Madrisertal hinein, in das ich nächste Woche einzufallen gedenke. Die Stufe, welche das Unter- vom Obertal trennt, zwang uns alle, Die Alpen — 1940 — Les Alpes.4 uns nochmals zusammenzureissen. Sie kennen meine Vorliebe auf meinen Turen, wo immer es angeht, an einem Lärchenzäpfchen als Tabakpfeifen-imitation zu saugen, aber meine Leute wussten das noch nicht alle und sahen verwundert zu, als ich mich an einem Lärchenbaum für eine ganze Woche damit versorgte. Sie müssen nämlich wissen, dass es weiter oben keine Bäume mehr gibt. Das Avers, wenigstens seine rechte Talseite, ist absolut kahl.

Wollen Sie mir glauben, dass wir nach 5 y2 Stunden ziemlich abgekämpft in Cresta ankamen und mit wahrem Wolfshunger über das längst bereit gehaltene Mittagessen herfielen. Vom ursprünglichen Plan, am gleichen Tag noch eine kleine Tur zu machen, war nicht mehr die Rede. Wir bezogen unsere Zimmer und besahen uns das Dorf. Man sagt, dass es das höchstgelegene das ganze Jahr bewohnte Dorf sei in der Schweiz. Einer Beschreibung desselben darf ich mich um so mehr enthalten, als Ihnen das ausgezeichnete Buch Stoffels « Das Hochtal Avers » bekannt ist und Ihnen alles Wissenswerte aus der Feder eines echten Avner vermittelt.

Als Einführungstur bestiegen wir den Weissberg 2987 m. Dieser mehrgipflige, nordöstlich über dem Dorf Cresta liegende Kalkstock versprach jene Aussicht, die wir zur allgemeinen Orientierung als nötig erachteten. Wenn man die stark geneigten Hänge, die gleich hinter dem Hotel ansetzen, überwunden hat, geht der Anstieg ohne jede Aufregung vor sich. Als wir das erstemal rasteten, hatte sich schon ein schönes Stück Averserberge aufgerollt. Meine persönliche Aufmerksamkeit galt aber der Südwestflanke des Piz Piatta, durch die unsere Route führen musste. Die Schneeverhältnisse waren ausgezeichnet und versprachen vollen Erfolg.

Eine Überraschung besonderer Art war uns auf der Thälifurka 2802 m vorbehalten. Heute abend fehlt mir die Farbenfreudigkeit des Ausdrucks, um Ihnen einen rechten Begriff von der wahrhaft königlichen Gestalt des Piz Forbisch zu geben. Meine Bilder sollen Ihnen diese Begeisterung später verständlicher machen. Vom Punkt 2970 m, den wir zu Fuss erstiegen, hatte sich das Blickfeld geweitet, und ich versäumte nicht, die schönsten Berge aus dem leuchtenden Kranz besonders hervorzuheben und vorzuschlagen.

Und dann unsere erste Abfahrt! Ich will prosaisch darüber hinweggehen, sonst werde ich Ihr skikrankes Herz zu stark aufregen. Im Thäli anhaltende Schüsse, dann kurzer Gegenanstieg auf die Bandfluh und von dort über den steil abfallenden Pürterbuckel. War das ein Schwingen! Keiner hätte sich das im Aufstieg träumen lassen. Können Sie sich vorstellen, wie so ein Hang aussieht, wenn an die 20 Fahrer heruntergebögelt haben?

So will ich damit aufhören und das übrige Ihrer bewährten Phantasie überlassen. Beneiden Sie mich. Ich bin glücklich und voller Tatendrang. Morgen klopfe ich die Leute um 5 Uhr aus den Betten. Es gilt dem Piz Piatta.

Cresta 25. II. 1938.

Wie aufmerksam von Ihnen, mir eine Zipfelmütze zu senden. Sie ist gestern hier angekommen und hat heute bereits ihre erste Fahrt auf 3000 m hinauf mitgemacht und sich glänzend bewährt. Man behauptet zwar boshaft, dass mich diese Kopfbedeckung nicht vorteilhaft kleide, aber was verschlägt 's, man hat bis heute noch nichts Besseres auf den Markt gebracht, und meine Ohren sind auch bei grösster Kälte heil geblieben. Wärmsten Dank also.

So wie ich Sie kenne, haben Sie mit Ungeduld auf diesen Brief gewartet. Verzeihen Sie die Verspätung. Grosse Turentage liegen hinter uns und grosse Feste. Denn anders kann man die fröhlichen Stunden jeweilen am Abend nach einer gelungenen Fahrt nicht bezeichnen. Aber fangen wir vorn an.

Der Fülle des Stoffes wegen werden Sie mir erlauben, mich beim Anstieg zum Piatta kurz zu fassen. In « Die Alpen » 1938 habe ich den Piz Piatta 3398 m als Skiberg beschrieben und werde nur wenig nachzutragen haben. Sie werden es unverantwortlich finden, schon am zweiten Turentag an den grössten Berg heranzugehen. Aber ziehen Sie in Betracht, dass dies das Glanzstück zu werden versprach und bei günstigem Wetter angepackt werden musste. Übrigens hatte sich der Anmarsch von Andeer nach Cresta dermassen gut ausgewirkt, dass alle in bester Verfassung waren. Und es ging über alle Massen gut. Im Steilhang unter der ersten Terrasse war ich gezwungen, zu Fuss anzusteigen, da ihm die Belastung von 19 Skifahrern nicht zugemutet werden durfte. Es tat mir leid, diesen Krampf einschalten zu müssen, aber die Sicherheit gebot es. Die darauf folgende Rast auf 3000 m lohnte bereits alle Mühe. Neugierig fragte sich wohl mancher, wo es dort überhaupt noch weitergehen sollte. Nur zu bald vergass man während des Couloiranstieges jegliche Mutmassung und war von der ernsthaften Arbeit, die an dieser Stelle zu leisten war, ganz beansprucht. Wissen Sie, das ist so eine Partie, wo man zu beweisen hat, dass man mehr ist als Pistenfahrer, und für meine Leute hatte ich keine Angst. Es ward mir aber doch leichter ums Herz, als alle dem frostigen Rachen der Felsstufe entstiegen und in Sicherheit waren.

Auch der weitere Gipfelanstieg ging reibungslos vonstatten. Nach sechseinhalb Stunden waren wir beim Steinmann vereinigt. Und dieser Glanztag! Ich wüsste nichts Schöneres, als dass ich Sie selbst auch noch einmal auf diesen prächtigen Aussichtsberg geleiten könnte. Sie dürfen dies heute schon als Versprechen ansehen, über das Wann werden wir uns sicher einigen.

Die Abfahrt durch die Ostflanke litt anfänglich unter verblasenem Schnee, doch kamen wir heil in der Val Bercia an. Es war keine Zeit zu verlieren, da wir noch einen Gegenanstieg von 500 m vor uns hatten. Mit bewunderungswürdiger Ausdauer folgte man mir zur Fallerf urka, wo wir uns unter den letzten Sonnenstrahlen noch ausgiebig auf die Talfahrt vorbereiten konnten. Diese vollzog sich auf den glasharten Hängen des Stallerbergs, aber von Juf an hatten wir auf der gebahnten Talstrasse so flüssige Fahrt, dass keiner etwas von Müdigkeit mehr spürte. Sie werden mir das glauben, wenn ich Ihnen verrate, dass die letzten erst nach Mitternacht ihre Zimmer aufsuchten und während des ganzen Abends gegessen, getanzt und « g'veltlinerlet » wurde. Ich versichere Ihnen, der Veltliner schmeckt aber auch wirklich nirgends besser als hier oben im Bündnerland.

Am Mittwoch wurde eine Bummeltur auf das Plattenhorn eingeschaltet. Man kam dabei nach kurzer Abfahrt an den Höfen von Unterplatta vorbei und weiter oben am verlassenen Weiler Oberplatta. Wir hatten Zeit und sahen den flüchtenden Gemsen zu, bis sie über dem Kamm entschwunden waren.

Zur Mittagszeit sassen wir in den Gipfelfelsen des Plattenhorns mit der mächtigen Felsmauer des Weissbergs im Rücken und dem Fernblick auf die Averser Grenzberge. Als es am Nachmittag wärmer wurde, sonnten wir uns noch einmal auf aperem Platz vor einer Heuhütte. Ich musste an Sie denken, da mir bekannt ist, wie sehr Sie den Duft des jungen Frühlingsbodens lieben.

Der Dorfjugend und vorab den Buben ist es jedesmal Ereignis, wenn die « Fremden » heimkehren. Sie sitzen dann auf den Lattenzaun vor dem Hotel und tauschen ihre Bemerkungen aus. Als wir vorgestern so früh zurückkamen, waren ihre Väter, die sich zu solcher Arbeit zusammentun, mit Heuziehen beschäftigt. Sie hatten sich Tage vorher schon eine Schlittbahn hergerichtet, und nun brachten sie Fuder um Fuder des weithin duftenden Bergheus zu Tal. Ich werde Ihnen dann anhand meiner Bilder noch mehr von diesem Heuziehen berichten.

Nach diesem weniger strengen Tag folgten der gestrige und heutige, Glanztage mit dem Geschenk unvergesslicher Skifreuden. Das Gletscherhorn 3106 m liegt zuhinterst im Bregalgatal und ist als Skiberg fast unbekannt. Das wäre so richtig der Berg für Sie, verehrte Einsiedlerin. In diesen Averser Seitentälern finden Sie eine so köstliche Unberührtheit, wie wir sie damals auf unserer gemeinsamen Entdeckungsreise im Mulix antrafen. Am Eingang ins Bregalgatal verliessen wir die letzten Wohnstätten, und auf der hinteren Alp Bregalga hielten wir kurze Znünirast. Obwohl wir schon gute zwei Stunden unterwegs waren, hatten wir erst hundert Meter an Höhe gewonnen. Dafür gab es bald darauf strenge Arbeit. In anhaltend gleicher Steigung sind bis in den östlich des Gipfels eingebetteten Sattel 1000 m Höhe zu bewältigen. Wir haben sie, ohne eine Sekunde anzuhalten, in knapp zwei Stunden ab-gespult. Eine Glanzleistung meiner Leute. Es war eine göttliche Lust, diesen Steilhang zu spuren. Wir alle waren vernarrt in ihn. Doch nein, das wäre gelogen. Da war doch einer dabei, der mir, wie er sich ausdrückte, die Liebe bald gekündet hätte. Auf der Südseite des Grates fielen wir dann über unser Mahl her und zwangen uns zu wohlverdienter, Rast. Zwangen? Ach, Sie kennen ja selbst die Gefühle, die uns immer wieder beherrschen, solange noch ein Gipfelgrat lockt. Diesmal war es ein müheloses Steigen, und kurz nach 12 Uhr betraten wir die Gipfelhaube. Die Eigenart dieses Berges besteht darin, dass er recht weit gegen das Bergell zu vorgeschoben ist und bereits grossartige Bilder entrollt. Ich sage bereits, denn ganz frei ist der Ausblick nicht, weil sich noch ein Berg dazwischen legt, der Piz Duan. Sie werden begreifen, wieviel ungeduldiger ich nun bin, den Schleier der Unberührtheit auch dieser hintersten Averserberge zu lüften. Es soll nächste Woche endlich geschehen.

Die Kälte trieb uns rascher, als uns lieb war, zum Sattel hinab, und dort war es auch nicht viel wärmer, so dass wir uns sofort zur Abfahrt fertigmachten. Diese tausend Meter Abfahrt bis zur Alp Bregalga war hinreissend schön. Ich hatte mich vor lauter Freude in den Hang gestürzt, und erst als ich die ersten dreissig Schwünge in den blitzsauberen Schnee gezeichnet hatte, wurde ich durch Zurufe darauf aufmerksam gemacht, dass ich in meinem Übereifer den Rucksack zurückgelassen hatte. Für den Spott brauchte ich nicht zu sorgen.

Also diese Gletscherhornabfahrt muss ich unbedingt einmal mit Ihnen machen. Es soll Ihnen hiemit versprochen sein. Heute morgen stand uns erneut ein wolkenloser Tag bevor. Es galt dem wohl verstecktesten Skiberg des Tales, dem Piz Piot 3040 m. Obschon seine von Wächten gesäumte Spitze von der Hotelterrasse in Cresta aus sichtbar ist, geht selten jemand hinauf. Dass wir es taten, wird niemand bereuen. Schon dieser herrliche Aufstieg! Sie wären vergangen vor Freude. Das Jufertal liegt ja so einsam und welt-verschlossen in den hintersten Averserbergen eingebettet, man kennt es kaum im Winter. Beim Alpengaden, direkt unter dem Stallerberg, rasteten wir und liessen die grosse Stille, die den weiten Hängen innewohnt, auf uns einwirken. Die oberste Talmulde war von einem sonderbaren bläulichen Farbton durchdrungen, zu welchem die goldgelben Einschnitte der Sonnenhänge ausgezeichnet passten. Wir stachen in dieses Farbenwunder hinein und legten unsere Skispur harmonisch in Mulden und Hügel und gewannen die Höhe. Bevor wir die obere der beiden zu begehenden Einsattelungen erreichten, war ein glasharter Nordhang zu queren, der nicht allen Teilnehmern bekömmlich war und sie nötigte, zu Fuss anzusteigen. Der Gipfelhang war wieder sehr leicht.

Der Piz Piot stellt die Verbindung im Kamm des Gletscherhorns zur Forcellina her und steht hoch über der Val Maroz, durch die man gegen Casaccia hinab blickt. Den Piz Duan, jenen Aussenseiter der Averserberge ( man weiss ja nicht, soll man ihn zu den Averser- oder Madriserbergen zählen ), konnten wir nun so eingehend studieren, dass eine Besteigung gesichert war. Seit ich ihn nun so aus nächster Nähe gesehen habe, verfolgt mich sein Bild Tag und Nacht. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis ich Ihnen von seinem Gipfel einen Gruss senden werde. Er steht ja zuvorderst auf unserem Madriser-programm.

Aber ich schwärme Ihnen da von Dingen, die zur Zeit unerreichbar sind für Sie. Sie sehen aus diesem Bericht, was für ungeheures Wetterglück wir haben und wie alles am Schnürchen geht. Meine Leute sind restlos begeistert, und manche von ihnen werden nicht das letztemal hier gewesen sein.

Cresta 27. II. 1938.

Mit Ihren lieben Zeilen ist wieder ein wenig von jener Stadtluft in mein Zimmer in Cresta geweht, von der wir sagen, dass sie die Vorbedingung zu reinem Feriengenuss sei. Es würde mir schwer fallen, auch nur daran zurückzudenken, wenn ich Sie selbst nicht dort unten wüsste. So will ich auch die letzte Gelegenheit, Ihnen von hier schreiben zu können, nützen und Ihnen, wie Sie so treffend sagen, ein Stück Averserhimmel ins Unterland zaubern.

Es ist ruhig geworden da oben. Heute hat unsere Turenwoche ihr Ende gefunden. Die einen sind frühmorgens noch einmal zur Thälifurka gestiegen, um durch Val Curtegns nach Savognin zu gelangen, während der Rest talwärts fuhr. Zum Abschluss haben wir gestern noch dem Grosshorn 2777 m einen Besuch abgestattet, und, um es vorweg zu nehmen, es war ein Volltreffer. Was uns nach all den reinen Skigenüssen der letzten Tage vielleicht fehlte, ein wenig Wald, wurde uns im Aufstieg zu diesem dem Dorf gegenüberliegenden Berg nun reichlich geboten.

Eine kurze nicht leichte Abfahrt führte uns an die Brücke. Hat man sie überschritten, so ist man auch allsogleich in einer anderen Welt. Mächtige, altehrwürdige Arven stehen am Weg, von denen die meisten auf einige hundert Jahre zurückschauen. Ich sage Ihnen, uns war so zu Mute, als ob wir die Hallen eines grossen Doms durchschritten. Absichtlich verlängerten wir unsere Spur, indem wir rechts und links abbogen und von einer Lichtung in die andere wechselten und stets zu neuer Bewunderung hingerissen wurden. Dieser Capettawald muss geschützt werden. In Johann Stoffel haben die Avner selbst einen bewährten Vorkämpfer dafür gestellt, dem wir vollen Erfolg in seinen Bemühungen wünschen.

Ich kann mir ausmalen, wie herrlich es hier im Sommer duften und wie herzerfrischend das Wandern darin sein muss. Man müsste sich das vormerken. Wir bummelten die Hänge der Capettaalp hinauf, und ich gab mir wie immer redlich Mühe, die Spur so gut wie möglich anzulegen, was bei dem teilweise verblasenen Schnee nicht ohne weiteres gelang. Als ich dann gewahr wurde, dass man mir keine Gefolgschaft mehr gab und sich jeder nach eigenem Gutdünken im Feld herumschlug, da stach mich der Teufel. Von dort ab hielt ich in der kürzesten Geraden auf das Gipfelsignal zu und überliess es jedem einzelnen, der Spur zu folgen oder nicht. Nur drei nahmen die Strafe auf sich. Die andern wählten eigene Wege. Brauche ich Ihnen noch zu sagen, dass ich auf dem Gipfel zuerst ein wenig aus der Skifibel dozierte? Jetzt werden Sie Ihre ausgesprochenen Befürchtungen, es werde unmöglich sein, so viele Leute acht Tage zusammenhalten zu können, bestätigt glauben. Sie irren sich aber bestimmt. Trotz der verschiedenen Charaktere verlief die ganze Woche ohne Zwischenfall. Meine gestrige Ermahnung, dem Turenleiter auch am letzten Tag und auch im leichten, übersichtlichen Gelände unbedingt zu folgen, blieb die einzige Kritik.

Die Abfahrt brachte uns noch kaum erhoffte Genüsse, indem wir in den Mulden guten Schnee vorfanden, und unten im Wald klang diese letzte Fahrt in einem prächtigen Schwungschnee aus. Zur Mittagszeit waren wir dann zur Abwechslung einmal am Tisch versammelt.

Ich hätte Ihnen jetzt noch von einem kürzeren Ausflug auf das Hochgrätli, einem im gleichen Kamm wie das Grosshorn liegenden Punkt, zu berichten, aber die Zeit hiezu fehlt mir. Wir wollen das später mündlich machen. Wir packen eben unsere Rucksäcke für die Madriserturen. Dort hinten erwartet uns noch abwechslungsreiche Forschertätigkeit. Es wird mir kaum möglich sein, Sie auf dem laufenden zu halten, aber wenn Ihre Neugierde nicht mehr zu bändigen sein würde, dann dürfen Sie mich einmal in unserem Standquartier auf Zocca anläuten.

In der Beilage erhalten Sie einen frischgepflückten Arvenzapfen, dessen Duft Ihnen den herrlichen Capettawald ersetzen soll.

Ihr immer noch zu neuen Taten aufgelegter « Avner ».

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